Aktion Mensch-Blog

„Anderssein ist Reichtum“

von Lisa Seelig

Bei ihrem ersten Live-Auftritt in Deutschland sorgen Philippe Pozzo di Borgo und Abdel Sellou für Begeisterung – und haben immer wieder die Lacher auf ihrer Seite

Erstmals gemeinsam auf der Bühne in Deutschland (v.l.): Abdel Sellou und Philippe Pozzo di Borgo. Aktion Mensch / Stefan Trappe

Philippe Pozzo di Borgo und sein Pfleger Abdel Sellou wurden berühmt durch den Film „Ziemlich beste Freunde“, der auf ihrer gemeinsamen außergewöhnlichen Geschichte beruht: Der wohlhabende, nach einem Gleitschirmunfall vom Hals abwärts querschnittsgelähmte Philippe engagiert Abdel, einen Kleinkriminellen aus der Pariser Banlieue als seinen neuer Pfleger. Neun Millionen Menschen in Deutschland sahen den Film.

Der Hanser Verlag und die Aktion Mensch hatten am Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung in die Berliner Columbiahalle geladen, die sich bis auf den letzten Platz gefüllt hatte. Die Aktion Mensch sorgte für einen komplett barrierefreien Abend, die Halle war für Rollstuhlfahrer zugänglich, Gebärdensprachdolmetscher und Schriftdolmetscher für Menschen mit Hörbehinderung begleiteten die Lesung und die Diskussionsrunde.

„Furchtlos und ohne Mitleid – so jemanden brauchte ich“

Pozzo di Borgo und Sellou haben Bücher geschrieben, die Bestseller wurden, „Ziemlich beste Freunde“ und „Einfach Freunde“. Zur Einstimmung in den Abend lasen Frank Röth und Sascha Rotermund, die deutschen Synchronstimmen von Pozzo di Borgo und „Driss“, wie Sellou im Film heißt, einige Ausschnitte – und sorgten immer wieder für Erheiterung im Publikum, etwa bei der Szene, in der Driss einfach nur eine Unterschrift fürs Arbeitsamt will und Philippe ihn auf den Job als sein neuer Pfleger festnagelt.

„Ich brauchte jemanden wie ihn, Abdel war stark, furchtlos, ohne Mitleid“, sagt Philippe Pozzo di Borgo zu Beginn der Gesprächsrunde – Barbara Hahlweg, die sonst im ZDF moderiert und durch den Abend führt, spricht mit Pozzo di Borgo und Sellou über ihre Geschichte und wie sich ihre Beziehung bis heute, gut 20 Jahre nach ihrer ersten Begegnung, entwickelt hat. Die beiden machen Späße, nehmen den anderen gern auf die Schippe, und doch ist immer der enorme gegenseitige Respekt zu spüren. „Er ist mein Lehrmeister gewesen, wie Yoda, mit kleineren Ohren“, scherzt Sellou.

„Unbedingt sollte man auch Behindertenwitze erzählen dürfen!“

Pozzo di Borgo hat mit den beiden Co-Autoren Jean Vanier und Laurent de Cherisey ein Buch mit dem Titel „Ziemlich verletzlich, ziemlich stark“ veröffentlicht, in dem er darüber nachdenkt, was passieren muss, damit eine inklusive Gesellschaft ohne Berührungsängste Wirklichkeit wird. Neben Pozzo di Borgo und Sellou sind zwei Gäste in der Runde, die dazu mit viel Humor und Vehemenz einiges zu sagen haben: Die ZDF-Moderatorin, Psychologin und Dressurreiterin Bettina Eistel, die contergangeschädigt ohne Arme geboren wurde; und der blinde Bergsteiger Andy Holzer aus Österreich, der sechs der sieben höchsten Gipfel der Welt bestiegen hat.
Im Einspieler mit einem Ausschnitt ihrer Sendung erzählt Bettina Eistel erstmal einen Behindertenwitz; und fordert dann in der Runde, man möge ihr doch bitte viel mehr erzählen, die meisten würden sich das nicht trauen. „Humor ist die beste Möglichkeit, mit Schicksal umzugehen“, sagt sie. „Es tut sehr gut, miteinander und übereinander zu lachen.“

Verletzlich sind auch die, denen man es nicht sofort ansieht

Die Frage nach dem Gelingen einer inklusiven Gesellschaft ging natürlich auch an Pozzo di Borgo. „Was wir uns bewusst machen müssen: Es gibt so viele Menschen mit Behinderung, die man nicht gleich sieht: soziale, psychische Behinderungen, Behinderungen durch Alter und Krankheit – die Menschen mit Behinderung sind in der Mehrheit, wenn man genau hinsieht.“ Deren Zerbrechlichkeit und gleichzeitig deren enorme Stärke gelte es anzuerkennen. „Wir Verletzlichen können darüber aufklären, dass eine intelligente Gesellschaft die zerbrechliche Natur des Menschen zugibt und anerkennt.“ Bettina Eistel sieht das ähnlich: „Alle Menschen haben die Hosen voll, haben Angst, sich lächerlich zu machen, nicht geliebt zu werden.“ Inklusion bedeute, dass jeder, mit welchem Handicap auch immer, zugeben könne, solche Ängste zu haben. „Die Hilfsbereitschaft kommt dann von ganz allein.“ Und außerdem, sagt sie ein bisschen schelmisch, werde das sowieso bald von alleine besser: „Alle werden älter“. Und damit steige auch die Zerbrechlichkeit einer Gesellschaft, körperliche Unversehrtheit sei dann ein Privileg weniger Junger.

Niemand sollte Behinderung personifizieren

Andy Holzer macht in seiner trockenen und nüchternen Manier klar: Tausend Meter über dem Abgrund und bei 40 Grad minus im Himalaya habe sein Team kein Problem mit einem blinden Menschen, sondern: „Das Team muss mit einer Blindheit umgehen, genau wie mit der Kälte, Eissturz und Lawinengefahr. Eine Behinderung, welcher Art auch immer, sollte keiner personifizieren.“
Am Ende will Barbara Hahlweg noch von Pozzo di Borgo wissen, was es mit seiner Sicht auf sich habe, Glück sei kein Zustand, sondern eine Einstellung? „Bis zu meinem Unfall dachte ich, ich wäre das Glück“, sagt Pozzo di Borgo. „Heute weiß ich: Glück ist, jeden anzunehmen im Sein, Andersartigkeit als Reichtum zu begreifen.“ Und, da blitzt sein enormer Charme schon wieder auf: „Glück ist, heute Abend hier zu sein.“

Zur Pressemitteilung zu der Veranstaltung

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