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Inklusion

Küss den Wahnsinn

„Barrieren auf den Schrottplatz, Schubladen in den Müll, Diagnosen zu Seifenblasen!“ In Köln hat die erste MAD Pride stattgefunden. Bei der Demonstration der besonderen Art sind am Pfingstmontag rund 100 „Freaks und Andersartige“ durch die Straßen gezogen, um ihre Vielfalt und das Leben an sich zu feiern, und gleichzeitig ihre Rechte einzufordern. Wir waren dabei.

einen Erfahrungsbericht gibt's auch unter www.aktion-mensch.de/begegnung

 

Mehr Informationen:

MAD Pride Köln 2015

Pride Parade

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Inklusion

Zu früh

Eine Kurzgeschichte des blinden Bloggers Heiko Kunert über eine unverhoffte Begegnung mit einem Mann, der wirklich alles über Blinde weiß – oder das zumindest denkt.

„Ihr entwickelt ja auch einen sechsten Sinn“, meint er. Ich habe ja nicht einmal einen fünften Sinn, denke ich.

olly / fotolia

„Zu früh“, denke ich. Kaffee- und Muffin-Duft dringt in meine Nase. Er kündigt mir das Ziel meines frühabendlichen Ausflugs an. Nach 50 Metern vernehme ich das typisch dumpfe, aber konstant laute Murmeln: vor allem weibliches Lachen, dazu männliche Geschäftigkeit und kindliches Fordern.

Die glatten Bodenplatten des Eingangs weisen mir den Weg. Die Kugel am Ende meines weißen Stockes rollt gleichmäßig von links nach rechts vor mir her, links, rechts, links, rechts, links, rechts.

„Entschuldigen Sie“, rufe ich aufs Geratewohl in das Stimmenwirrwarr, „ist noch ein Zweiertisch frei?“

„Nicht wirklich“, sagt eine gequetschte Stimme, die gewiss einer Mutter gehört.

„Doch, doch, da hinten“, dröhnt ein rauer Männerbass, der neben der Sachinformation schweren Bierdunst zu mir trägt. „Ich helf‘ dir!“

Ob der Ü-50er jeden duzt oder nur Blinde, frage ich mich. Immerhin zerrt er mich nicht zum freien Platz, sondern bietet mir seinen Arm an. „Ich hab Erfahrung mit euch“, sagt er und lacht.

Ich ahne schon, dass ich diesen Herren nicht so einfach loswerde. Er legt meine Hand auf die Stuhllehne. Ich setze mich.

„Na, wie hab ich das gemacht?“, fragt er.

„Alles perfekt, danke“, antworte ich.

Er setzt sich auch. Ich wusste es. Wird er mir jetzt von seiner erblindeten Mutter berichten oder von seinem Berufsalltag als Altenpfleger oder Sonderschullehrer, Erzieher für blinde Kinder vielleicht?

„Ich find euch voll faszinierend“

„Ich war mal im Dialog im Dunkeln“, platzt es aus ihm heraus. „Ich find euch voll faszinierend. Ich bin Jürgen!“ Eine fleischige, durch die Sommerhitze feuchtgeschwitzte Hand greift nach meiner.

Jetzt sind wir wohl Kumpel, denke ich und sage: „Ich bin Jan, hallo Jürgen.“

„Und schon immer blind?“ Wenigstens ist er unverkrampft.

„Nein, sechs war ich, ein Unfall.“

„Schlimm, schlimm. Naja, das Leben muss weiter gehen.“ Jürgen weiß Bescheid, denke ich.

„Ja, man findet seinen Weg“, sage ich und möchte von Blindenschrift, sprechenden Uhren und Kochkursen für Blinde reden.

„Ihr entwickelt ja auch einen sechsten Sinn“, unterbricht mich mein Gegenüber.

Ich habe ja nicht einmal einen fünften Sinn, denke ich und sage es auch.

Er schweigt – wer hätte gedacht, dass er das kann? – verdutzt. „Ja, nein, ich meine, ihr nutzt andere Sinne.“

„Ja, das stimmt“, antworte ich in der Hoffnung, auf sicheres und vertrautes Smalltalk-Terrain gelangt zu sein. „Wenn ich an einer Kreuzung bin, dann höre ich an den parallel anfahrenden Autos, dass ich Grün habe.“

„Schon klar. Du kannst bestimmt auch hören, wie ich aussehe“, fragt Jürgen die für einen Sehenden nicht allzu ungewöhnliche Frage.

„Nein, und es interessiert mich auch nicht. Wie jemand aussieht, spielt für mein Leben keine Rolle.“

„Das ist toll!“, findet Jürgen.

Kann nicht mal die Bedienung kommen, denke ich.

Er will nicht hören, dass blinde Menschen so unterschiedlich wie sehende sind

„Dieser ganze oberflächliche Quatsch ist euch egal! Wären doch alle Menschen so!“ Jürgen schwärmt. „Du siehst das Wesentliche. Sei froh, dass du den ganzen Scheiß nicht angucken musst. Du siehst, welche Menschen gut sind“, frohlockt er. Und ich bin mir sicher, dass er sich für gut hält.

Ich wünsche mir den guten Menschen herbei, mit dem ich hier verabredet bin.

Ich setze an, Jürgen auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Aber da will er gar nicht hin. Er will nicht hören, dass blinde Menschen so unterschiedlich wie sehende sind, dass die einen wissen wollen, wie jemand aussieht, die anderen nicht, dass die einen musikalisch sind, die anderen nicht, dass die einen voll integriert, die anderen lieber unter sich sind, dass die einen oberflächlich und die anderen weltoffen sind. Jürgen holt lieber zum finalen Schlag aus:

„Ich bin mir sicher, ihr könnt hellsehen!“

Jetzt bin ich verdutzt. Nach einer Pause bricht sich meine Verwirrung in einem kraftvollen Lachen bahn. Ich lache und lache, immer lauter.

„Nein, wirklich“, versucht Jürgen zu begründen. Aber ich kann ihm nicht mehr zuhören. Ich zittere, bebe vor Lachen. Hellsehen. Was kommt noch? Mit Tieren sprechen? Gold scheißen?

„Hier ist ja eine tolle Stimmung“, sagt die weiche, klare Stimme, die sich heute in Rosenduft hüllt. Die zarte Hand des guten Menschen, mit dem ich verabredet bin, streicht über meine Wange. Und ich schwöre mir, nächstes Mal nicht zu früh hier zu sein.

 

Dieser Text erschien zuerst im Blog „Blind-PR“ von Heiko Kunert

Eine Lesung des Autors gibt es auf Audioboom.com

 

Linktipps:

Schulbesuche mit dem Blindenführhund. Mirien Carvalho Rodrigues über die Unbefangenheit bei ihren Begegnungen mit Kindern

Behinderung ausgeblendet. Mirien Carvalho Rodrigues über Begegnungen in ihrem Job, bei denen ihre Blindheit kein Thema ist

Tanzende Herzen. Mareice Kaiser und Anastasia Umrik über ihre erste Begegnung – aus ihrer jeweiligen Perspektive

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Lernen im Stadion - ganz inklusiv

Als erster Bundesliga-Verein eröffnete Borussia Dortmund 2009 den "Lernort Stadion". Das Ziel: Schüler für gesellschaftliche und politische Themen sensibilisieren. Ab sofort ist das Angebot in Dortmund auch inklusiv. Neben barrierefreien Räumlichkeiten und Lehrstoffen wird das Thema Inklusion auch inhaltlich thematisiert.

Jubeln für Inklusion im Dortmunder Stadion.

Ein Junge in der U-Bahn. Zwei Halbstarke kommen vorbei, wollen sein Handy. Sie fangen an zu schubsen und zu treten. "Was würdest du tun? Wie kannst du in einer solchen Situation helfen?" fragt Johannes Böing vom BVB Lernzentrum an diesem Morgen. Vor ihm sitzen etwa 20 Mädchen und Jungen der siebten Klassen der Berger Feld Gesamtschule und der Glückauf-Schule aus Gelsenkirchen. In den Gesichtern Aufmerksamkeit, die Situation scheinen viele so oder ähnlich schon mal miterlebt zu haben.

Themen, die alle angehen

Es geht um das Thema Zivilcourage in diesem gelb-schwarz hergerichteten Raum unterhalb der Südtribüne im Dortmunder Allerheiligsten – dem Signal Iduna Park. Borussia Dortmund war 2009 der erste Bundesliga-Verein, der einen "Lernort Stadion" für Schüler eröffnete. Der Plan so einfach wie wirksam: Die Faszination des Bundesliga-Stadions nutzen, um mit Jugendlichen über anspruchsvolle Themen aus der Politischen Bildung ins Gespräch zu kommen.

Dortmunder Projekt als "Leuchtturm"

Seitdem sind insgesamt zwölf Lernorte in Bundesliga-Stadien entstanden. "Ein Leuchtturm unserer Arbeit", sagt Stefan Kiefer. Der Vorstandsvorsitzende der Bundesliga-Stiftung ist an diesem Morgen zusammen mit Borussia Torwart-Legende Teddy de Beer und Aktion Mensch-Vorstand Armin v. Buttlar nach Dortmund gereist, um der Lerneinheit über Zivilcourage zu lauschen. Dank einer Partnerschaft mit der Aktion Mensch können die zwölf Lernzentren nun inklusiv arbeiten.

"Besondere Verantwortung"

Und so übersetzt an diesem Morgen (19.05.2015) ein Gebärdensprach-Dolmetscher die Lerneinheit für eine Handvoll hörgeschädigter Mädchen und Jungen der inklusiven Gesamtschulklasse. "Die Bundesliga hat da eine besondere Verantwortung, wenn es um Inklusion geht", so Kiefer. Und Borussia-Dauerkartenbesitzer Armin v. Buttlar stellt die besondere Leidenschaft in diesem Verein heraus: "In Dortmund herrscht eine so große Euphorie. Das ist eine tolle Plattform für das Thema Inklusion. Dieser inklusive Lernort hier in Dortmund kann dazu beitragen, dass sich Mädchen und Jungen mit und ohne Behinderung ganz natürlich begegnen!" Künftig sollen auch die Lerninhalte um das Thema Behinderung und Inklusion erweitert werden.

Training, Rollenspiele und Emotionen

Für Torwart-Legende Teddy de Beer, der zum Abschluss noch eine kleine Übungseinheit mit den Jugendlichen auf dem Rasen hinlegt, ein guter Plan. Er sagt: "Schauen wir doch nicht immer zuerst auf den Rollstuhl. Viel wichtiger ist doch der Mensch, der drinsitzt!"

Die Jugendlichen aus Gelsenkirchen jedenfalls haben an diesem Tag in Rollenspielen erarbeitet, wie man einem zur Seite stehen kann, der bedroht wird. Ein Mädchen sagt: "Nicht alleine hingehen, Hilfe holen. Aber etwas tun kann jeder." Der Lernort Stadion: Mal einen Tag ohne Schule an einem Ort voller Emotionen. Und das ab jetzt auch noch inklusiv.

 

Pressemitteilung: Teddy de Beer, die Aktion Mensch und die Bundesliga-Stiftung setzen sich für Inklusion im Lernort Stadion ein

mehr zum Projekt "Lernort Stadion" auf den Seiten der Robert Bosch Stiftung

Infos zum "Lernort Stadion" bei der Bundesliga-Stiftung

Themenfeld Inklusion und Sport

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Von unvergessenen Begegnungen

Geschichten über Menschen aber auch gesellschaftliche Entwicklungen und Barrieren, durch die Begegnungs-Momente erst geschaffen werden – die Beiträge zu unserer Blogparade sind vielseitig und bunt. Hier findet ihr einen Überblick über die Texte, die teilgenommen haben.

Welche Begegnungen haben dich besonders berührt? Können technische Entwicklungen mehr Begegnungen ermöglichen? Was müsste sich in der Gesellschaft ändern, damit Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung ganz selbstverständlich zum Alltag dazu gehören? Diese Fragen haben wir im Rahmen unserer Blogparade zum Thema „Begegnung“ in den Raum geworfen und ihr habt mit persönlichen, berührenden und nachdenklichen Texten geantwortet. Danke dafür!

Hier die Ergebnisse in Kurzform:

"Teil meiner schönen Erinnerungen ist auch Mareike: Vor allem das Lachen jener Klassenkameradin, das mir wundersamer Weise auch noch heute präsent ist." So beschreibt Nico Lindner in seinem Blog die Gedanken über seine ehemalige Schulkameradin mit Glasknochen.

"Ein warmer Farbton meiner Gedanken an die Grundschule" im Blog Papa mit Hut

Auch im Text von Glucke geht es um eine persönliche Begegnung. Die Bloggerin schreibt über ein Gespräch mit einem Kollegen, das sie bewegt hat.

"Eine unvergessene Begegnung" im Blog Glucke und so

Von der Schulzeit, über die Pubertät bis zur Gegenwart: Nadine Lormis blickt in ihrem Beitrag auf einige persönliche Begegnungen mit Menschen mit Behinderung zurück.

"#begegnet_in meinem Leben" auf dem Blog NaLos_MehrBlick

Begegnungen können aber auch verstörend und verletzend sein. Zum Beispiel, wenn ein Mensch mit Behinderung angestarrt wird oder intime Fragen über sich ergehen lassen muss. Von solchen Erfahrungen schreibt Tina Franziska Paulick in ihrem Blog.

"Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen in der Öffentlichkeit" auf dem Blog Tina Franziska Paulic

Im Text von Domingos de Oliveira geht es darum, wie wir gemeinsam Barrieren überwinden können und diese sogar zum Anlass nehmen können, um anderen Menschen zu begegnen.

"Barrieren schaffen Begegnung" im Blog Blind-Text

Grosch.co schreibt in seinem Blog-Artikel darüber, welche Rolle sprachliche Ausdrücke bei Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung spielen können.

"Behinderte schlägt man nicht" im Blog Grosch.co

Die Bertelsmann Stiftung nimmt das Thema zum Anlass, um über inklusive, berufliche Bildungsangebote zu schreiben, bei denen es zu Begegnungen kommt.

"Inklusive Ausbildung – Umsetzungsstrategien für Betriebe, Politik, (Berufs-)Schulen und Fördereinrichtungen" im Blog der Bertelsmann Stiftung

"Die Menschen sprechen ausschließlich mit Alex, selbst dann, wenn es um mich geht. Oft sogar besonders dann, wenn es um mich geht." Über Begegnungen mit anderen als inklusives Paar schreibt Georg im Blog Beziehungstat, den er zusammen mit seiner Frau Alex schreibt.

"Begegnung durch den Filter" auf dem Blog Beziehungstat

Alex Killbite schreibt von der Begegnung mit der jetzt so bekannten finnischen Punkband PERTTI KURIKAN NIMIPÄIVÄT und lässt uns an dem Interview mit der Band, das bereits vor einigen Jahren entstanden ist, teilhaben.

"Punks gegen Popper: Die ultimative Entscheidung! " auf dem Blog Alex Will Bite

Raul Krauthausen hat für die Blogparade einen älteren Beitrag aus der Schublade geholt. "Warum kann er nicht laufen?" Kinder haben viele Fragen. Auch bei einer Begegnung mit Menschen mit Behinderung. Wie Eltern bei solchen Fragen reagieren sollten, erklärt Raul in seinem Blog.

"10 Dinge, die alle Eltern ihren Kindern über Behinderungen beibringen sollten" auf dem Blog Raul Krauthausen

 

Hier im Aktion Mensch-Blog sind ebenfalls Beiträge zum Thema Begegnungen erschienen:

Behinderung ausgeblendet

Treffen, entdecken und tanzen in Schwelm

Szenen aus dem Leben mit einem behinderten Kind

Samba, Luftballons und bunte Vielfalt

Begegnungen mit der Zukunft

Mehr Begegnungen, bitte!

Mit dem Rolli um die Welt

Begegnung ohne Barrieren

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Inklusion

Behinderung ausgeblendet

Die blinde Bloggerin Mirien Carvalho Rodrigues musste schon oft in ihrem Leben gegen Vorurteile anrennen. In ihrem Job als Dolmetscherin erlebt sie dagegen inzwischen viele Situationen, in denen ihre Behinderung kein Thema ist, sondern allein ihre berufliche Professionalität, Kompetenz und Verlässlichkeit geschätzt wird.

Frankfurter Buchmesse: „Willkommen im Team“

Alexander Heimann / Frankfurter Buchmesse

„Mirien, kann ich meinen Pass wohl im Hotel lassen?“ „Was sollte ich meinen Kindern aus Deutschland mitbringen?“ „Wie lange wird die Veranstaltung dauern?“

Sie fragen mich, denn ich bin ihre Dolmetscherin, und sie sind meine Kunden. Sie kennen sich in Deutschland nicht aus, sind aufgeregt vor ihrer Rede oder dem Geschäftsessen, haben bei mir ein Gefühl von Sicherheit, da ich ihre Sprache beherrsche.

Für mich sind derlei Situationen nie zur Normalität geworden. Noch immer fühlen sie sich wie kleine Wunder an, bilden sie doch einen krassen Gegensatz zu dem, was sich durch meine Kindheit in einer westfälischen Kleinstadt zog. Dort waren Begegnungen an der Tagesordnung, bei denen ich stocksteif neben den anderen stand, weil ich schon wusste, dass man wieder mit Eltern und Nachbarn über mich statt mit mir sprechen würde. Eine der wenigen Ausnahmen bildete eine Nachbarin, die mich im Alter von 16 noch immer fragte, was sie das zweijährige Kind gefragt hatte: Na? Wer bin ich?

Nach der Uhrzeit konnte man mich nicht fragen – die Uhr an meinem Handgelenk trug ich wohl nur als Deko; nicht einmal auf das Wetter sprach man mich an, denn ich konnte ja den blauen Himmel nicht sehen. Dann erstarrte regelmäßig alles in mir zu Eis, ich fühlte mich so leer, wie die anderen mich sahen.

Einsatz auf der Frankfurter Buchmesse

„Mirien, könntest du eine Veranstaltung mit einem der gefragtesten Autoren während der Buchmesse für mich übernehmen? Und da ist auch noch eine Anfrage für eine Live-Sendung am selben Abend.“ Mein Herz rast. Ich bin dabei. Brasilien ist Gastland bei der Frankfurter Buchmesse, und ich gehöre zum Dolmetscherteam. Lange vorher hatte ich mir gewünscht, ein aktiver Teil dieser kulturellen Großveranstaltung zu sein. Als dann von einem der Hauptorganisatoren das schlichte und unkomplizierte „Willkommen im Team“ aus dem Telefonhörer kam, war die Freude enorm. In diesem Moment dachte niemand an meine Blindheit. Der Anrufer brauchte noch eine qualifizierte Dolmetscherin, der er bedenkenlos auch bekanntere Autoren anvertrauen konnte, und ich war verfügbar, war geeignet und hatte große Lust zu dem Auftrag.

Während der gesamten Messe sammelte ich unendlich viele bereichernde Begegnungen, die mir heute noch Rückhalt geben, wenn ich wieder einmal gegen Vorurteile anrennen muss.

Da waren Schriftsteller, mit denen ich locker über Literatur, gesellschaftliche Probleme Brasiliens oder das Reisen plauderte, Menschen aus dem Publikum, die sich für meine Arbeit herzlich bedankten, und etliche hilfreiche Geister, die mir und meiner Assistenz auf der Messe immer wieder den Weg wiesen und mich herzlich begrüßten, wenn sie mich wiedererkannten. Einmal bot mir ein netter Techniker statt eines Standmikrophons ein Headset an. Er meinte, ich müsste dann nicht ständig nach dem Mikrophon tasten. Gut mitgedacht, vielen Dank! Auch das ging einfach so, ganz natürlich, ohne dass er sich anschließend für seine gute Tat des Tages auf die Schulter geklopft hat.

Vertrauen in Professionalität

Solche Erlebnisse sind weit mehr als berufliche Erfolge und nette Begegnungen, wenn man wie ich gegen so viele Mauern anrennen und auch höchst unerfreuliche Begegnungen verdauen musste, die mein Selbstwertgefühl ganz schön herausfordern. Einmal fragte mich während des Studiums etwa eine Kommilitonin: „Warum machst du das alles überhaupt? Du findest doch garantiert nie Arbeit.“

Doch irgendwann kam Milton, der erste Kunde aus der freien Wirtschaft. Ich nahm die Herausforderung an und erwähnte meine Behinderung erst, als sämtliche Konditionen vereinbart waren. Schließlich musste er wissen, dass ich eine Assistenzperson mitbringen würde. Würde der Kunde einen Rückzieher machen, wie es mir so mancher in meinem Umfeld ungefragt prophezeite? Er machte keinen. Er reiste an, wir begrüßten uns, führten ein ausführliches Vorgespräch. Ich erledigte meine Arbeit für ihn und bekam dafür sein vollstes Vertrauen. Die Themen beim abschließenden Abendessen richteten sich ganz nach den Interessen des Kunden, sie reichten von Immobilienpreisen bis zum neuesten ICE-Modell. Milton stellte nicht eine Frage zu meiner Blindheit. Ich erinnere mich, das zunächst befremdlich gefunden zu haben, so sehr war ich es gewohnt, auf dieses Thema beschränkt zu werden. Doch nichts – keine Bewunderung dafür, dass ich trotz alledem diesen Beruf ausübte, keine Fragen nach meinem Braille-Notizgerät, keine Indiskretionen über meine Fähigkeit, allein zu leben. Stattdessen Vertrauen in meine Professionalität, Kompetenz und Verlässlichkeit, und ehrlicher Dank für eine souveräne Begleitung, die dem aufgeregten Geschäftsmann und Familienvater Sicherheit in einem fremden Land gegeben hatte.

Eine Wohltat für beide Seiten.

 

Linktipps:

Schulbesuche mit dem Blindenführhund. Blogbeitrag von Mirien Carvalho Rodrigues über die Unbefangenheit bei ihren Begegnungen mit Kindern

Tanzende Herzen. Mareice Kaiser und Anastasia Umrik über ihre erste Begegnung – aus ihrer jeweiligen Perspektive

Auf einen Abend in der Sushi-Bar. Blogbeitrag von Wiebke Schönherr über ein Treffen von drei besten Freundinnen – von denen eine Rollstuhl fährt

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Mein Papa kommt!

Ein Vater übernachtet im Auto. Eine Mutter auf dem Hauptbahnhof. Wenn Eltern nach einer Trennung nicht in derselben Stadt wie Sohn oder Tochter leben, werden Besuche kompliziert. Die Initiative „Mein Papa kommt“ vermittelt getrennt lebenden Vätern und Müttern ehrenamtliche Gastgeber, die ein Bett für sie haben und ein offenes Ohr.

Foto: Miguel Perez / Flechtwerk

Jedes zweite Wochenende packt Josef seine Reisetasche, steigt ins Auto und fährt die 400 Kilometer von Luzern nach München. Dort wartet sein zweijähriger Sohn auf ihn, der bei der Mutter lebt. Dann haben Josef und Lukas den ganzen Samstag und halben Sonntag, um zusammen zu spielen, Ausflüge zu machen, um ganz einfach Vater und Sohn zu sein. Dass die beiden sich so regelmäßig sehen können, hat viel mit Karin und Peter zu tun. Bei dem Münchener Ehepaar kann Josef übernachten, wenn er Lukas besucht. Da das Geld für ein Hotel fehlte, hatte Josef zunächst noch bei seiner Ex-Partnerin übernachtet. Er erinnert sich: „Das war für alle Beteiligten belastend. Es war schnell klar, dass das so nicht funktioniert.“ Bei seinen Gastgebern findet Josef seit einem Jahr nicht nur ein Bett, sondern auch zwei herzliche End-Vierziger, mit denen man sich wunderbar unterhalten kann und die bei den manchmal schwierigen Besuchen in München Halt geben. „Ich erlebe hier eine wahnsinnige Unterstützung. Das ist wirklich großartig!“, so der 40-jährige Vater.

Eine Begegnung auf dem Parkplatz

Das Projekt „Mein Papa kommt“ hat Josef mit seinen Gastgebern zusammengebracht. Die Idee, getrennt lebenden Vätern den Besuch beim Nachwuchs und damit überhaupt eine Beziehung zu ermöglichen, stammt von Annette Habert. Ein Junge sprach die Religionspädagogin auf einem Supermarkt-Parkplatz an. Sein Vater besuche ihn nur im Sommer, weil er im Auto schlafen muss und fragte, ob sie nicht etwas tun könne. Die Begegnung ließ Habert nicht mehr los. Wenige Jahre später gibt es die Flechtwerk 2+1 gGmbH, die dafür sorgt, dass Josef und 426 andere Eltern nicht in ihrem Auto übernachten müssen, wenn sie ihr Kind sehen wollen.

Coaching für die Eltern hilft auch den Kindern

Wer sich als Vater oder Mutter bei „Mein Papa kommt“ anmeldet, bekommt auch Unterstützung bei Fragen rund um die Besuche beim Kind in Form eines Telefon-Coachings: Was, wenn mein Kind nicht mit mir telefonieren will? Wie stellt man Nähe her, wenn man sich lange nicht gesehen hat? Wenn es angefragt wird, findet das Coaching auch per Skype mit einem Gebärdendolmetscher statt. Und wenn jemand eine rollstuhlgerechte Unterbringung benötigt, wird auch diese gefunden. Annette Habert formuliert es ganz pragmatisch: „Wo das Leben uns hinschickt, sind wir da!“

Wer mitmachen möchte – egal, ob als Familie, Single, Ehepaar jeden Alters – kann sich auf der Webseite von „Mein Papa kommt“ anmelden.

Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch nach seinen individuellen Möglichkeiten selbstbestimmt leben und am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann. Dieses selbstverständliche Miteinander erreichen wir nur, wenn sich möglichst viele Menschen für eine inklusive Gesellschaft einsetzen und sie mitgestalten – zum Beispiel durch freiwilliges Engagement. Die Aktion Mensch bietet mit ihrer Freiwilligen-Datenbank einen Überblick über die zahlreichen Möglichkeiten: Menschen mit und ohne Behinderung können aus mehr als 16.000 Angeboten  das passende Engagement auswählen.



Weitere Ideen für inklusives Engagement finden Sie in der Freiwilligen-Datenbank.

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Inklusion

Treffen, entdecken und tanzen in Schwelm

Stadtrundgang, Infostand und inklusives Kunstprojekt. Schwelm feiert seinen Aktionstag unter dem Motto „#begegnet_in“ anlässlich des Europäischen Protesttages zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung.

Aktionstag-Organisatoren Stephanie Gaffron und Frank Sprock: Selfie für die Aktion Mensch-Fotoaktion

„Komm hol‘ das Lasso raus“, schallt es am Freitagmorgen um 11 Uhr durch die Schwelmer Fußgängerzone. Um die Tanztruppe der Lebenshilfe-Dancers, bestehend aus etwa 20 Frauen und Männern mit geistiger Behinderung, hat sich eine Zuschauer-Traube gebildet. „Massig voll hier“, freut sich Frank Sprock, der am Infostand der Lebenshilfe steht und den Aktionstag am 8. Mai mitorganisiert hat. Und Rainer Bücher, Geschäftsführer der Lebenshilfe Ennepe-Ruhr/Hagen, meint: „Der Aktionsstand in der Fußgängerzone, gleich neben dem Markt, ist ideal. Hier kommt es ganz automatisch zu Begegnungen.“

Tatsächlich tummeln sich am Aktionsstand Marktbesucher, Einkaufsbummler, Menschen mit und ohne Behinderung. Es entwickeln sich Begegnungen und Gespräche, die sonst im Alltag selten sind. Die Leute können sich zum Thema Inklusion und Barrierefreiheit und über die Angebote der Lebenshilfe informieren. Selbstgebackene Waffeln sowie warme und kalte Getränke, die kostenlos oder gegen eine kleine Spende verteilt werden, sind eine gute Grundlage für die anstehende Stadttour, die um 12 Uhr startet.

Barrierefreiheit unter die Lupe genommen

Beim Rundgang durch die Schwelmer Innenstadt nehmen Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam die Angebote der Stadt unter die Lupe: Kann die Lieblingseisdiele barrierefrei mit einem Rollstuhl befahren werden? Wo findet man die neuen breiten Behindertenparkplätze, die die Stadt angelegt hat? Und wo stehen die neuen Sitzbänke für Menschen mit Gehbehinderung?

Unsere Stadtführerinnen sind Stephanie Gaffron, die mit ihrem Elektro-Rollstuhl die Route vorgibt, und Christiane Sartor, die stellvertretende Bürgermeisterin von Schwelm. Die beiden machen die Tour-Teilnehmer auf Orte aufmerksam, an denen Barrieren abgebaut wurden. Zum Beispiel die Buchhandlung Köndgen, die direkt neben dem Eingang eine technisch aufwendige Liftanlage für Rollstuhlfahrer oder Kinderwagen installiert hat. Oder die „Hirsch Apotheke“, die man barrierefrei durch eine moderne Automatiktür erreicht. Und auf Orte, wo der Abbau der Barrieren noch auf sich warten lässt. Stephanie Gaffrons Stammfriseurladen beispielsweise ist nur über eine kleine Stufe „berollbar“. „Hier muss ich mit meinem E-Rolli ordentlich Anlauf nehmen“, sagt die Stadtführerin.

Auch auf der Zielgeraden unserer Stadttour durch Schwelm zeigt sich, dass in der Kleinstadt am südlichen Rand des Ruhrgebietes längst noch nicht alles glatt läuft in Sachen Barrierefreiheit. Wir stehen vor dem Kreishaus des Ennepe-Ruhr-Kreises und sehen einen mächtigen Betonbau aus vergangener Architektur-Epoche. Und: Treppenstufen – soweit das Auge reicht. Diejenigen, die sich hier auf den Weg zum stufenlosen Seiteneingang machen, sollten vorher an ausreichend Verpflegung und gute Musik auf ihrem iPod denken. Der Weg ist lang, und unterwegs gibt es keinen Kiosk. Im Gebäude angekommen, nehmen wir den Aufzug, der uns zur Ausstellung des inklusiven Kulturprojektes „lebensgefühle“ bringen soll. „Wow“, denke ich, „gleich drei Aufzüge nebeneinander. Die können Massen von Kreishausbesuchern ‚wegschaufeln‘, ähnlich wie in den Top-Skigebieten der Alpen zwischen Weihnachten und Neujahr.“ Stephanie Gaffron ist weniger begeistert. Die Aufzüge sind derart eng, dass sie gerade eben mit ihrem E-Rolli hineinpasst. Platzangst sollte man hier als Rollstuhlfahrer besser zu Hause lassen.

Sich kennenlernen und miteinander reden

Dafür wird die beengte Liftfahrt in die erste Etage des Kreishauses mit dem Blick auf wunderschöne Kunst belohnt. Gezeigt werden rund 40 Werke, die Bewohnerinnen und Bewohner von Wohnheimen der Lebenshilfe Ennepe-Ruhr/Hagen, des Frauenheims Wengern und der AWO Ennepe-Ruhr gestaltet haben. Die phantasiereichen und farbenfrohen Bilder sind im Rahmen des zweiwöchigen inklusiven Kulturprojektes „lebensgefühle“ anlässlich des diesjährigen 5. Mai entstanden. „Das Kunstprojekt soll Begegnungen von Menschen mit und ohne Behinderung ermöglichen, ihnen Gelegenheiten bieten, sich näher kennen zu lernen und miteinander statt übereinander zu reden“, erklärt Patricia Riesner, Inklusionsbeauftragte im Schwelmer Kreishaus und Initiatorin des Projektes.

Und genau das ist in Schwelm an diesem Aktionstag gelungen.

 

Linktipps:

Blogparade zum 5. Mai: Jetzt mitmachen und über Begegnungen schreiben!

Lust auf Begegnung? Dann sei dabei und begegne Menschen mit und ohne Behinderung!

Mehr Begegnungen, bitte! Daniela Herrmann über einen Barriere-Check in der Bonner Innenstadt zum Aktionstag 5. Mai

Samba, Luftballons und bunte Vielfalt. Jan Frintert über die Parade der Vielfalt am 5. Mai in Dresden

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Inklusion

Szenen aus dem Leben mit einem behinderten Kind

Dass meine ältere Tochter nicht nur blond und hübsch, sondern auch mehrfach behindert ist, vergesse ich manchmal. Sie ist einfach so, wie sie ist. Ihre Behinderungen bemerke ich oft erst durch die Reaktionen von außen. Um auf behindernde Momente im Leben mit meiner behinderten Tochter aufmerksam zu machen, gründete ich eine Rubrik auf meinem Blog, die ich – bewusst polarisierend – „Behinderte Momente“ nenne.

Traum vom inklusiven Kitaleben: „Kein Platz für eure Tochter“

Rolf van Melis / flickr

Behinderte Momente #1

Sommer 2012, ein Garten bei Hamburg. Wir feiern den Geburtstag eines Freundes und sind froh, dass unsere Tochter mit dabei ist. Nach vielen Wochen Krankenhaus ein Hauch von Normalität. Kaiserin 1 ist fast ein Jahr alt und liegt lächelnd neben einem anderen Kind auf einer Decke im Gras, die Magensonde hängt ihr aus der Nase.

Viele Freunde sind da, es ist ein fröhliches Fest. Auch die Oma unseres Freundes ist eingeladen, eine freundliche alte Dame. Als sie unsere Tochter sieht, werden ihre Augen groß. Sie stützt die Arme in die Hüften und ruft entsetzt: „Oh Gott! Sowas gibt‘s noch!?“

 

Behinderte Momente #2

Wochenlang waren wir auf der Suche nach einem Kita-Platz für unsere behinderte Tochter. Ein integrativer Kreuzberger Kinderladen hatte uns zu einem Probetag eingeladen. Die Kommunikation per E-Mail und Telefon war sehr nett und offen. Kaiserin 1 hospitierte einen Tag lang mit ihrem Papa, während ich den Tag hochschwanger mit einer Grippe im Bett verbrachte.

Nachmittags kamen beide glücklich wieder nach Hause. Sie hatten einen tollen Tag in der Kita verbracht, und unser Traum vom inklusiven Kitaleben für unsere Tochter schien Realität zu werden. Mein Mann erzählte begeistert von den anderen Kindern und der Integrationserzieherin.

Wenige Tage später folgte ein Anruf: „Leider können wir eurer Tochter keinen Platz bei uns anbieten. Wir haben Schwellen in unserer Kita und sie wird ja in absehbarer Zeit nicht laufen können. Außerdem können wir uns das mit ihrem Cochlear-Implantat nicht vorstellen. Damit haben wir keine Erfahrung.“ Der Traum von einer Kita für Kaiserin 1 war geplatzt. Sie war zu behindert.

 

Behinderte Momente #3

Im Gespräch mit einer Ärztin, die den kranken Darm unserer Tochter operieren soll. Nachdem alle Details der bevorstehenden Operation geklärt sind, fummeln ihre Hände an den fehlgebildeten Ohren meiner Tochter herum. „Wenn ich die so sehe, zuckt es mir schon in den Händen“, meint die renommierte Chirurgin. „Ein kleiner Schnitt da, ein kleiner Schnitt hier – und schon würde sie normaler aussehen.“

 

Weitere "Behinderte Momente" gibt's im Kaiserinnenreich - dem Familienblog von Mareice Kaiser

 

Linktipps:

Behinderung versus Bedürfnis. Mareice Kaiser über ihre zwei Töchter mit „Special Needs“ – mit und ohne Behinderung

Sind Kinder mit Down-Syndrom etwas Besonderes? Carina Kühne darüber, was es eigentlich bedeutet, „besonders“ zu sein

Tanzende Herzen. Mareice Kaiser und Anastasia Umrik über ihre erste Begegnung – aus ihrer jeweiligen Perspektive

Mehr zum Thema „Behinderung im Kindesalter“ beim Familienratgeber

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Inklusion

Samba, Luftballons und bunte Vielfalt

Am 5. Mai fand in Dresden bereits zum sechsten Mal die Parade der Vielfalt statt. Menschen mit und ohne Behinderung machen damit auf ihre Situation aufmerksam.

Parade der Vielfalt: Wichtig sind die Menschen

Die Menschen hasten hektisch durch den Feierabendverkehr. Auf dem Bahnhofsplatz herrscht ein buntes Gewimmel von Leuten. Sie haben Transparente dabei und Schilder, einige tragen weiße Handschuhe, überall sind Rollstuhlfahrer zu sehen. Hier soll gleich die Parade der Vielfalt starten – zum sechsten Mal am Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung.

Soeben sind drei Läufer mit der Inklusionsfackel angekommen. Die wird heute noch an einen Dresdner Bürgermeister übergeben. Ein Mann mit Gitarre stimmt schon ein, Schilder mit einem Liedtext werden hoch gehalten. Die Dresdner werden gleich den Inklusionssong vortragen. Deshalb die vielen Leute mit weißen Handschuhen! Damit das Lied auch in der Gebärdensprache gut zu verstehen ist. Dass es ausgerechnet jetzt anfängt zu regnen, stört hier niemanden. Unzählige Schirme bedecken den Platz, der inzwischen richtig voll geworden ist.

Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt sind selten

Plötzlich stupst mich einer an. „Du hier?“ – ich sehe staunend einen Bekannten an. „Naja, ich bin ja auch so ein Behinderter“, sagt er und lacht. Das wusste ich nicht. Dann erzählt er mir von seiner psychischen Krankheit, dass er nur begrenzt belastbar ist und immer mal wieder längere Pausen machen muss. Er erzählt, dass er in einer Behindertenwerkstatt arbeitet und dass er lieber einen ganz normalen Job in einer ganz normalen Firma machen würde. Doch dass Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt einen Job finden, ist auch in Sachsen noch sehr selten. Nicht zuletzt deshalb gibt es Jahr für Jahr die Parade der Vielfalt.

Die hat sich inzwischen in Bewegung gesetzt. Eine Dresdner Samba-Truppe trommelt, was das Zeug hält, und gibt das Tempo vor. Wir schlendern mit. Ein paar Reihen weiter läuft die sächsische Kultusministerin. In Dresden ist gerade Wahlkampf und sie will Oberbürgermeisterin werden. Später wird sie noch eine Rede halten, erfreulich kurz. Wichtiger sind die Menschen in der Parade. Ein junger Mann stupst mich von hinten an. Er schlenkert mit seinem Blindenstab, schwarze Sonnenbrille auf der Nase und findet sich in dem Getümmel dieser Demonstration gut zurecht. Die Trommler haben aufgehört, Kinder lassen Luftballons zum Himmel steigen. Das sieht er nicht, aber ich höre, wie es ihm jemand berichtet. Alles ganz normal. So einfach kann Inklusion sein.

 

Linktipps:

Weitere Informationen zur Parade der Vielfalt in Dresden

Der Aktionsfinder zum 5. Mai: Finde Aktionen in deiner Nähe!

Mehr Begegnungen, bitte! Daniela Herrmann über einen Barriere-Check in der Bonner Innenstadt zum Aktionstag 5. Mai

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Inklusion

Begegnungen mit der Zukunft

Welche Rolle spielen technische Entwicklungen für Inklusion? Und was muss sich in der Gesellschaft verändern, damit Teilhabe und Inklusion gelingen? Unter anderem über diese Fragen wurde bei den von der Aktion Mensch organisierten Panels auf der re:publica 2015 diskutiert.

Graphic Recording der re:publica-Session „Auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft“

Graphic Recording: Susanne Asheuer

Technologie für alle funktioniert nur, wenn wir voneinander lernen und Menschen mit Behinderungen zuhören. Das sagt Tom Bieling, Panel-Speaker in unserer SessionInklusion/Exklusion: Eine Frage der Technik?“. Der Designforscher lehrt an der Berliner Universität der Künste. Im Design Research Lab hat er mit seinem Team einen Sensor-Handschuh entwickelt, mit dem taubblinde Menschen auch auf Distanz „lormen“ können. Das Tastalphabet funktioniert ansonsten nur bei physischer Anwesenheit des Gesprächspartners. Interessant ist seine Feststellung, dass Design auch Behinderung designt. Auf Nachfrage aus dem Publikum verweist er auf die Brille: Das Design der Brille zeugt von dem Umgang mit der Sehschwäche. Man kann sie mit Kontaktlinsen zum Verschwinden bringen, ein unauffälliges Gestell wählen oder aber bewusst eine auffällige Brille tragen.

Gesetzliche Regelungen für barrierefreie Webseiten?

Eine weitere Panel-Speakerin ist Katja Fischer, Hochschuldozentin und Trainerin für Deaf Studies und Gebärdensprachdolmetschen. Selbst gehörlos, macht sie auf den Aspekt aufmerksam, dass Gehörlose oftmals Treiber von Technologien sind, etwa von SMS oder Skype. Rund 15 Millionen Menschen in Deutschland haben eine Hörbehinderung. Und nicht allein deshalb lohnt es sich, Technologie für alle zu denken, meint Katja Fischer. In einer zunehmend alternden Gesellschaft komme diesem Thema ohnehin eine immer größere Bedeutung zu. Hier können alle voneinander lernen und von Vielfalt und unterschiedlichen Erfahrungen profitieren. Gesetzliche Regelungen wie die BITV 2.0 könnten dabei hilfreich sein, bemerkt Katja Fischer auf eine Frage aus dem Publikum, wie man Achtsamkeit und Dringlichkeit etwa für barrierefreie Webseiten erzeugen könne. Richtlinien allein würden aber oft als nicht zwingend wahrgenommen.

Wer entscheidet, was „normal“ ist?

„Eine scheinbar wissenschaftliche Methodik verändert die Behandlung und Wahrnehmung von Menschen. Das ist rationale Diskriminierung.“ Unsere zweite Diskussionsrunde hat das Thema „Auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft“. Der Soziologe Stefan Selke beschäftigt sich mit der digitalen Selbstverbesserung und Selbstvermessung des Menschen etwa durch Fitnessarmbänder, Gesundheits-Apps und Smartwatches. Dies seien Technologien, die Werte und Kultur verändern – und zwar nicht in einem positiven Sinne.

Indem mithilfe von vermeintlich objektiven Kennzahlen definiert wird, was „normal“ oder „richtig“ ist, wird eine gesteigerte Sensibilität für Abweichungen von dieser Norm erzeugt. Abweichungen werden als „fehlerhaft“ wahrgenommen. Als Beispiele führte Selke etwa die Leistungsvergleiche am Arbeitsplatz, das Prämiensystem im Gesundheitsbereich oder das Punktesystem in der Bildung an. Selkes These: Die Selbstvermessung und die Auswertung dieser Daten durch andere führt zu einer verflachten Vorstellung und zu einer Entpersönlichung des Menschen, der künftig aktiv beweisen muss, dass er nützlich und „normal“ ist.

Individualität der Menschen wertschätzen

Dieser pessimistischen Ansicht schließen sich Christiane Link, Jeanette Gusko (change.org) und Katja de Bragança (u.a. Gründerin des Magazins Ohrenkuss) nicht an. Sie denken, das Sammeln von Informationen kann das Leben von Menschen mit Behinderung durchaus vereinfachen. Christiane Link erzählt beispielsweise, dass sie Foursquare nutzt, um anhand der Bewegungsprofile anderer Rollstuhlfahrer ihre Reisen besser zu planen. Dennoch sei wichtig, dass die Individualität der Menschen dabei nicht in den Hintergrund tritt und jeder Einzelne wertgeschätzt wird, so wie er ist. Gleichmacherei mithilfe von Technologie kann kein Weg sein – darin sind sich alle einig.

 

Linktipps:

Inklusion durch Technik? Tom Bieling in MENSCHEN. das magazin über technische Hilfsmittel und gesellschaftliche Teilhabe

Unbehindert aktiv. Domingos de Oliveira über neue Ideen im Internet von und für Menschen mit Behinderung – und die mangelnde Barrierefreiheit von Online-Tools

Mobile Innovationen. Interview mit Matthias Lindemann zum Thema: „Technologieentwicklung und digitale Kommunikation“ beim Zukunftskongress „Inklusion 2025“

Spenden und Crowdfunding: Auf dem Weg zu community-finanzierten Hilfsmitteln. Domingos de Oliveira über neue Wege zur Entwicklung von Hilfsmitteln

re:publica

Die re:publica versteht sich als „einer der weltweit wichtigsten Events zu den Themen der digitalen Gesellschaft“. Das Programm setzt sich aus Vorträgen, Diskussionsrunden und Workshops zusammen.

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