Filmfestival, Aktion Mensch-Blog

Auf der feuerroten Straße

Rachel Wotton lebt in Australien und ist Sexarbeiterin. Ein Großteil ihrer Kunden sind Menschen mit Behinderung. Rachel Wotton ist die Protagonistin des Films "Rachels Weg. Aus dem Leben einer Sexarbeiterin", der im Rahmen von "überall dabei" in 40 deutschen Städten zu sehen ist. Zur Zeit ist sie als Gast des inklusiven Filmfestivals in Deutschland und nimmt an den Filmvorführungen und anschließenden Diskussionen teil. Heute, 22. November, in Bamberg, morgen, 23. November, in Paderborn und am Sonntag, 25. November, in Osnabrück. Im Regina Filmtheater in Regensburg habe ich sie gestern zum Interview getroffen und mit ihr über ihren Beruf und den Film gesprochen.

Sexarbeiterin Rachel Wotton. AKtion Mensch

Rachel, Ihr Beruf ist der einer Sexarbeiterin. Sie bieten ihre Dienstleistung auch Menschen mit Behinderung an. Könnten Sie bitte ihre Arbeit und ihre Kunden beschreiben. Wie kommen die Menschen mit ihnen in Kontakt und welche Behinderungen haben sie?
Wotton: Meine Kunden kontaktieren mich entweder über meine Website oder rufen mich an. Wenn sie eine Behinderung haben, bei der sie Assistenz benötigen, sind es auch oftmals die Assistenten oder eine Freundin, ein Freund oder Angehörige, die mich anrufen oder eine E-Mail schicken.
Meine Kundschaft ist genauso vielfältig wie die Gesellschaft selbst. Und auch die Behinderungen meiner Kunden sind ganz unterschiedlich. Ich achte jeden in seiner Persönlichkeit. Wie die Behinderung genau heißt und wo sie herkommt, ist nicht so wichtig. Das Entscheidende ist, dass ich weiß, worin ihre Beeinträchtigung besteht und ich mich ihrer Behinderung anpassen kann.
Welche Dienste ich ihnen anbiete, hängt in erster Linie von mir ab. Ich biete nur das an, was ich zu geben bereit bin. Natürlich spielen die Wünsche meiner Kunden auch eine große Rolle. Viele Kunden möchten keinen Sex mit Penetration, sondern lieber gefühlvolle Massagen oder Masturbation. In der Regel fragen mich die Kunden offen und teilen mir ihre Wünsche mit. Und ich sage dann ja oder nein.

Der Film "Rachels Weg" handelt von zwei Tabuthemen: Den Rechten und Interessen von Sexarbeitern und der Sexualität von Menschen mit Behinderung. Sie persönlich bringen diese beiden Bereiche zusammen. Hat es der Film geschafft, sein Thema so zu behandeln, wie sie es sich vorher vorgestellt haben?
Wotton: Es ist viel besser gelungen als ich mir erhofft hatte. Die Regisseurin Catherine Scott, mit der ich auch schon vor dem Filmprojekt gut befreundet war, hatte wirklich sehr gute Einfälle und das richtige Gespür. Es ist einfach großartig gelungen, die beiden Hauptaspekte des Films, nämlich die Wünsche und Sexualität von Menschen mit Behinderung und die Situation von Sexarbeitern und der Kampf für ihre Rechte, miteinander zu verbinden.

Ein australischer Radiosender hat Sie als Anwältin für Inklusion bezeichnet. Sehen sie sich selbst auch so?
Wotton: Nun ja, sehen Sie, mein ganzes Leben und Engagement dreht sich um die Rechte von Randgruppen: Einerseits Menschen mit Behinderung und andererseits Sexarbeiter. So gesehen bin ich gewiss einer von vielen Anwälten für die Inklusion. Es gibt sehr viele von uns auf der ganzen Welt. Wenn man darüber nachdenkt, ist es schon lächerlich: Wie viele Jahrzehnte ist es her, dass wir einen Mann auf den Mond geflogen haben? Aber wir müssen immer noch dafür kämpfen, dass Menschen mit Behinderung gleichberechtigt behandelt werden.

Sie engagieren sich in einer Organisation die sich "touching base" nennt. Worum geht es dabei?
Wotton: "touching base" bringt Menschen mit Behinderung und Sexarbeiter zusammen. Wir engagieren uns gemäß dem Motto "Nichts über uns – ohne uns". Die Initiative ist gemeinnützig und nicht kommerziell. Vielmehr handelt es sich um eine Art Stiftung. Das Entscheidungsgremium besteht laut Satzung mehrheitlich aus Menschen mit Behinderung und Sexarbeitern. Unser Engagement gilt den Rechten dieser beiden Gruppen. Wir halten Vorträge, klären auf, organisieren Weiterbildungen und Workshops und wir beraten Interessierte.

In einem Interview machten Sie einmal deutlich, dass es mehr Gemeinsamkeiten zwischen der Sexarbeit und der Buchhaltung gibt, als die Leute glauben. Wie meinen Sie das?
Wotton: Mir geht es darum, die Stigmatisierung von Sexarbeit aufzulösen. Ich möchte die Gemeinsamkeiten mit anderen ganz normalen Jobs, wie dem eines Buchhalters, hervorheben. Der Buchhalter kann ins Büro gehen oder von zu Hause aus arbeiten. Er kann alleine arbeiten oder gemeinsam mit anderen Buchhaltern. Er darf auch in anderen Ländern, zum Beispiel in England, in Holland oder Italien, arbeiten. Der Vergleich mit dem Buchhalter soll einfach dazu beitragen, die Sexarbeit zu entkriminalisieren. Denn das ist das Entscheidende. In Deutschland ist Prostitution legal, aber nicht vollständig entkriminalisiert. Das bedeutet, es gibt bestimmte Bereiche, die der Gesetzgeber reglementiert. Dabei ist auch immer die Polizei mit im Spiel, die die Regeln überwacht. Entkriminalisierung bedeutet letztlich, dass man Prostitution als normalen Beruf behandelt und somit diejenigen, die ihn ausüben, vor Missbrauch und anderen Berufsrisiken schützt.

Sexarbeit und Menschen mit Behinderung - wird dies ein Tabuthema bleiben? Oder sehen Sie die Möglichkeit einer Veränderung in der Wahrnehmung dieses Themas?
Wotton: Ich hoffe, dass es diese Veränderung geben wird. Und zwar bald und weltweit. Warum sollte es ein Tabuthema sein? Jeder Mensch hat Sex oder möchte Sex haben. Es ist doch eigenartig: Mit Sex werden Produkte verkauft. Wir sehen die sexy, dünne Lady mit den nackten Beinen auf der Plakatwerbung für Kartoffelchips oder Sonnenbrillen. Aber was ist, wenn wir über das Sexleben von Menschen mit Behinderung sprechen, zum Beispiel von jemandem, der im Rollstuhl sitzt und auf Assistenz angewiesen ist? Sollen wir diesen Menschen ihre Rechte verwehren? Nein, es sollte kein Tabuthema bleiben.

Was müsste sich aus ihrer Sicht und aufgrund ihrer Erfahrungen ändern, damit Menschen mit Behinderung mit ihren Wünschen und Vorstellungen bezüglich ihrer Sexualität wahrgenommen werden und diese auch verwirklichen können?
Wotton: Wir sollten Menschen mit Behinderung selbst zu Wort kommen lassen. Und die Gesellschaft sollte sie nach ihren Wünschen und Vorstellungen fragen. Auch hier gilt wieder: Nichts über sie – ohne sie. Anstelle von Leuten, die immer erzählen, was Menschen mit Behinderung wollen und brauchen, sollten wir sie lieber selbst fragen. Und sie dann in ihren Wünschen unterstützen!

"Scarlet Road", wörtlich ins Deutsche übersetzt "Die feuerrote (oder scharlachrote) Straße", lautet der englische Originaltitel des Films "Rachels Weg. Aus dem Leben einer Sexarbeiterin". Der Film hatte in Australien ein großes Publikum und eine befreiende Wirkung. Auch ausländische Fernsehanstalten, beispielsweise in der Schweiz, in Polen und in Kanada, haben "Scarlet Road" inzwischen ausgestrahlt.

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