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„Ein grandioses Gefühl“

Vielleicht kennt ihr André van Rüschen schon aus unserem Kampagnen-Film „Die neue Nähe“. André ist querschnittsgelähmt. Bei einem Autounfall brach er sich den 12. Brustwirbel, sein Rückenmark wurde durchtrennt. Trotzdem ist er seit drei Jahren wieder auf beiden Beinen unterwegs. Möglich ist das mit Hilfe eines Exoskeletts.

André mit Luis beim Dreh für das „Neue Nähe“-Video: Das Exoskelett hat sein Leben umgekrempelt

Aktion Mensch

„Das Exoskelett ist eine motorisierte Prothese“, erklärt André. „Es ist ein Hilfsmittel für Querschnittsgelähmte, die überhaupt nicht mehr laufen können.“ Links und rechts an den Beinen sitzen Schienen, die mit Motoren und Getrieben gekoppelt sind. Am Handgelenk trägt André eine Art Armband-Uhr. Damit kann er verschiedene Programme auswählen, zum Beispiel „Aufstehen“, „Losgehen“, „Treppe auf“, „Treppe ab“ oder „Sitzen“. Erst wenn er auf der Uhr „Losgehen“ auswählt und sich dann in einem bestimmten Winkel nach vorne neigt, geht es auch wirklich los. Den Neigungs-Winkel kann er selbst festlegen. Für den nächsten Schritt beugt er sich wieder nach vorne, und so weiter. „Im Prinzip kann man es sich vorstellen wie beim Autofahren“, sagt André. „Mit der Uhr lege ich den Gang ein. Aber erst wenn ich mich nach vorne neige, also Gas gebe, macht das System den ersten Schritt.“

Der große Friese ist die ideale Testperson

Zehn Jahre saß André nach seinem Autounfall im Jahr 2003 im Rollstuhl. Während dieser Zeit hat er immer gehofft, irgendwann wieder laufen zu können. „Die Hoffnung stirbt nie“, sagt er rückblickend, „aber das war natürlich eine sehr lange Zeit.“ Dann machte er Bekanntschaft mit einer technischen Neuheit: dem Exoskelett. In einer Rollstuhl-Zeitung suchte die Hersteller-Firma „ReWalk“ per Anzeige nach Testpersonen. „Ich dachte zwar nicht, dass die mich nehmen“, erinnert sich André, „habe mich aber trotzdem per E-Mail beworben.“ André ist 1,93 Meter und wiegt 90 Kilo. Die ideale Testperson, um herauszufinden, ob das Exoskelett auch noch bei großen und schweren Menschen Leistung bringt. „Die Firma ReWalk stammt aus Israel. Die israelischen Kollegen sind eher klein und zart, eher so 1,60 Meter und 60 Kilo.“ Da kam ein großer, schwerer Friese gerade recht, um das System an seine Grenze zu führen.

André nutzt das Exoskelett täglich

 „Als ich die ersten Schritte mit dem Exoskelett machte, das war schon ein grandioses Gefühl. Emotional ist das unbeschreiblich“, erinnert er sich. Seither nutzt André das Gerät täglich. Zu Hause im Garten, zum Einkaufen oder wenn er beruflich unterwegs ist. Manchmal nur zwanzig Minuten, manchmal fast den ganzen Tag. Die Energie der Batterien reicht für vier Stunden Laufen ohne Unterbrechung. Das bedeutet in etwa eine Reichweite von zehn bis zwölf Kilometern. Das Exoskelett wiegt 27 Kilo. Davon merkt André selbst aber praktisch nichts, weil sich die ganze Apparatur selbst trägt. Wie im Film „Die neue Nähe“ zu sehen ist, kann man es frei in den Raum stellen.

Neue Wege gehen

Das Exoskelett hat Andrés Leben umgekrempelt. Jahre lang hatte er durch das Sitzen im Rollstuhl gesundheitliche Probleme: Blasenentzündung, Rückenschmerzen und Spastiken in den Beinen. Er schluckte so lange Antibiotika, bis diese nicht mehr wirkten. „Seitdem ich täglich wieder laufe, sind all diese Probleme verschwunden“, erzählt er. „Tabletten nehme ich keine mehr.“ Vor dem Unfall war André Auto-Lackierer und hat als Meister eine Werkstatt geleitet. Jetzt arbeitet er für die Firma ReWalk und stellt das Exoskelett in Kranken- und Sanitätshäusern in ganz Europa vor. Andrés Sohn kannte ihn früher nur im Rollstuhl. Für ihn ist es toll, zusammen mit seinem Vater durch die Stadt zu laufen. Und auch Andrés Frau genießt die gemeinsamen Spaziergänge und die Umarmungen auf Augenhöhe.

 

Link-Tipps:

Lust auf noch mehr Innovationen? Lies unser aktuelles Magazin „Menschen“ mit dem Fokus Technik.

Neue Ideen schaffen neue Nähe. Hier geht's zu unserer Webseite.

Cybathlon

Am 8. Oktober schnuppert André van Rüschen Wettkampf-Luft. Dann nimmt er am Cybathlon in der Schweiz teil. Der Cybathlon ist der erste weltweite Wettkampf für Menschen mit körperlichen Behinderungen, die moderne technische Assistenzsysteme nutzen. Zum Beispiel bei einem Hindernis-Parcours für Träger von Exoskeletten oder bei einem Fahrradrennen mit elektrischer Muskelstimulation. Beim Cybathlon lautet das Motto aber nicht „schneller, höher, weiter“. Vielmehr geht es darum, dass Menschen mit Behinderung und dem Einsatz von moderner Technik Alltagsaufgaben meistern. In sechs Disziplinen gehen die Teams –  bestehend aus Piloten, Ingenieuren und Trainern – an den Start.

http://www.cybathlon.ethz.ch/

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Apps im Test (5) - ColorVisor

Ob im Alltag oder in der Freizeit, zuhause oder unterwegs, als Kommunikations- oder Bedienungshilfen – mit mobilen Anwendungen können Barrieren überwunden werden. In unserer Blogreihe „Barrieren überwinden – Apps im Test“ stellen wir jeden Monat eine App vor, die sich genau das zum Ziel setzt. Dieses Mal im Test: „ColorVisor“.
 

Weitere Tests unserer Blogreihe „Barrieren überwinden – Apps im Test“

Be My Eyes

SiGame

Wheelmap

Lern Lormen

Die Testberichte in Leichter Sprache lesen

Was kann die App?

Mit der „ColorVisor“-App können Farben über die Handykamera oder auf Fotos und Bildern erkannt werden. Unser Autor Michael hat die App dem Alltags-Test unterzogen.

ColorVisor“ im Alltags-Test

Vertrauen ist gut, Kontrolle macht Spaß. Daher möchte ich die Augenfarbe einer gewissen jungen Frau überprüfen. Sie hatte mir gesagt, sie habe dunkelbraune Augen mit einem leichten Grünton. Die Augenfarbe einer Person zu bestimmen, das ist für einen Blinden mit der „ColorVisor“-App möglich. Augen haben ja nie nur eine Farbe, wie mir auch die App bestätigt: „Rostbraun“ – kurze Pause – „Grau“ – dann tatsächlich „Moosgrün“. Das Grau hatte sich wegen der Reflexion des nahegelegenen Fensters dazwischen geschmuggelt. Insgesamt kann „ColorVisor“ erstaunlich viele Farbnuancen erkennen. Wenn man geduldig mit dem Finger auf dem Suchfokus bleibt, werden die Angaben sehr genau.

Bei dunklen Farben wie Blau und Schwarz ist die App nicht immer zuverlässig – Verwechslungsgefahr. Auch Weiß ist für jede Farberkennung nur schwierig zu bestimmen, da es hier immer auf die Lichtverhältnisse ankommt. „ColorVisor“ bietet die Möglichkeit, Farben in einer Farbtabelle zu speichern und zu verändern. Das ist aber ohne Sehen nicht sehr spannend. Dann mache ich Fotos und versuche, darauf die Farben zu erkennen. Dafür bewege ich meinen Finger an verschiedene Stellen im Bild. Leider sind die Fotos ziemlich klein und nicht zentriert angeordnet. Das macht die Bedienung schwieriger. Außerdem erkennt die App meine Bewegungen nur sehr ungenau. Daher lieber im Live-Modus bleiben!

Auf einen Blick

Name: ColorVisor

Zielgruppe: Blinde, Menschen mit Sehbehinderung, Menschen mit Farbsehschwäche, „Farbinteressierte“

Verfügbar für: iPhone, iPad, iPod touch

Kosten: 4,99 €

Link: visorapps.com

 

Video-Tutorial: So funktioniert die App

Fazit unseres App-Testers

ColorVisor“ ist eine intuitiv bedienbare App. Das Voice-Over funktioniert reibungslos. Farben von Klamotten und Möbeln werden gut erkannt. So kann man sich stilsicher anziehen und viele neue Farben in der Wohnung oder draußen in der Natur entdecken.

 

Link-Tipps:

Der blinde Informatiker Jan Blüher hat die „ColorVisor“-App entwickelt. Lies dir hier unser Porträt über ihn durch.

Neue Ideen schaffen neue Nähe. Hier geht's zu unserer Kampagnenseite.

Was ist Barrierefreiheit?

Du hast tolle Projektideen für mehr (digitale) Barrierefreiheit? Sieh dir unsere Fördermöglichkeiten an!

Du möchtest dir weitere Video-Tutorials unserer Test-Reihe ansehen? Hier entlang.

 

Redaktionelle Betreuung und Videoproduktion: Lena Hoffmann

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"Das Bein ist halt ab."

Prothese tragen: Ja oder nein? Daniela ist auf einem Bein unterwegs und das kann jeder sehen, denn sie trägt keine Prothese. Auch Denise hat ein Bein – und viele Prothesen. Für uns haben die beiden aufgeschrieben, warum sie sich für oder gegen das Hilfsmittel entschieden haben.

Daniela: Ohne Prothese lässt es sich viel besser tanzen.

Aktion Mensch / BeFunky Image

Pro

Denise Schindler

Meine Leidenschaft ist das Radfahren. Und das, obwohl ich bei einem Unfall mit zwei Jahren meinen rechten Unterschenkel verloren habe. Dass das geht, habe ich – neben meinen Eltern und tollen Medizinern – vor allem einer zu verdanken: meiner Prothese.

Ob ich eine Prothese tragen möchte, war für mich nie eine Frage: natürlich. Als Kind war das ein ganz normaler Bestandteil der Reha. Ohne kann ich schließlich nicht laufen. Mit Krücken kommt man nicht so weit, wie man möchte, belastet das andere Bein zu sehr und kann auch nichts wirklich in der Hand halten. Für mich ist die Prothese ein Hilfsmittel, mit dem ich mich frei bewegen kann, mit dem ich tun kann, was ich möchte. Genauso wie manche Menschen eine Brille nutzen, trage ich eine Prothese. Sie gibt mir ein bisschen Freiheit zurück.

Natürlich gibt es auch Nachteile: Wenn ich meine Prothese trage, kann ich nicht mal eben in den See springen, sondern brauche eine Schwimmprothese. Und ich muss immer einen ganzen Koffer Ersatzprothesen mit dabei haben. Ich weiß auch, dass es dauern kann, bis man eine richtig passende Prothese gefunden hat. Deswegen wünsche ich mir noch bessere Technologien, die mehr auf die Bedürfnisse des einzelnen Patienten abgestimmt werden können. Und dann werde ich vielleicht auch mal mit Anlauf und Prothese in den See springen.

Kontra

Daniela Herrmann

„Warum müssen Sie denn noch so rumlaufen? Es gibt heute doch schon so tolle Prothesen!“

Stimmt, gibt es. Aber ich fühle mich eben ohne komplett. Ich bin ein selbstständig denkender Mensch und ich habe mir nach meinem Unfall freiwillig (!) ausgesucht, 'so rumzulaufen'.

Ohne Prothese kann ich meine Schuhe zubinden, weil ich die Schuhe mit den Armen noch erreiche, meine Organe werden nicht zusammengequetscht und es lässt sich viel besser tanzen.

Ich denke, für Menschen mit zwei Beinen ist der Gedanke, ein Bein zu verlieren, schlimm. Sie tröstet es vielleicht, dass es Prothesen gibt. Die kann man anziehen und dann ist fast alles wie früher – als das zweite Bein noch da war, nur war das halt voll mit Blut und Muskeln und ein bisschen Fett. Die Prothese ist kalt und unbequem.

Ich wünsche mir flexibleres Denken. Nur weil mein Körper anders aussieht als der von vielen anderen, heißt das nicht, dass ich anstrebe, (wieder) wie die Masse auszusehen. Natürlich muss und sollte das jeder für sich selbst entscheiden. Prothese, Exoskelett ... – von mir aus.

Nur für mich, mich ganz persönlich, ist es nicht das Richtige.

Meine Prothese in Action kennen nur mein Prothesenbauer, meine Physiotherapeuten und ich. Ich trage sie allein aus gesundheitlichen Gründen und nicht öfter als nötig.

Im Alltag bin ich einfach ich. Ohne Computerknie und Ladekabel am Bein. Ich freue mich lieber über die skurrilen Begegnungen im Alltag. Den kleinen Jungen, der seine Mama fragt, ob ich ein Flamingo bin, und nicht versteht, warum seine Mama und ich darüber so laut lachen.

Kommentare

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MemyselfandI

Beide haben recht! Als Mensch mit Amputation ist man in der Situation, dass man sehr schnell zum 'Experten' wird. Immerhin gilt es ja in der Regel mit einer veränderten Situation umzugehen und für sic das Beste daraus zu machen. Und genau das tun die beiden Protagonistinnen - jeweils aus ihrer individuellen Sicht. Und obschon beide eine Amputation haben ist die Situation ja in keiner Weise vergleichbar. Während Denise mit Hilfe ihrer Prothese einen bestmöglichen Nachteilsausgleich erreicht, erreicht Daniela das genau nicht durch eine Prothese - nämlich eine Prothese mit einem unbequemen Beckenkorb, die sie offensichtlich nicht als nützliches Hilfsmittel nutzen kann. Respekt den beiden, die sich nicht verstecken und im Zeifel auch die Diskussion mit der Umwelt aufnehmen. Aber dabei kann "Umwelt" ja auch 'eas lernen. Und ggf. können Menschen mit Amputation ja auch etwas lernen: Toleranz untereinander für den jeweils richtigen Weg.


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