Blog: Inklusion

Hier bloggen Menschen mit und ohne Behinderung aus ihrer je eigenen Perspektive über persönliche Erlebnisse, aktuelle Trends und Informationen rund um das Thema Inklusion.

„Gute Chancen, Geld zu bekommen“

Blogger: Wiebke Schönherr, am 23.07.2014 um 09:07 Uhr

Ein Expertengespräch über die Fördermittelvergabe für inklusive Kunstprojekte und die Offenheit der Kunstszene für Menschen mit Behinderungen

Ein farbenfrohes abstraktes Gemälde von Bettina Arelt

Outsider Art: Gemälde von Bettina Arelt von den „Schlumper“

Bild: Bettina Arelt / Freunde der Schlumper e.V.

Vor wenigen Jahren gab es eine Studie, die besagte: Künstler in Deutschland sind arm, aber glücklich. Reich und glücklich wäre natürlich auch nicht schlecht. Aber gut, wenn das Geld mal gar nicht reicht, kann man sich um finanzielle Unterstützung für seine Ideen bewerben. Ruth Gilberger von der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft und Uwe Blumenreich von der Aktion Mensch sprechen über die Fördermittelvergabe für inklusive Projekte und die angenehme Offenheit der Kunstszene.

Wiebke Schönherr: Frau Gilberger, seit April dieses Jahres sind Sie Vorständin der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft. Die Stiftung unterstützt Kunst -und Kulturschaffende darin, sich für eine chancengerechte Gesellschaft einzusetzen.
Zum Einstieg unseres Gesprächs eine kleine Zeitreise zurück in die 90er Jahre: Wenn damals bei einem Fördermittelgeber ein Antrag für ein Projekt auf den Schreibtisch flatterte, das sich inklusiv nannte, gab es da eher ein Schulterzucken als Reaktion oder neugieriges Interesse?

Ruth Gilberger: Zu Beginn der 90er Jahre gab es den Begriff Inklusion zumindest in der Fördermittelvergabe für künstlerische Projekte noch nicht, sondern man nannte das damals Partizipation. Es ging erst einmal darum, Menschen mit Beeinträchtigungen überhaupt an bestimmten Kontexten zu beteiligen. Ob das wichtig für einen Antrag war, kam dann auf das Feld und die Inhalte an. Beispielsweise in Museen war die inklusive Teilhabe an der Kultur damals schon hoch im Kurs. Aber in der Praxis war Inklusion noch sehr ungewöhnlich.

„Forderung nach aktiver Teilhabe für alle Menschen ist breitenwirksam geworden“

 
Wiebke Schönherr: Heute sieht es anders aus?
Ruth Gilberger: Ja. Wenn man heute im Kunst- und Kulturbereich einen Antrag auf Fördermittel stellt und dabei die Inklusion berücksichtigt, sind die Chancen gut, Geld zu bekommen. Zumindest bei den Stellen, die Wert darauf legen, und wenn die Inhalte ansonsten stimmen. Für die soziokulturellen Fonds ist das beispielsweise wichtig, auch bei der Antragstellung bei Verbänden kultureller Bildung oder bei ausgewählten Projekten der Kulturstiftung des Bundes. Bei anderen Kulturförderungen spielt das wiederum keine Rolle. Das ist Zielgruppenantragstellungslyrik! Aber dass eine Forderung nach aktiver Teilhabe für alle Menschen so breitenwirksam geworden ist, dass hier so ein politisches Interesse besteht, dass sich das durch alle Verwaltungsinstitutionen durchgesetzt hat, das ist neu.

Wiebke Schönherr: Herr Blumenreich, Sie sind bei der Aktion Mensch der Leiter der Projekt- und Inklusionsförderung. Welche Projekte im Kulturbereich unterstützt die Aktion Mensch?

Uwe Blumenreich: Wir fördern seit ca. zehn Jahren Kunst- und Kulturprojekte von frei-gemeinnützigen Organisationen aus dem Bereich der Behindertenhilfe und in der Hauptsache deshalb von und mit Menschen mit Behinderung, zunehmend aber eben auch inklusiv ausgerichtete Konzepte. Gemessen an den insgesamt geförderten Projekten pro Monat und am Gesamtfördervolumen der Aktion Mensch bleibt die Förderung der Kunst und Kultur zwar ein „Randthema“. Aber in der Summe ist das immer noch ein nennenswerter siebenstelliger Betrag pro Jahr, der in die Förderung der inklusiven Kulturarbeit fließt. Gefördert wurde in den letzten Jahren beispielsweise ein integrativ geführtes Kino oder ein Tanzprojekt als Open-Air-Spektakel.

Wiebke Schönherr: Frau Gilberger, Fördermittel gibt es also diverse, aber würden Sie auch sagen, dass Menschen mit Beeinträchtigungen im Kunstbetrieb angekommen sind?

Ruth Gilberger: Das kann man pauschal so nicht sagen. In einigen Bereichen haben sie schon länger Anteil, beispielsweise in der Art brut oder Outsider Kunst. Menschen mit psychischen und geistigen Beeinträchtigungen wurden schon seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts als KünstlerInnen wertgeschätzt, wenn auch nur von einer kleinen Gruppe von Kunstkennern. Beim Tanz hingegen nicht und bei der Musik, soweit ich weiß, auch eher wenig. Im Theater gibt es ungefähr seit den 80er Jahren die Tradition, dass Menschen mit Beeinträchtigungen als Akteure integral beteiligt werden. Das ist also von Kunst zu Kunst ganz unterschiedlich

„Inklusion in der Kunst ist bereichernd für alle Beteiligten“

 
Wiebke Schönherr: Dabei kann der Kunstbetrieb jeden gebrauchen, der künstlerisch etwas draufhat.

Ruth Gilberger: Inklusion in der Kunst ist bereichernd für alle Beteiligten. Und Kunst ist ja in sich sehr offen. Und sie ist so individuell, da haben ganz viele unterschiedliche Menschen Platz. Man muss eigentlich nur sicherstellen, dass jeder seinen Weg gehen kann.

Wiebke Schönherr: Herr Blumenreich, wie sehen Sie das: Hat sich inklusive
Kunst in der deutschen Kulturszene etabliert?

Uwe Blumenreich: Es gibt schon viele gute Beispiele. Kunst und Kultur von Menschen mit und ohne Behinderung muss sich überhaupt nicht verstecken. Ich meine, inklusive Kunst findet in Deutschland zum Teil auf richtig hohem Niveau statt, wie beispielsweise beim Blaumeier-Atelier aus Bremen oder bei der DIN A 13 tanzcompany aus Köln. Oder nehmen Sie eine der vielen guten inklusiven Musik-Bands: zum Beispiel die Station 17 aus Hamburg. Da entstehen wirklich anspruchsvolle Dinge. Gleichwohl gilt: Inklusive Kunst ist noch immer nicht alltäglich, und wir müssen auch noch viele Barrieren abbauen, um den Zugang überhaupt erst zu ermöglichen. Erst wenn inklusives Denken und Handeln bei allen Kulturakteuren, Förderern und beim Publikum selbstverständlich geworden sind, dann hat sich inklusive Kunst etabliert.


Linktipps:
Anerkennung von Kunst von Menschen mit Behinderung wächst. Ein Interview im Blog von Werner Grosch mit Jutta Schubert vom Verein EUCREA, der Künstler mit Behinderung fördert
Kann Kunst die Gesellschaft verändern? Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über den Dokumentarfilm „Insider Art – Aus Liebe zur Kunst“
"Ich sehe was, was du nicht siehst". Ein Blogbeitrag von Ulli Steilen über eine Kölner Ausstellung von Künstlern mit und ohne Behinderung
Ein Auftrag der besonderen Art. Ein Blogbeitrag von Eva Keller über die Künstler des "Atelier Goldstein"
 
Alle Infos zu den Förderprogrammen der Aktion Mensch
Sie wollen sich für eine Förderung bei uns bewerben? Von der Idee zum Projektantrag, hier wird alles Schritt für Schritt erklärt!
 

Experten im Gespräch

  • Ruth Gilberger
    Foto: Montag Stiftungen

    Ruth Gilberger

  • Uwe Blumenreich
    Foto: Aktion Mensch

    Uwe Blumenreich


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Potenzial und Charisma

Blogger: Mirien Carvalho Rodrigues, am 12.07.2014 um 09:13 Uhr

Fernanda Honorato ist die erste Fernsehreporterin mit Down-Syndrom in Brasilien

Fernsehreporterin Fernanda Honorato mit Mikrofon

Fernsehreporterin Honorato: Ein Miteinander auf Augenhöhe

Foto: TV Brasil

Kein Zweifel: Fernanda ist eine echte Carioca. So heißen die Einwohner von Rio de Janeiro. Die Fernsehreporterin ist Mitglied in einer Sambaschule, liebt den Karneval, das Theater und das Bad in der Menge. Ein bisschen eitel ist sie auch: Ihr Alter ist bei 25 stehen geblieben, und beim Gedanken an den nächsten Karneval macht sie sich schon heute Sorgen um ihr Gewicht. Zum Fußball tanzt und feiert sie, oder sie weint und ist tieftraurig, so wie nach der historischen Niederlage Brasiliens gegen Deutschland im Halbfinale der WM im eigenen Land.

Bis hierher könnte diese Beschreibung noch auf zahlreiche Frauen in Rio zutreffen; doch dadurch, dass sie zu Fernanda gehört, wird sie einzigartig. Die junge Frau hat das Down-Syndrom.

Sichtweisen und Talente einer Person mit Down-Syndrom

„Mein nächstes Interview führe ich mit einem körperbehinderten Mann. Es handelt vom Arbeitsmarkt“, erzählt Fernanda. Ihre Beiträge laufen am Samstagvormittag im Programa Especial“ des Senders TV Brasil, das ähnlich wie die deutsche TV-Sendung „Menschen“ Ausschnitte aus dem Leben von Menschen mit Behinderung zeigt. Fernandas Vorgesetzte, die Chefredakteurin der Sendung, Ângela Patrícia Reiniger, betont, dass mit allen Mitarbeitern Themen und Fragen im Vorfeld besprochen werden, diese Vorgehensweise also nicht nur bei der Mitarbeiterin mit Behinderung angewandt wird.
Mehr als skeptisch hatten MitarbeiterInnen des Senders auf Reinigers Idee reagiert, Fernandinha, wie sie liebevoll genannt wird, ins Team aufzunehmen. „Viele dachten, sie sei verrückt geworden“, erinnert sich Fernandinha. „Aber Ângela hat an mich geglaubt und mir diese Möglichkeit gegeben.“ Entschlossenheit und Durchsetzungsvermögen sprechen denn auch aus den Äußerungen der Chefredakteurin: „Wenn ich ständig Sendungen über Menschen mit Behinderung mache und darin zu 100 % für Inklusion stehe, warum soll ich dann verrückt sein, wenn ich die Sichtweise und die Talente einer Person mit Down-Syndrom in meinem Team haben will?“, fragt sie.

Verwirklichung von Lebensträumen

Schon als Kind hatte Fernandinha eine bekannte Fernsehmoderatorin nachgeahmt und sich durch Lesen und Fernsehen über verschiedene Themen informiert. Früh kannte sie sich auch mit ihrer eigenen Behinderung aus und engagierte sich in verschiedenen Initiativen und Bewegungen von und für Menschen mit Down-Syndrom. Die Möglichkeit, dort zur Schule zu gehen und Lesen und Schreiben zu lernen, wo sie auch zuhause bei ihrer Familie lebt, hat ihr unendlich viel bedeutet. Zur inklusiven Beschulung hat Fernandinha eine ähnlich klare Meinung wie zur Verwirklichung von Lebensträumen. Es war nach einem Interview, welches ein Team von TV Brasil mit der kontaktfreudigen jungen Frau geführt hatte, dass Ângela Reiniger beschloss, mit ihr einen Einstufungstest zu machen. Dass sie ihn mit Bravour bestand, überraschte die Chefredakteurin keineswegs. Sie hatte gleich das Potenzial und das Charisma in Fernanda erkannt. So hat Brasiliens erste Fernsehreporterin mit Down-Syndrom seit 2006 etliche Themen mitgestaltet, Kontakte geknüpft und Interviews geführt. Sie genießt es, wenn man sie auf der Straße um ein Autogramm bittet; durch Facebook hat sie einen Fanklub in Italien. Beim Sender hat das alltägliche Miteinander auf Augenhöhe die Einstellung der Mitarbeiter zur eigenen Tätigkeit verändert. Fernandas erfrischende Natürlichkeit wirkt oft auflockernd und belebend.

Eltern erkennen die Möglichkeiten ihrer Kinder mit Down-Syndrom

Fernandinha probiert sich gern aus – in einem Film hat sie schon mitgewirkt, am Ende einer Telenovela, in der eine Person mit Down-Syndrom eine Rolle spielte, hat sie ihre Geschichte erzählt, und als Nächstes wird sie diese Geschichte als Buch veröffentlichen. Am meisten Freude bereitet es Fernandinha und ihrer Chefin, wenn sich Eltern von Kindern mit Down-Syndrom beim Sender melden und ihrer Begeisterung darüber Ausdruck verleihen, dass sie endlich die Möglichkeiten für ihre eigenen Kinder erkannt haben. Dies gelingt oft nicht in einem Umfeld, in dem sie ständig hören, was ihr Kind alles niemals schaffen wird. Freunde von Fernanda, die auch das Down-Syndrom haben, sind z. B. erfolgreiche Sportler oder Buchautoren. Ein guter Freund arbeitet bei einer Fastfoodkette und ist von seinem Beruf begeistert. Fernandinha findet auch hierzu klare Worte: „Sie sollen natürlich nicht alle zum Fernsehen gehen. Jeder Mensch mit Behinderung hat das Recht auf einen eigenen Lebensweg. Jeder hat Potenzial, und jeder soll machen können, was er gut kann.“


Linktipps:
Fußball-Land der Widersprüche. Ein Blogbeitrag zur Fußball-WM in Brasilien von Mirien Carvalho über die Situation von Menschen mit Behinderung in Brasilien
Mal anders betrachtet. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über den Kurzfilm 46/47, der die Perspektive wechselt: „Normal“ ist, wer 47 Chromosomen hat
Be My Baby – Meine erste Filmerfahrung. Ein Blogbeitrag von Carina Kühne über ihre ersten Schauspielerfahrungen bei den Dreharbeiten für einen besonderen Spielfilm

Mirien Carvalho Rodrigues

Blogger: Mirien Carvalho Rodrigues
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Arbeit, Menschen mit Behinderung, Medien

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Be My Baby – Premiere in München

Blogger: Carina Kühne, am 11.07.2014 um 10:32 Uhr

Carina Kühne über ihren Besuch beim Filmfest München und die Uraufführung eines besonderen Spielfilms, in dem sie als Hauptdarstellerin mitgewirkt hat.

Filmszene aus „Be My Baby“: Carina Kühne und Nico Randel sitzen nackt und lachend in einer Badewanne

Carina Kühne mit Filmpartner Nico Randel in „Be My Baby“

Foto: Julia Baumann / Zum goldenen Lamm

Am 27. Juni 2014 war die Eröffnungsfeier der Filmfestspiele in München. Ich fühlte mich sehr geehrt, dass ich zusammen mit vielen Prominenten zu dieser Feier eingeladen war. Es war eine ganz besondere Erfahrung für mich, im Münchner Mathäser Filmpalast an den Fotografen vorbei über den roten Teppich zu gehen. Wie alle anderen Schauspieler wurde auch ich gemeinsam mit der Festivaldirektorin Diana Iljine fotografiert. Ein richtiges Blitzlichtgewitter prasselte auf uns ein.

Nach der Begrüßung sahen wir uns den Eröffnungsfilm „Die Karte meiner Träume“ an. Er gefiel mir sehr gut, und ich kann ihn nur weiter empfehlen. Anschließend ging es zu einem Empfang des Bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer in den Festsaal des Bayerischen Hof. Dort gab es einen kleinen Imbiss, und ich durfte mit vielen bekannten Schauspielern, die ich eigentlich nur aus Film und Fernsehen kannte, zusammen feiern. Um 2 Uhr morgens ging es dann mit dem Shuttlebus ins Hotel.

Lachen und betroffenes Schweigen

Der nächste Höhepunkt war natürlich die Premiere von Christina Schiewes Film „Be My Baby im ARRI-Kino am 29. Juni 2014. Ich freute mich, dass Herr Georgi, Iris und Volker Westermann, Bobby Brederlow mit Familie und Frau Fell von der Freien Bühne München extra gekommen waren, um den Film zu sehen. Da ich ihn auch noch nicht kannte, war ich sehr gespannt auf die Reaktion der Zuschauer. Frau Iljine begrüßte das Publikum im voll besetzten Kino und stellte die Regisseurin und ihren Film kurz vor. Er handelt von der 18-jährigen Nicole, die das Down-Syndrom hat und sich nichts mehr wünscht, als ganz normal zu sein und eine Familie zu gründen. Leider gesteht ihre Umgebung ihr dieses Recht nicht zu.

Während der Vorführung wurde an vielen Stellen gelacht, aber manchmal gab es auch betroffenes Schweigen und einige Zuschauer wischten sich sogar Tränen aus den Augen. Nach der Vorstellung gab es tosenden Beifall und Christina Schiewe, die Regisseurin, bat alle anwesenden Mitglieder der Crew und die Schauspieler auf die Bühne. Zuletzt bat sie mich als Hauptdarstellerin nach vorne. Ich war so gerührt von der Begeisterung der Zuschauer, dass ich zuerst gar nichts sagen konnte, als sie mir das Mikrofon in die Hand drückte. Nachdem ich mich wieder gefangen hatte, bedankte ich mich beim Publikum, bei der Regisseurin, die mich entdeckt und an mein Talent geglaubt hat, und bei der gesamten Crew. Christina Schiewe nahm mich in den Arm und bedankte sich auch noch einmal bei mir. Teilweise gab es sogar Standing Ovations.

Alle freuten sich sehr, dass der Film so gut angekommen war und dann ging es gemeinsam mit den geladenen Gästen zu einem Umtrunk in den Georgenhof. Es war wie ein Familientreffen, alle wieder zu sehen, mit denen man während der Dreharbeiten fast zwei Monate täglich zusammen war.
Der Film hatte allen gut gefallen, und wir nutzten die Gelegenheit für viele nette Gespräche. Schade, dass die Zeit so schnell verging! Zum Abschluss bekam jeder noch ein Filmplakat als Erinnerung.

Preise und Nominierungen

Besonders freute ich mich auch darüber, dass mein Filmpartner Florian Appelius und ich sogar für den Preis beste Nachwuchsschauspieler nominiert waren. Den Preis haben wir leider nicht bekommen, aber Christina Schiewe und ihre Koautorin Petra Brix bekamen einen Preis für das beste Drehbuch, und darüber freue ich mich auch riesig.

Die Preisverleihung fand am 4. Juli 2014 in der Hochschule für Fernsehen und Film statt. Anschließend wurde auch hier gefeiert, und es gab viele Gelegenheiten, neue Kontakte zu knüpfen.
Ich bekam viel Lob für meine Darstellung der Nicole in dem Film und freute mich, dass ich gemeinsam mit Christina vom Bayrischen Rundfunk für die Sendung „KINO KINO“ interviewt wurde und sogar einige Autogramme geben durfte.

Nun hoffe ich, dass der Film noch zu vielen Festspielen eingeladen wird und auch bald im Kino gezeigt werden kann, bevor er im ZDF zu sehen ist. Ob ich wohl eine Agentur finde, die mich vertritt, und auch noch weitere Rollenangebote? Ich würde mich sehr darüber freuen. Es wäre schön, wenn ich auch ganz normale Rollen spielen dürfte, in denen es nicht ums Down-Syndrom geht.


Linktipps:
Weltpremiere bei den Filmfestspielen in München: Mehr Infos über den Film „Be My Baby“
Be My Baby – Meine erste Filmerfahrung. Ein Blogbeitrag von Carina Kühne über ihre ersten Schauspielerfahrungen bei den Dreharbeiten für einen besonderen Spielfilm
Mal anders betrachtet. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über den Kurzfilm 46/47, der die Perspektive wechselt: „Normal“ ist, wer 47 Chromosomen hat
Kinderwunsch – Paare mit Down-Syndrom als Eltern? Ein Blogbeitrag von Carina Kühne über den Kinderwunsch von Menschen mit Trisomie 21

Carina Kühne

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Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Kultur

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Jubel, Trommeln und Feuerwerk

Blogger: Mirien Carvalho Rodrigues, am 09.07.2014 um 10:46 Uhr

Das Fußball-Museum in São Paulo ist ein Besuchermagnet auch für Fans mit Behinderung

Große bunter Poster mit Fußballszenen, daneben spielen zwei Museumsbesucher am Kickertisch

Fußball-Museum in São Paulo: Verspielt und kreativ

Fotos: Isabela Pacini

Im Jahr 2008 eröffnete das Fußball-Museum unter den Tribünen des Estádio do Pacaembu, des alten WM-Stadions in São Paulo von 1950. Die Barrierefreiheit für Besucher mit Behinderung wurde von Anfang an mit eingeplant und wird kontinuierlich mit staatlichen und privaten Geldern weiterentwickelt. Jedes Jahr fand bisher eine mehrmonatige intensive Zusammenarbeit mit einer ausgewählten Zielgruppe statt.

Man begann mit blinden und sehbehinderten Personen, es folgten Autisten, gehörlose und schwerhörige Personen, sowie Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung. Sie alle wurden als Experten in eigener Sache zu den vorhandenen Angeboten gehört, lobten und machten Verbesserungsvorschläge – und sorgten dafür, dass die Mitarbeiter die Vielfalt an Interessen und Bedürfnissen noch besser kennenlernen konnten. Und sie sind alle höchst engagiert. Derzeit besuchen z. B. drei Museumspädagogen einen Kurs in brasilianischer Gebärdensprache.

Anmeldung nicht nötig

Ich war gespannt. In Sachen Barrierefreiheit eilt dem Museum ein ausgezeichneter Ruf voraus, und in Sachen Fußball würde es sicher auch aufregend werden. Der erste große Pluspunkt stellte sich gleich am Anfang heraus: Ich konnte als blinde Besucherin wie alle anderen unangemeldet auftauchen und hatte sogar noch die Wahl zwischen einem eigens für blinde Gäste entwickelten ausführlichen Audioguide, der neben Erklärungen zu den Räumen und Objekten auch eine Wegbeschreibung entlang des taktilen Leitsystems am Boden bietet, und einer Einzelführung durch eine Museumspädagogin. Ich entschied mich dafür, den Audioguide exemplarisch zu testen und dann das freundliche Angebot einer Führung gerne anzunehmen. Und beides war wirklich hervorragend.

Da gab es ein Modell des Stadions, in dem wir uns befanden. Durch die Verwendung unterschiedlichster Materialien – Stoff für Rasen und Bäume, sowie unterschiedliche Kunststoffe und Holz für Gebäude und Tribünen, wurde dem Modell Leben eingehaucht, und meine Finger wollten gar nicht mehr von dieser so wirklichen Welt in Miniatur lassen. Farbkontraste und Braillebeschriftung waren selbstverständlich mit von der Partie.

Mehrere Sinne ansprechen

Nun konnte sie losgehen, die Tour durch 16 zumeist kleine Ausstellungsräume. Was immer ich erwartet hatte, es wurde weit übertroffen. Gleich zu Anfang erfuhr ich über ein Braille-Schild, das meine Begleiterin Leiliane mir zeigte, von den sechs Bildschirmen, auf denen Kinderfüße zu sehen sind, die einen Ball von einem Feld zum anderen spielen, mal auf Rasen, mal auf Asphalt, mal im Sand: „Fuß an den Ball – der Fußball beginnt in der Kindheit.“

In beinahe allen Räumen wurden mehrere Sinne angesprochen, tauchte ich in diese Kultur ein, in der der Fußball so eine entscheidende Rolle spielt. Hier konnte ich meiner eigenen brasilianischen Fußballseele freien Lauf lassen. Wie etlichen Einheimischen kamen mir die Tränen, als ich die entscheidenden Momente der Finalniederlage von 1950 verfolgte – dramatisch mit einem raumfüllenden Herzschlag untermalt; eine Gänsehaut überlief mich auch, als ich ausgewählten prominenten Persönlichkeiten Brasiliens lauschte, wie sie von einem für sie besonders prägenden Spiel erzählten, einer emotionaler als der andere.

Beeindruckende Erlebnisse

Im Raum der Fankultur gab es kein Halten mehr – ich tanzte mit bei unzähligen Einblendungen verschiedenster Jubel und Fangesänge, Trommeln und Feuerwerk, das aus allen Richtungen und von Anhängern aller großen brasilianischen Mannschaften kam.

Reliefs aus Harz stellen Spieler in Aktion dar, in für sie typischen Haltungen kurz vor dem Schuss aufs Tor oder in der Luft beim Versuch, den Ball zu halten. Hier hat mich vor allem die dreidimensionale Momentaufnahme des Torhüters beeindruckt, denn ich konnte die Spannung der Szene in mir spüren durch das Bild, das meine Hände ertasteten: Der Ball klebt in der linken Ecke unter der Latte, der Torhüter schwebt in der Luft, die Hand nach oben ausgestreckt – wird er den Ball noch erreichen, oder wird gleich unaufhaltsam das Tor fallen?

Da waren die Reliefdarstellungen der Gesichter von Pelé und Garrincha, der eine in Ehrfurcht „König des Fußballs“, der andere liebevoll „Freude des Volkes“ betitelt.
Es gab Bälle und Fußballschuhe vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute, 15 ausgewählte Radioreportagen berühmter Kommentatoren, ja selbst die Gürteltasche eines Mannschaftsmasseurs hat Platz in einer Vitrine.

Mehr als nur Fußball

Das Museum will jedoch ausdrücklich mehr erzählen als nur die Geschichte des Ballsports, ohne den Brasilien undenkbar wäre. In Form von Totems werden in einem Raum die wichtigsten nationalen und weltweiten Ereignisse eines jeden WM-Jahres dargestellt. Auch hierzu gab mir Leiliane eine Nachbildung in die Hand, damit ich die Anordnung der Bildschirme und Infotafeln nachvollziehen konnte. Ich bat sie, mir alles über 1982 vorzulesen, das Jahr der WM in Spanien, in dem mich meine Leidenschaft für Brasilien und seinen Fußball überwältigte.

Historische Abbildungen von Rio und São Paulo, Fotos berühmter Persönlichkeiten aus Musik, Kunst und Literatur, sowie Einspielungen aus unterschiedlichen politischen Regimen setzen darüber hinaus die Geschichte des Fußballs in einen Gesamtzusammenhang.

Am Ende ging es noch einmal verspielt und kreativ zu: Begeistert tastete ich mich an einer Wand mit Erklärungen und bildlichen Darstellungen diverser Ausdrücke und Sprüche entlang, die im Laufe der Zeit im brasilianischen Fußball einen festen Platz gefunden haben.
Jetzt konnte eigentlich nichts mehr kommen. Es schien, als könnte ich auch nicht noch mehr Bewegendes verkraften. Lieber noch ein bisschen am Kicker spielen und dann allmählich zum Ende kommen. Doch nein – Leiliane hatte noch ein Ass im Ärmel. Sie zeigte mir einen Sitzplatz und drückte mir dann wahrhaftig eine Nachbildung des Coupe Jules-Rimet in die Hand, des Weltmeisterpokals, den Brasilien nach dem dritten WM-Titel 1970 für immer behalten durfte.


Linktipps:
Mehr Infos und Bilder zum Fußball-Museum in São Paulo im Brazil Travel Blog (englisch)
Fußball-Land der Widersprüche. Ein Blogbeitrag zur Fußball-WM in Brasilien von Mirien Carvalho über die Situation von Menschen mit Behinderung in Brasilien
Es gibt Fans, die gibt es gar nicht. Zweiter Blogbeitrag zur Fußball-WM in Brasilien von Mirien Carvalho über Barrierefreiheit in Brasilien – und auch in Deutschland
Taubblinde Menschen in Brasilien. Dritter Blogbeitrag zur Fußball-WM in Brasilien von Mirien Carvalho über den ersten taubblinden Hochschulabsolventen in Brasilien
 

Impressionen aus dem Fußball-Museum

  • Modell eines Torwarts, der nach einem Ball springt

    Tastmodell eines Torwarts

  • Modell des Estádio do Pacaembu

    Modell des Estádio do Pacaembu

  • Viele gerahmte Fußballposter und Wimpel an einer Wand

    Historische Fußballposter und -wimpel

  • Reliefs von Fußballspielern

    Reliefs von Fußballspielern

  • Museumsbesucher vor Großbildschirmen mit Fußballvideos

    Historische Fußballspiele

  • Wände voller historischer Fußballfotos in goldenen Rahmen

    Geschichte in Bildern

  • Säulen mit vielen Bildschirmen, auf denen Fußballvideos gespielt werden

    Bilderflut im Museum

  • Reliefs von Pelé und Garrincha

    Reliefs von Pelé und Garrincha

Mirien Carvalho Rodrigues

Blogger: Mirien Carvalho Rodrigues
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Barrierefreiheit, Kultur, Sport

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Mit Leichter Sprache über den Dächern von Berlin

Blogger: Katja Hanke, am 07.07.2014 um 08:53 Uhr

Spanisch, Chinesisch, Englisch, Russisch – wer das gläserne Kuppeldach des Reichstagsgebäudes in Berlin besichtigt, kann dazu einen Audio-Guide in verschiedenen Sprachen leihen. Seit kurzem gibt es ihn auch in Leichter Sprache.

Ein Audio-Guide mit Kopfhörer vor der gläsernen Reichstags-Kuppel

Audio-Guide in Leichter-Sprache: Größtmögliche Zielgruppe

Das Reichstagsgebäude in Berlin ist eine der populärsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Hauptattraktion ist das 23 Meter hohe Kuppeldach aus Glas. Von einer 230 Meter langen Rampe aus, die sich spiralförmig bis in die Spitze der Kuppel windet, können die Besucher einen weiten Blick über die Stadt genießen. Informationen über den Reichstag und die umliegenden Sehenswürdigkeiten erhalten sie über einen Audio-Guide. Der ist kostenlos und steht in elf verschiedenen Sprachen zur Verfügung, dazu auch als Video-Guide für Gehörlose in Deutscher Gebärdensprache und als Audio-Guide für blinde Kuppelbesucher mit dazugehörigen 3D-Tafeln, auf denen die Gebäude ertastet werden können. Seit kurzem gibt es nun auch eine Audio-Erklärung in Leichter Sprache.

Viele Sehenswürdigkeiten und ihre Geschichte

Wer die Kuppel mit einem solchen Audio-Guide besichtigen möchte, bekommt auf dem Dach an einem Tresen ein kleines Gerät mit Kopfhörer ausgehändigt. Die Erklärungen beginnen von selbst, wenn man beginnt, die Rampe hochzulaufen. Eine sympathische Männerstimme spricht sehr langsam und deutlich. Wem das dennoch zu schnell ist, kann jederzeit die Pausentaste drücken. Neben einigen Informationen zum Gebäude erfährt man viel über die Sehenswürdigkeiten der Umgebung, wie den Tiergarten, den Potsdamer Platz, den Fernsehturm oder die Museumsinsel und damit viel Geschichtliches über Deutschland und Berlin.

Leichte Sprache für Kuppelbesucher

Den Text hat das „Büro für Leichte Sprache“ der Lebenshilfe Bremen e.V.) erstellt: Die Wörter haben in der Regel nicht mehr als sechs Buchstaben, und die Sätze nicht mehr als sechs Wörter. In jedem Satz kommt nur eine Aussage vor. Außerdem hat man auf schwere Wörter und Fach- oder Fremdwörter verzichtet. „Schwierige Wörter musste ich mit mehreren Sätzen erklären“, sagt Anne Wrede, die den Text übersetzt hat. „Und ich habe keine Informationen aus der standarddeutschen Version weggelassen.“ Daher sei die Version in Leichter Sprache länger als die Standardversion. Weiterhin habe sie keinerlei Vorwissen vorausgesetzt, sagt sie.
Wrede ist sich sicher, dass der Audio-Guide viele Menschen mit Lernschwierigkeiten erreichen wird. „Leichte Sprache hat die größtmögliche Zielgruppe“, sagt sie, „vor allem, wenn sie gesprochen wird.“ Denn das Lesen könne noch eine zusätzliche Barriere sein.

Auch mit Anweisungen

Über den Audio-Guide bekommen die Besucher nicht nur Informationen, sondern auch Anweisungen, wann sie stehen bleiben oder weitergehen sollen. Während der Erklärungen sollte man stehen bleiben, bis die Stimme zu Ende gesprochen hat. Geht man weiter, springt der Audio-Guide zur nächsten Erklärung. Stellenweise ist es nicht einfach, den Anweisungen zu folgen und das richtige Dach oder den richtigen Turm im Dächermeer von Berlin zu entdecken. Oben angekommen werden Konstruktion, Maße und Gewicht des Daches ausführlich erklärt. Und auch beim Runtergehen gibt es weitere Informationen, dann vor allem über das Reichstagsgebäude und seine neue Architektur.

Schwierige Anmeldung

Selbstständig und ohne Unterstützung werden allerdings nur die wenigsten Menschen mit Lernschwierigkeiten den Audio-Guide nutzen können. Denn vorher müssen sie sich für eine Besichtigung im Internet anmelden, die Bestätigungsmail ausdrucken, vor Ort einen Sicherheitscheck wie am Flughafen durchlaufen und ohne nähere Informationen an diversen Türen warten, bis sie mit einer großen Gruppe anderer Menschen zum Fahrstuhl geführt werden. Und für all das gibt es leider keine Informationen in Leichter Sprache.


Linktipps:
Ist die Leichte Sprache auch gut? Ein Blogbeitrag von Eva Keller über die Bewertung der Regeln der Leichten Sprache
Mehr Leichte Sprache! Ein Blogbeitrag von Stefanie Wulff über die Ausbildung von Prüfern für Texte in Leichter Sprache
Weltpolitische Nachrichten – ohne Sprachbarrieren. Ein Blogbeitrag von Katja Hanke über das Portal nachrichtenleicht.de mit aktuellen Nachrichten in Einfacher Sprache
„Das Wunder von Bern“ in Einfacher Sprache. Ein Blogbeitrag von Laura Merken über ein Buch in Einfacher Sprache über die deutsche Fußball-Weltmeister-Mannschaft von 1954

Katja Hanke

Blogger: Katja Hanke
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Barrierefreiheit

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„Nachhilfe im Leben des Anderen“

Blogger: Ulrich Steilen, am 05.07.2014 um 09:13 Uhr

Erstes und inklusives Kampagnen-Bootcamp in Deutschland

Die lachenden Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Bootcamp beim Gruppenfoto Foto: CampaignBootcampDeutschland / flickr.com

Kampagnen gibt es wie Sand am Meer: Wahlkampagnen, Pressekampagnen, Kampagnen für den Umweltschutz und gegen Tierversuche und, und, und. Aber was macht eine gute Kampagne aus? Welche Verantwortung tragen Kampagnen-Macher? Und was haben Kampagnen mit Inklusion am Hut?

In Paretz bei Berlin lernten 33 junge Aktivistinnen und Aktivisten fünf Tage lang – vom 14. bis zum 19. Juni 2014 – von professionellen Kampagnen-Trainern, wie einschlägige zivilgesellschaftliche Kampagnen entwickelt und durchgeführt werden. Auswahlkriterien für die Teilnahme waren neben bereits gemachten Erfahrungen in der Kampagnenarbeit vor allem die eigene Begeisterung, etwas verändern zu wollen.
Und das wollen alle Teilnehmer. „Warum gehen wir als Gesellschaft stur ausgetretene Wege weiter, obwohl es schon längst funktionierende Alternativen auf vielen Gebieten gibt“, fragt Teilnehmerin Astrid Österreicher in ihrer Vorstellung. Astrid möchte ihren Mitmenschen vermitteln, „dass eine bessere Welt möglich ist und dass es sich auszahlt, dafür zu kämpfen“. Zu dieser engagierten Haltung passte dann auch der Name, den die Organisatoren für die einwöchige Ausbildung der zukünftigen Kampagnen-Macher gewählt hatten: „Campaign Bootcamp Deutschland“.

Als Bootcamp wird eigentlich eine Armee-Ausbildung bezeichnet, die die Teilnehmer an ihre physischen und psychischen Grenzen bringen soll. Doch hier, beim ersten Kampagnen-Bootcamp im deutschsprachigen Raum, ging es weniger um militärische Schlagkraft, als um die professionelle Ausbildung in Strategie, Medienarbeit und Online-Kommunikation. Und die wird gebraucht, wenn eine Kampagne – beispielsweise zum Thema Klimaschutz oder Menschenrechte – erfolgreich sein soll.

Für inklusives Campaigning sensibilisieren

Neben Programmpunkten wie „Online-Fundraising“, „Das 1 X 1 der Medienarbeit“ oder „Facebook, Instagram und SMS“ war Inklusion eines der Top-Themen beim Kampagnen-Bootcamp. Inklusiv setzte sich nicht nur die Teilnehmergruppe aus jungen Frauen und Männern mit unterschiedlichen Migrationsgeschichten sowie mit und ohne Behinderung zusammen. Auch inhaltlich führte für die Organisatoren kein Weg an der Inklusion vorbei: „Ziel des Bootcamps war es, den zivilgesellschaftlichen Kampagnensektor zu professionalisieren, Aktivisten in ihrem Profil und ihren Kompetenzen zu schärfen, zu vernetzen sowie für inklusives Campaigning zu sensibilisieren“, sagt Anne Isakowitsch, eine der Initiatorinnen des Campaign Bootcamps.

Und für die Teilnehmer und zukünftigen Kampagnen-Planer besteht kein Zweifel, dass dies auch gelungen ist. „Ich habe das Thema Inklusion auf dem Bootcamp als sehr präsent wahrgenommen. Inklusion war hier derart selbstverständlich, dass ich meine eigene Behinderung sehr oft einfach vergessen habe. Das habe ich bisher so noch nie erlebt“, sagt Journalismus-Studentin Cinderella Glücklich, die im Rollstuhl sitzt. Und Bootcamp-Teilnehmer Jan Korte antwortet auf die Frage, was sich ändern muss, damit Kampagnen zukünftig inklusiver werden: „Da muss sich vieles ändern. Das fängt damit an, welche Bildsprachen ich verwende. Das geht damit weiter, dass ich Videos untertitele und für Blinde durch Audiodeskription zugänglich mache. Bis hin zur Überlegung, wen ich mit meiner Kampagne erreiche. Spreche ich auch Menschen mit Behinderung an, welche sozialen Milieus, Menschen mit welchen kulturellen Eigenheiten, körperlichen Fähigkeiten und welcher sexuellen Identität. Es muss viel passieren, nicht zuletzt da wir auch einen gesellschaftlichen Auftrag haben und nicht Zustimmungsabholungsmaschinen sind, die einfach auf Klicks bei Petitionen aus sind und ihre Säckel füllen wollen.“

„Inklusion ist Begegnung“

Dass erfolgreiche Kampagnenarbeit und Inklusion sich hervorragend ergänzen, ist ein Ergebnis, das alle Teilnehmer für ihre zukünftigen Kampagnen-Aktivitäten mitnehmen. „Das inklusive Campaign Bootcamp Deutschland hat vorgemacht, wie es geht. Eine prägende Zeit für mich und die anderen und ein Meilenstein für einen bunteren Kampagnensektor. Dank des Bootcamps habe ich verstanden, dass Inklusion Begegnung ist, die aktiv gestaltet werden muss. Inklusion bedeutet Nachhilfe im Leben des Anderen“, resümiert Franca Fabis und trifft damit das Gefühl aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer.


Zur Info:
Das erste Kampagnen-Bootcamp Europas fand 2013 in Großbritannien statt. Das Campaign Bootcamp Deutschland wurde von der Kampagnenfabrik, einem gemeinnützigen Verein in Gründung ausgerichtet. Die Aktion Mensch ist einer von vielen NGO-Partnern, die den 33 TeilnehmerInnen ermöglicht haben, während der fünf Ausbildungstage in Paretz 25 hochkarätige Workshops barrierefrei zu absolvieren und ein gemeinsames Kampagnen-Planspiel durchzuführen.



Linktipps:
Mehr Infos zum ersten Campaign Bootcamp Deutschland
Bilder vom Campaign Bootcamp Deutschland

Ulrich Steilen

Blogger: Ulrich Steilen
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Medien

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