Inklusion, Aktion Mensch-Blog

„Aber bitte kein Behindertenhaus!“

Interview mit der Architektin Ursula Fuss

Architektin Ursula Fuss: Wohnsituationen schaffen, in denen alle gerne wohnen

Das Thema Barrierefreiheit gewinnt in vielen Lebensbereichen an Bedeutung. Auch in der Architektur. Barrierefreie Gebäude und Wohnungen? Viele Menschen denken da zunächst an Rollstuhl-Rampen, breite Türen, Badewannengriffe und Treppenlifte. Aber lässt sich Barrierefreiheit auch mit modernem Design verbinden? Und wie sollen Gebäude und Wohnungen aussehen, in denen Menschen mit und ohne Behinderung zusammenleben können? Ich habe mit der Architektin Ursula Fuss gesprochen, die barrierefreie Bauten plant und als Beraterin tätig ist.


Frau Fuss, welche Bedeutung hat die Barrierefreiheit gegenwärtig in der Architektur?
Ursula Fuss: Ich höre von Kollegen immer wieder Aussagen wie: „Wir wollen aber kein Behindertenhaus!“ oder: „Aber jetzt bitte nicht alles altersgerecht bauen!“. Das zeigt, dass es immer noch eine große Unsicherheit und Angst gegenüber diesem Thema gibt. Man verbindet es automatisch mit unattraktiven Räumen und vergisst dabei, dass wir Architekten selbst daran schuld sind, dass sie unattraktiv sind.

Also liegt der „Schwarze Peter“ bei den Architekten?
Ich habe bei der Beratung von Planern festgestellt, dass einerseits das notwendige Wissen fehlt und andererseits die nötige Sensibilität. Wir haben es in Architektur und Barrierefreiheit mit Menschen zu tun. In meinen Vorträgen bringe ich gerne den Vergleich mit Schraubverschlüssen von Sprudelflaschen. Diese kann man normieren. Menschen nicht. Deshalb muss man in der Barrierefreiheit sehr genau hinschauen und herausfinden, welche Unterstützung eine gewisse Person braucht. Zunächst sollte man allerdings aus Respekt vor der Person betrachten, was sie kann und wie man sie darin unterstützen kann.

Reichen die vorhandenen DIN-Vorschriften für barrierefreies Bauen denn nicht aus?
Die DIN-Vorschrift ist einfach nur ein Maß, in das fast niemand reinpasst. Oft wird gesagt und auch gefordert: „Barrierefrei ist nur, was der DIN entspricht.“ Das ist Unsinn! Die DIN wird uns als Dogma eingetrichtert. Stattdessen sollte man lieber die Bereitschaft aufbringen, Neues auszuprobieren.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Die Architektur ist ein weites Feld. Bei meinen Studenten bringe ich gerne das Beispiel vom Sitzen: Zum Sitzen haben wir die unterschiedlichsten Dinge entwickelt, vom gewöhnlichen Stuhl, über den Hocker und den Chefsessel bis hin zum Rollstuhl. Tausende Varianten von Stühlen haben außerdem noch einmal Millionen von individuellen Designangeboten. Das kommt daher, dass wir wissen, was Sitzen bedeutet. In der Barrierefreiheit fehlt dieses Wissen. Es geht darum, eine Architektur zu entwickeln, die in der Lage ist, echte Barrierefreiheit herzustellen.

Wie kann das erreicht werden?
Es muss eine öffentliche Diskussion darüber stattfinden, wo die tatsächlichen Bedürfnisse liegen. Außerdem müsste das Thema an den Hochschulen, dort wo die jungen Architekten ausgebildet werden, viel stärker in den Vordergrund rücken. Das passiert aber nicht. Vielmehr wird oft gesagt: „Das mit der Barrierefreiheit können wir hinterher regeln.“

Wie sieht es mit den Kosten aus? Ist barrierefreies Bauen teurer als konventionelles Bauen?
Nein. Wenn Barrierefreiheit von vornherein mitgedacht wird und die Funktionen und Funktionsflächen sinnvoll angeordnet werden, dann ist das barrierefreie Bauen kostenneutral. Ich brauche dann nämlich keine Mehrflächen. Ein Badezimmer, das so groß wie ein Tanzsaal, aber trotzdem unpraktisch ist, nützt niemandem.

Beim Thema „Wohnen und Inklusion“ geht der Trend hin zu kleineren Wohneinheiten, in denen Menschen mit und ohne Behinderung zusammenleben. Welchen Beitrag kann hier die Architektur leisten?
Ich habe ein kleines Problem damit, wenn man sagt „Wir planen jetzt eine inklusive Wohngemeinschaft.“ Ich finde es sehr gut, wenn Menschen mit und ohne Behinderung zusammenleben wollen. Aber das Wichtige dabei ist, jedem Bewohner so viel Freiraum zu lassen, dass er oder sie sich nicht eingeengt fühlt. Wenn man als Planer die räumlichen Voraussetzungen zur Begegnung schafft, muss man auch die Weite anbieten, sich zurückziehen zu können. Wir sollten versuchen, Wohnsituationen zu schaffen, in denen alle gerne wohnen, ganz egal, ob mit geistiger, körperlicher oder ohne Behinderung. Und dazu gehört insbesondere auch die Möglichkeit, selbstbestimmt zu entscheiden, ob man sich jetzt gerade unter Leute mischen oder lieber alleine sein möchte. Wenn dies gelingt, braucht man das Etikett „Inklusion“ nicht unbedingt. Inklusion ergibt sich nämlich dann ganz automatisch und selbstverständlich.

Richten wir abschließend den Blick nach vorne. Haben Sie eine Vision für Architektur und Barrierefreiheit in der Zukunft?
Unser Ziel sollte es sein, immer mehr positive Beispiele für barrierefreies Bauen zu schaffen. Das Thema muss in den Vordergrund rücken, so dass die Vielfalt der Barrierefreiheit aufscheinen kann. Durch den Blick auf diese positiven Beispiele wird sich dann immer mehr verändern. Meine Hoffnung dabei ist, dass die Planer von Gebäuden die Angst vor der Beratung verlieren und nicht länger denken: „Ja, ja, Barrierefreiheit und DIN, das sind ja die kleinsten Probleme, das lösen wir am Ende.“


Ursula Fuss, 54, ist freie Architektin und unterhält in Frankfurt am Main ein Architekturbüro. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehört die Planung und Entwicklung barrierefreier Gebäude. Außerdem unterrichtet sie an der Technischen Universität Darmstadt Studenten zu diesem Thema. Seit einem Unfall 1993 ist sie querschnittsgelähmt. Mehr Informationen auf ihrer Internetseite www.con-fuss.de.


Linktipps:
Einführung in die barrierefreie Architektur von Raul Krauthausen und dem Architekten André Burkhardt auf wheelmap.org
Infos zum barrierefreien Bauen bei nullbarriere.de
Mehr zum Thema barrierefreies Wohnen beim Familienratgeber
Barrierefreies Wohnen in Perfektion. Ein Blogbeitrag von Eva Keller über neue Technik für barrierefreies Wohnen
Spielend barrierefrei bauen. Ein Blogbeitrag von Christian Schmitz über VAALIDATE, ein Simulationsprogramm zum Testen von Barrierefreiheit in der Architektur

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