Blog: Inklusion

Hier bloggen Menschen mit und ohne Behinderung aus ihrer je eigenen Perspektive über persönliche Erlebnisse, aktuelle Trends und Informationen rund um das Thema Inklusion.

Unterstützung nach Maß? – Persönliches Budget und Assistenz

Blogger: Ulrich Steilen, am 19.05.2012 um 10:00 Uhr

In der eigenen Wohnung leben, am Arbeitsplatz zeigen, was in einem steckt, sich abends mit Freunden treffen oder einfach mal in Urlaub fahren – für viele Menschen mit einer schweren Behinderung sind dies immer noch Traumvorstellungen. Mehr Selbstbestimmung und stärkere Teilhabe am gesellschaftlichen Leben – wie kann das gehen? Antwort: Mit persönlichen Assistentinnen und Assistenten.

Infobroschüre zum Persönlichen Budget

Menschen mit Behinderung oder mit einer chronischen Erkrankung, die Anspruch auf Teilhabeleistungen haben, können seit 2008 ein "Persönliches Budget" beantragen. Über dieses Budget (Geld) entscheiden sie selbst und können sich damit Hilfe (Assistenz) "einkaufen". Das Ganze wird auch als "Arbeitgebermodell" bezeichnet.
Assistentinnen und Assistenten unterstützen bei der Arbeit, in der Schule, zu Hause (z. B. bei der Haushaltsführung), bei der Pflege oder in der Freizeit. Nach Angaben der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben e. V. (ISL) gibt es in Deutschland rund 3.000 Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber mit Behinderung, die persönliche Assistenten eingestellt haben. Im Schnitt werden bei ihnen 16 Stunden pro Tag geleistet.

Gute Idee, mangelhafte Umsetzung

Schon bei meinem Besuch im neu gegründeten Zentrum für Selbstbestimmtes Leben in Gießen ist mir klar geworden: Der Weg zum Persönlichen Budget und zur Assistenz ist oft lang und steinig. Unnötige Widerstände – mangelnde Information, Bürokratie und das Fehlen von unterstützenden Strukturen – versperren das Ziel. Auch der Beitrag von Petra Strack zum Thema Finanzierung von Persönlicher Assistenz hat klar gemacht: Die gut gemeinte Idee ist an vielen Stellen wurmstichig.

Weil die Idee aber wirklich gut ist und Persönliches Budget plus Persönliche Assistenz zu echten Eckpfeilern von Teilhabe und Selbstbestimmung werden können (und es für viele Menschen auch schon sind), wollte ich es genauer wissen. Ich habe Uwe Frevert, Vorstandsmitglied der ISL, gebeten, mich aufzuklären. Frevert berät seit Jahren in Sachen Persönliches Budget und übt offen Kritik an den Rehabilitationsträgern und der traditionellen Behindertenhilfe: "Die selbst organisierte Hilfe ist in der traditionellen Behindertenhilfe nicht gewollt", sagt er. Es ist zum Beispiel für eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung oder einen Pflegedienst der Caritas geschäftsschädigend, wenn Menschen mit Behinderung oder deren Eltern die Hilfe eigenständig organisieren." Frevert und seinen Mitstreitern von der ISL geht es um einen Wechsel der Perspektive: weg von der Einrichtungszentrierung hin zur individuellen Unterstützung. "Außerdem", sagt Frevert, "sollte die Beratungsarbeit und in Folge jedes Einzelfall-Management unabhängig von Kostenträgern und Leistungserbringern finanziert werden." Bisher liegen Beratung und Finanzierung praktisch in einer Hand: nämlich bei den Reha-Trägern. "Es ist widersinnig und kontraproduktiv, wenn diejenigen, die bezahlen, auch beraten", erklärt mir Frevert. Die gemeinsamen Servicestellen der Reha-Träger, die das Verfahren eigentlich erleichtern sollen, hält er deshalb auch für "überflüssig und nicht hilfreich".

Drei Zutaten

Damit in Zukunft mehr Menschen mit einer schweren Behinderung ihre benötigte Unterstützung selbstständig und nach eigenen Wünschen organisieren können, scheinen mir folgende drei "Zutaten" unverzichtbar:

  1. eine kompetente Beratung, die nicht auf den eigenen Vorteil bedacht ist,
  2. eine solide Finanzierung sowie
  3. der Aufbau einer verlässlichen ambulanten Dienstleistungslandschaft (Assistenz).

Tipp:
Die Telefonberatung der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland zum Persönlichen Budget ist unter der Nummer 01805 – 47 47 12 (14 Cent pro Minute) zu erreichen. Montags, dienstags und donnerstags von 9 bis 16 Uhr und mittwochs von 10 bis 15 Uhr. Alle Beraterinnen und Berater haben selbst eine Behinderung und viel Erfahrung bei der Beantragung von Hilfen bei Behörden.


Weiterführende Links:
Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e. V. (ISL) zum Thema Budget / Assistenz
Informationen zur Persönlichen Assistenz vom Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter e. V. (fab)
Bundesverband Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen (ForseA)
Assistenz.org: Infos und Jobbörse zum Thema Persönliche Assistenz
ISL-Broschüre zum Persönlichen Budget (PDF-Dokument)

Ulrich Steilen

Blogger: Ulrich Steilen
Kategorie: Inklusion

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