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Ich höre, ihr seht – das ergänzt sich doch bestens!

Die einen sehen nichts, die anderen hören nichts, und dann arbeiten die einen für die anderen? Wie soll das denn gehen? Moderne Technologie macht’s möglich :-) Mirien ist blind und arbeitet als Schriftdolmetscherin für schwerhörige und gehörlose Kunden. Für uns bloggt sie darüber, was sie im Beruf alles erlebt.

Mirien bei der Arbeit: Schriftdolmetschen ist ein hervorragendes Hilfsmittel.

Mirien Carvalho Rodrigues

Mein Job ist gar nicht so anders als der eines Fremdsprachendolmetschers. Ich verschriftliche, was gesagt wird, und mein Kunde kann so zum Beispiel die Vorlesung im Hörsaal auf seinem Laptop oder Tablet mitlesen und bekommt alles mit. Zusätzlich achte ich auf das Sprachniveau und den Kenntnisstand meiner Kunden, erkenne, welche Zusatzinformationen sie brauchen oder wann ich Inhalte zusammenfassen sollte. Dass es zum Beispiel entscheidend ist, einen gehörlosen Menschen über Gelächter im Raum zu informieren, habe ich in einem Abendkurs erlebt. Da war der gehörlose Kunde, der einer Gruppe das Fingeralphabet näherbrachte, so sehr auf die Arbeit mit einer Teilnehmerin konzentriert, dass er das allgemeine Gelächter nicht sah und von dem nüchternen Text auf dem Bildschirm verunsichert wurde. Hörbare Zusatzinformationen wie Applaus, Ironie oder den Schulgong gilt es also zusätzlich zu übermitteln.

Von Musik bis Mikrobiologie

Die Themenvielfalt, die mir in meinem Job begegnet, ist enorm. Erfreut stelle ich fest, wie viele verschiedene Studiengänge meine Kunden wählen. Auf Musik- oder Fremdsprachunterricht bin ich immer besonders gespannt.

Da ich zumeist online zugeschaltet bin, findet der Kundenkontakt in einem Chat statt. Ich habe mir sämtliche Emoticons angeeignet, denn die spielen hier eine immens wichtige Rolle. Wenn jemand weiß, dass ich blind bin, schreibt er manchmal das Wort „smile“ aus, weil er mitgedacht hat und will, dass ich den Ton der Nachricht auf jeden Fall mitbekomme. Ich wiederum habe gelernt, knappe direkte Antworten nicht als unfreundlich zu empfinden. Für manche meiner Kunden ist deutsche Schriftsprache fast wie eine Fremdsprache, da lege ich nicht alles auf die Goldwaage.

Berührungspunkte und Parallelen

Schriftdolmetschen ist ein hervorragendes Hilfsmittel, führt aber allein noch nicht zu normalem Umgang. Immer mal wieder bekomme ich mit, dass in einer Veranstaltung ein Kursteilnehmer über meinen Kunden spricht: Was machen wir denn mit dem? Wie soll das mit dem gehen? Gehörlose Menschen erleben es also auch, dass andere über sie sprechen, als seien sie gar nicht da. Und mir hat man dieses höchst demütigende Phänomen immer mit dem fehlenden Blickkontakt erklärt.

Sicher gibt es noch mehr Berührungspunkte und Möglichkeiten, uns zu ergänzen oder für gemeinsame Ziele einzutreten.

 

Link-Tipps:

Ob neue Computertechnik oder ein künstliches Körperteil – jede neue Idee kann uns näher bringen.

Einfach für Alle - Das Angebot der Aktion Mensch für ein barrierefreies Internet.

Behinderung ausgeblendet. Mirien über Begegnungen in ihrem Job, bei denen ihre Blindheit kein Thema ist.

Barrieren in den Köpfen: Was ist beim Thema Arbeit und Behinderung möglich?

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Touchdown – Eine Ausstellung über das Down-Syndrom

Was wissen wir über Menschen mit Down-Syndrom? Die Ausstellung „Touchdown“ in Bonn zeigt die Kulturgeschichte des Down-Syndroms und wie Menschen lebten, leben und leben möchten – Menschen mit und ohne Down-Syndrom. Zum Projektteam gehören Anna-Lisa und Julia. Die beiden Frauen haben die Ausstellung mitgeplant und informieren jetzt Besucher über ihr Leben mit dem Down-Syndrom in Tandem-Führungen. Mit uns haben sie darüber gesprochen.

Britt Schilling

Julia

Britt Schilling

Anna-Lisa

Wie ist es für Dich, Teil des TOUCHDOWN-Ausstellungsteams zu sein?

Anna-Lisa: Finde ich gut, dass ich da drin bin. Weil das interessant ist, dass ich in diesen Team bin. Dass wir über die Judith Scott gelernt haben. Und über den John Langdon-Down erforscht haben. Darum ist das entstanden, die Ausstellung: im Team. Das finde ich echt super. Weil das interessiert mich sehr, diese Ausstellung.

Julia: Die Ausstellung ist ja das Finale vom Forschungsprojekt TOUCHDOWN 21. Im Forschungsprojekt bin ich im Beirat. Und ich habe auch viele Texte geschrieben für die Ausstellung. Ich wollte sehen, wie die Ausstellung bei den Leuten ankommt. Deshalb mache ich auch Tandem-Führungen mit. Die Leute im Museum sind sehr nett und sind genauso begeistert wie ich.

Wie war die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern im Museum?

Anna-Lisa: Ich arbeite gerne mit meinem Tandem-Partner Sebastian. Das finde ich echt toll. Wir sind jetzt auch Freunde bei Facebook.

Wurdest Du, bei der Entwicklung der Ausstellung, als Expertin ernst genommen?

Anna-Lisa: Meine Meinung war, dass alle anderen Leute, die mir zugehört haben, mich als Expertin ernst genommen haben. Die haben alle applaudiert nach der Tandem-Führung.

Julia: Ich habe viele Sachen in der Ausstellung. Das kann ich den Leuten gut mit meiner Tandem-Partnerin erklären. Ich werde im Museum ernst genommen. Bei der Presse, bei meiner Rede und bei den Führungen. Alle waren aufmerksam. Wir Menschen mit Down-Syndrom sind die Hauptpersonen. Das verstehen die Leute.

Anna-Lisa: Vor der Ausstellung habe ich gesagt: Ich will über den John Langdon-Down reden in der Tandem-Führung. Jetzt ist das so, dass ich in der Ausstellung über den John Langdon-Down rede. Weil der der Entdecker des Down-Syndroms ist.

Gab es Begegnungen auf Augenhöhe?

Anna-Lisa: Ja, zum Beispiel mit Dr. Katja Weiske. Wir haben bei einem Kongress in Bielefeld ein Vortrag gehalten. Wir haben das Forschungs-Projekt TOUCHDOWN 21 vorgestellt. Durch die Zusammenarbeit mit allen Leuten mit und ohne Down-Syndrom habe ich sehr viel gelernt.

Was ist Dein Lieblings-Exponat?
Anna-Lisa:
Der Chromosomen-Teppich von Jeanne Marie Mohn.

Julia: Mein Lieblings-Exponat sind die Eier. Diese Idee stammte von mir. Wenn ich über das Exponat erzähle, hören alle zu. Bei dem Exponat geht es um das Thema Schwangerschaftsabbruch.

Welche Themen mussten unbedingt in der Ausstellung sein? Warum?

Anna-Lisa: Ich will, dass alle wissen: Menschen mit Down-Syndrom können lesen, schreiben und rechnen. Das können die lernen! Und Kopfrechnen auch. Und dass die schlau sind!

Wie fühlt es sich an, wenn Du durch die fertige Ausstellung läufst?

Anna-Lisa: Ich war gerade eben drin. Es ist sehr schön, in der Ausstellung zu sein. Ich will immer und ewig wiederkommen. Ich bin stolz.

Julia: Wenn ich durch die Ausstellung gehe und sie erkläre, fühle ich mich gut. Ich finde die Ausstellung ist ein absoluter Hit. Alle Leute, die ich kenne, staunen über diese Ausstellung: Einmalig! Super! Sehr informativ! Schön aufgebaut! Toll erklärt!

 

Link-Tipps:

Touchdown“ in Bonn: Mehr zur Ausstellung über die Kulturgeschichte des Down-Syndroms findest du hier.

Touchdown“ im Fernsehen: Auch das ZDF-Magazin MENSCHEN hat über die Ausstellung berichtet.

Alle Besucherinfos und Online-Tickets zur Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn gibt's hier.

Hier findest du die Besucherinfos der Bundeskunsthalle in Bonn auch in Leichter Sprache.

TOUCHDOWN 21 – mehr Infos zum Forschungs-Projekt mit und über Menschen mit Down-Syndrom gibt's hier.

Du willst mehr über das Projekt „Ohrenkuss“ wissen? Hier entlang.

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Mit dem Handy im Kino gemeinsam Filme schauen

Das Dokumentar- und Animationsfilmfestival DOK Leipzig, das vom 31. Oktober bis 6. November 2016 stattfand, hat in diesem Jahr erstmals die App STARKS für ein größeres Publikum zur Anwendung gebracht. Zusätzlich zu den englischen Untertiteln auf der Leinwand wurden bei 8 Filmen erweiterte Untertitel für Gehörlose und Schwerhörige sowie bei weiteren 27 Filmen einfache deutsche Untertitel über die App STARKS verfügbar gemacht. Wille (schwerhörig) und Lena (hörend) waren vor Ort und berichten von ihren Erfahrungen.

Barrierefreiheit mit der App STARKS auf der DOK Leipzig: Lena und Wille bereit zum Test.

Aktion Mensch

Auf einen Blick

Name: STARKS

Verwendung: Mit der App STARKS könnt ihr Filme im Kino mit Untertiteln ansehen – einfach über euer Smartphone.

Verfügbar für: Smartphones und Tablets mit den Betriebssystemen iOS und Android

Kosten: Kostenlos

Link: gretaundstarks.de/starks

Wille Felix Zante

Ich war sehr skeptisch, als ich angefragt wurde, die App STARKS auf der DOK Leipzig zu testen. Soll ich jetzt wirklich einen ganzen Tag das Handy vor die Leinwand halten? Wird das nicht irgendwann anstrengend? Hält der Akku das aus? Sind die Untertitel gut? Das Handy müssen wir nicht hochhalten, da hatte STARKS den Geistesblitz, eine Handyhalterung mit flexiblem Arm anzubieten. Die wird mit einer Klammer befestigt – aber wo? Der Getränkehalter ist zu rutschig, der Boden zu weit unten, die Lehne vor mir zu dick. Ich winde sie schließlich zu einem Kreis und setze sie wie eine Kobra auf meinen Schoß, nur dass der offene Rachen der Schlange hier das Display mit den Untertiteln ist.

Bei Animationsfilmen verpasse ich manche Gags, bei eher gemächlichen Filmen, wie es Dokumentationen schon mal sind, ist die App eigentlich ganz brauchbar. Hier schaffe ich es eher, zwischen Handy und Leinwand hin und her zu gucken — meine Augen brauchen im Gegensatz zu Lenas etwas länger, um sich auf die unterschiedlichen Entfernungen einzustellen. Den Akku belastet die App wenig, nach zwei Stunden waren nur zehn Prozent weg. Gut fand ich das Angebot, dass im Kino Handys und Halterungen gratis zur Verfügung gestellt wurden und sehr offensiv darauf aufmerksam gemacht wurde, was STARKS ist und wer es braucht. So wünsche ich es mir für den Alltag – damit auch die anderen Kinobesucher Bescheid wissen.

Ansonsten: Die Befestigung muss stabiler sein und die Anzeige größer. Selbst das große iPhone Plus wirkt klein gegen die Leinwand. Die angekündigte Datenbrille könnte eine Alternative sein. So wie es ist, ist die App STARKS eine Notlösung, im Alltagsgebrauch stigmatisierend – aber es funktioniert. Besser als nichts. Untertitel auf der Leinwand wären mir trotzdem lieber, dann würde ich mich nicht so auf dem Präsentierteller fühlen mit meinem (schwach, aber trotzdem) leuchtenden Handy.

Lena Hoffmann

Ein bisschen lustig muss das schon aussehen. Wie ich kurz vor der Filmvorführung aufgeregt versuche, die Vorrichtung mit dem Handy an meinem Getränkehalter zu befestigen und die Konstruktion ins Gleichgewicht zu bringen. Gar nicht so einfach. Ich merke, wie die Leute in den hinteren Reihen schon ein bisschen über mich schmunzeln.

Davon lasse ich mich aber nicht aus der Ruhe bringen. Denn sie haben auf den vielen Bannern bestimmt schon gelesen: „Gehörlosenfassung und deutsche Untertitel mit der App STARKS“. Es sollte sich also keiner wundern, warum Wille und ich im Kino damit beschäftigt sind, unsere Smartphones in eine gute Sichtposition zu bringen.

Ich schiele zu Wille herüber. Der hat offensichtlich aufgegeben und die Halterung kurzerhand zwischen seine Knie geklemmt. Ich versuche es noch weiter, bis das Handy endlich stabil ist. Um mich nicht ablenken zu lassen, positioniere ich das Handy so, dass die deutschen Untertitel genau die englischen überdecken.

Dann gilt es: Auf dem Handy lesen und der Leinwand schauen. Erstaunlich schnell gewöhne ich mich daran. Fast vergesse ich die technische Hilfe, bis ich mich ein bisschen bewege und das Handy wippend auf sich aufmerksam macht. Eine etwas wackelige Angelegenheit ist es also noch, aber wer weiß, vielleicht sitzen wir nächstes Jahr schon mit der Datenbrille im Kino.

Auch wenn auf dem Festival eher wenige auf das Angebot zurückgreifen, finde ich es super, dass hier Hörende und Gehörlose gemeinsam mit der gleichen Anwendung unterwegs sind. Ich wünschte, dass dies eine Möglichkeit wäre, dass die Technik im Kino selbstverständlicher wird und es irgendwann egal ist, ob du darüber Untertitel in einer anderen Sprache oder die erweiterten Untertitel beziehst.

Aktion Mensch

Untertitel-Handy mit wackeliger Halterung: Eine Notlösung – aber sie funktioniert.

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