Blog: Inklusion

Hier bloggen Menschen mit und ohne Behinderung aus ihrer je eigenen Perspektive über persönliche Erlebnisse, aktuelle Trends und Informationen rund um das Thema Inklusion.

Der neue Bluttest – Fluch oder Segen?

Blogger: Carina Kühne, am 11.06.2012 um 09:17 Uhr

Test-Röhrchen mit Blutprobe Foto: Andrea Damm / pixelio.de

Demnächst soll ein neuer Bluttest der Firma Lifecodexx auf den Markt kommen. Mit diesem Test kann man schon in der 10. Schwangerschaftswoche feststellen, ob das ungeborene Kind eine Chromosomenanomalie hat. Bisher war dies nur mit einer Fruchtwasseruntersuchung möglich.

Das ist natürlich ein großer Fortschritt. Ich kann gut verstehen, dass alle werdenden Eltern sich ein gesundes Kind wünschen. Aber es gibt sehr viele verschiedene Behinderungen, die man mit diesem Test nicht ausschließen kann, und die meisten erwirbt man auch erst im Laufe des Lebens.
Da man das Down-Syndrom nicht therapieren kann, dient dieser Test nicht dazu zu heilen, sondern ausschließlich der Selektion. Das macht mich sehr betroffen, weil es wahrscheinlich bald – wenn dieser Früherkennungstest zur Routineuntersuchung wird – kaum noch Menschen geben wird, die wie ich mit dem Down-Syndrom leben. Schließlich werden heute schon 95 % der Föten abgetrieben, wenn man eine Trisomie 21 feststellt.

Schade, dass die Vorstellung, ein Kind mit Down-Syndrom zu bekommen, für die meisten Menschen so erschreckend ist. Vielleicht würde sich das ändern, wenn sie uns kennen lernen würden. Ich war am 5. Mai beim 10. Deutschen Down-Sportlerfestival der Firma Hexal in Frankfurt und durfte viele glückliche und fröhliche Kinder mit Trisomie 21 und ihre Familien sehen. Sicher hatten auch diese Eltern Angst davor, was auf sie zukommt. Heute möchten sie sicherlich nicht mehr auf diese liebenswerten Kinder verzichten!

Die meisten Menschen mit Down-Syndrom leben gerne und leiden auch nicht unter der Chromosomenanomalie. Ich frage mich, was wird, wenn sich eine schwangere Frau gegen diesen Test oder trotzdem für ihr behindertes Kind entscheidet? Verweigern die Krankenkassen dann die notwendigen Therapien und Behandlungen, weil man das ja hätte verhindern können?
Leider müssen sich Eltern behinderter Kinder schon heute die Frage gefallen lassen, "ob das denn sein musste". Ich finde jedenfalls, dass unsere Welt ärmer wäre, wenn es diese Menschen nicht mehr gäbe.
Wir gehören doch dazu!


Linktipps:
Erster offizieller Welt-Down-Syndrom-Tag: Ein Blogbeitrag von Carina Kühne
Familienratgeber: Vorgeburtliche Diagnostik
Die Zeit Online: Früher erkennen
Deutsches Ärzteblatt: Pränataltest zur Erkennung von Trisomie 21: Warnung vor Automatismus

Carina Kühne

Blogger: Carina Kühne
Kategorie: Inklusion

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Inge Rosenberger

12.06.12 um 19:59 Uhr

Im Internet gefunden - Quelle und kompletter Text: Europäisches Parlament
Ausschuss für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit

Zitat *********
"ENTWURF EINES BERICHTS
über den Vorschlag für eine Empfehlung des Rates für eine europäische Maßnahme im Bereich seltener Krankheiten

[...] In einigen Fällen gibt es bereits Gentests, die vor Präimplantationsverfahren durchgeführt werden können, um solche Krankheiten bei Embryonen auszuschließen und letztlich einige dieser Krankheiten auszumerzen. Hier ist konzertiertes Handeln mit genetischer Beratung und Informationsnetzen gefragt. Dies ist in einigen Mitgliedstaaten bei bestimmten Krankheiten bereits gängige Praxis und sollte geprüft und in Erwägung gezogen werden, da so schließlich einige dieser Erkrankungen ausgemerzt werden können. [...]" **********

Vor allen Dingen der Begriff "ausmerzen" verursacht ein sehr ungutes Gefühl bei mir. Sind die "Empfehlung" bei der PID (Präimplantationsdiagnostik) und dieser Bluttest vielleicht der Anfang? Danach kommen "Empfehlungen" für schwerstbehinderte Neugeborene (siehe Singer, Nida-Rümelin und andere), und dann für alle anderen Menschen, denen gewisse Werte und Fähigkeiten (wirtschaftlicher Nutzen) abgesprochen werden?!?
Dieser Machbarkeitswahn und die Idee, bestimmte Erkrankungen am Ort der Entstehung zu erkennen und dann (mitsamt dem entstehenden Menschen) "ausmerzen" zu können sind ein medizinisch verbrämter ideologischer Größenwahn...
Man könnte dahinter eine Art Versuch zur Lösung künftiger (volkswirtschaftlicher) Probleme sehen. Ich befürchte, irgendwann wird das Recht auf eine vorgeburtliche Untersuchung zur Pflicht werden.
Und wer sich verweigert?? .... ist selbst schuld und muss die (wirtschaftlichen) Folgen dann auch selbst tragen.


 

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