Pressemitteilung

01.03.2005, Spezialpressedienst:

An den eigenen Herd

Ambulante Wohnschule in Freiburg

Kochen, Putzen, Einkaufen sind leidige Pflichten, gehören aber zum selbständigen Leben dazu. Die Caritas bietet Menschen mit geistiger Behinderung an, in einem zweijährigen Kurs alles zu lernen, was sie für ein Leben auf eigenen Füßen können müssen. MENSCHEN. das magazin hat die erste Gruppe der Wohnschule in Freiburg begleitet

Zwischen Knäckebrot und Kräckern wird Diethard Mack (37) schließlich fündig. "Tortillas" steht ganz oben auf seinem Zettel, aber die lassen sich in dem Supermarkt partout nicht auftreiben. Jetzt hat Diethard zufällig Pita-Teigtaschen entdeckt. "Die gehen doch auch", murmelt er und schon wandern zwei Packungen in den Einkaufswagen. Dina Eßbach (25) sucht unterdessen die Kühltruhen ab. Frischen Spinat gibt's nicht, also muss tiefgefrorener her. Kurze Diskussion mit Diethard: "Was brauchen wir noch?" Geriebenen Käse, Speck, ein paar Tomaten, dann ab zur Kasse.

Dina und Diethard sind Teilnehmer der ambulanten Wohnschule, die der Caritasverband Freiburg vergangenen Oktober für Menschen mit geistiger Behinderung eingerichtet hat. Über Faltblätter, die in Werkstätten für Menschen mit Behinderung ausgelegt wurden, fanden die Schüler den Weg hierher. Zwei Jahre lang lernen nun drei Frauen und drei Männer, was sie für ein selbständiges Leben brauchen, sei es in den eigenen vier Wänden oder zusammen mit anderen in einer Wohngemeinschaft.

Einkaufen, Kochen, Waschen und Putzen sind wichtige Themen der Wohnschule. Im zweiten Jahr kommen dann weitere Bereiche dazu, der richtige Umgang mit Geld beispielsweise oder: Wie stelle ich auf einer Behörde einen Antrag? Nicht zu vergessen Fragen von Partnerschaft und Sexualität. Volles Programm also an zwei Nachmittagen pro Woche, außer in den Werkstattferien, plus zwei bis drei Wochenenden im Jahr zur Vertiefung des Gelernten.

Zwischen Anfang 20 und 45 Jahre alt sind die Wohnschüler. Bislang leben alle bei ihren Eltern - gut versorgt, manchmal aber auch überbehütet. Genau hier sieht Kursleiter Stefan Listl das Kernproblem: "Die Eltern realisieren oft nicht, dass ihnen die Betreuung im Alter zunehmend schwerer fallen wird. Und was passiert, wenn sie sterben?" Häufig dürfte dann nur der Weg ins Heim bleiben, vermutet der 36-jährige Sozialpädagoge, weil dem Sohn, der Tochter zu Hause alles abgenommen wurde.

Kennen gelernt hat Stefan Listl das Konzept der Wohnschule in der Schweiz. Dort gibt es schon seit 1986 Außenwohngruppen für Menschen mit Behinderung, die in einer Art Internat lernen, selbständig zu leben. Ähnliche Einrichtungen werden hierzulande nur vereinzelt angeboten, etwa von der Bundesvereinigung Lebenshilfe in Pforzheim und Lörrach. Rein ambulanten Charakter haben hingegen die drei Wohnschulen der Caritas. Es gibt sie in Heitersheim, Titisee-Neustadt und Freiburg, letztere wird von der Aktion Mensch unterstützt. 25 Euro, Essensgeld inklusive, beträgt die monatliche Kursgebühr.

Die Arbeit trägt Früchte: Was ihre Selbständigkeit angeht, haben die Freiburger Wohnschüler in diesem ersten Jahr viel gelernt. Das Einkaufen klappt inzwischen weitgehend reibungslos und ohne Mithilfe von Stefan Listl und seiner Kollegin, der Sozialpädagogin Barbara Rinderle (27), die die Heitersheimer Wohnschule leitet und Listl bei den Wochenendseminaren zur Seite steht.
Auch beim Kochen werkelt die Gruppe alleine. "Tortillas mit Spinat und Speck" hatten sie sich aus einem Kochbuch mit kleinen schnellen Gerichten ausgesucht. Und wie üblich muss das Einkaufsteam für diesen Tag auch das Essen zubereiten. In dem neu bezogenen Gebäude, wo neben Büros der Caritas auch die Unterrichtsräume der Wohnschule mit moderner Küche untergebracht sind, schnippeln und brutzeln Dina und Diethard mit Leidenschaft. Ulrike Halbherr (44), Marietta Singler (45) und Helmut Baer (35) decken währenddessen den Tisch, und Sebastian Magron, mit 23 Jahren der Junior der Truppe, stellt Wasserflaschen in den Sodamacher.

Dass alle prima miteinander auskommen, merkt man beim Essen. Die Köche werden gebührend gelobt, Späße fliegen hin und her. Einige tauschen sich über ihre Arbeit in den Werkstätten aus, andere erzählen lebhaft vom Sommerurlaub.
Dieses Wir-Gefühl ist ein weiteres Anliegen der Wohnschule - Stichwort "Soziale Kompetenz". Dazu haben die Schüler gemeinsam Regeln erarbeitet wie "Nicht durcheinander reden." Genauso wichtig: Wie knüpft man Kontakte, wie pflegt man sie? Bei einigen Kursteilnehmern klappt das ganz gut, Marietta Singler etwa trifft sich häufig mit Bekannten. Anderen gibt Listl Anregungen. Einfach mal zum Telefon greifen und sich schon am Vorabend zum Einkaufen verabreden oder etwas außerhalb der Wohnschule unternehmen: So etwas ist für die Kursteilnehmer keine Selbstverständlichkeit, aber unabdingbar, wenn sie bei den Eltern ausziehen und nicht in die Isolation geraten wollen.

Ganz nach dem Motto "Nur wer mit sich selbst klar kommt, kommt mit anderen klar" üben die Kursleiter auch Möglichkeiten zur Stressbewältigung ein. "Runterkommen, Ankommen" nennt Stefan Listl die Viertelstunde nach dem Mittagessen im Garten vor dem Haus mit sanfter Entspannungsmusik.
Mal an die eigenen Grenzen gehen und etwas Neues ausprobieren: Die Lust darauf weckt ein anderes Spiel, das Konzentration und Koordination trainiert. Mit verbundenen Augen sollen sich die Wohnschüler an diversen Hindernissen vorbei durch den Garten tasten. Diese kleinen Erfolgserlebnisse zählen für Stefan Listl am meisten: "Die Schüler lernen sicher nicht jedes Mal wahnsinnig viel Neues. Aber sie trauen sich jetzt mehr zu als am Anfang. Und das ist das Wichtigste überhaupt."

Mit ihrem gestärkten Selbstvertrauen überraschen die Kursteilnehmer bisweilen auch ihre Eltern. Sebastian hat kürzlich einen Kollegen aus der Werkstatt zum Abendessen eingeladen. Nie hatte er im Haushalt mitgeholfen, diesmal bestand er darauf, ganz alleine Spaghetti mit Tomatensoße zu kochen. "Allen hat’s klasse geschmeckt", erzählt er stolz, "und meine Eltern waren ganz erstaunt, dass ich so etwas kann. Sie haben gesagt, ich soll das ruhig mal wieder machen."

Sebastian ist jedoch eher eine Ausnahme im Kurs. In Gesprächen, die Stefan Listl mit den Eltern führt, stößt er oft auf mangelnde Unterstützung. "Viele haben einfach nicht die nötige Geduld und wollen, dass alles perfekt läuft", erzählt er. Damit wird es den Wohnschülern schwer gemacht, ihre Kenntnisse zuhause umzusetzen. Der Kursleiter befürchtet, dass sich durch zwei Jahre Wohnschule nicht viel ändert, wenn die eingefahrenen Strukturen in den Familien bestehen bleiben. Mit einem offenen Treff will er nach Kursende die Teilnehmer jedoch animieren, bei der Stange zu bleiben und weiter zu üben.

Letzter Programmpunkt an diesem Tag: Waschen. Mit der Straßenbahn geht es in den nächsten Waschsalon. Wie’s funktioniert, wurde in der Theorie bereits besprochen, nun folgt die Praxis. Etwas verwundert gucken die Leute, als die Gruppe anrückt. Zwei Schüler haben von zu Hause getragene T-Shirts, Unterwäsche und Socken mitgebracht. "Was macht man zuerst?", fragt Listl in die Runde. Kurzes Zögern. Dann meint Marietta Singler, "Nach Farbe sortieren" und Dina Eßbach ergänzt, "Jetzt gucken, wie viel Grad auf dem Etikett steht." Der Kursleiter gibt Tipps: "Kälter darf man immer waschen, nur nicht heißer. Außer bei älteren Sachen, die nicht mehr eingehen."

Nach und nach füllen sich so zwei Körbe, einer mit Weißwäsche, der andere mit dunklen Socken. In die Maschinen damit, die Bedienungsanleitung studieren und schon geht’s los. Dreißig Minuten später ist die Wäsche fertig. Ihrem Ziel, vielleicht doch einmal selbständig zu leben, sind die Wohnschüler heute wieder ein Stück näher gekommen.

Text: Karin Scharschmied


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Caritasverband Freiburg-Stadt e.V. Ambulant Betreutes und Begleitetes Wohnen für Menschen mit Behinderung

Zähringer Straße 11a
79108 Freiburg
Telefon: 07 61 / 28 66 51
E-Mail: betreutes-wohnen-freiburg@caritas-freiburg.de
Web: www.caritas-freiburg.de