Blog: Inklusion

Hier bloggen Menschen mit und ohne Behinderung aus ihrer je eigenen Perspektive über persönliche Erlebnisse, aktuelle Trends und Informationen rund um das Thema Inklusion.

„Zur Not schreibe ich eine WhatsApp“

Blogger: Eva Keller, am 01.08.2014 um 08:52 Uhr

Offenheit, Handy und ein paar Gebärden: Das reicht den gehörlosen und hörenden Jugendlichen in einem Frankfurter Ausbildungsprojekt schon, um im Küchen-Alltag miteinander klar zu kommen. Trotzdem bleibt das Ziel, dass sich alle in Gebärdensprache verständigen!

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Azubis im Gehörlosenzentrum: Eine große Chance

Foto: Evangelischer Verein für Jugendsozialarbeit in Frankfurt am Main

Die Gebärde für „Schnitzel“ hatte Batu Baykan nach wenigen Tagen drauf. Sie ist leicht zu merken: In die Hände klatschen und diese gleichzeitig hin und her bewegen – als würde man ein Stück Fleisch rundum panieren. Auch das Gebärdensprachalphabet hat er schnell gelernt, „viel schneller als ich gedacht hätte“. Seit April geht der 17-Jährige in der Gastronomie des Frankfurter Gehörlosen- und Schwerhörigenzentrums in die Lehre, als einer von zwei hörenden Azubis, gemeinsam mit zwei gehörlosen Azubis. Von den sechs Jugendlichen, die hier eine berufliche Qualifizierung machen, ist ebenfalls die Hälfte gehörlos. Und während die Küchenmeisterin hörend ist, trägt ihr wichtigster Helfer ein Cochlea-Implantate. Wer die Gebärdensprache noch nicht beherrscht, muss sie lernen – so steht es in den Arbeitsverträgen. Und deshalb kommt zwei Mal pro Woche eine Gebärdensprachlehrerin.

Für Batu Baykan war die Ausbildungsstelle ein Sprung ins kalte Wasser – aber auch eine große Chance, nachdem er trotz guten Hauptschulabschlusses lange vergeblich nach einer Lehrstelle als Koch gesucht hatte. Anfangs war er unsicher, „aber es haben mich alle nett aufgenommen“, sagt er. Wenn das kein Zeitenwandel ist: Ein junger Mann ohne Behinderung ist froh und dankbar, dass die Kolleginnen und Kollegen ihn nicht ausschließen ...

Kooperation mit Hotels und Restaurants

Eine dieser netten Kolleginnen ist Lena Schmul, 32 Jahre alt und seit Jahresbeginn im Team. Damals startete der Evangelische Verein für Jugendsozialarbeit in Frankfurt am Main e.V. das Gastro-Projekt. Lena Schmul ist vor einigen Jahren aus Russland gekommen, berufliche Erfahrungen hat sie in einer Zahnarztpraxis, als Näherin, Bäckerin und Kellnerin gesammelt – aber eine Lehrstelle ist nie daraus geworden. Jetzt absolviert sie hier eine Ausbildung zur Fachkraft im Gastgewerbe, mit dem Ziel, später im Service zu arbeiten. Damit für die (gehörlosen) Azubis die berufliche Laufbahn nicht nach der Ausbildung gleich wieder endet, sucht das Projekt die Kooperation mit Hotels und Restaurants. So bereiten sich im Hotel Spenerhaus in der Nähe des Frankfurter Doms derzeit einige Mitarbeiter in Gebärdensprachkursen auf die möglichen künftigen Kollegen vor ...

Im Gehörlosenzentrum, wo wegen der vielen Vereine im Haus die gehörlosen Gäste in der Mehrzahl sind, arbeiten hörende und gehörlose Azubis immer als Tandem, sowohl in der Küche als auch beim Service. Zur Mittagszeit bewirtet das Team täglich bis zu 40 Gäste, außerdem sorgen die Mitarbeiter bei Vereinstreffen ebenso wie bei Weihnachtsfeiern und Faschingspartys für Speisen und Getränke, und sie machen das Catering für Veranstaltungen außer Haus.

Ruhe statt Hektik, Kommunikation statt Kommandos

Die Hektik und den Lärm, der in Gastro-Küchen oft üblich ist, gibt es hier trotzdem nicht. „Weil wir keinen Kommando-Ton wollen“, stellt Teamleiterin Stefanie Horn klar. Zudem ergibt sich der etwas ruhigere und gemächliche Betrieb aus der Zusammenarbeit von Hörenden und Nicht-Hörenden: „Einfach mal eine Anweisung in den Raum rufen, geht eben nicht“, sagt Horn: „Man muss zu den Kollegen hingehen und sich Zeit nehmen, wenn man etwas erklären oder fragen möchte.“

Und wenn dann die Gebärden fehlen oder Marcel Tuchtenhagen nicht da ist – der Mann mit dem Cochlea-Implantat, der in beide Richtungen dolmetschen kann und schon mehrere Jahre Küchen-Erfahrung hat –, dann werden eben die Handys gezückt. „Zur Not tippe ich das Wort in mein Handy oder schreibe eine WhatsApp an Lena“, sagt Batu Bayhan und lacht.

In der Qualifizierung sind noch drei Plätze für gehörlose Jugendliche frei. Außerdem sucht das Team dringend noch eine Köchin oder einen Koch, der die Gebärdensprache beherrscht.


Linktipps:
Mehr Infos über das Ausbildungsprojekt in der Gastronomie des Frankfurter Gehörlosen- und Schwerhörigenzentrums
Das Handlungsfeld „Am Arbeitsplatz“ der Aktion Mensch
Jemand, der sich kümmert ... Ein Blogbeitrag von Eva Keller über eine Fachtagung zur Inklusion in Ausbildung und Arbeit
Potenziale nutzen – mit Aktionsplänen. Ein Interview im Blog von Stefanie Wulff mit Rainer Wallbruch über Aktionspläne von Unternehmen zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention

Eva Keller

Blogger: Eva Keller
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Arbeit, Bildung

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Den neuesten Kinofilm – schon gehört?

Blogger: Wiebke Schönherr, am 30.07.2014 um 08:56 Uhr

1989. Die Grenze ist offen. Und zwar diejenige, die sehbehinderte Menschen lange Jahre vom Kinoerlebnis ausschloss. Im Jahr des Mauerfalls wurde erstmals in einem deutschen Kino ein Film als Hörfilmfassung gezeigt. Seitdem gibt es mehr und mehr Audiodeskriptionen, wie die Filmbearbeitung für Sehbehinderte und Blinde heißt. Und seit neuestem sogar eine App, die Hörfassungen für Kinofilme liefert.

Jonas Hauer und Nanna Gorbach vor einem Monitor im Tonstudio

Jonas Hauer und Nanna Gorbach während der Filmbearbeitung bei Titelbild

Foto: Wiebke Schönherr

Jonas Hauer sitzt in einem Büroraum der Berliner Firma Titelbild, aber eigentlich ist er gerade ganz woanders. Draußen auf der Ostsee, auf der sich im Innern einer Jacht zwei Männer gegenseitig an die Gurgel gehen und einer von ihnen schließlich über die Reling ins Wasser stürzt. Denn das sind die Bilder, die Hauer, der blind ist, gerade im Kopf hat. Er erarbeitet mit seiner sehenden Kollegin Nanna Gorbach die neueste Ausgabe der ZDF-Serie „Küstenwache“ als Audiodeskription.

Hauer und Gorbach sitzen vor zwei Bildschirmen. Auf ihnen ist eine spezielle Software geöffnet, die die Serie abspielt und gleichzeitig die verschiedenen Tonspuren offenlegt, eine für den Original-Ton, eine für die Hörfassung. Die beiden Mitarbeiter von Titelbild, einer Firma, die sich unter anderem auf Untertitelung und Audiodeskription spezialisiert hat, hören sich eine bereits erstellte Testversion an, um zu überprüfen: Ergeben die Beschreibungen Sinn? Werden genug Informationen gegeben? Oder werden vielleicht zu viele gegeben?

Bilder in Worte übersetzen

Hauer hält inne. Etwas stimmt nicht. „Der Mann ist über die Reling gestürzt?“ „Genau“, sagt Gorbach. Sie blickt auf die Szene, die einen Mann zeigt, der gerade ins Wasser fällt. „Du hast doch gesagt, die beiden kämpfen im Innern der Jacht“, hakt Hauer nach. „Wie kann dann jemand über die Reling stürzen?“ Gar nicht. Gorbach nickt, schaut sich die Szene nochmal an. Sie sieht, dass die zwei Gestalten gar nicht in der Kajüte sind, sondern unter einem Vordach, also draußen auf dem Deck. „Das müssen wir ändern“, stimmt sie zu. „Sie sind nicht im Innern, sie sind auf der Jacht.“ Jetzt ergibt es Sinn. Nächste Szene.

Sekunde für Sekunde übersetzen Filmbeschreiber Bilder in Worte. Oft haben sie dafür nur wenig Zeit, nur die Pausen zwischen Dialogszenen. Es muss dann angemessen entschieden werden: Wird die Farbe der Augen beschrieben? Oder die Bewegung der Hände? Die wogenden Wellen? Oder die finsteren Mienen der kämpfenden Männer?

„Bei der Audiodeskription konzentrieren wir uns auf das, was wichtig ist, um die Handlung und relevanten, visuellen Stilelemente des Films verständlich zu machen“, erklärt Anja Turner, zuständig für das Marketing bei Titelbild.

Denn im Mittelpunkt bei der Audiodeskription steht natürlich nicht der Ansatz, eine Fernseh- oder Kinoproduktion zu 100 Prozent identisch als Hörfilm widerzugeben, einfach deshalb, weil es gar nicht möglich ist. Sondern es soll so gemacht werden, dass Menschen, die sehbehindert sind, Freude daran haben, ihn zu hören. „Audiodeskriptionen eröffnen sehbehinderten und blinden Menschen die großartige Möglichkeit, gleichwertig am kulturellen Leben unserer Gesellschaft teilzunehmen“, sagt Anja Turner von Titelbild.

Vier Prozent beim ZDF, knapp zehn Prozent bei der ARD

Seit 1989 der erste Film, es war die Krimikomödie „Die Glücksjäger“, in einem Münchner Kino als Hörfilm gezeigt wurde, hat sich viel getan. 1993 zeigte erstmals das ZDF im Abendprogramm einen Film für Blinde und Sehbehinderte. Seitdem laufen immer mehr Filme, Dokumentationen und Serien mit Audiodeskriptionen.

Besonders Anfang 2013 ging es für den Hörfilm stark aufwärts. Seit der Neuordnung der GEZ-Gebühren sind Menschen mit Sehbehinderung nicht mehr automatisch von den Gebühren befreit. Das bedeutet: Die öffentlich-rechtlichen Sender stehen stärker unter Druck, ihre Produktionen auch mit Audiodeskriptionen zu zeigen. Im ZDF-Abendprogramm wird nun rund jede dritte Produktion mit Filmbeschreibungen angeboten, bei der ARD fast jede zweite. Aufs Gesamtprogramm verteilt sind es beim ZDF vier Prozent, bei der ARD zehn Prozent. Eine gesetzliche Regelung darüber, wie hoch die Anzahl der Audiodeskriptionen sein muss, gibt es nicht in Deutschland, wie es beispielsweise in Großbritannien der Fall ist, dennoch steigt sie auch hier stetig an.

Dank neuester Technik gibt es auch eine gute Entwicklung in den Kinos: Wer ein Smartphone besitzt, kann seit neuestem mit einer App ausgewählte Filme im Kino anhören, ohne in eine spezielle Vorführung für Sehbehinderte gehen zu müssen, wie es 1989 noch der Fall war. Im Jahr 2014 ist also eine weitere Grenze ist verschwunden.


Linktipps:
Das Handlungsfeld „Inklusion leben: In der Freizeit“ der Aktion Mensch
Hörfilme im TV: Teilhabe und Barrierefreiheit. Ein Plädoyer von Heiko Kunert für mehr Audiodeskription im deutschen Fernsehen
Audiodeskription: Inklusion im Theater. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über Möglichkeiten der Barrierefreiheit im Kulturbetrieb
Kulturelle Teilhabe: Zum aktuellen Stand der Audiodeskription. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über Audiodeskription in TV, Kino, Oper und Theater


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„Gute Chancen, Geld zu bekommen“

Blogger: Wiebke Schönherr, am 23.07.2014 um 09:07 Uhr

Ein Expertengespräch über die Fördermittelvergabe für inklusive Kunstprojekte und die Offenheit der Kunstszene für Menschen mit Behinderungen

Ein farbenfrohes abstraktes Gemälde von Bettina Arelt

Outsider Art: Gemälde von Bettina Arelt von den „Schlumper“

Bild: Bettina Arelt / Freunde der Schlumper e.V.

Vor wenigen Jahren gab es eine Studie, die besagte: Künstler in Deutschland sind arm, aber glücklich. Reich und glücklich wäre natürlich auch nicht schlecht. Aber gut, wenn das Geld mal gar nicht reicht, kann man sich um finanzielle Unterstützung für seine Ideen bewerben. Ruth Gilberger von der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft und Uwe Blumenreich von der Aktion Mensch sprechen über die Fördermittelvergabe für inklusive Projekte und die angenehme Offenheit der Kunstszene.

Wiebke Schönherr: Frau Gilberger, seit April dieses Jahres sind Sie Vorständin der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft. Die Stiftung unterstützt Kunst -und Kulturschaffende darin, sich für eine chancengerechte Gesellschaft einzusetzen.
Zum Einstieg unseres Gesprächs eine kleine Zeitreise zurück in die 90er Jahre: Wenn damals bei einem Fördermittelgeber ein Antrag für ein Projekt auf den Schreibtisch flatterte, das sich inklusiv nannte, gab es da eher ein Schulterzucken als Reaktion oder neugieriges Interesse?

Ruth Gilberger: Zu Beginn der 90er Jahre gab es den Begriff Inklusion zumindest in der Fördermittelvergabe für künstlerische Projekte noch nicht, sondern man nannte das damals Partizipation. Es ging erst einmal darum, Menschen mit Beeinträchtigungen überhaupt an bestimmten Kontexten zu beteiligen. Ob das wichtig für einen Antrag war, kam dann auf das Feld und die Inhalte an. Beispielsweise in Museen war die inklusive Teilhabe an der Kultur damals schon hoch im Kurs. Aber in der Praxis war Inklusion noch sehr ungewöhnlich.

„Forderung nach aktiver Teilhabe für alle Menschen ist breitenwirksam geworden“

 
Wiebke Schönherr: Heute sieht es anders aus?
Ruth Gilberger: Ja. Wenn man heute im Kunst- und Kulturbereich einen Antrag auf Fördermittel stellt und dabei die Inklusion berücksichtigt, sind die Chancen gut, Geld zu bekommen. Zumindest bei den Stellen, die Wert darauf legen, und wenn die Inhalte ansonsten stimmen. Für die soziokulturellen Fonds ist das beispielsweise wichtig, auch bei der Antragstellung bei Verbänden kultureller Bildung oder bei ausgewählten Projekten der Kulturstiftung des Bundes. Bei anderen Kulturförderungen spielt das wiederum keine Rolle. Das ist Zielgruppenantragstellungslyrik! Aber dass eine Forderung nach aktiver Teilhabe für alle Menschen so breitenwirksam geworden ist, dass hier so ein politisches Interesse besteht, dass sich das durch alle Verwaltungsinstitutionen durchgesetzt hat, das ist neu.

Wiebke Schönherr: Herr Blumenreich, Sie sind bei der Aktion Mensch der Leiter der Projekt- und Inklusionsförderung. Welche Projekte im Kulturbereich unterstützt die Aktion Mensch?

Uwe Blumenreich: Wir fördern seit ca. zehn Jahren Kunst- und Kulturprojekte von frei-gemeinnützigen Organisationen aus dem Bereich der Behindertenhilfe und in der Hauptsache deshalb von und mit Menschen mit Behinderung, zunehmend aber eben auch inklusiv ausgerichtete Konzepte. Gemessen an den insgesamt geförderten Projekten pro Monat und am Gesamtfördervolumen der Aktion Mensch bleibt die Förderung der Kunst und Kultur zwar ein „Randthema“. Aber in der Summe ist das immer noch ein nennenswerter siebenstelliger Betrag pro Jahr, der in die Förderung der inklusiven Kulturarbeit fließt. Gefördert wurde in den letzten Jahren beispielsweise ein integrativ geführtes Kino oder ein Tanzprojekt als Open-Air-Spektakel.

Wiebke Schönherr: Frau Gilberger, Fördermittel gibt es also diverse, aber würden Sie auch sagen, dass Menschen mit Beeinträchtigungen im Kunstbetrieb angekommen sind?

Ruth Gilberger: Das kann man pauschal so nicht sagen. In einigen Bereichen haben sie schon länger Anteil, beispielsweise in der Art brut oder Outsider Kunst. Menschen mit psychischen und geistigen Beeinträchtigungen wurden schon seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts als KünstlerInnen wertgeschätzt, wenn auch nur von einer kleinen Gruppe von Kunstkennern. Beim Tanz hingegen nicht und bei der Musik, soweit ich weiß, auch eher wenig. Im Theater gibt es ungefähr seit den 80er Jahren die Tradition, dass Menschen mit Beeinträchtigungen als Akteure integral beteiligt werden. Das ist also von Kunst zu Kunst ganz unterschiedlich

„Inklusion in der Kunst ist bereichernd für alle Beteiligten“

 
Wiebke Schönherr: Dabei kann der Kunstbetrieb jeden gebrauchen, der künstlerisch etwas draufhat.

Ruth Gilberger: Inklusion in der Kunst ist bereichernd für alle Beteiligten. Und Kunst ist ja in sich sehr offen. Und sie ist so individuell, da haben ganz viele unterschiedliche Menschen Platz. Man muss eigentlich nur sicherstellen, dass jeder seinen Weg gehen kann.

Wiebke Schönherr: Herr Blumenreich, wie sehen Sie das: Hat sich inklusive
Kunst in der deutschen Kulturszene etabliert?

Uwe Blumenreich: Es gibt schon viele gute Beispiele. Kunst und Kultur von Menschen mit und ohne Behinderung muss sich überhaupt nicht verstecken. Ich meine, inklusive Kunst findet in Deutschland zum Teil auf richtig hohem Niveau statt, wie beispielsweise beim Blaumeier-Atelier aus Bremen oder bei der DIN A 13 tanzcompany aus Köln. Oder nehmen Sie eine der vielen guten inklusiven Musik-Bands: zum Beispiel die Station 17 aus Hamburg. Da entstehen wirklich anspruchsvolle Dinge. Gleichwohl gilt: Inklusive Kunst ist noch immer nicht alltäglich, und wir müssen auch noch viele Barrieren abbauen, um den Zugang überhaupt erst zu ermöglichen. Erst wenn inklusives Denken und Handeln bei allen Kulturakteuren, Förderern und beim Publikum selbstverständlich geworden sind, dann hat sich inklusive Kunst etabliert.


Linktipps:
Anerkennung von Kunst von Menschen mit Behinderung wächst. Ein Interview im Blog von Werner Grosch mit Jutta Schubert vom Verein EUCREA, der Künstler mit Behinderung fördert
Kann Kunst die Gesellschaft verändern? Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über den Dokumentarfilm „Insider Art – Aus Liebe zur Kunst“
"Ich sehe was, was du nicht siehst". Ein Blogbeitrag von Ulli Steilen über eine Kölner Ausstellung von Künstlern mit und ohne Behinderung
Ein Auftrag der besonderen Art. Ein Blogbeitrag von Eva Keller über die Künstler des "Atelier Goldstein"
 
Alle Infos zu den Förderprogrammen der Aktion Mensch
Sie wollen sich für eine Förderung bei uns bewerben? Von der Idee zum Projektantrag, hier wird alles Schritt für Schritt erklärt!
 

Experten im Gespräch

  • Ruth Gilberger
    Foto: Montag Stiftungen

    Ruth Gilberger

  • Uwe Blumenreich
    Foto: Aktion Mensch

    Uwe Blumenreich


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Potenzial und Charisma

Blogger: Mirien Carvalho Rodrigues, am 12.07.2014 um 09:13 Uhr

Fernanda Honorato ist die erste Fernsehreporterin mit Down-Syndrom in Brasilien

Fernsehreporterin Fernanda Honorato mit Mikrofon

Fernsehreporterin Honorato: Ein Miteinander auf Augenhöhe

Foto: TV Brasil

Kein Zweifel: Fernanda ist eine echte Carioca. So heißen die Einwohner von Rio de Janeiro. Die Fernsehreporterin ist Mitglied in einer Sambaschule, liebt den Karneval, das Theater und das Bad in der Menge. Ein bisschen eitel ist sie auch: Ihr Alter ist bei 25 stehen geblieben, und beim Gedanken an den nächsten Karneval macht sie sich schon heute Sorgen um ihr Gewicht. Zum Fußball tanzt und feiert sie, oder sie weint und ist tieftraurig, so wie nach der historischen Niederlage Brasiliens gegen Deutschland im Halbfinale der WM im eigenen Land.

Bis hierher könnte diese Beschreibung noch auf zahlreiche Frauen in Rio zutreffen; doch dadurch, dass sie zu Fernanda gehört, wird sie einzigartig. Die junge Frau hat das Down-Syndrom.

Sichtweisen und Talente einer Person mit Down-Syndrom

„Mein nächstes Interview führe ich mit einem körperbehinderten Mann. Es handelt vom Arbeitsmarkt“, erzählt Fernanda. Ihre Beiträge laufen am Samstagvormittag im Programa Especial“ des Senders TV Brasil, das ähnlich wie die deutsche TV-Sendung „Menschen“ Ausschnitte aus dem Leben von Menschen mit Behinderung zeigt. Fernandas Vorgesetzte, die Chefredakteurin der Sendung, Ângela Patrícia Reiniger, betont, dass mit allen Mitarbeitern Themen und Fragen im Vorfeld besprochen werden, diese Vorgehensweise also nicht nur bei der Mitarbeiterin mit Behinderung angewandt wird.
Mehr als skeptisch hatten MitarbeiterInnen des Senders auf Reinigers Idee reagiert, Fernandinha, wie sie liebevoll genannt wird, ins Team aufzunehmen. „Viele dachten, sie sei verrückt geworden“, erinnert sich Fernandinha. „Aber Ângela hat an mich geglaubt und mir diese Möglichkeit gegeben.“ Entschlossenheit und Durchsetzungsvermögen sprechen denn auch aus den Äußerungen der Chefredakteurin: „Wenn ich ständig Sendungen über Menschen mit Behinderung mache und darin zu 100 % für Inklusion stehe, warum soll ich dann verrückt sein, wenn ich die Sichtweise und die Talente einer Person mit Down-Syndrom in meinem Team haben will?“, fragt sie.

Verwirklichung von Lebensträumen

Schon als Kind hatte Fernandinha eine bekannte Fernsehmoderatorin nachgeahmt und sich durch Lesen und Fernsehen über verschiedene Themen informiert. Früh kannte sie sich auch mit ihrer eigenen Behinderung aus und engagierte sich in verschiedenen Initiativen und Bewegungen von und für Menschen mit Down-Syndrom. Die Möglichkeit, dort zur Schule zu gehen und Lesen und Schreiben zu lernen, wo sie auch zuhause bei ihrer Familie lebt, hat ihr unendlich viel bedeutet. Zur inklusiven Beschulung hat Fernandinha eine ähnlich klare Meinung wie zur Verwirklichung von Lebensträumen. Es war nach einem Interview, welches ein Team von TV Brasil mit der kontaktfreudigen jungen Frau geführt hatte, dass Ângela Reiniger beschloss, mit ihr einen Einstufungstest zu machen. Dass sie ihn mit Bravour bestand, überraschte die Chefredakteurin keineswegs. Sie hatte gleich das Potenzial und das Charisma in Fernanda erkannt. So hat Brasiliens erste Fernsehreporterin mit Down-Syndrom seit 2006 etliche Themen mitgestaltet, Kontakte geknüpft und Interviews geführt. Sie genießt es, wenn man sie auf der Straße um ein Autogramm bittet; durch Facebook hat sie einen Fanklub in Italien. Beim Sender hat das alltägliche Miteinander auf Augenhöhe die Einstellung der Mitarbeiter zur eigenen Tätigkeit verändert. Fernandas erfrischende Natürlichkeit wirkt oft auflockernd und belebend.

Eltern erkennen die Möglichkeiten ihrer Kinder mit Down-Syndrom

Fernandinha probiert sich gern aus – in einem Film hat sie schon mitgewirkt, am Ende einer Telenovela, in der eine Person mit Down-Syndrom eine Rolle spielte, hat sie ihre Geschichte erzählt, und als Nächstes wird sie diese Geschichte als Buch veröffentlichen. Am meisten Freude bereitet es Fernandinha und ihrer Chefin, wenn sich Eltern von Kindern mit Down-Syndrom beim Sender melden und ihrer Begeisterung darüber Ausdruck verleihen, dass sie endlich die Möglichkeiten für ihre eigenen Kinder erkannt haben. Dies gelingt oft nicht in einem Umfeld, in dem sie ständig hören, was ihr Kind alles niemals schaffen wird. Freunde von Fernanda, die auch das Down-Syndrom haben, sind z. B. erfolgreiche Sportler oder Buchautoren. Ein guter Freund arbeitet bei einer Fastfoodkette und ist von seinem Beruf begeistert. Fernandinha findet auch hierzu klare Worte: „Sie sollen natürlich nicht alle zum Fernsehen gehen. Jeder Mensch mit Behinderung hat das Recht auf einen eigenen Lebensweg. Jeder hat Potenzial, und jeder soll machen können, was er gut kann.“


Linktipps:
Fußball-Land der Widersprüche. Ein Blogbeitrag zur Fußball-WM in Brasilien von Mirien Carvalho über die Situation von Menschen mit Behinderung in Brasilien
Mal anders betrachtet. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über den Kurzfilm 46/47, der die Perspektive wechselt: „Normal“ ist, wer 47 Chromosomen hat
Be My Baby – Meine erste Filmerfahrung. Ein Blogbeitrag von Carina Kühne über ihre ersten Schauspielerfahrungen bei den Dreharbeiten für einen besonderen Spielfilm

Mirien Carvalho Rodrigues

Blogger: Mirien Carvalho Rodrigues
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Arbeit, Menschen mit Behinderung, Medien

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Be My Baby – Premiere in München

Blogger: Carina Kühne, am 11.07.2014 um 10:32 Uhr

Carina Kühne über ihren Besuch beim Filmfest München und die Uraufführung eines besonderen Spielfilms, in dem sie als Hauptdarstellerin mitgewirkt hat.

Filmszene aus „Be My Baby“: Carina Kühne und Nico Randel sitzen nackt und lachend in einer Badewanne

Carina Kühne mit Filmpartner Nico Randel in „Be My Baby“

Foto: Julia Baumann / Zum goldenen Lamm

Am 27. Juni 2014 war die Eröffnungsfeier der Filmfestspiele in München. Ich fühlte mich sehr geehrt, dass ich zusammen mit vielen Prominenten zu dieser Feier eingeladen war. Es war eine ganz besondere Erfahrung für mich, im Münchner Mathäser Filmpalast an den Fotografen vorbei über den roten Teppich zu gehen. Wie alle anderen Schauspieler wurde auch ich gemeinsam mit der Festivaldirektorin Diana Iljine fotografiert. Ein richtiges Blitzlichtgewitter prasselte auf uns ein.

Nach der Begrüßung sahen wir uns den Eröffnungsfilm „Die Karte meiner Träume“ an. Er gefiel mir sehr gut, und ich kann ihn nur weiter empfehlen. Anschließend ging es zu einem Empfang des Bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer in den Festsaal des Bayerischen Hof. Dort gab es einen kleinen Imbiss, und ich durfte mit vielen bekannten Schauspielern, die ich eigentlich nur aus Film und Fernsehen kannte, zusammen feiern. Um 2 Uhr morgens ging es dann mit dem Shuttlebus ins Hotel.

Lachen und betroffenes Schweigen

Der nächste Höhepunkt war natürlich die Premiere von Christina Schiewes Film „Be My Baby im ARRI-Kino am 29. Juni 2014. Ich freute mich, dass Herr Georgi, Iris und Volker Westermann, Bobby Brederlow mit Familie und Frau Fell von der Freien Bühne München extra gekommen waren, um den Film zu sehen. Da ich ihn auch noch nicht kannte, war ich sehr gespannt auf die Reaktion der Zuschauer. Frau Iljine begrüßte das Publikum im voll besetzten Kino und stellte die Regisseurin und ihren Film kurz vor. Er handelt von der 18-jährigen Nicole, die das Down-Syndrom hat und sich nichts mehr wünscht, als ganz normal zu sein und eine Familie zu gründen. Leider gesteht ihre Umgebung ihr dieses Recht nicht zu.

Während der Vorführung wurde an vielen Stellen gelacht, aber manchmal gab es auch betroffenes Schweigen und einige Zuschauer wischten sich sogar Tränen aus den Augen. Nach der Vorstellung gab es tosenden Beifall und Christina Schiewe, die Regisseurin, bat alle anwesenden Mitglieder der Crew und die Schauspieler auf die Bühne. Zuletzt bat sie mich als Hauptdarstellerin nach vorne. Ich war so gerührt von der Begeisterung der Zuschauer, dass ich zuerst gar nichts sagen konnte, als sie mir das Mikrofon in die Hand drückte. Nachdem ich mich wieder gefangen hatte, bedankte ich mich beim Publikum, bei der Regisseurin, die mich entdeckt und an mein Talent geglaubt hat, und bei der gesamten Crew. Christina Schiewe nahm mich in den Arm und bedankte sich auch noch einmal bei mir. Teilweise gab es sogar Standing Ovations.

Alle freuten sich sehr, dass der Film so gut angekommen war und dann ging es gemeinsam mit den geladenen Gästen zu einem Umtrunk in den Georgenhof. Es war wie ein Familientreffen, alle wieder zu sehen, mit denen man während der Dreharbeiten fast zwei Monate täglich zusammen war.
Der Film hatte allen gut gefallen, und wir nutzten die Gelegenheit für viele nette Gespräche. Schade, dass die Zeit so schnell verging! Zum Abschluss bekam jeder noch ein Filmplakat als Erinnerung.

Preise und Nominierungen

Besonders freute ich mich auch darüber, dass mein Filmpartner Florian Appelius und ich sogar für den Preis beste Nachwuchsschauspieler nominiert waren. Den Preis haben wir leider nicht bekommen, aber Christina Schiewe und ihre Koautorin Petra Brix bekamen einen Preis für das beste Drehbuch, und darüber freue ich mich auch riesig.

Die Preisverleihung fand am 4. Juli 2014 in der Hochschule für Fernsehen und Film statt. Anschließend wurde auch hier gefeiert, und es gab viele Gelegenheiten, neue Kontakte zu knüpfen.
Ich bekam viel Lob für meine Darstellung der Nicole in dem Film und freute mich, dass ich gemeinsam mit Christina vom Bayrischen Rundfunk für die Sendung „KINO KINO“ interviewt wurde und sogar einige Autogramme geben durfte.

Nun hoffe ich, dass der Film noch zu vielen Festspielen eingeladen wird und auch bald im Kino gezeigt werden kann, bevor er im ZDF zu sehen ist. Ob ich wohl eine Agentur finde, die mich vertritt, und auch noch weitere Rollenangebote? Ich würde mich sehr darüber freuen. Es wäre schön, wenn ich auch ganz normale Rollen spielen dürfte, in denen es nicht ums Down-Syndrom geht.


Linktipps:
Weltpremiere bei den Filmfestspielen in München: Mehr Infos über den Film „Be My Baby“
Be My Baby – Meine erste Filmerfahrung. Ein Blogbeitrag von Carina Kühne über ihre ersten Schauspielerfahrungen bei den Dreharbeiten für einen besonderen Spielfilm
Mal anders betrachtet. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über den Kurzfilm 46/47, der die Perspektive wechselt: „Normal“ ist, wer 47 Chromosomen hat
Kinderwunsch – Paare mit Down-Syndrom als Eltern? Ein Blogbeitrag von Carina Kühne über den Kinderwunsch von Menschen mit Trisomie 21

Carina Kühne

Blogger: Carina Kühne
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Kultur

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Jubel, Trommeln und Feuerwerk

Blogger: Mirien Carvalho Rodrigues, am 09.07.2014 um 10:46 Uhr

Das Fußball-Museum in São Paulo ist ein Besuchermagnet auch für Fans mit Behinderung

Große bunter Poster mit Fußballszenen, daneben spielen zwei Museumsbesucher am Kickertisch

Fußball-Museum in São Paulo: Verspielt und kreativ

Fotos: Isabela Pacini

Im Jahr 2008 eröffnete das Fußball-Museum unter den Tribünen des Estádio do Pacaembu, des alten WM-Stadions in São Paulo von 1950. Die Barrierefreiheit für Besucher mit Behinderung wurde von Anfang an mit eingeplant und wird kontinuierlich mit staatlichen und privaten Geldern weiterentwickelt. Jedes Jahr fand bisher eine mehrmonatige intensive Zusammenarbeit mit einer ausgewählten Zielgruppe statt.

Man begann mit blinden und sehbehinderten Personen, es folgten Autisten, gehörlose und schwerhörige Personen, sowie Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung. Sie alle wurden als Experten in eigener Sache zu den vorhandenen Angeboten gehört, lobten und machten Verbesserungsvorschläge – und sorgten dafür, dass die Mitarbeiter die Vielfalt an Interessen und Bedürfnissen noch besser kennenlernen konnten. Und sie sind alle höchst engagiert. Derzeit besuchen z. B. drei Museumspädagogen einen Kurs in brasilianischer Gebärdensprache.

Anmeldung nicht nötig

Ich war gespannt. In Sachen Barrierefreiheit eilt dem Museum ein ausgezeichneter Ruf voraus, und in Sachen Fußball würde es sicher auch aufregend werden. Der erste große Pluspunkt stellte sich gleich am Anfang heraus: Ich konnte als blinde Besucherin wie alle anderen unangemeldet auftauchen und hatte sogar noch die Wahl zwischen einem eigens für blinde Gäste entwickelten ausführlichen Audioguide, der neben Erklärungen zu den Räumen und Objekten auch eine Wegbeschreibung entlang des taktilen Leitsystems am Boden bietet, und einer Einzelführung durch eine Museumspädagogin. Ich entschied mich dafür, den Audioguide exemplarisch zu testen und dann das freundliche Angebot einer Führung gerne anzunehmen. Und beides war wirklich hervorragend.

Da gab es ein Modell des Stadions, in dem wir uns befanden. Durch die Verwendung unterschiedlichster Materialien – Stoff für Rasen und Bäume, sowie unterschiedliche Kunststoffe und Holz für Gebäude und Tribünen, wurde dem Modell Leben eingehaucht, und meine Finger wollten gar nicht mehr von dieser so wirklichen Welt in Miniatur lassen. Farbkontraste und Braillebeschriftung waren selbstverständlich mit von der Partie.

Mehrere Sinne ansprechen

Nun konnte sie losgehen, die Tour durch 16 zumeist kleine Ausstellungsräume. Was immer ich erwartet hatte, es wurde weit übertroffen. Gleich zu Anfang erfuhr ich über ein Braille-Schild, das meine Begleiterin Leiliane mir zeigte, von den sechs Bildschirmen, auf denen Kinderfüße zu sehen sind, die einen Ball von einem Feld zum anderen spielen, mal auf Rasen, mal auf Asphalt, mal im Sand: „Fuß an den Ball – der Fußball beginnt in der Kindheit.“

In beinahe allen Räumen wurden mehrere Sinne angesprochen, tauchte ich in diese Kultur ein, in der der Fußball so eine entscheidende Rolle spielt. Hier konnte ich meiner eigenen brasilianischen Fußballseele freien Lauf lassen. Wie etlichen Einheimischen kamen mir die Tränen, als ich die entscheidenden Momente der Finalniederlage von 1950 verfolgte – dramatisch mit einem raumfüllenden Herzschlag untermalt; eine Gänsehaut überlief mich auch, als ich ausgewählten prominenten Persönlichkeiten Brasiliens lauschte, wie sie von einem für sie besonders prägenden Spiel erzählten, einer emotionaler als der andere.

Beeindruckende Erlebnisse

Im Raum der Fankultur gab es kein Halten mehr – ich tanzte mit bei unzähligen Einblendungen verschiedenster Jubel und Fangesänge, Trommeln und Feuerwerk, das aus allen Richtungen und von Anhängern aller großen brasilianischen Mannschaften kam.

Reliefs aus Harz stellen Spieler in Aktion dar, in für sie typischen Haltungen kurz vor dem Schuss aufs Tor oder in der Luft beim Versuch, den Ball zu halten. Hier hat mich vor allem die dreidimensionale Momentaufnahme des Torhüters beeindruckt, denn ich konnte die Spannung der Szene in mir spüren durch das Bild, das meine Hände ertasteten: Der Ball klebt in der linken Ecke unter der Latte, der Torhüter schwebt in der Luft, die Hand nach oben ausgestreckt – wird er den Ball noch erreichen, oder wird gleich unaufhaltsam das Tor fallen?

Da waren die Reliefdarstellungen der Gesichter von Pelé und Garrincha, der eine in Ehrfurcht „König des Fußballs“, der andere liebevoll „Freude des Volkes“ betitelt.
Es gab Bälle und Fußballschuhe vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute, 15 ausgewählte Radioreportagen berühmter Kommentatoren, ja selbst die Gürteltasche eines Mannschaftsmasseurs hat Platz in einer Vitrine.

Mehr als nur Fußball

Das Museum will jedoch ausdrücklich mehr erzählen als nur die Geschichte des Ballsports, ohne den Brasilien undenkbar wäre. In Form von Totems werden in einem Raum die wichtigsten nationalen und weltweiten Ereignisse eines jeden WM-Jahres dargestellt. Auch hierzu gab mir Leiliane eine Nachbildung in die Hand, damit ich die Anordnung der Bildschirme und Infotafeln nachvollziehen konnte. Ich bat sie, mir alles über 1982 vorzulesen, das Jahr der WM in Spanien, in dem mich meine Leidenschaft für Brasilien und seinen Fußball überwältigte.

Historische Abbildungen von Rio und São Paulo, Fotos berühmter Persönlichkeiten aus Musik, Kunst und Literatur, sowie Einspielungen aus unterschiedlichen politischen Regimen setzen darüber hinaus die Geschichte des Fußballs in einen Gesamtzusammenhang.

Am Ende ging es noch einmal verspielt und kreativ zu: Begeistert tastete ich mich an einer Wand mit Erklärungen und bildlichen Darstellungen diverser Ausdrücke und Sprüche entlang, die im Laufe der Zeit im brasilianischen Fußball einen festen Platz gefunden haben.
Jetzt konnte eigentlich nichts mehr kommen. Es schien, als könnte ich auch nicht noch mehr Bewegendes verkraften. Lieber noch ein bisschen am Kicker spielen und dann allmählich zum Ende kommen. Doch nein – Leiliane hatte noch ein Ass im Ärmel. Sie zeigte mir einen Sitzplatz und drückte mir dann wahrhaftig eine Nachbildung des Coupe Jules-Rimet in die Hand, des Weltmeisterpokals, den Brasilien nach dem dritten WM-Titel 1970 für immer behalten durfte.


Linktipps:
Mehr Infos und Bilder zum Fußball-Museum in São Paulo im Brazil Travel Blog (englisch)
Fußball-Land der Widersprüche. Ein Blogbeitrag zur Fußball-WM in Brasilien von Mirien Carvalho über die Situation von Menschen mit Behinderung in Brasilien
Es gibt Fans, die gibt es gar nicht. Zweiter Blogbeitrag zur Fußball-WM in Brasilien von Mirien Carvalho über Barrierefreiheit in Brasilien – und auch in Deutschland
Taubblinde Menschen in Brasilien. Dritter Blogbeitrag zur Fußball-WM in Brasilien von Mirien Carvalho über den ersten taubblinden Hochschulabsolventen in Brasilien
 

Impressionen aus dem Fußball-Museum

  • Modell eines Torwarts, der nach einem Ball springt

    Tastmodell eines Torwarts

  • Modell des Estádio do Pacaembu

    Modell des Estádio do Pacaembu

  • Viele gerahmte Fußballposter und Wimpel an einer Wand

    Historische Fußballposter und -wimpel

  • Reliefs von Fußballspielern

    Reliefs von Fußballspielern

  • Museumsbesucher vor Großbildschirmen mit Fußballvideos

    Historische Fußballspiele

  • Wände voller historischer Fußballfotos in goldenen Rahmen

    Geschichte in Bildern

  • Säulen mit vielen Bildschirmen, auf denen Fußballvideos gespielt werden

    Bilderflut im Museum

  • Reliefs von Pelé und Garrincha

    Reliefs von Pelé und Garrincha

Mirien Carvalho Rodrigues

Blogger: Mirien Carvalho Rodrigues
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Barrierefreiheit, Kultur, Sport

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