Ueber Macht (2009/10)

Kontrolle, Regeln, Selbstbestimmung

ueberMacht

ueber Macht

Seit drei Jahren stellt die Gesellschafter-Initiative der Aktion Mensch die Machtfrage: »In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?« Sie nimmt damit den Anspruch wörtlich, dass in einer Demokratie alle Macht vom Volke ausgeht. Zugleich aber dokumentiert sie in den verzweigten Diskussionen dieses Volkes (das wir lieber »Zivilgesellschaft« nennen), wie komplex Machtverhältnisse in Wirklichkeit sind.

»Keine Macht für Niemand« ist eine schöne, aber unmögliche, weil gesellschaftsvergessene Utopie. Politisch wie privat sind wir eingesponnen in ein kompliziertes Gefüge aus Macht- und Herrschaftsbeziehungen, ohne das Gesellschaft gar nicht denkbar ist. Jeder kennt aus eigener Erfahrung die Macht der Systeme, Institutionen, Hierarchien, der Medien und der Bilder ebenso wie die der Diskurse, des Vertrauens oder der Gewohnheit. Wo Menschen sind, ist Macht am Werk – und wir unterwerfen uns bewusst oder unbewusst ihren offenen oder subtilen Spielregeln.

Als Mittel gesellschaftlicher Regulierung setzt Macht die Anerkennung der Machtverhältnisse durch die jeweils Mächtigen ebenso wie durch die Unterworfenen voraus. Doch nicht jede Macht, die allgemein anerkannt wird, ist deshalb auch legitim. Ungerechte Machtverhältnisse offen zu legen, sie zu kritisieren und zu verändern, ist nicht nur ein politischer, sondern auch ein kultureller Prozess. Die Verschiebung gesellschaftlicher Machtverhältnisse allerdings ist nur als kollektive Anstrengung denkbar: »Gegen organisierte Macht gibt es nur organisierte Macht; ich sehe kein anderes Mittel, so sehr ich es auch bedaure«, schrieb Albert Einstein 1941.

Mit „ueber Macht« gehen die Filmfestivals der Gesellschafter-Initiative in die dritte Runde. Im Jahr 2006 hat »ueber arbeiten« sich dem Thema Wirtschaft und Globalisierung gewidmet, 2007 »ueber morgen« Utopien und Entwürfe für die Gesellschaft von morgen zur Diskussion gestellt.

»ueber Macht« erforscht nun die Ambivalenz der Macht: Sie ist oft ein Tabu und selten unverhüllt zu sehen, aber sie verschwindet nicht, nur weil niemand hinschaut. Sie kann zum Missbrauch verführen und ist doch unverzichtbar für jeden, der Veränderungen in Gang setzen will. Worauf es in einer demokratischen Gesellschaft ankommt, ist, wie diese Macht verteilt, kontrolliert, genutzt und auch wieder entzogen werden kann. Worauf es in einer sozialen Gesellschaft ankommt, ist, dass die Chancen zur Teilhabe an ihr gerecht verteilt sind und nicht von Herkunft, Beziehungen, Finanzkraft oder wirtschaftlichem Gewicht determiniert werden.

Das Filmfestival »ueber Macht« will sensibilisieren für explizite und implizite Machtstrukturen, für legitime und illegitime Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Und es möchte dazu ermutigen, im Alltag, in der Öffentlichkeit und in der Politik öfter, nachhaltiger und unbequemer die Machtfrage zu stellen.

Die ausgewählten Filme zeigen die Macht und ihre Kontrolle an naheliegenden Orten ebenso wie an unerwarteten: als Staatsapparat, in politischen Ämtern und in Institutionen aller Art, als Diktatur oder Diskussion, in demokratisch legitimierten und ritualisierten Strukturen und als spontaner Zusammenschluss, aber auch im Privaten und in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Besonders interessant wird es, wenn sich für Einzelne oder Gruppen Chancen auftun, ihre Welt ein Stück weit zu verändern und mehr Selbstbestimmung zu gewinnen: Zum Beispiel die französischen Studenten in »Streik(t)raum«, die mit ihrem Protest gegen den Abbau sozialer Standards landesweite Proteste auslösen und die französische Regierung herausfordern. Oder Mukhtar Mai, die junge analphabetische Pakistanerin in »Die Schuld, eine Frau zu sein«, die sich nicht nur gegen den übermächtigen Druck archaischer gesellschaftlicher Konventionen behauptet, sondern trotz ihres persönlichen Schicksals eine Schule für andere benachteiligte Frauen gründet, anstatt zuerst an ihr eigenes Wohlergehen zu denken. Nicht minder eindrucksvoll ist es, mitzuerleben, wie in »Die dünnen Mädchen« acht junge Frauen mit lebensbedrohlicher Magersucht darum kämpfen, die Selbstbestimmung über ihr Verhalten und ihren Körper wiederzuerlangen.

Das Festival schaut hinter die Kulissen eines Nobel-Internats für die Kinder der Reichen und Mächtigen und untersucht, welche Wertvorstellungen dort vermittelt werden. Es wirft einen Blick auf die dubiosen Verflechtungen des Gentechnik-Konzerns Monsanto mit der Politik und den Versuch, seine gewaltige aber kaum sichtbare Macht zu kontrollieren. Es beobachtet deutsche Firmen dabei, wie sie sich bei einer der übelsten Diktaturen der Erde anbiedern, und amerikanische Abgeordnete bei der praktischen Ausübung der Demokratie als Regierung der Bürger durch sich selbst.

Das Filmfestival »ueber Macht« ist in 120 Städten in ganz Deutschland zu Gast. Wir laden Sie ein, mitzudiskutieren über die Macht, ihre Kontrolle, über nötige und unnötige Regeln und die besten Wege zu mehr Selbstbestimmung.

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