Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Aber bitte mit Fahrstuhl!

Menschen mit und ohne Behinderung wohnen zusammen in einer Wohngemeinschaft – das ist gelebte Inklusion. Für eine WG junger Menschen in Berlin ist das völlig selbstverständlich.

WG-Mitbewohner Fidi Baum und Sven Hönicke: Nicht das Inklusive ist ungewöhnlich

Ein dunkelroter Klinkerbau aus den 70er-Jahren im Berliner Stadtteil Moabit. Der enge, abgenutzte Fahrstuhl ruckelt beim Hochfahren in den fünften Stock. Für Fidi Baum, 32 Jahre, Rollstuhlfahrer, ist er essentiell. Sein Rollstuhl steht gerade zusammengeklappt im Abstellraum, manchmal läuft er die kurzen Abstände in der Wohnung. „Meine Mitbewohner müssten mich sonst schieben, da ich nur eine Hand benutzen kann“, sagt er und erzählt, während er die Wohnung zeigt, dass der Rollstuhl überall durchkommt: Flur und Türrahmen sind breit, Schwellen gibt es nicht.

Barrierefreie Wohnung ohne Extras

Ein barrierefreies Extra in der Wohnung ist der Griff über der Badewanne. „Der war schon da“, sagt Baum. Er könnte sich natürlich auch einen Griff neben der Toilette und anderes einbauen lassen. „Dazu habe ich aber keine Lust: die Kasse anrufen, Formulare ausfüllen, hinterhertelefonieren, das ist mir zu nervig.“ Baum wirkt auch nicht wie der Typ Mensch, der in Ämtern rumsitzt und Beamte um Hilfe bittet. „Es geht ja auch so“, sagt er. Als explizit barrierefrei war die Wohnung nicht ausgeschrieben. Er und seine damalige Freundin wollten zusammenziehen, wichtigstes Kriterium bei der Suche: ein Fahrstuhl. Dann fanden sie diese Wohnung. Die hatte nicht nur einen Fahrstuhl, sondern auch eine große Terrasse, sechs Zimmer und zwei Bäder. Perfekt für eine WG. Da ein Freund ebenfalls eine Bleibe suchte, war er dabei.

WG mit aktivem Sozialleben

Der 28-jährige Sven Hönicke sitzt jetzt mit am Tisch in der großen, hellen Küche und erzählt von ihrem WG-Leben, das äußerst sozial klingt: Grillpartys auf der Terrasse, Essen, DVD- und Spieleabende. „Wir haben so viel Platz und laden oft Leute ein“, sagt Hönicke. Seit einem Jahr wohnen sie hier: zwei Männer, zwei Frauen, die keine Paare sind. Die Freundin von damals ist jetzt die Ex, trotzdem wohnen sie noch zusammen. „Wir mögen beide die Wohnung, da wollte keiner ausziehen“, sagt Baum. Dass hier zwei Ex-Partner zusammenwohnen, das finden sie das Ungewöhnlichste an ihrer WG, nicht das Inklusive.

Das Problem: der Fahrstuhl

Das Wichtigste ist für Fidi Baum der Fahrstuhl mit ebenerdigem Eingang. „In vielen Häusern muss man drei Stufen hochgehen, um zum Fahrstuhl zu kommen“, sagt er. Doch: Der Fahrstuhl ist regelmäßig kaputt. Das sei das größte Problem an ihrer sonst so schönen Wohnsituation. „Wenn wir nachts von einer Party kommen, und ich zu viel getrunken habe, muss Sven mich schon mal hochtragen“, sagt Baum. „Das ist richtig nervig.“ Hönicke winkt ab: Er musste doch auch schon hochgetragen werden. Beide lachen. „Manchmal funktioniert der Fahrstuhl eine Woche lang nicht“, sagt Baum. „Dabei hat uns der Hauseigentümer, eine Münchner Immobiliengesellschaft, schon vor einem Jahr einen neuen versprochen. Ich müsste wohl mehr Druck machen.“

Mehr Druck machen

Fidi Baum kennt diese Situationen und erzählt von der Evangelischen Hochschule, an der er einen Bachelor im Fach „Soziale Arbeit“ macht. Dort gab es keinen Fahrstuhl zur Aula. Kein Geld, hieß es. Über seinen Ärger hat er einen Rap-Song geschrieben und ihn über Youtube verbreitet. „Dann wollte der Rektor doch mit mir reden.“ Jetzt ist ein Fahrstuhl da.
„Vielleicht muss ich im Haus auch richtig Action machen“, sagt er. Bisher hatte er aber „keine Muße“. Wütend wird er trotzdem: „Hier wohnen drei Rollifahrer und eine blinde Frau“, sagt er. „Das ist einfach untragbar. Und der Eigentümer wirbt sogar damit, dass es im Haus einen Fahrstuhl gibt.“


Linktipps:
Das Handlungsfeld "Inklusion leben: Zuhause" der Aktion Mensch
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