Aktion Mensch-Blog

Artikel in der Kategorie

Gewinnzahlen vom 15. Juni 2014 mit Rudi Cerne

Blogger: Redaktion, am 15.06.2014 um 19:33 Uhr

Rudi Cerne präsentiert die Gewinnzahlen der Aktion Mensch-Lotterie und hat das integrative Restaurant-Projekt "Conviva" besucht, die Kantine der Münchener Kammerspiele. Rund 33 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind hier im Service und in der Küche beschäftigt, mehr als die Hälfte des Teams hat eine psychische Behinderung. Die Aktion Mensch unterstützt das integrative Restaurant-Projekt, das zu Bedingungen des ersten Arbeitsmarkts wirtschaftet, mit 143.000 Euro.


Kommentar schreiben

Glücksfee ohne Casting

Blogger: Carmen Molitor, am 14.06.2014 um 09:18 Uhr

Bei der ZDF-Sendung „Der große Preis“ loste Angela Hofmeister als TV-Glücksfee die Gewinnzahlen der Ziehung für die „Aktion Sorgenkind“ aus. Warum sie bei ihrem ersten Fernsehauftritt 1990 zähneknirschend einen Faltenrock trug, welcher Promi ihr sympathisch war und auf was sie heute als Hüterin des Logos der Aktion Mensch achtet.

Angela Hofmeister

Angela Hofmeister: „Etwas im Leben der Leute verändert“

Foto: Aktion Mensch

Zur Glücksbringerin wird Angela Hofmeister quasi über Nacht. Es ist Ende 1990 und das ZDF hat soeben ein neues Sendekonzept für die Show „Der große Preis“ beschlossen. Künftig soll bei der Ziehung der Lotteriezahlen für die „Aktion Sorgenkind“ vor der Kamera eine Person die letzten vier Ziffern der Gewinnzahlen per Knopfdruck stoppen. Den Job bekommt die damals 27-jährige Angela Hofmeister. Die gut aussehende gelernte Rechtsanwaltsgehilfin arbeitet seit 1984 in der Pressestelle der Aktion Sorgenkind und organisiert normalerweise Pressekonferenzen. Sie sendet lediglich ein Foto zum ZDF und wird genommen. „Es gab weder ein Casting, noch eine Schulung oder Beratung – ich bin einfach zur Aufzeichnung geschickt worden“, sagt sie. Ein Jahr lang wird die junge Frau jeden Monat einmal in Berlin vor der Kamera stehen.

Fernseherfahrung hat Angela Hofmeister nicht, aber genug Abenteuerlust, um sich in die neue Aufgabe zu stürzen. „Zur ersten Aufnahme habe ich mir ein wahnsinnig schickes Kostüm gekauft und kam damit stolz im Filmstudio 5 an.“ Aber sie darf das Kleid nicht tragen: Blaue Kleidung vor blauem Hintergrund – das geht gar nicht. Zu ihrer Enttäuschung muss die Rheinländerin bei der ersten Aufzeichnung einen alten Faltenrock aus dem Fundus des Studios anziehen. „Da wollte ich direkt wieder nach Hause fliegen!“

Keine Fernseherfahrung, aber genug Abenteuerlust

Glamourös ist der Fernsehjob nicht: Das Studio wirkt auf sie wie eine Baustelle, Schminken muss sie sich selber. „Ich fühlte mich ein bisschen verloren.“ Wenn die Kameras laufen, steht sie neben der Verlosungskugel und konzentriert sich darauf, nacheinander die Zahlen zu stoppen und gleichzeitig in die Kamera zu lächeln. Wenn das gut gelingt, ist sie nach einer halben Stunde fertig. Dass sie in dem kargen Studio für monatlich 60.000 Lotteriefans Schicksal spielt, vergisst sie trotzdem nicht. Es macht sie stolz. „Ich dachte: Durch diesen kurzen Moment veränderst du etwas im Leben der Leute.“ Sie lernt aber keinen der Gewinner je kennen.

Die Fernsehauftritte machen Angela Hofmeister bekannt, ihre repräsentativen Aufgaben wachsen. Sie nimmt in großen und kleinen Veranstaltungen im ganzen Land Spendenschecks für die Aktion Sorgenkind entgegen, lächelt in Kameras und Objektive. Von den Promis, mit denen sie es zu tun bekommt, mag sie am liebsten den Showmaster Wim Thoelke: „Der konnte sehr fesselnd erzählen.“

Nach einem Jahr schafft das ZDF die Glücksfee während der Ziehung wieder ab. Angela Hofmeister bedauert das nicht: „Es war schön, aber auch stressig, denn ich habe ja auch Vollzeit in der Pressestelle gearbeitet. Ich musste mein Privatleben und den Urlaub nach den Ziehungsterminen ausrichten.“

Hüterin des Aktion Mensch-Logos

Schon als Lotteriefee war Angela Hofmeister auch Hüterin des Logos gewesen. Gut 240 Spendenveranstaltungen zugunsten der Aktion Sorgenkind gab es Ende der 90er Jahre pro Monat. „Firmen, Vereine und Privatpersonen fragten an, ob sie mit unserem Zeichen für eine Spendenveranstaltung werben dürfen“, erzählt die 49-Jährige. „Ich habe geprüft, ob sie zu uns passen.“ Inzwischen ist die Zahl der Spendenveranstaltungen stark zurückgegangen. Heute macht die Logovergabe an Förderprojekte den Löwenanteil ihrer Arbeit aus. Geförderte Initiativen und Vereine dürfen das Markenzeichen nach Absprache für ihre Öffentlichkeitsarbeit benutzen. Angela Hofmeister informiert sie darüber, was sie dabei zu beachten haben. Zwischen 100 und 200 Projekte fragen pro Monat danach, Tendenz: steigend. „Die sind stolz darauf, mit uns zusammenzuarbeiten.“

Besonderes Glück im Spiel hat die ehemalige Lotteriefee selbst übrigens nicht. Ihr höchster Gewinn waren bisher 66 Euro im Lotto.


Linktipps:
Schon viel erreicht: Die Meilensteine aus 50 Jahren Aktion Mensch in unserer Chronik
Zwischen Briefkastenonkel und Kampagnenmacher. Ein Porträt im Blog von Carmen Molitor über Christian Schmitz, den früheren stellvertretenden Pressesprecher der Aktion Mensch
 

  • Angela Hofmeister im Studio von "Der große Preis"

    Zeitreise: Angela Hofmeister im Fernsehstudio von "Der große Preis"

Carmen Molitor

Blogger: Carmen Molitor
Kategorie: In eigener Sache
Schlagworte: 50 Jahre Aktion Mensch

Bisher 1 Kommentar

Kommentar schreiben

Fußball-Land der Widersprüche

Blogger: Mirien Carvalho Rodrigues, am 12.06.2014 um 14:12 Uhr

Kurz vor Anpfiff der Fußball-Weltmeisterschaft analysiert unsere Gastautorin Mirien Carvalho die Situation von Menschen mit Behinderung in Brasilien. Dabei zeichnet sie ein zwiespältiges Bild: Während es auf der einen Seite durchaus Vorzeigeprojekte in Sachen Barrierefreiheit und viel Eigeninitiative gibt, kämpft auf der anderen Seite die große Mehrheit armer Menschen (mit Behinderung) noch um Teilhabe und Chancengleichheit. Zusammen mit Millionen anderen Brasilianern demonstrierten deshalb auch zahlreiche Menschen mit Behinderung im Vorfeld der WM für mehr soziale Gerechtigkeit. In den nächsten Wochen werden an dieser Stelle weitere Beiträge von Mirien Carvalho direkt aus Brasilien zu lesen sein. Ihren Fokus richtet sie dabei auf soziale Themen und menschliche Geschichten.
 

Demonstrierende Brasilianer auf der Straße und ein Kind hält ein Plakat mit der Aufschrift: "World Cup 2014: Who profits more: FIFA, Businessmen or Brazilian People?"

Anti-WM-Protest in Brasilien: Krasser Gegensatz

Foto: dpa Picture-Alliance

Von den etwa 200 Millionen Menschen, die in Brasilien leben, haben laut Erhebungen des Brasilianischen Instituts für Geographie und Statistik (IBGE), etwa 45,6 Millionen eine Behinderung. Die Frage, wie diese leben und ob sie durch die WM Vor- oder Nachteile erfahren, ist nicht pauschal zu beantworten. Es ist, als fragte man nach der Situation von Menschen mit Behinderung zwischen Lissabon und Moskau.

Zum Vergleich

Deutschland passt fast 24 Mal in das Land hinein, das man auch als den „Kontinent im Kontinent“ kennt. Seine junge demokratische Verfassung stammt aus dem Jahre 1988. Wer die Gesetze studiert, die Menschen mit Behinderung betreffen, packt sofort seine Koffer und zieht nach Brasilien. So hat das Land beispielsweise zwei offizielle Amtssprachen: Portugiesisch und Libras, die brasilianische Gebärdensprache. Man findet Brasilien unter den ersten Unterzeichnern der UN-Behindertenrechtskonvention. Normen zur Barrierefreiheit sind ebenso detailliert festgeschrieben wie Quotenregelungen zur Inklusion auf dem Arbeitsmarkt und an Hochschulen, oder das uneingeschränkte Zutrittsrecht von Blindenführhunden, das sich ausdrücklich auch auf Krankenhäuser und Hotels bezieht.
In Brasilien gibt es im Land verstreut immer wieder Paradebeispiele für Barrierefreiheit: Etwa in São Paulo U-Bahn-Stationen mit barrierefreien Aufzügen und taktilem Leitsystem, an denen zusätzlich freundliches und kompetentes Personal Hilfe anbietet. Eine Rampe zum preisgekrönten Badestrand in Porto de Galinhas im Bundesstaat Pernambuco, hier und da Speisekarten in Brailleschrift, sogar ein inklusives Hotel mit Angeboten in Extremsportarten für Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen in Socorro im Bundesstaat São Paulo.

Und doch ...

Im krassen Gegensatz dazu stehen zahllose Menschen, die man bis heute noch nicht auf der Straße sieht, weil sie nicht einmal wissen, wo sie einen Blindenstock oder eine Gehhilfe bekommen sollen; Menschen ohne Schulbildung, die niemals allein das Haus verlassen, die seit ihrer Kindheit am Meer leben und noch nie am Strand waren, weil die Familie sie versteckt oder Angst um sie hat. Dazwischen liegen die vielen, die sich durch das Chaos wühlen, das der Alltag ihnen bietet: Bürgersteige, die im Nichts enden, Straßen, die gestern noch da waren, dann aber vom Regen weggeschwemmt wurden, ungeheurer Lärm, der blinden Menschen die Orientierung erheblich erschwert, und natürlich Vorurteile und fehlendes Wissen über Behinderung.

Position finden

Während meines ersten längeren Studienaufenthalts in Brasilien habe ich eine Weile gebraucht, um angesichts dieser extremen Unterschiede meine Position zu finden. War es nicht vermessen, sich bei all den schreienden Ungleichheiten für barrierefreien Tourismus zu engagieren, oder mit dem für die meisten Einheimischen unerreichbaren Blindenführhund Aufklärungsarbeit in Hotels und Restaurants zu betreiben? Als dann im Fernsehen eine Telenovela mit einem blinden Anwalt und seinem Führhund anlief und ich die erste Tiefkühlpizza mit Braillebeschriftung im Tante-Emma-Laden an der Ecke fand, war ich besänftigt und konnte meine Arbeit ohne weitere Zweifel fortsetzen.

Schließlich waren es oftmals Einzelkämpfer, auf deren Durchhaltevermögen Verbesserungen für Menschen mit Behinderung zurückgehen. Sei es die unbehelligte Fahrt mit dem Blindenführhund in der Metro von São Paulo oder der bequem mit dem Rollstuhl zugängliche Strand von Porto de Galinhas. Davon kann man lernen, mit seiner Idee loszuziehen, statt auf den Staat oder die bestehenden Institutionen zu warten.

Nach Alternativen suchen

Auch von dem älteren blinden Mann habe ich gelernt, der mit einer Eisenstange als Langstock durch die Straßen lief und an jeder Kreuzung sofort Hilfe bekam, da er mit seiner Stimme mühelos jeden Verkehr übertönte. Unter keinen Umständen möchte ich mit ihm tauschen, doch dieser Mann ist nicht zuhause geblieben, weil er keinen normgerechten Langstock und die Ampel kein akustisches Signal hatte. Er hat nach Alternativen gesucht und sein Leben selbst in die Hand genommen.

Inklusion in Brasilien

Soziale Inklusion ist in aller Munde, auch in Brasilien. Nur hier beschränkt sich der Begriff nicht auf Menschen mit Behinderungen. Als ich kürzlich den derzeit gefragtesten brasilianischen Schriftsteller Luiz Ruffato in einem Interview für Radio Ohrfunk um seine Stellungnahme zum Thema bat, sprudelten die Beispiele für soziale Ausgrenzung nur so aus dem gesellschaftskritischen Autor heraus.

Wie vor Jahrhunderten wird auch heute noch die indigene Bevölkerung oft entrechtet, sodass diese Menschen gezwungen sind, in extremer Armut am Straßenrand zu leben; dunkelhäutige Menschen werden oft subtil diskriminiert; häusliche Gewalt gegen Frauen ist ein häufig totgeschwiegenes Hindernis auf dem Weg zur Gleichberechtigung der Geschlechter.
Die Liste lässt sich mühelos fortführen. Da sind Millionen von Favela-Bewohnern ohne jede Perspektive, das Elendsviertel je zu verlassen, da ihnen Bildung und Kontakte fehlen. Wer seit Generationen für eine gerechte Umverteilung von Land oder für die Alphabetisierung von Kindern im Landesinneren des armen Nordostens kämpft, weiß, wie viele Brasilianer von gleichberechtigter Teilhabe unvorstellbar weit entfernt sind. Wer neben Armut, fehlender Schulbildung, einem maroden Gesundheitssystem und gesellschaftlichen Vorurteilen zusätzlich noch mit einer Behinderung lebt, dessen Schwierigkeiten sind noch einmal um ein Vielfaches größer.

Oftmals unerreichbar

Behinderung tritt bekanntlich in allen Gesellschaftsschichten auf. Medizinische Betreuung oder angemessene Hilfsmittel zur Erlangung von Selbstständigkeit sind jedoch in Brasilien für zahllose arme Familien unerreichbar. Ein Regierungsprogramm mit dem vielversprechenden Namen „Leben ohne Grenzen“ soll hier seit kurz nach dem Amtsantritt von Präsidentin Dilma Rousseff Abhilfe schaffen, etwa durch den Wegfall von Einfuhrzöllen auf anerkannte Hilfsmittel, welche zum großen Teil importiert werden müssen und schon deshalb bislang für viele Menschen unerschwinglich waren. Andere Familien sind dagegen so vermögend, dass dem behinderten Familienmitglied gleich mehrere Hausangestellte oder Assistenten bei Bedarf rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Hier kommt es dann auf den Einzelfall an, ob die Person mit Behinderung eine solche privilegierte Stellung für ein selbstbestimmtes Leben nutzen kann, oder ob sie zur Gefangenen im goldenen Käfig wird.

Vielschichtige Diskussionen

Teilhabe scheitert in Brasilien längst nicht nur an mangelnder Barrierefreiheit. Wenn blinde Menschen sich etwa aufmachen und eine Kampagne für das barrierefreie Buch starten, um ihr Recht auf kulturelle Teilhabe geltend zu machen, so werden gleich Stimmen laut, die betonen, dass unendlich viele Menschen von dieser Teilhabe ausgeschlossen sind, schon wegen der fehlenden Infrastruktur – in Brasilien hat längst nicht jede Stadt eine Bibliothek, und die Buchhandlungen können bei weitem nicht die Menge an Titeln liefern, die wir von deutschen Läden her gewohnt sind. Und schließlich sind all diejenigen von der Teilhabe ausgeschlossen, die sich keine Bücher leisten können.

Leisten können sich die meisten Brasilianer erst recht kein WM-Ticket, weshalb auch in diesem Zusammenhang soziale Ausgrenzung ein Dauerthema ist. Für die Barrierefreiheit im Stadion gelten hingegen höhere FIFA-Standards als jemals zuvor.


Fortsetzung folgt ...


Linktipps:
"In Luxemburg findet man Sachen, die genial sind". Ein Interview im Blog von Anina Valle Thiele mit dem Luxemburger Aktivisten Joël Delvaux über Barrierefreiheit und die Umsetzung der UN-BRK
Down Under – Steht alles auf dem Kopf? Ein Blogbeitrag von Petra Strack über ihr Auslandssemester in Australien
Inklusion zwischen Kühen und schlechten Straßen. Ein Blogbeitrag von Anastasia Umrik über ihre Kindheit in Kasachstan
Leben in London: Normal, eine Behinderung zu haben. Ein Gespräch im Blog von Heiko Kunert mit Christiane Link über Inklusion und Barrierefreiheit in Großbritannien

Bisher 1 Kommentar

Kommentar schreiben

Hemdless – Mode für alle

Blogger: Eva Keller, am 10.06.2014 um 13:34 Uhr

Schick statt praktisch, Schnitt statt Gummizug: Zwei junge Münchener Designer entwerfen ansehnliche Blusen und Hemden für Menschen mit Down-Syndrom. Aber nicht nur für sie ...

Männliches Model mit und weibliches Model ohne Down-Syndrom mit Blusen aus der Hemdless-Kollektion

Models mit Hemdless-Kollektion: „Inklusives Hemd“ für alle

Fotograf: Phil Pham, Visagistin: Janine Loring

Auffällige Farben. Kurze Ärmel. Und bitte keine sichtbaren Knöpfe! Als mutig und ziemlich entschieden erwiesen sich die fünf jungen Leute im Betreuungszentrum Steinhöring, als sie vor einiger Zeit Besuch von zwei Münchner Designern bekamen. Die hatten einen Stapel Stoffproben und Mode-Zeichnungen dabei – und ein klares Ziel: den Frauen und Männern mit Down-Syndrom ein paar Hemden und Blusen auf den Leib zu schneidern, die sitzen.

Endlich einmal! Denn Kleider von der Stange passen oft nicht zum Körperbau von Menschen mit Down-Syndrom. Und bei spezieller Kleidung für Menschen mit Behinderung gilt meist die Losung: Hauptsache praktisch. Lisa Polk und Christian Schinnerl, die beiden Designer, wollten diese Lücke im Mode-Angebot schließen. Im Gespräch mit den Menschen und mit Mitarbeitern in Steinhöring ergründeten sie besondere Bedürfnisse und individuelle Wünsche. Das spiegelt sich in den Details der fünf Blusen und Hemden wieder: So sind beispielsweise die Knöpfe größer und die Knopflöcher schräg genäht, damit das Auf- und Zuknöpfen leichter fällt. Und weil viele Männer weite Hosen mit Hosenträgern tragen, haben Polk und Schinnerl Schlaufen an die Stelle von Brusttaschen gesetzt. Absolut funktional, aber ohne nur so auszusehen ...

Unterschiede in der Mode für Menschen mit und ohne Behinderung aufgehoben

Hemdless“ – zu Deutsch: „ohne Hemd“ – nannten die Designer diese erste kleine Kollektion, in Anspielung auf fehlende modische Kleidung für Menschen mit Down-Syndrom. „Die fünf Hemden waren Maßanfertigungen, um deutlich zu machen, dass Menschen mit Down-Syndrom einen anderen Körperbau haben“, sagen Polk und Schinnerl.

Nun sind sie noch einen Schritt weiter gegangen: Sie haben eine Bluse und ein Hemd entworfen, das allen passen soll. Ein „inklusives Hemd“, sozusagen: der Kragen weit geschnitten, insgesamt locker, hinten etwas länger als vorne. „So heben wir die Unterschiede in der Mode für Menschen mit und ohne Behinderung auf“, sagen die Designer.

Aber das inklusive Design hat auch einen pragmatischen Grund: Nur wenn sich Bluse und Hemd in Serie fertigen lässt, kann man sie zu einem erschwinglichen Preis anbieten. Wenn die Gespräche, die Polk und Schinnerl derzeit mit Investoren führen, gut laufen, könnte aus den Prototypen bald ein Lieblingsstück im Kleiderschrank werden ...


Linktipps:
Mehr Infos und Fotos von der Hemdless-Kollektion
Nach Maß: „Menschen. Das Magazin“ über Projekte, die Mode (nicht nur) für Menschen mit Behinderung optimieren wollen
Rollstuhlgerechte Mode – eine Entdeckungsreise. Ein Blogbeitrag von Marie Gronwald über zeitgemäße und vor allem erschwingliche Mode für Menschen im Rollstuhl
Inklusion und Mode: Mehr Mut bitte. Ein Blogbeitrag von Anastasia Umrik über die Berliner Fashion Week und Inklusion in der Modewelt

Eva Keller

Blogger: Eva Keller
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Mode

Kommentar schreiben

Gewinnzahlen vom 8. Juni 2014 mit Rudi Cerne

Blogger: Redaktion, am 08.06.2014 um 19:34 Uhr

Rudi Cerne präsentiert die Gewinnzahlen der Aktion Mensch-Lotterie vom 8. Juni 2014 und stellt den inklusiven Second-Hand-Shop in Mühltal vor. Der Gebrauchtwaren-Laden der Nieder-Ramstädter Diakonie bietet acht Männern und Frauen mit und ohne Behinderung Arbeitsplätze. Alle Mitarbeiter werden gemäß ihrer Fähigkeiten eingesetzt und nach ihrer Leistung entlohnt. Die Aktion Mensch unterstützt den Integrationsbetrieb mit 15.000 Euro.


Kommentar schreiben

Ist die Leichte Sprache auch gut?

Blogger: Eva Keller, am 06.06.2014 um 09:17 Uhr

An der Uni Hildesheim nehmen Forscher die Regeln der Leichten Sprache unter die Lupe – und bieten Beratung und Schulung für Privatleute und Behörden an.

Eine weiße Zeichnung vor einem dunkelblauen Hintergrund: ein lächelndes Gesicht hinter einem Buch, auf dem Buchdeckel ist eine Hand mit einem nach oben gestreckten Daumen abgebildet

Inclusion-Europe-Signet für Texte in Leichter Sprache

Quelle: Inclusion Europe

Eine Sprache, die Menschen sich ausgedacht haben. Mit Regeln, die aufgestellt wurden, weil sie schlüssig erschienen. Das ist die Leichte Sprache. Ein Phänomen, genau wie Esperanto – und für Sprachwissenschaftler höchst interessant. Deshalb gibt es an der Uni Hildesheim seit einigen Monaten eine „Forschungsstelle Leichte Sprache“, die am Institut für Übersetzungswissenschaft und Fachkommunikation angesiedelt ist. Aber: Braucht die Leichte Sprache denn umgekehrt die wissenschaftliche Beobachtung?

Ein klares Ja kommt dazu von Prof. Dr. Christiane Maaß, die die Forschungsstelle leitet: „Das Netzwerk Mensch Zuerst hat mit dem Aufbau der Leichten Sprache absolute Pionierarbeit geleistet. Nun fragen wir: Sind diese Regeln gut? Machen sie das Lesen und Schreiben wirklich leichter – oder müssen wir sie vielleicht verbessern?“

Nicht zu bildhaft werden

Eine dieser Regeln ist, Metaphern zu vermeiden. Denn bildhafte Ausdrücke wie „Rabeneltern“ oder „einen Bären aufbinden“ könnten Menschen mit Lernschwierigkeiten wörtlich nehmen – und missverstehen. Doch: Auch das Wort „Netzwerk“ ist eine Metapher – und den allermeisten Menschen mit Behinderung vertraut.

Ein zweites Beispiel: Auch Negationen sind in der Leichten Sprache unerwünscht, weil das Wörtchen „nicht“ oft den Lesefluss stoppt oder schlicht überlesen wird. Besser als „Peter ist nicht gesund“ wäre also: „Peter ist krank“. Bei Gesetzestexten allerdings sind negative Formulierungen zuweilen unverzichtbar, um einen Sachverhalte korrekt und präzise zu beschreiben. „Die Regeln sind von der Idee richtig. Aber wir müssen genauer fassen, wann sie sinnvoll sind und wann nicht“, erläutert Maaß.

Regeln und Wortschatz

Die Regeln der Leichten Sprache sind ein Schwerpunkt der Forschungsstelle – ein anderer ist der Wortschatz: Gemeinsam mit Informatikern bauen Christiane Maaß und ihr Team eine Art elektronisches Wörterbuch auf, das Übersetzungslösungen speichert. Das Ziel: Wer in Leichte Sprache übersetzt, kann künftig auf bewährte Begriffe oder Umschreibungen zurückgreifen – so dass identische Inhalte in Schwerer Sprache nicht immer wieder anders in Leichte Sprache übersetzt werden.

Sensibilisierung für alle

Die Forschungsstelle ist übrigens auch Anlaufstelle für Leute, die Beratung und Schulung in Einfacher Sprache brauchen. Regelmäßig laufen dort Workshops für Einsteiger und Fortgeschrittene – auch Mitarbeiter vom Landessozialamt und dem Justizministerium in Niedersachsen wurden dort bereits für die Leichte Sprache und die Tücken ihrer Regeln sensibilisiert.


Linktipps:
Die „Forschungsstelle Leichte Sprache“ an der Uni Hildesheim
Mehr Informationen zur Leichten Sprache vom Verein „Mensch zuerst –
Netzwerk People First Deutschland“

Das Netzwerk Leichte Sprache
Mehr Leichte Sprache! Ein Blogbeitrag von Stefanie Wulff über die Ausbildung von Prüfern für Texte in Leichter Sprache – mit einer Übersetzung in Leichter Sprache
Wissenschaft für alle. Ein Interview im Blog von Stefanie Wulff mit Herausgeberin Simone Seitz über das erste wissenschaftliche Buch in Leichter Sprache
„Das Wunder von Bern“ in Einfacher Sprache. Ein Blogbeitrag von Laura Merken über ein Buch in Einfacher Sprache über die deutsche Fußball-Weltmeisterschaft-Mannschaft von 1954

Kommentar schreiben