Blog: Inklusion

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Blind wohnen: Über Füße im Futter und verschollene Korkenzieher

Blogger: Heiko Kunert, am 30.08.2011 um 10:00 Uhr

"Benutzt Du den weißen Stock auch in Deiner Wohnung?", "Kannst Du als Blinder kochen und putzen?", "Hast Du einen Betreuer?" – Fragen wie diese stellen mir sehende Menschen. Sie hatten in ihrem Leben keinen Kontakt mit blinden Menschen – nicht in der Schule, nicht in der Uni, nicht im Beruf.

Wenngleich das Wort "normal" häufig nicht viel aussagt, hier passt es mal: Ich wohne ganz normal, in einer ganz normalen Wohnung, ich putze mit einem normalen Schwamm und normalen Putzmitteln, ich nutze einen normalen Herd mit normalen Töpfen und Pfannen, ich habe eine normale Katze und eine normale Freundin.

Ich nutze meinen Tastsinn, mein Gehör, meine Nase. Ich habe tastbare Markierungspunkte an Backofen und Waschmaschine. Und ich habe ein Training in Lebenspraktischen Fähigkeiten (LPF) hinter mir. Hier zeigen einem Rehabilitationstrainer, wie man mit Messer und Gabel isst, wie man systematisch ein Zimmer staubsaugt oder ein Hemd bügelt. Ganz gleich ob man von Geburt an blind ist oder im hohen Alter sehbehindert wird – so ein Training ist sehr wichtig, um selbstständig zu sein. Leider gibt es gerade bei LPF häufig Schwierigkeiten bei der Kostenübernahme und Gerangel zwischen Krankenkasse und Sozialamt.

Blinde Menschen benutzen den weißen Stock nicht in ihrer Wohnung. Hier kennen wir uns aus. Wir wissen, wo ein Hindernis steht. Zugegeben, das stimmt nicht immer: Wenn die sehende Freundin das Katzenfutter 20 cm weiter rechts hinstellt, tritt der blinde Hausherr schon mal in den Hühnchen-Rind-Schleim. Ich bin nicht immer ordentlich, aber ich weiß, wo sich was in meiner Wohnung befindet. Ich kann den Blick nicht durchs Wohnzimmer schweifen lassen, auf der Suche nach dem Korkenzieher. Da ist es besser, sich zu merken, wo er liegt. Sonst heißt es suchen, erst den Tisch abtasten, dann alle Regalfächer. Das kann dauern.

Ich habe keinen Betreuer. In den ersten Jahren in der eigenen Wohnung hatte ich einen pädagogischen Betreuer im eigenen Wohnraum (PBW). Er unterstützte mich beim Organisieren des Alltags. Ich könnte mir vorstellen, dass auch viele Menschen ohne Handicap so einen Helfer gut gebrauchen könnten. Heute brauche ich kein PBW mehr. Das heißt nicht, dass ich keine Hilfe benötige. So nehme ich lieber keine Bohrmaschine in die Hand, ich streiche nicht die Wände oder verlege nicht den Teppich. Da bitte ich lieber Freunde und Familie um Hilfe. Das Ergebnis sieht dann wahrscheinlich besser aus.

Infos über lebenspraktische Fähigkeiten vom DBSV

Artikel zu Pädagogischer Betreuung im eigenen Wohnraum bei Wikipedia

Heiko Kunert

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