Inklusion

„Gnadenlos ehrlich“

An einem lauen Freitagabend im Juli treffe ich Claudia Dässel und Sebastian Fuchs, um mir von ihnen die Geschichte ihrer Freundschaft erzählen zu lassen. Wir sitzen auf der Terrasse von Claudias Stamm-Griechen in Krefeld. „Magst du Schafskäse“, fragt Sebastian in Richtung Claudia beim Durchstöbern der Speisekarte. „Auf einer Skala von eins bis sechs so etwa bei drei plus“, antwortet Claudia grinsend. Sebastian verdreht die Augen und lacht: „Du bist äußerst kompliziert.“

Claudia Dässel und Sebastian Fuchs: „Wir können zusammen lachen, auch über uns selbst“

Claudia und Sebastian sind Freunde. Claudia ist 35 Jahre alt und arbeitet in der Selbsthilfe-Kontaktstelle des Paritätischen Wohlfahrtverbandes in Krefeld. Seit einem Verkehrsunfall sitzt sie im Rollstuhl. Sebastian ist 30 Jahre alt, lebt und arbeitet in Stuttgart. Sein Arbeitgeber ist der dortige Körperbehinderten-Verein. Sebastian hat eine Spastik mit motorischer Einschränkung und eine Sehbehinderung. Zwischen Krefeld und Stuttgart liegen 400 Kilometer. Die beiden haben es geschafft, eine Freundschaft aufzubauen und sie zu intensivieren, trotz der großen Distanz, die zwischen ihnen liegt. Gegenseitige Besuche und stundenlange Telefonate inklusive.

Klassentreffen des Familienratgebers

Kennengelernt haben sich „Claudi“ und „Basti“ – so nennen sie sich gegenseitig – 2012 in Bremen. Dort trafen sie sich beim Regionalpartner-Treffen des Aktion Mensch-„Familienratgebers“, einem Portal für Menschen mit Behinderung und ihre Familien. Teil dieses Internet-Angebots ist eine Datenbank, in der sich über 25.000 Adressen von Organisationen der Behindertenhilfe und -selbsthilfe befinden. Die regionale Betreuung der Adressdaten des Familienratgebers übernehmen sogenannte Regionalpartner. Von diesen gibt es bundesweit mehr als 150. Claudia und Sebastian sind zwei von ihnen. Einmal im Jahr treffen sich die Regionalpartner, um zu erfahren, was es Neues beim Familienratgeber gibt und um Ideen auszutauschen. Für diejenigen, die schon länger dabei sind, ist es wie ein großes Klassentreffen mit der richtigen Mischung aus Arbeit und Spaß. Claudia und Sebastian schätzen die jährlichen Treffen besonders als Möglichkeit zum Informations- und Erfahrungsaustausch. „Man fragt die anderen Kollegen nach den Projekten, die sie in ihrer Region gestartet haben – mit welchem Erfolg? Was kann man besser machen? Wir profitieren von den Erfahrungen der anderen, zum Beispiel beim Ausrichten einer Veranstaltung. Wann ist der richtige Zeitpunkt dafür? Wer muss in der Vorbereitung mit eingebunden werden?“, erklärt Claudia.

Bis morgens um sieben geredet

„Die Claudi“, erinnert sich Sebastian an das erste gemeinsame Regionalpartner-Treffen in Bremen, „hat einige ziemlich schlagfertige Kommentare abgelassen, und da dachte ich mir, höre ich mir mal an, was sie noch zu erzählen hat.“ Das gemeinsame Gespräch und Kennenlernen endete dann erst morgens um sieben in der Hotellobby, als der Reinigungsdienst die beiden „rauskehrte“. Berufliche und private Themen vermischten sich im Laufe der langen Gesprächsnacht. „Wenn man die ganze Nacht durchmacht und sich unterhält, dann zeigt das einfach, dass vieles auf der zwischenmenschlichen Ebene passt“, sagt Claudia. „Und mir ist in dieser Nacht klar geworden, dass du eben wie ein Duracell-Männchen im Rollstuhl bist“, scherzt Sebastian.

Zusammen lachen und sich gegenseitig auf die Schippe nehmen

Was in der gemeinsamen Freundschaft passt, ist nicht zuletzt die gleiche Art von Humor. „Da ist viel Ironie mit im Spiel. Wir können zusammen lachen, auch über uns selbst“, sagt Sebastian. Das „Sich-gegenseitig-auf-die-Schippe-Nehmen“ ist dabei eine ihrer Spezialitäten. Ein Beispiel gefällig? Wie gesagt, wir haben Freitagabend und sitzen vor Claudias Stamm-Griechen bei Gyros, Bauernsalat und Rotwein. Sebastian hat seine Rückfahrkarte für Samstagnachmittag gebucht. „Warum bleibst du eigentlich nicht bis Sonntag“, fragt Claudia. „Das halte ich nicht aus“, antwortet Sebastian mit einem Augenzwinkern. Und im gleichen Moment fangen beide herzlich an zu lachen.

Was ihre Freundschaft sonst noch ausmacht, möchte ich wissen, bevor ich die beiden einer weiteren durchgemachten Gesprächsnacht überlasse. „Ich schätze das völlig Verrückte an ihr“, antwortet Sebastian nach kurzer Überlegung. „Man weiß nie, welcher Hammer als nächstes kommt. Und sie ist gnadenlos ehrlich.“ Und Claudia meint: „Egal, ob wir Spaß miteinander machen oder über ernste Themen sprechen, Basti macht kein oberflächliches Bla-Bla, sondern kommt direkt auf den Punkt.“

 

Übrigens: In einigen Regionen fehlen dem Familienratgeber noch Regionalpartner. Bewerben können sich Angehörige gemeinnütziger Institutionen. Näheres dazu findest du hier.

 

Linktipps:

Mehr Begegnungs- und Freundschaftsgeschichten auf der Aktion Mensch-Seite

Familienratgeber der Aktion Mensch

Hilfe in Ihrer Nähe: die Adressdatenbank des Familienratgebers

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