Inklusion, Aktion Mensch-Blog

„Auf den zweiten Blick“ – Ein Film über das Sehen

Der Regiedebütantin Sheri Hagen ist ein ungewöhnlicher Episodenfilm über drei sehbehinderte Paare gelungen, die sich in Berlin begegnen und schließlich annähern. „Auf den zweiten Blick“ ist jedoch kein Film über Blindheit und Sehbehinderung. Im Gegenteil. Es ist ein Film über das Sehen.

Glückliche Momente im Leben: Benjamin (Ingo Naujoks) und Elena (Nele Rosetz) kommen sich auf eine besondere Art näher Fotos: Anita Back

Berlin im Winter. Alleinsein, Einsamkeit und Anonymität treffen auf Sehnsüchte nach Zweisamkeit und Liebe. Der Grat zwischen Abhängigkeit und Freiheit, zwischen Hilflosigkeit und Selbstbestimmung ist schmal. Was kann man tun, wenn man von einem Tag auf den anderen auf Hilfe angewiesen ist? Bedeutet Sich-Helfen-Lassen Abhängigkeit? Bedeutet Helfen Verantwortung übernehmen? Und was tun mit der Einsamkeit?

Der Film „Auf den zweiten Blick“ spitzt diese Fragestellungen zu – am Beispiel von Blindheit und Sehbehinderung. Kay arbeitet als Moderatorin in einem Jazzstudio in Berlin. Die junge Frau ist seit einem nicht selbst verschuldeten Unfall blind. Sie kommt im Alltag gut zurecht, doch das erlittene Trauma verfolgt sie, und es fällt ihr schwer, sich auf Menschen einzulassen. Kann sie Falk, dem alleinerziehenden Vater, vertrauen?

Till ist hochgradig sehbehindert. Dank seines Restsehvermögens und seines Begleithundes ist er als Klavierstimmer recht mobil unterwegs. Aber er ist einsam. Und er will mehr als den schnellen Sex mit einem Mann im Dunkel der Großstadt. Er will einen Partner mit Rückgrat. Kann Pan ihm dieser Partner sein?

Und dann ist da noch Elena, die Psychologin. Verzweifelt versucht sie, ihre zunehmende Blindheit zu verleugnen und sich in ihrer psychotherapeutischen Arbeit nicht als Mülleimer dieser Gesellschaft zu fühlen. Bis sie auf Benjamin trifft, der seit frühester Kindheit blind ist und zwei graue Gesellen erfunden hat, um nicht allein zu sein. Benjamin zeigt Elena, dass es sich lohnt, mutig nach anderen Möglichkeiten der Wahrnehmung zu suchen. Aber wie dauerhaft sind glückliche Momente im Leben?

Jeder Mensch hat eine Geschichte zu erzählen

Der Film ist das Regiedebüt von Sheri Hagen. „Ich wollte eine Liebesgeschichte erzählen, eine Geschichte über Menschen“, erzählt die Regisseurin in einem Interview vor der Preview-Premiere im Kino Abaton in Hamburg und betont, dass es ihr nicht um Geschichten über blinde und sehbehinderte Menschen ging. „Die Menschen“, sagt sie, „begegnen sich nicht mehr wirklich. Auch wir Sehenden sind doch auf einem Auge blind. Wir müssten rausgehen und einander sehen.“ Dabei sei es egal, ob wir behindert oder nichtbehindert, ob wir schwarz oder weiß, heterosexuell oder homosexuell sind. Diese Vielfalt kommt ihrer Meinung nach heute in den meisten Filmen nicht vor. „Ich bin eine schwarze Schauspielerin“, fährt sie fort. „Aber ich tauche, so wie ich bin, in der Filmlandschaft nicht auf.“ Sie bekomme zwar Rollenangebote, aber diese seien meist geprägt von den gängigen Klischeebildern. „Eine Geschichte über eine alleinerziehende schwarze Mutter, die den Alltag bewältigen muss, wird zum Beispiel nicht erzählt.“

Mit dem Film „Auf den zweiten Blick“ ist es Sheri Hagen gelungen, ein Stück Normalität zu zeigen, unaufgeregt, gut beobachtet und gründlich recherchiert. Dafür hat sie lange an dem Drehbuch des Films gearbeitet, wobei sie Kontakt zum Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin e. V. aufnahm, um kompetente Beratung zu haben, damit die Geschichte möglichst realistisch vermittelt wird.

Das Besondere: die Audiodeskription

Der Film wurde mit einer Hörfilmfassung für blinde und sehbehinderte Menschen produziert. Das heißt, handlungsrelevante Bilder wurden in Sprache umgesetzt. Bei der Vorstellung im Abaton in Hamburg aber wurden keine Empfangsgeräte für die speziellen Erklärungen an blinde und sehbehinderte Zuschauerinnen und Zuschauer ausgegeben – wie sonst üblich –, sondern die Audiodeskription war für alle Besucherinnen und Besucher im Saal zu hören. Eine interessante Erfahrung, auf die sich jeder einmal einlassen sollte. Nach Ansicht von Sheri Hagen müsste eine Audiodeskription für jeden Film etwas ganz Normales sein. Das ist es aber bisher nicht. Die Regisseurin betont deshalb, wie wichtig es sei, dass viele blinde und sehbehinderte Menschen ins Kino gingen – nicht nur in den Film „Auf den zweiten Blick“. Denn nur, wenn es einen wirklichen Bedarf an Filmen mit einer Hörfilmfassung gibt, werden diese in Zukunft auch verstärkt produziert werden.
Sheri Hagens Film kann darüber hinaus mit Untertiteln angesehen werden. Dazu sollte man das jeweilige Kino vor Ort ansprechen. Nach sehr erfolgreichen Previews läuft der Film seit dem 10. Oktober in ausgesuchten Kinos Deutschlands.


Linktipps:
Infos und Trailer zum Kinofilm „Auf den zweiten Blick“
Kulturelle Teilhabe: Zum aktuellen Stand der Audiodeskription. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über Audiodeskription in TV, Kino, Oper und Theater
„Mein Weg nach Olympia“. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über Nico von Glasows Film, der Sportlerinnen und Sportler auf ihrem Weg zu den Paralympics begleitet
The Sessions: Optimistisch und warmherzig. Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über eine unbekannte Welt im Kino
Solche Filme können Türen öffnen. Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über den Dokumentarfilm „Body and Brain“ über das Leben des Schauspielers Peter Radtke

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