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Inklusion

Das große Schweigen: One Night Stands im Rollstuhl

Google weiß nicht nur alles, noch besser ist eigentlich, dass Google immer jemanden auf der Welt kennt, der genau das gleiche Problem hat wie man selbst. Aber umso einsamer fühlte ich mich, als mir Google eines Abends niemanden zeigen konnte, der die gleichen Fragen hat wie ich.

@tone / flickr.com

Wenn man das Wort One Night Stand in Google eingibt, erhält man Millionen von Treffern und gleich auf der ersten Seite mindestens 50 Regeln, die man dabei unbedingt beachten sollte. Man könnte jetzt darüber streiten, ob man die wirklich alle braucht, aber es scheint also zumindest ein Thema zu sein, zu dem es ziemlich viel zu sagen gibt.

Fügt man zu seiner Suchanfrage aber das Wort „Rollstuhlfahrer“ hinzu, gibt es plötzlich nur noch knapp 200.000 Treffer. Na gut, das lässt sich noch damit erklären, dass man seine Suche nun eindeutig auf die deutsche Sprache und eine bestimmte Zielgruppe eingrenzt hat. So richtig ernüchternd wird es aber, wenn man erkennt, dass sich nur ganze drei Beiträge überhaupt irgendwie mit dem Thema auseinandersetzen, während alle anderen auf andere Themen rund um Behinderungen ausweichen.

Keine Tipps, keine Erfahrungen 

Der aktuellste Beitrag ist eine Forumsdiskussion, die mehr als drei Jahre alt ist und sich um die Frage dreht, ob es für nicht behinderte Menschen moralisch in Ordnung ist, mit Menschen mit Behinderung Sex zu haben. Das ist alles, was man findet.

Keine Tipps, keine Regeln, keine Erfahrungen von anderen Menschen im Rollstuhl.

Heißt das also gleichzeitig, dass Menschen im Rollstuhl keine One Night Stands haben? Für die meisten Menschen ohne Behinderung wahrscheinlich eine durchaus realistische Vorstellung. Aber die Wahrheit ist, auch mit Rollstuhl ergeben sich immer wieder Gelegenheiten, und es würden sich sicher noch mehr Gelegenheiten ergeben, wenn wir uns endlich darüber austauschen würden.

Diese Antworten gibt es in keiner Zeitschrift

Das große Schweigen verunsichert, egal wie aufgeschlossen man selbst eigentlich ist. Früher oder später kommen die Zweifel: Bin ich für den anderen vielleicht nur ein Fetisch? Ist das nicht doch irgendwie alles zu gefährlich? Wie organisiere ich das mit der Assistenz drum herum? Die Antworten auf diese Fragen gibt es in keiner Zeitschrift oder keinem anderen Ratgeber. Das mag vielleicht nicht weiter verwunderlich sein, aber dass nicht mal Google Antworten darauf hat, ist schon ein bisschen schockierend. Wir sind schließlich schon längst die Generation, die sich für den Gipfel der Aufgeklärtheit und der Tabulosigkeit hält.

Mag sein, dass ich viel verlange, schließlich müssen sich viele Menschen noch überhaupt an den Gedanken gewöhnen, dass Menschen mit Behinderung durchaus Sex haben. Dass dies aber nicht nur innerhalb einer Beziehung möglich ist, wird in den meisten Überlegungen konsequent ausgeblendet. Umso wichtiger ist es, dass wir selbst anfangen, darüber zu reden, um Erfahrungen und Antworten zu sammeln. Schließlich ist es am Ende doch bei allen Menschen wieder gleich: Man bereut irgendwann am meisten die Dinge, die man sich nicht getraut hat.

 

Linktipps:

Mehr zum Thema Sexualität und Behinderung beim Familienratgeber

Behinderung und Sexualität: Noch immer ein Tabu. Heiko Kunert über Behinderungen von Sexualität

Sex and the wheelchair. Petra Strack über die Sexualität von Frauen mit Behinderung

Knutschen wie im Kino. Raúl Krauthausen über Berührungsängste beim Thema Beziehung, Partnerschaft, Sex und Behinderungen

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Freiwilliges Engagement

Die Gipfelstürmer von Kreuzberg

Auch Kinder, die in der Stadt groß werden, sollen Abenteuer erleben. Das haben sich die „Stadtcamper“ in Berlin-Kreuzberg auf die Fahnen geschrieben. Marietta, Kostja oder Ali haben es schon ausprobiert und wollen nicht mehr ohne.

Foto: CC BY 2.0 / Marcus Hansson / Flickr

Es ist eine bunte Truppe, die sich jeden Freitagnachmittag in der Axel-Springer-Straße trifft. Da sind Marietta und Katharina, die beiden Schwestern von nebenan, Ali mit seiner Einzelfallhelferin, Sabri und Kostja, die sich lautstark mit Tierlauten begrüßen und sich dabei schlapp lachen oder der zurückhaltende Sebastian, der seine Umwelt hoch konzentriert beobachtet.

Kleine und große Fluchten aus dem Alltag

Wenn sich die jungen Camper, die zwischen 9 und 15 Jahren alt sind, einmal in der Woche treffen, spielen sie Fußball, klettern an einer speziellen Wand im Nachbarhof, besuchen Indoor-Klettergärten oder machen kleine Kanutouren. Die Organisation übernimmt der Verein Integrationsprojekt, der schon diverse inklusive Angebote für die Nachbarschaft geschaffen hat.

Highlight sind die Ferienfreizeiten zum Beispiel in der Sächsischen Schweiz: eine Woche lang Kletterkurs in den Sandsteinfelsen, zelten, gemeinsam kochen, Lagerfeuer und Stockbrot. Marietta (9) und ihre drei Jahre ältere Schwester waren schon öfter dabei und lieben die Zeit jenseits von Großstadt, Verkehrschaos und Schulstress.

Alle können mitbestimmen

Diese kleinen Fluchten aus dem Alltag machen nicht zuletzt Freiwillige wie Michael möglich. Der 27-Jährige ist selbst jahrelang Teilnehmer auf den Freizeiten gewesen. Mit 16 machte er dann seinen Jugendgruppen-Leiterschein und wurde zum Teamer. Er ist der Kletterexperte im Team, kümmert sich um die Ausrüstung und sichert Sabri, Yaren, Kostja oder Celina mit dem Seil, wenn sie an der Kletterwand in zehn Meter Höhe hängen. Seine Motivation bringt er ganz unprätentiös auf den Punkt: „Ich will Kindern die Möglichkeit geben, Sachen zu machen, die sie sonst nicht machen könnten.“ Auch viele ehemalige FSJlerinnen engagieren sich weiterhin ehrenamtlich im Verein und ermöglichen so Projekte, die sonst kaum durchführbar wären.

Warum so viele Freiwillige dem Verein treu bleiben? Einmal natürlich, weil sie die gemeinsame Zeit mit den Kindern und Jugendlichen genießen. Darüber hinaus macht das Integrationsprojekt e.V. eine entscheidende Sache richtig: Der Verein, den Ede Glittenberg 1987 in Kreuzberg gegründet hat und bis heute leitet, versteht sich als ausdrücklich basisdemokratisch. Mitreden können hier nicht nur die hauptamtlichen Mitarbeiter, sondern auch die freiwillig Engagierten. Sie sind in den Gremien vertreten, die über die Verteilung der finanziellen Mittel entscheiden und können so direkt mitbestimmen, welches Projekt welche Ausstattung bekommt. Das funktioniert hervorragend und kann Vorbild für andere Freiwilligen-Organisationen sein.

Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch nach seinen individuellen Möglichkeiten selbstbestimmt leben und am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann. Dieses selbstverständliche Miteinander erreichen wir nur, wenn sich möglichst viele Menschen für eine inklusive Gesellschaft einsetzen und sie mitgestalten – zum Beispiel durch freiwilliges Engagement. Die Aktion Mensch bietet mit ihrer Freiwilligen-Datenbank einen Überblick über die zahlreichen Möglichkeiten: Menschen mit und ohne Behinderung können aus mehr als 13.000 Angeboten  das passende Engagement auswählen.



Weitere Ideen für inklusives Engagement finden Sie in der Freiwilligen-Datenbank.

 

Linktipps:

Die Magie des Bolzplatzes.Ein Blogbeitrag über Ehrenamtliche, die allen die Möglichkeit geben wollen zu kicken.

 

 

Kinder an die Macht. Ein Blogbeitrag über die Kinderspielstadt Kleinhayn, die jede Sommerferien stattfindet.

 

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Freiwilliges Engagement

Was hab ich?

Wer den Befund seines Arztes vor lauter Fachbegriffen nicht versteht, für den gibt es kompetenten Rat. Auf der Plattform „Was hab’ ich?“ sind mehrere hundert Medizinstudierende und Ärzte aktiv, um das Mediziner-Latein in verständliche Sprache zu übersetzen – natürlich ehrenamtlich.

Foto: Amac Garbe, ein-satz-zentrale.de

Für die Übersetzung des 25. Befunds hat Katrin Schweizer einen Orden bekommen. Die Auszeichnung der frisch examinierten Medizinerin ist zwar virtuell, aber was sie dafür geleistet hat, hilft Patienten und ihren Angehörigen ganz real. Die 26-Jährige, die gerade ihr Praktisches Jahr in Hanau angetreten hat, formuliert ärztliche Befunde um und versieht sie mit Erläuterungen, damit der Patient auch ohne jedes medizinische Fachwissen versteht, was gemeint ist.

Auf Augenhöhe mit dem Arzt

Eine intelligente Online-Plattform bringt Medizin-Studierende und Patienten zusammen, ohne dass sie sich direkt begegnen würden. Dort kann jeder ärztliche Befunde digital hochladen, die er alleine nicht verstehen würde. Das „Was hab’ ich?“-Team stellt sie anonymisiert in den geschlossenen Bereich der Webseite, zu dem nur die registrierten (angehenden) Mediziner Zugang haben. Katrin Schweizer: „Ich schaue meist am Wochenende, welche Befunde noch nicht in Bearbeitung sind, lese hinein und suche mir einen aus, der mich interessiert.“ Mit einem zweiseitigen Arztbrief ist sie meist mehrere Abende beschäftigt, schlägt immer wieder in Fachbüchern nach und recherchiert online. Katrin Schweizer stellt klar: „Uns geht es nicht darum, den Arzt zu ersetzen. Wir wollen lediglich, dass sich der Patient auf Augenhöhe mit ihm unterhalten kann.“

Perfektes Training für das Arzt-Patienten-Gespräch

Die Engagierten – egal ob Studierende oder fertig ausgebildete Mediziner – arbeiten ehrenamtlich. Kleine Auszeichnungen wie die für den 25. Text sorgen auf der Plattform spielerisch für zusätzliche Motivation. So gibt es auch digitale Anstecker für die erste Übersetzung, für eine besonders lange oder auch eine, die erst spät in der Nacht fertig wurde.

Obwohl das Projekt weitgehend online-basiert ist, wird eine enge Betreuung der mehreren hundert Freiwilligen sichergestellt. Es beginnt mit einem Schulungs-Video und dem persönlichen Telefonat mit einem Mitarbeiter. Danach können an ersten leichteren Texten Erfahrungen gesammelt werden. Mindestens die ersten fünf Übersetzungen checkt ein Supervisor gegen und gibt Empfehlungen. Auch später ist ein zweiter Blick durch erfahrene Übersetzer jederzeit möglich.

Für Katrin Schweizer ist klar, dass die Arbeit für „Was hab’ ich?“ auch beruflich eine ganze Menge bringt: „Ich lerne viel über die Art und Weise, wie man mit Patienten und Angehörigen sprechen sollte. Was beispielsweise eine verkalkte Herzklappe für Folgen hat, hätte ich vorher nicht für Laien verständlich erklären können.“

Inzwischen sind Studierende an sämtlichen deutschen medizinischen Fakultäten bei „Was hab’ ich?“ aktiv. Weitere freiwillig Engagierte werden gesucht und können sich über die Homepage der Organisation melden. Im besten Fall geht es ihnen dann wie Katrin Schweizer, die ganz schnell merkte: „Mich hat es gepackt!“

Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch nach seinen individuellen Möglichkeiten selbstbestimmt leben und am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann. Dieses selbstverständliche Miteinander erreichen wir nur, wenn sich möglichst viele Menschen für eine inklusive Gesellschaft einsetzen und sie mitgestalten – zum Beispiel durch freiwilliges Engagement. Die Aktion Mensch bietet mit ihrer Freiwilligen-Datenbank einen Überblick über die zahlreichen Möglichkeiten: Menschen mit und ohne Behinderung können aus mehr als 13.000 Angeboten  das passende Engagement auswählen.

Weitere Ideen für inklusives Engagement finden Sie in der Freiwilligen-Datenbank.

 

Linktipps:

Ärztliche Hilfe auf Rädern. Ursel Holdhoff-Krauel versorgt wohnungslose Menschen in Hamburg medizinisch.

 

Jede Menge Engagement an der Uni. Engagement-Ideen für die Studienzeit.

 

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Aktion Mensch-Blog

Behindert und erfolgreich? Kein Widerspruch!

Positiv mit einer Behinderung umgehen, sie sogar als Vorteil wahrnehmen? Klar! Johannes Mairhofer hat Menschen getroffen, für die das kein Widerspruch ist.

#keinwiderspruch – so heißt das Projekt und die Webseite von Johannes Mairhofer. Wenn ihr die Seite besucht, lernt ihr etwa 30 Menschen kennen, die keine Lust darauf haben, in die „trotz der Behinderung“-Schublade gesteckt zu werden. In persönlichen Texten erzählen sie, was ihre Behinderung für sie bedeutet.

Hier könnt ihr (gekürzte) Auszüge aus drei der Texte lesen:

Raul Krauthausen: Anders und humorvoll

Johannes Mairhofer

Auf den ersten Blick finden andere Menschen meine Erscheinung oft widersprüchlich. Vor allem bei Kindern kann man immer wieder das gleiche Phänomen mitverfolgen: Wie sie staunen und in ihren Köpfen mit offenem Mund nach der passenden Kategorie für mich suchen, wenn sie einer bärtigen männlichen Person mit einer kinderähnlichen Statur im wörtlichen Sinne auf Augenhöhe begegnen. „Du siehst ja witzig aus“, platzte neulich ein kleines Mädchen anstelle einer üblichen Begrüßung heraus, als würde sie ein besonders kreatives Faschingskostüm loben. Nach einem kurzen Moment der Sprachlosigkeit fand ich diese geradlinige und kindlich-enthusiastische Reaktion doch sehr erheiternd. Und: Ihr spontan geäußertes Urteil beschreibt mich eigentlich ganz gut: anders und dabei humorvoll. Und eben nicht „anders, aber …“.

Lisa Schmidt: Glückliche Rollifahrerin

Johannes Mairhofer

Bis vor einem Jahr bin ich ausschließlich gelaufen – erst ohne, später mit Krücken. Als Kind wurde ich noch bis ins Grundschulalter bei längeren Strecken mit einem Buggy durch die Gegend geschoben. Später bin ich mit einem Tretroller durch den Supermarkt geflitzt. Heute frage ich mich: warum denn kein Rollstuhl? Eine Mutter mit einem Kind im Buggy ist nichts Ungewöhnliches, aber eine Mutter mit Kind im Rollstuhl? Und ein Teenie mit Krücken? Kann schon mal passieren, die hat sich sicher nur das Bein gebrochen. Und ein Rolli sähe ja eh „total behindert“ aus.

Diese Einstellung habe ich zum Glück geändert. Vor einem Jahr war ich in der Reha – ich wollte die Krücken loswerden! Genau genommen habe ich das auch geschafft, nur anders als ich es mir vorgestellt habe. Es ging mir darum, endlich die Hände frei zu haben, mal ‘nen Koffer oder Einkaufswagen schieben zu können. In der Reha wurde mir, wie schon so oft zuvor, ein Rollstuhl für weitere Strecken nahegelegt. Diesmal habe ich es probiert – und das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens!

Michael Herold: Geht nicht, gibt’s nicht

Johannes Mairhofer

Der größte und auch älteste meiner Träume war, in einem Flugdrachen zu fliegen. Ich rief über Wochen bei Flugschulen und Vereinen an und schilderte meine Lage – immer mit dem Ergebnis, dass es nicht ging, weil „du schon ein paar Schritte rennen musst“. Wieder und wieder die gleiche Absage. Irgendwann dann aber: „Ja klar, das kriegen wir irgendwie hin. Hast du am Sonntag Zeit?“

An diesem Sonntag segelte ich auf 1.000 Meter Höhe in einem Flugdrachen. Ein Tandemflug, denn in Deutschland braucht man dafür einen Flugschein. Dort oben war absolute Stille, es gab keinen Lärm, keine Autos, keine Telefone – nur den Wind, der mir ins Gesicht blies. Dann ist etwas passiert, womit ich nicht gerechnet hatte. Der Pilot schaute zu mir und sagte: „Na los, nimm das Steuer, du fliegst jetzt mal.“ Wenige Augenblicke in meinem Leben haben mir so den Atem geraubt wie die folgenden Minuten. Ich war wieder der kleine Junge, der endlich flog, obwohl er sein Leben lang dachte, er würde das nie können.

 

Die gesammelten Texte findet ihr auf keinwiderspruch.de – zusammen mit den Porträt-Fotos, die Johannes Mairhofer gemacht hat.

Aktuell läuft ein Crowdfunding, denn aus den Porträts sollen ein gedrucktes Magazin und ein Hörbuch entstehen. Noch bis Sonntag (28. Juni 2015) könnt ihr das Projekt unterstützen: startnext.com/keinwiderspruch

 

Links:

Ihr wollt die ungekürzten Texte auf #keinwiderspruch lesen? Hier gibt's mehr von Raul Krauthausen

Hier geht's zum kompletten Text von Lisa Schmidt

Den vollständigen Text von Michael Herold findet ihr hier

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Inklusion

Sportfest inklusiv - gemeinsam Spaß am Sport

Vergangene Woche lockte das inklusive Sportfest SPINK 2.500 Teilnehmer und Teilnehmerinnen nach Hamburg – auch Michel Arriens war im Millerntor-Stadion dabei.

Michel Arriens

„Hauptsache zusammen Spaß haben, egal ob mit oder ohne Behinderung“, antwortet Arian, als ich ihn nach seinen Zielen für heute frage. „Ganz normal eben“, fügt sein Kumpel Paul noch hinzu. Die beiden Schüler von der Erich-Kästner Schule sind zusammen mit 2.500 angemeldeten Teilnehmern und Teilnehmerinnen durch halb Hamburg gefahren, um an dem zweitägigen, inklusiven Sportfest SPINK im Millerntor-Stadion teilzunehmen.

„Heute bin ich nur ein bisschen behindert“

Bereits von weitem leitete mich eine Mischung aus Jubelgesängen und den Geräuschen ineinander fahrender Rollstühle zum Vorplatz des Millerntor-Stadions. Kaum hatte ich mir meine Laufkarte mit den Stationen um den Hals gehängt, da saß ich mit meinem Mitspieler auch schon am Tisch von „Dialog im Stillen“. Finn musste schalldichte Kopfhörer aufsetzen und anhand meiner Lippen- und Handbewegungen eine Figur aus Holzklötzen bauen. Das war gar nicht so einfach. Umso stolzer war er, als er erfuhr, dass das bisher nur zwei Teilnehmerinnen vor ihm geschafft hatten.

Beim „Dialog im Dunkeln“ fuhr ich mit blickdichter Brille und Blindenstock beinahe Mia um, die offensichtlich gerade vom Schminken kam. Während sie mir erzählte, dass sie das Down-Syndrom hat, hielt sie mir stolz ihren Schwerbehindertenausweis vor die Nase. „Heute bin ich aber nur ein bisschen behindert, ich hatte nämlich gerade eine Knie-OP“, sagte sie noch, bevor sie winkend in der vorbeilaufenden Menge verschwand.

„Es geht um persönlichen Erfolg, nicht um Sieg“

Nach einer Tanzperformance vom LUKULULE e.V. und einem Konzert von Blind & Lame unterhielt ich mich einige Zeit mit Anastasia und Kathrin vom Modelabel inkluWAS, die mit ihrem Design für Vielfalt werben. Da aber noch einige Häkchen auf meiner Laufkarte fehlten, stärkte ich mich zunächst am Getränke- und Obststand, um mit neuer Kraft bei „Need for Speed“ Rollstuhlrennen zu fahren.

In Zusammenarbeit mit den Special Olympics Deutschland wurden im Stadion auch wettbewerbsfreie Disziplinen nach dem Motto „Erfolg statt Sieg“ angeboten. Während ich meine Übungen absolvierte, wurde die Stationsbetreuung aufgefordert, mich vom Rasen zu holen und daran erinnert, dass der Zutritt zum Rasen für bereifte TeilnehmerInnen aus Schutzgründen verboten sei. Im anschließenden Gespräch mit dem Leiter des Stadions vom FC St. Pauli empfahl ich ihm für 2016, den Rasen ganz aus dem Angebot für SPINK zu streichen – zumindest unter diesen Bedingungen. Inklusion bedeutet am Rand stehen nämlich nicht.

Erste Goldmedaille

Am Ende hatte ich neben Blindenfußball, Rollstuhlparcours, Armdrücken und 12 weiteren sportlichen Stationen auch ein künstlerisches und musikalisches Rahmenprogramm aus Konzerten, Tanzeinlagen und Mode hinter mir. Unter dem Motto „Gemeinsam stark“ hatten alle Teilnehmenden die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten auszutesten und neue Fähigkeiten oder Vorlieben zu entdecken. Das Thema Behinderung hat an diesem Tag für niemanden so wirklich eine Rolle gespielt, „ganz normal eben“ – so, wie man es sich ja auch wünscht. Völlig erschöpft hielt ich auf dem Rückweg meine erste Goldmedaille für Sport, Spaß & Inklusion in den Händen. Mein Wunsch wäre, dass Schulen die Idee eines inklusiven Sportfests ernst nehmen und sie in ihren regulären Schulalltag einfließen lassen – denn Sport kann definitiv allen Spaß machen!

 

Linktipps:

Mehr Infos zum inklusiven Sportfest SPINK in Hamburg

Mehr zum Thema Freizeit, Sport und Inklusion bei der Aktion Mensch

Sport frei! Katja Hanke über die inklusive Sportabzeichen-Tour des Deutschen Olympischen Sportbundes

Spiel, Spaß, Inklusion. Eva Keller über die Arbeit des DOSB für die Inklusion in den Sportvereinen

Selbstbewusstsein durch Sport. Michael Herold über seine ganz eigenen Erfahrungen mit dem Thema Sport

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Freiwilliges Engagement

„Verzwickt, aber immer wunderschön!“

Ein Natur- und Begegnungs-Bauernhof in Waltrop steht Kindern und Jugendlichen die ganze Woche offen. Sie füttern Tiere, lernen Pflanzen kennen, säen, ernten, kochen, basteln und reiten. Ein Freiwilligen-Team kümmert sich darum, dass hier jeder seinen Platz findet.

Foto: Nabeba e.V.

Noch vor ein paar Jahren hätte sich kaum jemand vorstellen können, dass hier, Am Rapensweg in Waltrop, ein Bauernhof-Idyll entstehen könnte, durch das kreuz und quer Kinder, Schweine, Hühner, Lämmer und Schafe laufen. Damals war das Gelände eine Brache mit ein paar heruntergekommenen Ställen für eine Handvoll vernachlässigter Pferde. Der Verein Nabeba e. V. pachtete das Gelände, Freiwillige renovierten zusammen mit Kindern und Jugendlichen das Haupthaus und die Ställe, setzten Zäune instand und schufen so einen besonderen Ort, an dem niemand ausgeschlossen ist. Heute gibt es ein Kaninchenhaus, die Lagerfeuerstelle, den Biogarten, einen Schweinestall, das Bienenhaus, Freigehege und die Forscherwerkstatt – eine wunderbare Mischung aus Bullerbü und Abenteuerspielplatz. Jeden Montag trifft sich die integrative Kindergruppe, am Freitag sind Jugendliche mit und ohne Behinderung dran, zwischendurch kommen Kitagruppen und Schulklassen oder Eltern, die ihre Kinder zum therapeutischen Reiten bringen.

Das Beste aus der Natur

Dorothee Zijp ist eine von 15 Engagierten und wohnt inzwischen sogar mit ihrem Mann, einem der Söhne und der Mutter mit Blick auf das Gelände. Die Philosophie der Vollzeit-Engagierten: „Die Natur hält alles bereit, was wir für das Projekt brauchen. Das Heilsame, das sie ausstrahlt, die Wärme der Tiere, die Gerüche – das alles wirkt auf jeden Menschen gleich. Da ist es egal, ob er in irgendeiner Weise eingeschränkt ist.“ Dorothee Zijp hält den Bauernhof zusammen und guckt bei jedem, der seine Freizeit in das Projekt einbringen will, wo er richtig platziert ist: beim Versorgen der Gänse, der Betreuung von Kindergruppen oder beim Reiten? Einige der Ehrenamtlichen haben früher selbst den integrativen Treff besucht oder ein Praktikum gemacht und sind dann ins Engagement reingewachsen.

Ohne Druck, aber hoch engagiert

Debbie ist eine von ihnen und schon seit ein paar Jahren dabei. Alles begann mit einem Schulpraktikum, das der 20-Jährigen so gut gefallen hat, dass sie nun im Rahmen einer geförderten Maßnahme jeden Tag mit anpackt. Sie erzählt: „Am meisten Zeit verbringe ich mit den Pferden. Ich hole Wasser, füttere sie, striegel. Ich kümmere mich aber auch darum, dass das Schwimmbecken für die Enten sauber ist.“ Sie hat einen guten Draht zu anderen Engagierten und mag das Arbeiten in der Natur und ohne Druck. In den Pausen findet man sie meist auf dem Rücken von Bulle Berti. Wenn der sich zu einem Nickerchen niedergelassen hat, lässt sich Debbie auf dem Kraftpaket nieder und genießt die Nähe des Tieres.

Trotz des vielen Lobs von allen Seiten ist es alles andere als einfach, das Ehrenamtsprojekt über die Jahre zu bringen. Dorothee Zijp bringt die Erfahrung aus inzwischen acht Jahren Naturwerkstatt so auf den Punkt: „Geld ist nie genügend da. Oft ist es verzwickt und schwer, aber immer wunderschön!“

Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch nach seinen individuellen Möglichkeiten selbstbestimmt leben und am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann. Dieses selbstverständliche Miteinander erreichen wir nur, wenn sich möglichst viele Menschen für eine inklusive Gesellschaft einsetzen und sie mitgestalten – zum Beispiel durch freiwilliges Engagement. Die Aktion Mensch bietet mit ihrer Freiwilligen-Datenbank einen Überblick über die zahlreichen Möglichkeiten: Menschen mit und ohne Behinderung können aus mehr als 13.000 Angeboten  das passende Engagement auswählen.



Weitere Ideen für inklusives Engagement finden Sie in der Freiwilligen-Datenbank.

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Inklusion

Familienreise, inklusiv

Sommerzeit ist Reisezeit. Menschen mit und ohne Behinderung sind unterwegs und begegnen einander. Familien mit behinderten Kindern müssen vorab besondere Fragen klären: Passt der Sauerstoff-Tank ins Auto? Kann die Lieblingsmitarbeiterin des Pflegedienstes mitkommen? Mareice Kaiser nimmt uns mit auf eine Familienreise mit besonderen Herausforderungen.

Mareice Kaiser

„Behinderte Kinder sollen alles machen, was auch nicht behinderte Kinder machen!“, meinte die ehemalige Physiotherapeutin von Kaiserin 1 und stellte sie kurzerhand auf den Kopf. Meine Tochter gluckste vor Freude! Leider sind nicht alle Dinge, die alle Kinder machen, für behinderte Kinder selbstverständlich – und manche funktionieren schlicht und einfach nicht. Dabei kommt es natürlich immer ganz individuell auf das Kind, die Behinderungen und die oft damit einhergehenden Erkrankungen an.

Mit Kaiserin 1 sind viele Aktivitäten möglich – wir benötigen dafür aber zusätzliche Hilfe. Ein Spielplatzbesuch alleine mit ihr und ihrer Schwester ist zum Beispiel sinnlos bis unmöglich. Kaiserin 2 braucht ja auch noch viel Betreuung, kann noch nicht alleine rutschen oder schaukeln. Kaiserin 1 kann noch nicht lange frei sitzen und nicht gehen, daher kann sie auch nicht alleine rutschen oder schaukeln. Es muss immer eine Betreuungsperson für Kaiserin 2 dabei sein, damit auch sie schaukeln oder rutschen kann – was sie liebt. Entweder ist also der Kaiserinnen-Papa dabei, oder die Einzelfallhelferin von Kaiserin 1 oder eine Freundin.

Wir haben es gewagt

Eine weitere Herausforderung ihrer Pflege ist der Sauerstoffbedarf, den sie hat, während sie schläft. Ein kleiner Monitor, der mit einem Sensor an ihrem Fuß verbunden ist, zeigt uns an, ob sie die zusätzliche Portion Sauerstoff braucht oder nicht. Mit all diesen Herausforderungen haben wir es im vergangenen Jahr gewagt: eine Reise mit beiden Kindern. Wir haben Berlin verlassen, alles eingepackt, was wir für eine Woche brauchen. Der ganze Hausflur stand voll, das Auto bis auf den letzten Quadratzentimeter vollgepackt. Wir schleppten ein halbes Krankenhaus mit: Sauerstoff-Flaschen, einen Sauerstoff-Tank, Geschwisterkinderwagen, Sondenkost, ein Absaugegerät, einen Sauerstoff-Monitor, einen Therapiestuhl (denn nur in ihm kann Kaiserin 1 stabil sitzen), eine Wippe und dann noch den üblichen Babykram wie Windeln, Wundcreme & Co.

Ziel unserer Reise war ein Treffen mit anderen Familien mit behinderten Kindern – wir waren also nicht die einzigen, die mit besonderen Herausforderungen durch Deutschland reisten. Neun Stunden Autofahrt wollten wir weder uns noch den Kindern zumuten, daher entschieden wir uns für einen Zwischenstopp in Niedersachsen bei den Großeltern der kleinen Kaiserinnen. Kaiserin 1 gluckste in den Armen ihrer Oma, Kaiserin 2 jauchzte im Bollerwagen, gezogen vom Opa. Schon allein für diese Momente hatten sich die Strapazen der Autoreise gelohnt.

Die erste Etappenstrecke mit dem Auto verlief besser als gedacht: kein Stau, viel Schlaf auf den hinteren Plätzen. Ein Halt an einer Raststätte mit riesengroßer blitzblanker behindertengerechter Toilette (große Freude bei Mutter und Kind!), ein Halt im niedersächsischen Niemandsland mit Outdoor-Wickeltisch – schon waren wir da. Nach zwei Tagen machten wir uns auf den Weg bis zum Ziel im Rhein-Main-Gebiet; für unsere Reiseplanung war uns immer wichtig, ein Krankenhaus in der Nähe zu wissen. Der gesundheitliche Zustand von Kaiserin 1 ist sehr fragil, so dass wir immer auf alles eingerichtet sein müssen.

Anderssein war hier normal

Bei dem Familientreffen angekommen entdeckten wir, dass die anderen angereisten Familien mit den gleichen Herausforderungen angereist waren. Rollstühle wurden aus Autos geladen, Spritzen für die Sondenkost lagen beim Essen auf den Tischen, die Familien verständigten sich viel in Gebärdensprache. Anderssein war hier normal. Wir fühlten uns sehr willkommen und sind bis heute dankbar für die vielen Begegnungen mit Familien, die die gleichen Themen bewegen. Ganz abgesehen von Kaiserin 1 und ihrer kleinen Schwester, denen der Kontakt zu den anderen inklusiven Familien gut tat.

Ja, es ist manchmal strapaziös, mit einem mehrfach behinderten Kind unterwegs zu sein. Aber es lohnt sich auch immer. Auch – und vor allem! – fürs Kind.

 

Linktipps:

Behinderung versus Bedürfnis. Mareice Kaiser über ihre zwei Töchter mit „Special Needs“ – mit und ohne Behinderung

Szenen aus dem Leben mit einem behinderten Kind. Mareice Kaiser über „Behinderte Momente“ im Leben ihrer Tochter

Tanzende Herzen. Mareice Kaiser und Anastasia Umrik über ihre erste Begegnung – aus ihrer jeweiligen Perspektive

Mehr zum Thema „Urlaub und Begegnung“ beim Familienratgeber

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Freiwilliges Engagement

Freiwilligendienst – ein Jahr in Kamerun

„All inclusive“ steht eigentlich für günstigen Pauschalurlaub, für die Art von Sorglos-Ferien, bei dem nichts an Komfort fehlt. Das Programm „weltwärts alle inklusive“ ist das genaue Gegenteil. Die Engagierten, die in alle Welt ausschwärmen, setzen sich ein Jahr lang für andere ein und werden mit Erfahrungen belohnt, die man in keiner Club-Anlage machen kann.

Julia Zimmermann und ihr Buchhaltungskurs

Foto: privat

Nicht viele 27-Jährige können von sich behaupten, ein Studium durchgezogen zu haben, ein Jahr Freiwilligendienst in Afrika erlebt zu haben und gerade auf dem besten Weg zu sein, in den diplomatischen Dienst einzutreten. Julia Zimmermann schon. Während ihres Freiwilligendienstes hat sie ein Jahr in Kamerun verbracht und dort in einer großen gemeinnützigen Organisation gearbeitet. „Ziel der Arbeit war die Verbesserung der Lebensbedingungen etwa von Menschen mit HIV/AIDS, Teenager-Müttern oder Menschen, die sich mit einem Mikrokredit eine Existenz aufbauen wollen“, erzählt Zimmermann. In ihrer täglichen Arbeit hat sie vor allem Frauen dabei unterstützt, sich selbstständig zu machen, also Kurse in Buchhaltung gegeben, budgetiert und eingekauft oder Beratungsgespräche geführt. Nicht so schnell vergessen wird sie den Vortrag über Syphilis, den sie vor den Insassen eines Gefängnisses gehalten hat.

Das inklusive Freiwilligenprogramm

Das Organisatorische ihres Freiwilligenjahrs in Kamerun hat der Verein bezev übernommen. Der Name steht für „Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit e.V.“ und setzt sich für eine gleichberechtigte Beteiligung von Menschen mit Behinderung an entwicklungspolitischen und humanitären Initiativen ein. Dessen Programm „weltwärts alle inklusive“ passte für Julia Zimmermann perfekt. Sie hat eine Sehbehinderung und besitzt eine Restsehfähigkeit von 10 Prozent. Das heißt zum Beispiel, dass wenn sie etwas liest, sie das Schriftstück sehr nah an die Augen halten muss. Seit 2013 lassen sich jedes Jahr rund 18 Freiwillige auf das Abenteuer „weltwärts alle inklusive“ ein.

Trotz der engen Begleitung hatte für Julia Zimmermann die erste Zeit etwas von dem berühmten Sprung ins kalte Wasser: „Als wir nachts am Flughafen von Douala ankamen, war alles anders und neu – die Orientierung fehlte. Doch das wurde schnell anders“, erinnert sich Zimmermann. Sie gewöhnte sich schnell an die kleinen Widrigkeiten wie Stromausfälle oder instabiles Internet – und an die manchmal anderen Gepflogenheiten.

Durchstarten nach dem Auslandsjahr

Nach dem Freiwilligenjahr stand für Julia Zimmermann fest, dass sie international arbeiten will. Im harten Auswahlverfahren des Auswärtigen Amtes konnte sie sich durchsetzen und ist nun Anwärterin im gehobenen Dienst. Ihr Tipp für alle, die sich für ein Freiwilligenjahr im Ausland interessieren: Vorab gut informieren, welche Entsendeorganisationen es gibt und welchen Ruf sie haben. Davon hängt entscheidend ab, wie viel man von dem Aufenthalt mitnehmen wird.

Die Bewerbungsfrist für einen Freiwilligendienst bei bezev, der ab Sommer 2016 beginnt, läuft noch bis zum 30.9.2015.

Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch nach seinen individuellen Möglichkeiten selbstbestimmt leben und am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann. Dieses selbstverständliche Miteinander erreichen wir nur, wenn sich möglichst viele Menschen für eine inklusive Gesellschaft einsetzen und sie mitgestalten – zum Beispiel durch freiwilliges Engagement. Die Aktion Mensch bietet mit ihrer Freiwilligen-Datenbank einen Überblick über die zahlreichen Möglichkeiten: Menschen mit und ohne Behinderung können aus mehr als 13.000 Angeboten  das passende Engagement auswählen.

Weitere Ideen für inklusives Engagement finden Sie in der Freiwilligen-Datenbank.

Linktipps:

Von Buenos Aires zur Seidenstraße. Ein Blogbeitrag über den Senior Expert Service

Blind und "Bufdi"? Steffi Lisker zeigt, wie es geht.

Schule vorbei – und jetzt? EIn Blogbeiträge über Engagementmöglichkeiten nach dem Schulabschluss.

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Freiwilliges Engagement

Ein Garten für alle Sinne

Ein Garten, in dem sich blinde Menschen optimal orientieren und alle möglichen Pflanzen ertasten und am Duft erkennen können – das war lange der Traum eines Bremer Gärtner-Ehepaares. Seit 25 Jahren gibt es den einzigartigen Blindengarten – aber wie lange noch?

Foto: CC BY 2.0 / Franz Friedrich / Flickr

Edith Kranz hat schon ihr ganzes Leben lang mit angepackt: In der Gärtnerei und dem Blumengeschäft ihres Mannes und bei der Verwirklichung des gemeinsamen Traums: einen Blindengarten in Bremen auf die Beine zu stellen. Mit 84 Jahren ist sie noch immer Kassenwartin des Vereins, der sich um den Erhalt der grünen Oase kümmert.

Langer Atem und gute Kontakte

Dabei musste das Ehepaar eine ganze Menge Hartnäckigkeit beweisen, ehe es mit dem Bau des Gartens losgehen konnte. „Zahlreiche Zusagen für ein Grundstück, die von der kommunalen Verwaltung kamen, wurden wieder zurückgezogen. Und auch finanzielle Unterstützung gab es keine“, erinnert sich Edith Kranz. So beschlossen die Kranz‘, das Projekt ganz in Eigenregie umzusetzen. An die 800 „Bettelbriefe“, wie Edith Kranz es nennt, verschickten sie. Es dauerte dann gerade einmal drei Monate, bis Unternehmen und Privatleute sämtliche notwendigen Arbeitsleistungen, Materialien und Geldspenden zugesagt hatten. Mit dem 1.500 qm großen Grundstück im Stadtteil St. Magnus war auch der richtige Ort gefunden.

1988 konnte es dann endlich losgehen. Ein Bagger rollte an und begann mit den Erdarbeiten. Edith Kranz und ihr Mann legten die Beete an. Diese sind mit Palisaden eingegrenzt und haben eine Höhe von 80 cm. So erreicht man die Pflanzen besser zum Fühlen und Riechen. Es wurden drei rollstuhlgerechte Zugänge eingerichtet und die Wege mit unterschiedlichen Belägen versehen, die bei der Orientierung helfen. Insgesamt gibt es 16 Beete, unter anderem mit Nadelhölzern, Gräsern, Farnen, Heidegewächsen, Wildpflanzen, Kletterern und Rankern oder Duftpflanzen. Tafeln mit Braille-Schrift erklären das Grün. Bei der Konzeption stimmten sich die Initiatoren eng mit dem Bremer Blindenverein ab.

Der Garten als Treffpunkt

Ein Jahr später konnte der erste Blindengarten in Deutschland eröffnet werden, der ganz ohne öffentliche Gelder entstand, dafür aber mit jeder Menge Unterstützung von Freiwilligen, Firmen und Vereinen. Der Garten ist für jedermann offen – ob mit oder ohne Behinderung – und versteht sich als Ort der Begegnung.

Um den Erhalt des Gartens kümmert sich der eigens gegründete Blindengarten Bremen e. V. Derzeit ist es vor allem Heidi Ganser-Drejka, die sich um die Gartenpflege kümmert. Zusätzlich packt ein Landschaftsgärtnereibetrieb regelmäßig mit an. Und dann gibt es noch die Mitglieder der örtlichen CDU und SPD, die sich einmal im Jahr engagieren.

Doch die meisten, die den Verein tragen, sind inzwischen im Rentenalter. Ohne Verjüngungskur wird es den Verein nicht mehr lange geben. Damit steht auch die Existenz des Blindengartens auf dem Spiel. Für Edith Kranz ist klar: „Jetzt sind die Jüngeren dran!“ Wer sich also für die Idee des Blindengartens begeistern kann und Spaß am Gärtnern hat, möge sich beim Verein melden.

Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch nach seinen individuellen Möglichkeiten selbstbestimmt leben und am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann. Dieses selbstverständliche Miteinander erreichen wir nur, wenn sich möglichst viele Menschen für eine inklusive Gesellschaft einsetzen und sie mitgestalten – zum Beispiel durch freiwilliges Engagement. Die Aktion Mensch bietet mit ihrer Freiwilligen-Datenbank einen Überblick über die zahlreichen Möglichkeiten: Menschen mit und ohne Behinderung können aus mehr als 13.000 Angeboten  das passende Engagement auswählen.



Weitere Ideen für inklusives Engagement finden Sie in der Freiwilligen-Datenbank.

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Inklusion

Vorstellungsgespräche fürs Leben

Wow, du hast ja viele Sachen in Pink!“ – Ein Satz, mit dem man nicht unbedingt jedes Vorstellungsgespräch beginnen sollte, aber jetzt lachen wir beide. Das erste Eis ist gebrochen, und für mich ist das der beste Anfang des Einstellungsgesprächs. Aber ich suche schließlich auch keine Mitarbeiter für ein Unternehmen. Ich stelle Leute ein, um mein Leben zu führen.

Bloggerin Tanja Kollodzieyski (r.) mit Assistentin: Sympathie ist das wichtigste Maß bei der Jobvergabe

Anna Spindelndreier / Aktion Mensch

Mein Unternehmen ist mein Leben. Dieses Motto, das für die meisten anderen Menschen zwischen Inspiration und leeren Worthülsen hin und her schwingt, gilt für mich wortwörtlich und damit natürlich auch im Umkehrschluss. Mein Leben ist (m)ein Unternehmen. Aufgrund starker körperlicher Einschränkungen kann ich viele Sachen nicht selbst erledigen, deswegen brauche ich Assistenten, die mir helfen, mein Leben so uneingeschränkt wie möglich zu führen. Diese Tatsache bringt mich auch immer wieder in die ungewohnte Lage, Einstellungsgespräche zu führen.

Sympathie als Einstellungskriterium

Die größte Herausforderung dabei ist, dass ich mich dabei auf keine allgemeinen Einstellungskriterien stützen kann. Fachwissen und Erfahrungen bringen zwar auch im Assistenzbereich keine Minuspunkte, aber sie helfen eben auch nicht unbedingt weiter. Der beste Lebenslauf bedeutet nichts, wenn man nicht auf der gleichen Wellenlänge liegt. Letztendlich ist und bleibt die Sympathie gegenüber den Bewerbern das wichtigste Maß, was ich bei der Jobvergabe zur Verfügung habe.

Dieses Merkmal versuche ich auch gleich in die Ausschreibungen einfließen zu lassen, indem ich darum bitte, dass Interessenten mir einfach eine lockere Email mit Infos über sich schreiben, anstatt einer formalen Bewerbung. Diese Anforderung ist erstaunlicherweise für die Meisten gleich die erste große Hürde, die sie überwinden müssen. Den meisten Mails merkt man direkt an, wie sehr die Schreiber verunsichert waren, weil sie sich nicht auf Standardformen verlassen konnten.

Beim Probearbeiten alle Hüllen fallen lassen

Ich muss dann immer ein bisschen lächeln, wenn ich bemerke, wie schwer es für die meisten Menschen ist, fremden Leuten etwas über sich zu erzählen. Das ist auch etwas, was man relativ schnell lernt, wenn man das eigene Leben zum Unternehmen machen muss. Schon die Stellenbeschreibung besteht naturgemäß aus einer Listen an Dingen, die ich nicht tun kann, und ist damit privater als das, was die meisten Menschen ihren Freunden anvertrauen. Davon abgesehen, dass die meisten Bewerbungsgespräche in meinem Wohnzimmer stattfinden und auf diese Weise sowieso jede Menge über mich verraten wird. Wenn es zum Probearbeiten kommt, ist es für mich ohnehin an der Zeit, alle Hüllen fallen zu lassen.

Auf diese Weise wird jedes Vorstellungsgespräch für mich zu einer Präsentation meines Lebens. Das mag für viele befremdlich klingen, aber in Wahrheit bringt es immer auch eine große Chance mit sich. Wer keine Möglichkeit hat, sich zu verstecken, erinnert sich wieder leichter an den folgenden Grundsatz: Fremde Menschen sind auch nur Menschen, denen man bisher noch nicht begegnet ist.

 

 

Linktipps:

Gar nicht so einfach: Leben mit Assistenz. Anastasia Umrik über tolle und schwere Momente im Leben mit Assistenz

Leben mit persönlicher Assistenz. Petra Strack über den Unterschied zwischen Betreuung und Assistenz

Ziemlich beste Assistenten. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen über den Kinofilm „Ziemlich beste Freunde“ und das Leben mit persönlicher Assistenz

Tanzende Herzen. Mareice Kaiser und Anastasia Umrik über ihre erste Begegnung – aus ihrer jeweiligen Perspektive

Behinderung ausgeblendet. Mirien Carvalho Rodrigues über Begegnungen in ihrem Job, bei denen ihre Blindheit kein Thema ist

Auf einen Abend in der Sushi-Bar. Blogbeitrag von Wiebke Schönherr über ein Treffen von drei besten Freundinnen – von denen eine Rollstuhl fährt

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