Blog: Inklusion

Hier bloggen Menschen mit und ohne Behinderung aus ihrer je eigenen Perspektive über persönliche Erlebnisse, aktuelle Trends und Informationen rund um das Thema Inklusion.

"Schule muss sich den Schülern anpassen"

Blogger: Ulrich Steilen, am 07.06.2012 um 09:03 Uhr

Echte schulische Inklusion ist eine ähnliche Mammutaufgabe wie die Energiewende. Da braucht es Wegweiser und Vorbilder, an denen sich andere orientieren können. Die Grundschule in Eitorf an der Sieg ist solch ein Vorreiter der Inklusion. Für ihre außergewöhnliche Unterrichtsgestaltung ist sie mit dem Jakob-Muth-Preis für inklusive Schule ausgezeichnet worden. Grund genug für mich, die Schule zu besuchen, den Kindern beim Lernen und Rektor Boris Kocéa bei seiner Arbeit zuzusehen.

Schulleiter Boris Kocéa Schulleiter Boris Kocéa

"Unsere Schülerinnen und Schüler sind unterschiedlich. Man kann nicht mit allen auf gleichem Weg zur gleichen Zeit das Gleiche lernen", sagt Schulleiter Kocéa. "Die Kinder mit Förderbedarf werden bei uns nicht rausgezogen, sondern bleiben im Klassenverband. Schule muss sich den Schülern anpassen und nicht umgekehrt." 330 Kinder, davon etwa die Hälfte mit Migrationshintergrund und über 30 mit diagnostiziertem Förderbedarf, lernen hier gemeinsam und können je nach Neigungen und Fähigkeiten passende Unterrichtsmethoden und Hilfsmittel wählen.

Unterricht mal anders

Die Schulräume sind so gestaltet, dass sich die Schülerinnen und Schüler frei bewegen können. Sie nutzen verschieden gestaltete Arbeitsplätze wie Computer-, Lese- und Mathematikecke. Den ganzen Tag auf dem gleichen Stuhl hocken und nach vorne auf die Tafel stieren war gestern. Wenn jemand den Drang verspürt, sich zu bewegen, dann geht er eben mal raus. "Wir geben ihnen eine Sanduhr in die Hand und sagen: Dreh ein paar Runden auf dem Schulhof und wenn der Sand durchgelaufen ist, kommst du zurück. Danach sitzen die nicht mehr wie ein Zappelphilipp auf dem Stuhl und hauen in der Pause andere Kinder, weil sie nicht wissen wohin mit ihrer angestauten Energie", erklärt mir Kocéa.

Seine Schule bietet Themenräume für Musik, Kunst und Englisch sowie ein Experimentierzimmer. Im Multi-Media-Raum können die Grundschüler unter anderem Radiobeiträge erstellen. Im Schulfoyer essen die Kinder gemeinsam zu Mittag. Ein Integrationsbetrieb aus der Umgebung liefert das Essen. Der Schulhof lockt mit einem Abenteuerspielplatz, an dem die Eltern mitgebaut haben. Ein Schulgarten dient als Ruhe- und Rückzugsort. Und auch das multikulturelle Elterncafe, in dem sich die Eltern an jedem ersten Donnerstag im Monat treffen und austauschen können, gehört zur inklusiven Schule. "Inklusion sollte man als umfassendes Projekt verstehen und nicht nur auf die Kinder mit Behinderung fixiert sein", sagt Boris Kocéa. "Auch der Hausmeister muss mit einbezogen werden. Die Beteiligung von Eltern und Schülern am Schulgeschehen gehört ebenso dazu wie die Vernetzung mit verschiedenen Gruppen und Vereinen in der Gemeinde. Und der Unterricht muss so flexibel gestaltet werden, dass der leistungsschwache Schüler genauso zu seinem Recht kommt wie der hochbegabte."

Ermutigung und Selbstkontrolle

90 Prozent aller Kinder mit Behinderung bzw. Förderbedarf sollen zukünftig eine allgemeine Schule besuchen. So sieht es jedenfalls die UN-Behindertenrechtskonvention vor, die auch von Deutschland unterzeichnet wurde und damit rechtsgültig ist. Zurzeit sind es in Deutschland gerade mal 20 Prozent.
"Für uns ist der Jakob-Muth-Preis Ermutigung und zugleich Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind", so Rektor Kocéa. "Aber er dient auch zur Selbstkontrolle, schließlich müssen wir uns an unseren eigenen Konzepten und Qualitätsvorgaben messen lassen."

Jakob Muth-Preis

Mit dem Jakob-Muth-Preis soll die Praxis von Schulen bekannter gemacht werden, die eine bessere Teilhabe ermöglichen – unabhängig von Herkunft, Beeinträchtigung oder sonstiger Benachteiligung. Namensgeber Jakob Muth (1927-93) war Pädagoge und Professor in Bochum und hat sich schon früh für eine gemeinsame Erziehung von Kindern mit und ohne Behinderung eingesetzt.


Weitere Informationen:
Homepage der Gemeinschaftsgrundschule in Eitorf an der Sieg
Jakob-Muth-Preis für inklusive Schule
Inklusionskampagne der Aktion Mensch: Handlungsfeld Bildung
Familienratgeber: Schule für Kinder mit Behinderung
"Schule für alle gestalten" – das Aktion-Mensch-Praxisheft für Lehrerinnen und Lehrer als PDF-Download

  • Spielende Kinder im Klassenraum

    Kinder im Lernkreis

Ulrich Steilen

Blogger: Ulrich Steilen
Kategorie: Inklusion

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Godan

09.06.12 um 03:22 Uhr

Zu meiner Schulzeit wurde ich immer wegen meiner körperlichen Unterlegenheit stark benachteiligt, wie das auch heute ist, es galt immer das Recht des Stärkeren. Wer sich auf dem Schulhof und im Sport durchsetzen konnte, war auch bei den Lehrern beliebt. Heute werden wie damals die Kinder der Leistung nach stark aussortiert, die meisten enden in der Kinder - und Jugendpsychiatrie, es zählen praktisch nur Gymnasiasten.


 

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