Die Wohnschule: Wohnen kann man lernen

"Wohnen kann man lernen"

Zwei Mädchen basteln an einem Tisch

Senait (24) hat einen Plan: Sie will ausziehen von Zuhause, wo sie sich mit einer Schwester das Zimmer teilt. Sie will mit ihrer Freundin Sonia (25) zusammen wohnen, jede in ihrem eigenen Zimmer, so dass sie die Tür schließen kann, wenn sie Ruhe braucht. Und wer rein möchte – der muss anklopfen!

Mit der "Wohnschule" kommt Senait Yemane diesem Ziel ein Stück näher. Die Wohnschule, das sind genau genommen zwei Räume samt Kochzeile in der "Alten Mühle", einer Wohnstätte der Lebenshilfe im Frankfurter Stadtteil Enkheim. Und es ist ein Angebot für Erwachsene mit geistiger Behinderung, die noch in ihrer Familie oder in einem Wohnheim leben, sich aber mehr Eigenständigkeit wünschen. Zwei Jahre lang kommen die Teilnehmer an zwei Nachmittagen pro Woche in die Wohnschule, wo sie von Schulleiterin Annette Klein und ihrer Kollegin Jutta May auf den Alltag vorbereitet werden. Das Ziel: Nach dieser Zeit sollen Menschen wie Senait in der Lage sein, selbständig in einer eigenen Wohnung zu leben und den Alltag zu organisieren.

Praxis ist alles

"Das Wohnen in einer eigenen Wohnung kann man lernen", ist die Sozialpädagogin Klein überzeugt, die selbst jahrelang in einer Wohneinrichtung für Menschen mit Behinderung gearbeitet hat. So praktisch wie möglich bringt sie den derzeit vier Frauen und einem Mann zwischen 19 und 45 Jahren bei, was sie für später wissen müssen: welche Wohnformen es überhaupt gibt, was man beim Einkaufen, Putzen und Waschen beachten muss, wie man gesund kocht, wie man mit Geld umgeht, wie man sich auf Ämtern zurecht findet, was man für Körperpflege und Gesundheit tun kann – und nicht zuletzt, wie man respektvoll und freundschaftlich mit anderen umgeht.

Was ist bitter, was ist süß?

Auf einer Küchenarbeitsplatte stehen Kaffeekannen

Heute hat Klein verschiedene Stationen aufgebaut, an denen Sonia, Senait, Emanuela (31) und Jasmin (45) schmecken und riechen können: Roter, gelber, grüner Saft – der trotzdem immer nach Apfel schmeckt, weil er mit Lebensmittelfarbe verfärbt wurde. Gewürze in kleine Dosen gefüllt stellen die feinen Nasen der Testerinnen auf die Probe und Schälchen mit Kaffee, Ananas, Erdnüssen und Essiggurken laden dazu ein, den Unterschied zwischen bitter-süß-salzig-sauer zu erschmecken. Auf diese spielerische Weise lernen Senait und die anderen verschiedene Lebensmittel kennen und erfahren Grundlagen zur Ernährung. Die Wohnschüler mögen diese Experimente, außerdem bleibt das Gelernte so besser im Gedächtnis, als wenn sie lediglich Texte dazu gelesen hätten. Um die Orientierung in der Küche zu erleichtern, zeigen Fotos an den Schränken, was sich hinter den Türen verbirgt, und bebilderte Merkzettel an den Wänden helfen: "Grüner Lappen zum Abwischen der Tische, blauer Lappen zum Spülen." Und als die Teilnehmer schließlich den Obstsalat zubereiten, geben Klein und May zwischendurch kleine Hinweise, so dass gewisse Arbeitsschritte – wie zwischendurch die Hände waschen und den Müll sortieren – schnell selbstverständlich werden.

Selbstständigkeit erfordert Mut

Ein Mädchen malt ein großes Bild

Vieles können die Teilnehmer natürlich bereits, jeder etwas anderes: Emanuela ist zuhause diejenige, die kocht – am liebsten Paprika und Auberginen – ihre Mutter assistiert höchstens dabei. Und Sonia, die in der Wohnstätte nebenan wohnt, weiß, was in einer WG zu tun ist: "Wäsche waschen, Müll runterbringen, Spülmaschine ausräumen, sich an die Regeln halten. Und alleine einkaufen gehe ich auch schon." Doch Wissen ist nicht alles, stellt Klein klar: "Mut ist genauso wichtig, um den Schritt zum eigenständigen Wohnen gehen zu können." Die zwei Jahre in der Wohnschule vermitteln die nötige Sicherheit – und sie geben den Teilnehmern Zeit, zu überlegen: "Was möchte ich, wie stelle ich mir das Zusammenleben mit anderen vor?"

Senait gähnt. Es war ein langer Tag: erst Werkstatt, dann Wohnschule. Wohnen lernen ist anstrengend. Einen Haushalt alleine schmeißen sicher auch – aber Jasmin hat trotzdem keine Angst davor: "Ich kann das, ich brauche nur Zeit und Ruhe. Und ich freue mich darauf, selbst zu bestimmen, wann ich was mache."

Mehr Informationen zur Wohnschule auf den Internetseiten der Lebenshilfe Frankfurt

Text und Fotos: Eva Keller, 2011

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