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Kunst für alle Sinne

Kunst kann man hören, fühlen und, ach ja, sehen. Vor allem kann man über Kunst ins Gespräch kommen. Die Bundeskunsthalle lädt mit dem „Art Talk Inklusiv“ dazu ein. Ein Angebot für Menschen mit und ohne Behinderung.

Kunstvermittler Baetz und Schaaps: „Mehrwert für alle“

Ute Stephanie Mansion

Etwas düster hier, denke ich, als ich die Ausstellungsräume der Bundeskunsthalle in Bonn betrete, in der noch bis zum 21. Februar die Ausstellung „Japans Liebe zum Impressionismus“ gezeigt wird. An diesem Samstag bin ich mutmaßlich die einzige Besucherin, die das wegen ihrer Nachtblindheit so empfindet, denn die vielen anderen Gäste bewegen sich wie Fische im Wasser. Gut, dass die Kunstvermittler Uschi Baetz und Sebastian Schaaps mich durch die Ausstellung führen werden. „Art Talk Inklusiv“ heißt das Angebot des Museums, das anlässlich der Impressionisten-Ausstellung ins Leben gerufen wurde und bei späteren Ausstellungen fortgeführt werden soll. An mehreren Terminen im Monat können Menschen mit und ohne Behinderung an dieser besonderen Führung teilnehmen und miteinander ins Gespräch kommen. Es geht darum, Kunstwerke auch anders als mit den Augen wahrzunehmen, doch Zielgruppe sind nicht nur Blinde und Sehbehinderte. Auch Menschen mit Sprachbehinderungen oder solche, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, sind beispielsweise angesprochen – und natürlich Menschen ohne Handicap. „Wir möchten die Besucher dafür sensibilisieren, wie Menschen mit Beeinträchtigungen Dinge wahrnehmen und zum Beispiel einen Museumsbesuch erleben können“, erklärt Sebastian Schaaps.

Die Führung richtet sich nach den Wünschen der Besucher

Heute ist die Führung weniger inklusiv, vielmehr exklusiv: Ich bin die Einzige, die teilnimmt. „Der Zulauf ist unterschiedlich“, sagt Uschi Baetz. „Mal kommen Gruppen, mal Einzelpersonen – und wenn niemand kommt, gehen wir durch die Ausstellung, sprechen die Leute an, beantworten Fragen oder zeigen den Besuchern die Hör- und Taststationen.“ Noch nie sei es vorgekommen, dass die beiden in den drei Stunden, die die Veranstaltung dauert, nur geschwiegen hätten. Was die Länge der Führung und Erläuterungen betrifft, richten sich die Vermittler nach den Wünschen der Teilnehmer.

Nun aber auf zur Kunst! Im ersten Raum sind japanische Holzschnitte aus dem 19. Jahrhundert zu sehen. Sie gelangten auf verschiedenen Wegen nach Europa und beeinflussten die Impressionisten: Diese wählten nun für ihre Bilder auch kleine Ausschnitte statt einer totalen Ansicht, wie es damals üblich war. Weil ich schlecht sehen kann, darf ich nah an die Bilder herantreten, und wie schön: Kein Aufpasser pfeift mich zurück. Später sehen wir in einem anderen Raum einen japanischen Holzschnitt, der nur den Bug eines Bootes mit einer Frau zeigt: Monet, der japanische Holzschnitte sammelte, griff das Motiv in einem Gemälde auf, das an der gegenüberliegenden Wand hängt.

Ein Bild zu erfühlen, ist ganz schön schwierig

In einem weiteren Saal sind Bilder von Camille Pissarro, Alfred Sisley und Édouard Manet zu sehen. Alle Werke sind Leihgaben aus japanischen Sammlungen. Anhand einer Winterlandschaft von Pissarro erläutern Baetz und Schaaps die impressionistische Malweise, die zu ihrer Zeit, im ausgehenden 19. Jahrhundert, auf Widerstand stieß. Wer unscharf sieht, darf das bei den Impressionisten getrost auf deren Strichführung, die verschwimmenden Konturen, das flirrende Spiel von Licht und Schatten schieben. Wir kommen zur ersten „Hörbar“ – zwei Bänke, getrennt durch ein Mittelstück, in dem Lautsprecher und Kopfhörer untergebracht sind. Hier können sich die Besucher japanische Naturgedichte oder Erklärungen zu Werken, Motiven und zur Raumkonzeption anhören.

Was vor allem Blinde begeistert, sind die beiden Tastbars, sagt Sebastian Schaaps. Hier können reliefartige Bilder ertastet werden, die teils Motive aus den Werken der Ausstellung, teils frei entworfende japanische Motive darstellen. Die Künstlerin Susanne Ristow hat sie gestaltet. Und den Besuchern eine schwierige Aufgabe gegeben. Denn obwohl ich sehbehindert bin, gehört Tasten nicht zu meinen Gepflogenheiten: Nur mühsam erkenne ich die Motive mit den Fingern. Wenn einer den Anfang macht, trauen sich auch andere: Schon sind vier Besucher dabei, die Bilder ebenfalls zu erfühlen. Das ist ganz im Sinne der Kunstvermittler, die in dem Konzept einen „Mehrwert für alle“ sehen.

Wir verlassen die Ausstellungsräume – ich habe interessante Einblicke erhalten und würde gerne länger verweilen, wenn meine Füße nicht allmählich weh täten. Und ich freue mich, nach dem Gang durch die etwas düsteren Räume in das lichtdurchflutete Foyer zurückzukehren.

 

Die nächsten Termine für den Art Talk Inklusiv:

  • Samstag, 13. Februar, 14 bis 17 Uhr
  • Mittwoch, 17. Februar, 17 bis 20 Uhr

Eine Anmeldung ist möglich, aber nicht zwingend erforderlich. Beratung: Birgit Tellmann, Bundeskunsthalle, Tel. 0228 9171-291

 

Linktipps:

Art Talk Inklusiv“ in der Bundeskunsthalle Bonn

Kunst für den Kopf. MENSCHEN. das magazin über Kulturangebote der Bundeskunsthalle für Menschen mit Demenzerkrankung

Der blaue Engel wird greifbar. Ulrich Steilen über barrierefreie Führungen in der Deutschen Kinemathek in Berlin

Kunst für alle: Auch Hände können sehen. Heiko Kunert über die barrierefreien Ausstellungen des Künstlers Horst W. Müller

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Aktion Mensch-Blog

#otc16: Barrieren gemeinsam überwinden

Rund 100 Menschen haben auf dem openTransfer Camp Inklusion in München über Inklusion, (digitale) Barrierefreiheit und virtuelle Sozialräume diskutiert. Johannes Mirus und Sascha Foerster waren für uns dabei.

Viele Ideen: Großes Interesse am Sessionplan auf dem OpenTransfer CAMP

Andi Weiland | openTransfer CAMP

Samstag, 9:52 Uhr in München: Los geht's! Wir kommen im Strascheg Center for Entrepreneurship (SCE) an, füllen schnell unsere Namensschilder aus und stürzen uns neugierig ins Getümmel. Wir sind gespannt, über welche Themen wir heute sprechen werden und wie die Stimmung insgesamt ist.

Wir brauchen mehr Räume!

Die erste Überraschung: Viele der Besucher sind „Wiederholungstäter“ und kennen sich schon mit Barcamps aus. Entsprechend routiniert verläuft die Sessionplanung. Bei Barcamps ist es ja immer so, dass die Besucher zusammen das Programm zusammenpuzzeln. Jeder kann eine Session vorschlagen. In München gibt es so viele Ideen, dass spontan zusätzliche Räume geschaffen werden, damit auch alle vorgeschlagenen 20 Sessions stattfinden können. Am Ende wird immer zeitgleich in jeweils fünf Räumen diskutiert.

Barrierefreie Karten und inklusive Mode

Barrierefreiheit, das ist eins der Hauptthemen von diesem openTransfer Camp, und gleich zu Beginn geht es dann in zwei Sessions parallel um Barrierefreiheit in Stadtplänen. Es gibt zwei unterschiedliche Ansätze, mit denen sich jeweils eine Gruppe beschäftigt: Informationsgewinnung in einer kleinen Community, die durch eine Kontrollinstanz für eine hohe Qualität der Informationen sorgt – wie am Beispiel CBF München ersichtlich – oder die Open-Source-Variante TransforMap, bei der jeder Interessierte Daten hinterlassen kann. Nach etwa der Hälfte der Zeit zeigt sich, warum Barcamps eine tolle Konferenzform sind: Spontan werden die beiden Sessions zusammengelegt, sodass alle Beteiligten miteinander diskutieren und sich vernetzen können. Vielleicht entsteht ja im Nachgang eine noch bessere Lösung, die alle Wünsche berücksichtigt.

In einer anderen Session präsentiert Cinderella Glücklich ihre Idee von „Fashion für alle“. Sie selbst stellt immer wieder fest, wie wenig Mode es für sie als Rollstuhlfahrerin gibt, und gleichzeitig, wie überfordert viele Verkäufer mit der Situation sind, wenn sie um Rat gebeten werden. Sie möchte das mit einem Online-Projekt ändern und sucht noch Unterstützung.

Diskussionen und schlaue Sätze

Das Schöne bei BarCamps ist auch, dass man mit vielen Menschen ins Gespräch kommt. Das passiert ganz automatisch. Zum einen, weil man nie alle Sessions besuchen kann, die man gerne besuchen würde – und wissen möchte, was man verpasst hat. Zum anderen aber auch, weil man über Themen weiter sprechen möchte. Zum Beispiel über die geplante Studie zum Medienkonsum von Menschen mit Behinderung. Oder auch über die Frage, ob Social Media ein Sprachrohr für Menschen mit Behinderung sein kann.

Was wir neben viel Input mit nach Hause nehmen, ist dieser Satz von einem Besucher: „Wir sollten aufhören, von Inklusion zu reden und einfach ‚alle‘ sagen und meinen.“

 

Ein Blogbeitrag von Sascha Foerster und Johannes Mirus

 

Linktipps:

Storify: Social-Media-Rückblick auf das openTransfer Camp Inklusion in München

openTransfer CAMP Inklusion 2016: Sessionplan mit allen vorgestellten Themen

Begleitende Blogparade zum Thema „Wie kommt Barrierefreiheit im Netz voran?“

„Wir schauen dorthin, wo es noch hapert“. Ulrich Steilen über das openTransfer CAMP Inklusion 2015 in Dortmund

Was bedeutet eigentlich Barrierefreiheit im Internet? Domingos de Oliveira über ein Netz für alle

Unbehindert aktiv. Domingos de Oliveira über mangelnde Barrierefreiheit von Tools für Online-Aktivisten mit Behinderung

Mehr Infos und Links gibt's im Themenfeld Barrierefreiheit der Aktion Mensch

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Selbstverständlich barrierefrei!?

„Linie 8 Papierfabrik in 5 Min.“ steht auf der digitalen Informationstafel an einer Kasseler Straßenbahnhaltestelle. Drückt Birgit Schopmans, die selbst blind ist, den Knopf, wird ihr diese Echtzeitinformation auch per Lautsprecher durchgesagt. Bei der Kasseler Verkehrsgesellschaft ist das mittlerweile Standard – aber wie sieht es sonst aus mit der Barrierefreiheit bei neuen Technologien? Ottmar Miles-Paul hat für uns nachgehakt.
 

Birgit Schopmans drückt die Sprachausgabe für die Echtzeitinformation an der Straßenbahnhaltestelle

Susanne Göbel

Tastbare Armbanduhren, auf Kassette gesprochene Hörbücher, sprechende Personenwaagen – solche Hilfsmittel wurden früher vor allem von blinden Menschen genutzt. Heute sieht es anders aus: Die Sprachsysteme von Smartphones, Tablets oder Navigationshilfen bieten darüber hinaus ganz neue Zugangsmöglichkeiten zu Informationen. Und diese bringen nicht nur große Vorteile für Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen, sondern werden auch häufig von Menschen genutzt, die keine Einschränkungen haben. Denn sie sind oft bequemer nutzbar.

Mich verwundert deshalb auch nicht das Ergebnis einer aktuellen repräsentativen Umfrage die YouGov Deutschland im Auftrag der Aktion Mensch durchgeführt hat. 62 Prozent der Befragten haben da angegeben, dass sie glauben, digitale Innovationen (z.B. Apps oder spezielle Software) können helfen, reale Barrieren im Alltag abzubauen.

Neue Barrieren entstehen täglich

Doch was breiten Rückhalt in der Bevölkerung findet, ist hierzulande noch längst nicht die Regel. Denn es gibt bisher in Deutschland kaum verbindliche gesetzliche Vorgaben, dass Dienstleistungen und Produkte privater Anbieter barrierefrei gestaltet werden müssen. So wartet Birgit Schopmans beispielsweise immer noch auf einen barrierefrei nutzbaren Geldautomaten in ihrer Bank und ärgert sich über so manche für sie nicht nutzbare Internetseite.

Während 77 Prozent der von YouGov Deutschland Befragten strengere gesetzliche Vorgaben für den Abbau von Barrieren befürworten, hat die Bundesregierung dies in ihrem Gesetzesentwurf für die Weiterentwicklung des Behindertengleichstellungsrechts nicht vorgesehen. So werden trotz vorhandener und beispielsweise in den USA längst vorgeschriebener Lösungen, hierzulande täglich neue Barrieren im Internet und bei Produkten errichtet, die Menschen mit ganz unterschiedlichen Beeinträchtigungen behindern.

Einsatz für klare gesetzliche Regelungen

Birgit Schopmans setzt sich deshalb zusammen mit vielen anderen dafür ein, dass zukünftig Internetseiten, technische Geräte und Dienstleistungen für alle barrierefrei nutzbar sein müssen. Sie hofft, dass die Bundestagsabgeordneten gesetzliche Regelungen im Bundesbehindertengleichstellungsgesetz beschließen, die eine barrierefreie Gestaltung öffentlicher Dienstleistungen und Produkte vorschreibt. Und sie ist sich sicher, dass davon viele profitieren, nicht zuletzt die Hersteller barrierefreier Produkte, die damit international konkurrenzfähiger werden.

 

Linktipps:

Barrierefreiheit - Was heißt das?

Zahlen und Fakten zum Thema Barrierefreiheit

Weitere Themen rund um Barrierefreiheit (Aktion Mensch)

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Manfred Wolter

Die „Digitalen Dörfer“ sind ein Teilprojekt des weit gefassten Forschungs- und Entwicklungsvorhabens „Smart Rural Areas“ (Intelligenter ländlicher Raum) des Fraunhofer-Instituts für Experimentelles Software Engineering IESE in Kaiserslautern. Dabei wird untersucht, wie innovative digitale Technologien dazu beitragen können, das Leben der Menschen im ländlichen Raum zu unterstützen und zu entlasten. „Ganz konkret soll in beiden Testregionen ein Logistiksystem aufgebaut werden, das zunächst den Transport von Waren und Gütern durch ehrenamtliche Helfer organisiert. Ich werde in der lokalen Umsetzung "Betzdorf digital" auf die Umsetzung der BITV 2.0 achten, damit diese Seiten auch Menschen mit Sinnesbehinderung zur Verfügung stehen.


Aktion Mensch-Blog

Mit dem Rollstuhl auf Jamaika

Dennis liebt Reggae-Musik – und er wollte schon immer in deren Ursprungsland, nach Jamaika. Gesagt, getan.

Fröhlich und gut drauf: Dennis mit jamaikanischen Schülern

privat

Wie komme ich an ein barrierefreies Zimmer? Muss ich beim Flug etwas bedenken? Wie weit sind die Wege auf Jamaika? Was will ich überhaupt unternehmen? Für alles gab es eine Antwort, und nach ein paar Wochen Vorbereitung hieß es für den Musiker aus dem Münsterland: Weg von den winterlichen Temperaturen, ab in die Karibik!

Wie es sich – nur von seinem Rollstuhl begleitet – reist, erfahrt ihr in seinem Video-Bericht. Viel Spaß :-)

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Sabrina

Hi Dennis! Ich bin schwer beeindruckt von dir!!! Kenne dich noch als kleinen Jungen, warst in jungen Jahren ein Freund meiner Schwester. Habe deine Geschichte die letzten Jahre aktiv verfolgt. War bestürzt und mitgenommen, bin dafür aber jetzt umso mehr erfreut zu sehen wie gut es dir geht :-) Du bist ein mega Vorbild für alle körperlich eingeschränkten Menschen und ich kann dir nur sagen: mach weiter so!!!


Freiwilliges Engagement

Neue Heimat – Paten helfen beim Ankommen 

Fußballtraining und ein Pate mit viel Zeit – das ist das Erfolgsrezept des Berliner Projekts „Heimspiel“. 30 Mädchen aus Flüchtlingsfamilien machen mit, so wie die 12-jährige Samira. Sie ist seit einem Jahr in Deutschland und ihre Patin Fatemeh weiß genau, wie sich das anfühlt. 

CC BY 2.0 / KG Sand Soccer / Flickr

Freitag, 14 Uhr, in einer Turnhalle in Berlin-Reinickendorf. Ein knappes Dutzend Mädchen zwischen 10 und 13 Jahren sitzt erwartungsvoll in einem Kreis. Wie jede Woche geht es hier nur um eines: Fußball spielen.  

Mit dabei sind Samira und Asiel, die eine Willkommensklasse ganz in der Nähe besuchen. Asiel ist offen und kommunikativ, Samira ist eher schüchtern. Beide sind beste Freundinnen und verbringen jede freie Minute zusammen. Die 12-Jährigen können es kaum erwarten, dass das Training beginnt. Sie erzählen: „Seit ein paar Wochen kommen wir regelmäßig, weil es einfach Spaß macht. Heute haben wir jeder ein Vereinstrikot bekommen.“ 

Unterwegs mit den Paten 

Der wöchentliche Fußballtreff ist Teil des Patenschaftsprogramms „Heimspiel“, das der Berliner Verein Kein Abseits! organisiert. Neben dem Training treffen sich die beiden Mädchen regelmäßig mit ihren Patinnen, den Schwestern Fatemeh und Khadijeh. Im Vierer-Pack gehen sie bowlen, Schlittschuhlaufen oder auch mal ins Musical. Die 28-jährige Fatemeh beschreibt das so: „Wir sind jetzt seit Herbst ein Gespann und lernen uns immer besser kennen. Das funktioniert vor allem über unsere gemeinsamen Unternehmungen. Manchmal bricht auch ein Scherz, ein kleines Spiel oder einfach eine Umarmung das Eis.“ 

Inzwischen steigt die Lautstärke in der Sporthalle. Zum Aufwärmen spielen die Mädchen fangen, dann kommen Stretching und Dribbel-Training. Alle sind hochkonzentriert und haben jede Menge kleine Erfolgserlebnisse. Samira ist vorne mit dabei, rennt und kämpft um jeden Ball. Vor knapp zwei Jahren ist sie aus Bosnien-Herzegowina nach Deutschland gekommen und lebt mit ihren Eltern und sieben Geschwistern in einer Flüchtlingsunterkunft. Mit Fatemeh hat die zurückhaltende Samira die Möglichkeit, aus der engen Unterkunft herauszukommen, dann geht es mal nur um sie.  

Eine ähnliche Geschichte 

Aktuell kümmern sich noch 30 weitere Paten um Kinder aus Flüchtlingsfamilien in dem Bezirk. Einige der Engagierten sind wie Fatemeh und Khadijeh selbst Zuwanderer. Sie kamen vor 25 Jahren aus dem Iran nach Deutschland. Für beide ist es nicht das erste Engagement: Sie sind im Schwimmverein aktiv, waren beim Bund Deutscher Pfadfinderinnen und engagierten sich in Jugendzentren. Beide kennen die Situation, wenn man in ein Land kommt und alles erst einmal neu ist. Fatemeh erinnert sich: „Wir haben vor allem von Freunden gelernt, wie die Dinge hier funktionieren. Jetzt kann ich dabei helfen, Samira eine Perspektive zu geben.“  

Kurz vor Abpfiff versenkt Samira noch einen Ball im Netz und lächelt danach fast verlegen. Dann greifen alle zu ihren Trinkflaschen, die Gesichter sind rot und strahlen glücklich. Alle Spielerinnen versammeln sich im Kreis und wählen die besten Spielerinnen des Trainings. Diesmal gehört auch Samira dazu.  

Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch nach seinen individuellen Möglichkeiten selbstbestimmt leben und am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann. Dieses selbstverständliche Miteinander erreichen wir nur, wenn sich möglichst viele Menschen für eine inklusive Gesellschaft einsetzen und sie mitgestalten – zum Beispiel durch freiwilliges Engagement. Die Aktion Mensch bietet mit ihrer Freiwilligen-Datenbank einen Überblick über die zahlreichen Möglichkeiten: Menschen mit und ohne Behinderung können aus mehr als 13.000 Angeboten  das passende Engagement auswählen. 
 
Weitere Ideen für inklusives Engagement finden Sie in der Freiwilligen-Datenbank.

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Inklusion

Gut behütet – Erfahrungen einer blinden Babysitterin

Blind babysitten - kann das klappen? Mit etwas Selbstvertrauen auf jeden Fall, sagt Mirien Carvalho Rodrigues. Die blinde Bloggerin erzählt euch von ihren Erlebnissen.

Mirien Carvalho im entspannten Spiel mit Elias: Völlig frei und unbefangen

privat

An dem Abend, an dem Martin und ich zum ersten Mal zusammen ausgingen, war er schwer beeindruckt davon, dass ich eine Speisekarte lesen konnte, ohne sie aufzuklappen. In Marburg boten auch damals schon einige Lokale Speisekarten in Brailleschrift an. Nach diesem Erlebnis beschloss Martin, alles über Bord zu werfen, was er vielleicht mal über Blindheit und blinde Menschen gedacht hatte. Auch bei seiner Familie – nennen wir sie Familie G. – wurden keine großen Worte gemacht. Wer mit einem der Kinder befreundet war, gehörte zur Familie. So kam auch ich als Martins Freundin Anfang der Neunzigerjahre oft zu Besuch.

Ganz selbstverständlich und unbefangen redeten wir über Gott und die Welt. Für mich war es manchmal beinahe unglaublich: Egal, ob es darum ging, Hemden zu bügeln, den Tisch für acht Personen zu decken oder ein Pferd in die Box zu führen – in dieser Familie hatte allein ich das Vorrecht zu sagen, wenn ich Unterstützung brauchte oder etwas lieber nicht machen wollte.

Traust du dir das zu?

Schließlich kam der Tag, an dem Martins Schwester Christiane einen Babysitter für ihren Jüngsten suchte. Der Kleine konnte noch nicht sprechen, war allerdings gerade dabei, die Welt im Krabbelsturm zu erobern.

Frei heraus sprach Christiane ihre Bedenken aus, das Kind könne mir nicht sagen, was es wolle. Nachdem ich ihr erklärt hatte, ich würde immer auf Tuchfühlung mit dem Kind bleiben und den ganzen Abend über nichts anderes machen, sagte sie schlicht: „Ja, wenn du mir sagst, dass das geht, dann machen wir das.“

Unvergesslicher Abend

Für mich wurde es ein unvergesslicher Abend. Ohne viel Erfahrung mit Kindern zu haben, war ich mir doch sicher, wir zwei würden uns verstehen. Als der kleine Simon zappelig wurde, nahm ich ihn aus seinem Stühlchen und setzte ihn auf den Boden. Irgendwas wollte er mir aber noch sagen, was ich nicht sofort begriff. Da krabbelte er hinter die Küchentür, ich ihm immer auf den Fersen. Dort stieß ich auf jede Menge leerer Flaschen. Aha, er hat Durst!

In dem Wissen, allein und unbeobachtet zu sein, wagte ich mich mit dem Kleinen auch auf die Terrasse. Und natürlich krabbelte das Kind wie der Blitz in Richtung Treppe. Die Oma hielt ihn immer von der Treppe fern. Ich beschloss, es anders zu machen, denn ich wollte Simons Forscherdrang unterstützen. So krabbelte schließlich das Kind Kopf voran ganz langsam die Treppe hinunter, während ich rückwärts krabbelte und ihn von unten sicherte. Bis heute weiß ich nicht, wer an dem Abend mehr Freude hatte.

Seither hatte ich noch einige Male das Glück, mit den Kindern gelassener Eltern zusammen etwas erleben zu dürfen. Zum Beispiel mit Elias. Seine Eltern sind selbst blind und gute Freunde von mir. Hier war von Anfang an klar, dass ich ihn halten, herumtragen und mit ihm spielen darf und mich dabei völlig frei und unbefangen fühlen kann.

Aber es war Familie G., bei der ich zum ersten Mal erfahren durfte, dass ich diese Unbefangenheit auch unter sehenden Menschen manchmal empfinden kann.

 

Linktipps:

Schulbesuche mit dem Blindenführhund. Mirien Carvalho Rodrigues über die Unbefangenheit bei ihren Begegnungen mit Kindern

Zu früh. Heiko Kunert über eine unverhoffte Begegnung mit einem Mann, der wirklich alles über Blinde weiß – oder das zumindest denkt

Wahrnehmungswelten blinder Menschen. Interview von Heiko Kunert mit Andreas Brüning, dem Initiator des Projekts „Biografie-Paten“

Behinderung ausgeblendet. Mirien Carvalho Rodrigues über Begegnungen in ihrem Job, bei denen ihre Blindheit kein Thema ist

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Ludwig Herbort

Na klar klappt das. Ich mache das mit meinen Enkelkindern auch. Die wachsen damit auf. Der Ältere ist jetzt 5 Jahre alt. Wenn wir spazieren gehen, bleibt er bei mir, rennt nicht weg. Kommen wir an eine Stelle, wo wir die Straße überqueren müssen, sagt er: "Moment Opa, ich gucke mal ob auch kein Auto kommt!" Tja, so hilft man sich mittlerweile gegenseitig. Selbst vom Kindergarten wird ihm ein besonders gutes Sozialverhalten bescheinigt. Demnach war mein Babysitten doch wohl nicht falsch oder schlecht. Blinde können vieles; man muß sie nur machen lassen!


Unser Dinner for One

Wir haben den Silvester-Fernsehklassiker "Dinner for One" neu interpretiert – und das gleich mehrmals. Die Rolle des Butlers James wird dabei jeweils von verschiedenen Menschen mit Behinderung gespielt. Ob sich dadurch die Geschichte ändert?

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Klaus

Wo ist das Problem Erika?


Frohe Weihnachten!

Wir wünschen euch mit unserem Video wunderschöne Weihnachtstage. Viele haben bei unserem kleinen Film mitgemacht. Schaut es euch an!

Es haben uns zahlreiche süße, witzige und tolle Weihnachtsgrüße erreicht. Ob Mitarbeiter, Facebook-Fans, Hunde, Kinder, Freunde oder einige Protagonisten aus unserer Begegnungskampagne – sie alle wollten ihre guten Wünsche loswerden. Daraus ist ein toller Film entstanden. "Frohes Fest!"

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Aktion Mensch

Lieber Jens, es tut uns leid, dass es zu technischen Problemen gekommen ist. Leider hast du hier deine Emailadresse nicht angegeben. Um dich von dem Sondernewsletter abzumelden, kannst du eine Mail an lotterie@aktion-mensch.de schreiben. Viele Grüße Vanessa Aktion Mensch


Aktion Mensch-Blog

Mein Tag am TV-Set

Da saß ich nun in meinem Rollstuhl… Inmitten von einer für mich riesengroßen Filmcrew mit einer komplett gecasteten Schauspielfamilie. Während die Stylistin an mir herumzupft und der Ton-Mann an meinem Pulli werkelt, gibt mir der Regisseur bereits Anweisungen – für meine allererste professionelle Werbeaufnahme.

Kim mit "TV-Familie" am Film-Set: Eine Menge Spaß zusammen

Aktion Mensch

Schon mal vorweg: Ich gebe es zu, das war ein besonderes Gefühl: Du spielst die Hauptrolle eines TV-Werbespots für die Weihnachtskampagne der Aktion Mensch. Du wirst von Profis schön gemacht und darüber hinaus versuchen die Menschen am Set, auf deine Wünsche einzugehen. Zweifelsohne, ich habe mich gut gefühlt!

Lampenfieber und Weihnachtsstimmung

Doch gleichzeitig hatte ich auch sehr viel Respekt und auch ein klein wenig Angst davor, nicht das abzuliefern, was sich die Film-Crew so vorstellt. Dieses Gefühl wurde noch bestärkt, als ich erfuhr, dass ich die einzige nicht professionelle Schauspielerin am Set war.

Wenn ich nun auf die Drehtage zurückblicke, denke ich an eine sehr schöne Zeit, die hauptsächlich durch die Begegnungen mit den verschiedensten Personen und Charakteren geprägt wurde. Ich hatte eigentlich die Vorstellung, dass die Werbebranche ziemlich oberflächlich sein würde. Das Gegenteil war der Fall. Ich habe die Branche als sehr persönlich und offen im Miteinander kennengelernt. Dadurch fiel es mir erheblich leichter, vor solch einem großen Team vor der Kamera zu stehen. Und die Weihnachtsstimmung am Set mitten im Oktober hat sicher auch noch ihr Übriges dazu getan :-)

Eine besondere Erfahrung

Ich habe gemerkt, dass für ein gutes Ergebnis nicht nur die Stimmung am Set wichtig ist. Auch die Energien zwischen den Schauspielern spielt hierfür eine große Rolle. Zu Beginn war es ein wenig befremdlich, am Set eine komplette Schauspielfamilie vorzufinden. Aber ich glaube, ich kann für meine „Mutter“, mein „Vater“ sowie „Oma“ und „Opa“ sprechen, wenn ich sage: Wir hatten eine Menge Spaß zusammen!

Für mich als behinderter Mensch blieb aber vor allem ein Punkt besonders positiv in Erinnerung: Ich hatte das Gefühl, dass ich während der gemeinsamen Drehtage nicht als die junge Frau im Rollstuhl wahrgenommen wurde, sondern einfach als Kim. Meine Behinderung wurde nicht groß thematisiert und stand nicht im Vordergrund. Und genau das gab mir ein gutes Gefühl, Stolz und die Freude, ein Teil dieses Projekts zu sein. Jetzt freue ich mich auf den Moment, das Ergebnis das erste Mal im Fernsehen zu sehen!

Das "Making of" des Weihnachts-Werbespots

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Mission #MapMyDay

Ist dein Lieblingscafé barrierefrei? Sind vorm Eingang zum Friseursalon Stufen? Gibt es in der Bibliothek eine rollstuhlgerechte Toilette? Auf der Wheelmap kann jeder die Zugänglichkeit von öffentlichen Orten für Menschen im Rollstuhl bewerten. Am 3. Dezember, dem Tag der Menschen mit Behinderung, gab es mit #MapMyDay eine internationale Mapping-Aktion – und wir waren dabei!

Patrick, Hanna, Katharina und Isabell (v.l.n.r.) starten ihre Mapping-Aktion.

Vier Kollegen, vier Smartphones, eine Mission: rollstuhlgerechte Orte in Bonn markieren. Die Agenten: Patrick, Isabell, Hanna und ich. Unsere Waffe: die App Wheelmap. Der Ort: Plittersdorf, ein kleiner Stadtteil im Süden Bonns. Hier ist noch nicht viel in der Wheelmap markiert und auf Barrierefreiheit getestet. Es ist an der Zeit, das zu ändern.

Wir nehmen den Bus. Der Status der Haltestelle auf der Wheelmap steht bereits auf Grün, das bedeutet: rollstuhlgerecht. Trotzdem ist es ziemlich schwierig mit zwei E-Rollstühlen in den Bus zu kommen, denn eine ältere Frau mit Rollator ist ebenfalls Fahrgast – und der Platz im Bus begrenzt. Wir spielen ein bisschen Tetris, schließlich passen alle rein und wir kommen unbeschadet in Plittersdorf an. Erste Herausforderung gemeistert.

Es gibt viel zu tun

Die Apotheke an der Ecke, der Herrenfriseur in der Gasse, der bunte Kunsthändler – all diese Orte sind noch nicht auf der Wheelmap verzeichnet. Uns wird schnell klar: Es gibt hier viel zu tun. Wir fangen bei einem Getränkemarkt an. Es ist der erste grüne Status, den wir vergeben können. Nicht verwunderlich: Wer möchte schon Limo-Kisten die Treppe hochschleppen? Das war also eine Aufwärmübung. Dann nehmen wir uns Fischhändler, Apotheken und Fahrradläden vor. Viele müssen wir mit orange (so mittel) oder rot (nicht rollstuhlgerecht) kennzeichnen, denn bei den vielen alten Gebäuden sind häufig Stufen vorm Eingang und an eine Rampe haben viele Geschäftsinhaber nicht gedacht. Ein Inhaber eines Friseursalons mit zwei Stufen vor der Tür zuckt nur mit der Schulter, als wir ihn nach einer Rampe fragen: „Ach, die kleinen Stufen“. Er weiß offensichtlich nicht, wie schwer Elektrorollstühle sein können. Leider. Wir vergeben den Status Rot.

Doch vereinzelt gibt es auch positive Überraschungen: Wir finden einen Barbier mit ebenerdigem Hintereingang und ein kleines Café mit mobiler Rampe – allerdings fehlen Hinweise darauf am Eingang. Wir geben den Ladenbesitzern den Tipp und ziehen weiter.

Action und kleine Gefahren beim Mappen

Je näher wir dem Zentrum Plittersdorfs kommen, umso schmaler werden die Bürgersteige. Würden wir diese bewerten können, wäre höchstens ein orangefarbener Status drin. Höchstens, denn wir haben noch einen kleinen Zwischenfall: Isabell rutscht mit ihrem E-Rollstuhl ab und steht nur noch halb auf dem Bürgersteig. Einfach schieben geht nicht, der Rollstuhl wiegt 180 Kilo. Einfach weiterfahren geht auch nicht, dann würde sie umkippen. Also ist es Zeit für unseren ersten Action-Einsatz. Wir drücken uns gegen Isabell, damit sie nicht rausfällt, während sie ihren Rollstuhl langsam über die Kante vom Bordstein runter bugsiert – mit Erfolg und ohne Verletzte. 

Nach zwei Stunden beschließen wir unseren Einsatz für heute zu beenden. Wir haben rund zehn neue Orte auf der Wheelmap angelegt und rund 15 als grün, orange oder rot eingestuft. Wir hoffen, dass diese Infos den Rollstuhlfahrern, die Plittersdorf einmal besuchen möchten, helfen. Dann wäre unsere Mission erfolgreich gewesen.

 

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