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Liebenswert, selbstbestimmt und ein bisschen bekloppt

Netti, Marion und Philip leben zusammen in einer Wohngemeinschaft in Düsseldorf. Alle drei sitzen im Rollstuhl. Sie sind eine ganz normale WG mit Partys, Kochabenden und Aufräum-Problemen.

Annette "Netti" (36), Philip (29) und Marion (32)

Im Wohnzimmer der WG hängt ein Bild in einem weißen Bilderrahmen an der Wand. Es ist das Selfie von gestern Abend, auf dem drei grinsende Gesichter zusehen sind. Philip ist in der Mitte, links und rechts im Arm hält er „seine beiden Mädels“: Netti und Marion. „Gestern hatten wir mal wieder einfach Spaß“, lacht Marion. Philip und Netti fangen an zu kichern. Jeder Besucher merkt nach kurzer Zeit, dass die Drei sich kennen und sich einfach gut verstehen. Er erkennt es daran, wie die drei miteinander umgehen, sich anschauen und Witze übereinander machen.

Viele gemeinsame Erlebnisse

„Ich bin der Neue“, sagt Philip lachend. Er ist „erst“ vor drei Jahren in die Wohnung gezogen, Netti und Marion leben schon seit neun Jahren unter einem Dach. In den Jahren haben sie schon viel erlebt, deshalb können die Drei stundenlang von ihren verrückten Geschichten erzählen. Zum Beispiel als sie abends nach ein paar Bier zu viel die E-Rollstühle nicht mehr richtig steuern konnten und von ihren Assistenten nach Hause geschoben werden mussten. Oder von Flirts, die mit spontanen Helfern bei der waghalsigen Nutzung einer Rolltreppe entstehen können: „Das ist gar nicht so einfach, du hast nur ein paar Minuten, um die Telefonnummer zu bekommen“.

Wie in vielen WGs ist auch bei den Dreien die Küche ein wichtiger Ort. Wenn Netti kocht, dann kocht sie mit „Feuerwerk“, weil es so spritzt, und wenn Philip den Kochlöffel schwingt, dann schmeckt zwar das Essen, aber mit dem Aufräumen hat er es nicht so. „Und Philip, darf man nicht zum Einkaufen schicken“, sagt Marion, „Er sollte letztens Mehl und Apfelmus kaufen und kam mit einer Ananas zurück.“ Immerhin hat Philip zur Wiedergutmachung aus den Äpfeln aus dem Vorratsschrank selbstgemachtes Apfelmus gezaubert. Es ist eine ganz normale WG, vielleicht mit der Ausnahme, dass eine 24-Stunden-Assistenz vor Ort ist.

Danke für die „Kopfnüsse“

Gerade für Netti hat diese Wohngemeinschaft nicht nur in Bezug auf Freundschaft und eigenständiges Wohnen viel gebracht. Sie traut sich trotz ihrer Sprachbehinderung jetzt viel mehr zu sprechen und übt immer deutlicher zu formulieren. Ihre Mitbewohner verstehen sie eigentlich immer, helfen ihr beim Sprechen mit anderen und geben ihr wenn nötig auch mal sogenannte „Kopfnüsse“. Eine „Kopfnuss“ nennt es Netti, wenn ihre Mitbewohner und Betreuer sie auch mal auf etwas harschere Weise ermuntern zu sprechen, obwohl sie gerade Angst hat, nicht verstanden zu werden. Auch im Lesen und Schreiben wird sie immer besser. Jetzt schreibt sie regelmäßig Mails und hat bei Facebook ein eigenes Profil.

Blog, Tanz und Kunst

Abends zusammen Raclette machen, ins Kino gehen (auch wenn Netti fast immer während des Films einschläft) oder eine Party schmeißen – Netti, Marion und Philip lieben gemeinsame Unternehmungen. Aber natürlich hat jeder auch eigene Interessen und Hobbies. Philip schreibt zum Beispiel einen Blog „RolliNavi“, in dem er über Barrierefreiheit und Hindernisse in verschiedenen Städten Deutschlands berichtet. Zur Recherche ist er oft unterwegs. Marion tanzt mit Leidenschaft in einer inklusiven Tanzgruppe. Eine Karriere als Tänzerin wäre ein Traum. Netti liebt es nachts, wenn die anderen schlafen, in ihrem Atelier im Keller bei lauter Musik zu malen. Sie drückt durch ihre Bilder ihre Gefühle aus und sie hat auch schon einige ihrer Werke verkauft.

Wer möchte einziehen?

Jetzt wird ein viertes Mitglied für die barrierefreie Wohngemeinschaft gesucht, denn die vorherige Bewohnerin ist in eine eigene Wohnung gezogen. Die Wohnung der WG wird von den ISB ambulante Dienste gGmbH gestellt, deshalb muss der neue Mitbewohner jemand mit einer Behinderung sein. Wichtiger ist aber etwas anderes: „Der oder die Neue muss auf jeden Fall genauso bekloppt sein wie wir“, meint Marion.

Bewerben könnt ihr euch unter der Mailadresse: selbstbestimmtewg@gmx.de

 

Die Aktion Mensch hat den Umbau der Wohnungen der ISB ambulante Dienste gGmbH zur Steigerung der Barriefreiheit mit 168.462 Euro gefördert.

 

Linktipps:

Blog von Philip "RolliNavi"

Webseite von Annette

Auf einen Abend in der Sushi-Bar - Eine besonders enge Freundschaft

Nicht nur gute Co-Piloten - Ein inklusives Liebespaar

Eine ganz normale Liebesgeschichte - Ein inklusives Liebespaar

Burger à la Inklusion - Mitarbeiter mit und ohne Behinderung arbeiten Hand in Hand

 

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"Kamera läuft!" - Die Aktion Mensch als Drehort

Die Geschäftsstelle der Aktion Mensch in Bonn im Ausnahme-, oder besser „Aufnahme“-Zustand: Sie ist heute Abend Location der wöchentlichen Ziehungssendung der Aktion Mensch-Lotterie um 19:28 Uhr im ZDF. Es ist eine Spezial-Sendung, in der Rudi Cerne den Aktion Mensch-Vorstand Armin von Buttlar zu dem neuen Glücks-Los interviewt.

Rudi Cerne und Armin von Buttlar

Es ist 12:30 Uhr. Mittagszeit. Normalerweise herrscht zu dieser Zeit in der Empfangshalle der Aktion Mensch „Durchlauf-Verkehr“: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die zur Kantine gehen, frische Luft schnappen oder sich die Beine vertreten wollen. Diesmal müssen sie den Umweg durch den Hinterhof nehmen, denn die Aktion Mensch-Empfangshalle ist gerade Drehort. Vier Scheinwerfer werden an der Decke der Empfangshalle befestigt, ein weiterer steht mitten im Raum, Kabel sind am Boden mit Tape befestigt und Make-up steht auf dem Empfangstresen. Rudi Cerne und Armin von Buttlar machen eine Stellprobe. Ihre Stimmen werden über die Tonangel, einem Mikrofon an einem Stab, über den Köpfen eingefangen: „Hallo und guten Abend!“ Es wird eine Sendung der „5 Sterne-Gewinner“ gedreht, die heute Abend um 19:28 Uhr ausgestrahlt wird.

Neues Los, neue Farbe, neuer Name

Normalerweise besucht Rudi Cerne für die Ziehungssendungen am Sonntagabend im ZDF Förderprojekte in ganz Deutschland, spricht mit den Beteiligten und nimmt an Freizeitaktivitäten teil. Diesmal aber ist er in die Geschäftsstelle der Aktion Mensch gekommen und interviewt den Vorstand der Aktion Mensch, Armin von Buttlar. Denn heute wird es eine Spezial-Sendung geben: Das neue Los der Aktion Mensch, „Mein Glücks-Los“, wird vorgestellt.

Es wird die letzte Sendung in dem alten Design sein und die letzte, die den Namen „5 Sterne-Gewinner“ trägt. Ab dem 8. März wird die Sendung in frischen, grünen Glanz erstrahlen und „Aktion Mensch-Gewinner“ heißen. Moderator Rudi Cerne und die Präsentation der Förderprojekte bleiben aber feste Bestandteile der Sendung, auch die Sendezeit (Sonntag, 19:28 Uhr, ZDF) bleibt unverändert.

 

Linktipps:

Jetzt mitmachen und das Glücks-Los online bestellen

Erklärfilm zum Glücks-Los

 

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Inklusion

Schon verliebt oder noch verunsichert?

Jung, aufgeschlossen und auf der Suche nach dem richtigen Partner: Wahlberlinerin Anna hat im „realen Leben“ lange Zeit niemanden für eine Beziehung gefunden. Bringen ihr inklusive Partnerbörsen im Internet mehr Glück?

Lothar Wandtner / pixelio.de

Abends in der Kneipe. Ich sehe was, was Du nicht siehst: Dich. Du bist für mich a) eine attraktive Frau, b) jemand im Rollstuhl oder c) eine attraktive Frau im Rollstuhl. Was glaubst du?

Einen Partner oder eine Partnerin kennenzulernen, kann schwierig sein. Man kennt den anderen noch nicht und weiß nicht, was er oder sie denkt und fühlt. Eine sichtbare Behinderung verunsichert viele dann noch zusätzlich.

„Ich dachte lange, mit meiner Behinderung wird es nicht einfach, einen Mann zu finden.“ Anna ist Wahlberlinerin, 32 Jahre alt und eher der extrovertierte Typ: laut denken, viel lachen und gerne erzählen. „Aber das stimmt so nicht. Ich glaube, es ist in der heutigen Zeit für alle schwierig. Vor allem wenn man so hohe Ansprüche hat wie ich.“ Die Partnersuche: ein Lottospiel.

Ursprünglich kommt sie aus der Nähe von Paderborn, für eine Liebe zog sie in die Hauptstadt. Das ist schon ein paar Jahre her. Zu einer Zeit, zu der es schon Online-Portale für die Partnersuche gab. Denn im „realen Leben“ hat Anna niemanden gefunden. Sie sitzt im Rollstuhl und dachte oft, dass sich deswegen kaum jemand für sie interessiert. Bei ihr ist da immer die Frage im Kopf: „Glotzt er mich jetzt an wegen meiner Behinderung oder weil er mich attraktiv findet? Das ist wirklich schwer zu unterscheiden“, erzählt sie.

Wie soll ich dieses Thema ansprechen: den Rollstuhl?

Aber es muss doch irgendwie klappen, dem richtigen Mann zu begegnen. Also geht Anna online. Da findet sie: Partnerportale für alle, wie Finya beispielsweise. Oder Handicap-Love, eine Website, die sich hauptsächlich an Singles richtet, die eine Behinderung haben. Und „Gleichklang“, das Portal für Menschen, die sozial und ökologisch, also irgendwie alternativ, orientiert, sind.

Anna füllt ihre Steckbriefe aus, zuallererst bei Finya, und kriegt einige Zuschriften. Anfangs musste sie nachdenken, wie sie den Rollstuhl anspricht. „Ich hab mir überlegt: Riskierst du, keine Post zu bekommen oder soll ich das vielleicht nicht gleich reinschreiben?“ Sie entscheidet sich für die direkte Variante, stellt auch ein Foto rein, wie sie im Rollstuhl sitzt und kriegt oft nach dem ersten „Hallo“ Fragen, die ihr eindeutig zu intim sind: Wie ist das denn bei Dir mit dem Sex? „Man würde doch so etwas auch nicht einen Menschen ohne Behinderung fragen!“ Anna ist irritiert und Finya schnell Vergangenheit.

Sie probiert Handicap-Love aus. Auch hier sind ihr viele Zuschriften suspekt. Sie bekommt wieder merkwürdige Fragen gestellt. Aber sie merkt, dass auch viele Männer ohne Behinderung in dem Portal unterwegs sind. Das findet sie gut. „Ich wollte lange Zeit nur einen Mann ohne Behinderung, ich bin ja selbst behindert.“ Mit drei verschiedenen Männern, die sie über das Portal kennenlernt, geht sie im Laufe der Jahre eine Beziehung ein. Niemand für die Ewigkeit ist dabei.

„Ich habe mich ziemlich ausgetobt“

Die Jahre gehen ins Land, das Allein-Sein geht mit. Nur nicht aufgeben. Männer kennenlernen macht ja auch Spaß. „Ich habe mich da ziemlich ausgetobt!“, schaut Anna zurück. Dann registriert sie sich bei Gleichklang. Sie freut sich, dass sie dort sowohl Männer als auch Frauen suchen kann und sich nicht für ein Geschlecht entscheiden muss.

Und jeder, der sich dort anmeldet, wird gefragt, ob er oder sie offen ist für eine Beziehung mit jemandem, der eine Behinderung hat. Ein Drittel der Registrierten geben dort laut Betreiber der Website ein „Ja“ an, von aktuell rund 15.500 Angemeldeten. Anders als bei Finya und Handicap-Love stöbern die Singles dort nicht durch die Profile der anderen Suchenden, sondern es werden dort Partner nach Persönlichkeitsmerkmalen, Wertvorstellungen und individuellen Präferenzen vorgeschlagen. Anna fühlt sich wohl. „Das ist alles ziemlich entspannt. Ich habe dort noch keine komische Nachricht bekommen.“

Insgesamt verliebt sich gut jeder dritte Angemeldete über die Website, das haben die Betreiber von Gleichklang herausgefunden. Kürzlich schrieb eine Userin: „Ich bin erst seit dem 21. Oktober Mitglied bei Gleichklang, habe am 22.10. die ersten Partnervorschläge erhalten und bin am selben Tag noch mit einem Mann in Kontakt gekommen, mit dem ich seit heute zusammen bin! Es hat sofort zwischen uns gefunkt. Ich bin blind, und der Mann, in den ich nun verliebt bin, hat selbst kein Handicap.“

Auch Anna klickt sich durch ihre Vorschläge durch. Mit einem von ihnen hat sie sich vergangenen Sommer im Berliner Tiergarten verabredet. „Netter Typ“, sagt sie. Nur Anna, die Lebendige, traf dort auf jemanden, der gerne ein langsameres Tempo schiebt. Es hat nicht gefunkt. Wann sie wieder offen ist, um noch jemanden über ein Internet-Portal zu treffen, das weiß sie gerade nicht. Denn Anna hat sich kürzlich verliebt.

 

Linktipps:

App ins Paradies: Kübra und Christian, die Moderatoren von JAM!, testen die beliebte Dating-App Tinder

Partnersuche inklusiv: Ein Experiment. Blogbeitrag von Anastasia Umrik über Partnersuche im Internet als Mensch mit Behinderung

Das größte Handicap. Gespräch von Petra Strack und Raúl Krauthausen über Liebe und Partnerschaft von Menschen mit Behinderung

Beziehungsbarrieren. Blogbeitrag von Petra Strack über das „inklusive Paar“

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Freiwilliges Engagement

Nachts an der Sonnenallee

Jeden Freitagabend sorgen die Freiwilligen eines Berliner Nachtcafés dafür, dass Obdachlose eine warme Mahlzeit und einen Schlafplatz bekommen. Tatsächlich wird an dem gemeinsamen Abend noch einiges mehr geboten als volle Teller und Isomatten.

Henrik Flor, Stiftung Bürgermut

Jetzt hat der Winter Berlin mit voller Wucht erwischt. Temperaturen deutlich unter Null, dazu Schneegriesel. Es ist Freitagabend und vor der katholischen St. Richard Gemeinde in Berlin-Neukölln suchen gut drei Dutzend Frauen und Männer Schutz vor dem schneidenden Wind. Dann öffnen sich die Türen des wöchentlichen Nachtcafés für Obdachlose. Im Gemeindesaal begrüßen Elisabeth, Lissy, Hannah, Mirjana, Bernd und vier weitere Engagierte jeden Einzelnen mit Handschlag. Für viele der Obdachlosen ist es eine Erfahrung, die sie schon lange nicht mehr gemacht haben.

Im Nachtcafé sind ein Dutzend Tische aufgebaut, an denen sich die Gäste niederlassen. Zur Begrüßung bringen die Freiwilligen heißen Kakao und Kaffee an die Tische. Es dauert nicht lange, da tauen die Gäste auf, kommen ins Gespräch miteinander, lachen gemeinsam oder teilen ihre Sorgen. Elisabeth, Hannah und die anderen Engagierten sind mit Thermoskannen zwischen den Tischen unterwegs, schenken nach und erfahren die Neuigkeiten der letzten Woche. Man kennt sich. Viele der Gäste kommen in der kalten Jahreszeit jeden Freitag.

Lissy Eichert gehört zum Leitungsteam des Netzwerks Katholische Kirchen Nord-Neukölln, die das übergemeindliche Projekt betreiben, und begrüßt alle. Sie gibt wie jede Woche einen kurzen Denkanstoß, spricht ein gemeinsames Gebet und dann folgt ein kräftiger Applaus für die freiwilligen Helfer.

Es ist eine bunte Mischung von Leuten, die sich im Nachtcafé zusammengefunden hat. Ganz normale Menschen, die auf der Straße kaum jemandem auffallen würden. Darunter Deutsche, Russen, Balten... Die 67-jährige Elisabeth Cieplik, die das Ehrenamtlichen-Team leitet, erzählt: „Es kommen genauso Obdachlose zu uns wie auch Menschen, die noch eine Wohnung haben, aber von Armut betroffen sind." Otto ist einer von ihnen. Er ist inzwischen Rentner und könnte mit dem grauen Bürstenschnitt und Bismarck-Schnauzer auch als Biker durchgehen. Er war arbeitslos, kam mit der Miete in Rückstand und verlor schließlich seine Wohnung. Jetzt lebt er von 600 Euro Rente. „Inzwischen bin ich ganz froh, keine Wohnung mehr zu haben", meint er. „Bei den Mietpreisen hat man nur Ärger mit den Ämtern, wenn die was zuschießen sollen." Er hat viele Bekannte, bei denen er im Winter unterkommen kann, sonst setzt er sich in die S-Bahn und fährt bis zur Endhaltestelle und zurück. 

Als Mirjana Otto fragt, ob er noch mehr Kakao möchte, bestellt der mit einem breiten Grinsen ein Pils bei ihr. Es ist ein Running Gag, der jedes Mal wieder funktioniert. Die Studentin hat im Internet nach Engagement-Möglichkeiten recherchiert und ist dort auf das Nachtcafé gestoßen. Zusammen mit ihrem Freund Bernd ist sie jetzt mit dabei. Nicht immer, aber immer, wenn es passt. Wenn gerade nichts zu tun ist, setzen sich die Freiwilligen für einen Moment an einen der Tische und kommen ins Gespräch mit den Gästen. Dort wo es sprachliche Barrieren gibt, versucht man es mit Händen und Füßen.

Dann ist der Leberkäse mit Kartoffeln und Kohl fertig. Die Freiwilligen haben jetzt alle Hände voll zu tun, die gefüllten Teller aus der Küche an die Tische zu bringen. Nachschlag gibt es, bis jeder satt ist. Auch das gehört zu dem Besonderen an diesem Abend – es gibt keine Konkurrenz und Rivalität unter den Gästen. Jeder weiß, dass er satt wird und wenn er will, einen Schlafplatz hat. Von dem Stress und Streitereien auf der Straße ist hier nichts zu spüren.

Seit 15 Jahren gibt es das Nachtcafé inzwischen. Elisabeth Cieplik plant jeden Abend ganz genau. Sie verwaltet die Tabelle, in der alle Schichten verzeichnet sind. Jeder der rund 50 Engagierten pro Saison trägt sich ein, wann er Zeit und Lust hat. Daneben verwaltet die Rentnerin das Budget und schlägt schon mal einen saftigen Rabatt beim Kauf neuer Schlafsäcke heraus.

Gegen halb zehn gehen die Gäste, die anderweitig einen Schlafplatz organisiert haben. Es bleiben 16 Männer und Frauen, die hinter einem Vorhang Isomatten und Bettzeug finden. Die Freiwilligen bilden einen Kreis und jeder erzählt kurz, welche besondere Begegnung er oder sie an dem Abend hatte. Dann übernimmt auch schon die Nachtschicht. Thilo, der 70-Jährige mit dem Pferdeschwanz ist nun am Start, zusammen mit Lukas, dem Enkel von Elisabeth Cieplik. Die beiden Männer ziehen sich Gummihandschuhe über und machen sich an den Abwasch. Dann bereiten sie das Frühstück vor und legen sich noch ein paar Stunden hin, bis ab sechs Uhr das Frühstück beginnt.

Was dieser Abend für die Gäste bedeutet? Otto sagt es so: „Es ist nicht nur das warme Essen. Das Reden mit den Anderen ist genauso wichtig. Das ist wie Ausgehen."

 

Eine Kultur des Mitgestaltens, in der sich jede Bürgerin und jeder Bürger als Akteur der Gemeinschaft erlebt, ist ein Grundpfeiler für eine inklusive Gesellschaft. Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch unabhängig von individuellen Fähigkeiten die Möglichkeit hat, gleichberechtigt an allen gesellschaftlichen Prozessen teilzuhaben und sie mit zu gestalten. Über 16.000 Angebote für freiwilliges Engagement für Menschen mit und ohne Behinderung bietet die Freiwilligendatenbank der Aktion Mensch.

Weitere Ideen für inklusives Engagement finden Sie in der Freiwilligendatenbank.

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Inklusion

Auf einen Abend in der Sushi-Bar

Die Bloggerin Laura Gehlhaar fährt Rollstuhl. Ihre beiden besten Freundinnen nicht. Der Unterschied löst bei den Dreien nur ein unbekümmertes Schulterzucken aus. Was sie zusammenschweißt: Humor, Offenheit und eine Menge Abenteuerlust.

Laura, Anna und Monique: „Wir lieben uns wegen unserer Charaktere“

Aktion Mensch / Andi Weiland

Es muss ja nicht immer Paris oder London sein. Düsseldorf? Düsseldorf! Drei junge Frauen haben sich beim Japaner in Friedrichshain verabredet, Berlins Feier-Bezirk und das Zuhause von Laura Gehlhaar, Bloggerin, Coach, Frohnatur und 32-Jährige. Zusammen mit ihren Freundinnen Anna (28) und Monique (27) will sie bald Urlaub machen. Wo, das wollen sie nun entscheiden. Ihr letzter Trip ging in den Osten, nach Riga. Könnte der nächste etwas weniger ausgefallen sein?

Der Sake steht schon auf dem Tisch und, ah, da kommt das Sushi. Laura hat schon zappelig Richtung Küche geschielt: „Hab so Hunger!“ Alle schlingen schnell ein paar Happen herunter. Doch bevor sie nun ans Kofferpacken denken, erst mal konkret nachgefragt: Drei Freundinnen, eine von ihnen sitzt im Rollstuhl – was macht das mit einer Freundschaft?

„Warum soll Lauras Behinderung ein Thema sein?“

Die drei sehen prima an diesem Abend aus, auf lockere Berliner Art. Geschminkt, aber nicht gestylt. Schick, aber natürlich. Sie sind guter Laune, aber auch für ernste Gespräche offen. Anna windet unsicher ihren Kopf. „Warum soll Lauras Behinderung ein Thema sein?“ Laura gleich toller Mensch gleich Freundin. So sieht sie das. Doch dann fallen ihr einige interessante Erfahrungen ein. „Wenn ich so überlege, fällt mir auf, dass mich das schon zum Nachdenken gebracht hat. Zum Beispiel zu sehen, wie andere Freunde damit umgehen. Die, die Laura nicht kennen. Die wollen oft einen Beweis dafür, warum ich mit Laura befreundet bin.“ Monique nickt heftig. „Dann bekommt man dafür eine Riesenanerkennung. Sie sagen: Das ist toll, dass du das machst“, erzählt sie. „Das ist schade, denn ich mache das ja nicht, um mein Gewissen zu beruhigen.“ Anna stimmt ihr zu: „Wir lieben uns wegen unserer Charaktere.“

Schön hört sich das an. Sehr klar. „Eine Behinderung ist wie ein Arschloch-Filter: Nur wer so eine Bodenständigkeit mitbringt, kann sich so freund- oder partnerschaftlich auf jemanden mit Behinderung einlassen.“ Das sagt jetzt Laura. Sie nennt die Dinge gern beim Namen.

Feiern in Düsseldorf

Anna kommt aus Donaueschingen, Monique aus Zwickau und Laura aus Düsseldorf. Düsseldorf! Lauras Heimat und vielleicht ein Reiseziel? Laura erzählt, dass sie dort als Nächstes mit ihren Freundinnen hinfahren will. Dort gibt es zwar keinen Louvre und keinen Big Ben, aber Familienmitglieder von Freundinnen sind ja auch wichtige Sehenswürdigkeiten. Laura möchte, dass die beiden Freundinnen ihre Familie treffen. Sie sind sofort einverstanden. Monique hat sie zwar schon kennengelernt, aber Anna kennt weder Lauras Eltern noch ihre beiden Brüder. Und Düsseldorf hat ja noch mehr zu bieten! Über ihre letzten Sushi-Krümel gebeugt schwärmen sie vom Japan-Tag, den die japanische Gemeinde in Düsseldorf jeden Frühling ausrichtet. Sie wollen sich unters Volk mischen und mitfeiern. „Ich hab doch diese Perücke, wo die Haare bis zum Arsch gehen“, freut sich Laura. Zur Übernachtung wollen sie in ein neu eröffnetes Fünf-Sterne-Hotel gehen. „Natürlich in die Luxus-Suite!“ Monique weiß, was ihnen zusteht. Naja, zustehen sollte! Das letzte Mal mussten sie sich noch etwas abmühen, weil bei ihrer Reise nach Riga Lauras Rollstuhl nicht mit ins Flugzeug kam. Sie liehen sich vor Ort ein unbequemes Gerät aus und stolperten mehr durch die Straßen, als dass sie schlenderten. „Das hat uns zusammengeschweißt“, erinnert sich Monique.

Von da an waren sie ein Trio

Lange waren sie da noch nicht befreundet. Laura stürzte vor drei Jahren in ihrer Wohnung und musste einige Tage im Bett verbringen. Sie kannte Anna aus dem Psychologie-Studium und Monique aus einem Praktikum in einer Werbeagentur, aber zu dritt hatten sie noch nie etwas unternommen. Anna kam nach dem Sturz zu Laura, um sie tagsüber zu unterstützen. Monique löste sie für die Nacht ab. Von da an waren sie ein Trio.

Der Sake ist ausgetrunken, das Sushi verspeist. Die drei machen sich auf den Heimweg. Laura verschwindet in ihrer Erdgeschosswohnung, Monique und Anna gehen Richtung U-Bahn. Küsschen zum Abschied. Freundschaft kann so einfach sein.

 

Linktipps:

Da geht noch was! Freundschaften zwischen Jugendlichen mit und ohne Behinderung sind selten – „Menschen. das Magazin“ sagt, wie sich das ändern lässt

Darf man Jungs doof finden, auch wenn sie im Rollstuhl sitzen? Interview mit Jannis und Antonia, für deren Freundschaft das Handicap des einen so gut wie keine Rolle spielt

Wenn ich feiern gehe ... Blogbeitrag von Luisa Eichler über Feiern mit Freunden und Berührungsängste von Jugendlichen gegenüber Rollstuhlfahrern

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Aktion Mensch-Blog

Unterwegs mit dem Barrierenräumkommando

Rund 200.000 Besucher, über 4.700 Teilnehmer, davon 200 von der Aktion Mensch – das erste Mal war auch die Sozialorganisation beim bisher größten Rosenmontagszug in Bonn dabei. Das Motto: Barrierenräumkommando – hinkumme, erenkumme, klarkumme! Das Ziel: Auch die Karnevals-Welt inklusiver gestalten, denn: Jeder Jeck ist anders!

Mit einem Gardewagen und einer großen bunten inklusiven Fußtruppe, bestehend aus Mitarbeitern, deren Familien und Förderprojekten aus der Region, war die Soziallotterie unterwegs. Die Band „Jlöcks-Jonge“ (ihre Lieder wurden von einer Gebärdensprachdolmetscherin übersetzt) sorgte auf dem Wagen mit Karnevals-Liedern für die nötige Stimmung. Die „Barrierenräumer“ zeigten nicht nur, dass miteinander feiern unheimlich Spaß macht, sondern räumten symbolisch auch Barrieren weg, in Bauarbeiter-Kleidung und mit roten Helmen! Außerdem erfreuten sie die Besucher am Straßenrand mit allerhand Material: Unter anderem 88.000 Päckchen Weingummi, 20.000 Packungen gefüllt mit Schokolinsen, 6.500 Beutel Chips, 5.000 Trillerpfeifen und 1.000 Reflektorbänder – insgesamt rund 2.000 Kilogramm Kamelle konnten die Aktion Mensch-Beteiligten unter die jecken Leute bringen. Wie oft sie „Alaaf“ und "Kamelle" gerufen haben, konnte leider nicht gezählt werden ;)

Wie das alles genau aussah? Eine kleine Auswahl von Fotos gibt es in der Bildergalerie! Mehr Bilder finden Sie unter Facebook.

 

Linktipps:

Pressemitteilung: Jetzt kommt das Barrierenräumkommando

Gemeinsam jeck: Menschen. das Magazin über Düsseldorfer Karnevalisten, die die fünfte Jahreszeit ganz inklusiv feiern

Karneval inklusiv. Blogbeitrag von Ulli Steilen über Jecken mit Behinderung im Karneval

Strüßjer, Zöpfe, Pfauenfedern. Blogbeitrag von Bianca Pohlmann über das erste Dreigestirn des Eichhofs in Much

Rollstuhlkostüm: Werden Sie mit Rolli und DJ-Kostüm der Star jeder Faschings- und Kostümparty – Menschen. das Magazin sagt, wie es geht

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Eine ganz normale Liebesgeschichte

Was bei den Brasilianern der Dia dos Namorados und bei den Chinesen das Qixi-Fest ist, ist bei uns der Valentinstag. Passend zum Tag der Liebenden erzählen wir die inklusive Liebesgeschichte von Katrin (20) und Michael (19) aus München. Die beiden kennen sich erst seit einem halben Jahr und trotzdem wissen beide: Das passt verdammt gut.

Katrin und Michael

Aktion Mensch / Johannes Mairhofer

Vor kurzem hat er ihr in mühsamer Kleinstarbeit einen Stoffteddy genäht. Rot, mit weißen Fäden und großen Knopfaugen. Er hat von ihr einen kleinen 3D-Anhänger mit einem Foto von ihnen. Eine gemeinsam gebastelte Kette tragen beide mit sich. Wenn Michael und Katrin über ihre Beziehung sprechen, fragt man sich: Moment, die beiden sind doch erst seit einem halben Jahr zusammen, oder? Das klingt irgendwie deutlich länger. So innig und selbstverständlich. Dass dieser Eindruck schnell entsteht, liegt aber vermutlich daran, dass es den beiden selbst schon sehr viel länger vorkommt…

Nächtelange Telefonate

Kennengelernt haben sie sich im Internet, via Chat in einem sozialen Netzwerk. Warum genau Michael Katrin damals angesprochen hat, weiß er rückblickend gar nicht mehr ganz genau. „Ich fand ihr Bild ansprechend und wollte sie einfach kennenlernen.“ Also schrieb er sie an und die beiden kamen ins Gespräch. Dass Katrin aufgrund einer Muskelschwäche im E-Rollstuhl sitzt, hat sie damals direkt angesprochen. Für Michael war das gar kein Thema. „Ich fand sie als Menschen total interessant“, erzählt Michael, „und das ist für mich entscheidend.“ Zu Beginn war sich Katrin dennoch unsicher. Sie fragte nach einem Telefonat, um seine Absichten besser einschätzen zu können. Was folgte, waren nächtelange Telefonate. Obwohl Michael zu dem Zeitpunkt gerade seine Kochlehre begonnen hatte und meist 13 Stunden bei der Arbeit am Herd stand, nutzten sie die Nächte für ausführliche Gespräche. Relativ schnell war klar: Die beiden wollen sich treffen.

Die erste Begegnung hatten Katrin und Michael an einem See ganz in der Nähe ihres Wohnortes. „So schnell habe ich mich bislang noch nicht mit einem Mann getroffen, aber ich wollte herausfinden, was das mit Michael ist und wie er im direkten Kontakt mit meiner Behinderung umgeht.“ Der Anfang des Treffens verlief dann tatsächlich etwas holprig. Der Tisch an Katrins Rollstuhl irritierte ihn. „Wie soll ich sie am besten umarmen?“, schoss ihm durch den Kopf. Er entschied sich fürs Händeschütteln. Das wiederum irritierte Katrin. Je mehr die beiden aber miteinander sprachen und Zeit am See verbrachten, desto entspannter und schöner wurde die Situation. „Wir waren den ganzen Tag unterwegs und am Ende des Treffens war klar, dass wir uns wiedersehen wollen“, erzählt sie.

Seitdem sind die beiden ein Paar. Katrin wohnt bei ihren Eltern und Michael kommt an jedem Wochenende vorbei. Ihre Eltern hat Michael schon beim zweiten Mal kennengelernt. Auch das ging ziemlich schnell. Er verstand aber gut, dass ihren Eltern diese Sicherheit wichtig war. „Am Anfang war die Wohnsituation nicht ganz so leicht für uns, mittlerweile haben wir uns aber gut arrangiert. Da Michael mich an den Wochenenden bei allem unterstützt, können wir die Zeit weitestgehend zu zweit verbringen.“ Katrin ist wichtig, dass ihr Partner dabei natürlich nicht gleichzeitig wie ein Pfleger ist: „Klar, er hilft mir bei vielem, aber dadurch haben wir auch viel mehr Freiheiten und die Wochenenden quasi alleine für uns.“

Ein eingespieltes Team

In ihrer Freizeit sind die beiden viel unterwegs. Kino, Spaziergänge, Freunde treffen, Theater oder Shoppen. An dem See, an dem sie sich zum ersten Mal getroffen haben, haben die beiden mittlerweile eine spezielle Bank – „unsere Bank“. Da spazieren sie oft hin und genießen es einfach zu zweit unterwegs zu sein. Wenn die beiden voneinander erzählen, wird schnell klar: Das ist was Besonderes. „Michael ist kompromisslos für mich da. Er unterstützt mich mit einer Selbstverständlichkeit in allem – das ist Wahnsinn. Wir waren total schnell ein eingespieltes Team.“ Und auch Michael schwärmt: „Wir denken sehr ähnlich und können total lange Zeit aufeinander hocken, ohne dass wir uns auf die Nerven gehen. Außerdem ist Katrin sehr süß und hübsch.“ Beide gehen sehr offen miteinander um; reden über alles. Das ist für Katrin der Grund, warum ihre Beziehung so harmonisch ist. Auch Michael erzählt, dass die beiden noch keinen Streit hatten, weil sie alles besprechen und Fragen ausdiskutieren.

Ein paar Wochen nach Beginn der Beziehung hat Michael die Diagnose Epilepsie erhalten. Er hat seine Kochlehre abgebrochen und musste umziehen. Das war für beide keine leichte Zeit. Letztlich hat es die beiden aber noch mehr zusammengeschweißt. Da sind sie sich einig. Michael möchte nun ein FSJ in einer Kindertagesstätte machen und langfristig gerne als Erzieher in einer inklusiven Einrichtung arbeiten.

Was sie sich für ihre Beziehung wünschen? Einen normaleren Umgang der Gesellschaft damit. „Manchmal wird getuschelt und wir werden nach dem Motto ‚Der Hübsche und die Rollifahrerin angestarrt“, so Katrin. Auch Michael erzählt: „Entweder reagieren die Leute überfreundlich oder unfreundlich. Selten ganz normal.“ Aber genau das ist es, was sie toll fänden.

 

Linktipps:

Nicht nur gute Co-Piloten - Ein inklusives Liebespaar

Burger à la Inklusion - Mitarbeiter mit und ohne Behinderung arbeiten Hand in Hand

Als Duo stärker - Vier Paar mit und ohne Behinderung über ihren Alltag

 

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Anonym

Diese Liebesgeschichte hat mich sehr berührt. Ich finde es super das es noch diese Menschen gibt, die Menschen mit gewissen Einschränkungen nicht sofort ausgrenzen. Wünsche den beiden alles Gute! :)


Inklusion

Behinderung versus Bedürfnis

Wer hat hier eigentlich die besonderen Bedürfnisse? Mareice Kaiser hat zwei Töchter mit „Special Needs“ – mit und ohne Behinderung.

Eltern-Nervenprobe Maus: Sie fehlt, oder leuchtet nicht. Wenn sie leuchtet, soll sie es nicht. Je nach Laune.

„Und, wie geht es Kaiserin 1?“, fragt die Kita-Mutter und tätschelt mir mitleidig den Arm. „Gut!“, flöte ich. „Wir hatten schon schlimmere Winter!“ Und bei euch so?, denke ich, spreche es aber nicht aus, denn ich möchte das Gespräch so schnell wie möglich beenden. Mitleid in dieser Form kann ich nicht leiden. Klar, sie meint es natürlich nur gut. Will bloß Mitgefühl zeigen für unsere ach so schwere Situation. Schließlich bin ich Mutter einer schwer behinderten Tochter, dahinter immer ein Seufz! gedacht. Ich habe ein Kind mit Special Needs, wie man so schön sagt. Ein Kind mit besonderen Bedürfnissen. Dabei ist das nur die halbe Wahrheit. Die ganze ist: Ich habe zwei Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Im Moment sind die Bedürfnisse meiner nicht behinderten Tochter viel besonderer als die meiner behinderten Tochter.

Große Kinderkrise

Kaiserin 2 bringt mich zurzeit täglich an meine Grenzen – und wenn nicht täglich, dann nächtlich (kleiner Scherz wegen Übermüdung). Während wir Kaiserin 1 morgens anziehen können, was wir hübsch finden, sie ihre Beine schon den Hosen oder Röcken entgegen streckt und das Klamottenprozedere sichtlich genießt, ist jedes Kleidungsstück von Kaiserin 2 ein Kampf. Außer es ist das Kleid mit den „Punten“. Ist es in der Wäsche: Drama! Sind die Winterschuhe in mühevoller Überzeugungsarbeit angezogen, müssen es doch die Gummistiefel sein. Oder umgekehrt.

Kaiserin 1 wird fröhlich grinsend im Kinderwagen zur Kita gefahren, während ihre Schwester nebenan nach ihrem Laufrad kräht. Bekommt sie ihren Willen, düst sie damit schnurstracks vors nächste Auto. Alle „Halt! Stopp!“-Rufe verklingen ungehört. Spätestens in der Kita droht dann das nächste Drama: Das Laufrad darf nicht mit rein. Große Kinderkrise.

Während Kaiserin 1 pürierte Kost aus einer Flasche trinktisst, bevorzugt ihre kleine Schwester Brotbelag. Und zwar nur den Belag. Ich schmiere also ein Brot mit Butter und Käse und bekomme das Brot wieder zurück, in kleinen Stückchen darf ich es nach dem Essen vom Küchenboden aufsammeln. Jedes Abendbrot (das übrigens ab 16 Uhr lautstark eingefordert wird!) das gleiche Spiel. Weiter geht‘s nach gefühlten 100 Puzzle-Runden zur nächsten Eltern-Nervenprobe: Baden. Kaiserin 1 liebt das warme Wasser. Vor allem, seitdem wir sie in einer Babywippe baden, die wir in die volle Badewanne stellen. Warmes Wasser plus Wippen ist für sie das Paradies. Sie gluckst und lächelt. Sobald Kaiserin 2 das Wort Badewanne hört, nimmt sie Reißaus. Kein Badespielzeug der Welt kann sie davon überzeugen, dass Baden gar nicht so schlecht ist. Der badende Elternteil braucht danach regelmäßig selbst eine Dusche.

Irgendwas ist immer falsch

Danach geht‘s ins Bett. Für Kaiserin 1 kein Problem. Sie hat zwar nach wie vor einen gestörten Tag-Nacht-Rhythmus, aber da wir um 21 Uhr von einer Krankenschwester oder einem Pfleger abgelöst werden, stört das den elterlichen Schlaf mittlerweile kaum noch. Abgesehen davon, dass sie viel Schlaf braucht und auch leicht in den Schlaf findet. Anders bei ihrer kleinen Schwester. Irgendwas ist immer falsch. Mal das Bett, mal der zu Bett bringende Elternteil. Dann fehlt die Maus, oder die Maus leuchtet nicht. Wenn die Maus leuchtet, soll sie es nicht. Wenn das Licht aus ist, soll es „annemacht“ werden. Und andersherum. So vergeht die Zeit, 20 Uhr, 21 Uhr, dann muss unbedingt nochmal gepuzzelt werden, 22 Uhr, und um 23 Uhr ein großer Schreikrampf. Die Maus muss dann Musik machen oder auch nicht. Je nach Kaiserin-2-Laune. Kaiserin 1 braucht keine Maus. Sie begnügt sich mit einem großen Stillkissen, an das sie sich anschmiegt. Sie hat immer gute Laune – außer sie wird geweckt, wenn sie lieber schlafen möchte. Oder wenn sie Schmerzen hat. Früher, als ihr kranker Darm noch nicht operiert war, da hatte sie oft Schmerzen. Heute lebt sie fröhlich durch den Tag, meckert nur mal kurz, wenn das Essen nicht schnell genug kommt oder die Luft im Bauch drückt. Sie schont die elterlichen Nerven – vielleicht, weil sie so lange beansprucht wurden durch ihren fragilen gesundheitlichen Zustand über Monate.

Special Needs hat meine nicht behinderte Tochter. Die Bedürfnisse meiner behinderten Tochter finde ich ziemlich normal.

 

Linktipps:

Sind Kinder mit Down-Syndrom etwas Besonderes? Blogbeitrag von Carina Kühne darüber, was es eigentlich bedeutet, „besonders“ zu sein

Behindert und Baby? Blogbeitrag von Marie Gronwald über den Kinderwunsch von Frauen mit Behinderung

Gut gemeint ist nicht gut gemacht. Blogbeitrag von Eva Keller über Kinderbücher zum Thema Behinderung

Barbie im Rollstuhl? Blogbeitrag von Stefanie Wulff über Inklusion im Kinderzimmer

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Freiwilliges Engagement

(K)ein Ehrenamt wie jedes andere

Tod und Sterben sind ständige Begleiter bei Birgits freiwilliger Tätigkeit. Sie besucht für einen Kinderhospizdienst einen Jungen, der unheilbar krank ist. Die freiwillig Engagierte ist das beste Beispiel dafür, dass es auch bei einer schwierigen Aufgabe viel zu lachen geben kann – wenn die nötige Abgrenzung gelingt.

CC BY 2.0 / David Goehring / Flickr

Am Anfang stand ein kleines Inserat in der Zeitung. Der Ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst in der Region Hannover (AKHD) suchte ehrenamtliche Verstärkung. Birgit (51), die gelernte Bürokauffrau, hatte zuvor ihre Schwiegermutter bis zu deren Tod begleitet. Sie hatte viel Zeit mit ihr verbracht, geredet, vorgelesen, Mut gemacht. Der Tod war längst kein Tabu mehr in der Familie. Birgit ist überzeugt: „Ich habe mich viel mit dem Thema Sterben beschäftigt und einen guten Umgang damit gefunden.“ Gleichzeitig wusste sie aber auch, dass Kinder und Jugendliche sterben zu sehen eine viel schwierigere Aufgabe sein würde als die Betreuung der hochbetagten Schwiegermutter. Sie entschied sich für eine neue Herausforderung.

Seit inzwischen 3 ½ Jahren besucht sie nun den 13-jährigen Linus. Er wurde mit der seltenen Stoffwechselkrankheit Morbus Krabbe geboren. Inzwischen kann er nicht mehr gehen, auch nicht mehr sehen und sprechen und wird künstlich ernährt. Es ist ein Leben auf Abruf, das aber keineswegs nur aus Betroffenheit und Leid besteht. Birgit: „Linus hat unglaublich viel Humor und lacht viel.“

Wenn sie ihn – mal alle zwei Wochen, mal jede Woche – für drei bis vier Stunden besucht, sorgt sie mit kleinen Rollenspielen oder einem Vorlesenachmittag für Begeisterung. Sie schließt dort eine Lücke, wo die Kräfte seiner Mutter an ihre Grenzen stoßen.

Der AKHD Hannover hatte zuvor für eine solide Vorbereitung gesorgt. Birgit und die anderen freiwilligen Helfer wurden insgesamt 100 Stunden geschult – vor allem, was den Umgang mit den Kindern und Angehörigen angeht, aber auch rund um das Thema Tod und Sterben. Birgit: „Es ist ganz entscheidend, dass man lernt sich abzugrenzen und sich nicht zu überfordern. Auch wenn es drastisch klingt: Ein Nein gegenüber der Familie ist immer auch ein Ja zu sich selbst.“ Anfangs fiel ihr das gar nicht leicht, schließlich sind die Angehörigen in einer permanenten Ausnahmesituation und brauchen jede Unterstützung. Für Birgit war aber klar, dass Niemandem damit geholfen ist, wenn der Freiwillige von zu vielen Aufgaben überfordert wird und am Ende die Lust am Ehrenamt verliert.

Mit mehreren Angeboten unterstützt der AKHD Hannover seine Freiwilligen dabei, die Balance zwischen dem Engagement für Andere und der notwendigen Abgrenzung zu halten. Einmal im Monat findet ein verbindliches Gruppentreffen statt, dazu kommen vierteljährliche Supervisionen. Außerdem ist eine Koordinatorin jederzeit ansprechbar. Diese kümmert sich auch darum, dass die Freiwilligen in Familien eingesetzt werden, die wirklich zu ihnen passen.

Birgit jedenfalls fühlt sich gut gerüstet - für den Ehrenamts-Alltag ebenso wie für den Tag X, an dem Linus nicht mehr leben wird. Und so empfindet sie die Arbeit beim AKHD Hannover durch und durch als Bereicherung. Sie hat einen gelassenen Umgang mit dem schwierigen Thema Tod gefunden. Es ist in Familie und im Freundeskreis längst kein Tabu mehr. Davon profitieren alle.

Konkrete Hinweise zur Arbeit im Kinderhospizdienst finden Sie auf der Webseite des Deutschen Kinderhospiz-Vereins.

Möglichkeiten zum Engagement im Hospizdienst finden Sie in der Freiwilligendatenbank.

Der Beitrag erschien erstmals am 11.10.2013.

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Inklusion

Verstehen ist mehr als Hören

Meine Begegnung mit Hannah Tinten: Es ist gar nicht so einfach, uns auf einen Kaffee zu verabreden. Hannah steckt in den letzten Zügen zur Fertigstellung ihrer Bachelorarbeit, und mein Terminkalender ist wie gewöhnlich übervoll. Dabei würde ich gern mehr von ihr erfahren. Mehr als nur die Tatsache, dass sie ein Cochlea-Implantat (CI) trägt und immer sehr offen und interessiert auf Veranstaltungen erscheint. Aber unsere Begegnungen sind flüchtig.

Begegnung: Bloggerin Margit Glasow (l.) mit Hannah Tinten

Ich lernte Hannah kennen, als ich nach einem barrierefreien Veranstaltungsort suchte. Einen Ort zu finden, der für Rollstuhlfahrer geeignet ist, war gar nicht mal so schwer. Doch bei dem Versuch, für Menschen mit Hörbehinderung akzeptable Bedingungen zu schaffen, stieß ich schnell an Grenzen. Denn sowohl für die Beauftragung eines Gebärdensprachdolmetschers als auch für das Ausleihen einer Induktionsschleife fallen erhebliche Kosten an. Als kleiner Verein konnten wir die nicht aufbringen. Doch ich hasse es, von Inklusion zu reden und letztendlich doch wieder Menschen auszugrenzen. Was konnte ich also tun?

Auf der Suche nach einem barrierefreien Veranstaltungsort

Eine hörbehinderte Frau aus unserem Verein Rostocker für Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe e.V. machte mich auf Hannah Tinten aufmerksam, eine junge Frau, die hier in der Stadt die Selbsthilfegruppe für Cochlea-Implantat- und Hörgeräte-Träger leitet. Hannah könnte mir vielleicht mit einer Induktionsschleife helfen, die ihre Selbsthilfegruppe mittels Fördermittel angeschafft hatte. Ich fand Hannah schnell auf Facebook und schrieb sie an. Und bei ihrer Antwort hatte ich sofort das Gefühl: Da ist jemand, der bereit ist, sich zu vernetzen, und selbst ein Stück dafür tun möchte, dass Menschen mit Hörbehinderung an dieser Gesellschaft teilhaben können.

Nun, Anfang Januar sitzt Hannah mir in einem kleinen Café gegenüber. Und ich bin überrascht, wie gut wir uns trotz des Stimmengewirrs, das in dem an diesem Nachmittag gut besuchten Café hin- und herfliegt, verständigen können. Hannah muss so gut wie niemals nachfragen, wenn ich etwas sage. Ihr rötlicher, kurzer Haarschopf schimmert im gedämpften Licht, während sie mit ihrer feinen, aber bestimmten Stimme von sich erzählt. Darüber, dass sie schon von Kindesbeinen an hochgradig schwerhörig war, auf dem rechten Ohr völlig gehörlos – vermutlich durch Toxoplasmose – und bereits mehrere, schon früh aufgetretene Hörstürze hatte. Dass sie beidseitig immer mit Hörgeräten versorgt gewesen war, bis zum Abschluss der Mittleren Reife keine Hörprobleme empfand und bis dahin die Regelschule besuchte. Erst im Abitur entschied sie sich für eine Schule für Hörgeschädigte, da keine Regelschule sie aufnehmen wollte.

Hannahs Entscheidung für ein CI

Hannah erzählt mir, dass Ärzte sie bzw. ihre Mutter immer wieder auf die Möglichkeit des CI hingewiesen hätten, sie sich jedoch nicht als CI-Kandidatin einstufte, da sie sehr gut in der Regelschule zurechtkam. Mit Beginn ihres Medizinstudiums wurde ihr bewusst, dass sie dies nur erfolgreich abschließen konnte, wenn sie auch ausreichend verstand. Sie entschied sich dafür, ihr rechtes Ohr mit einem CI versorgen zu lassen.

Doch zunächst konnte sie mit dem CI nur Geräusche differenzieren: Das Klacken von Stöckelschuhen trieb sie fast in den Wahnsinn. Selbst leises „Klack-Klack“, das Schellen einer Fahrradklingel oder das Ticken einer Uhr waren nicht zu ertragen. Ihr Gehirn kombinierte die Informationen vom CI auf der einen Seite und des Hörgerätes auf der anderen Seite einfach nicht zu einem Ganzen. Sie hatte den Eindruck, alles zweimal zu hören, aber trotzdem nichts zu verstehen. Es fiel ihr schwer, den Vorlesungen zu folgen. Nach fast einem Jahr genehmigte die Rentenversicherung ihren Reha-Antrag. Nach einem grottenschlechten Semester – in dem sie am Ende gar nichts mehr verstand – konnte sie in den Semesterferien zur Reha fahren.

Hier ging es endlich bergauf. Sie bekam professionelle Anleitung, ihr CI wurde Schritt für Schritt gut eingestellt und sie fand die nötige Balance zwischen CI und Hörgerät. Gegen Ende der Reha hörte sie mit CI und Hörgerät ungefähr gleich gut. Aber sie stellte auch fest, dass sie nun mit dem CI viel mehr Frequenzen hören konnte als mit dem Hörgerät, und genau das war es, was sie anfangs so gestört und verwirrt hatte.

Kompetenzen richtig nutzen

Doch trotz immer besseren Verstehens und größerer Lernerfolge gab Hannah ihr Medizinstudium auf und wechselte zu einem Studium der Biomedizinischen Technik. Sie wollte ihre gewonnene Kompetenz nutzen und zum Beruf machen: Menschen mit Hörbehinderungen, die sich für eine CI-Transplantation entscheiden, zu einem besseren Verstehen zu verhelfen. Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass Hören allein nicht reicht. Auf das Verstehen kommt es an, und die Qualität der CI-Einstellung ist entscheidend. Wenn man nicht in der Lage ist, Sprache differenziert zu hören, kann man auch nicht angeben, wie die CI-Einstellung verändert werden soll.

Hannah hat inzwischen etwa 100 Bewerbungen geschrieben. Sie erzählt mir, wie schwierig es ist, als Akademikerin einen Job als CI-Technikerin zu bekommen: „Die bekommen meist Hörgeräteakustiker. Aber die haben nicht die gleiche Kompetenz für diese Aufgabe.“ Dabei hat Hannah doppelte Kompetenz: durch ihr Studium und durch ihre eigene (Fast-)Gehörlosigkeit.

Gestern habe ich über Facebook eine Nachricht von Hannah bekommen. Sie hat sich in Würzburg auf eine Stelle als Klinische Ingenieurin beworben und ist auf dem Weg zum Probearbeiten. Wird es ihr gelingen zu überzeugen, dass sie als Frau, die selbst mit einer Hörbehinderung lebt, größere Kompetenzen hat, wenn es darum geht, Menschen in ähnlicher Situation zu betreuen und optimal zu versorgen? Ich bin optimistisch.

 

Linktipps:

Mehr zum Thema Inklusion am Arbeitsplatz bei der Aktion Mensch

Technik als Motor der Inklusion? Interview mit Enno Park zum Thema „Technische Innovationen in den Lebenswissenschaften“ beim Zukunftskongress „Inklusion 2025“

Der Fall – oder: Wenn man uns ließe! Blogbeitrag von Anastasia Umrik über Hürden und Pauschalisierungen bei der Jobsuche

Lehrer mit Hörbehinderung. Blogbeitrag von Margit Glasow über einen Sonderpädagogen mit Hörbehinderung

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