Blog: Inklusion

Hier bloggen Menschen mit und ohne Behinderung aus ihrer je eigenen Perspektive über persönliche Erlebnisse, aktuelle Trends und Informationen rund um das Thema Inklusion.

„Jetzt könnte es gefährlich werden“

Blogger: Marcel Wienands, am 14.08.2014 um 18:32 Uhr

Marcel Wienands ist BVB-Fan. In diesem Jahr war er Besucher des Supercups. Bereits letztes Jahr hat der 22-Jährige genau diese Partie im Stadion erlebt – damals noch sehend. Jetzt hörte er zum ersten Mal die Blindenreportage im Stadion seiner Lieblingsmannschaft. Ein Erfahrungsbericht.

Marcel Wienands im Stadion

Marcel Wienands im Stadion

Die Vorfreude auf das hochbrisante Duell zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund ist mir auch dieses Mal vor dem Supercup-Finale deutlich anzumerken. Seit ich denken kann, schlägt mein Herz für den BVB und für mich ist es fast zu einer Selbstverständlichkeit geworden meinen Verein mehrmals pro Saison im Stadion anzufeuern. Dabei kam für mich eigentlich nie etwas anderes in Frage als Europas größte Stehplatztribüne, die Südtribüne. So auch bei meinem bislang letzten Stadionbesuch im vorherigen Jahr zu genau dem gleichen Spiel, dem Supercup-Finale der beiden Teams. Seitdem hat sich jedoch einiges geändert und ich feuere heute zum ersten Mal meine Mannschaft von speziell für Sehbehinderte eingerichteten Plätzen an. Mein Gefühl der Vorfreude mischt sich mit leichten Zweifeln, ob ich das Spiel überhaupt genießen kann, wenn ich ihm nicht wie gewohnt mit meinen eigenen Augen – und dazu noch abseits der Südtribüne – folge.

Stadion-Erinnerung

In Dortmund angekommen steigt die Spannung weiter und neben all den Dortmund-Fans fühle ich mich sehr vertraut. Besonders unmittelbar am Stadiongelände stellt die Menschenmenge jedoch ein großes Hindernis für mich dar, wobei ich mich in diesem Fall auf meine Begleitung verlassen kann. Der Block für Sehbehinderte befindet sich am Ende der Osttribüne direkt vor der Südtribüne. Das wird unmissverständlich deutlich, denn gerade am Platz angekommen, empfangen die Fans der Südtribüne die sich warmmachenden Spieler aus München mit einem lauten Pfeifkonzert. Die Stimmung und der Ablauf im Vorfeld des Spiels sind mir bekannt. Es ist schön wieder im Stadion zu sein, auch wenn es komisch ist, die Fans nicht sehen zu können. Ich stelle mir ein Bild des Stadions und der Fans so vor, wie ich es aus meinen Erinnerungen kenne. Ebenso versuche ich die vom Reporter beschriebenen Spielsituationen vor meinem geistigen Auge ablaufen zu lassen. Von Vorteil ist es, dass ich die Spieler und deren Positionen gut kenne, wodurch ich in der Lage bin, das Spielgeschehen besser zu orten.

Als blinder Fußballfan seine Lieblingsmannschaft zu besuchen und dem Spiel folgen zu können, wie es für Sehende problemlos möglich ist, war bis vor einigen Jahren so nicht denkbar. Dank der Blindenkommentatoren, welche ähnlich wie im Radio mit genauen Spielbeschreibungen das Spiel für Nichtsehende über Kopfhörer greifbar machen, stellt ein Stadionbesuch für sehbehinderte Menschen heute kein Problem mehr dar. Ich persönlich finde es besser, die Kopfhörer nur einseitig zu tragen, damit ich mit dem freien Ohr die Stimmung, die von der Südtribüne ausgeht, besser genießen kann. Spannende Angriffe – häufig vom Reporter mit „Jetzt könnte es gefährlich werden“ eingeleitet – sorgen dafür, dass der Geräuschpegel so laut wird, dass ich mit der Lautstärke spielen muss, um dem Spielgeschehen weiter folgen zu können. Oft nehmen mir die anderen Fans die Antwort des Kommentars zum Spielgeschehen vorweg. Ein lautes Raunen oder sogar der Torjubel, zum Beispiel beim zweiten Tor, sind deutlich vor der entscheidenden Antwort des Kommentators wahrzunehmen.

Gänsehaut-Feeling

Der Schlusspfiff – und der Sieg – wird von den Dortmund-Fans von großem Jubel begleitet, der bei mir genau wie das Lied „You'll never walk alone“ vor dem Spiel Gänsehaut auslöst. Meine Euphorie wird zwar ein wenig getrübt, dadurch dass ich die Spieler bei der Ehrenrunde nicht sehe – aber an meinem äußerst positiven Gesamteindruck ändert das nichts. Mir hat die für Blinde zugeschnittene Reportage im Stadion wirklich sehr gefallen – was natürlich auch an der atemberaubender Kulisse lag. Ein wirklich besonderes Erlebnis!


Linktipps:
Supercup: Stadionfilm und Bildergalerie
Video: Inklusives Fußballtraining
Video: Einfach ist auf´m Platz
„Das Wunder von Bern“ in Einfacher Sprache


Kommentar schreiben

Inklusion ohne Bundesteilhabegesetz – geht das?

Blogger: Margit Glasow, am 06.08.2014 um 09:07 Uhr

Über die Notwendigkeit, endlich ein Bundesteilhabegesetz auf den Weg zu bringen

Plakat mit der Aufschrift: Bundesteilhabegesetz jetzt!

Forderung auf der Demonstration am 5. Mai in Berlin

Foto: Aktion Mensch

Da steh ich nun mit meinem Vorsatz, eine Veranstaltung hier in Rostock barrierefrei zu organisieren. Immerhin habe ich vollmundig behauptet, es soll eine inklusive Veranstaltung werden – also offen für alle Menschen, egal, welche Einschränkung die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben. Einen ebenerdigen Raum zu finden, den Menschen mit Rollstuhl bequem befahren können, ist nicht (mehr) so schwierig. Doch Barrierefreiheit insbesondere für Menschen mit Hörbehinderungen zu garantieren, erweist sich als problematisch. Vor allem die Kosten für eine induktive Höranlage für schwerhörige Menschen sind hoch, ebenso wie die Kosten für einen Gebärdensprachdolmetscher für gehörlose Menschen. Wer soll das bezahlen? Kleine Vereine haben dafür häufig nicht die Mittel. Und warum, so frage ich mich, fallen überhaupt Kosten an, damit alle Menschen gleichberechtigt an öffentlichen Veranstaltungen teilnehmen können? Welche Diskriminierung tritt hier zutage?

Die Probleme hinsichtlich der gleichberechtigten Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sind vielfältig, obwohl Inklusion – also die Teilhabe von Anfang an und für jeden – ein geflügeltes Wort seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) in Deutschland geworden ist. So schildert mir Anna-Maria Courtpozanis aus Roßdorf bei Darmstadt ähnliche Erfahrungen mit der nicht barrierefreien Kommunikation. Anna-Maria ist blind und arbeitete bis Oktober 2012 als Expertin für eine barrierefreie Internetgestaltung bei Web for all, meldete sich aber dann zunächst arbeitslos, bis sie in die Freiberuflichkeit ging. Bei ihrem Besuch bei der Agentur für Arbeit fühlte sie sich diskriminiert: „Ich empfand es als eine absolute Ungleichbehandlung, dass ich kein einziges Formular selbst ausfüllen konnte, sondern dafür immer Hilfe brauchte. Die Formulare wurden mir von der Sachbearbeiterin bei der Arbeitsagentur in Darmstadt nur in Papierform überlassen, das digitale Formular jedoch habe ich als blinde Nutzerin nie unter die Finger oder ins Ohr bekommen. Ich möchte aber meine Geschäfte eigenständig erledigen können und nicht immer jemanden bitten müssen.“

Reform der Eingliederungshilfe dringend nötig

Bisher werden persönliche, technische oder materielle Hilfen für Menschen mit Behinderung in den Bereichen Bildung, Arbeit, Rehabilitation, Gesundheit und Freizeit über die so genannte Eingliederungshilfe geregelt, die im Sozialgesetzbuch XII festgeschrieben ist. Im Jahre 2011 entfielen darauf bundesweit immerhin 14,4 Mrd. Euro für über 700.000 Berechtigte. In Rostock – um einmal einen kommunalen Vergleich zu haben – werden 2014 für die Eingliederungshilfe 38,2 Mio. Euro aufgewendet (2.359 Fälle). Dabei entscheiden die Kostenträger über den Bedarf nach Haushaltslage und oft anhand problematischer Kriterien. Wer Eingliederungshilfe will, muss sein Einkommen und Vermögen offenlegen und bis auf einen Selbstbehalt von 2.600 Euro einsetzen. Aufgrund dieser Benachteiligungen in der gegenwärtigen Sozialgesetzgebung fordern Menschen mit Behinderung und ihre Verbänden seit vielen Jahren eine Reform der Eingliederungshilfe. Sie wollen ein Gesetz, das sich an der UN-BRK orientiert und die Chance bietet, die Türen für Menschen mit Behinderung auf gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft zu öffnen. Dabei sollen die Hilfen für behinderte Menschen einkommens- und vermögensunabhängig gestaltet und diese aus der Systematik der Sozialhilfe herausgelöst werden. Diskutiert wird in diesem Zusammenhang auch ein Bundesteilhabegeld.

Umsetzung eines Bundesteilhabegesetzes bleibt zähflüssig

Noch immer ist nicht viel passiert, obwohl viele Vorschläge, Positionspapiere und sogar Gesetzesentwürfe von Behindertenverbänden oder aus der Wissenschaft zur Neuregelung der Teilhabeleistungen und -ansprüche vorliegen. So hat das Forum behinderter Juristinnen und Juristen im Mai 2013 einen umfassenden Gesetzesentwurf auf den Tisch gelegt, der nicht nur Einkommens- und Vermögensunabhängigkeit garantiert, sondern auch das Recht auf Leichte Sprache im Umgang mit Behörden sowie den Anspruch auf eine barrierefreie Kommunikation für blinde, seh- und hörbehinderte Menschen. Der Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD kommt zwar mit der Ankündigung daher, behinderte Menschen „aus dem Fürsorgesystem heraus(zu)führen und die Eingliederungshilfe zu einem modernen Teilhaberecht weiter(zu)entwickeln“. Das Gesetz soll 2016 verabschiedet und noch in dieser Wahlperiode in Kraft treten. Ob und vor allem in wie weit das wirklich geschieht und die Vorschläge der Menschen mit Behinderung darin Berücksichtigung finden werden, ist ungewiss.

Ungewiss ist vor allem die Finanzierung des Gesetzes, denn die Bundesregierung stellt die Regelungen dieses Gesetzes unter einen offenen Kostenvorbehalt. Sie betont, dass es eine Herausforderung sein wird, die Balance zwischen Wünschenswertem und Finanzierbarem zu finden. Doch wenn die Regierung nicht bereit ist, für die Gewährleistung der vollen und wirksamen Teilhabe aller Menschen mit Behinderung gemäß der UN-BRK auch Geld für deren Umsetzung in die Hand zu nehmen, wie soll da erreicht werden, dass Menschen mit Behinderung die gleichen Wahlmöglichkeiten wie andere Menschen haben, in der Gemeinschaft zu leben, ohne das ihnen eine Lebensform aufgezwungen wird? Wie soll ohne die Bereitstellung der finanziellen Mittel eine inklusiv ausgestaltete Infrastruktur und umfassende Barrierefreiheit in allen gesellschaftlichen Bereichen geschaffen werden? Wie soll der Anspruch auf bedarfsgerechte, einkommens- und vermögensunabhängige Teilhabeleistungen festgeschrieben werden?


Linktipps:
Recht und Gesetz: Infos über Gesetze und ihre Auswirkungen für Menschen mit Behinderungen beim Handlungsfeld „Selbstbestimmt leben“ der Aktion Mensch
Bundesteilhabegeld – guter Ansatz mit vielen offenen Fragen. Ein Blogbeitrag von Michael Wahl über den schwarz-roten Koalitionsvertrag aus Sicht von Menschen mit Behinderung
Gesetz als Problemlöser. Ein Blogbeitrag von Michael Wahl über Eingliederungshilfe, Bundesleistungsgesetz und die Forderungen der Verbände der Menschen mit Behinderung
„In Gesetz und Gesellschaft verankern“. Ein Interview von Katja Hanke mit Dr. Martin Theben über die Behindertenrechtskonvention im deutschen Rechtsalltag
Wie ernst meinen wir es mit der Inklusion? Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über ein Gesetz zur Sozialen Teilhabe und gesetzliche Benachteiligungen von Menschen mit Behinderung
Online-Petition: Teilhabegesetz jetzt!

Margit Glasow

Blogger: Margit Glasow
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Selbstbestimmt Leben, Menschen mit Behinderung, Recht

Bisher 1 Kommentar

Kommentar schreiben

Exzellent ausgebildet – exzellent arbeitslos

Blogger: Marie Gronwald, am 04.08.2014 um 08:53 Uhr

Ein Jahr auf Jobsuche als Akademikerin mit besonderem Merkmal: Rollstuhlfahrerin

Auf einer Mauer das Logo der Bundesagentur für Arbeit: ein weißes "A" in einem roten Kreis

Initiativbewerbung wegen des Jobcenters: Nettes Angebot

Foto: Bernd Schwabe / wikimedia.org

Ich habe mit meinem geisteswissenschaftlichen Studium alle Chancen, auf dem nationalen und sogar internationalen Arbeitsmarkt eine Arbeitsstelle zu finden. Diesen Satz habe ich vor ein paar Tagen mehrmals auf der Abschlussfeier meiner Universität gehört. Vor knapp einem Jahr habe ich meine Abschlussarbeit in Literaturwissenschaft abgegeben. Ein paar Wochen später meine Abschlussurkunde für mein sehr gutes Masterstudium in die Hand, bzw. per Post bekommen – seitdem schreibe ich Bewerbungen.

Ich habe schon viel gemacht. Viele ehrenamtliche Projekte gehabt, eine Zeitung mit herausgebracht, mache ehrenamtlich Pressearbeit bei einem Filmfestprojekt, verfüge also über einige berufliche Erfahrungen. Ich suche mir Stellen im Bereich der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Als Deutschlehrerin oder bei einem Verlag. Ich schreibe Bewerbungen und stelle meinen Rollstuhl und meine Assistenzsituation ausführlich, aber positiv dar. Ich verkaufe sie als Vorteil. Durch die Assistenz habe ich gelernt, mit vielen Menschen und Situationen spontan umgehen zu können. Alle, denen ich meine Bewerbungen zeige, loben mich dafür, sehen keinen Fehler und wollen nichts verbessern. Auch nicht beim Jobcenter oder bei der Beratungsstelle für Menschen mit Behinderung.

Aber woran liegt es dann, dass ich fast 100 Bewerbungen geschrieben habe und kaum Reaktionen bekomme? An meinem Studienfach? Es gibt viele Leute, die Germanistik oder eine andere Geisteswissenschaft studiert haben. Und es gibt wenig Jobs. Und diese wenigen Jobs mit jemandem zu besetzen, der im Rollstuhl sitzt und Assistenz braucht, ist wahrscheinlich in den meisten Büros, in denen das entschieden wird, keine Möglichkeit. Dann doch lieber zum Stapel greifen und die nächste Bewerbung und das nächste Foto anschauen.

Flexibilität – Spontanität – Kreativität

Ich habe mich bei einer bekannten Jobbörse im Internet angemeldet, und sie suchen die von mir angegebenen Stellen, Öffentlichkeitsarbeit, Journalismus, Deutschlehrerin, Verlagswesen und Lektorat für mich heraus. In den meisten Ausschreibungen steht unter „ihre Eigenschaften“ oder „Was Sie mitbringen“: Sie sind teamorientiert, kreativ, eigenverantwortlich und spontan, dann sind Sie bei uns genau richtig.“ Ich kann diese Eigenschaften auf mich beziehen, habe wie gesagt schon an einigen Projekten mitgearbeitet und kann gerade auch durch mein Leben mit Assistenz, also mit den unterschiedlichsten Menschen, nach meiner eigenen Einschätzung gut, flexibel und spontan mit vielen Situationen und Menschen umgehen. Bei einer Firma, die jemand für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit suchte, habe ich angerufen, um zu fragen, ob sie einen Fahrstuhl haben oder gar ebenerdig sind. Die direkte Frage: „Ich sitze im Rollstuhl, ist das ein Problem?“ Habe ich abgeändert, nachdem ich häufiger in der Leitung nur noch Schweigen gehört habe. Diese Frau am Telefon schwieg auch. Solange, dass ich meine Frage wiederholt habe. Als sie immer noch schwieg, habe ich die Frage geändert und den Problemsatz gesagt, also: Ist das mit dem Rollstuhl ein Problem? Sie räusperte sich und fragte mich, ob ich denn die Stellenausschreibung nicht gelesen hätte; ich müsse doch spontan, flexibel und kreativ sein. Ich sagte ihr, dass sei ich in meinem Kopf sogar sehr. Und mit der Hilfe meiner Assistenten weitgehend auch körperlich. Sie schwieg wieder. „Aber Sie müssen viel reisen, viel unterwegs sein, in Hotels und so. Und das ist schwierig in Ihrer Situation“, sagte sie und beendete das Gespräch.

Rollstuhl und Arbeit = Arbeit und Ehrenamt?

Auf die meisten meiner Bewerbungen bekomme ich keine Antwort, noch nicht mal eine Absage. Das ist normal, sagen meine Freunde, die keine Behinderung haben. Sie machen gerade ein unbezahltes Praktikum oder jobben, bis sie was Richtiges gefunden haben. Aber auch diese Möglichkeiten sind schwierig für mich. Ich habe mich auch für Praktika beworben, für viele sogar, aber auch da werde ich oft nicht für die dritte Runde, in der man die Bewerber einlädt, die man interessant findet, ausgewählt. Ich habe mich in meiner Ratlosigkeit und auch ein bisschen aus
Angst vor dem Druck des Jobcenters auch schon eigeninitiativ beworben, das heißt bei Vereinen und Institutionen, die keine Stelle zu besetzen haben.

Ich habe aufgeschrieben, wer ich bin, was ich kann und was ich ihnen anbieten könnte. Vor allem in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Bei einem sozialen Projekt zeigte man sich äußerst begeistert und beeindruckt von meinem Lebenslauf und meiner Eigeninitiative. Man sagte mir, ich könne für den Verein die gesamte Presse- und Öffentlichkeitsarbeit machen, aber da ich ja so engagiert wäre und der Verein bzw. der Senat kein Geld habe, könnte ich das ja ehrenamtlich machen. Das wäre eine Chance für mich zu zeigen, was ich kann.

Ich brauche keine Chance – ich brauche einen Job!

Dieses Angebot ist nett. Mein Gesprächspartner war nett. Aber es bringt mir kein Geld ein, und es wurde nicht meine Arbeitskraft, sondern nur meine Behinderung und damit auch gleich der Wohltätigkeitsgedanke gesehen. Man tut mir etwas Gutes, gibt mir eine Chance, in dem man mir einen Job anbietet, der nicht bezahlt wird.
Ich will aber kein Versuch sein, kein Projekt, keine Chance, ich möchte zeigen, was ich kann. Ich möchte mit anderen an einem Projekt arbeiten, und ich würde mir wünschen, irgendwann dafür nicht nur Anerkennung in Form von Worten, wie „das ist wirklich ein beeindruckender Lebenslauf, und das trotz ihrer Situation“, sondern Anerkennung für meine Arbeit und irgendwann auch Geld zu bekommen.

Ich weiß nicht, während ich der Abschlussrede des Vorsitzenden der Germanistik an meiner Universität lausche, überlege ich, ob meine momentane Situation, die bloßen drei Einladungen zu Bewerbungsgesprächen, die Standardabsagen von Firmen, wirklich so viel mit meiner Behinderung und meinem Rollstuhl zu tun haben. Denn ich weiß ja nicht, ob all die anderen, die hier sitzen, jetzt schon arbeiten oder genau wie ich Bewerbungen schreiben. Das einzige, was ich weiß: Ich werde weiter suchen, und irgendwann werde ich jemanden finden, der nicht nur den Mut hat, mich zu beschäftigen, sondern der auch erkennt, dass ich, wie mir soeben noch mal gesagt wurde, exzellent ausgebildet bin. Und so lange bin ich wenigstens exzellent arbeitslos.


Linktipps:
Das Handlungsfeld „Am Arbeitsplatz“ der Aktion Mensch
Mehr Infos zum Thema Berufstätigkeit von Menschen mit Behinderung beim Familienratgeber
„Sie sitzen ja im Rollstuhl“. Ein Blogbeitrag von Marie Gronwald über ihre Erfahrungen mit einem Berliner Jobcenter
Der Fall – oder: Wenn man uns ließe! Ein Blogbeitrag von Anastasia Umrik über Hürden und Pauschalisierungen bei der Jobsuche
Jobsuche als blinder Akademiker: Ein Erfahrungsbericht. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über seinen beschwerlichen Weg auf den ersten Arbeitsmarkt
 

  • Ein Blatt mit Stellenanzeigen auf einem Universitäts-Zeugnis

    Jobsuche mit Uni-Abschluss

Marie Gronwald

Blogger: Marie Gronwald
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Arbeit

Bisher 6 Kommentare

Kommentar schreiben

„Zur Not schreibe ich eine WhatsApp“

Blogger: Eva Keller, am 01.08.2014 um 08:52 Uhr

Offenheit, Handy und ein paar Gebärden: Das reicht den gehörlosen und hörenden Jugendlichen in einem Frankfurter Ausbildungsprojekt schon, um im Küchen-Alltag miteinander klar zu kommen. Trotzdem bleibt das Ziel, dass sich alle in Gebärdensprache verständigen!

img/pool/345x/projektblog/blog_2014-08-01_345x_Ausbildungsprojekt_Frankfurt.jpg

Azubis im Gehörlosenzentrum: Eine große Chance

Foto: Evangelischer Verein für Jugendsozialarbeit in Frankfurt am Main

Die Gebärde für „Schnitzel“ hatte Batu Baykan nach wenigen Tagen drauf. Sie ist leicht zu merken: In die Hände klatschen und diese gleichzeitig hin und her bewegen – als würde man ein Stück Fleisch rundum panieren. Auch das Gebärdensprachalphabet hat er schnell gelernt, „viel schneller als ich gedacht hätte“. Seit April geht der 17-Jährige in der Gastronomie des Frankfurter Gehörlosen- und Schwerhörigenzentrums in die Lehre, als einer von zwei hörenden Azubis, gemeinsam mit zwei gehörlosen Azubis. Von den sechs Jugendlichen, die hier eine berufliche Qualifizierung machen, ist ebenfalls die Hälfte gehörlos. Und während die Küchenmeisterin hörend ist, trägt ihr wichtigster Helfer ein Cochlea-Implantate. Wer die Gebärdensprache noch nicht beherrscht, muss sie lernen – so steht es in den Arbeitsverträgen. Und deshalb kommt zwei Mal pro Woche eine Gebärdensprachlehrerin.

Für Batu Baykan war die Ausbildungsstelle ein Sprung ins kalte Wasser – aber auch eine große Chance, nachdem er trotz guten Hauptschulabschlusses lange vergeblich nach einer Lehrstelle als Koch gesucht hatte. Anfangs war er unsicher, „aber es haben mich alle nett aufgenommen“, sagt er. Wenn das kein Zeitenwandel ist: Ein junger Mann ohne Behinderung ist froh und dankbar, dass die Kolleginnen und Kollegen ihn nicht ausschließen ...

Kooperation mit Hotels und Restaurants

Eine dieser netten Kolleginnen ist Lena Schmul, 32 Jahre alt und seit Jahresbeginn im Team. Damals startete der Evangelische Verein für Jugendsozialarbeit in Frankfurt am Main e.V. das Gastro-Projekt. Lena Schmul ist vor einigen Jahren aus Russland gekommen, berufliche Erfahrungen hat sie in einer Zahnarztpraxis, als Näherin, Bäckerin und Kellnerin gesammelt – aber eine Lehrstelle ist nie daraus geworden. Jetzt absolviert sie hier eine Ausbildung zur Fachkraft im Gastgewerbe, mit dem Ziel, später im Service zu arbeiten. Damit für die (gehörlosen) Azubis die berufliche Laufbahn nicht nach der Ausbildung gleich wieder endet, sucht das Projekt die Kooperation mit Hotels und Restaurants. So bereiten sich im Hotel Spenerhaus in der Nähe des Frankfurter Doms derzeit einige Mitarbeiter in Gebärdensprachkursen auf die möglichen künftigen Kollegen vor ...

Im Gehörlosenzentrum, wo wegen der vielen Vereine im Haus die gehörlosen Gäste in der Mehrzahl sind, arbeiten hörende und gehörlose Azubis immer als Tandem, sowohl in der Küche als auch beim Service. Zur Mittagszeit bewirtet das Team täglich bis zu 40 Gäste, außerdem sorgen die Mitarbeiter bei Vereinstreffen ebenso wie bei Weihnachtsfeiern und Faschingspartys für Speisen und Getränke, und sie machen das Catering für Veranstaltungen außer Haus.

Ruhe statt Hektik, Kommunikation statt Kommandos

Die Hektik und den Lärm, der in Gastro-Küchen oft üblich ist, gibt es hier trotzdem nicht. „Weil wir keinen Kommando-Ton wollen“, stellt Teamleiterin Stefanie Horn klar. Zudem ergibt sich der etwas ruhigere und gemächliche Betrieb aus der Zusammenarbeit von Hörenden und Nicht-Hörenden: „Einfach mal eine Anweisung in den Raum rufen, geht eben nicht“, sagt Horn: „Man muss zu den Kollegen hingehen und sich Zeit nehmen, wenn man etwas erklären oder fragen möchte.“

Und wenn dann die Gebärden fehlen oder Marcel Tuchtenhagen nicht da ist – der Mann mit dem Cochlea-Implantat, der in beide Richtungen dolmetschen kann und schon mehrere Jahre Küchen-Erfahrung hat –, dann werden eben die Handys gezückt. „Zur Not tippe ich das Wort in mein Handy oder schreibe eine WhatsApp an Lena“, sagt Batu Bayhan und lacht.

In der Qualifizierung sind noch drei Plätze für gehörlose Jugendliche frei. Außerdem sucht das Team dringend noch eine Köchin oder einen Koch, der die Gebärdensprache beherrscht.


Linktipps:
Mehr Infos über das Ausbildungsprojekt in der Gastronomie des Frankfurter Gehörlosen- und Schwerhörigenzentrums
Das Handlungsfeld „Am Arbeitsplatz“ der Aktion Mensch
Jemand, der sich kümmert ... Ein Blogbeitrag von Eva Keller über eine Fachtagung zur Inklusion in Ausbildung und Arbeit
Potenziale nutzen – mit Aktionsplänen. Ein Interview im Blog von Stefanie Wulff mit Rainer Wallbruch über Aktionspläne von Unternehmen zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention

Eva Keller

Blogger: Eva Keller
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Arbeit, Bildung

Kommentar schreiben

Den neuesten Kinofilm – schon gehört?

Blogger: Wiebke Schönherr, am 30.07.2014 um 08:56 Uhr

1989. Die Grenze ist offen. Und zwar diejenige, die sehbehinderte Menschen lange Jahre vom Kinoerlebnis ausschloss. Im Jahr des Mauerfalls wurde erstmals in einem deutschen Kino ein Film als Hörfilmfassung gezeigt. Seitdem gibt es mehr und mehr Audiodeskriptionen, wie die Filmbearbeitung für Sehbehinderte und Blinde heißt. Und seit neuestem sogar eine App, die Hörfassungen für Kinofilme liefert.

Jonas Hauer und Nanna Gorbach vor einem Monitor im Tonstudio

Jonas Hauer und Nanna Gorbach während der Filmbearbeitung bei Titelbild

Foto: Wiebke Schönherr

Jonas Hauer sitzt in einem Büroraum der Berliner Firma Titelbild, aber eigentlich ist er gerade ganz woanders. Draußen auf der Ostsee, auf der sich im Innern einer Jacht zwei Männer gegenseitig an die Gurgel gehen und einer von ihnen schließlich über die Reling ins Wasser stürzt. Denn das sind die Bilder, die Hauer, der blind ist, gerade im Kopf hat. Er erarbeitet mit seiner sehenden Kollegin Nanna Gorbach die neueste Ausgabe der ZDF-Serie „Küstenwache“ als Audiodeskription.

Hauer und Gorbach sitzen vor zwei Bildschirmen. Auf ihnen ist eine spezielle Software geöffnet, die die Serie abspielt und gleichzeitig die verschiedenen Tonspuren offenlegt, eine für den Original-Ton, eine für die Hörfassung. Die beiden Mitarbeiter von Titelbild, einer Firma, die sich unter anderem auf Untertitelung und Audiodeskription spezialisiert hat, hören sich eine bereits erstellte Testversion an, um zu überprüfen: Ergeben die Beschreibungen Sinn? Werden genug Informationen gegeben? Oder werden vielleicht zu viele gegeben?

Bilder in Worte übersetzen

Hauer hält inne. Etwas stimmt nicht. „Der Mann ist über die Reling gestürzt?“ „Genau“, sagt Gorbach. Sie blickt auf die Szene, die einen Mann zeigt, der gerade ins Wasser fällt. „Du hast doch gesagt, die beiden kämpfen im Innern der Jacht“, hakt Hauer nach. „Wie kann dann jemand über die Reling stürzen?“ Gar nicht. Gorbach nickt, schaut sich die Szene nochmal an. Sie sieht, dass die zwei Gestalten gar nicht in der Kajüte sind, sondern unter einem Vordach, also draußen auf dem Deck. „Das müssen wir ändern“, stimmt sie zu. „Sie sind nicht im Innern, sie sind auf der Jacht.“ Jetzt ergibt es Sinn. Nächste Szene.

Sekunde für Sekunde übersetzen Filmbeschreiber Bilder in Worte. Oft haben sie dafür nur wenig Zeit, nur die Pausen zwischen Dialogszenen. Es muss dann angemessen entschieden werden: Wird die Farbe der Augen beschrieben? Oder die Bewegung der Hände? Die wogenden Wellen? Oder die finsteren Mienen der kämpfenden Männer?

„Bei der Audiodeskription konzentrieren wir uns auf das, was wichtig ist, um die Handlung und relevanten, visuellen Stilelemente des Films verständlich zu machen“, erklärt Anja Turner, zuständig für das Marketing bei Titelbild.

Denn im Mittelpunkt bei der Audiodeskription steht natürlich nicht der Ansatz, eine Fernseh- oder Kinoproduktion zu 100 Prozent identisch als Hörfilm widerzugeben, einfach deshalb, weil es gar nicht möglich ist. Sondern es soll so gemacht werden, dass Menschen, die sehbehindert sind, Freude daran haben, ihn zu hören. „Audiodeskriptionen eröffnen sehbehinderten und blinden Menschen die großartige Möglichkeit, gleichwertig am kulturellen Leben unserer Gesellschaft teilzunehmen“, sagt Anja Turner von Titelbild.

Vier Prozent beim ZDF, knapp zehn Prozent bei der ARD

Seit 1989 der erste Film, es war die Krimikomödie „Die Glücksjäger“, in einem Münchner Kino als Hörfilm gezeigt wurde, hat sich viel getan. 1993 zeigte erstmals das ZDF im Abendprogramm einen Film für Blinde und Sehbehinderte. Seitdem laufen immer mehr Filme, Dokumentationen und Serien mit Audiodeskriptionen.

Besonders Anfang 2013 ging es für den Hörfilm stark aufwärts. Seit der Neuordnung der GEZ-Gebühren sind Menschen mit Sehbehinderung nicht mehr automatisch von den Gebühren befreit. Das bedeutet: Die öffentlich-rechtlichen Sender stehen stärker unter Druck, ihre Produktionen auch mit Audiodeskriptionen zu zeigen. Im ZDF-Abendprogramm wird nun rund jede dritte Produktion mit Filmbeschreibungen angeboten, bei der ARD fast jede zweite. Aufs Gesamtprogramm verteilt sind es beim ZDF vier Prozent, bei der ARD zehn Prozent. Eine gesetzliche Regelung darüber, wie hoch die Anzahl der Audiodeskriptionen sein muss, gibt es nicht in Deutschland, wie es beispielsweise in Großbritannien der Fall ist, dennoch steigt sie auch hier stetig an.

Dank neuester Technik gibt es auch eine gute Entwicklung in den Kinos: Wer ein Smartphone besitzt, kann seit neuestem mit einer App ausgewählte Filme im Kino anhören, ohne in eine spezielle Vorführung für Sehbehinderte gehen zu müssen, wie es 1989 noch der Fall war. Im Jahr 2014 ist also eine weitere Grenze ist verschwunden.


Linktipps:
Das Handlungsfeld „Inklusion leben: In der Freizeit“ der Aktion Mensch
Hörfilme im TV: Teilhabe und Barrierefreiheit. Ein Plädoyer von Heiko Kunert für mehr Audiodeskription im deutschen Fernsehen
Audiodeskription: Inklusion im Theater. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über Möglichkeiten der Barrierefreiheit im Kulturbetrieb
Kulturelle Teilhabe: Zum aktuellen Stand der Audiodeskription. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über Audiodeskription in TV, Kino, Oper und Theater


Kommentar schreiben

„Gute Chancen, Geld zu bekommen“

Blogger: Wiebke Schönherr, am 23.07.2014 um 09:07 Uhr

Ein Expertengespräch über die Fördermittelvergabe für inklusive Kunstprojekte und die Offenheit der Kunstszene für Menschen mit Behinderungen

Ein farbenfrohes abstraktes Gemälde von Bettina Arelt

Outsider Art: Gemälde von Bettina Arelt von den „Schlumper“

Bild: Bettina Arelt / Freunde der Schlumper e.V.

Vor wenigen Jahren gab es eine Studie, die besagte: Künstler in Deutschland sind arm, aber glücklich. Reich und glücklich wäre natürlich auch nicht schlecht. Aber gut, wenn das Geld mal gar nicht reicht, kann man sich um finanzielle Unterstützung für seine Ideen bewerben. Ruth Gilberger von der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft und Uwe Blumenreich von der Aktion Mensch sprechen über die Fördermittelvergabe für inklusive Projekte und die angenehme Offenheit der Kunstszene.

Wiebke Schönherr: Frau Gilberger, seit April dieses Jahres sind Sie Vorständin der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft. Die Stiftung unterstützt Kunst -und Kulturschaffende darin, sich für eine chancengerechte Gesellschaft einzusetzen.
Zum Einstieg unseres Gesprächs eine kleine Zeitreise zurück in die 90er Jahre: Wenn damals bei einem Fördermittelgeber ein Antrag für ein Projekt auf den Schreibtisch flatterte, das sich inklusiv nannte, gab es da eher ein Schulterzucken als Reaktion oder neugieriges Interesse?

Ruth Gilberger: Zu Beginn der 90er Jahre gab es den Begriff Inklusion zumindest in der Fördermittelvergabe für künstlerische Projekte noch nicht, sondern man nannte das damals Partizipation. Es ging erst einmal darum, Menschen mit Beeinträchtigungen überhaupt an bestimmten Kontexten zu beteiligen. Ob das wichtig für einen Antrag war, kam dann auf das Feld und die Inhalte an. Beispielsweise in Museen war die inklusive Teilhabe an der Kultur damals schon hoch im Kurs. Aber in der Praxis war Inklusion noch sehr ungewöhnlich.

„Forderung nach aktiver Teilhabe für alle Menschen ist breitenwirksam geworden“

 
Wiebke Schönherr: Heute sieht es anders aus?
Ruth Gilberger: Ja. Wenn man heute im Kunst- und Kulturbereich einen Antrag auf Fördermittel stellt und dabei die Inklusion berücksichtigt, sind die Chancen gut, Geld zu bekommen. Zumindest bei den Stellen, die Wert darauf legen, und wenn die Inhalte ansonsten stimmen. Für die soziokulturellen Fonds ist das beispielsweise wichtig, auch bei der Antragstellung bei Verbänden kultureller Bildung oder bei ausgewählten Projekten der Kulturstiftung des Bundes. Bei anderen Kulturförderungen spielt das wiederum keine Rolle. Das ist Zielgruppenantragstellungslyrik! Aber dass eine Forderung nach aktiver Teilhabe für alle Menschen so breitenwirksam geworden ist, dass hier so ein politisches Interesse besteht, dass sich das durch alle Verwaltungsinstitutionen durchgesetzt hat, das ist neu.

Wiebke Schönherr: Herr Blumenreich, Sie sind bei der Aktion Mensch der Leiter der Projekt- und Inklusionsförderung. Welche Projekte im Kulturbereich unterstützt die Aktion Mensch?

Uwe Blumenreich: Wir fördern seit ca. zehn Jahren Kunst- und Kulturprojekte von frei-gemeinnützigen Organisationen aus dem Bereich der Behindertenhilfe und in der Hauptsache deshalb von und mit Menschen mit Behinderung, zunehmend aber eben auch inklusiv ausgerichtete Konzepte. Gemessen an den insgesamt geförderten Projekten pro Monat und am Gesamtfördervolumen der Aktion Mensch bleibt die Förderung der Kunst und Kultur zwar ein „Randthema“. Aber in der Summe ist das immer noch ein nennenswerter siebenstelliger Betrag pro Jahr, der in die Förderung der inklusiven Kulturarbeit fließt. Gefördert wurde in den letzten Jahren beispielsweise ein integrativ geführtes Kino oder ein Tanzprojekt als Open-Air-Spektakel.

Wiebke Schönherr: Frau Gilberger, Fördermittel gibt es also diverse, aber würden Sie auch sagen, dass Menschen mit Beeinträchtigungen im Kunstbetrieb angekommen sind?

Ruth Gilberger: Das kann man pauschal so nicht sagen. In einigen Bereichen haben sie schon länger Anteil, beispielsweise in der Art brut oder Outsider Kunst. Menschen mit psychischen und geistigen Beeinträchtigungen wurden schon seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts als KünstlerInnen wertgeschätzt, wenn auch nur von einer kleinen Gruppe von Kunstkennern. Beim Tanz hingegen nicht und bei der Musik, soweit ich weiß, auch eher wenig. Im Theater gibt es ungefähr seit den 80er Jahren die Tradition, dass Menschen mit Beeinträchtigungen als Akteure integral beteiligt werden. Das ist also von Kunst zu Kunst ganz unterschiedlich

„Inklusion in der Kunst ist bereichernd für alle Beteiligten“

 
Wiebke Schönherr: Dabei kann der Kunstbetrieb jeden gebrauchen, der künstlerisch etwas draufhat.

Ruth Gilberger: Inklusion in der Kunst ist bereichernd für alle Beteiligten. Und Kunst ist ja in sich sehr offen. Und sie ist so individuell, da haben ganz viele unterschiedliche Menschen Platz. Man muss eigentlich nur sicherstellen, dass jeder seinen Weg gehen kann.

Wiebke Schönherr: Herr Blumenreich, wie sehen Sie das: Hat sich inklusive
Kunst in der deutschen Kulturszene etabliert?

Uwe Blumenreich: Es gibt schon viele gute Beispiele. Kunst und Kultur von Menschen mit und ohne Behinderung muss sich überhaupt nicht verstecken. Ich meine, inklusive Kunst findet in Deutschland zum Teil auf richtig hohem Niveau statt, wie beispielsweise beim Blaumeier-Atelier aus Bremen oder bei der DIN A 13 tanzcompany aus Köln. Oder nehmen Sie eine der vielen guten inklusiven Musik-Bands: zum Beispiel die Station 17 aus Hamburg. Da entstehen wirklich anspruchsvolle Dinge. Gleichwohl gilt: Inklusive Kunst ist noch immer nicht alltäglich, und wir müssen auch noch viele Barrieren abbauen, um den Zugang überhaupt erst zu ermöglichen. Erst wenn inklusives Denken und Handeln bei allen Kulturakteuren, Förderern und beim Publikum selbstverständlich geworden sind, dann hat sich inklusive Kunst etabliert.


Linktipps:
Anerkennung von Kunst von Menschen mit Behinderung wächst. Ein Interview im Blog von Werner Grosch mit Jutta Schubert vom Verein EUCREA, der Künstler mit Behinderung fördert
Kann Kunst die Gesellschaft verändern? Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über den Dokumentarfilm „Insider Art – Aus Liebe zur Kunst“
"Ich sehe was, was du nicht siehst". Ein Blogbeitrag von Ulli Steilen über eine Kölner Ausstellung von Künstlern mit und ohne Behinderung
Ein Auftrag der besonderen Art. Ein Blogbeitrag von Eva Keller über die Künstler des "Atelier Goldstein"
 
Alle Infos zu den Förderprogrammen der Aktion Mensch
Sie wollen sich für eine Förderung bei uns bewerben? Von der Idee zum Projektantrag, hier wird alles Schritt für Schritt erklärt!
 

Experten im Gespräch

  • Ruth Gilberger
    Foto: Montag Stiftungen

    Ruth Gilberger

  • Uwe Blumenreich
    Foto: Aktion Mensch

    Uwe Blumenreich


Kommentar schreiben