Blog: Inklusion

Hier bloggen Menschen mit und ohne Behinderung aus ihrer je eigenen Perspektive über persönliche Erlebnisse, aktuelle Trends und Informationen rund um das Thema Inklusion.

Down-Syndrom-Babys aussortieren?

Blogger: Ulrich Steilen, am 24.07.2012 um 09:36 Uhr

Mit einem neuen vorgeburtlichen Bluttest ("PraenaTest") können "Gen-Defekte" bei Embryonen nachgewiesen werden. Das Risiko für die schwangeren Frauen ist dabei gering. Trotzdem ist der Test heftig umstritten. Die Kritiker befürchten eine Zunahme von Abtreibungen bei Babys mit Behinderung.

Blutproben in Teströhrchen Blutproben im Labor – Foto: Tschörda/Flickr.com

"Egal, Hauptsache gesund", antworten viele werdende Eltern auf die Frage, ob sie sich ein Mädchen oder einen Jungen wünschen. Um vorher zu wissen, ob ihr Kind "gesund" zur Welt kommen wird, entscheiden sich in Deutschland jährlich rund 30.000 schwangere Frauen für eine Fruchtwasseruntersuchung. Werden dann bei dem Ungeborenen Besonderheiten wie das Down-Syndrom (Trisomie 21) festgestellt, brechen neun von zehn Frauen die Schwangerschaft ab. Doch die Fruchtwasseruntersuchung ist umstritten, das Risiko einer anschließenden Fehlgeburt hoch (0,5 – 1 %). Jetzt soll der neue Bluttest die Sache vereinfachen und die Gefahren für Schwangere und Embryos minimieren. Mit Hilfe des Tests können im Blut der schwangeren Frau Teile der Erbinformation (DNA-Fragmente) des Ungeborenen untersucht werden. Die Ergebnisse gelten als sehr zuverlässig.

Rasterfahndung nach Menschen mit Down-Syndrom

Aber der "PraenaTest" stößt auf Widerstand. Hubert Hüppe, der Bundesbeauftragte für Menschen mit Behinderung, spricht von einer "Rasterfahndung nach Menschen mit Down-Syndrom". Er lehnt den neuen Bluttest als "illegal" ab. Auch ein von ihm in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten kommt zu dem Ergebnis, dass der Test "kein zulässiges Diagnosemittel nach dem Gendiagnostikgesetz sei". "Es geht beim Bluttest fast ausschließlich um die Selektion von Menschen mit Down-Syndrom", erklärte Hüppe in einer Pressemitteilung.
Der Frankfurter Philosoph Martin Seel warnt davor zu glauben, man sollte die Natur vollständig selbst in die Hand nehmen. Etwa durch genetische Manipulation. "Wollten wir die Zufälligkeiten unserer Physis beseitigen, wären die Freiheiten der menschlichen Lebensführung und des gesellschaftlichen Zusammenlebens die ersten Opfer", sagte Seel kürzlich in einem ZEIT-Interview. Die Freiheiten der menschlichen Lebensführung? Gehört dazu aber nicht auch die Freiheit einer schwangeren Frau zu entscheiden, ob sie die Möglichkeit des neuen Bluttestes nutzen möchte oder nicht?

Recht auf Nichtwissen

Im Sinne der Inklusion sollte unsere Gesellschaft jedes Kind willkommen heißen, so wie es ist. Egal ob mit oder ohne Behinderung. Die Gesellschaft muss den Frauen bzw. den werdenden Eltern deshalb aber nicht vorschreiben, was sie zu tun haben. Die meisten von ihnen machen sich ihre Entscheidung gewiss nicht leicht. Das Ergebnis einer vorgeburtlichen Untersuchung kann sie vor eine sehr schwierige Entscheidung stellen. Dessen sollten sie sich bewusst sein.
Manche Eltern wollen nicht wissen, ob ihr Kind ein Junge oder ein Mädchen wird, ob es eine Behinderung haben wird oder nicht. Wissen kann entzaubern. Es kann auch überfordern und zu einem Gewissenskonflikt führen. Auch deshalb ist es gut, dass es so etwas wie ein "Recht auf Nichtwissen" gibt.


Mehr zum Thema:
Familienratgeber: Vorgeburtliche Diagnostik
Informationen zum neuen Bluttest auf der Internetseite netmoms.de
Ärztezeitung:Trisomie 21. Der Bluttest und die Ethik.
Der neue Bluttest – Fluch oder Segen? Ein Blogbeitrag von Carina Kühne

Ulrich Steilen

Blogger: Ulrich Steilen
Kategorie: Inklusion

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