„Ich möchte einfach Christy genannt werden!“

von Ninia Binias

Little Women:LA ist eine US-amerikanische Serie des Senders Lifetime – die erste Staffel lief im Frühjahr diesen Jahres, eine zweite soll produziert werden. Die Serie handelt von sechs befreundeten Frauen in Los Angeles, die alle ihre eigene Geschichte, Herausforderungen und Erlebnisse haben. Und die eben alle klein sind. In den USA ist die Serie in kürzester Zeit sehr beliebt geworden.

Reality-Darstellerinnen in „Little Women:LA“: Tolle Frauen

Patrick Ecclesine / A&E Television Networks

Ich mag Reality Shows – und dann noch eine, in denen kleinwüchsige Frauen die Hauptrollen spielen?! Da muss ich natürlich mal reinschauen. Die erste Episode von „Little Women:LA“ steigt ein mit einer Diskussion über die Bezeichnung „midget“ („Zwerg“) und ob ein Job, in dem nur zählt, dass man kleinwüchsig ist, okay wäre oder nicht. In der Frauengruppe gibt's unterschiedliche Meinungen dazu – die einen sagen, man dürfe solche „Vorführung von Zwergen“ nicht unterstützen, die Nächste ist der Meinung, dass sich die Leute sowieso über sie lustig machen, egal, welchen Job sie mache – Hauptsache, sie werde dafür bezahlt. Der Hintergrund: Die Mädels treten als Künstlerinnen und Mini-Doubles berühmter Sängerinnen wie Britney Spears oder Lady Gaga auf. So verdienen sie ihr Geld. Die meisten wollen diesen Job als Sprungbrett für eine eigene Gesangs- oder Modelkarriere nutzen.

Endlich diskutieren tatsächlich mal „Betroffene“ vor der Kamera

Unabhängig davon, wie ich selbst zu Thema stehe, gefällt mir die Diskussion. Sie zeigt, dass es selbstverständlich auch unter den kleinwüchsigen Frauen unterschiedliche Meinungen zu dem Thema gibt. Und: Endlich diskutieren tatsächlich mal „Betroffene“ vor der Kamera, und es wird nicht über sie diskutiert!

Christy, eine der Darstellerinnen, regt sich sehr darüber auf, dass ihre Freundin es okay findet, als „Zwerg“ bezeichnet zu werden, und sagt dann im Einzelinterview einen wunderbaren Satz: „I prefer to be called Christy, I'm a human being.“ („Ich bevorzuge es, Christy genannt zu werden, ich bin ein Mensch.“) So wechselt die Serie immer mal wieder zwischen unterhaltsamen Inhalten hinüber zu aufklärerisch-erzieherischen – ohne dass die Zuschauerinnen und Zuschauer das registrieren.

Eine typische amerikanische Reality-Show, wie alle anderen auch

Insgesamt handelt es sich um eine typische amerikanische Reality-Show, wie alle anderen auch. Natürlich sind die Streitigkeiten absurd laut, selbstverständlich gibt es ab und an Lästereien unter den Mädels, und alle haben ein wirres Liebesleben. Aber das alles ist deshalb so gut gemacht, weil der Fokus auf die Körpergröße nur selten stattfindet – und wenn, dann ist das begründet und gehört dazu. Die Frauen sind nun einmal klein, das ist ein Teil ihres Lebens, aber nicht der einzige Teil – und genau das spiegelt die Serie.
Es gibt keine besondere Mitleidsschiene, kein Heroisieren der Darstellerinnen. Alle sind sowohl mit großen als auch mit kleinen Menschen befreundet, manche haben große Partner, manche kleine. Ich fühle mich wohl mit der Serie, lache mit den Mädels, sympathisiere mit einigen mehr, mit anderen weniger und kann mich mit vielen Problemen identifizieren.

Gerade die Besonderheit, dass die Körpergröße der Hauptdarstellerin keine Besonderheit zu sein scheint, muss man hervorheben – genau das umzusetzen, scheint für deutsche Medien nämlich immer noch schwer zu sein. In „Little Women:LA“ suchen die Zuschauerinnen und Zuschauer vergeblich nach krampfhaft lustigen Alliterationen á la „Bauer sucht Frau“ und sie hören nicht die Melodie von Schneewittchen im Hintergrund. Die Protagonistinnen müssen sich nicht ständig selbst in Situationen inszenieren, in denen dann aber auch mal überdeutlich klar werden soll, wie winzig sie sind.
Stattdessen: Freundschaften, Beziehungsprobleme, Hochzeiten, Fotoshootings, Dates und alles andere, was eben in manchen Leben so stattfindet.

Oft wird nur im Nebensatz erwähnt, dass die Frauen klein sind

Genau so findet in den US-amerikanischen Medien auch die Berichterstattung über die Serie statt: Oft wird nur im Nebensatz erwähnt, dass die Frauen klein sind. In der Hauptsache geht es den Journalistinnen und Journalisten, Zuschauerinnen und Zuschauern um die Erlebnisse und Gefühle der Gruppe und die individuellen Charaktere: „The show is less about being a little person and more about being an amazing, smart woman dealing with the ups and downs of life.“ („In der Serie geht es weniger um das Kleinsein, sondern vor allem um tolle, kluge Frauen, die sich den Herausforderungen des Lebens stellen.“)

Noch besser wäre die Serie nur, wenn nicht alle Darstellerinnen auf der Bühne ihr Geld verdienen würden. Wenn sie zeigen könnte, dass die Frauen auch im üblichen Arbeitsmarkt eine Chance hätten. Oder eben die Probleme darstellen würde, die Menschen mit Behinderungen haben, wenn sie einen „normalen“ Job suchen.

Trotzdem: „Little Women:LA“ ist neben „My Gimpy Life“ und „Push Girls“ die beste Serie, die ich bis jetzt mit Menschen mit Behinderung in den Hauptrollen gesehen habe. Ich bin schon gespannt auf die zweite Staffel!

 

Linktipps:

Mehr Infos, Bilder und alle Folgen der ersten Staffel (kostenpflichtig) auf der offiziellen Homepage von Little Women:LA (englisch)

Sex and the City – jetzt auch im Rollstuhl. Ein Blogbeitrag von Marie Gronwald über die amerikanische Doku-Soap "Push Girls"

Filmreife Behinderung. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen über die Darstellung von Behinderungen im Film

The Sessions: Optimistisch und warmherzig. Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über eine unbekannte Welt im Kino

Zwischen Wolfsmädchen und Dschungelcamp. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen über moderne "Freakshows" in den Medien

Normalität in Film und Fernsehen. Ein Blogbeitrag von Carina Kühne über Menschen mit Behinderung in den Medien

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