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Freiwilliges Engagement

Fette Ernte

Kartoffeln, Karotten, Mangold & Co. kommen nicht aus dem Supermarkt, sondern wachsen auf dem Feld. Diese Entdeckung machen immer mehr Schülerinnen und Schüler, die an der „GemüseAckerdemie“ teilnehmen. Vom April bis Oktober werden sie zu kleinen Landwirten, Erntehelfern und findigen Gemüsehändlern.

Foto: Judith Hotes

Wenn sich Christiana Daudert und Maren Uhde einmal die Woche mit ihrer 4. Klasse von der Pestalozzi-Schule in Berlin-Zehlendorf treffen, geht es nicht um trockene Theorie. Dann werden die Hände schmutzig, die Kinder arbeiten sich durch dunkle Erde, sie säen, wässern und rupfen Unkraut. Am Ende werden sie mit einem Bund Karotten, einem Arm voll Mangold oder einem Eimer Kartoffeln belohnt. Was sie nicht selbst zubereiten und essen, können sie an Nachbarn, Großeltern oder Bekannte verkaufen und mit dem Erlös das Projekt unterstützen.

Ehrenamtliche Acker-Erklärer

Christiana Daudert ist eine von rund einem Dutzend freiwillig engagierter Mitarbeiter der GemüseAckerdemie in Berlin und Umgebung. Sie erklärt das Prinzip: „Wir teilen die Klasse in zwei Teams, die dann nacheinander auf den Acker gehen. Wir erklären dann, was für Aufgaben anstehen und unterstützen die Kinder wo nötig.“ Als „AckerMentorin“ erklären sie, was Pflanzen zum Wachsen brauchen, warum die einen Knollen bilden und andere nicht oder wie man Gemüse zubereitet.

Die 36-Jährige und ihre Kollegin sind nach dem Ende des Studiums zur GemüseAckerdemie gekommen. Beide haben Öko-Agrarmanagement studiert und sind damit echte Acker-Experten. Voraussetzung ist solch geballtes Fachwissen aber nicht. Christiana Henn, die als Regionalkoordinatorin für den Ackerdemia e.V. arbeitet, beschreibt die Zusammenarbeit: „Die GemüseAckerdemie stellt das Pflanz- und Saatgut zur Verfügung, dazu auch das nötige Know-how für die Lehrer und die Schulung von Freiwilligen.“ Alle Lehrer und Freiwilligen bekommen wöchentlich „AckerInfos“ per E-Mail zugeschickt, in denen beschrieben ist, was am nächsten Acker-Tag ansteht. Im Vorfeld gibt es zudem sowohl für die Freiwilligen als auch die Lehrer Workshops.

Es geht um Wertschätzung

Die Idee zu dem Programm hatte vor einigen Jahren Dr. Christoph Schmitz, dessen Eltern einen Bauernhof im Rheinland bewirtschaften. Des Öfteren besuchen Schulklassen den Hof. Sie ernten Kartoffeln, waschen und schälen sie und machen Pommes Frites daraus. Gemeinsam mit seiner Schwester, der Lehrerin Ulrike Päffgen, fragte er sich, inwieweit ein einzelner Tag auf dem Hof das Bewusstsein und Handeln von Kindern ändern könne und entwickelte ein ganzjähriges Bildungsprogramm. Es folgt dem Grundgedanken: Wer selbst einmal Gemüse angebaut, dieses gegessen und verkauft hat, der schätzt wert, was er isst und verschwendet nichts davon. An 20 Standorten in vier Bundesländern besuchen Kinder heute die GemüseAckerdemie.

Die 26 Kinder aus der Pestalozzi-Schule haben jetzt schon fette Beute gemacht. Alle Fortschritte ihres Projekts können sie auf dem Acker-Blog mit Fotos und Berichten dokumentieren. Der Spaß dabei ist jedenfalls so groß, dass sich etliche Schülerinnen und Schüler gemeldet haben, die sich auch in den Sommerferien um die Pflanzen kümmern.

Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch nach seinen individuellen Möglichkeiten selbstbestimmt leben und am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann. Dieses selbstverständliche Miteinander erreichen wir nur, wenn sich möglichst viele Menschen für eine inklusive Gesellschaft einsetzen und sie mitgestalten – zum Beispiel durch freiwilliges Engagement. Die Aktion Mensch bietet mit ihrer Freiwilligen-Datenbank einen Überblick über die zahlreichen Möglichkeiten: Menschen mit und ohne Behinderung können aus mehr als 13.000 Angeboten  das passende Engagement auswählen.

Weitere Ideen für inklusives Engagement finden Sie in der Freiwilligen-Datenbank.

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Inklusion

„Gnadenlos ehrlich“

An einem lauen Freitagabend im Juli treffe ich Claudia Dässel und Sebastian Fuchs, um mir von ihnen die Geschichte ihrer Freundschaft erzählen zu lassen. Wir sitzen auf der Terrasse von Claudias Stamm-Griechen in Krefeld. „Magst du Schafskäse“, fragt Sebastian in Richtung Claudia beim Durchstöbern der Speisekarte. „Auf einer Skala von eins bis sechs so etwa bei drei plus“, antwortet Claudia grinsend. Sebastian verdreht die Augen und lacht: „Du bist äußerst kompliziert.“

Claudia Dässel und Sebastian Fuchs: „Wir können zusammen lachen, auch über uns selbst“

Claudia und Sebastian sind Freunde. Claudia ist 35 Jahre alt und arbeitet in der Selbsthilfe-Kontaktstelle des Paritätischen Wohlfahrtverbandes in Krefeld. Seit einem Verkehrsunfall sitzt sie im Rollstuhl. Sebastian ist 30 Jahre alt, lebt und arbeitet in Stuttgart. Sein Arbeitgeber ist der dortige Körperbehinderten-Verein. Sebastian hat eine Spastik mit motorischer Einschränkung und eine Sehbehinderung. Zwischen Krefeld und Stuttgart liegen 400 Kilometer. Die beiden haben es geschafft, eine Freundschaft aufzubauen und sie zu intensivieren, trotz der großen Distanz, die zwischen ihnen liegt. Gegenseitige Besuche und stundenlange Telefonate inklusive.

Klassentreffen des Familienratgebers

Kennengelernt haben sich „Claudi“ und „Basti“ – so nennen sie sich gegenseitig – 2012 in Bremen. Dort trafen sie sich beim Regionalpartner-Treffen des Aktion Mensch-„Familienratgebers“, einem Portal für Menschen mit Behinderung und ihre Familien. Teil dieses Internet-Angebots ist eine Datenbank, in der sich über 25.000 Adressen von Organisationen der Behindertenhilfe und -selbsthilfe befinden. Die regionale Betreuung der Adressdaten des Familienratgebers übernehmen sogenannte Regionalpartner. Von diesen gibt es bundesweit mehr als 150. Claudia und Sebastian sind zwei von ihnen. Einmal im Jahr treffen sich die Regionalpartner, um zu erfahren, was es Neues beim Familienratgeber gibt und um Ideen auszutauschen. Für diejenigen, die schon länger dabei sind, ist es wie ein großes Klassentreffen mit der richtigen Mischung aus Arbeit und Spaß. Claudia und Sebastian schätzen die jährlichen Treffen besonders als Möglichkeit zum Informations- und Erfahrungsaustausch. „Man fragt die anderen Kollegen nach den Projekten, die sie in ihrer Region gestartet haben – mit welchem Erfolg? Was kann man besser machen? Wir profitieren von den Erfahrungen der anderen, zum Beispiel beim Ausrichten einer Veranstaltung. Wann ist der richtige Zeitpunkt dafür? Wer muss in der Vorbereitung mit eingebunden werden?“, erklärt Claudia.

Bis morgens um sieben geredet

„Die Claudi“, erinnert sich Sebastian an das erste gemeinsame Regionalpartner-Treffen in Bremen, „hat einige ziemlich schlagfertige Kommentare abgelassen, und da dachte ich mir, höre ich mir mal an, was sie noch zu erzählen hat.“ Das gemeinsame Gespräch und Kennenlernen endete dann erst morgens um sieben in der Hotellobby, als der Reinigungsdienst die beiden „rauskehrte“. Berufliche und private Themen vermischten sich im Laufe der langen Gesprächsnacht. „Wenn man die ganze Nacht durchmacht und sich unterhält, dann zeigt das einfach, dass vieles auf der zwischenmenschlichen Ebene passt“, sagt Claudia. „Und mir ist in dieser Nacht klar geworden, dass du eben wie ein Duracell-Männchen im Rollstuhl bist“, scherzt Sebastian.

Zusammen lachen und sich gegenseitig auf die Schippe nehmen

Was in der gemeinsamen Freundschaft passt, ist nicht zuletzt die gleiche Art von Humor. „Da ist viel Ironie mit im Spiel. Wir können zusammen lachen, auch über uns selbst“, sagt Sebastian. Das „Sich-gegenseitig-auf-die-Schippe-Nehmen“ ist dabei eine ihrer Spezialitäten. Ein Beispiel gefällig? Wie gesagt, wir haben Freitagabend und sitzen vor Claudias Stamm-Griechen bei Gyros, Bauernsalat und Rotwein. Sebastian hat seine Rückfahrkarte für Samstagnachmittag gebucht. „Warum bleibst du eigentlich nicht bis Sonntag“, fragt Claudia. „Das halte ich nicht aus“, antwortet Sebastian mit einem Augenzwinkern. Und im gleichen Moment fangen beide herzlich an zu lachen.

Was ihre Freundschaft sonst noch ausmacht, möchte ich wissen, bevor ich die beiden einer weiteren durchgemachten Gesprächsnacht überlasse. „Ich schätze das völlig Verrückte an ihr“, antwortet Sebastian nach kurzer Überlegung. „Man weiß nie, welcher Hammer als nächstes kommt. Und sie ist gnadenlos ehrlich.“ Und Claudia meint: „Egal, ob wir Spaß miteinander machen oder über ernste Themen sprechen, Basti macht kein oberflächliches Bla-Bla, sondern kommt direkt auf den Punkt.“

 

Übrigens: In einigen Regionen fehlen dem Familienratgeber noch Regionalpartner. Bewerben können sich Angehörige gemeinnütziger Institutionen. Näheres dazu findest du hier.

 

Linktipps:

Mehr Begegnungs- und Freundschaftsgeschichten auf der Aktion Mensch-Seite

Familienratgeber der Aktion Mensch

Hilfe in Ihrer Nähe: die Adressdatenbank des Familienratgebers

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Inklusion

Neues von der Handy-Tankstelle

„Braucht noch jemand ein bisschen Strom für sein Handy?“ So fragt Blogger Raul Krauthausen bei Konferenzen über Twitter. Mit diesem Angebot kommt er schnell ins Gespräch und hat tolle Begegnungen.

Raul Krauthausen mit seiner "Handy-Tankstelle": Wunderbare Abwechslung

Aktion Mensch

Ich mag dieses Internet, und wenn es nicht schon da wäre, sollte man es erfinden. Denn immer wieder passieren unerwartete Ereignisse.

Vor ein paar Monaten hatte ich eine WhatsApp-Nachricht von einem Freund bekommen, der meinte, mein Tweet am ersten Tag der Netzkonferenz re:publica war der meist geteilte Tweet. Dabei ging es nur darum, dass ich gerne auf Veranstaltungen meinen USB-Stromanschluss an meinem elektrischen Rollstuhl für ladehungrige Handys zur Verfügung stelle:

Offer: If someone needs to charge his Smartphone, you can plug it in to my electric wheelchair for free! #rp15 @republica

Ich war ziemlich überrascht, dass das Angebot auf solch ein Interesse gestoßen ist. Ursprünglich wollte ich einfach nur mit Menschen in Kontakt kommen. Denn es ist ein Unterschied, ob Menschen zu mir kommen, um einen besonderen Service von meinen Rollstuhl zu nutzen, oder zu einer Diskussion nach einem Vortrag zum Thema Inklusion. Ich freue mich sehr über die Gespräche nach einem Vortrag, weil sie sich oft auf die Themen beziehen, zu denen ich gesprochen habe. Es ist aber auch sehr spannend, mit Menschen über irgendetwas zu reden, das abseits der Vortragsthemen liegt.

Ein bisschen anders wahrgenommen

Die Gespräche fangen meistens damit an, warum ich überhaupt ein Handy über meinen Rollstuhl aufladen kann und was das Ding noch so alles für Features hat. Ich finde es sehr interessant, dass mein Rollstuhl und ich auf einmal ein bisschen anders wahrgenommen werden: Ich bin dann nicht der Mensch im Rollstuhl, der irgendwie behindert ist. Ich bin denn der Mensch mit einer coolen Handy-Aufladestation. Das erzeugt sogar Neid.

Ich nenne diese Gespräche dann gerne „Neues von der Handy-Tankstelle“, weil wir uns meistens über andere Themen unterhalten, die nicht sofort was mit meiner Behinderung zu tun haben. Es kann natürlich auch damit zusammenhängen, dass auf einer Netzkonferenz die Themen sowieso andere sind, und doch freue ich mich sehr darüber. Damit möchte ich thematisch nicht werten, sondern dazu motivieren, mit mir auch über andere Themen zu sprechen als über Inklusion, Barrierefreiheit und die UN-Behindertenrechtskonvention.

Zum Beispiel habe ich einen 3D-Drucker zu Hause und frage mich die ganze Zeit, was passieren würde, wenn man damit einen weiteren 3D-Drucker herstellen würde?

Der Mensch hinter einer Behinderung

Zu Hause spiele ich gerne Playstation oder gucke Serien bei Netflix, und sehr oft frage ich mich, wo eigentlich dieses „Betriebsfahrt“ liegt, zu dem so viele Busse fahren. Also es gibt noch das eine oder andere Thema, über das man mit mir reden kann, und es muss nicht immer die Behinderung sein. Vielleicht helfen diese Gespräche auch dabei, dass der Mensch hinter einer Behinderung gesehen wird.

Dazu interessiert mich das Leben von dem Gegenüber noch viel mehr als der „Betriebsfahrt“-Standort, und so frage ich sehr gerne, was den oder die andere so umtreibt, beschäftigt und interessiert. Es ist unglaublich spannend, welche Menschen man an der Handy-Tankstelle kennenlernt. Zum Beispiel Lokführerinnen, Zukunftsforscher oder Sportlerinnen, die mir endlich mal erklären können, warum man sich jeden Tag so quälen kann.

Diese Gespräche sind eine wunderbare Abwechslung für mich, und wenn sie auch manchmal nur 20 Minuten dauern, möchte ich sie nicht missen und hoffe, dass Menschen mit und ohne Behinderungen viele solcher Begegnungen haben. Manchmal reicht schon ein Tweet auf einer Veranstaltung.

Was für interessante Begegnungen hattest du schon?

 

Linktipps:

Behinderung ausgeblendet. Mirien Carvalho Rodrigues über Begegnungen in ihrem Job, bei denen ihre Blindheit kein Thema ist

Zu früh. Heiko Kunert über eine unverhoffte Begegnung mit einem Mann, der wirklich alles über Blinde weiß – oder das zumindest denkt

Eine Begegnung mit Hindernissen. Anastasia Umrik über eine peinliche Begegnung und was sie daraus mitgenommen hat

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Anonym

Ich finde, Raúl geht mit dem Thema Behinderung oder wie ich immer sage Mensch mit Einschränkung - ganz gut um. Ich mein, ein Mensch, der im Rollstuhl seinen Tag verbringt und ein Buch mit dem Titel "Dachdecker wollte ich eh nie werden" schreibt, der zeigt schon Mut und animiert auch dazu, den eingeschränkten Menschen so zu sehen, wie er ist und nicht, wie andere ihn gern hätten. Mit Sicherheit hat so mancher Mensch mit Einschränkungen viel mehr Humor und Lebensfreude, als so mancher Mensch ohne Einschränkung. Mach weiter so Raúl. In Deiner Sichtweise und mit Deiner Schlagfertigkeit bist Du schon irgendwie ein Vorbild für mich geworden. LG


Freiwilliges Engagement

Angler-Latein in Gebärdensprache

Angeln in öffentlichen Gewässern darf man nur mit einer Erlaubnis. Wer den nötigen Fischereischein nicht besitzt – so wie viele Gehörlose – ist faktisch vom Fischefangen ausgeschlossen. Engagierte Angler in Nordfriesland wollen das ändern. Im September startet der nächste Lehrgang für Gehörlose in Gebärdensprache.

Foto: CC BY 2.0 / MiGowa

Die Initiative ging von einem gehörlosen Auszubildenden im Husumer Theodor-Schäfer-Berufsbildungswerk aus. Er wollte selbstständig angeln gehen und brauchte dafür den Fischereischein. Mit dem Pastor des Berufsbildungswerks hatte er schnell einen Verbündeten für sein Vorhaben gefunden. Der Pastor sprach Jürgen Töllner an, der ebenfalls im Werk arbeitete und Vorsitzender des Kreisanglerverband Nordfriesland e.V. ist. Auf dem kurzen Dienstweg organisierte Töllner die nötigen Gebärdensprachdolmetscher und sorgte dafür, dass die Kosten für die Dolmetscher aus dem Topf der Fischereiabgabe des Landes bezahlt wurden. Jürgen Töllner sieht sein Engagement norddeutsch-pragmatisch: „Gehörlose Angler konnten sonst nur in Begleitung eines Fischereischein-Inhabers angeln gehen. Das war für viele kein Dauerzustand. Und wir als Verband konnten helfen.“  

Wie heißt Brasse in Gebärdensprache?

Der erste Kurs lief 2011 mit einem knappen Dutzend Teilnehmern in Husum. Eine Dolmetscherin hatten sich zuvor in die Fachbegriffe eingearbeitet. In acht Unterrichtsblöcken ging es um Gewässerkunde, den richtigen Umgang mit dem Gerät, um rechtliche Aspekte und vieles mehr. Am Ende standen die Prüfung und die feierliche Übergabe des bestandenen Scheins.

Am 10. September 2015 beginnt der nächste Durchgang. John Hoxhaj hat sich bereits angemeldet. Der 20-Jährige ist Auszubildender im Bereich Technisches Produktdesign im Theodor-Schäfer-Berufsbildungswerk. Schon als Kind hat er sein Faible fürs Angeln entdeckt und war oft mit seinem Großvater unterwegs. Er erzählt: „Für mich ist alles am Angeln interessant, weil man sehr viel dabei lernen kann. Es wird nie langweilig.“ Warum er sich für den Kurs angemeldet hat? „Ich will nicht nur an Privatgewässern angeln dürfen, sondern überall. Das ist doch viel besser.“

Der Verband, der inklusiv denkt

Der Kreisanglerverband macht sich auch an anderer Stelle dafür stark, dass niemand vom Angeln ausgeschlossen ist. Jürgen Töllner berichtet: „Bislang haben wir sechs Rollstuhlplätze für Angler angelegt. Man kann mit dem Auto direkt ranfahren und seine Angel von einem befestigten Steg auswerfen.“ Für Vereine und Engagierte, die Rollstuhlplätze einrichten wollen, hat der Kreisanglerverband alle Infos – von baulichen Voraussetzungen bis hin zum Genehmigungsverfahren – auf einer CD zusammengestellt.

Für John Hoxhaj soll der Lehrgang erst der Anfang sein. Für ihn ist klar, dass er künftig mit anderen zusammen angeln möchte. Am besten in einem Verein. Sein Wunsch an die künftigen Vereinskameraden: „Es wäre schön, wenn sie sich ein wenig die Gebärdensprache aneignen könnten. Dann würden vielleicht auch mehr gehörlose Menschen in den Verein kommen. Dass wir ein wenig gleichgestellter wären, das wäre schön!“

Der Fischereischein-Lehrgang für Gehörlose findet vom 10.9.2015 bis zum 22.10.2015 in Husum statt. Die Anmeldung ist über die Internetseite des Kreisanglerverbands möglich. Das Prüfungszeugnis wird von anderen Bundesländern anerkannt.

Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch nach seinen individuellen Möglichkeiten selbstbestimmt leben und am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann. Dieses selbstverständliche Miteinander erreichen wir nur, wenn sich möglichst viele Menschen für eine inklusive Gesellschaft einsetzen und sie mitgestalten – zum Beispiel durch freiwilliges Engagement. Die Aktion Mensch bietet mit ihrer Freiwilligen-Datenbank einen Überblick über die zahlreichen Möglichkeiten: Menschen mit und ohne Behinderung können aus mehr als 13.000 Angeboten  das passende Engagement auswählen.


Weitere Ideen für inklusives Engagement finden Sie in der Freiwilligen-Datenbank.

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Inklusion

Begegnung im Dunkeln

Ein Abend in der Unsicht-Bar

Hamburger Dunkelrestaurant: Auf Geräusche, Gerüche, den Geschmack der Speisen konzentrieren

Unsicht-Bar Hamburg

Mein Gegenüber ist nervös, unsicher, hat Angst, sein Weinglas umzustoßen. Mein Gegenüber weiß nicht, ob er als Nächstes ein Stück Fleisch, eine Kartoffelscheibe oder ein Salatblatt auf der Gabel hat – oder gar nichts. Mein Gegenüber ist es gewohnt, Restaurant und Essen mit den Augen zu betrachten. Hier gibt es diese Routine nicht.

Wir sind in der Unsicht-Bar in Hamburg, einem Dunkelrestaurant. Während für mich als blinder Mensch dieser Restaurantbesuch so ist wie jeder andere, ist es für sehende Besucherinnen und Besucher aufregend.

Arbeitgeber für Menschen mit Behinderung

Blinde oder sehbehinderte Mitarbeiter führen die Gäste in einen vollkommen lichtlosen Raum und bedienen sie am Tisch. Somit schafft die Unsicht-Bar nicht nur eine besondere Erfahrung für ihre Gäste, sondern ist zudem Arbeitgeber für Menschen mit einer Behinderung.

Ich selbst habe nach meinem Studium ein Dreivierteljahr hier gekellnert. Immer wieder erlebte ich, wie meine sehenden Gäste ganz still wurden, als ich sie ins Dunkel führte, dass ihre Hände auf meiner Schulter schwer wurden, sie sich duckten, weil sie befürchteten sich den Kopf zu stoßen. Ich nahm die Nervosität wahr, aber auch die Erleichterung der Gäste, als sie ihren Sitzplatz gefunden hatten und die Erfolgserlebnisse, wenn sie sich eigenständig ein Glas Bier einschenkten ohne den Tisch zu fluten oder mit dem Tischnachbarn erfolgreich anstießen. Und ich erlebte, wie die Gäste spürbar lockerer wurden und sich im Laufe des Abends mehr auf die verbliebenen Sinne konzentrierten: auf Geräusche, Gerüche, auf den Geschmack der Speisen.

Man kommt ins Gespräch

So kamen wildfremde Menschen miteinander ins Gespräch. Tischnachbarn, die sich noch nie gesehen hatten und sich auch nie sehen würden, unterhielten sich vollkommen unverkrampft. Das Taxieren von Kleidung, Aussehen und Mimik fiel weg und wurde durch das gesprochene Wort, Lachen oder Berührungen ersetzt.

In den Gesprächen mit Gästen ging es um meinen Alltag als blinder Mensch und um die Motive der Besucher für ihren besonderen Restaurantbesuch. Die Einen kamen im Rahmen eines Betriebsausflugs, andere waren frisch verliebt und wollten einen unvergesslichen Abend erleben, wieder andere waren nur widerwillig dabei, weil ein Angehöriger unbedingt mal hier her wollte. Aber fast alle sagten mir zum Abschied – wieder im Hellen –, dass sie den Abend sehr genossen hatten und um eine wertvolle Erfahrung reicher seien.

 

Hamburg und leckeres Essen findest du eine super Kombi? Dann mach bis zum 16. August 2015 bei unserem Gewinnspiel mit. Wir verlosen einen Wochenend-Trip in die Hansestadt inklusive Kochkurs bei Volker Westermann: www.aktion-mensch.de/gewinnspiel

 

 

 

Infos und Reservierung unter: www.unsicht-bar-hamburg.de

Weitere Unsicht-Bar-Restaurants gibt es in Köln und Berlin.

 

 

 

Linktipps:

Plötzlich blind! Ulrich Steilen über die Stadtführung „Blindwalk“, bei der Sehende mit verbundenen Augen Köln erkunden

Kunst für alle: Auch Hände können sehen. Heiko Kunert über einen Künstler, dessen Kunst blinde und sehende Menschen zusammenzubringt

Blind wohnen: Über Füße im Futter und verschollene Korkenzieher. Heiko Kunert über den ganz normalen Alltag von blinden Menschen

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Freiwilliges Engagement

Mutmacher auf zwei Rädern

Depressions-Erfahrene treten in die Pedale, um es allen zu zeigen: Depression darf kein Tabuthema sein, kein Betroffener muss sich verstecken und man kann auch mit der Erkrankung aktiv und engagiert wie jeder Andere sein.

Foto: Sebastian Burger

Stefanie Vilsmaier war schon bei der allerersten MUT-TOUR 2012 dabei. Warum der Name MUT(!)-TOUR? Weil hier Menschen mit Depressions-Erfahrung Mut beweisen, indem sie ihr Leben wieder aktiv gestalten, gemeinsam eine Radreise machen, campen, kochen und Spaß haben. Und sie haben Mut, weil sie auf dieser Radtour in aller Öffentlichkeit zu ihrer Erkrankung stehen, auf Marktplätzen und in Fußgängerzonen aufklären sowie Betroffene und Angehörige beraten.

14.000 km quer durch Deutschland

2012 ist Stefanie Vilsmaier mit einem Dutzend weiterer Teilnehmer von Dresden hoch bis an die Ostsee geradelt. „Das war ein tolles Erlebnis – sich auspowern, 60 Kilometer am Tag fahren und unterwegs Interviews geben, Passanten aufklären…“, erinnert sie sich. Infostand- und Mitfahraktionen in den Städten, die die MUT-TOUR passiert, sind wichtiger Bestandteil des Konzepts. Partner sind lokale Organisationen aus den Bereichen Psychosoziales und Fahrrad.

Auf den alle zwei Jahre stattfindenden großen MUT-TOUREN waren schon insgesamt 102 Depressions-Erfahrene und -unerfahrene Menschen quer durch die Republik mit dem Fahrrad unterwegs. Sie legten in 23 Etappen 14.000 Kilometer zurück und erreichten mit den Aktionen fast 1.500 Veröffentlichungen zum Thema.

Zehn Tage Urlaub vom Alltag

Die Idee zur MUT-TOUR hatte Sebastian Burger aus Bremen. Er hatte in einer Krisensituation gemerkt, wie gut ihm Bewegung in der Natur und eine feste Tagesstruktur getan hatten. Der radbegeisterte Künstler bastelte in seiner Freizeit an dem Konzept und organisierte die erste MUT-TOUR quer durch Deutschland, in die sich Menschen mit und ohne Depressions-Erfahrung für zehn Tage einklinken konnten. Inzwischen ist die Depressionsliga als Trägerin des Projekts mit an Bord, Stiftungen, Rentenversicherer und Krankenkassen unterstützen das Selbsthilfeprojekt. Die Depressionsliga ist als Selbsthilfeorganisation rein ehrenamtlich organisiert. Wer sich dort engagieren möchte, findet hier Informationen.

Stefanie Vilsmaier engagiert sich inzwischen im Organisations-Team für das Projekt. Sie erklärt künftigen Teilnehmern, was diese erwartet, vor allem aber kommt sie nach der Tour auf die Mitfahrer zu und stellt sicher, dass es ihnen gut geht. Zusätzlich gibt sie unter dem Dach der MUT-TOUR Schulworkshops, informiert Schülerinnen und Schüler frühzeitig über Depressionen und berät Betroffene als zertifizierte „Expertin aus eigener Erfahrung“.

Nachmachen erwünscht!

Neben den Radtouren bilden sich inzwischen die ersten MUT-Ortsgruppen. Sie organisieren etwa in Münster oder Roth regelmäßige Sportangebote – sei es mit dem Rad oder Wanderstock oder Badminton-Schläger. Interessenten, die vor Ort Angebote gestalten wollen oder sich schon einmal für die MUT-TOUR 2016 vormerken lassen wollen, finden Infos dazu auf der Webseite des Projekts.

Doch was treibt eine vielfach Engagierte wie Stefanie Vilsmaier eigentlich an? „Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie furchtbar es ist, nicht über das Thema sprechen zu können. Das muss sich ändern. Wir haben da noch viel Luft nach oben.“

Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch nach seinen individuellen Möglichkeiten selbstbestimmt leben und am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann. Dieses selbstverständliche Miteinander erreichen wir nur, wenn sich möglichst viele Menschen für eine inklusive Gesellschaft einsetzen und sie mitgestalten – zum Beispiel durch freiwilliges Engagement. Die Aktion Mensch bietet mit ihrer Freiwilligen-Datenbank einen Überblick über die zahlreichen Möglichkeiten: Menschen mit und ohne Behinderung können aus mehr als 13.000 Angeboten  das passende Engagement auswählen.

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Anonym

Hey. Gibt es noch andere Behinderungen als Geistige, Körperliche und das sogenannte depresive Syndrom infolge Burnouts? Ich bin bitter enttäuscht über den sogenannten Inklusionsansatz und das Handeln von Institutionen...Das wir so wenig von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen hören und sehen, woran mag das wohl liegen? Vergisst man in unserer Gesellschaft jene, die sich nicht so lautstark hervortun? Oder sitzt der Deckel so fest, damit niemand etwas mitbekommt von schreiendem Unrecht? Was will man aber von einer Gesellschaft erwarten, die dem Mamon frohnt. Ich mache Erfahrungen, die ihresgleichen suchen. Ich bitte um die Einrichtung einer Plattform für Austausch von Menschen, die oft genug kaum Kraft haben, sich an den PC zu begeben! Im Übrigen bitte ich das Team um Aufklärung, die sich so nennen kann. Denn es gibt die fast unsichtbaren, die doch immer weiterwachsende Gemeinde von Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen und den sich daraus entwickelnden, schleichenden Symtomen von ausgewachsenen Behinderungen in der Gesellschaft und die sich gefährlich nahe am Abgrund bewegende Zukunft solcher Menschen.


Ferien, Fußball, Sommercamp

Etwa 250 Kinder aus ganz Deutschland haben sich in Freiburg beim DFL Kids-Club-Sommercamp getroffen. Zusammen haben die kleinen Fans aus 23 Clubs der Bundesliga und der 2. Bundesliga drei spannende Tage erlebt. Neben Fußballtraining standen auch Aktionen rund um die Themen "Prävention und Inklusion" auf dem Programm. Die Aktion Mensch unterstützte das Sommercamp. Maria war als Teilnehmerin dabei. Bei uns erzählt die 12-Jährige, was sie erlebt hat.

DFL/gettyimages

Beim Kids-Club-Camp in Freiburg gab es in diesem Jahr auf dem Unigelände einige Workshops zum Thema  "Prävention" und "Inklusion". Wir wurden in kleine Gruppen eingeteilt. Man konnte vier Stationen machen.

Sag ‚Nein‘ zu Zigaretten

In unserem ersten Workshop erfuhren wir alles über die Gefahren des Rauchens und wie man sich dagegen wehren kann. Wir guckten einen Kurzfilm, der uns fünf Sachen zum Überlegen gab: 1. Wie cool ist Rauchen?, 2. Griff zur Zigarette, 3. Rauchen macht süchtig und ist ungesund, 4. Rauchen tötet,  5. Rauch-freie Schule. In einer Zigarette sind Kohlenstoffmonoxid, Teer und Nikotin enthalten, die ganz schlecht sind und die uns auch beim Sport beeinträchtigen, weil der Körper durchs Rauchen schwächer wird. Auf Zigarettenpackungen stehen ja immer Warnhinweise. In ein paar anderen Ländern sind auch Bilder von extremen Rauchern drauf, die z.B. ein Raucherbein haben. Es ist gut, dass Rauchen so schlecht gemacht wurde, aber manches war mir zu ekelig, weil zu sehr ins Detail gegangen wurde.

Einfach mal die Perspektive wechseln

Nun ging es zur nächsten Station: dem Sommerbiathlon. Wir konnten natürlich keinen Skilanglauf machen, aber es wurde uns ermöglicht zu schießen. Dafür wurden wir in zwei Gruppen eingeteilt, die von ihren Betreuern verschiedene Gewehre zugewiesen bekamen. Ich habe zuerst ein Lasergewehr bekommen. Es hat aber lange gedauert bis man dran kam, weil sich alle wahnsinnig konzentrieren mussten. Später habe ich noch ein anderes Lasergewehr bekommen, aber hier mussten wir so was wie eine Schlafbrille aufsetzen, damit wir nichts sehen und uns so besser in Blinde hineinversetzen konnten. Auch blinde Menschen machen Biathlon, was ich vorher gar nicht wusste. Wir bekamen auch Kopfhörer. Wenn man genau auf den schwarzen Punkt zielte, hörte man einen lauten, hohen, unangenehmen Ton. Entfernte ich mich von dem schwarzen Punkt wurde der Ton tiefer. Freddy (von Werder Bremen) meinte, dass man sich hier nur auf sein Gehör verlassen musste und dass das am Anfang voll kompliziert war, man sich aber immer mehr daran gewöhnt hat und es am Schluss relativ leicht ging.

"Mensch-Ärgere-Dich-Nicht" in der Sportversion

In diesem Kurs durften wir alle möglichen Übungsgeräte ausprobieren und kennenlernen wie etwa kleine quadratische Matten oder Kreisel. Das diente zur Übung des Gleichgewichts und der Kraft, um Verletzungen vorzubeugen. Wir haben auch "Mensch-Ärgere-Dich-Nicht" gespielt und zwar die Sportversion: Wenn jemand z.B. eine 1 gewürfelt hatte, musste die komplette Gruppe eine ganze Runde laufen. Würfelte wer eine 6, musste die Gruppe mit dem Ball um drei Stangen dribbeln und anschließend die Hütchen treffen. Nachdem dieses Spiel fertig war und wir alle schon schwitzten, weil das so anstrengend war, spielten wir schon das nächste Spiel. Es hieß: "Moorlandschaft". Hier waren Teamgeist, Zusammenarbeit und Gleichgewicht gefragt. Ich glaube, jeder hatte hier Spaß und alle waren am Schluss total kaputt. Nun weiß ich auch, dass eine gute Körperbeherrschung notwendig ist, damit man beim Sport möglichst unverletzt bleibt.

Immer dem Rassel-Geräusch hinterher

Blindenfußball ist eine Sportart, die Fußball und Eishockey ähnelt, hat uns der Betreuer erzählt. Die Kinder in der Gruppe mussten eine Brille und einen Kopfschutz aufsetzen, damit sie wirklich nichts sehen konnten und beim Fußballspiel mussten sie sich vollkommen auf ihr Gehör verlassen. Im Ball waren Metallplättchen, die, wenn man den Ball schüttelt, wie Rasseln klingen. Leider konnte ich selbst Blindenfußball nicht ausprobieren, aber alle, die ich gefragt hatte wie es war, waren begeistert. Fabian meinte zum Beispiel, dass es ihm richtig gut gefallen habe und er sich jetzt besser in blinde Leute hinein versetzen könne.

Saftbar - Alkoholfreie Cocktails mixen

Ich durfte als Einzige noch an einer fünften und an der wohl leckersten Station teilnehmen. Wir haben dort zwei coole Cocktails gemixt. Zuerst machten wir (d.h. die anderen aus meiner Gruppe, ich musste ja die Notizen aufschreiben und konnte nicht mithelfen) den "Sunshine-Cocktail", in dem Orangen, Ananas und Zitronensaft und Grenadinen enthalten waren. Der Cocktail war sehr süß, erfrischend, lecker und exotisch. Im exotisch süßen "Moonlight-Cocktail" waren Zutaten wie Kokossirup, Bananen und Mangosaft. Er ist auch super geworden. So gut, dass Robin aus Paderborn nur noch meinte: " Ich hatte keine Erwartungen, aber er hat alle übertroffen!"

 

Linktipps:

Hier geht es zu einem weiteren Bericht über das DFL Kids-Club-Sommercamp 2015

Sportfest inklusiv. Ein Blogbeitrag über den gemeinsamen Spaß am Sport.

Die Magie des Bolzplatzes. Ein Blogbeitrag über Ehrenamtliche, die allen die Möglichkeit geben wollen zu kicken.

 

 

 

 

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Inklusion

Kunst und Inklusion

Menschen mit Sehbehinderung und Sehende machen in Hamburg gemeinsam Kunst. Ein spannendes Angebot für die Teilnehmer – und auch für den künstlerischen Leiter.

Gemälde aus dem inklusiven Kunst-Kurs „Kreativ Aktiv“: Jeder ist herzlich willkommen

BSVH

Rene Eichenauer hat früher in einer kreativen Gruppe gemalt. Dann kam die Sehbehinderung – Diagnose: Feuchte Makuladegeneration. Der Alltag veränderte sich, die neue Situation musste die ruhige, engagierte Frau erst einmal verarbeiten. So kam sie zum Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg (BSVH).

Schnell begann sie in der Selbsthilfeorganisation aktiv zu werden, betreute ein regelmäßiges Stadtteiltreffen. Und in ihr entstand der Wunsch, wieder kreativ sein zu können. Kurzerhand gründete sie „Kreativ Aktiv“, ein inklusives Kunst-Angebot im BSVH. Über ihre frühere Gruppe fand sie einen Künstler, der sie nun unterstützt.

Seit Januar 2015 treffen sich jeweils um die sieben Teilnehmerinnen – aktuell sind es ausschließlich Frauen – einmal im Monat für drei Stunden im Louis-Braille-Center des BSVH und machen Kunst. Darunter sind Vereinsmitglieder, Anwohnerinnen aus dem Stadtteil Barmbek, blinde, sehbehinderte und sehende Kreative. Rene Eichenauer und der Künstler Christoph Wüstenhagen stellen das Know-how, Bücher und Materialien.

Offen für Menschen und Ideen

Die Initiatorin hält fest: „Die Gruppe ist offen für Menschen und Ideen, das ist uns besonders wichtig. Jeder ist uns herzlich willkommen. Egal, was er gestalten will – ein Bild oder eine Skulptur – oder ob er die Gruppe einfach der Gemeinschaft wegen schätzt.“

Christoph Wüstenhagen hat schon häufiger Kunstkurse gegeben. Die Arbeit mit blinden und sehbehinderten Menschen war aber auch für ihn Neuland. „Sehende Menschen überlegen sich eher, was sie gestalten möchten und arbeiten dann ergebnisorientiert darauf hin. Bei der Arbeit mit unseren blinden und sehbehinderten Kursteilnehmern steht aber eher der Prozess im Vordergrund. Häufig ändern sich die Ziele deshalb im Laufe der Arbeit noch einmal, was sehr spannend ist“, berichtet der Künstler.

Vieles verändert sich im Laufe der Arbeit

Die meisten sehenden Menschen überlegten sich, was sie malen oder modellieren möchten und arbeiteten dann darauf hin. Beim Kurs mit blinden und sehbehinderten Teilnehmern bespreche man erst einmal genau, wie man anfangen möchte, und stelle sich dann dem Prozess. Vieles verändere sich im Laufe dieser Arbeit dann noch einmal. Wüstenhagens Hauptaufgabe ist, den technischen Prozess zu begleiten. Viele der Teilnehmerinnen haben aber früher, als ihr Sehen noch besser war, schon künstlerisch gearbeitet und greifen auf ihr Wissen zurück.

„Ich hatte von dem Kurs im Wochenblatt gelesen, und da ich auch sehbehindert bin, dachte ich: ‚Jetzt oder nie‘“, berichtet Teilnehmerin Christel Döllstädt. „Ich fühlte mich unter der kundigen Leitung und bei dem achtsamen Umgang miteinander gleich wohl.“

 

Linktipps:

Mehr Infos zum Kunst-Angebot „Kreativ Aktiv“ des BSVH

„Ich sehe was, was du nicht siehst“. Ulrich Steilen über eine Kölner Ausstellung von Künstlern mit und ohne Behinderung

Ich male, also bin ich. Margit Glasow über das Malen durch Gedanken

Malen ist Hoffnung. Margit Glasow über Gestützte Kommunikation und Gestütztes Malen, das Menschen mit Autismus hilft, ihre Gedanken und Gefühle zu artikulieren

 

Sie wollen auch einmal Hamburg kennlernen? Dann machen Sie bis zum 16.08.2015 bei unserem Gewinnspiel mit und gewinnen Sie einen Wochenend-Trip in die Hansestadt

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Freiwilliges Engagement

Prinzessin Suleika in der Spielscheune

In der Allermöher Spielscheune der Geschichten können Kinder klettern, balancieren, toben und schaukeln. Das heimliche Highlight sind jedoch die Geschichtenerzähler wie Ulla, die die Jungs und Mädchen in ferne Märchenwelten mitnehmen. Ulla kennt inzwischen fast jedes Kind im Stadtteil.

Foto: Spielscheune

Leonie wirft eine grün angemalte Linse in das Glas, Franka auch und Bilal sowieso. Jedes Mal, wenn in der Spielscheune in Hamburg-Allermöhe ein Geschichtenerzähler geendet hat, werden die Kinder gefragt, wie es ihnen gefallen hat. Grün bedeutet: toll, gelb: so lala und rot: gar nicht. Am Ende von Ullas Märchenstunde sind acht grüne Linsen im Glas und eine rote von Jordan. Er wollte eine Fußballgeschichte hören – und die stand heute nun einmal nicht auf dem Programm.

Treffpunkt für den Stadtteil

Von außen verrät die Spielscheune nichts von dem, was hinter der Fassade tobt: nämlich bis zu 100 Kinder, die hier einen Vulkan besteigen und runterrutschen, auf einer Hüpfburg springen, die große Arche Noah aus Holz erkunden oder einen Kletterpfad an der Wand bezwingen. Seit der Eröffnung 2008 kommen Kita-Gruppen und Schulklassen oder auch Kinder mit ihren Eltern an sechs Tagen in der Woche. Neben dem hauptamtlichen Team sind es vor allem die vielen Ehrenamtlichen, die den Betrieb ermöglichen. Träger ist der Verein für Kinder- und Jugendförderung in Neu-Allermöhe.

Geschichten erzählen, nicht ablesen

Vor jeder Märchenstunde geht Ulla mit einem Gong durch die Spielscheune. Die meisten Kinder wissen sofort Bescheid und stürmen zum Saal der Geschichten. 12 Kinder zwischen vier und neun Jahren versammeln sich in einem orientalisch aussehenden Raum mit Sitzkissen und ausladenden Teppichen. In vollem Ornat – einem grünen Samtkleid mit verzierten Borden und orangenen Tüchern – beginnt Geschichtenerzählerin Ulla das Märchen von Prinzessin Suleika und ihrer Leidenschaft für frisches, duftendes Brot. Die Kinder staunen, folgen der Erzählerin konzentriert, erleben das Märchen hautnah. Nach dem Ende der Geschichte geht es nicht sofort zurück zum Spielen: Auf einem Tisch ist eine Ernährungspyramide vorbereitet. Ulla holt Karten mit einzelnen Lebensmitteln aus einem Korb, die Kinder sollen sagen, wie viel man von ihnen essen soll. „Man Papa trinkt immer Cola!“, sagt ein Mädchen. Ein Junge: „Da ist Zucker drin!“ „Karius und Baktus kommen dann“, weiß eine andere.

Märchen aus aller Welt

Insgesamt neun Geschichtenerzählern – zwei haupt- und sieben ehrenamtliche – gehören zum Team der Spielscheune und sind im ganzen Stadtteil bekannt. „Hallo Geschichtenfrau“ hört Ulla oft, wenn sie durch Allermöhe geht. Sie mag die unmittelbaren Reaktionen der Kinder beim Erzählen: „Man kann dann den Kindern direkt in Augen schauen und ungefiltert mitbekommen, wie die Kinder reagieren.“ Deshalb werden Geschichten hier immer erzählt, nie vorgelesen. Zu den Geschichtenerzählern gehören auch drei junge Allermöher mit türkischen Wurzeln, und welche aus Afghanistan und Syrien. Jeder bringt Geschichten aus seiner Heimat mit.

Leonie, Franka und Bilal sind schon längst wieder beim Toben – bis der Gong wieder ertönt und Zeit für die nächste Geschichte ist.

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