Blog: Inklusion

Hier bloggen Menschen mit und ohne Behinderung aus ihrer je eigenen Perspektive über persönliche Erlebnisse, aktuelle Trends und Informationen rund um das Thema Inklusion.

Ziemlich beste Assistenten

Blogger: Raśl Krauthausen, am 17.03.2012 um 17:32 Uhr

Szene aus dem Film "Ziemlich beste Freunde": Assistent Driss schiebt den Rollstuhl von Phillippe, beide lachen. "Ziemlich beste Freunde" / Senator Film Verleih

Nachdem ich das letzte Mal das Kino also nicht besucht habe (Danke, Miley Cyrus!), hatte es mich mit Chips und Cola nun doch noch in ein Lichtspielhaus getrieben. Denn überraschenderweise war "Ziemlich beste Freunde" im rollstuhlgerechtesten Kino der Stadt, und das muss man dann irgendwie schon mal ausnutzen. Außerdem möchte ich ja mitreden können, wenn mich schon alle fragen: "Hast du den Film gesehen?" "Nein?!" "Oh, das musst du unbedingt machen, der ist ..." und so weiter.

In kürzester Zeit hat mich der Film mitgerissen, dabei war nicht unbedingt der Identifizierungsprozess mit dem Hauptdarsteller (ich habe einfach keine Villa und kein Geld) im Vordergrund, sondern der tolle Umgang mit dem Thema "Selbstbestimmt leben mit Assistenz".

Auch ich bin auf Assistenten angewiesen, die mir im Alltag assistieren, oder besser gesagt: "meine Arme und Hände sind", wenn ich sie brauche. Gleichzeitig sind Assistenten aber keine Diener, wie man es sich vielleicht vorstellt. Genau wie im Film trägt auch keiner meiner "Assis" einen weißen Kittel. Das würde ich, genau wie Phillippe im Film, auch nie wollen. Denn Assistenten sind weder Diener noch Krankenschwestern. Das würde mich kränker machen, als ich in Wirklichkeit bin.

Ich kann keinem Assistenten sagen, dass ich am Abend gerne ein schönes Roastbeef haben möchte, sondern muss mit ihm einkaufen gehen und dann beim Kochen genaue Anweisungen geben. Und wenn es dann nicht schmeckt, ist es meine Schuld. Schließlich habe ich falsch angeleitet. In meiner WG gibt es klare Regeln. Wenn ich mal wieder an der Reihe bin, das Bad zu reinigen, und versuche, es zu verdrängen, dann sagen meine Mitbewohner nicht zu meinen Assistenten: "Nun mach doch mal das Bad sauber", sondern sie müssen es mir sagen, und ich muss dann früher oder später mit meinem Assistenten im Bad stehen.

Dieses "selbstbestimmte Leben" bringt mich trotzdem manchmal in ein Dilemma, weil ich auf der einen Seite nicht bedient werden möchte, es aber auf der anderen Seite auch komisch finde, jedes Mal neben meinem Assistenten zu stehen und zuzusehen, wie er putzt etc.

Jeden Tag habe ich 12 Stunden Assistenz. Und das seit über 7 Jahren. Da kann es auch schon mal vorkommen, dass mein Assistent ohne mich einkaufen geht, genauso wie ich es auch manchmal ohne meinen Assistenten mache.

Es war schade, dass der Protagonist in "Ziemlich beste Freunde" so reich war, weil leider dadurch ein interessantes Thema nicht zur Sprache kam: die Bezahlung von Assistenten. Im Gegensatz zu Phillippe leben die meisten Rollstuhlfahrer (mich eingenommen) nicht in großen Villen und kaufen sich auch nicht für tausende von Euro Bilder, sondern gehen verschiedenen Berufen nach. Da kommt es oft zu Konflikten mit der Assistenzbezahlung. Denn diese werden über das Sozialamt bezahlt, und wenn ich in meinem Job "zu viel" verdiene, werden die Leistungen gekürzt, und ich müsste selber für die Kosten aufkommen oder müsste erst gespartes Geld aufbrauchen, bevor es Unterstützung gibt. Aus diesem Grund darf ich in keinem Job Vollzeit arbeiten und frage mich dann, worin hier eigentlich die Selbstbestimmung liegt?

Natürlich würde ich es gerechtfertigt finden, dass ich für die Kosten aufkommen sollte, wenn ich sie mir auch leisten könnte. Aber wenn man "was Soziales mit Medien und Internet" macht, ist man weit davon entfernt, sich einmal in der Woche Unterstützung für den Haushalt zu leisten, und schon gar nicht 12 Stunden am Tag.

Nichtsdestotrotz kann ich jetzt endlich die Frage "Wie fandest du den Film?" mit "Großartig!" beantworten, und ich hoffe, dass es in Zukunft noch mehrere Filme geben wird, in dem nicht die Beeinträchtigung, sondern die Menschlichkeit im Mittelpunkt steht.

Weitere Informationen:
Inklusionskampagne der Aktion Mensch – Geschichten im Blog: Leben mit persönlicher Assistenz
Familienratgeber: Assistenz und Hilfe im Arbeitsleben für Menschen mit Behinderung
Bundesverband Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen (ForseA)
Assistenz.org: Infos und Jobbörse zum Thema Persönliche Assistenz

Raśl Krauthausen

Blogger: Raśl Krauthausen
Kategorie: Inklusion

Bisher 2 Kommentare

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roter Maulwurf

23.03.12 um 17:02 Uhr

Hallo Raśl,
dein Beitrag zum Film „Ziemlich beste Freunde“ hat mir sehr gefallen! Ähnlich wie du, sehe ich auch persönliche Assistenz. Ich weiß aber, dass viele behinderte Menschen Persönliche Assistenz auch sehr viel anders verstehen und leben und dass es zu sehr vielen Problemen kommt.
Eine Anmerkung will ich doch noch machen: Du bedauerst, dass Philipp so reich ist und du dich dadurch nicht mit ihm identifizieren konntest. Ich bin sicher, dass gerade dieser Umstand des Reichtums, des Märchenhaften der Grund ist, warum dieser Film so ein Publikumsrenner geworden ist. Das Märchenhafte nimmt die Zuschauer – vermutlich nur für eine sehr kurze Zeit - buchstäblich gefangen und erlaubt es, dass sie einen Film über einen schwerbehinderten Menschen begeistert anschauen, bis zum Umfallen mit ihm und seinen Assistenten gemeinsam lachen und alles Destruktive, insbesondere Mitleid und Schadenfreude, das sonst in jedem „Behindertenfilm“ sein Unheil anrichtet, keine Chance erhält. Ich habe mich in meinem Blog sehr ausführlich mit diesem Film auseinandergesetzt: http://Gerlef.blog.de/2012/01/14/ziemlich-beste-film-12449633/

Michael Ziegert

19.03.12 um 15:36 Uhr

Ich weiß, dass das hier die völlig falsche Stelle ist, denn die meisten Leserinnen und Leser hier werden Menschen mit Behinderung gut kennen. Aber ich frage mich seit Wochen, wie wohl die vielen Millionen Menschen, die sonst nichts mit dem Thema Behinderung zu tun haben, mit dem Film umgehen? Ist es allen klar, dass ein Freund ein Hitlerbärtchen rasieren darf - aber sicherlich keineswegs ein Assistent? Über welche Stellen haben diese Menschen wohl am lautesten gelacht? Trauen Sie sich jetzt eher, auch mal einen Witz über einen Behinderten zu machen und führt das zu mehr Normalität? Verstehen Sie die Pointe, warum der Driss seinem Freund neckisch die Schokolade vorenthalten hat - und warum er (und nur er) das in dieser Situation mal darf?
Und... - gibt es hier Menschen, die keinen Bezug zum Thema Behinderung haben und mir das beantworten könnnen? :-)


 

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