Inklusion rückwärts – eine Begegnungsgeschichte


Eigentlich hatte Dirk Tannert aus Potsdam sein barrierefreies Budo für Menschen mit Behinderung gegründet. Seitdem kamen immer mehr Menschen ohne Behinderung dazu. "Inklusion rückwärts" nennt er das.


 

Piktogramm barrierefreies Budo

Das Symbol für barrierefreies Budo

In der Gruppe ist Inklusion schon längst nicht mehr der Rede wert – sondern ganz normal. Es gibt Rollis und Fußis, das haben die Mitglieder selbst so vorgeschlagen, der Einfachkeit halber. Gemeinsam trainieren sie die Kampfkunst Shaolin Kempo und Yoga. Und geben ihre Erfahrungen gerne weiter: Jedes Jahr veranstaltet die Gruppe als Netzwerk für barrierefreies Budo (Budo ist der Oberbegriff für alle japanischen Kampfkünste) einen Lehrgang, jedes Jahr in einer anderen deutschen Stadt. So kann die Idee bundesweit wachsen und gedeihen.

Vier Uwes auf dem Weg in den Kampf

Wie die Potsdamer Ur-Gruppe entstanden ist, ist allerdings eine Geschichte für sich. Wir hatten euch vor einigen Wochen dazu aufgerufen, uns eure Begegnungs-Geschichten zu schreiben. Und Dirk Tannerts hat es uns besonders angetan. Vier Uwes haben den Weg zu seiner inklusiven Kampfsport-Gruppe begleitet. Die trainiert nun jeden Mittwoch im Potsdamer "Haus der Begegnung". Über den, teilweise steinigen, Weg hin zur Erfüllung seiner Projekt-Idee erzählt er uns hier:

 

Video: Barrierefreies Budo

Begegnung mit vier Uwes
 

Wie meine Kampfkunst barrierefrei wurde
 

Es ist 1999. Die warme Septembersonne scheint durch die Fenster einer alten Kampfkunstschule in Berlin. Seit neun Jahren trainiere ich hier Shaolin Kempo und Yoga. Letztes Wochenende traf ich meinen Kumpel Uwe. Er sitzt im Landtag. Und im Rollstuhl. Immer wenn wir uns sehen, fragt er, wie es mit dem Training läuft. Und fast immer kommt der Satz „Ich würde so was ja auch gern machen, aaaber...!“. Aber? Aber was? Nein! Es ist nicht die Behinderung, die ihn vom Training abhält. Es gibt einfach nur keine Trainingsmöglichkeit in seiner Nähe. Er ermuntert mich: „Na dann biete doch so was mal an! Rollstuhlfahrer gibt’s schließlich überall.“

Erste Versuche im Rollstuhl

Daheim in Potsdam setze ich mich immer wieder auf einen Küchenstuhl und teste eine Tai Chi Form und andere Techniken ohne meine Beine. Ich bastle ein paar Flyer und gehe in der ganzen Stadt hausieren: Vereine, Selbsthilfegruppen, Freizeitstätten, Werkstätten… immer das Gleiche: Alle finden die Idee gut, aber keiner möchte das Angebot nutzen. Dabei will ich doch nur einen Raum und ein paar Schüler, mehr nicht!
„Ich weiß, wer Ihnen helfen kann!“, sagt der Behindertenbeauftragte unserer Stadt, „Er heißt Uwe und ist vom Sportclub Potsdam.“ Auf einen Versuch mehr oder weniger kommt’s nun auch nicht mehr an. Ich wähle seine Nummer und wir verabreden uns noch für denselben Abend. Er hört mir zu und sagt dann „Ja, kein Problem! Wann willst du anfangen? Nächsten Donnerstag? Hier sind die Schlüssel zur Turnhalle. Ich schicke dir auch noch einen Rollifahrer vorbei, damit du jemanden zum Trainieren hast.“ Wow! So kann’s also auch gehen.

Das erste inklusive Kampfkunst-Training

Ende November im Jahr 2000. Heute geht’s los! Ich bin vor Aufregung zu früh da und lauere vor der Halle meinem neuen Schüler auf. Ein paar Minuten später kommt tatsächlich ein Mann aus der Dunkelheit angerollt. Er hat ein breites Kreuz und ein noch breiteres Grinsen im Gesicht. Er sagt „Hallo, ich bin Uwe!“ Irgendwie verfolgt mich dieser Name. Uwe Nummer drei ist seit vielen Jahren in vielen Sportarten zuhause und stets offen für Neues. Den Rest des Jahres bleibt er mein einziger Schüler. Doch auf Dauer ist uns ein Training zu zweit einfach zu wenig. Nach dem Jahreswechsel vermittelt man uns an das Berufsbildungswerk am Stadtrand. Wir geben dort eine Kostprobe und die schlägt voll ein: Alle von der ersten Probestunde kommen wieder und bleiben dabei! Endlich ein echter Anfang.

Inklusion rückwärts

Gegenwart. Mehr als fünfzehn Jahre sind seit dem ersten Training mit Uwe vergangen. Draußen vor dem Haus der Begegnung, in dem wir uns jetzt jede Woche treffen, tobt das Leben im Kiez. Hier drin hört man nur leise Atemzüge. Vor dem Training meditieren wir wie immer ein paar Minuten. Eigentlich sollte ich auch die Augen geschlossen haben - als Trainer will man ja Vorbild sein. Aber heute kann ich nicht abschalten. Die Gedanken wandern zurück… Wir hatten damals Inklusion rückwärts, denn wenige Wochen nach dem Start kamen immer mehr Leute ohne Behinderung ins gemeinsame Training. Letztes Jahr haben wir dafür sogar den ersten Inklusionspreis des Landes Brandenburg gewonnen.
Acht Leute sind heute da, die Hälfte von uns hat keine Behinderung. Wichtig ist das Training, Einschränkungen sind kein Thema. Die Atmosphäre ist geprägt von aufrichtigem gegenseitigen Respekt und einer dicken Portion Humor. Niemand nimmt sich selbst zu ernst oder zu wichtig. Manchmal gehen, rollen, humpeln, tasten wir uns danach noch zusammen in eine Kneipe… Doch jetzt wird's erstmal Zeit, mit der Stunde zu beginnen.

 

PS:
Für alle Freunde von Running-Gags: Ich habe später herausgefunden, dass auch der Behindertenbeauftragte Uwe hieß...
Mehr Infos findest du hier:  www.facebook.com/aikempo  und das hier ist unser Netzwerk: www.barrierefreies-budo.de

 

Verleihung des Inklusionspreises für "Aikempo-Dojo"

Der brandenburgische Sozialminister Günter Baaske (ganz links) überreicht Dirk Tannert (2. von links) den Inklusionspreis für sein Aikempo-Dojo-Projekt.


Abgedreht!

Ein Kamerabildschirm, auf dem eine Protagonistin aus dem Casting zu sehen ist.

Überraschungen, Erfahrungen und neue Freundschaften. Den Film rund um's Casting siehst du hier.

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