Blog: Inklusion

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Wenig Sex, kein Rock 'n' Roll

Blogger: Anina Valle Thiele, am 19.07.2012 um 08:16 Uhr

Nach "Ziemlich beste Freunde" kommt mit (der belgischen Komödie) "Hasta la vista" wieder ein Film in die Kinos, der Laune machen und Tabus gegenüber Menschen mit Behinderung brechen soll. Leider bietet der Roadmovie über drei Jungs, die nach Spanien in ein Bordell aufbrechen, weder Überraschungen noch geistreiche Dialoge.

Filmszene: Lars, Philip und Jozef abends vor einem spanischen Nachtclub Filmszene aus "Hasta la vista" – Foto: Ascot Elite Filmverleih

Auf den Dekolletés zweier am Strand joggender Frauen ruht die Kamera und gewährt tiefe Einblicke – eine ästhetische erste Einstellung. Philip (Robrecht Vanden Thoren), von der Wirbelsäule ab gelähmt, sitzt auf dem Balkon einer Urlaubswohnung und beobachtet vom Rollstuhl aus die Joggerinnen. Er hat jene Sehnsüchte, die wohl alle 20-Jährigen mehr oder weniger haben: nach Abenteuern und Sex, vor allem aber nach ein bisschen mehr Eigenständigkeit. Angesichts seiner Lähmung und der quasi Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch seine Eltern ein Problem. Seinen Freunden Lars (Gilles de Schryver) und Jozef (Tom Audenaert) geht es da nicht anders. Alle drei wohnen sie noch zu Hause, werden bemuttert und umsorgt, dass sie unter der Fürsorge ihrer Eltern bald zu ersticken drohen.

Platte Dialoge

Da kommt die fixe Idee, nach Spanien aufzubrechen, gerade gelegen. "El cielo", zu Deutsch "Der Himmel", heißt das Ziel, ein Etablissement in Punta del Mar, das mit bildschönen Frauen wirbt, die sich auf Kunden mit Behinderung spezialisiert haben. Dort soll es hingehen, denn dort wartet das Glück – da sind sich die drei Freunde Philip, der fast blinde Jozef und der schwer an Krebs erkrankte Lars sicher. Und weil die Eltern das natürlich nicht erlauben, "Wer soll euch denn dann betreuen?", muss es eben heimlich geschehen.

So wird der Plan ausgeheckt, eine bärbeißige wallonische Matrone als Chauffeurin aufgetan und die Reise – als Weinfahrt getarnt – von den Eltern nach Widerständen sogar bewilligt. "Na gut, wenn der Doktor es erlaubt", heißt es, und tatsächlich sind die Dialoge derart vorhersehbar, dass man bisweilen denkt, es handle sich bei "Hasta la vista" um eine zweitklassige Fernsehabendproduktion. Hinzu kommen Witze, die auf die Konflikte zwischen Flamen und Wallonen abzielen und in der wenig eleganten deutschen Synchronfassung einfach nicht funktionieren.

Peinliche Beklemmung in allen Szenen

In letzter Minute scheitert das Vorhaben fast an dem schlechten Befund von Philip, so dass die drei sich im Morgengrauen wie Kriminelle davonschleichen. Auf geht's über zahlreiche Stopps in Novotel-und Mercure-Hotels oder auch mal im Zelt unterm Sternenhimmel im klapprigen Bus an die spanische Küste. Statt Rock 'n' Roll oder Blues werden dazu französische Chansons geträllert. Im Grunde ja genug Stoff für eine sommerliche Komödie in ungewöhnlicher Besetzung, und dennoch schafft es "Hasta la vista" nicht, jene Unbeschwertheit von "Vincent will Meer" und zuletzt "Ziemlich beste Freunde" zu vermitteln. In beinahe allen Szenen schwingt ein Rest peinlicher Beklemmung mit.

Zu didaktisch

Allein mit der Besetzung der Chauffeurin Claude (Isabelle de Hertogh) ist ein großer Wurf gelungen, denn die übergewichtige, aus der Unterschicht stammende Wallonin entpuppt sich als herzensgute Seele und vermag im Vergleich zu den anderen Schauspielern in ihrer Rolle als schroffe "Französin" mit weichem Kern zu überzeugen. Trotz Komödie hätten die anderen Darsteller mehr Eigenes vertragen. Da ändert es auch nichts, dass Lars in seiner Rolle ein (groß-)bürgerliches Charakterschwein vor allem gegenüber Claude ist. – Eben wie im wahren Leben, wo, egal, ob behindert oder nicht, jeder Mensch seine Macken hat.

Mitunter amüsiert man sich zwar über die unbeholfenen Übersetzungen und tapsigen Annährungsversuche von Jozef, der als Blinder als Erster die Warmherzigkeit von Claude erahnt und sich am Ende – wie sollte es auch anders sein – in sie verliebt. Doch der Humor scheitert eben wegen seiner pädagogischen Ausrichtung, auch wenn die Witze der Jungs mitunter obszön als Hosenstallhumor daherkommen. Nicht hemmungslos, bewusst unter der Gürtellinie und mutig soziale Unterschiede sichtbar machend, sondern allzu didaktisch sind die Dialoge. Es wirkt, als wolle es Regisseur Geoffrey Enthoven dem Zuschauer wie mit dem Hammer einbläuen, dass Behinderte auch Spaß haben können. Am Ende haben natürlich alle drei verwöhnten Jungs ihre Vorurteile gegenüber der wallonischen Assistentin überwunden und sind Claudes Charme verfallen.

"Hasta la vista" verblasst gegenüber "Ziemlich beste Freunde"

So verblasst "Hasta la vista" gegenüber "Ziemlich beste Freunde" und wirkt wie ein netter Schulfilm oder eben der Versuch eines sommerlichen Roadmovies über drei Menschen mit Behinderung. Dem belgischen Nachzügler mangelt es schlicht an allem: am Budget, an überzeugenden Darstellern, aber vor allem an intelligentem Witz.


Linktipps:
Die offizielle Homepage von "Hasta la Vista"
"Hasta la Vista": Filmkritik bei Rolling Planet
Filmreife Behinderung. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen
Filmkritik: "Einer wie Bruno". Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen
Blindheit in den Medien (2): Der blinde Zeuge. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert

Anina Valle Thiele

Blogger: Anina Valle Thiele
Kategorie: Inklusion

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