Pressemitteilung

09.01.2005, Kunst, Kultur, Ausstellungen:

Bilder die noch fehlten

Rede von Dieter Gutschick, Geschäftsführer der Aktion Mensch, zur Ausstellungseröffnung am 9. Januar in Bonn


Liebe Ehrengäste,
meine sehr geehrten Damen und Herren!

Durch die Flutkatastrophe in Südasien ist eine längst bekannte Erkenntnis schlagartig wieder in unser Bewusstsein getreten: Wie sehr nämlich massenmedial verbreitete Bilder unser Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen. Wer vermag sich dem herzzerreißenden Bild eines trauernden Vaters zu entziehen, der sein ertrunkenes Kind in den Armen wiegt und weint? Können Worte den Schrecken und das Elend erfassen, die vom Inferno einer todbringenden Zerstörung ausgehen - millionenfach elektronisch übermittelt in die scheinbar sicheren Wohnstuben der westlichen Welt.

Für manche war die Erschütterung, die von diesen Bildern ausgeht, so tief, dass sie - wie bei mir - auch Abwehrmechanismen auslösten wie: "Ich kann es nicht mehr sehen". Vielleicht auch deshalb, weil diese Bilder mitunter in Hochglanz-Galaveranstaltungen mit dem Ziel instrumentalisiert werden, die Spendenbereitschaft der Bürger zu testen und die von großen Firmen unter Beweis zu stellen.

Gibt es angesichts solcher Ereignisse, die sich mittels massenmedialer Bilder ins kollektive Gedächtnis einprägen, noch die Berechtigung einer Ausstellung mit dem Titel zu zeigen: "Bilder, die noch fehlten"? Ich meine schon:

Denn die in dieser Ausstellung gezeigten Bilder haben nicht mehr die Funktion, das Bestehende einfach abzubilden. Vielmehr sollen sie auch gestaltende Projektionen einer gewünschten Realität sein. Fotografie will hier auch als poetische Kunst erlebt werden. So haben sich die beteiligten Fotografen der Herausforderung gestellt, neue "Bilder" zu schaffen, die sich nicht nur mit den Stereotypen des kollektiven Bildgedächtnisses über behinderte Menschen auseinandersetzen, sondern ihre Modelle konsequent in ganz anderen Zusammenhängen zeigen, als dies unseren Sehgewohnheiten entspricht: Zum Beispiel in künstlerischen und intimen Zusammenhängen, in der Welt der Mode oder der Macht.

Die Abbildung von Menschen mit Behinderungen birgt natürlich auch Gefahren: Wenn in den Bildern die Schwierigkeiten durch die Behinderung überwiegen, so werden allzu leicht Ängste geschürt und Klischees bestätigt, die die Lebenswelt der "Heile-Welt"-Werbung doch erstrebenswerter erscheinen lassen.
Wenn man sich jedoch der Ästhetik der Werbe- und Fernsehwelt bedient, so scheint im Vergleich den behinderten Menschen etwas zu fehlen - die abgebildeten Menschen können auch eine Niederlage davon tragen.

Das vielleicht wichtigste Manko ist aber noch immer, dass Menschen mit Behinderungen fast immer nur im thematischen Umkreis von sozialen Institutionen, Organisationen oder Diskussionen auftauchen. Entweder wird ihr Leiden inszeniert, um auf Defizite im Sozialsystem aufmerksam zu machen oder, Mitleid erregend, in ihrem Namen um Unterstützung gebeten. Oder ihre tatsächliche oder angebliche Lebensfreude wird in den Vordergrund gestellt, um den Nachweis gelungener sozialer Arbeit zu erbringen. In beiden Fällen gilt die Abbildung nicht dem Menschen selbst, sondern der jeweiligen Funktion, die eine solche Abbildung erfüllen soll. Die Konsequenz daraus ist: Menschen werden nur als "soziales Problem" wahrgenommen. Aus diesem Grund haben die Fotografen dieser Ausstellung sich dazu entschlossen, Menschen mit Behinderungen in ganz anderen Zusammenhängen zu zeigen.

Es ist - auch für mich persönlich - immer wieder erstaunlich, wie sehr diese Verschiebung des Kontextes einen völlig anderen, ungewohnten Blick auf die dargestellten Menschen erlaubt. Und damit zugleich unseren eigenen vorgeprägten Blick immer wieder ein Stück weit entlarvt, so dass man begreift: Es gibt noch viele "Bilder, die uns fehlen".

Meine sehr verehrten Damen und Herren, es freut mich, dass unsere Wanderausstellung "Bilder, die noch fehlten" schließlich auch in Bonn angekommen ist, also dem Sitz unserer Geschäftsstelle seit Gründung der Aktion Mensch vor 40 Jahren. Gerne sind wir der Einladung des Bonner Künstlerforums gefolgt. Bonn ist nach Dresden, Berlin, Gent, St. Petersburg, Moskau und sechs weiteren Städten vorerst die letzte Station unserer Ausstellungsreihe, die wir gemeinsam mit dem Deutschen Hygienemuseum in Dresden konzipiert haben.

Als 12. Ausstellungsort ist Bonn, so hoffe ich, ein "Volltreffer". Dies schon deshalb, weil die Leiterin des Künstlerforums Bonn, Eva Wal, die Ausstellung mit einem beachtenswerten Rahmenprogramm ausfüllt, das für Erwachsene, Jugendliche und Kinder Workshops zum Thema anbietet. Ich darf Ihnen allen diese Workshops ganz besonders ans Herz legen und Ihnen, Frau Wal, herzlich danken.

Danken möchte ich auch den Kuratoren dieser Ausstellung, Professor Klaus Honnef und Gabriele Honnef-Harling, für ihr großes Engagement, das sie bei der Konzeption und der jeweiligen Hängung in allen 12 Ausstellungen gezeigt haben. Und obwohl der Raum hier enger und begrenzter ist als die bisherigen Ausstellungsorte, haben Sie die Hängung der Bilder wieder wunderbar "hinmodelliert". So haben wir nicht den Eindruck, dass auch nur ein Bild fehlt, obwohl einige Bilder tatsächlich weggelassen werden mussten. Auch wenn also etwa zehn Fotos fehlen, ist es inhaltlich doch die komplette Ausstellung von "Bilder, die noch fehlten". Dies kommt der Quadratur des Kreises gleich. Dafür gebührt Ihnen, den Kuratoren, ein herzliches Dankeschön!

Vielen Dank!
Herr Honnef, Sie haben das Wort.