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Barrierefreies Umfeld

Von einem wenig erschlossenen Kurort zum beliebtesten Erholungsort für Menschen mit Behinderungen: Das russische Sotschi hat als olympische Stadt Großes vor.

Barrierefreier Riviera-Park: Erfüllung internationaler Standards Foto: RIA Novosti archive / Mikhail Mordasov

Obwohl in Russland 13 Millionen Bürger mit körperlicher Einschränkung leben, sucht man in den meisten Städten vergeblich nach abgesenkten Bürgersteigen, Ampeln mit Lautsprechern für sehbehinderte Menschen oder Fahrstühlen an Unterführungen. In Sotschi, dem Austragungsort der Paralympischen Winterspiele 2014, soll das nun anders sein. Die Arbeitsgruppe „Barrierefreies Umfeld“ der Stadtverwaltung hat schwer daran gearbeitet, den Ort auch bewegungseingeschränkten Menschen zugänglich zu machen.

Die Hauptaufgabe für die olympische Stadt

Auf dem Internetauftritt des Kurorts heißt es: „Sotschi komfortabel für alle Einwohner und Gäste machen – das ist die Hauptaufgabe für uns als olympische Stadt.“ Neben allgemeinen infrastrukturellen Maßnahmen – bevor bekannt war, dass Sotschi Austragungsort der Winterspiele 2014 sein würde, gab es noch kein gutes Wasserleitungsnetz und auch die Stromversorgung ließ zu wünschen übrig – sollen vor allem Menschen mit Behinderung auf ihre Kosten kommen. Wohnhäuser, Krankenhäuser, Apotheken, Restaurants, Bahnhöfe, Bibliotheken, soziale Einrichtungen – alles soll nach Angaben der Stadtverwaltung barrierefrei zugänglich sein. Und tatsächlich – auf der Internetseite „Barrierefreies Sotschi“ sind schon mehr als 850 Orte verzeichnet, die auch für Rollstuhlfahrer zugänglich sind. Allerdings haben noch genauso viele ein rotes Zeichen: nicht behindertengerecht. Doch auch auf der Seite „Zugänglichkeitskarte“ von der „United Country“-Stiftung und dem Organisationskomitee für Sotschi 2014 sind schon über 1.000 barrierefreie Zugänge eingetragen. Von dieser Karte gibt es sogar die kostenlose „Accessibility Map“-App für Smartphones und Tablets. Damit können nicht nur Informationen über barrierefreie Zugänge zu verschiedenen Einrichtungen in Sotschi abgerufen, sondern auch die schnellsten und einfachsten Verbindungen zwischen diesen Orten angezeigt werden. Ziel der „Zugänglichkeitskarte“ ist es, Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung zu unterstützen, um zum Beispiel Orte zu finden, wo sie die Paralympics verfolgen können. Sie verzeichnet russlandweit etwa 13.000 barrierefreie Einrichtungen in fast 500 Städten.

Alle Informationen sind ertastbar

Eine der angezeigten Einrichtungen ist der Riviera-Park im Zentrum Sotschis, der vollständig auf die Bedürfnisse von gesundheitlich eingeschränkten Menschen ausgerichtet ist. Hier gibt es unter anderem eine Informationstafel, auf der Menschen mit schwachem Sehvermögen alle Infos zu Sehenswürdigkeiten, Cafés und Freizeitangeboten ertasten können. Für Rollstuhlfahrer gibt es im Park spezielle Geldautomaten, jeder Imbiss hat Rampen und einen niedrigen Tresen: So sieht die Erfüllung internationaler Standards für ein barrierefreies Umfeld aus. Inwieweit diese vorbildlichen Umbauten auch vom Stadtkern in die Randbezirke vorgedrungen sind, wo die meisten Menschen mit Behinderung leben, darüber findet man auf der offiziellen Internetseite der Stadt keine Informationen. Und ob die extrabreiten Busse, die während der Olympischen und Paralympischen Spiele die vielen Rollstuhlfahrer von A nach B bringen sollen, auch nach dem sportlichen Großereignis noch fahren werden, ist ebenfalls unklar.

Gute Vorsätze jedenfalls gibt es: Das Programm „Barrierefreies Umfeld“ will sich nämlich nicht ausschließlich um die Barrierefreiheit an öffentlichen Orten kümmern. Ein weiteres Ziel ist, Menschen mit Behinderungen in das öffentliche Leben der Stadt mit einzubeziehen. Personal, zum Beispiel Busfahrer, und freiwillige Helfer für die Paralympischen Spiele werden im Umgang mit Menschen mit Behinderungen geschult, die breite Bevölkerung wird unter anderem über Funk und Fernsehen mit den Problemen von behinderten Menschen vertraut gemacht, verspricht die Stadt Sotschi. Dadurch soll Verständnis und Toleranz ihnen gegenüber wachsen.

Russlands Vorreiter

Nicht nur in Sotschi bemüht man sich vermehrt um die Einbindung aller Menschen ins tägliche Geschehen. Schon vor drei Jahren wurde unter dem damaligen Präsidenten Dmitri Medwedew das Staatsprogramm „Zugängliches Umfeld“ verabschiedet, dass bis 2015 umgesetzt sein und unter anderem für Barrierefreiheit in allen russischen Städten sorgen soll. Menschen mit Behinderungen soll somit ein angenehmeres Leben ermöglicht werden. Noch ein Jahr hat Russland also Zeit, seine eigenen Vorsätze umzusetzen. Dann wird sich zeigen, in wie vielen Städten die Barrieren für Menschen mit Behinderung tatsächlich abgebaut worden sind.

Sotschi ist hierbei sicherlich ein Vorreiter. Und die Stadt will ihre Chance nutzen – nicht nur während der Olympischen und Paralympischen Spiele, sondern auch danach. Der Staat hat insgesamt über 35 Milliarden Euro in die Infrastruktur des Ortes gesteckt. Mit seinem tropischen Klima und den Mineralquellen ist es in Russland schon lange ein beliebter Kurort für Menschen aus den großen Städten und aus dem Norden. Und nun will Sotschi zum Erholungsort für Menschen mit Behinderungen aus aller Welt und ihre Familien werden, so das ehrgeizige Ziel der Stadtverwaltung. Die Paralympischen Spiele werden ein erster Schritt in diese Richtung sein.


Linktipps:
Die Onlinekarte „Barrierefreies Sotschi“ mit barrierefreien Zugängen in der Stadt
Die „Zugänglichkeitskarte“ von „United Country“-Stiftung und dem Organisationskomitee Sotschi 2014
Das Handlungsfeld Barrierefreiheit der Aktion Mensch
Reisen mit allen Sinnen. Ein Interview im Blog von Ulrich Steilen mit Laura Kutter, die gemeinsame Touren für blinde, sehbehinderte und sehende Reisegäste veranstaltet
"In Luxemburg findet man Sachen, die genial sind". Ein Interview im Blog von Anina Valle Thiele mit dem Luxemburger Aktivisten Joël Delvaux über Barrierefreiheit und die Umsetzung der UN-BRK
Leben in London: Normal, eine Behinderung zu haben. Ein Gespräch im Blog von Heiko Kunert mit Christiane Link über Inklusion und Barrierefreiheit in Großbritannien

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