Blog: Inklusion

Hier bloggen Menschen mit und ohne Behinderung aus ihrer je eigenen Perspektive über persönliche Erlebnisse, aktuelle Trends und Informationen rund um das Thema Inklusion.

Taubblinde in der Isolationshaft?

Blogger: Ulrich Steilen, am 15.04.2014 um 13:00 Uhr

Ein Film über die Situation von taubblinden Menschen in Deutschland

Eine Collage mit Szenen aus der Dokumentation "Taubblinde in der Isolationshaft!?"

Filmszenen aus Taubblinden-Doku: Inklusion ist Menschenrecht

Fotos: Katja Fischer

Nach Schätzungen leben in Deutschland zwischen 3.000 und 6.000 taubblinde Menschen. Wie sieht deren Alltag aus? Können sie ein selbstständiges Leben führen oder leben sie gleichsam in Isolationshaft? Auf welche Barrieren stoßen sie? Gibt es in Deutschland Unterstützung für taubblinde Menschen, beispielsweise in Form von Assistenz? Und wenn ja, welche Hilfe können Assistentinnen und Assistenten hier leisten? Der Film „Taubblinde in der Isolationshaft!?“ von Katja Fischer greift diese Fragen auf und erzählt die Geschichten von sechs taubblinden Menschen.

Zum Beispiel die von Sabine Springer aus Berlin, die gehörlos ist und deren Sehvermögen nach der Geburt ihres zweiten Kindes immer schwächer wurde. Das brachte viele Schwierigkeiten im Alltag mit sich. Probleme mit Nachbarn, die sie für unfreundlich hielten, weil sie ihren Gruß nicht erwiderte, oder gefährliche Situationen, die sie im Straßenverkehr erlebte.

Oder die Geschichte von Wolfgang Amadeus Haug, genannt Eddi, der spät ertaubt und erblindet ist und uns seinen Alltag zeigt – mit einer sehr individuellen Form der Kommunikation, die ihm und seiner Freundin ermöglicht, sich zu verständigen.

Geschichten von taubblinden Menschen

Auch die Brüder Dieter und Uwe Zelle aus Nordrhein-Westfalen werden im Film vorgestellt. Beide sind gehörlos und haben das Usher-Syndrom, eine erblich bedingte Kombination von langsam fortschreitender Netzhautdegeneration, bereits früh einsetzender Schwerhörigkeit oder Gehörlosigkeit von Geburt an. Beide betonen die Bedeutung von taktilem Gebärden, bei dem der taubblinde Mensch seine eigenen Hände auf die gebärdenden Hände seines Gesprächspartners legt.

Auch Birgit und Andreas Liebke sind taub und haben eine starke Sehbehinderung. Andreas kann seinen Beruf als Tischler nicht mehr ausüben und ist auf der Suche nach einer Alternative. In ihrem Alltag wird das Ehepaar aus Berlin von einer Assistentin unterstützt.

Am Ende des Filmes geht es um die Definitionen von Taubblindheit (TBL) und des Usher-Syndroms sowie um die Hintergründe, Ziele und Forderungen der Demonstration „Aktion Taubblind“ im Oktober 2013 in Berlin, bei der unter anderem gefordert wurde, Taubblindheit als Kategorie im Schwerbehindertenausweis zu vermerken und verbesserte technische Möglichkeiten für taubblinde Menschen zu ermöglichen.

Nur wenige ausgebildete Assistentinnen und Assistenten

Ausgebildete Helferinnen und Helfer sind selten in Deutschland. Für mehrere tausend taubblinde Menschen gibt es gerade mal ein paar Dutzend ausgebildete Assistentinnen und Assistenten. Lediglich in Nordrhein-Westfalen findet sich bislang eine Ausbildungsstätte. Die Folge: Die meisten taubblinden Menschen werden von Ehrenamtlichen oder Familienmitgliedern betreut.

Die Protagonistinnen und Protagonisten des Films berichten von ihren Erfahrungen im Alltag, ihren Erlebnissen und auch von Erniedrigungen. Sie haben unterschiedliche Kommunikationsformen wie die Deutsche Gebärdensprache, die taktile Gebärdensprache oder das Lormen, ein in die Hand „geschriebenes“ Tast-Alphabet. Gut ausgebildete Assistenz ist Voraussetzung, um ein selbstbestimmtes und barrierefreies Leben zu führen – raus aus der Isolationshaft!

Inklusion ist Menschenrecht

Das Thema Taubblindheit wurde in Deutschland lange Zeit öffentlich kaum thematisiert. Die Filmemacherin Katja Fischer, selbst gehörlos, nähert sich dem Thema auf einfühlsame Weise. Der 50-minütige Dokumentarfilm ist barrierefrei aufbereitet, um ein möglichst großes Publikum zu erreichen: Er enthält Gebärdenspracheinblendung, Audiodeskription – und es gibt ein barrierefreies PDF speziell für taubblinde Menschen mit einer Beschreibung des Filmes. Katja Fischer, die sich politisch auch für die „Aktion Gebärdensprache“ (Aktion DGS) engagiert, über ihren Film: „Ziel ist es, die Situation, in der taubblinde Menschen leben, darzustellen und somit deutlich zu machen, dass Inklusion kein Beiwerk, sondern ein Menschenrecht ist.“


Info:

Der Begriff „Taubblindheit“ beschreibt eine komplexe Sinnesbehinderung. Meist ist damit nicht der vollständige Ausfall des Hör- und Sehvermögens, sondern die viel häufigere Kombination von mehr oder weniger starker Hör- und Sehbeeinträchtigung gemeint. Daraus können sich Schwierigkeiten für die Mobilität und die räumliche Orientierung der taubblinden Menschen ergeben. Die Kommunikation wird mit Hilfe einer Vielzahl unterschiedlicher Kommunikationssysteme möglich. Ein Beispiel ist die taktile Gebärdensprache.
 
Katja Fischer ist Hochschuldozentin für Deaf Studies und Gebärdensprachdolmetscherin. Ihr Film „Taubblinde in der Isolationshaft!?“ ist auf ihrer Internetseite www.katjafischer.de zu finden.
 
Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Taubblinden e.V. hat es sich zur Aufgabe gemacht, der Isolation auf Grund von Taubblindheit entgegenzuwirken und die Inklusion in Hinblick auf taubblinde Menschen voranzutreiben. Die Arbeitsgemeinschaft setzt sich seit zehn Jahren für die Rechte taubblinder Menschen, unter anderem durch den Einsatz von Taubblindenassistentinnen und -assistenten, ein.



Linktipps:
Der Film „Taubblinde in der Isolationshaft!?“ ist auf Katja Fischers Homepage zu sehen
Mehr über Taubblindheit beim Bundesarbeitsgemeinschaft der Taubblinden
Infos zu Assistenz für Taubblinde beim Taubblinden-Assistenten-Verband
"Wir werden weiter kämpfen!" Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über die Aktion Gebärdensprache am 14. Juni 2013 in Berlin

Kommentar schreiben

Ist Inklusion immer noch ein Fremdwort?

Blogger: Margit Glasow, am 06.04.2014 um 09:34 Uhr

Vom 25. bis 29. März war die Didacta in Stuttgart Bildungshochburg für Lehrkräfte, Erzieher, Ausbilder, Personalentwickler, Trainer und Eltern. Das Thema Inklusion bahnte sich dabei nur mühsam seinen Weg.

Kathrin Lemler

Studentin Lemler: Gegen Vorurteile durchgesetzt

Foto: David Strenzler

„Ich möchte Euch noch kurz etwas erzählen“, ist die Stimme aus dem Sprachcomputer von Kathrin Lemler zu hören. „Eine Freundin hat auf die Frage, was sie mit mir am liebsten macht, geantwortet: Quatschen.“

Quatschen. Das ist eigentlich für zwei junge Mädchen nichts Ungewöhnliches. Eigentlich. Doch wenn man weiß, dass Kathrin Lemler nicht lautsprachlich reden kann, bekommt die Sache eine andere Dimension. Kathrin kommuniziert anders. Aufgrund einer Infantilen Cerebralparese funktioniert bei ihr das Sprechen nicht, denn um einen Laut erzeugen zu können, müsste sie eine Vielzahl von Muskeln auf eine bestimmte Weise bewegen. Das kann Kathrin nicht. Mit Leuten, die sie gut kennen, benutzt sie deshalb zur Verständigung eine Buchstabentafel. Diese Buchstabentafel funktioniert über ein Blicksystem: Sie wählt innerhalb eines von sechs Blocks den entsprechenden Buchstaben aus, indem sie zwei Bewegungen mit dem Kopf macht: nach oben links, oben Mitte, oben rechts, unten links, unten Mitte, unten rechts.

Ihr Gesprächspartner fügt die Buchstaben dann zu Wörtern zusammen. Diese Verständigung ist für Kathrin am einfachsten und schnellsten. Ansonsten spricht die junge Frau mittels ihres Sprachcomputers, einem Laptop, den sie über ihre Augen steuern kann. Im unteren Teil des Gerätes sind zwei Kameras eingebaut, die ihre Pupillen verfolgen. Indem sie auf einen bestimmten Buchstaben auf dem Bildschirm schaut, wird das Feld ausgelöst.

Gegen Widerstände und Vorurteile

Während einer offenen Gesprächsrunde auf der Didacta erzählt Kathrin Lemler mithilfe ihres Sprachcomputers von dem stolprigen Weg, auf dem sie sich als unterstützt Kommunizierende in der Schule letztendlich behauptet hat. Gegen alle Widerstände und Vorurteile. Wie es ihr gelang, von der Förderschule an eine integrative Gesamtschule zu wechseln und dort die mittlere Reife zu absolvieren. Wie sie schließlich das Gymnasium besuchen und das Abi ablegen konnte. „Häufig trauten mir Leute nicht zu, dass ich mit einer solchen schweren Behinderung in der Lage wäre, einen Abschluss zu erreichen. Von diesen Menschen habe ich mich nie entmutigen lassen. Im Gegenteil, ich dachte dann: So, und jetzt erst recht! Ich habe zum Glück auch immer wieder Menschen getroffen, die an mich und meine Fähigkeiten geglaubt haben.“

Seit 2008 studiert die selbstbewusste junge Frau nun an der Universität zu Köln Erziehungswissenschaften. Dabei hilft ihr, dass sie von Nachteilsausgleichen profitieren kann. Das bedeutet, sie bekommt für einige Dinge mehr Zeit. Das ist sehr wichtig für sie, weil sie, die mit einer 24-Stunden-Assistenz lebt, für bestimmte praktische Dinge des täglichen Lebens einfach mehr Zeit benötigt. Auch an der Uni war es zunächst nicht ganz einfach, sich gegen Vorurteile durchzusetzen. Die Kommunikation nur über technische Geräte macht erst einmal misstrauisch. Das ist etwas, was man nicht sofort versteht. Damit muss man sich auseinandersetzen. Und zwar alle: sowohl Dozentinnen und Dozenten als auch die Kommilitoninnen und Kommilitonen. Kathrin ist es mit ihrer fröhlichen Art gelungen, Türen aufzustoßen. Und sie hat klare Zukunftspläne: Sie möchte nach ihrem Studium im Bereich der Unterstützten Kommunikation arbeiten. Durch ihre Erfahrungen und fachlichen Kompetenzen in diesem Bereich möchte sie anderen unterstützt sprechenden Menschen und ihren Bezugspersonen und Familien helfen. Bereits seit 2008 ist sie neben ihrem Studium als autorisierte Referentin von ISAAC, der Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation, aktiv.

Noch mehr Aufklärung ist wichtig

Dass Aufklärung in diesem Bereich sehr wichtig ist, hat sich auf der Didacta in diesem Jahr wieder ganz deutlich gezeigt. Die Bildungsmesse hat zwar dem Thema Inklusion einen breiteren Raum gegeben als in den Jahren zuvor. So wurden zum Beispiel am Stand von rehaKIND e. V., der Internationalen Fördergemeinschaft zur Rehabilitation von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung, täglich Gesprächsrunden zum Gelingen der Inklusion in der Schule durchgeführt. Eine davon war die zum Thema „Können wirklich alle Kinder und Jugendlichen inkludiert werden?“ mit Kathrin Lemler.

Doch insgesamt konnte man sich auf der Messe des Eindrucks nicht erwehren, dass Inklusion immer noch ein Nischenthema ist, dass man eben – aufgrund der UN-Behindertenrechtskonvention – auch besetzen MUSS. Da erschreckt es immer wieder, wenn man Vorträge verfolgt, in denen man – wieder einmal – davon erfährt, was alles nicht geht, wer alles nicht inkludiert werden kann. Da fallen auch schon mal Worte wie „mehrfach Gestörte“, für die es besser ist, auf der Förderschule in einem geschützten Raum versorgt zu werden.

Wenige Beispiele für gelungene Inklusion

Dabei wäre die Didacta eine gute Möglichkeit gewesen, die 90.000 Besucher über dieses Thema im breiten Umfang aufzuklären – das Knowhow von Menschen zu nutzen, die sich mit diesem Thema intensiv auseinandersetzen, wie zum Beispiel Dr. Thomas Maschke, Dozent am Institut für Waldorfpädagogik, Inklusion und Interkulturalität, der sich unter anderem mit den Anforderungen an die Lehrerbildung beschäftigt, die sich aus der Umsetzung des Inklusionsgedankens ergeben. Oder André Zimpel, Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg, der viel darüber zu sagen weiß, wie man Menschen mit Trisomie 21 oder Menschen mit autistischen Störungen in die Regelschule inkludieren kann. Die Messe wäre also eine Gelegenheit gewesen, Ängste vor der Inklusion zu nehmen statt darzustellen, was alles nicht geht. Eine Möglichkeit, noch mehr Leute wie Kathrin Lemler einzuladen und zu zeigen, wie Inklusion gelingen kann. Immer unter dem Gesichtspunkt: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Zum Glück gibt es auch im nächsten Jahr eine Didacta – vom 24.–28. Februar 2015 in Hannover. Nutzen wir die Chance!


Linktipps:
Das Handlungsfeld „In der Schule“ der Aktion Mensch
„Schule für alle gestalten“: Das Praxisheft der Aktion Mensch für Lehrerinnen und Lehrer (PDF-Dokument)
Falsche Freunde. Ein Blogbeitrag von Eva-Maria Thoms über die Ergebnisse des UNESCO-Gipfels "Inklusion – Die Zukunft der Bildung" fünf Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention
Die Sonderpädagogik in Zeiten der Inklusion. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über Chancen und Herausforderungen für Sonderpädagogen in der schulischen Inklusion
Inklusion – ein Lehrstück. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen mit persönlichen Erfahrungen und Überlegungen zur schulischen Inklusion
 

Buchstabentafel zur Unterstützten Kommunikation

  • Tafel mit farbigen Buchstabenfeldern

    Die Buchstabentafel funktioniert über ein Blicksystem, bei dem innerhalb eines von sechs Blocks ...

  • Tafel mit farbigen Buchstabenfeldern, davon ein Feld hervorgehoben

    ... der entsprechende Buchstabe ausgewählt wird und der Gesprächspartner die Buchstaben dann zu Wörtern zusammenfügt.

Margit Glasow

Blogger: Margit Glasow
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Bildung

Bisher 1 Kommentar

Kommentar schreiben

Mitleid-Crisis

Blogger: Raúl Krauthausen, am 05.04.2014 um 09:22 Uhr

Wenn Sportler mit Prothesen auf einmal weiter springen als ihre nicht-behinderten Kollegen, dann ist kein Mitleid mehr vorhanden, sondern die Diskussionen fangen an. Für Raul Krauthausen ist diese Debatte vielleicht ein Anfang für mehr Miteinander und weniger Mitleid.

Markus Rehm beim Sprint-Start auf der Tartanbahn

Sportler Markus Rehm: Nur über die Prothese definiert

Foto: jsauras / flickr.com

Als ich zum ersten Mal von der Diskussion um den Leichtathleten Markus Rehm gehört hatte, dachte ich nur: "Now we're talking" – endlich reden wir mal! Denn bei den Nordrhein-Meisterschaften hat der Sportler alle Konkurrenten im Weitsprung geschlagen. So weit, so uninteressant. Einziges Manko: Rehm trägt eine Prothese und die anderen Athleten waren nicht-behindert, und genau da fangen jetzt die Probleme an. Auf einmal ist von Technik-Doping die Rede und ob man die Leistungen vergleichen kann.

Natürlich muss überprüft werden, ob die Prothese einen Vorteil beim Weitsprung bringt, aber warum fängt die Diskussion erst an, wenn ein Mensch mit einer "Behinderung" auf einmal besser ist als Nicht-Behinderte. Rehm ist in dem Wettbewerb ein gutes Beispiel, warum Behinderung nicht mit dem Menschen gleichzusetzen ist. Die defizitorientierte Sicht auf Behinderung hat der Sportler wiederlegt, wenn er mit den anderen Athleten mithalten kann. In der Diskussion ändert sich aber der Blick auf die Prothese, die auf einmal nicht mehr die Behinderung definiert, sondern angeblich einen "Wettbewerbsvorteil" bringt. Es ist schon fast amüsant, wenn es nicht so traurig wäre, wie Rehm nur über die Prothese definiert wird.

Wo ist hier eigentlich das Mitleid geblieben?

Doch eigentlich interessiert mich ein anderer Punkt in der Debatte: Wo ist hier eigentlich das Mitleid geblieben? Ob nun bei mir selbst oder bei Freunden, die eine Behinderung haben – es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht mit Mitleid konfrontiert werden. Natürlich ist es ein schöner menschlicher Zug, wenn Menschen anderen Menschen gegenüber nicht komplett kalt und empathielos sind, aber von Mitleid kann man sich auch nichts kaufen, und es regt noch nicht mal zu Diskussionen an. In manchen Fällen ist Mitleid sogar ein Persilschein für das eigene Gemüt und bringt dem Bemitleider mehr als dem Bemitleideteten.

Mein großes Problem mit Sätzen wie "Oh Mensch, das mit den Rollstuhl ist wirklich schrecklich!", "Ich finde es toll, was du so machst" oder um es auch wieder olympisch zu sehen: "Super, dass du das mitmachst! Ist ja so schwer für dich!" – begleitet mit einem traurigen Blick bringt es uns keinen Schritt weiter in einer Diskussion für mehr Inklusion. Wenn für jedes Mal Mitleid, was ich auf der Straße erfahre, eine Barriere abgebaut worden wäre, dann könnten wir Wheelmap.org, die Onlinekarte für rollstuhlgerechte Orte, schließen und ich könnte ein Eis essen gehen, in jedem Restaurant der Stadt. Aber so ist es leider nicht, und daher finde ich die Debatte um Rehms Erfolg so interessant, weil sie erst an einem Punkt kommt, wo er besser ist als seine nicht-behinderten Konkurrenten.

Ein Sprung für Miteinander statt Mitleid

Auf einmal ist nichts zu hören von "Hey, nun lasst ihn doch auch mal gewinnen, er hat es doch sonst schon so schwer" oder "Na, wenn er mit der Medaille sein Schicksal überwinden kann, dann ist es doch super!". Nein, es kommt zu einer knallharten Debatte, ob er die Leistung gebracht hat oder nicht. Aber genau hier wird es problematisch für andere Menschen mit Behinderungen: Wir werden nicht immer die Leistungen bringen, die Menschen ohne Behinderungen bringen können, weil an vielen Stellen die Welt für Menschen mit Behinderungen nicht gestaltet wurde, und das muss sich ändern.

Unsere Sozialhelden-Grafikerin sitzt im Rollstuhl und macht eine wunderbare Arbeit und könnte sich auch in vielen anderen Firmen bewerben, aber wenn sie an der Treppe zum Büro scheitert, dann trägt sie auch kein Mitleid nach oben, sondern jemand anderes bekommt den Job. Und diesen Barrierenabbau müssen wir schaffen, weil es sonst immer einfach ist, Mitleid zu haben, und es lächerlich wird, wenn dann doch mal ein Mensch mit Sehbehinderung einen besseren Text schreibt als der Kollege und danach im Büro gesprochen wird, ob er den besseren Computer hat. Denn eine Vergleichbarkeit von menschlichen Leistungen sollte es nicht geben und schon gar nicht zwischen Menschen mit und ohne Behinderung, aber eine Chancengleichheit, die kann man herstellen.

Natürlich soll das Mitleid nicht mit Mitgefühl verwechselt werden, und so hoffe ich auch, dass die Debatte um Markus Rehm keine große Belastung für ihn ist. Wir müssen Mitleid durch ein Miteinander ersetzen, weil das auch Inklusion bedeutet, und als Beispiel würde ich in Zukunft gerne den großen Sprung von Rehm zitieren.


Linktipps:
Selbstbewusstsein durch Sport. Ein Blogbeitrag von Michael Herold über seine ganz eigenen Erfahrungen mit dem Thema Sport
Zum Tanzen in den Keller gehen. Raúl Krauthausen macht sich im Blog Gedanken über eine inklusive Gesellschaft
Was haben Nichtbehinderte von der Inklusion? Anastasia Umrik erklärt im Blog, warum Inklusion für ALLE gut ist
Überall nur blaue Autos. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen über Menschen, die noch nie von Inklusion gehört haben – und die Konsequenzen für die, die sich ständig damit beschäftigen

Raúl Krauthausen

Blogger: Raúl Krauthausen
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Menschen mit Behinderung, Sport

Kommentar schreiben

Wird der Umgang mit Barrierefreiheit attraktiver?

Blogger: Margit Glasow, am 04.04.2014 um 12:42 Uhr

Auf der Internationalen Tourismusbörse fand in diesem Jahr zum dritten Mal der Tag des barrierefreien Tourismus statt. Ein Zeichen dafür, dass Reisen von Menschen mit Behinderung zunehmend als wirtschaftlicher Faktor wahrgenommen werden?

Ein Messestand in einer Halle, darüber ein großes Schild mit der Aufschrift "Barrierefreiheit geprüft"

„Reisen für Alle“ auf der ITB: Gesamte touristische Servicekette

Foto: Margit Glasow / thalmannverlag!

Die Internationale Tourismusbörse, kurz ITB, ist als Leitmesse der weltweiten Reisebranche die führende Business-Plattform für das globale touristische Angebot. So heißt es auf der Internetseite der ITB. Im März fand dort bereits zum dritten Mal der Tag des barrierefreien Tourismus statt – in diesem Jahr unter der Federführung der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) in enger Zusammenarbeit mit der Nationalen Koordinationsstelle Tourismus für Alle e.V. (NatKo).

Dass das Thema etwas höher als bisher angesiedelt war – immerhin wirbt die DZT seit über 60 Jahren im Auftrag der Bundesregierung für das Reiseland Deutschland im Ausland – ist wohl nicht zuletzt dem demografischen Wandel geschuldet. Denn jeder weiß, dass wir daran nicht vorbeikommen werden. Bereits 2006 waren laut Statistischem Bundesamt mehr als 15 Mio. Menschen in Deutschland älter als 65 Jahre, und 2020 werden es etwa 18,6 Mio. sein.

Enger Zusammenhang von Alter und Behinderung

Jeder weiß auch, dass es einen engen Zusammenhang von Alter und Behinderung gibt. So verwundert es nicht, dass jeder Dritte aus der Gruppe der 65+ mobilitäts- und aktivitätseingeschränkt ist (4,7 Mio. im Jahr 2006). Auch diese Gruppe wird steigen – 2020 auf geschätzte 5,5 Mio. Menschen. Hinzu kommen alle Menschen, die unabhängig vom Alter behindert oder chronisch krank sind sowie deren Angehörige und Freunde. Ein nicht zu unterschätzendes Reisepotenzial also, das oft ein anderes Reiseverhalten an den Tag legt. Das zeigt sich darin, dass häufig mehr Inlandreisen und weniger Flugreisen unternommen werden; dass es sich häufig um Alleinreisende handelt, die mehr in der Nebensaison unterwegs und oft bereit und in der Lage sind, hohe Reiseausgaben zu zahlen.
Dennoch: Ich habe den Eindruck, das Thema Barrierefreiheit ist noch nicht dort angekommen, wo es hingehört: in den Köpfen der Menschen. Es wird viel geredet und verhältnismäßig wenig umgesetzt. Konkrete Veränderungen gehen meist von Einzelinitiativen aus. So hielt sich meine Neugier in Grenzen. Hinzu kam, dass man auf der Internetseite der ITB unter dem Suchbegriff „Barrierefreiheit“ kaum aktuelle Einträge finden konnte – weder zu Ausstellern, die barrierefreie Angebote bereit hielten, noch zur barrierefreien Anreise zur Messe. Doch ich wollte mich vor Ort über den Stand der Dinge informieren und machte mich auf den Weg.

Messe Berlin veraltet bei der Barrierefreiheit

Es war erwartungsgemäß mal wieder nicht so einfach, zum Ort des Geschehens zu gelangen, wusste ich doch aus vergangenen Jahren, dass die Messe Berlin alles andere als barrierefrei ist. Und musste feststellen, dass sich daran auch nicht viel geändert hatte. Für mich als Gehbehinderte eine Herausforderung, auf diesem Riesengelände durch endlose Hallen, schlechte Ausschilderung, kaum eine Möglichkeit, sich zwischendurch mal hinzusetzen, vom Messeeingang bis zum Tagungsort in Halle 7 zu gelangen. Es gibt auf der Internetseite zwar einen Orientierungsplan für Rollstuhlbenutzer. Dort findet man zum Beispiel zahlreiche Hinweise auf „Behindertengerechte Aufzüge“. Allerdings erstreckt sich die Messe über drei Ebenen. Doch die Aufzüge fahren oft NUR nach unten oder NUR nach oben. Eine detaillierte Aufstellung darüber, was wie funktioniert, findet man nicht. Menschen mit Sinnesbehinderungen dürften da noch weniger brauchbare Hinweise finden. Hier fehlt ein logisches Leitsystem mit eindeutigen Symbolen für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen. Die Messe Berlin ist veraltet. Sollte ein international anerkanntes Messezentrum nicht ein wenig mehr bieten? Ich stellte mir aber auch mal wieder die Frage – und diese Randbemerkung sei mir gestattet –, ob das nicht vielleicht auch daran liegt, dass im barrierefreien Tourismus hauptsächlich Menschen beschäftigt sind, die keine Behinderung haben. Dies möchte ich ihnen nun nicht zum Vorwurf machen. Es sollte aber für Menschen mit Behinderung Anlass sein, sich auch hier stärker einzumischen. Dann klappt's vielleicht auch besser mit der Barrierefreiheit.

Noch immer fehlen barrierefreie Angebote für Menschen mit Behinderung

Schließlich hatte ich es geschafft, den „Saal New York“ zu erreichen, und konnte erst mal für eine Weile sitzen und den Diskussionsbeiträgen folgen. Endlich, ganz zum Schluss, folgte die lang erwartete Präsentation über die Entwicklung eines bundesweit einheitlichen Kennzeichnungssystems „Reisen für Alle“, ein vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) gefördertes Projekt. Denn, so betonte Dr. Rüdiger Leidner, Vorstandsvorsitzender der NatKo: „Noch immer können Menschen mit Behinderungen bzw. mit körperlichen Beeinträchtigungen aufgrund fehlender barrierefreier Angebote oder Informationsmangel nur teilweise bis gar nicht an freizeit- bzw. tourismusspezifischen Aktivitäten teilnehmen.“ Die Initiative „Reisen für Alle“ hat sich nun zum Ziel gesetzt, die gesamte touristische Servicekette in Deutschland im Hinblick auf ihre Eignung für Menschen mit Behinderungen zu erfassen. Das beginnt bei den Sehenswürdigkeiten, schließt aber auch den öffentlichen Nahverkehr und die Hotels mit ein. Erfüllt ein Betrieb die Anforderungen, so bekommt er das Barrierefrei-Siegel zusammen mit den Piktogrammen für die entsprechenden Gästegruppen, die diesen Betrieb eigenständig besuchen können. Piktogramme gibt es zum Beispiel für Gehörlose, Menschen mit kognitiven Einschränkungen, Seh- oder Gehbehinderte.

Einheitliches System macht Sinn – aber viele Fragen bleiben offen

Diese erneute Initiative zur Entwicklung eines bundesweit einheitlichen Kennzeichnungssystems ist ein innerhalb der Touristiker, die sich mit Barrierefreiheit seit vielen Jahren beschäftigen, sehr kontrovers diskutiertes Thema. Klar für mich ist, dass ein einheitliches System Sinn macht. Aber wird diese Aktion tatsächlich den gewollten Effekt haben? Oder wird es wieder eine Initiative von vielen sein, die viel Geld kostet und letztendlich wenig bewegt? Wird das ganze Vermessen letztendlich Anstoß sein, Barrieren zu beseitigen? Werden die Mitarbeiter vor Ort tatsächlich geschult und sensibilisiert werden? Und wer bezahlt – insbesondere, nachdem auch dieses zeitlich begrenzte Projekt ausgelaufen ist?

Ich frage mich: Woran liegt es, dass in Deutschland, immer wenn es in irgendeiner Form um Menschen mit Behinderung geht, alles so schleppend verläuft? Warum ist das Thema „schulische Inklusion“ so angstbesetzt? Warum ist gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung immer noch nicht selbstverständlich? Müssen wir vielleicht erst einmal über die Treppenstufen in unseren Köpfen reden, bevor wir über fehlende Aufzüge in öffentlichen Gebäuden diskutieren? Müssen wir vielleicht darüber streiten, wofür wir als Gesellschaft bereit sind, Geld auszugeben? Oder ist das vielleicht gar nicht gewollt?


Linktipps:
„Einfach hin und weg“: Mehr zum Thema „Barrierefrei Reisen“ bei der Aktion Mensch
Der Familienratgeber mit Infos über Urlaubsreisen für Menschen mit Behinderung
Das Handlungsfeld Barrierefreiheit der Aktion Mensch
Mehr Kultur! Neue Wege zum barrierefreien Tourismus. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über barrierefreie Führungen durch Trier, Erfurt und die Documenta
Selbstbestimmt reisen auch im Alter? Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über das Projekt ACCESS, das Senioren über barrierefreien Tourismus informieren will
Reisen mit allen Sinnen. Ein Interview im Blog von Ulrich Steilen mit Laura Kutter, die gemeinsame Touren für blinde, sehbehinderte und sehende Reisegäste veranstaltet

Margit Glasow

Blogger: Margit Glasow
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Freizeit, Barrierefreiheit

Kommentar schreiben

Teilhabe durch Sport

Blogger: Michael Wahl, am 31.03.2014 um 08:54 Uhr

Dr. Volker Anneken ist Geschäftsführer des Forschungsinstituts für Inklusion durch Bewegung und Sport an der Deutschen Sporthochschule Köln. Ein Interview über Inklusion im Breitensport.

Jugendliche beim Rollstuhlbasketball

Breitensportart Rollstuhlbasketball: Bessere Lebensqualität

Foto: DBS

Das Forschungsinstitut für Inklusion durch Bewegung und Sport (FIBS gGmbH) ist eine Gesellschaft der Gold-Kraemer-Stiftung, der Lebenshilfe NRW und der Deutschen Sporthochschule Köln mit dem Ziel, die Teilhabe und Inklusion von Menschen mit Behinderungen zu erforschen und zu fördern. Wir haben mit Dr. Volker Anneken, dem Geschäftsführer des FIBS, über die Arbeit des Forschungsinstituts gesprochen.

Michael Wahl: Herr Anneken, Ihr Institut beschäftigt sich seit mehr als fünf Jahren mit dem Forschungsschwerpunkt „Teilhabe und Inklusion durch Sport“. Welche Erkenntnisse können Sie hervorheben?

Dr. Volker Anneken: Wir haben für verschiedenste Zielgruppen mit Behinderungen feststellen können, dass die regelmäßige Teilhabe an Bewegungs- und Sportangeboten positiven Einfluss auf inklusive Prozesse hat. Neben einer besseren sozialen und beruflichen Teilhabe nehmen sportlich Aktive auch ihre Lebensqualität signifikant besser wahr als Inaktive. Dies trifft sowohl für Menschen mit körperlichen, sensorischen als auch mit kognitiven Beeinträchtigungen zu.
Wir haben aber auch feststellen müssen, dass es nach wie vor für viele Menschen mit Behinderungen wohnortnah zu wenig Möglichkeiten gibt, am Sport teilhaben zu können – insbesondere der Personenkreis mit ausgeprägten motorischen und/ oder kognitiven Beeinträchtigungen.

Wo sehen Sie die Schnittmengen zwischen Rehabilitationsport und Behindertensport?

Der Rehabilitationssport ist ein guter Weg, körperliche und psychische Fähigkeiten im Rahmen der Rehabilitation z. B. nach einer Erkrankung oder einem Unfall wieder zu stärken. Aber wichtiger ist für mich noch die Möglichkeit durch den Rehasport regelmäßiges Sporttreiben anzubahnen. Der Rehasport kann die Tür zum wohnortnahen Sportangebot sein und bereitet somit die Teilhabe an einem wichtigen Teilsystem der Gesellschaft vor.

Angebotserweiterung ein zentraler Faktor für gelingenden inklusiven Sport

Welche Strukturen in der deutschen Behindertensportlandschaft müssen aus Ihrer Sicht verändert werden, damit Menschen mit Behinderungen noch mehr Sport treiben können?

Es müssen mehr Angebote auch für die Zielgruppen geschaffen werden, die bis dato noch nicht selbstverständlich, wohnortnah und selbstbestimmt Sport treiben können. Dabei muss sich nicht nur der sogenannte Behindertensport weiterentwickeln. Der gesamte Sport muss vielfältigere Bewegungsangebote schaffen. Nur dann können auch diejenigen teilhaben, die kein großes sportliches Talent in die Wiege gelegt bekommen haben. Diese Angebotserweiterung ist in unseren Augen ein ganz zentraler Faktor für gelingenden inklusiven Sport. Hier gibt es in vielen Sportarten noch großen Entwicklungsbedarf. Tolle Beispiele wie Showdown oder Luftballonvolleyball zeigen aber, dass Sport auch anders kann.

Behindertensport wird häufig mit den Paralympics oder anderem Leistungssport verbunden – erleben Sie auch sportliche Leistungen von Menschen mit Behinderungen, denen der Sport zu ganz persönlichen Highlights oder inklusiven Begegnungen verhilft?

Mich persönlich hat ein Bericht eines Trainer im von unserem Institut begleiteten Programm „Einfach Fußball“ der Bayer AG beeindruckt. In den ersten Monaten nahm ein Kind mit geistiger Behinderung nur passiv am Rand spielend teil. Der Trainer des Vereins versuchte immer wieder, ihn einzubinden. Dennoch kam der Spieler jede Woche. Irgendwann gab der Trainer auf und bat den jugendlichen Trainerassistenten ohne Behinderung, mal auf den Teilnehmer zuzugehen. Nicht beim ersten Mal – aber nach zwei oder drei Trainingseinheiten stand der Junge plötzlich auf, ging mit dem Assistenten zur Gruppe und nahm von dem Tag an immer am Fußballtraining begeistert teil.

Sport und Inklusion haben also große Schnittmengen, die jeder nutzen kann und soll – wo können sich unsere Leser über Ihre Erkenntnisse informieren?

Aktuelle Publikationen aus dem FIBS finden Sie unter www.fi-bs.de. Zwei aktuelle Veröffentlichungen zu den Themen, die wir gerade besprochen haben, sind die Tagungsdokumentation „Inklusion durch Sport. Forschung für Menschen mit Behinderungen“ und ein Lehrbuch zum „Sport von Menschen mit Behinderungen“.

Herzlichen Dank, Herr Dr. Anneken, für das Interview, und viel Erfolg für eine sportlich-inklusive Zukunft.


Linktipps:
Das Forschungsinstitut für Inklusion durch Bewegung und Sport (FIBS gGmbH)
Das Handlungsfeld "Inklusion leben: In der Freizeit" der Aktion Mensch
Selbstbewusstsein durch Sport. Ein Blogbeitrag von Michael Herold über seine ganz eigenen Erfahrungen mit dem Thema Sport
Spiel, Spaß, Inklusion. Ein Blogbeitrag von Eva Keller über die Arbeit des Deutschen Olympischen Sportbundes für Inklusion in den Sportvereinen
Die Weichen des Behindertensports von Sotschi bis Rio. Ein Interview im Blog von Michael Wahl mit dem DBS-Präsidenten Friedhelm Julius Beucher über Paralympics, Breitensport und Inklusion

„Sport führt Menschen zusammen und überwindet Grenzen“: Aktion Mensch ist neuer Partner des Behindertensports

Michael Wahl

Blogger: Michael Wahl
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Freizeit, Sport

Kommentar schreiben

„Gelebte Geschichte“ – Inklusion beim TSV Bayer 04 Leverkusen

Blogger: Nico Feißt, am 26.03.2014 um 08:48 Uhr

Der TSV Bayer 04 Leverkusen ist in Deutschland ein Vorzeigeverein, nicht nur im Behindertensport. Die Vorteile inklusiven Trainings werden schon lange genutzt – lange bevor der Begriff Inklusion allgegenwärtig wird. Neues Paradebeispiel ist Prothesensprinter Felix Streng.

Felix Streng beim Sprint

Bayer-Sprinter Felix Streng: Ganz vorne in der Weltspitze

Foto: TSV Bayer 04

Deutsche Jugendmeisterschaften der Leichtathletik in Sindelfingen. Die 4x100m-Staffel des TSV Bayer 04 Leverkusen belegt Platz Vier. Mit dabei ist auch Felix Streng, Deutschlands bester 100m-Sprinter im paralympischen Bereich – ein Novum. Noch nie lief ein Prothesensprinter bei Deutschen Jugendmeisterschaften in der Staffel: „Viele Gegner haben hingeguckt, es gab fragende Blicke. Aber der Respekt, die Akzeptanz als Athlet, die war auf jeden Fall da“, erzählt er. Die Staffelnominierung hat er sich durch seine guten Leistungen verdient.

Seit den 1980er Jahren inklusives Training

Inklusion bei Bayer Leverkusen ist mittlerweile gelebte Geschichte, das gab es hier, bevor es den Begriff gab“, sagt Jörg Frischmann, Geschäftsführer Behindertensport bei Bayer 04 und selbst Paralympics-Sieger. „Das fing in den 1980er Jahren mit unserer Schwimmerin Britta Siegers an, die mit den Topschwimmern des Vereins trainierte. In den 90ern fuhren unsere Standvolleyballer mit dem Bundesligateam der Nichtbehinderten gemeinsam ins Trainingslager, und 1992 war ich der erste Leichtathlet.“ Frischmann ist Kugelstoßer und Speerwerfer. Er kommt in die Trainingsgruppe von Karl-Heinz Düe und trainiert mit den nichtbehinderten Athleten zusammen. „Am Anfang gab es viele Ausreden, das geht nicht, das kann ich nicht“, sagt Frischmann, doch Trainer Karl-Heinz Düe findet immer Wege, damit sein Athlet die Bewegungen ausführen kann, wenngleich ein bisschen angepasst.

Felix Streng hat erst mit 17 Jahren vom Behindertensport beim TSV Bayer 04 Leverkusen erfahren. Nach einem Probetraining zieht er von Coburg nach Leverkusen. Dort wohnt er in einem Teilinternat, der Verein lässt die Athleten mit und ohne Behinderung zusammen in Wohngemeinschaften leben, kümmert sich um das Drumherum und stellt Personal zur Verfügung. Streng besucht die Eliteschule des Sports und macht in diesem Jahr sein Abitur, bekanntester Absolvent ist Nationaltorhüter Rene Adler. Nach der Schule gibt es Mittagessen, dann Hausaufgabenbetreuung, dann Training. Gemeinsam mit Weitsprung-Weltrekordler Markus Rehm trainiert er bei Ex-Speerwerferin Steffi Nerius.

Auch im Breitensport aktiv

„Wir machen natürlich auch viel für den Breitensport“, sagt Frischmann. Es gibt eine Kindergruppe mit Fünfjährigen, eine Herzsportgruppe. Insgesamt sind 300 Mitglieder in der Behindertensportabteilung aktiv. Die Flyer liegen bei Kinderärzten, damit die Eltern von potenziellen Talenten auf das Thema aufmerksam werden.

Felix Strengs Karriere geht noch immer steil bergauf. 2013 wird er Doppelweltmeister bei den Junioren in Weltrekordzeit über 100m und 200m. Jetzt ist er mit 22,22 Sekunden ganz vorne dabei in der Weltspitze über 200m, in diesem Jahr soll bei der Europameisterschaft das Debüt im Seniorenbereich folgen, 2016 in Rio die ersten Paralympics. Und das nicht nur alleine, sondern auch in der Staffel, gemeinsam mit David Behre, Heinrich Popow und Markus Rehm, die auch alle bei Bayer 04 Leverkusen trainieren.


Linktipps:
Mehr Infos zur Behindertensportabteilung des TSV Bayer 04 Leverkusen
Selbstbewusstsein durch Sport. Ein Blogbeitrag von Michael Herold über seine ganz eigenen Erfahrungen mit dem Thema Sport
Es war gut, weil es einfach wieder Sport war. Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über die Leichtathletin Jana Schmidt und ihr Ziel Paralympics 2016 in Rio
Die Weichen des Behindertensports von Sotschi bis Rio. Ein Interview im Blog von Michael Wahl mit dem DBS-Präsidenten Friedhelm Julius Beucher über Paralympics, Breitensport und Inklusion

„Sport führt Menschen zusammen und überwindet Grenzen“: Aktion Mensch ist neuer Partner des Behindertensports

Nico Feißt

Blogger: Nico Feißt
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Sport

Kommentar schreiben