Inklusionsblog
Hier bloggen Menschen mit und ohne Behinderung aus ihrer je eigenen Perspektive über persönliche Erlebnisse, aktuelle Trends und Informationen rund um das Thema Inklusion.
Studieren mit einer Behinderung
Autorin: Anastasia Umrik, am 30.04.2012 um 17:14 Uhr
"Studieren mit einer Behinderung" – klingt erst mal gut! Es lenkt die Fantasie in die Richtung von "beispielhafte Inklusion" und "körperlich eingeschränkte Akademiker", und es klingt nach einem Privileg, das andere Behinderte – zum Beispiel in ärmeren Ländern – nicht haben. Es klingt nach einer Chance, die man unbedingt nutzen sollte, denn diese Chance kennt keine Wiederholung ...
Doch: Lassen Sie sich nicht blenden, meine Damen und Herren! Manchmal ist alles noch viel schöner, amüsanter, ironischer und (a)sozialer, als man denkt!
Ein Kompliment an die HAW-Hamburg (Hochschule für angewandte Wissenschaft)
Vorab muss ich ein Kompliment aussprechen: Alle Professoren und andere Mitarbeiter der Hochschule sind SEHR bemüht, das Studieren für alle zu ermöglichen, insbesondere für Studenten mit einer Behinderung jeglicher Art und für Mütter.
Die Begriffe "Handicap" und "Mütter" hängen nicht zwangsweise zusammen, werden aber in der Hochschule so gehandhabt: Wir – die "Benachteiligten" – dürfen in unseren Stundenplan für das aktuelle Semester einige Wochen vor der offiziellen Verlosung unsere Wünsche eintragen und kommen ohne Weiteres in fast jedes Seminar. Ich genieße es, denn so muss ich nie vor 10 Uhr in der Fachhochschule sein und bin dort auch selten länger als 16 Uhr. Dadurch haben "wir" viele Neider. Vielleicht sogar Hasser. Man kann sie jedoch gut ausblenden, wenn man sich selbst ständig einredet, dass wir schließlich Studenten der Sozialen Arbeit sind und man uns aufgrund unserer – wohl bemerkt nicht frei gewählten Situation – nicht verachten darf! Und so ruhen wir uns darauf aus, genießen die Bevorzugung und ignorieren gekonnt die Bemerkungen der "Anderen", der nicht Ausgeschlossenen, die sich aber ausgeschlossen fühlen, über die Montagsvorlesung um 8 Uhr.
Für jede Frage, Anregung und jegliche Art von Kritik gibt es eine Anlaufstelle, und das Ausgesprochene wird ernst genommen, auch wenn nicht für alles eine Lösung gefunden werden kann. Die Professoren sind offen für alles und jeden, es gibt sogar eine Sprechstunde für psychisch kranke und körperlich behinderte Studierende. Es wird gern gesehen, wenn sich Studierende engagieren, und dabei spielen die Einschränkungen keine Rolle. Man guckte mich niemals "komisch" an, ich fühlte mich nie fehl am Platz. An unserer Hochschule scheint es keine Barrieren zu geben ... Ja, man darf und sollte es als Privileg bezeichnen!
Die Türen sind breit genug, die Räume riesig – allerdings nur, wenn man nicht die Stockwerke wechseln möchte. Denn DANN hört es prompt mit dem Sozialsein auf! Der Kampf beginnt: WER bekommt den Fahrstuhl?! WER kommt als Erster im vierten Stock an?!
Der Kampf um den Fahrstuhl
Imaginär läutet die Glocke am Ende der Vorlesung, und das gilt als Startschuss für den Kampf, der sich mehrere Male am Tag wiederholt. Noch bevor ich mich umsehen kann, haben alle den Raum verlassen und ich ... packe langsam meinen Stift ein ... klappe den Ordner zu ... überlege, in welches Stockwerk ich gleich muss, und mir fällt ein, dass heute Dienstag und nicht Montag ist. Dann warte ich auf meine Assistentin, die nur selten in den Vorlesungen dabei ist. Gemeinsam "schlendern" wir zu dem begehrtesten "Kampfobjekt an der ganzen Hochschule".
Die Minuten vergehen. Noch realisiere ich es nicht, aber in 6 Minuten und 23 Sekunden beginnt meine nächste Vorlesung nur einen Stockwerk höher. Ich warte auf den Fahrstuhl, von denen wir übrigens insgesamt zwei haben, die aber an jedem Tag zu jeder Uhrzeit überfüllt sind. "Die FH scheint viele Rollstuhlfahrer zu haben!", denke ich mir, gucke aus dem Fenster, und mir fallen nur drei weitere Rollstuhlfahrer ein. "Vielleicht viele Gehbehinderte ... oder ...", der Gedanke wird nicht zu Ende gedacht. Der Fahrstuhl ist da! Ich düse in der höchsten Fahrtgeschwindigkeitsstufe hin und – werde von fünf Gesichtern entschuldigend angelächelt. Keine Behinderten sichtbar. Oder die Behinderung ist unsichtbar. Ich lächle zurück und versuche mir alle Gesichter zu merken, um mich dann im richtigen Moment zu rächen. Die Tür geht wieder zu. Dann auf. Dann zu. Ich werde es müde zurückzulächeln. Dann, als ich nur noch eine Minute und 13 Sekunden bis zur Vorlesung habe, ERBARMT sich jemand und entscheidet sich, die Treppe zu nehmen. Wenn Sie glauben, alle Fahrstuhlinsassen waren sich über diese Entscheidung einig, dann täuschen Sie sich. Meistens ist nur ein Insasse im Fahrstuhl mit sozialen Charakterzügen, der dann alle anderen zum Sozialsein auffordert. Genervt fahre ich in den engen Fahrstuhl, in den ich nur alleine reinpasse, und nehme mir für morgen vor, ein Schild hochzuhalten: "Bist DU wirklich (a)-sozial?" Viel zu spät (naja, 2 Minuten und 17 Sekunden) komme ich zum Seminar. Die Studierenden kommen oft zu spät, es wundert daher keinen. Meine befreundeten Kommilitonen wissen den wahren Grund. Vorne ist kein Platz mehr frei, ich muss hinten sitzen, was bei meiner Kurzsichtigkeit (auch das noch!) heißt, dass ich keines der Tafelbilder erkennen werde. Also könnte ich mir noch einen Kaffee holen!
Ach nee. Geht ja gar nicht. Ich kann in der Fachhochschule gar nicht auf die Toilette gehen – und das liegt nicht an mir. Das ist eine gesonderte Geschichte, die ich gern demnächst erzählen werde.
Bis dahin – denken Sie an mein Schild und tun Sie alles dafür, dass Sie sich nicht angesprochen fühlen!
PS: Ich habe einen neuen Rollstuhl, der so groß ist, dass ich nun gar nicht mehr in den Fahrstuhl passe. Jetzt fahre ich ganz entspannt mit dem Lastenaufzug – und komme dennoch zu den Vorlesungen immer zu spät! Da ist etwas faul.
Mehr zum Thema:
Studieren als Blinder: Das Unausgesprochene aussprechen – Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert
Familienratgeber: Studium und Behinderung
Bundesarbeitsgemeinschaft Behinderung und Studium e. V.
Informationen auf dem Deutschen Bildungsserver: Behinderung und Studium
Hochschule für angewandte Wissenschaft Hamburg: Studieren mit Behinderung oder chronischer Krankheit
Autorin: Anastasia Umrik





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miel
08.05.12 um 11:40 Uhr
Also ich, körperbehindert (Kleinwuchs), hab auch studiert. Für mich waren die Schwierigkeiten eher sozialer Natur : weit weg von zu Hause , ich kam (komm) vom Land, war das neue Eintauchen in die Groß- und Unistadt Wien halt eine immense Herausforderung und auch ein wenig Belastung, da ich, bis auf die Freunde und Bekannten im Studentenheim , anfangs niemand kannte. So war auch der Unialltag , Vorlesungen, Prüfungen, überhaupt das Organisieren des Studiums an einer Massenuni halt beschwerlich, zumal es damals noch keinen Behindertenbeauftragten gab. Schwierig fand ich es halt auch, im Studium jemand kennenzulernern, da auch noch , neben eingangs beschriebener Umständen, meine Behinderung auch noch da war.
Lavina
01.05.12 um 21:02 Uhr
"Studieren mit Behinderung" klingt nicht nur gut, es ist sogar tatsächlich gut!! Zugegebenermaßen klingt v.a. STUDIEREN auch nach vermehrten Kopfaktivitäten, steigenden Schokoladen & Kaffeekonsum, Horizonterweiterung und Kontakt mit neuen, interessanten, andersartigen Menschen - all das übrigens unabhängig eines Handicaps ;-)
Ach so, wer hier meint schreiben zu müssen? Pardon - ich vergaß: Tina, 28Jahre, SMA II, 24h-Assistenz, Dipl. SozPäd, Peer Counselorin ISL und seit 2009 berufstätig als Beraterin für behinderte Menschen im ZSL (Zentrum für selbstbestimmtes Leben)!
Mir ist also die Begrifflichkeit "Studieren mit Behinderung" aus persönlicher und beruflicher Erfahrung durchaus bekannt, wobei amüsanterweise sogar Handicap samt Studienfach mit der Bloggerin identisch sind!
Natürlich sucht sich kein Mensch die Lebenssituation "Behinderung" aus und so ist es hilfreich und keinesfalls verwerflich, wenn die besuchte Hochschule die Möglichkeit eines "Wunsch-Stundenplans" für eingeschränkte Studenten einräumt. Ich denke aber, wenn derartige Möglichkeiten in Anspruch genommen werden, sollte man seinen Kommilitonen auch evtl. Gefühle des Neides nicht verübeln. Schließlich studiert man ja Soziale Arbeit und erwirbt somit auch psychologische Kenntnisse, die da einem folglich sagen, dass diese Gefühle absolut menschlich sind und wohl kaum persönlich gemeint sind – selbst ich wurde beim Lesen ganz neidisch, denn solche Vorzüge genoss ich während meines Studiums nicht ;-)
Nicht-Behinderte Aufzugfahrer sind in der Tat lästig, besonders wenn die nächste Vorlesung ansteht. Ein locker frecher Spruch ist u.U. effektiver als ein falsches Lächeln. Und wer weiß - vielleicht beginnt ja in dieser Geschichte die anfangs betitelte und gewünschte Inklusion bereits im Fahrstuhl?!?