Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Arm ab = arm dran?

Wie viel Geld darf man eigentlich verdienen? "Komische Frage!", denken Sie jetzt? Stimmt. Aber eine relevante. Für all diejenigen, die trotz (Schwerst-)Behinderung arbeiten gehen, Karriere machen, erfolgreich sind. Der Weg dorthin beinhaltet - wie für jeden Gesunden auch - 60-Stunden-Wochen, Stress, ein vernachlässigtes Privatleben, gelegentlich Frust. Trotzdem nehmen manche Menschen diese Herausforderung an, kämpfen, setzen sich durch und steigern neben der übernommenen Verantwortung auch ihr Gehalt, denn der ganze Stress soll sich ja auch irgendwie auszahlen. Tut er das?

Nicht, wenn man aufgrund seiner Behinderung Persönliche Assistenz (Hilfe bei Körperpflege, Haushalt etc., siehe auch mein Blogbeitrag zu diesem Thema) benötigt. Denn die Kostenübernahme dieser Assistenz fällt rechtlich gesehen unter die Sozialhilfe und ist damit einkommens- und vermögensabhängig. Das heißt ganz konkret, dass ab einem bestimmten Einkommen ein großer Teil nicht demjenigen, der es verdient hat, zusteht, sondern dem Sozialamt, um die Assistenzkosten zu refinanzieren.

Rechnen wir das mal durch: Als "Schonbetrag" gilt der doppelte Sozialhilfesatz, also ca. 700 Euro, plus eine "angemessene" Wohnungsmiete, für die etwa weitere 700 Euro angesetzt werden können, zusammen also 1.400 Euro. Was passiert aber, wenn man mehr als diesen Betrag verdient? Wohlgemerkt, nachdem man wie jeder Bürger seine Steuern als Beitrag zum System bereits bezahlt hat und keinen Cent des Assistenzgeldes selbst behält oder nutzt. Dann wird der Rest vom Sozialamt eingefordert. Schwerstpflegebedürftige haben dabei das besondere "Privileg", dass "nur" 40 % des über dem Schonbetrag liegenden Einkommens eingefordert werden können. Das sind bei einem Einkommen von 2.000 Euro bereits monatlich 240 Euro, also 12 % des eigentlichen Netto-Einkommens. In meiner Welt: drei Paar neue Schuhe! Hmmm. Monatlich. Hmmm. Bei 3.000 Euro Einkommen sind es schon 640 Euro, also 21 %. Bei 4.000 Euro Einkommen sind es 1.040 Euro, also 26 %.

Merken Sie was? Richtig. Es wird immer mehr. Aber keine Sorge, das Einkommen spielt bei der Größenordnung sowieso keine Rolle mehr, denn jetzt kommt der vermögensabhängige Teil der Sozialhilfe. Und der besagt, dass sämtliche privaten Geldbestände über 2.600 Euro sowieso erst aufgebraucht werden müssen, bevor die Assistenzkosten übernommen werden. Diesen Betrag hat man bei einem guten Einkommen schnell überschritten ...

Hmmm, mein Frauenhirn sagt mir, dass ich schlichtweg mein gesamtes Einkommen sofort ausgeben sollte. Für Schuhe. Handtaschen. Kosmetik. Dann kann es mir auch keiner wegnehmen. Aber was, wenn meine Waschmaschine mal kaputt ist? Der Fernseher? Oder mein Auto? Oder ich ein neues Auto brauche? Was, wenn ich mir eine Wohnung kaufen will? Geld für schlechte Zeiten zurücklegen? Fehlanzeige. Dass Behinderte Geld verdienen und sich Wohlstand aufbauen, ist schlichtweg nicht im System vorgesehen. Das Bild des (sozial-)hilfebedürftigen Behinderten passt wohl leider bislang besser in das Gesellschaftsschema. Und solange jeder Behinderte, der es schafft, Karriere zu machen und mit den Gut- bis Spitzenverdienern mitzuhalten, davon letztlich finanziell gesehen absolut nichts hat, wird das auch so bleiben - denn jeder intelligente Mensch muss sich irgendwann fragen, wozu er das auf sich nimmt.

"Leistung muss sich lohnen", verkündete Herr Westerwelle vor einiger Zeit. Richtig. Auch für uns, das ist Teil einer inklusiven Gesellschaft. Und bis wir da angekommen sind, kaufe ich eben weiter Schuhe :-).

Weitere Informationen:
Assistenz.org: Infos und Jobbörse zum Thema Persönliche Assistenz
Bundesarbeitsgemeinschaft für Unterstützte Beschäftigung e. V.: Infos zum Thema Arbeitsassistenz
ForseA: "Wege zur Assistenz - Ratgeber für behinderte ArbeitgeberInnen und solche, die es werden wollen" (PDF-Dokument)

(Foto: Images of Money / flickr.com)

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