Inklusionsblog
Hier bloggen Menschen mit und ohne Behinderung aus ihrer je eigenen Perspektive über persönliche Erlebnisse, aktuelle Trends und Informationen rund um das Thema Inklusion.
Der Bürokratiewahn
Autorin: Anastasia Umrik, am 22.05.2013 um 08:55 Uhr
Versichertenkarte: Grundlose Arztbesuche zum Einlesen
Claudia Hautumm / pixelio.de"Haben Sie schon Ihre Versichertenkarte bei Ihrem Hausarzt einlesen lassen?"
Natürlich.
"Vergessen Sie bitte nicht, rechtzeitig ein neues Rezept für die Physiotherapie abzuholen."
Natürlich nicht.
"Wir würden Sie und Ihre Situation gerne kennenlernen. Dürften wir nächsten Mittwoch um neun Uhr morgens vorbeikommen?"
Selbstverständlich.
"Haben Sie Ihre Versichertenkarte dabei?"
Oh, nein, ich habe sie bei einem anderen Arzt vergessen.
Meine To-Do-Liste sieht aus wie das Hausaufgabenheft eines Schulkindes. Abgesehen von meiner üblichen Vergesslichkeit, gibt es immer wiederkehrende Dinge in meinem Alltag, die ich jedoch trotzdem immer und immer wieder vergesse. Dazu gehören zum Beispiel grundlose Arztbesuche, um die Versichertenkarte einlesen zu lassen, und das ständige Telefonieren mit diversen Therapeuten, um neue Termine zu vereinbaren. Als hätte man sonst nichts zu tun, will der MDK plötzlich die Pflegestufe überprüfen, und ein örtlicher Pflegedienst, der mich noch nie zuvor gesehen hat, ist dazu verpflichtet zu überprüfen, ob meine Pflege gesichert ist. Sicherlich ist das sehr nett gemeint, und in manchen Fällen macht es Sinn (ob man mit dem Pflegegeld auch nicht in den Urlaub geflogen ist!), aber jetzt mal ehrlich: Ich bin 26 Jahre alt, davon seit mindestens 19 Jahren auf die Hilfe von fremden Menschen angewiesen – und das wird sich nicht mehr ändern. Ich würde gerne sagen dürfen, dass ich es sehr gut selbst im Griff habe und sie gerne in ein paar Jahren noch mal vorbeikommen können. Um zu gucken, ob ich noch die Hautfarbe eines lebendigen Menschen habe.
Warten auf ein Wunder?
Es ist auffällig, dass manche Ärzte, Therapeuten, die Krankenkasse und eigentlich alle anderen Entscheidungsträger oft so tun, als könnte doch noch ein Wunder geschehen und die Behinderung sich in Luft auflösen könnte.
Zack! Und der Mensch kostet nichts mehr!
Zack! Und der will nie wieder Termine vereinbaren.
Ja, das könnte sogar mir gefallen ...
Wenn die Verantwortlichen doch nur einmal nachfühlen würden, was für ein Aufwand das alles ist. Und wie Energie raubend! Mein Rollstuhl ist zum Beispiel seit nun genau fünf Wochen kaputt. Seit vier Wochen erzählt man mir, dass es "morgen" repariert geliefert wird – doch ständig geht etwas Neues kaputt. Und ständig benötigt man etwas von mir, und ständig telefoniere ich mit dem Sanitätshaus, dem Hersteller und der Krankenkasse. Vergeblich. Pure Zeitverschwendung!
Eine kleine Anekdote aus meinem Leben: In meiner Schulzeit musste ich jedes halbe Jahr ein ärztliches Attest darüber vorlegen, dass ich nicht am Sporttag teilnehmen kann. Diese Regelung hat keiner verstanden, aber so sind nun mal die Vorschriften ...
Willkommen im Wahn der Bürokratie.
Linktipps:
Theorie trifft Praxis – eine juristische Bestandsaufnahme der UN-Behindertenrechtskonvention
Behinderung mit Ablaufdatum. Überlegungen von Petra Strack im Blog über die Folgen, wenn ihre Behinderung einfach so ein Ende hätte
Eine unlustige Klogeschichte. Ein Blogbeitrag von Anastasia Umrik über existentielle Nöte im studentischen Alltag
Autorin: Anastasia Umrik
Kategorie: Inklusion
Strenge Erziehung für Kinder mit Down-Syndrom?
Autorin: Carina Kühne, am 19.05.2013 um 09:13 Uhr
Kind mit Down-Syndrom: Geduld und Konsequenz
kamokountrygurl / flickr.comKinder mit Down-Syndrom fallen meist auf, weil sie etwas anders aussehen. Deshalb werden sie besonders beobachtet. Man sagt ihnen nach, dass sie distanzlos seien.
Manchmal beobachte ich, wie unsere Mitmenschen auf sie reagieren: So lange die Kinder klein sind, findet man sie niedlich und lacht über sie. Manche Eltern lassen sie einfach laufen, weil sie denken, die Kleinen verstehen mich sowieso nicht und können gar nicht hören. Wenn sie ihren Kindern etwas verbieten, weil sie im Restaurant z. B. zu laut sind oder Fremde belästigen, heißt es nur: „Ach, lassen Sie doch, das macht doch nichts!“
Bei einem Kind ohne Handicap wäre das sicher anders.
Irgendwann werden auch Kleinkinder mit Down-Syndrom größer, und die Leute finden es gar nicht mehr gut, wenn sie angefasst oder durch das Verhalten der Kinder gestört werden. Sicher erfordert es viel Geduld und Konsequenz, Kindern mit einer Trisomie 21 Grenzen zu setzen, aber sie können bis zu einem gewissen Grad auch lernen, Regeln einzuhalten und Rücksicht zu nehmen. Das ist sehr hilfreich für die Akzeptanz und Inklusion in der Freizeit, dem Kindergarten, der Schule und auch der Arbeitswelt. Immer wird ein gutes Sozialverhalten erwartet.
Trotzdem ist es natürlich wichtig, dass von der Gesellschaft nicht erwartet wird, dass diese Kinder sich total anpassen. Sie sind nun mal etwas anders und brauchen Toleranz und Verständnis, um dazu zu gehören. Wie Richard von Weizsäcker schon gesagt hat: „Es ist normal, verschieden zu sein!“
Ganz bestimmt können wir alle nicht nur miteinander, sondern auch voneinander lernen. Die meisten Menschen mit Down-Syndrom sind nämlich sehr empfindsam ihren Mitmenschen gegenüber.
Linktipps:
Sind Kinder mit Down-Syndrom etwas Besonderes? Ein Blogbeitrag von Carina Kühne darüber, was es eigentlich bedeutet, "besonders" zu sein
Down-Syndrom-Babys aussortieren? Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über vorgeburtlichen Bluttest "PraenaTest"
Was bedeutet eigentlich "geistig behindert"? Carina Kühne stellt sich diese Frage im Inklusionsblog
Von Mut und Enttäuschung. Ein Blogbeitrag von Carina Kühne über positive Erfahrungsberichte von Menschen mit Behinderung und ihren Familien
Autorin: Carina Kühne
Kategorie: Inklusion
Studenten machen sich stark für Inklusion
Autorin: Stefanie Wulff, am 17.05.2013 um 08:53 Uhr
Unter dem Motto "Menschen gestalten Zukunft – Inklusiv und selbstbestimmt" veranstalten angehende Heilerziehungspfleger des Robert-Wetzlar-Berufskollegs in Bonn einen Aktionstag, um auf Inklusion aufmerksam zu machen.
"Viele Menschen wissen immer noch nicht, was Inklusion ist. Das versuchen wir zu ändern", sagt Freda Chatzigiannakou. Die 22-Jährige studiert an der Fachschule für Heilerziehungspflege des Robert-Wetzlar-Berufskollegs in Bonn. Sie und ihre Kommilitonen machen am 18. Mai mit vier Aktionen im Bonner Stadtgebiet auf das Thema Inklusion aufmerksam. "Menschen gestalten Zukunft – Inklusiv und selbstbestimmt" lautet das Motto, mit dem die angehenden Heilerziehungspfleger die Werbetrommel rühren wollen für die Idee einer Gesellschaft, die von Anfang an niemanden ausgrenzt und in der Menschen mit Behinderung die gleichen Rechte und Chancen haben wie Menschen ohne Behinderung.
"Bon(n) Appetit"
"Bon(n) Appetit – Der schmackhafte Weg zur Inklusion" ist das erste von vier Projekten. Von 13 bis 17 Uhr wird auf dem Bottlerplatz in der Bonner Innenstadt eine Tafel gedeckt. Jeder ist eingeladen, etwas zu essen und zu trinken mitzubringen und es mit anderen Gästen zu teilen. In gemütlicher Runde wollen die Studierenden Passanten das Thema Inklusion schmackhaft machen. Unterstützt werden sie dabei von Menschen mit Behinderung aus dem Therapiezentrum Bonn/Beuel, die davon berichten, wo sie persönlich im Alltag auf Barrieren und Ausgrenzung stoßen.
"Blind Kick"
Ein Freundschaftsspiel im Blindenfußball zwischen dem Blindenfußballverein PSV Köln und der ersten Mannschaft des Bonner SC wird um 11 Uhr in der Sportmeile angestoßen. Interessierte ohne Sehbehinderung können im Anschluss selbst ausprobieren, wie man eigentlich Fußball spielen kann, ohne sehen zu können.
"Gemeinsam Träumen"
Beim Projekt "Gemeinsam Träumen" von 11 bis 16 Uhr auf dem Friedensplatz geht es schließlich um Kreativität. Auf einer 15 Meter langen Leinwand sind alle Interessierten eingeladen, ihre Ideen und Gedanken zum Thema Inklusion umzusetzen – getreu der inklusiven Idee, dass Vielfalt und Individualität die Gesellschaft ausmachen (sollen).
"Geo Caching – die etwas andere Schnitzeljagd" startet schließlich um 12 Uhr auf dem Friedensplatz. Menschen mit und ohne Behinderung machen sich gemeinsam mit GPS-fähigen Geräten auf die Schatzsuche in der Innenstadt.
"Wir würden uns freuen, wenn die Stadt am 18. Mai voll ist und viele Menschen an unseren Aktionen teilnehmen", sagt Freda Chatzigiannakou. Sie und ihre Mitschüler haben sich zusammen mit zwei Lehrerinnen für das Projekt mächtig ins Zeug gelegt und sogar eine Website mit dem Programm und Hintergründen rund ums Thema Inklusion erstellt. Ihr Anliegen beschreiben sie dort so: "Bei Inklusion geht es darum, jeden Menschen in unsere Gesellschaft einzubeziehen und alle an unserem gemeinsam Leben teilhaben zu lassen. Egal, welche Religion, welche Hauptfarbe, welche Herkunft, on Mann oder Frau, jung oder alt, ob mit oder ohne Behinderung."
Linktipps:
Mehr Infos zum Projekt "Menschen gestalten Zukunft – Inklusiv und selbstbestimmt"
Ein Fest für Körper und Sinne. Ein Blogbeitrag von Carin Kühne über ein großes Inklusionsfest in Wiesbaden
Eine Kultur mehr: Gebärdensprache. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über die Kulturtage der Gehörlosen in Erfurt
Sinnesparcours zum 5. Mai in Frankfurt. Ein Blogbeitrag von Eva Keller über Selbsterfahrungen beim Aktionstag am 5. Mai
Autorin: Stefanie Wulff
Kategorie: Inklusion
Signale zur schulischen Inklusion auf Grün?
Autorin: Margit Glasow, am 15.05.2013 um 08:50 Uhr
Am 4. Mai fand in Rostock der 3. Inklusionskongress statt. Dazu hatte das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur und das Institut für Qualitätsentwicklung Mecklenburg-Vorpommern (IQMV) eingeladen. Bei der Fachtagung stand die konkrete Umsetzung der Inklusion an den Schulen in Mecklenburg-Vorpommern im Mittelpunkt, nachdem im Januar dieses Jahres eine Expertenkommission Empfehlungen für die Umsetzung eines inklusiven Bildungssystems in Mecklenburg-Vorpommern bis zum Jahr 2020 vorgelegt hatte.
Eltern, Lehrerinnen, Lehrer und allen anderen Interessierten hatten die Möglichkeit, sich in die Debatte über ein inklusives Bildungssystem einzubringen
Margit Glasow / thalmannverlag!Nach den zum Teil sehr kontroversen Diskussionen auf den ersten beiden Inklusionskongressen im vergangenen Jahr stellte sich für mich die Frage, wie weit man tatsächlich mit der Inklusion gehen wolle. Zu deutlich war die Erinnerung an die Ausführungen von Bildungsminister Mathias Brodkorb, der sich im Mai 2012 klar für ein Inklusionsverständnis im weiten Sinne ausgesprochen und damit einer "Schule für alle" eine klare Absage erteilt hatte: "Wir sollten uns davor hüten, uns zu übernehmen. Wir müssen alle zusammen einen Kompromiss finden", hatte er damals gemahnt. An eine längst vergangene Zeit mutete an jenem Tag der Auftritt eines gewissen Prof. Dr. Egon Flaig an, der behauptete: "Geistig Behinderte können nicht gleichberechtigt am Leben der Gesellschaft teilhaben, sie leiden unter der Inklusion. Hochkulturen müssen selektieren und Eliten bilden."
Auflösung des gegliederten Schulsystems?
Auf dem 2. Inklusionskongress im November wurde dann darüber diskutiert, ob eine inklusive Schule für alle nicht konsequenterweise die Auflösung des gegliederten Schulsystems zur Folge haben müsste. Prof. Dr. Ulf Preuss-Lausitz (TU Berlin) sah in der Inklusion eine Chance, die Vision von einer Einheitsschule voranzutreiben, denn das bestehende deutsche gegliederte System bringe nur mittelmäßige Leistungen hervor und würde die größte Leistungsschere aller von PISA untersuchten Staaten aufweisen. Begabtenforscher Prof. Dr. Kurt Heller (LMU München) bestritt diese Auffassung vehement und zog das Fazit, dass eine inklusive Schule im engeren Sinne eine völlig utopische Vorstellung sei. Der ohnehin knappe Etat könnte effizienter in das bestehende Schulsystem gesteckt werden.
Expertenkommission befürwortet Inklusion in einem weiten Sinne
Eine Expertenkommission (EPK) hat nun Empfehlungen erarbeitet, auf deren Grundlage ein inklusives Bildungssystem bis zum Jahr 2020 umgesetzt werden soll. Schaut man sich den Bericht mit diesen Empfehlungen einmal genauer an, findet man dort ein ganz klares Bekenntnis zur Inklusion in einem weiten Sinne. Kinder und Jugendliche mit und ohne besondere Förderbedarfe sollen demnach gemeinsam und zieldifferent unterrichtet werden. Unterschiedliche Schulabschlüsse, die auf differente nachschulische Anforderungen vorbereiten und hinleiten (wie die derzeitigen Abschlüsse der Förderschule, der Berufsreife, der Mittleren Reife sowie der Hochschulreife) werden dabei jedoch nicht in Frage gestellt. Es wird zwar in dem Bericht darauf verwiesen, dass ein mehrgliedriges Schulsystem letztlich im Konflikt zum Grundgedanken der Inklusion stehe und auch aus pädagogischen Gründen Formen des längeren gemeinsamen Lernens wünschenswert schienen. "Aber auch ohne die 'Systemfrage' an den Anfang aller Bemühungen zu setzen", heißt es konkret im Expertenbericht, "lassen sich auch gegliederte Schulsysteme stärker in Richtung Inklusion entwickeln." Demzufolge hätten sich alle Schulformen (Grundschulen, Regionale Schulen, Gymnasien, Gesamtschulen ...) der Inklusion zu öffnen und seien dazu aufgefordert, hierfür Konzepte zu entwickeln sowie, wo vorhanden, fortzuschreiben.
Zur konkreten Situation in Mecklenburg-Vorpommern
Der Expertenbericht macht darauf aufmerksam, dass Mecklenburg-Vorpommern im Schuljahr 2010/11 mit einem Anteil von insgesamt 10,1 % zu den Bundesländern mit dem höchsten Anteil von Schülerinnen und Schülern mit festgestelltem sonderpädagogischem Förderbedarf im Gesamtsystem Schule gehörte (bundesdeutscher Durchschnitt der sog. Förderquote im Schuljahr 2010/11: 6,2 %). 71 % aller Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf lernen im nordöstlichen Bundesland an Förderschulen. Fast 75 % davon sind Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Bereichen Lernen, Sprache sowie emotionale und soziale Entwicklung.
Die Expertenkommission empfiehlt, diese Situation Schritt für Schritt zu verändern. Dazu will sie unter anderem mit Einführung der inklusiven Grundschule die Schulen für die genannten Förderschwerpunkte zugunsten einer Förderung im Gemeinsamen Unterricht auslaufen lassen. Einer kleinen Anzahl von Kindern mit schwerwiegenden Problemen im sozial-emotionalen Bereich sollen dennoch temporär angelegte Sonderbeschulungsmaßnahmen vorgehalten werden. Für Kinder aller anderen Förderschwerpunkte sollen "Schulen mit spezifischer Kompetenz" entwickelt werden. Um eine wohnortnahe Beschulung zu realisieren, sollen für den Zielzeitraum bis 2020 mindestens in jedem Alt-Kreis bzw. in jeder ehemaligen kreisfreien Stadt inklusive Beschulungsmöglichkeiten entstehen, indem Schulen entsprechend ausgestattet werden.
Und welche Farbe zeigt nun die Ampel auf dem Weg zur Inklusion?
Grün sicherlich nicht. Angesichts der geführten Diskussionen auf bisher drei Kongressen hält sich meine Hoffnung auf tatsächliche Inklusion und damit auf Chancengleichheit aller Schülerinnen und Schüler in Grenzen.
Mehr zum Thema:
Das Handlungsfeld "In der Schule" der Aktion Mensch
"Schule für alle gestalten": Das Praxisheft der Aktion Mensch für Lehrerinnen und Lehrer (PDF-Dokument)
Wie viel Kompromiss darf es denn sein, Herr Bildungsminister? Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über den ersten Inklusionskongress in Mecklenburg-Vorpommern
Inklusion contra gegliedertes Schulsystem? Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über den zweiten Inklusionskongress in Rostock, bei dem das Thema inklusive Bildung diskutiert wurde
Inklusion – ein Lehrstück. Ein Blogbeitrag von Raśl Krauthausen mit persönlichen Erfahrungen und Überlegungen zur schulischen Inklusion
"Ich bin ich". Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über vorbildliche schulische Inklusion an der privaten Mira Lobe Grundschule
Autorin: Margit Glasow
Kategorie: Inklusion
Was bedeutet Selbstbestimmt Leben für mich ...
Autorin: Petra Strack, am 12.05.2013 um 09:32 Uhr
... bezogen auf Artikel 30 der UN-Konvention: das Recht auf Teilnahme am kulturellen Leben, Erholung, Freizeit und Sport
Petra Strack
Die UN-Behindertenrechtskonvention hat bei vielen Menschen große Hoffnungen auf eine neue Ära der gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit Behinderung geweckt. Ich selbst war bisher eher skeptisch, was diese doch eher als Absichtsbekundung anmutende Konvention angeht, denn mir schien das Level der wirklichen Umsetzungsverbindlichkeit doch eher gering.
Was wäre wenn ...
Aber dieses Wochenende beschäftigte ich mich etwas intensiver mit Artikel 30, dem Recht auf Teilhabe am kulturellen Leben sowie an Erholung, Freizeit und Sport – und fing an zu träumen: Was wäre wenn ...
- ... ich an einem Freitagabend anhand des kompletten Kinoprogramms entscheiden könnte, ob es ein Kinoabend wird, anstatt des auf 4 von 12 stufenlos erreichbare Kinosäle beschränkten Programms?
- ... ich bei dem Besuch eines Theaters in einer fremden Stadt nicht vorab aufwändig abklären müsste, ob es überhaupt barrierefrei ist oder mir den verwinkelten Zugang über den Hintereingang ohne Stufen erklären lassen müsste?
- ... ich bei einem Konzert von Katy Perry nicht abgetrennt auf der Rollstuhltribüne im hinteren Bereich sitzen würde, sondern ganz weit vorne, halb zerquetscht von den anderen Fans, mitrocken könnte, ohne dass mich besorgte Sicherheitskräfte wegzerren wollen?
- ... ich auf einer Kirmes mehr tun könnte als Zuckerwatte essen, z. B. sie nach dem Besuch der Wildwasserbahn wieder von mir geben?
- ... die Deutsche Bahn einsehen würde, dass ein Rollstuhlplatz pro ICE vielleicht doch etwas wenig ist, und ich den Zug um 22:01 nehmen könnte, einer solch nachtschlafenden Uhrzeit, zu der kein Personal am Bonner Hauptbahnhof mehr da ist, um beim Aussteigen den Lifter zu bedienen?
- ... Airlines wenigstens mit der Deutschen Bahn gleichziehen und einen Rollstuhlplatz pro Flugzeug hätten, in dem ich in meinem eigenen Rollstuhl sitzen bleiben kann, anstatt mir 10 Stunden Flugzeit mit Rückenschmerzen in für einen vom Standard abweichendem Körper nicht geeigneten Sitz zu bescheren?
- ... sich Clubs gerne weiter in Kellern befinden könnten, aber einen Aufzug haben würden?
- ... mein Freund mich in ein Restaurant einladen würde, das er aufgrund der Speisen, nicht der Anzahl der Stufen ausgewählt hat?
- ... sich mein Geld gleichmäßig in alle Schuhgeschäfte ergießen würde, nicht nur in die ohne Stufen?
Die Liste wäre ewig weiterzuführen, aber letztlich bin ich wohl doch keine Träumerin, denn das Was-wäre-wenn-Spiel langweilte mich ziemlich schnell, und ich fing an, stattdessen zu überlegen, welche Punkte auch wirklich realistisch sind und wie man ihre Umsetzung, die ja von der Konvention in Aussicht gestellt wird, möglichst gut vorantreiben kann.
... irgendwelche Vorschläge? :-)
Linktipps:
Das Handlungsfeld "Inklusion leben: In der Freizeit" der Aktion Mensch
Ein unvergesslicher Abend in Hamburg. Ein Blogbeitrag von Anastasia Umrik über Barrieren des Feier-Abends
Außer Rand und Brandschutz. Ein Blogbeitrag von Raśl Krauthausen über Sicherheitsbestimmungen contra Kinobesuch
Mehr Kultur! Neue Wege zum barrierefreien Tourismus. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über barrierefreie Führungen durch Trier, Erfurt und die Documenta
Urlaub – alles inklusiv? Ein Blogbeitrag von Petra Strack über die Tücken einer Reise mit Rollstuhl
Autorin: Petra Strack
Was bedeutet Selbstbestimmt Leben für mich ...
Autorin: Carina Kühne, am 11.05.2013 um 08:43 Uhr
... bezogen auf Artikel 22 und 23 der UN-Konvention: das Recht auf Achtung der Privatsphäre, der Wohnung und Familie
Carina Kühne
Eva HäberleEs ist schön, dass es diesen Protesttag gibt. Da gibt es doch viele Gelegenheiten, darauf aufmerksam zu machen, dass auch Menschen mit Handicap Rechte haben. Für mich ist es besonders wichtig, dass ich selbst entscheiden kann, wo und mit wem ich zusammen lebe. Ich muss nicht in einem Heim wohnen, wo man mir sagt, was ich zu tun habe.
Ein gutes Gefühl
Wenn ich Lust habe, einen Film im Kino anzusehen oder ins Theater zu gehen, habe ich das Recht dazu. Keiner kann sagen: "Die will ich nicht, die ist behindert!" Meine Wohnung ist meine Privatsache. Keiner hat das Recht, sie zu betreten, wenn ich ihn nicht einlade. Das ist ein gutes Gefühl.
Leider lasse ich mich oft von den Leuten ausfragen, aber eigentlich darf keiner irgendwelche privaten Informationen über mich weiter geben. Ich finde es gut, dass man gefragt werden muss, bevor Informationen weitergegeben werden dürfen.
Unterstützung, wo es nötig ist
Laut UN-Konvention dürfen auch Menschen mit Behinderung einen Partner haben, zusammen leben, heiraten und Kinder bekommen. Sie dürfen selbst bestimmen, was sie wollen. Leider fällt es vielen Menschen in unserer Gesellschaft sehr schwer, dies zu akzeptieren. Immer noch herrscht die Meinung vor, dass solche Eltern sich doch gar nicht richtig um ihre Kinder kümmern können. Viele sind der Meinung, es wäre besser, wenn sie sterilisiert werden und keine Kinder bekommen. Zum Glück geht das heute nicht mehr. Auch behinderte Menschen können ihre Kinder lieb haben. Sie brauchen halt manchmal etwas Hilfe und Unterstützung, und die sollen sie auch bekommen.
Falls es den Kindern in der Familie nicht gut geht, kann ein Gericht entscheiden, dass sie in eine Pflegefamilie kommen. Das ist aber nicht nur bei Eltern mit Handicap so, sondern auch bei nicht behinderten Eltern.
Sicherheit und Mut
Ich finde es gut, dass mir keiner vorschreiben kann, in welcher Stadt ich wohne, ob ich heirate oder eine Familie gründe. Ich weiß, dass ich das Recht dazu habe, das zu tun, was ich für richtig halte und selbst entscheiden kann. Das gibt mir Sicherheit und macht mir Mut!
Linktipps:
"Ich fühle mich besser mit ihm zusammen". Ein Blogbeitrag von Carmen Molitor zum Thema Hochzeit von Menschen mit geistiger Behinderung
Verliebt, verlobt, verheiratet – auch mit Trisomie 21? Ein Blogbeitrag von Carina Kühne über das Thema Heirat von Menschen mit Down-Syndrom
Behindert und Baby? Ein Blogbeitrag von Marie Gronwald über die Vereinbarkeit von Behinderung und Kinderwunsch
"In einem Heim wäre mein Leben nicht lebenswert ..." Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über selbstbestimmtes Leben und Wohnen mit Persönlichem Budget
Autorin: Carina Kühne
Kategorie: Inklusion




