Behinderung und Teilhabe

Ein Schwerpunkt in der Diskussion um Inklusion ist die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Fast zehn Prozent der Deutschen haben offiziell eine Behinderung - von einer wesentlich höheren Dunkelziffer ist auszugehen. Im Alltag nimmt man sie eher selten wahr: Menschen, die im Rollstuhl fahren, sich mit Blindenstock orientieren oder in Gebärdensprache unterhalten. Noch unauffälliger sind Behinderungen, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind. Wer zum Beispiel Lernschwierigkeiten hat oder mit Depressionen kämpft, geht in unserer Gesellschaft schnell unter oder wird gar ausgegrenzt. Ein wirkliches Leben in der Gesellschaft ist für viele Menschen mit Behinderungen unmöglich.

Interessensverbände und Behindertenbewegung

Der Weg in ein selbstbestimmtes Leben in der Gesellschaft ist für viele Menschen mit Behinderung bis heute schwer. Interessensvertretungen bieten ihnen Unterstützung und geben ihnen eine selbstbewusste Stimme in Gesellschaft und Politik. Neben den großen Behindertenhilfeverbänden gibt es seit den späten 1970er Jahren die Behindertenbewegung, eine soziale Bewegung von Menschen mit Behinderung, die ihre Interessen selbst vertreten und die Gesellschaft für ihre Bedürfnisse sensibilisieren wollen. Aus der Behindertenbewegung gingen etliche Dienste für persönliche Assistenz hervor, die Menschen mit Behinderungen bis heute ein hohes Maß an Selbständigkeit ermöglichen. Eine andere Gruppe aus der Bewegung engagiert sich seit einigen Jahren dafür, die „Disability Studies“ in Deutschland zu etablieren – ein interdisziplinärer Forschungsansatz, der darauf basiert, dass Behinderte nicht zum Objekt der Forschung gemacht werden, sondern sich selbst und ihre Erfahrungen in den Mittelpunkt des Interesses rücken und so die gesellschaftliche Konstruktion von Behinderung sichtbar machen.

Auf dem Weg zur Inklusion

Um die Beeinträchtigungen bei der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, die im Zentrum des modernen Begriffes von Behinderung stehen, wenigstens teilweise auszugleichen, geben Gesetze wie das Sozialgesetzbuch 9 über „Rehabilitation und Teilhaben behinderter Menschen“ oder auch das Sozialgesetzbuch 11, das frühere Sozialhilferecht, Menschen mit Behinderung einen Anspruch auf Teilhabeleistungen. Teilhabeleistungen sind beispielsweise GebärdensprachdolmetscherInnen, mit denen gehörlose Studierende den Vorlesungen folgen können. Dazu gehören aber auch Arbeitsassistenten, die Menschen mit Behinderungen am Arbeitsplatz unterstützen, oder persönliche Assistenten, die sie beispielsweise ins Kino begleiten, ins Konzert oder zu Diskussionsveranstaltungen. Wichtig bei diesen Teilhabeleistungen ist das Recht der behinderten Menschen auf Selbstbestimmung und das Ziel, diesen ein inklusives Leben zu ermöglichen. Menschen mit Behinderung entscheiden selbst, woran sie und wie sie teilhaben möchten. Sie müssen sich nicht „eingliedern“, nicht Teil einer vorgegebenen Ordnung werden und sich daran anpassen. So soll langfristig das Ziel einer inklusiven Gesellschaft – an der jeder Teil hat, unabhängig von Fähigkeiten, Herkunft, Geschlecht oder Alter – erreicht werden.

Benachteiligungsverbot

Menschen mit Behinderungen haben ein Recht darauf, am Leben der Gesellschaft teilzuhaben und es ist verboten, sie zu benachteiligen. In Artikel 3 des Grundgesetzes steht seit 1994: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Seit 2002 gibt es ein eigenes Bundesgesetz und mehrere Landesgesetze, die genauer beschreiben, welche Benachteiligungen verboten sind. Beispielsweise müssen Behörden ihre Internetangebote barrierefrei gestalten – also so, dass Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen sie benutzen können. Formulare und Bescheide müssen so gestaltet sein, dass Menschen mit Behinderungen sie wahrnehmen und verstehen können.

Im Jahr 2006 beschloss die damalige Bundesregierung das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG) – umgangssprachlich bekannt als „Antidiskriminierungsgesetz“. Es setzt den Paradigmenwechsel fort, der vom SGB IX und dem Bundesgleichstellungsgesetz (BGG) angestoßen wurde und schließt die bis dahin vorhandene Lücke im Zivil- und Arbeitsrecht. Während Artikel 3 des Grundgesetztes die Gleichstellung mit Blick auf das Handeln des Staates fokussiert, ist das AGG für das Verhältnis der Bürger untereinander tonangebend. So regelt es beispielsweise die Gleichbehandlung bei der Bewerberauswahl oder den Bildungschancen und verbietet Benachteiligungen in bestimmten Bereichen des privaten Vertragsrechts. Das AGG weitet den Schutz vor Diskriminierung auf alle Menschen mit Behinderung aus und schließt zudem weitere Gruppen ein. So verbietet das Gesetzt auch Diskriminierung aufgrund von Rasse und ethischer Herkunft, Geschlecht, Religion und Weltanschauung, Alter sowie sexueller Identität.

Auf internationaler Ebene greift das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderung (UN-Behindertenrechtskonvention). Zentrale Ziele sind Teilhabe, Selbstbestimmung und uneingeschränkte Gleichstellung.

Hintergründe, Fakten, Information: Die UN-Behindertenrechtskonvention leicht verständlich erklärt

Seite weiterempfehlen