Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Barrierefreie Teilhabe für alle in der Politik?

Am 22. September 2013 ist Bundestagswahl – da ist es Zeit, die Internet-Auftritte der politischen Parteien unter einem wichtigen Aspekt unter die Lupe zu nehmen: Barrierefreiheit als Voraussetzung zur politischen Teilhabe für alle.

Anmerkung der Redaktion: Dies ist eine vom Autor korrigierte Version. Die ersten Kommentare beziehen sich auf die erste Version. Stand 20.08.2013.

Inklusion ist ein großer Begriff für eine Gesellschaft. Der Grundgedanke dabei: Jeder kann Teil einer barrierefreien Gesellschaft sein – das jedenfalls strebt die aktuelle Politik offiziell an. Aber Behindertenpolitik soll gemeinsam mit Menschen mit Behinderung gemacht werden, nicht über deren Kopf hinweg. Für den ungehinderten Zugang zu Informationen über Politik und echte politische Teilhabe für alle ist Barrierefreiheit die Voraussetzung.

Für Menschen, die die Gebärdensprache oder die Leichte bzw. Einfache Sprache nutzen, sind die Webseiten der politischen Parteien oft eine riesige Hürde. Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist seit 2002 als eigenständige Sprache anerkannt, in Deutschland leben gut 13 Millionen Menschen mit Behinderung – und viele davon brauchen Gebärdensprache oder Leichte Sprache für ihre barrierefreien Verständigung. Mit ihrem alltäglichen Bedarf treffen sie im Bereich der Politik oft auf hohe Hürden. Mit diesem Blog möchte ich genauer beleuchten, welche Defizite bei der Barrierefreiheit die Internetportale der Parteien aufweisen.

Gesamturteil: Teils Negativ!

Vorweg: Meine Untersuchung zur Barrierefreiheit der Webauftritte in Bezug auf Gebärdensprache, Einfache Sprache und Leichte Sprache ist insgesamt negativ ausgefallen, da es keine Homepage gibt, die alle drei Kriterien erfüllt. In den Berichten mit den Details der Untersuchung (s. u.) waren mir zwei Bereiche besonders wichtig: Einerseits die Informationen über die Parteien selbst und ein leichter Weg zur einer Mitgliedschaft und andererseits der barrierefreie Zugang zu den Wahlprogrammen.

Die SPD, die CDU, die GRÜNEN und die PIRATEN sind die Parteien mit einer durchschnittlichen Note, alle anderen sind von mir mit mangelhaft oder sogar ungenügend benotet worden. Eine Überraschung für mich waren die Piraten, die als eher kleine Partei viel zu bieten haben im Bereich Barrierefreiheit. Trotz vergleichsweise guter Noten enttäuscht auch die SPD, weil sie im Wahljahr 2009 in Bezug auf Barrierefreiheit schon weiter war als bei den kommenden Bundestagswahlen.
Meine Fazit ist besonders erschreckend, da ich fast die gleichen schlechten Ergebnisse erzielt habe wie Heiko Kunert in seinem Blog für die "Wahlbeobachter" in Bezug auf "audioorientierte Informationen bzw. Steuerungen" für Menschen mit Sehbehinderungen.

Diese Untersuchung ist ein klarer Appell an die Gesellschaft: Die Parteien sollen nicht nur über Menschen mit Behinderung reden und über ihren Kopf hinweg Politik umsetzen, sondern zusammen mit ihnen. Hier ist Sensibilisierung in den Bereichen Inklusion und barrierefreie Teilhabe nötig.

Die Ergebnisse im Einzelnen (Stand 20.08.2013):

SPD:
Auf der Startseite werden Themen teilweise mit klaren Bildern und verständlichen Hinweisen angezeigt. Die Pressemitteilungen sind allerdings nicht in DGS oder Leichte bzw. Einfache Sprache übersetzt, außerdem gibt es in diesem Bereich keine deutlichen Links oder Buttons für diese Zielgruppen. Die Menüführung ist bei der SPD ein Plus, da man schnell finden kann, wo man Mitglied wird, und die Informationen alle auf einer Seite gebündelt sind – aber auch hier nicht in DGS, Leichter oder Einfacher Sprache. – NOTE: Ausreichend
Das Wahlprogramm wurde in Einfache Sprache und auch Leichte Sprache übersetzt – ein gutes Signal für den inklusiven Gedanken. Eine Hörversion ist auch vorhanden. Allerdings gibt es zwar Übersetzungen in Arabisch, Englisch, Polnisch, Russisch, Serbisch und Türkisch, aber nicht in DGS. Aus dem "Regierungsprogramm 2009-2013" gab es Auszüge in Gebärdensprache. Das zeigt einen deutlichen Rückschritt – ein Fortschritt wäre die vollständige Übersetzung in DGS gewesen.  – NOTE: Befriedigend

CDU:
Die Startseite ist sehr unübersichtlich aufgebaut, es gibt keine Bilder für bestimmte Bereiche, und die Struktur ist nicht klar zu erkennen. Informationen sind schlecht erreichbar und nicht in DGS, Leichte oder Einfache Sprache übersetzt. Wer bei der CDU Mitglied werden möchte, muss lange klicken, bis er beim Mitgliedsformular ankommt. Auf dem Weg dorthin gibt es viele unnötige Informationen nebenbei – weniger wäre hier sicherlich mehr. – NOTE: Ungenügend
Das Wahlprogramm ist an Menschen mit speziellem Bedarf oder Behinderung angepasst, das Regierungsprogramm wurde auch in Gebärdensprache und in Leichte Sprache übersetzt. Positiv fällt mir auf, dass die Gebärdensprachvideos mit Untertiteln versehen sind, wenn man sie im Youtube Kanal sieht. – NOTE: Sehr gut

DIE GRÜNEN:
Bilderreiche und kurze Begriffe auf der Startseite machen einen guten Eindruck, die Menüführung ist klar aufgebaut, im Menü "Service" gibt es einen Button "Leichte Sprache". Dieser Bereich der Webseite ist komplett in Einfacher Sprache geschrieben, und es wird klar darauf hingewiesen, wenn wieder schwere Sprache kommt. Gut: Videos werden zum Teil mit Untertiteln gezeigt. Einzige Schwachstelle ist die fehlende DGS-Übersetzung auf der Homepage. Dafür gibt es in der Suchfunktion viele Schlüsselbegriffe zu Gebärdensprache, Inklusion etc. Hier hat man sich in Sachen Barrierefreiheit Gedanken gemacht, auch wenn es noch nicht ganz ausreicht. Auch beim Mitgliedsbeitritt ist alles klar und anschaulich aufgebaut, aber es fehlt auch hier noch eine DGS-Übersetzung. – NOTE: Befriedigend
Das Wahlprogramm ist in Hochdeutsch und Leichter Sprache verfügbar, beide Versionen sind – wie bei der SPD – auf einer Seite gebündelt und in verschiedenen Formaten, wie Hörbuch, e-Buch, mp3 und PDF, erhältlich. In den Videos der interaktiven Wahlwerbung haben die Grünen an Untertitel in einem eigenen Stil gedacht. Das finde ich gut, aber leider kann die Partei bis heute nicht mit Übersetzungen in Gebärdensprache punkten (Stand: 20.08.2013). – NOTE: Befriedigend

FDP:
Auf der Startseite gibt es mehr Bilder als z. B. bei der CDU, dazu eine gute Menüführung, und es werden viele Schlüsselbegriffe verwendet. Bei den Informationen zur Partei gibt es jedoch keine Übersetzung in DGS oder Leichte bzw. Einfache Sprache. Wer Mitglied werden will, wird zu einer textreichen Seite umgeleitet: Hier muss man schon suchen, wo das Beitrittsformular zu finden ist, und auch das ist mit viel nicht übersetzten Textinformationen nicht barrierefrei gestaltet. – NOTE: Mangelhaft
Der erste Eindruck vom Wahlprogramm ist gut, da viel mit visuellen Mitteln gearbeitet wird. Dieser Eindruck verfliegt schnell, da der Text der Langversion nur in Hochdeutsch angeboten wird. Die Kurzversion gibt es in mehreren Sprachen, auch zum Anhören, aber leider nicht in Gebärdensprache. Auch für Leichte Sprache gilt: Fehlanzeige auf der Internetseite der FDP. – NOTE: Mangelhaft

DIE LINKE:
Keinen guten ersten Eindruck machen die vielen Texte auf der Startseite, die Menüführung ist nicht dynamisch, sondern statisch aufgebaut – das bedeutet mehr Klicks bis zum Ziel. Informationen zur Partei werden nicht in DGS oder Leichte Sprache übersetzt. Gut: Bis zum Mitgliedsformular benötigt man nur zwei Klicks. Aber insgesamt merkt man dem Webauftritt an, dass dort nicht an Barrierefreiheit gedacht wurde. – NOTE: Mangelhaft
Hier gibt es auf den ersten Blick zunächst nur ein Wahlprogramm in schriftlichem Hochdeutsch, andere Versionen muss man lange suchen und in der Seitenleiste umschalten. Dort gibt es die Langfassung nur in Hochdeutsch. Die Leichte Sprache nur als Kurzfassung mit 10 Themenpunkten. Wie viele andere Parteien hat die Linke nur Kurzfassungen in verschiedenen Sprachen - auch in DGS. Der Auszug "Inklusive Gesellschaft" wird extra in DGS übersetzt. Gut ist auch, dass in allen Videos Untertitel eingeschaltet werden können. – NOTE: Befriedigend

PIRATENPARTEI:
Schon auf der Startseite fällt mir die Menüführung auf: zu viele Texte, chaotische Schlüsselbegriffe. Die wenigen Bilder sind oft mit großen Slogans oder Texten markiert. Das Menü verwendet zwar Schlüsselbegriffe wie Teilhabe, Selbstbestimmtes Leben etc., doch auch bei den Piraten gibt es keine Übersetzungen der Startseite in DGS, Leichte oder Einfache Sprache. – NOTE: Ausreichend
Anders bei dem Wahlprogramm: Die Suche nach dem Wahlprogramm erfordert nur einen einzigen Klick, die Fassungen in Hochdeutsch und Leichter Sprache werden zusammen auf einer Seite angezeigt. Es wird sogar eine Version als ePub und eine Hörversion angeboten, jedoch fehlt hier noch die Übersetzung in DGS (Stand 20.08.2013). Für eine kleine Partei nicht schlecht - immerhin besser als die FDP. Die Piraten haben eine Version in DGS angekündigt. NOTE: Befriedigend

AfD:
Wenige Informationen auf der Startseite, kaum Symbole für die Zuordnung der Themen, dafür eine unübersichtliche Mischung aus Buttons mit Texten und reiner Grafik. Die Menuführung ist hier richtig schlecht. Bei den Partei-Infos findet man viele Texte, die nicht in DGS oder Leichte Sprache übersetzt sind. Bis zum Mitgliedsformular braucht man nur wenige Klicks, aber das Formular ist ohne Struktur aufgebaut. Im Bereich der Barrierefreiheit wurde hier nichts umgesetzt. – NOTE: Ungenügend
Vom Wahlprogramm der AfD gibt es keine barrierefreie Version, weder in DGS noch in Leichter Sprache. Inklusion oder Barrierefreiheit werden im Programm noch nicht einmal erwähnt. – NOTE: Ungenügend

Mehr zum Thema:

"Wie barrierefrei wählt Deutschland?" Der Wahllokal-Test der Aktion Mensch
Wahlprogramme in Leichter Sprache bei der Lebenshilfe
"Politik geht uns alle etwas an". Ein Blogbeitrag von Katja Hanke über einen Film in Leichter Sprache zur Bundestagswahl 2013
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