Filmfestival, Aktion Mensch-Blog

BÄÄM – geboren ist er, der erste Deaf-Slam

von

Eine Gehörlosen-Szene, die sich zum Poetry-Slam trifft, gibt es in den USA schon lange. Letztes Wochenende fand in Heidelberg im Rahmen des inklusiven Filmfestivals "überall dabei" erstmals ein solcher 'Deaf Slam' statt. Die Veranstaltung bildet den Auftakt zu einer Reihe von Workshops, deren Höhepunkt das Finale im April in Hamburg ist. Dort werden die Besten gegeneinander slammen, was das Zeug hält.

Auf dem Deaf Slam-Workshop in Heidelberg haben die Teilnehmer das Spiel mit Gebärden und Wörtern geübt. Aktion Mensch / Martin Kleinmichel

Es ist eine bunte Truppe, die sich im Karlstorbahnhof in Heidelberg versammelt hat. Rund zwölf hippe, gut gelaunte Menschen – alle um die zwanzig. Olga, 27, eine aufmerksam dreinblickende junge Frau, Hassan, 27, dem die Begeisterung ins Gesicht geschrieben ist und der sich lachend vorstellt, Salome aus Balingen in der Nähe von Reutlingen oder etwa Anke, 23, aus Karlsruhe. Poetry-Slams sind im Trend und auch die Teilnehmer geben sich cool. Vadim trägt Dread-Locks und Jonas präsentiert sich im Rapper-Stil. Die meisten Teilnehmer kommen aus der Region. Einige waren schon am Donnerstag im Karlstorbahnhof, haben "Deaf Slam" gesehen, den Film, in dem zwei junge Frauen – eine gehörlos, die andere hörend – gemeinsam an einem Poetry-Slam teilnehmen. Beeindruckend fanden sie ihn, mutmachend, inspirierend. Einige sind einfach gespannt darauf, wie das ablaufen soll, so ein "Gebärden-Slam" für Gehörlose und Hörende. "Ich hab schon ein paar Ideen und unterschiedliche Bilder im Kopf, sehe aber den Unterschied zwischen Poesie und Deaf Slam noch nicht", meint eine Teilnehmerin.

"Ihr macht hier also Geschichte!"

Wolf Hogekamp, schon seit Langem umtriebig in der Slam-Poetry-Szene, stellt sich vor: "Das ist der erste Poetry-Workshop für Gehörlose überhaupt. Ihr macht hier also Geschichte!" Ein 'Slam' sei im Grunde eine Metapher dafür, dass Du Deinen Text in Deiner eigenen Sprache raushaust. Es ist immer Deine Sprache, ob Du ordinär bist, witzig oder gemein. Das mache Poesie aus – auch Gebärdenpoesie. Eine Poetry-Slam-Szene gibt es in Deutschland seit rund 20 Jahren. Mittlerweile finden monatlich rund 110 Slams in verschiedenen Städten statt. Auch in der Schweiz. Ursprünglich kommt dieser Trend aus den USA, wo er auch am stärksten verbreitet ist.
Jeweils zum Ende der zweitägigen Workshops werden die Teilnehmer bei einem "Deaf-Slam" ihren Slam vorstellen, ihre persönliche Geschichte erzählen. In den nächsten Monaten werden Workshops auch noch in Berlin, Dortmund und München und vor dem Finale auch in Hamburg stattfinden. Die Besten reisen schließlich im April nach Hamburg. Wer dort nach Meinung der Zuschauer am überzeugendsten slammt, dem winkt eine Reise nach New York, ins Herz der Szene.

"Deaf-Slam kann auch Rock'n Roll sein"

Was Deaf Slam hierzulande sein soll, wie er tatsächlich abläuft, bestimmen die Teilnehmer. "Deaf-Slam kann auch Rock'n Roll sein - das definiert ihr selbst", meint Wolf Hogekamp. Danach tritt "bengie" vor die Gruppe. bengie heißt eigentlich Benedikt J. Feldmann und ist selbst gehörlos. Der Berliner wird den Workshop leiten.
Dann geht es los - die Regeln werden erklärt. "Respect to the poet" lautet die eiserne Regel. Wenn Du das Gedicht nicht verstehst, musst Du es spüren, eine weitere. Wolf Hogekamp erklärt, eine Performance dürfe nicht länger als sechs Minuten sein, sonst wird Dich der MC ("Master of Ceremonies")unterbrechen. Wie denn das? "Ich schubse ihn zum Beispiel von der Bühne." Zugrunde gelegt wird die Deutsche Gebärdensprache (DGS) und das Internationale Gebärden: "International Sign"; es darf zitiert werden - das Zitat muss aber gekennzeichnet sein. Das Publikum ist der Star, denn es entscheidet letztlich, wer gewinnen soll. Klar ist auch: Die Poesie bei einem Deaf Slam ist immer situativ. Sie kann nicht unparteiisch bewertet werden. Die Zuschauer bestimmen, was ihnen gefällt. Vor dem Slam müssen alle Deaf-Slammer ein Video abgeben, damit sich die Dolmetscher darauf einstimmen können.

Das Spiel mit der Gebärdensprache

Poesie ist ein Ausloten und ein Spielen mit der Mimik, dem Körper und der Gebärdensprache. Und natürlich mit Wörtern. Zwei gespreizte Finger etwa - ist eine Gebärde, die immer gleich bleibt. bengie erklärt die Parameter. Die Position der Hand ist wichtig. Einige Gebärden kennen auch Hörende, so etwa "schimpfen", die Gebärde für "bescheuert" oder den Ausdruck für "besoffen". Schließlich wählen die Teilnehmer ihre eigene Gebärde und entwickeln sie fort. "Wie Kugeln an einer Schnur, die sich gegenseitig anstoßen und weiterleiten", erklärt Hassan den Gedanken der Eigendynamik. "Ihr seid völlig frei, ihr dürft nur nicht klauen", meint bengie. Und Wolf fügt hinzu: "Es ist immer das Jetzt. Vermeidet zu detaillierte Erklärungen. Seht lieber zu, dass ihr die Geschichte vorantreibt."

Der erste Mini-Slam nach zwei Stunden Übungen

Nach zwei Stunden Übungen zeigt jeder seinen ersten Mini-Slam - eine Gebärde, die er fortentwickelt und anhand der er seine Geschichte erzählt. Einigen Teilnehmern ist die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Es sind fantasievolle Geschichten: ein Gehörloser, der erstmals einen 100-Meter-Lauf gewinnt; Schmetterlinge, Träume und Alpträume. "Wie ist es euch ergangen", fragt bengie. "Ich merke, ich muss mein Herz öffnen, um noch mehr zu erzählen", sagt eine Teilnehmerin. "Es war so ein Gefühl, wie ... ja, ich wollte es so schnell wie möglich über die Bühne bringen - ich hab' da gemerkt, jetzt gucken mich alle an", erzählt Hassan. Das sei ganz normal, motiviert bengie die Gruppe. "Als ich das erste Mal mit 14 Jahren auf der Bühne stand, ging es mir auch so, dass alle mich anstarrten. Peinlichkeiten passieren und es ist ganz klar, dass es mit der Zeit besser wird."
Am zweiten Tag des Workshops geht es schon um 10 Uhr los. Die Gruppe hat sich vergrößert, einige Teilnehmer sind dazugekommen. Es wird direkt an den ersten Tag angeknüpft. Ängste und Hemmungen sollen abgebaut werden. Man könne in seine Gebärde ruhig seine Seele mit hineinbringen, heizt bengie den Ehrgeiz der Slamer an. Viele sind schon sicherer geworden, die Atmosphäre ist freundschaftlich und locker. "Ich hab mich gut gefühlt - besser als gestern. Meine Gebärden waren auch schon klarer. Es war ein bisschen schwierig, locker zu sein." So wie Salome
geht es den meisten Teilnehmern des Workshops. Die Anspannung ist gewichen, viele treten selbstbewusster auf.

80 Menschen warten im Karlstorbahnhof auf die Auftritte

Am späten Nachmittag hat die Gruppe noch mal ein bisschen Zeit, allein zu üben. Dann wird die Reihenfolge ausgelost. Der Veranstaltungsraum im Karlstorbahnhof ist brechend voll. Rund 80 Menschen drängen sich in dem Raum und warten gespannt auf die Auftritte. Philipp, der auch die Poetry-Slam-Meisterschaften in Heidelberg mitmoderiert, tritt auf die Bühne und kündigt den ersten Slam an: "Flugzeugabsturz" von Jojo.
Später folgt das Duo "Hamsterferkel" mit dem Titel "Maulwurf". Der Saal tobt, nach jeder Darstellung riesiger Applaus in Form in die Luft gehaltener, sich schüttelnder Hände - die Geste kennt hier jeder. Olga, die als "Olala" antritt, Hassan als "Benj" und Vadim, der sich den Künstlernamen "Löwe" verpasst hat, liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Am Ende gibt es ein Patt und die Zuschauer müssen noch mal applaudieren. Vadim Eichwald, der charismatische Typ mit der Rasta-Mähne, bekommt den größten Beifall.

"Olala" versus "Löwe"

Olga Hertle überzeugt mit weichen, schwingenden Gebärden und ihrer Geschichte "Taubsein ist Luxus". In ihrem Slam berichtet die Studentin, die eine an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit hat, von den Vorteilen der Gehörlosigkeit gegenüber ihrem Umfeld. "Meine Mutter hat immer gesagt, sie könne nicht schlafen bei Gewitter. Wenn meine Schwester lernen will, ärgert sie sich über den Nachbarn, der laut Klavier spielt. Wenn ich im Zug sitze und merke, dass der Mann neben mir sich über die Geräusche aufregt, schalte ich einfach mein Hörgerät aus. Ich drücke die Schallwellen weg, schaue aus dem Fenster und genieße die Landschaft." Gewinner und Publikum sind geflasht. Vadim erzählt, am Vortag sei es das erste Mal gewesen, dass er einen Deaf Slam gemacht habe, überhaupt gecheckt habe, was die Inhalte seien, was Poesie bedeute. "Das war eine tolle, neue Erfahrung."
Diese Woche finden in Heidelberg und Mannheim bis zum 17. November die 16. deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften statt. Da bildet "BÄÄM" den Auftakt. Zur Vorbereitung auf den eigenen "Deaf Jam" solle man Poetry-Slams besuchen, sich darunter mischen und sich trauen, meint Wolf Hogekamp. Und wer weiß? Vielleicht macht "BÄÄM" ja Schule und es wird bald selbstverständlich, dass Poetry Slams inklusiv sind.

Weitere Informationen zu Deaf Slam

Infos und Regeln zu Deaf Slam aus der Schweizer Szene

In Heidelberg fand im Rahmen von "überall dabei", dem inklusiven Filmfestival, ein Deaf Slam statt. Zuvor hatten die Teilnehmer die Möglichkeit in einem Workshop die Grundlagen zu lernen, wie sie mit Gebärden Poesie ausdrücken.

Bisher hat noch kein Besucher diesen Beitrag kommentiert – mach du den Anfang!


Mit Aktion Mensch-Nutzerkonto

Melde dich an und diskutiere mit!

Als Gast

Gib deinen Namen oder ein Pseudonym sowie deine E-Mail-Adresse an und kommentiere als Gast:

Die mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.


Filter

Schlagwort


Tags

In Vorfreude Gutes tun

Dein perfektes
Weihnachtsgeschenk

Ein Jahreslos der
Aktion Mensch

Jetzt Los kaufen

So kannst du beitragen

Freiwillig engagieren oder Projekt starten

Über Inklusion informieren

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen

Noch kein
Geschenk?