Inklusion

Auf einen Abend in der Sushi-Bar

Die Bloggerin Laura Gehlhaar fährt Rollstuhl. Ihre beiden besten Freundinnen nicht. Der Unterschied löst bei den Dreien nur ein unbekümmertes Schulterzucken aus. Was sie zusammenschweißt: Humor, Offenheit und eine Menge Abenteuerlust.

Laura, Anna und Monique: „Wir lieben uns wegen unserer Charaktere“

Aktion Mensch / Andi Weiland

Es muss ja nicht immer Paris oder London sein. Düsseldorf? Düsseldorf! Drei junge Frauen haben sich beim Japaner in Friedrichshain verabredet, Berlins Feier-Bezirk und das Zuhause von Laura Gehlhaar, Bloggerin, Coach, Frohnatur und 32-Jährige. Zusammen mit ihren Freundinnen Anna (28) und Monique (27) will sie bald Urlaub machen. Wo, das wollen sie nun entscheiden. Ihr letzter Trip ging in den Osten, nach Riga. Könnte der nächste etwas weniger ausgefallen sein?

Der Sake steht schon auf dem Tisch und, ah, da kommt das Sushi. Laura hat schon zappelig Richtung Küche geschielt: „Hab so Hunger!“ Alle schlingen schnell ein paar Happen herunter. Doch bevor sie nun ans Kofferpacken denken, erst mal konkret nachgefragt: Drei Freundinnen, eine von ihnen sitzt im Rollstuhl – was macht das mit einer Freundschaft?

„Warum soll Lauras Behinderung ein Thema sein?“

Die drei sehen prima an diesem Abend aus, auf lockere Berliner Art. Geschminkt, aber nicht gestylt. Schick, aber natürlich. Sie sind guter Laune, aber auch für ernste Gespräche offen. Anna windet unsicher ihren Kopf. „Warum soll Lauras Behinderung ein Thema sein?“ Laura gleich toller Mensch gleich Freundin. So sieht sie das. Doch dann fallen ihr einige interessante Erfahrungen ein. „Wenn ich so überlege, fällt mir auf, dass mich das schon zum Nachdenken gebracht hat. Zum Beispiel zu sehen, wie andere Freunde damit umgehen. Die, die Laura nicht kennen. Die wollen oft einen Beweis dafür, warum ich mit Laura befreundet bin.“ Monique nickt heftig. „Dann bekommt man dafür eine Riesenanerkennung. Sie sagen: Das ist toll, dass du das machst“, erzählt sie. „Das ist schade, denn ich mache das ja nicht, um mein Gewissen zu beruhigen.“ Anna stimmt ihr zu: „Wir lieben uns wegen unserer Charaktere.“

Schön hört sich das an. Sehr klar. „Eine Behinderung ist wie ein Arschloch-Filter: Nur wer so eine Bodenständigkeit mitbringt, kann sich so freund- oder partnerschaftlich auf jemanden mit Behinderung einlassen.“ Das sagt jetzt Laura. Sie nennt die Dinge gern beim Namen.

Feiern in Düsseldorf

Anna kommt aus Donaueschingen, Monique aus Zwickau und Laura aus Düsseldorf. Düsseldorf! Lauras Heimat und vielleicht ein Reiseziel? Laura erzählt, dass sie dort als Nächstes mit ihren Freundinnen hinfahren will. Dort gibt es zwar keinen Louvre und keinen Big Ben, aber Familienmitglieder von Freundinnen sind ja auch wichtige Sehenswürdigkeiten. Laura möchte, dass die beiden Freundinnen ihre Familie treffen. Sie sind sofort einverstanden. Monique hat sie zwar schon kennengelernt, aber Anna kennt weder Lauras Eltern noch ihre beiden Brüder. Und Düsseldorf hat ja noch mehr zu bieten! Über ihre letzten Sushi-Krümel gebeugt schwärmen sie vom Japan-Tag, den die japanische Gemeinde in Düsseldorf jeden Frühling ausrichtet. Sie wollen sich unters Volk mischen und mitfeiern. „Ich hab doch diese Perücke, wo die Haare bis zum Arsch gehen“, freut sich Laura. Zur Übernachtung wollen sie in ein neu eröffnetes Fünf-Sterne-Hotel gehen. „Natürlich in die Luxus-Suite!“ Monique weiß, was ihnen zusteht. Naja, zustehen sollte! Das letzte Mal mussten sie sich noch etwas abmühen, weil bei ihrer Reise nach Riga Lauras Rollstuhl nicht mit ins Flugzeug kam. Sie liehen sich vor Ort ein unbequemes Gerät aus und stolperten mehr durch die Straßen, als dass sie schlenderten. „Das hat uns zusammengeschweißt“, erinnert sich Monique.

Von da an waren sie ein Trio

Lange waren sie da noch nicht befreundet. Laura stürzte vor drei Jahren in ihrer Wohnung und musste einige Tage im Bett verbringen. Sie kannte Anna aus dem Psychologie-Studium und Monique aus einem Praktikum in einer Werbeagentur, aber zu dritt hatten sie noch nie etwas unternommen. Anna kam nach dem Sturz zu Laura, um sie tagsüber zu unterstützen. Monique löste sie für die Nacht ab. Von da an waren sie ein Trio.

Der Sake ist ausgetrunken, das Sushi verspeist. Die drei machen sich auf den Heimweg. Laura verschwindet in ihrer Erdgeschosswohnung, Monique und Anna gehen Richtung U-Bahn. Küsschen zum Abschied. Freundschaft kann so einfach sein.

 

Linktipps:

Da geht noch was! Freundschaften zwischen Jugendlichen mit und ohne Behinderung sind selten – „Menschen. das Magazin“ sagt, wie sich das ändern lässt

Darf man Jungs doof finden, auch wenn sie im Rollstuhl sitzen? Interview mit Jannis und Antonia, für deren Freundschaft das Handicap des einen so gut wie keine Rolle spielt

Wenn ich feiern gehe ... Blogbeitrag von Luisa Eichler über Feiern mit Freunden und Berührungsängste von Jugendlichen gegenüber Rollstuhlfahrern

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