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Es gibt Fans, die gibt es gar nicht

Blogger: Mirien Carvalho Rodrigues, am 20.06.2014 um 15:56 Uhr

In ihrem zweiten Bericht zur Fußball-WM in Brasilien beschäftigt sich Mirien Carvalho mit dem Thema Barrierefreiheit.

Stefan Krusche auf einem Platz mit anderen Fußballfans in deutschen Nationaltrikots

Fußballfan Stefan: Gelassenheit und Zuversicht im Gepäck

Fotos: Stefan Krusche

Sie wissen doch, wer Neymar ist? Wer diese Frage mitten im Gespräch über Fußball einer blinden Frau stellt, die seit 32 Jahren glühender Fan der brasilianischen Nationalmannschaft ist und gerade ihre Reise ins -Land plant, hat in wenigen Worten deutlich gemacht, was Barrieren im Kopf sind; wobei hier die Frage vermutlich noch eher der Frau galt als dem blinden Menschen. Doch beides – blind sein und Frau sein – scheint für viele immer noch Grund zu sein, nichts von Fußball zu verstehen. Wie kommt es da nur, dass diese blinde Frau seit Jahrzehnten davon träumt, einmal ein Spiel im Maracanã, dem Fußballstadion von Rio de Janeiro, zu erleben?

Reporter für Audiodeskription

Fußballfan Spencer hat noch Karten für das Achtelfinale in Brasília ergattert. Er ist dort zuhause und hat vor einem Monat von den ermäßigten Eintrittspreisen für Menschen mit Behinderung und der Möglichkeit zur kostenfreien Mitnahme einer Begleitperson erfahren. Er wird, wie auch blinde und sehbehinderte Fans bei den Spielen in São Paulo, Belo Horizonte und Rio de Janeiro, die Begegnung mit Kopfhörer verfolgen. Die Nichtregierungsorganisation URECE aus Rio, die seit Jahren talentierte blinde und sehbehinderte Sportlerinnen und Sportler fördert und mit ihrer Frauenmannschaft im Jahr 2010 auch ein Blindenfußball-Turnier in Marburg klar gewonnen hat, schulte im Auftrag der FIFA ehrenamtliche Reporter in Audiodeskription. Anders als ein Radioreporter sollen diese Freiwilligen beispielsweise auch besondere Einlagen von Fans für die blinden Fußballbegeisterten beschreiben, um die Stimmung im Stadion noch besser für sie einzufangen.

40 Stunden im Reisebus

Auch Stefan ist Fußballfan. Er bricht schon zum zweiten Mal mit dem „Handicap Fanclub Fußball Nationalmannschaft“ des DFB zu einer Weltmeisterschaft auf. Der abenteuerlustige Rollstuhlfahrer hat Karten für die Vorrundenspiele der deutschen Mannschaft bekommen und sämtliche Reisevorbereitungen für sich und seinen Schwager übernommen; dieser unterstützt ihn im Gegenzug vor Ort, wo es nötig ist. Um beim ersten Spiel der Deutschen live dabei zu sein, nahm er insgesamt 40 mühsame Stunden im Reisebus auf sich, bangend, dass mit den zugesagten Toilettenpausen alles klappen möge.

Fachleute am Werk

Ob taktile Leitsysteme, Rampen oder Behindertentoiletten – die bauliche Barrierefreiheit in den WM-Stadien war fest in fachmännischer Hand. Auch ausreichend Behindertenparkplätze sollen inzwischen an allen Stadien vorhanden sein. Menschen mit Behinderung werden außerhalb des gewaltigen Gedränges über separate Eingänge zu ihren Plätzen geführt.

Stefans wichtigstes Gepäck ist seine Gelassenheit und seine Zuversicht, dass er überall freundlich empfangen und die nötige Unterstützung bekommen wird. Als Reisender, dem von vornherein klar ist, dass manche Dinge nicht oder völlig anders als geplant funktionieren, wird er in Brasilien viel Freude haben und gut zurechtkommen, zumal er in den letzten Monaten vor Reiseantritt eigens einen VHS-Kurs in brasilianischem Portugiesisch besucht hat.

Ich packe meinen Koffer …

Wer als Mensch mit Behinderung auf eigene Faust zur WM reist, sollte erst recht Abenteuerlust und Gelassenheit im Gepäck haben. Denn zumindest an einigen Spielstätten sind die Stadien wahre Inseln umfassender Barrierefreiheit. Der Weg zum Stadion, die Unterkunft, öffentliche Verkehrsmittel und die Verständigung mit dem Personal – kurz, die komplette Servicekette für Touristen – ist damit jedoch nicht abgedeckt. So weist eine Organisation körperbehinderter Menschen aus Recife darauf hin, dass Angaben über verfügbare Behindertenparkplätze an den Stadien den Blick von etlichen einheimischen Fans ablenken, die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind und hier vor der WM auf nachhaltige Veränderungen gehofft hatten, die nicht eingetreten sind. Auch die geradezu euphorischen Berichte über Audiodeskription für blinde Fans täuscht schnell darüber hinweg, dass es diesen Service in acht von zwölf Stadien nicht geben wird. Neben der Begeisterung über den inklusiven Gedanken finden sich denn auch Stimmen blinder Fans in Internetforen, die fragen, weshalb an dieser Stelle ehrenamtliche Mitarbeiter eingesetzt werden. Ist die Inklusion letztendlich doch wieder so nebensächlich, überlegt man dort, dass professionelle Spielbeschreiber nicht in das Milliarden-Budget der FIFA gepasst haben? Eine solche Investition hätte zum einen Menschen aus dem Gastgeberland angemessen für eine wertvolle Arbeit entlohnt und zum anderen eine Wertschätzung für Menschen mit Behinderung gezeigt. Die Kritiker gestehen den Freiwilligen zu, ihr Bestes zu geben, doch für sie bleibt die Frage, warum sich in Zeiten so hoher Qualitätsstandards an dieser Stelle blinde Menschen einmal mehr mit einer improvisierten Notlösung zufriedengeben müssen.

Analog dazu verbreiten die deutschen Medien in diesen Tagen die freudige Nachricht, dass im Sinne der Inklusion „die wichtigsten Spiele“ für blinde und sehbehinderte Fußballfans übertragen werden sollen. Wer das spektakuläre 5:1 der Niederlande gegen Spanien gesehen hat, weiß, dass er sich nicht gern vorschreiben lassen würde, welche Spiele er mitbekommen darf und welche nicht.

Paralympics 2016 – mit Barrieren?

Sicher ist die Infrastruktur an den zwölf Spielorten sehr unterschiedlich, doch ausgerechnet für Antônio Figueira de Melo, Tourismusbeauftragter von Rio de Janeiro – also der Stadt, die in nur zwei Jahren die Paralympics ausrichten wird –, war es bislang nicht notwendig, sich auf Besucher mit Behinderungen einzustellen. Auf die Frage, welche Dienstleistungen für Menschen mit Behinderung während der WM angeboten würden, verkündete der Politiker unbekümmert in einem Radiointerview, das sei nicht die Zielgruppe dieses Großereignisses. Ausgerechnet in der Stadt, in die es die meisten Touristen zieht, rechnet man also nicht mit barrierefreiem Informationsmaterial, Verkehrsmitteln, Unterkünften, Restaurants oder gar Personal, dass für die Belange von Menschen mit Behinderung sensibilisiert ist.

Derselbe Tourismusbeauftragte hielt es nämlich auch keineswegs für notwendig, Taxifahrer im Sinne einer besseren Verständigung beim Erlernen der englischen Sprache zu unterstützen. Mit Infomaterial in Fremdsprachen ist somit auch nicht zu rechnen. Außerdem ist er offensichtlich schlecht über die Bestimmungen zu den Spielen informiert. Diese besagen nämlich, dass mindestens 1 % der Eintrittskarten Menschen mit Behinderung vorbehalten sind. Und wer reserviert schon Karten für Fans, die es gar nicht gibt.


Linktipps:
Fußball-Land der Widersprüche. Ein Blogbeitrag von Mirien Carvalho über die Situation von Menschen mit Behinderung in Brasilien
"In Luxemburg findet man Sachen, die genial sind". Ein Interview im Blog von Anina Valle Thiele mit dem Luxemburger Aktivisten Joël Delvaux über Barrierefreiheit und die Umsetzung der UN-BRK
Leben in London: Normal, eine Behinderung zu haben. Ein Gespräch im Blog von Heiko Kunert mit Christiane Link über Inklusion und Barrierefreiheit in Großbritannien
 

Mit dem Rollstuhl zur WM

  • Stefan Krusche im Stadion zwischen anderen Fußballfans

    Fußballfan Stefan beim Auftaktspiel der Deutschen gegen Portugal

  • Stefan Krusche auf einem Platz in Brasilien zwischen riesigen Indio-Puppen in bunten Kleidern

    WM-Tourist Stefan vor dem Franziskaner-Kloster São Francisco in Salvador

Mirien Carvalho Rodrigues

Blogger: Mirien Carvalho Rodrigues
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Barrierefreiheit

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Ab auf die Bühne!

Blogger: Wiebke Schönherr, am 19.06.2014 um 09:12 Uhr

In Berlin organisiert ein Künstler jeden Monat eine Show, in der jeder auftreten kann, der will. Zwanzig Minuten Ruhm für jeden, der etwas zu sagen hat. Es ist ein Inklusionsprojekt für alle, nicht nur für Menschen mit Behinderung.

Roland Walter in seinem Rollstuhl mit einem goldglitzernden Zylinderhut

Show-Organisator Walter: „Behinderung“ verliert an Bedeutung

Foto: Wiebke Schönherr

Rolands Künstlerrampe in Berlin an einem Montagabend. Es wird niemand geschont, und geschönt wird auch nichts: Auf der Bühne stehen, schlicht und schockierend, zwei nackte Menschen.

Es ist ein kleiner Raum, die Decke hängt tief, die Wände sind schwarz, rund 50 Zuschauer hocken auf der einen Seite des Raums eng beieinander auf Holzbänken, und auf der anderen Seite sind Roland Walter und Lisa Gaden. Er: Performer und Buchautor, von Geburt an spastisch gelähmt, 50 Jahre. Sie: ausgebildete Tänzerin, 25 Jahre.

Seit vergangenem Herbst findet die Künstlerrampe alle paar Wochen in der Hauptstadt statt, um unentdeckte Talente auf die Bühne zu bringen. „Aus eigenen Erfahrungen weiß ich, wie schwer es ist, als unbekannter Künstler die Chance zu bekommen aufzutreten. Und wer nicht die Möglichkeit hat, sich auf der Bühne auszuprobieren, kann seine Fähigkeiten kaum entfalten“, erklärt Walter das Projekt. Er ist der Initiator der Künstlerrampe und auch selbst Künstler, wie an diesem Abend.

„Man sieht, dass er sich wohlfühlt“

Da ist er also auf der Bühne, ein völlig nackter Mann, der gelähmt ist. Und da ist eine völlig nackte Frau, die überhaupt nicht gelähmt ist. Aber sie bewegen sich fast einheitlich. Roland Walter dreht sich, windet die Arme, streckt die Beine aus, duckt den Kopf oder streckt den Hals weit durch. Lisa Gaden, zwei Meter neben ihm, konzentriert sich voll auf ihn, ahmt ihn nach und zeichnet dabei mit einem schwarzen Stift all die Bewegungen auf ihrer Haut nach.

Die Geschichte eines Körpers ist die Geschichte seiner Bewegungen? Wollen die beiden das damit sagen? Vielleicht, aber vielleicht auch nicht. Es bleibt viel Raum für eigene Gedanken. Oder für Gedankenleere. Denn so ruhig, wie es in diesen Minuten ist, scheinen viele damit beschäftigt zu sein, überhaupt erst mal zu begreifen, was da auf der Bühne passiert.

Zuzusehen, wie sich ein Mann und eine Frau in diesem kleinen Raum in einem Hinterhof in Berlins szenigem Mitte-Bezirk ganz langsam, ungeniert und unbekleidet bewegen, das fühlt sich an, als sei man gerade nochmal fünf geworden. „Man spürt, dass das für ihn sehr gut ist, dass er sich damit wohlfühlt“, wird im Anschluss eine junge Zuschauerin über den Auftritt von Roland Walter sagen. Aber auch: „Ich bin noch ein bisschen geschockt“.

Das Interessante: Weil der ganze bloße Körper von Roland Walter zu sehen ist, sieht man in manchen Momenten seine Behinderung fast nicht. Das Tabu Nacktheit bricht das Tabu Behinderung. Es ist eindrucksvoller.

Die nächste Vorstellung beginnt. Eine junge Band kommt auf die Bühne. Lucie, die Sängerin, und ihre beiden Musikerkollegen Ricardo und Max. Sie spielen selbstkomponierte Stücke, leichter Gitarrenrock, der mal fröhlich, mal melancholisch, aber nie schwer klingt. Nach ihnen tritt ein weiterer Künstler auf. Er schiebt ein Fahrrad auf die Bühne und bringt einen Toaster mit, in dem er Brot toastet, bis es schwarz ist. Nebenbei lässt er Papierblätter fliegen, indem er sie über den Boden pustet. Schräg, absurd. Die Zuschauer lachen schallend.

Inklusion heißt: Niemand wird ausgeschlossen

Menschen mit und ohne Behinderung stehen hier nacheinander und gleichberechtigt auf der Bühne. Ein weiterer Tabu-Bruch an diesem Abend? Wo gibt es das denn – außerhalb von Bühnen, die speziell für Menschen mit Behinderung aus dem Boden gestemmt werden?
Peter Tiedeken hat darauf eine Antwort. Der Hamburger ist Musiker in der Band Station 17 und gerade dabei, seine Doktorarbeit über „Kunst und Inklusion“ fertigzustellen. Ein Thema, mit dem sich wissenschaftlich fast niemand bisher befasst hat, und er sagt: „Solche Projekte gibt es schon viele. Aber nicht unbedingt dort, wo man sie vermutet.“

In seiner Doktorarbeit untersucht er, wie und wo Inklusion im künstlerischen Bereich funktioniert. Inklusion definiert er dabei als einen Prozess, der niemanden ausschließt. „Es geht bei Inklusion und Kunst um künstlerische Projekte, wo es Platz für unterschiedliche Menschen gibt.“ Punkt. Das Wort „Behinderung“ will er in diesem Zusammenhang gar nicht hören.

Wo es solche Projekte gibt, das hat Tiedeken für seine Doktorarbeit untersucht. „Viele gibt es zum Beispiel im Gemeinwesen“, sagt er, „doch die Projekte dort arbeiten nicht mit dem Begriff Inklusion. Und es gibt sie in der experimentellen Kunstszene, wo es um Avantgarde geht. Und in der linken Szene. Dort werden Projekte geschaffen, in denen es nur um die künstlerische Identität geht.“

Und es gibt sie in Berlins Mitte. „Die Künstlerrampe ist ein Inklusionsprojekt“, sagt Roland Walter über seine Bühnenshow für unbekannte Künstler und fügt dann ganz im Sinne von Tiedekens Inklusionsbegriff an: „Da verliert das Wort ,Behinderung‘ an Bedeutung.“

Und auch wenn es schon viele solcher Projekte gibt, sieht Roland Walter noch Potenzial zur Verbesserung: „Menschen mit Behinderung sollten mehr als Motor auftreten. Das bedeutet, auf sogenannte Nichtbehinderte zugehen, sie von der Idee begeistern und somit Inklusion zum Leben erwecken.“


Linktipps:
Mehr Infos über Rolands Künstlerrampe in Berlin
Der Reiz des Andersseins. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über die inklusive Theater-, Musik- und Tanzproduktion "Verflüchtigung" beim Kölner Sommerblut Festival
„Alles für alle“ – Station 17 auf Tour. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über ein Konzert der Hamburger Band Station 17 in Oberhausen
Carmina Burana – inklusiv und open air. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über ein Tanzprojekt mit 150 Tänzerinnen und Tänzern mit und ohne Behinderung


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„Und was für ein Rollstuhl ist das?“

Blogger: Michael Herold, am 18.06.2014 um 09:05 Uhr

Michael Herold erinnert sich gern an seine Reisen. Und an Asien, wo er mit neuen Bekannten über Abenteuer im Rolli fachsimpelte.

Michael Herold mit einigen Makaken-Äffchen um und auf seinem Rollstuhl

Michael Herold in Thailand: Zutrauliche Makaken-Äffchen

Fotos: privat

Eigentlich wollte ich an dem Tag meine Wohnung gar nicht erst verlassen. Ich hatte so viel Arbeit. Alles lief rund, ich war in meinem Element. Aber wenn ich über meinen Laptop vom Balkon aus auf die dicht bewachsenen Hügel um mich herum schaute, musste ich mir eingestehen: Bald, nach ein paar arbeitsreichen Tagen, wäre es mal wieder Zeit, auf Achse zu gehen.

Vor ein paar Jahren hatte mir eine gute Freundin Bilder gezeigt von ihrer Reise durch Südostasien. Ich erinnere mich noch gut, wie ich damals dachte: Es gibt so viele Dinge, die ich tun kann, wenn ich mich nur dahinter klemme … aber so etwas, das werde ich nie können. Ich kann vielleicht hundert Meter mit Krücke laufen, meinen Koffer kann ich aber nicht selber tragen – und wenn ich im Rollstuhl reise, werden die Barrieren noch mehr. Mit einer Reisegruppe, einer organisierten Tour, ja. Oder mit einer Gruppe von Freunden. Aber so ganz alleine? Keine Chance. Absolut unmöglich.

Als ich dann letztes Jahr meinen elektrischen Rollstuhl bekam, die Tage kälter und die Nächte lang wurden, da dachte ich mir: Ach, was soll's. Und habe mir ein Flugticket nach Bangkok gekauft, um den Winter in Asien zu verbringen. Einfach der Nase nach. Einfach da hin, wohin es mich zieht. Bleiben, wo es mir gefällt. Arbeiten, wo ich gerade bin.

Einfach der Nase nach – einfach da hin, wohin es mich zieht

Also klappe ich den Laptop zu, schnappe mir die Sonnenbrille und meinen Rollstuhl, der in den letzten Wochen schon viel mitgemacht hat, und ziehe los. Wieder einfach der Nase nach. Zwei Stunden später befinde ich mich weit außerhalb der Stadt Hua Hin. Auf einem Berg, einer buddhistischen Tempelanlage, auf drei Seiten vom Meer umschlossen. Ich beobachte die Mönche beim Gebet, höre im Hintergrund die Wellen gegen den Felsen schlagen. Die Makaken-Äffchen verlieren langsam ihre Scheu und beginnen, meinen Rollstuhl auf Essbares zu untersuchen. Ich freue mich, doch aus meiner Wohnung gegangen zu sein. Freue mich über meine Entscheidung, nach Thailand gekommen zu sein, es einfach gewagt zu haben.

Da höre ich in dickem französischen Akzent: „Und was für ein Rollstuhl ist das?“ Neben mir ist ein stoppelbärtiger Tourist im Strohhut aufgetaucht, ebenfalls in einem elektrischen Rollstuhl. Ich erkläre ihm meinen für die Reise modifizierten Rollstuhl, und wir kommen ins Gespräch – über Thailand, was wir bereits gesehen hatten und was unsere weiteren Pläne sind. Ein Roadtrip in den Süden für ihn, um Weihnachten in Phuket zu verbringen. Mein Ziel: Mich irgendwie auf eine Insel an der Andamanenküste durchzuschlagen. Wie, das weiß ich noch nicht. Er greift nach einer Schachtel Zigaretten auf seinem Schoß, und erst da merkte ich, wie sehr er in seinen Bewegungen eingeschränkt ist. Er ruft etwas in Französisch über seine Schulter, und ein adrett gekleideter Thailänder löst sich aus einer kleinen Gruppe und zündet die Zigarette für ihn an. „Das ist mein persönlicher Assistent hier in Thailand“, höre ich zwischen den ersten Zügen. Der Rest der Gruppe kommt ebenfalls zu uns. „Das hier ist mein Fahrer und das meine Frau.“ So reisen die beiden mehrmals im Jahr – irgendwo hin in der Welt, stellen dort dann Menschen ein, die ihnen helfen mit dem, was er selbst nicht kann.

Wie weit sind wir schon gekommen, dass dieser Moment hier möglich ist

Wir stehen noch sehr lange zusammen an diesem Tag. Unterhalten uns über frühere Reisen und zukünftige. Darüber, was wir in unserem Leben noch alles tun werden. Den Tempel im Rücken beobachten wir, wie die Sonne langsam hinter der Stadt untergeht. Wieder und wieder holt mich ein und derselbe Gedanke ein:

Wie weit sind wir doch schon gekommen, dass dieser Moment hier möglich ist. Dass ich entgegen allem, was ich damals dachte, nun doch ganz alleine durch Thailand reise. Dass mein neuer Freund, der sich nicht einmal seine Zigarette selbst anzünden kann, sogar noch eins oben drauf setzt mit seinen Geschichten von Reisen durch Südamerika, Flügen im Paraglider und seinem kürzlich gemachten Tauchschein.

Wie viel haben wir doch schon erreicht – in der Technik, wenn ich mit meinem Rollstuhl 30 Kilometer durch die thailändische Landschaft fahren kann, entlang von Stränden, verlassenen Wegen oder auf der vierspurigen Hauptstraße durch den Stadtkern zusammen mit Tuk Tuks und Motorrollern.

Wie weit sind wir doch schon gekommen – in den Kommunikationsmöglichkeiten, wenn ich in den drei Wochen vor Abflug nach Bangkok über das Internet – über Facebook, Reiseforen, Skype und Email – mit Dutzenden von Menschen auf der ganzen Welt in Kontakt treten konnte, um mir Tipps zu holen und meine Reise zu planen.

Schon viel erreicht – und Barrieren in den Köpfen eingerissen

Wie viel haben wir doch schon erreicht – im Hinblick auf Akzeptanz und Hilfsbereitschaft, wenn mich am Flughafen gleich drei Angestellte der Fluggesellschaft dabei unterstützen, meinen Rollstuhl auseinander zu bauen und zu verpacken. Mich dann mit einem Klapp-Rolli zum Flugzeug schieben und mir einen guten Flug wünschen. Und am anderen Ende des Fluges mit genau der gleichen Selbstverständlichkeit dasselbe wieder passiert, nur in umgekehrter Reihenfolge.

Aber vor allem: Wie viele Barrieren in den Köpfen haben wir doch schon eingerissen – wenn sich ein Mensch mit einer Muskelerkrankung an einem kalten Novemberabend einfach mal überlegen kann: „Ach egal, ich fliege jetzt einfach mit dem Rollstuhl nach Bangkok und schaue mal, ob's klappt.“ Und dort dann feststellt, dass er nicht der Einzige ist, der diesen Mut hatte.

Ich glaube, am meisten hakt es noch an Letzteren: den einstellungsbedingten Hindernissen. Klar, es gibt noch viele Barrieren. Aber so wie ich vor Jahren noch traurig auf die Reisefotos meiner Freundin schaute, weil ich dachte, das könnte ich nie, so schauen heute Menschen auf andere Bilder und denken Ähnliches. Aber hier kann ich nur sagen: Wir haben schon so viel erreicht, und manchmal muss man einfach mal machen.


Linktipps:
Mehr zum Thema Barrierefrei Reisen bei der Aktion Mensch
Der Familienratgeber über Urlaubsreisen für Menschen mit Behinderung
Reisen mit allen Sinnen. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über ein Reiseunternehmen, das gemeinsame Touren für blinde, sehbehinderte und sehende Reisegäste veranstaltet
Urlaub – alles inklusiv? Ein Blogbeitrag von Petra Strack über die Tücken einer Reise mit Rollstuhl
Abenteuerlustig sollte man schon sein. Ein Interview im Blog von Stefanie Wulff mit Kay Lieker, der über das Programm "weltwärts" ehrenamtlich in Thailand arbeitet
 

  • Ein Elefant berührt Michael Herold mit dem Rüssel am Gesicht

    Ungewöhnliche Begegnung in Thailand

Michael Herold

Blogger: Michael Herold
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Freizeit

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Die Trommeln mussten laut sein

Blogger: Werner Grosch, am 17.06.2014 um 16:09 Uhr

Eine bärenstarke Gemeinschaft. Aus Eltern, Erzieherinnen und Erziehern, Verbänden, Unternehmen, Stiftungen, Kirche. Sie haben in Bonn-Bad Godesberg etwas auf die Beine gestellt, das manche für unmöglich gehalten haben.

Bonns Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch durchschneidet zur Kita-Eröffnung mit den Kindern der Inklusionskita ein rotes Band

Feierliche Eröffnung: Bonns Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch mit Kita-Leiterin Sonja Aengenvoort, Dechant Dr. Wolfgang Picken (r.) und Kindern der Inklusionskita

Der alte Kindergarten in der Anhalter Straße sollte geschlossen werden. Ein veralteter Bau, für den es keine Zukunft zu geben schien. Doch da waren einige dagegen. Und weil man sich große Ziele setzen soll, nahmen sie sich vor: Wir erhalten nicht nur die Einrichtung, sondern wir machen daraus die erste Bonner Inklusions-Kita.

Einer dieser Leute war Dechant Wolfgang Picken, Pfarrer der Katholischen Kirchengemeinde St. Andreas und Evergislus. Wer ihm nur kurz begegnet, merkt schon: Seine Energie hat etwas Infektiöses. Wegducken wird schwierig. Ähnlich aktionsgeladen sind die Anwohner, die in der Bürgerstiftung Rheinviertel engagiert sind. Zusammen mit den Eltern der Kinder aus der alten Kita machten sie sich auf den Weg. Suchten Sponsoren, warben Spenden ein, trommelten, was die Felle halten. Und die Trommeln mussten laut sein. Schließlich waren 1,7 Millionen Euro nötig, um den Traum von der Inklusions-Kita zu verwirklichen. Unter einer Reihe von Unterstützern stellte die Aktion Mensch 110.000 Euro für Bau und Einrichtung zur Verfügung.

Als der Traum langsam Gestalt annahm, mussten Kinder und Mitarbeiter in Container umziehen. Väter bauten nebenan einen Sandkasten, damit es so etwas wie ein Außengelände gab. Die Kinder bemalten Backsteine vom abgerissenen Bau und verkauften sie. Eltern übernahmen zeitweise selbst die Betreuung, damit das Kita-Team sich auf die neuen Aufgaben vorbereiten konnte. Sie waren als Möbelpacker im Einsatz, betrieben und betreiben ein Internet-Blog, um für ihr Konzept zu werben. Jetzt, am Samstag, war Einweihung. Feierlich, mit allem Zipp und Zapp und Oberbürgermeister und stolzen Gesichtern.

Die Unsicherheit ist verschwunden

Es ist ein Tag, an dem Sonja Aengenvoort kaum zum Durchschnaufen kommt. Aber das kennt sie schon. Die Kita-Leiterin musste nicht nur Aus- und Einzug organisieren, den Betrieb am Laufen halten. Sie musste auch einige Überzeugungsarbeit leisten. „Anfangs gab es bei den Kollegen viel Unsicherheit. Kann ich das? Will ich das? Diese Fragen kamen oft.“ Das Team hat viele Gespräche geführt, Fortbildungen absolviert. Und jetzt? „Jetzt sagen alle, es läuft super, und es ist eine große Bereicherung für alle.“

45 Kinder im Alter zwischen einem und sechs Jahren werden in drei Gruppen betreut, darunter sind zwölf mit Förderbedarf, der sehr unterschiedlich ist. Von Diabetes über Entwicklungsverzögerung bis zur schwersten Mehrfachbehinderung. Im 16-köpfigen Team gibt es heute nicht nur Erzieherinnen und Erzieher, sondern auch Heilpädagogen, Logopäden und Physiotherapeuten.

Alles normal

Michael Moskobs Kinder gingen schon in die alte Tagesstätte St. Georg, und sie gehen beide in die Sonja-Kill-Inklusionskita, die ihren Betrieb schon vor einigen Monaten aufgenommen hat. Der Gewinn ist seit Anfang an spürbar, sagt er: „Bei meinen Kindern merke ich, dass sie die anderen Kinder mit Behinderung als ganz normalen Teil der Gemeinschaft erleben. Andersartigkeit ist Teil des Lebens, und das ist für sie Normalität.“

Das Gebäude ist natürlich barrierefrei, hat einen Therapieraum, viele Rückzugsräume, ein großes Außengelände zum Spielen, Toben, Klettern. Bis zu diesem Tag gab es viele Rückschläge, Unsicherheiten und jede Menge Arbeit. „Eine Herkulesaufgabe“, sagt Michael Moskob. Dass sie sich gelohnt hat, ist in seinem Gesicht zu lesen.


Linktipps:
Mehr Infos zur Sonja-Kill-Inklusionskindertagesstätte von Heilig Kreuz in Bonn
Matschen, Spritzen und Sandkuchen inklusiv. Ein Blogbeitrag von Christian Schmitz über die inklusive Kita Am Sedansberg in Wuppertal

Die Förderprogramme der Aktion Mensch
 

Eröffnung der ersten Bonner Inklusions-Kita

  • Kinder lassen bunte Luftballons steigen

    Luftballon-Steigenlassen bei der Einweihung

  • Kinder klettern an Seilen auf dem Außengelände

    Klettern im Garten

  • Kinder matschen mit Rasierschaum

    Matschen mit Rasierschaum

  • Ein lachendes Mädchen klettert aus einem Tunnel

    Spieltunnel im Garten

  • Ein Raum mit Matratzen auf mehreren Ebenen und einer Hängematte

    Ruheraum der Kita

  • Eine Zeichnung am Eingang der Kita: bunte Männchen mit und ohne Rollstuhl halten sich an den Händen

    Bild am Eingang zur Kita


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Gewinnzahlen vom 15. Juni 2014 mit Rudi Cerne

Blogger: Redaktion, am 15.06.2014 um 19:33 Uhr

Rudi Cerne präsentiert die Gewinnzahlen der Aktion Mensch-Lotterie und hat das integrative Restaurant-Projekt "Conviva" besucht, die Kantine der Münchener Kammerspiele. Rund 33 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind hier im Service und in der Küche beschäftigt, mehr als die Hälfte des Teams hat eine psychische Behinderung. Die Aktion Mensch unterstützt das integrative Restaurant-Projekt, das zu Bedingungen des ersten Arbeitsmarkts wirtschaftet, mit 143.000 Euro.


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Glücksfee ohne Casting

Blogger: Carmen Molitor, am 14.06.2014 um 09:18 Uhr

Bei der ZDF-Sendung „Der große Preis“ loste Angela Hofmeister als TV-Glücksfee die Gewinnzahlen der Ziehung für die „Aktion Sorgenkind“ aus. Warum sie bei ihrem ersten Fernsehauftritt 1990 zähneknirschend einen Faltenrock trug, welcher Promi ihr sympathisch war und auf was sie heute als Hüterin des Logos der Aktion Mensch achtet.

Angela Hofmeister

Angela Hofmeister: „Etwas im Leben der Leute verändert“

Foto: Aktion Mensch

Zur Glücksbringerin wird Angela Hofmeister quasi über Nacht. Es ist Ende 1990 und das ZDF hat soeben ein neues Sendekonzept für die Show „Der große Preis“ beschlossen. Künftig soll bei der Ziehung der Lotteriezahlen für die „Aktion Sorgenkind“ vor der Kamera eine Person die letzten vier Ziffern der Gewinnzahlen per Knopfdruck stoppen. Den Job bekommt die damals 27-jährige Angela Hofmeister. Die gut aussehende gelernte Rechtsanwaltsgehilfin arbeitet seit 1984 in der Pressestelle der Aktion Sorgenkind und organisiert normalerweise Pressekonferenzen. Sie sendet lediglich ein Foto zum ZDF und wird genommen. „Es gab weder ein Casting, noch eine Schulung oder Beratung – ich bin einfach zur Aufzeichnung geschickt worden“, sagt sie. Ein Jahr lang wird die junge Frau jeden Monat einmal in Berlin vor der Kamera stehen.

Fernseherfahrung hat Angela Hofmeister nicht, aber genug Abenteuerlust, um sich in die neue Aufgabe zu stürzen. „Zur ersten Aufnahme habe ich mir ein wahnsinnig schickes Kostüm gekauft und kam damit stolz im Filmstudio 5 an.“ Aber sie darf das Kleid nicht tragen: Blaue Kleidung vor blauem Hintergrund – das geht gar nicht. Zu ihrer Enttäuschung muss die Rheinländerin bei der ersten Aufzeichnung einen alten Faltenrock aus dem Fundus des Studios anziehen. „Da wollte ich direkt wieder nach Hause fliegen!“

Keine Fernseherfahrung, aber genug Abenteuerlust

Glamourös ist der Fernsehjob nicht: Das Studio wirkt auf sie wie eine Baustelle, Schminken muss sie sich selber. „Ich fühlte mich ein bisschen verloren.“ Wenn die Kameras laufen, steht sie neben der Verlosungskugel und konzentriert sich darauf, nacheinander die Zahlen zu stoppen und gleichzeitig in die Kamera zu lächeln. Wenn das gut gelingt, ist sie nach einer halben Stunde fertig. Dass sie in dem kargen Studio für monatlich 60.000 Lotteriefans Schicksal spielt, vergisst sie trotzdem nicht. Es macht sie stolz. „Ich dachte: Durch diesen kurzen Moment veränderst du etwas im Leben der Leute.“ Sie lernt aber keinen der Gewinner je kennen.

Die Fernsehauftritte machen Angela Hofmeister bekannt, ihre repräsentativen Aufgaben wachsen. Sie nimmt in großen und kleinen Veranstaltungen im ganzen Land Spendenschecks für die Aktion Sorgenkind entgegen, lächelt in Kameras und Objektive. Von den Promis, mit denen sie es zu tun bekommt, mag sie am liebsten den Showmaster Wim Thoelke: „Der konnte sehr fesselnd erzählen.“

Nach einem Jahr schafft das ZDF die Glücksfee während der Ziehung wieder ab. Angela Hofmeister bedauert das nicht: „Es war schön, aber auch stressig, denn ich habe ja auch Vollzeit in der Pressestelle gearbeitet. Ich musste mein Privatleben und den Urlaub nach den Ziehungsterminen ausrichten.“

Hüterin des Aktion Mensch-Logos

Schon als Lotteriefee war Angela Hofmeister auch Hüterin des Logos gewesen. Gut 240 Spendenveranstaltungen zugunsten der Aktion Sorgenkind gab es Ende der 90er Jahre pro Monat. „Firmen, Vereine und Privatpersonen fragten an, ob sie mit unserem Zeichen für eine Spendenveranstaltung werben dürfen“, erzählt die 49-Jährige. „Ich habe geprüft, ob sie zu uns passen.“ Inzwischen ist die Zahl der Spendenveranstaltungen stark zurückgegangen. Heute macht die Logovergabe an Förderprojekte den Löwenanteil ihrer Arbeit aus. Geförderte Initiativen und Vereine dürfen das Markenzeichen nach Absprache für ihre Öffentlichkeitsarbeit benutzen. Angela Hofmeister informiert sie darüber, was sie dabei zu beachten haben. Zwischen 100 und 200 Projekte fragen pro Monat danach, Tendenz: steigend. „Die sind stolz darauf, mit uns zusammenzuarbeiten.“

Besonderes Glück im Spiel hat die ehemalige Lotteriefee selbst übrigens nicht. Ihr höchster Gewinn waren bisher 66 Euro im Lotto.


Linktipps:
Schon viel erreicht: Die Meilensteine aus 50 Jahren Aktion Mensch in unserer Chronik
Zwischen Briefkastenonkel und Kampagnenmacher. Ein Porträt im Blog von Carmen Molitor über Christian Schmitz, den früheren stellvertretenden Pressesprecher der Aktion Mensch
 

  • Angela Hofmeister im Studio von "Der große Preis"

    Zeitreise: Angela Hofmeister im Fernsehstudio von "Der große Preis"

Carmen Molitor

Blogger: Carmen Molitor
Kategorie: In eigener Sache
Schlagworte: 50 Jahre Aktion Mensch

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