Aktion Mensch-Blog

Signale zur schulischen Inklusion auf Grün?

Autorin: Margit Glasow, am 15.05.2013 um 08:50 Uhr

Was ist Inklusion?

Am 4. Mai fand in Rostock der 3. Inklusionskongress statt. Dazu hatte das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur und das Institut für Qualitätsentwicklung Mecklenburg-Vorpommern (IQMV) eingeladen. Bei der Fachtagung stand die konkrete Umsetzung der Inklusion an den Schulen in Mecklenburg-Vorpommern im Mittelpunkt, nachdem im Januar dieses Jahres eine Expertenkommission Empfehlungen für die Umsetzung eines inklusiven Bildungssystems in Mecklenburg-Vorpommern bis zum Jahr 2020 vorgelegt hatte.

Zuhörer in einem großen Hörsaal, im Vordergrund eine junge Frau im Rollstuhl.

Eltern, Lehrerinnen, Lehrer und allen anderen Interessierten hatten die Möglichkeit, sich in die Debatte über ein inklusives Bildungssystem einzubringen

Margit Glasow / thalmannverlag!

Nach den zum Teil sehr kontroversen Diskussionen auf den ersten beiden Inklusionskongressen im vergangenen Jahr stellte sich für mich die Frage, wie weit man tatsächlich mit der Inklusion gehen wolle. Zu deutlich war die Erinnerung an die Ausführungen von Bildungsminister Mathias Brodkorb, der sich im Mai 2012 klar für ein Inklusionsverständnis im weiten Sinne ausgesprochen und damit einer "Schule für alle" eine klare Absage erteilt hatte: "Wir sollten uns davor hüten, uns zu übernehmen. Wir müssen alle zusammen einen Kompromiss finden", hatte er damals gemahnt. An eine längst vergangene Zeit mutete an jenem Tag der Auftritt eines gewissen Prof. Dr. Egon Flaig an, der behauptete: "Geistig Behinderte können nicht gleichberechtigt am Leben der Gesellschaft teilhaben, sie leiden unter der Inklusion. Hochkulturen müssen selektieren und Eliten bilden."

Auflösung des gegliederten Schulsystems?

Auf dem 2. Inklusionskongress im November wurde dann darüber diskutiert, ob eine inklusive Schule für alle nicht konsequenterweise die Auflösung des gegliederten Schulsystems zur Folge haben müsste. Prof. Dr. Ulf Preuss-Lausitz (TU Berlin) sah in der Inklusion eine Chance, die Vision von einer Einheitsschule voranzutreiben, denn das bestehende deutsche gegliederte System bringe nur mittelmäßige Leistungen hervor und würde die größte Leistungsschere aller von PISA untersuchten Staaten aufweisen. Begabtenforscher Prof. Dr. Kurt Heller (LMU München) bestritt diese Auffassung vehement und zog das Fazit, dass eine inklusive Schule im engeren Sinne eine völlig utopische Vorstellung sei. Der ohnehin knappe Etat könnte effizienter in das bestehende Schulsystem gesteckt werden.

Expertenkommission befürwortet Inklusion in einem weiten Sinne

Eine Expertenkommission (EPK) hat nun Empfehlungen erarbeitet, auf deren Grundlage ein inklusives Bildungssystem bis zum Jahr 2020 umgesetzt werden soll. Schaut man sich den Bericht mit diesen Empfehlungen einmal genauer an, findet man dort ein ganz klares Bekenntnis zur Inklusion in einem weiten Sinne. Kinder und Jugendliche mit und ohne besondere Förderbedarfe sollen demnach gemeinsam und zieldifferent unterrichtet werden. Unterschiedliche Schulabschlüsse, die auf differente nachschulische Anforderungen vorbereiten und hinleiten (wie die derzeitigen Abschlüsse der Förderschule, der Berufsreife, der Mittleren Reife sowie der Hochschulreife) werden dabei jedoch nicht in Frage gestellt. Es wird zwar in dem Bericht darauf verwiesen, dass ein mehrgliedriges Schulsystem letztlich im Konflikt zum Grundgedanken der Inklusion stehe und auch aus pädagogischen Gründen Formen des längeren gemeinsamen Lernens wünschenswert schienen. "Aber auch ohne die 'Systemfrage' an den Anfang aller Bemühungen zu setzen", heißt es konkret im Expertenbericht, "lassen sich auch gegliederte Schulsysteme stärker in Richtung Inklusion entwickeln." Demzufolge hätten sich alle Schulformen (Grundschulen, Regionale Schulen, Gymnasien, Gesamtschulen ...) der Inklusion zu öffnen und seien dazu aufgefordert, hierfür Konzepte zu entwickeln sowie, wo vorhanden, fortzuschreiben.

Zur konkreten Situation in Mecklenburg-Vorpommern

Der Expertenbericht macht darauf aufmerksam, dass Mecklenburg-Vorpommern im Schuljahr 2010/11 mit einem Anteil von insgesamt 10,1 % zu den Bundesländern mit dem höchsten Anteil von Schülerinnen und Schülern mit festgestelltem sonderpädagogischem Förderbedarf im Gesamtsystem Schule gehörte (bundesdeutscher Durchschnitt der sog. Förderquote im Schuljahr 2010/11: 6,2 %). 71 % aller Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf lernen im nordöstlichen Bundesland an Förderschulen. Fast 75 % davon sind Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Bereichen Lernen, Sprache sowie emotionale und soziale Entwicklung.

Die Expertenkommission empfiehlt, diese Situation Schritt für Schritt zu verändern. Dazu will sie unter anderem mit Einführung der inklusiven Grundschule die Schulen für die genannten Förderschwerpunkte zugunsten einer Förderung im Gemeinsamen Unterricht auslaufen lassen. Einer kleinen Anzahl von Kindern mit schwerwiegenden Problemen im sozial-emotionalen Bereich sollen dennoch temporär angelegte Sonderbeschulungsmaßnahmen vorgehalten werden. Für Kinder aller anderen Förderschwerpunkte sollen "Schulen mit spezifischer Kompetenz" entwickelt werden. Um eine wohnortnahe Beschulung zu realisieren, sollen für den Zielzeitraum bis 2020 mindestens in jedem Alt-Kreis bzw. in jeder ehemaligen kreisfreien Stadt inklusive Beschulungsmöglichkeiten entstehen, indem Schulen entsprechend ausgestattet werden.

Und welche Farbe zeigt nun die Ampel auf dem Weg zur Inklusion?

Grün sicherlich nicht. Angesichts der geführten Diskussionen auf bisher drei Kongressen hält sich meine Hoffnung auf tatsächliche Inklusion und damit auf Chancengleichheit aller Schülerinnen und Schüler in Grenzen.


Mehr zum Thema:
Das Handlungsfeld "In der Schule" der Aktion Mensch
"Schule für alle gestalten": Das Praxisheft der Aktion Mensch für Lehrerinnen und Lehrer (PDF-Dokument)
Wie viel Kompromiss darf es denn sein, Herr Bildungsminister? Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über den ersten Inklusionskongress in Mecklenburg-Vorpommern
Inklusion contra gegliedertes Schulsystem? Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über den zweiten Inklusionskongress in Rostock, bei dem das Thema inklusive Bildung diskutiert wurde
Inklusion – ein Lehrstück. Ein Blogbeitrag von Raśl Krauthausen mit persönlichen Erfahrungen und Überlegungen zur schulischen Inklusion
"Ich bin ich". Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über vorbildliche schulische Inklusion an der privaten Mira Lobe Grundschule

Margit Glasow

Autorin: Margit Glasow
Kategorie: Inklusion

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Wie malt ein blinder Maler?

Autor: Werner Grosch, am 14.05.2013 um 12:32 Uhr

Eine Kölner Ausstellung zeigt Arbeiten von 16 blinden und sehbehinderten Künstlern und stellt die visuelle Wahrnehmung damit radikal in Frage.

Das Logo der Ausstellung: die Aufschrift "ART BLIND" mit weißen, unregelmäßig verteilten Buchstaben auf schwarzem Grund

Skulptur "The Big Cracking Piece" von Flavio Titolo

art blind

Gibt es Musik, wenn man sie nicht hören kann? Existieren Bilder, wenn man sie nicht sehen kann? Lösen Farben Gefühle aus, wenn man den Unterschied von Rot und Grün nie erlebt hat?
Es ist die denkbar radikalste Fragestellung zur Kunst. Und es ist kein Wunder, dass sie bei „Sommerblut“ in Köln gestellt wird. Denn das „Festival der Multipolarkultur“ steht für das Aufbrechen selbstverständlicher Wahrnehmungsweisen wie kaum ein anderes. In diesem Jahr gehört zum Programm die Ausstellung „art blind“, in der 16 blinde und sehbehinderte Künstler aus neun Ländern ihre Arbeiten zeigen. Skulpturen, Installationen, die mit anderen Sinnen zu erfassen sind. Aber auch Zeichnungen und Malerei, die keine haptische Struktur als Ersatzerfahrung anbieten.

Zeichnen ohne Blick

Eckhard Seltmann war Kunstlehrer. 1989, mit Ende 30, ist er vollständig erblindet. „Danach ging jahrelang nichts mehr, ich habe mich ganz aufs Schreiben verlegt“, erzählt er. Die neue Partnerin, die er nach der Erblindung fand, ermutigte ihn, wieder die Stifte in die Hand zu nehmen. Seltmann, der neben Kunst auch Industriedesign studiert hatte, empfand nach wie vor keinen Impuls, zu Meißel und Hammer zu greifen. „Mich hat immer das Zeichnen gereizt, und so ist es bis heute.“
„Krikel-Krakel“ nennt er seine Zeichnungen selbst. Eine Art Schablone hilft ihm beim Aufbau des Bildes. Seltmann staunt darüber, wie oft sich die Vorstellungen, die er sich von seinem Bild gemacht hat, mit den Wahrnehmungen derer decken, die sie schließlich sehen können. Und das ist eine Ermutigung. Die Kunst, die sein Leben vor der Erkrankung prägte, ist so wieder ein Teil dieses Lebens geworden.

Strenge Auswahl

In der Kölner Ausstellung werden drei seiner Bleistiftarbeiten und eine Farbzeichnung zu sehen sein. Zu sehen, oder per Audiodeskription zu erleben. Siegfried Saerberg ist Kurator des Projektes, das die Aktion Mensch mit 100.800 Euro unterstützt. Er, der selbst blind ist, ist in viele Ateliers gereist, um die Arbeiten der Künstler, die sich für die Ausstellung beworben hatten, ertasten zu können. Eine Jury entschied streng über die Auswahl unter 65 Kandidaten. „Wir wollen schon Niveau präsentieren, abstrakte Dimensionen, die über bloßes Nachbilden hinausgehen“, sagt Saerberg, der hofft, dass das Kölner Projekt die Idee der Partizipation fördert. Museen, so wünscht er es sich, sollten öfter Audiodeskriptionen anbieten und das Berühren der Werke erlauben. „Die Kunst sollte zugänglicher werden. Denn viele blinde Menschen interessieren sich mehr als früher für die allgemeine Kultur und wollen wissen, was einen Rembrandt von einem Picasso unterscheidet.“
Die barrierefreie Ausstellung „art blind“ ist vom 17. Mai bis 16. Juni 2013 in „Kunst im Stapelhaus/ Kulturverein des BBK Köln“ am Rheinufer in der Kölner Innenstadt zu erleben. Der Eintritt ist frei.


Mehr zum Thema:
Mehr Infos zur Ausstellung „art blind“ beim Verein Blinde und Kunst e. V. in Köln
Das Sommerblut-Festival in Köln
Der blaue Engel wird greifbar. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über barrierefreie Führungen in der Deutschen Kinemathek in Berlin
Städte zum Ertasten. Ein Interview im Blog von Stefanie Wulff mit Egbert Broerken, der Stadtmodelle aus Bronze für blinde Menschen baut
Kunst für alle: Auch Hände können sehen. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über die barrierefreien Ausstellungen des Künstlers Horst W. Müller
Die Förderprogramme der Aktion Mensch


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„Menschen spielen Menschen“

Autorin: Carmen Molitor, am 13.05.2013 um 14:23 Uhr

Wer ist normal? Wer ist verrückt? Und wer entscheidet darüber eigentlich? In „Unter Irren“, dem neuesten Stück des integrativen Ensembles der Opernwerkstatt am Rhein in Köln, dreht sich alles um die Fallstricke der Wahrnehmung. Die Aktion Mensch hat das Spiel um innere und äußere Kämpfe in einer geschlossenen Anstalt, das in diesen Tagen Premiere feiert, mit 28.200 Euro gefördert.

Alle Schauspieler des Stücks "Unter Irren" liegen auf dem Boden.

Das Schauspieler-Ensemble von „Unter Irren“

Eine geschlossene psychiatrische Anstalt irgendwo im Nirgendwo. Die beiden Neuzugänge Toby, ein junger Mann mit Down-Syndrom und Wahnvorstellungen, und Miriam, eine blinde Frau mit Gedächtnislücken, versuchen sich im Kreis ihrer bizarren Mitbewohnerinnen und Mitbewohner zurechtzufinden. Den beiden wird schnell klar: Sicher ist in dieser Anstalt nur, dass nichts sicher ist. Ist die Frau in der Schwesterntracht eine Pflegerin oder Insassin? Warum schluckt der lächelnde Mann, der die Medikamente ausgibt, selbst die meisten der Pillen? Wer hat hier die Fäden in der Hand, und wer hängt nur hilflos an ihren Enden? Die Antworten ändern sich im Stück „Unter Irren“ für die Charaktere und das Publikum in jeder Szene. Ein Anstaltsinsasse nach dem anderen versucht im Einzelgespräch die Psychologin davon zu überzeugen, dass er gesund ist und entlassen werden müsste.

Gemischte Theatergruppe

„Die Idee mit den Einzelgesprächen war die einzige Vorgabe, die ich gegeben habe“, erzählt Sascha von Donat, künstlerischer Leiter der Opernwerkstatt am Rhein in Köln. „Daraus entwickelten wir gemeinsam die Krankengeschichten und die Szenen.“ Nach einem erfolgreichen Theaterstück und einem preisgekrönten Hörspiel inszeniert der Regisseur mit „Unter Irren“ bereits zum dritten Mal im Rahmen der Opernwerkstatt ein Projekt mit einem integrativen Ensemble. Die Theatergruppe ist auf mehrfache Weise gemischt: Es spielen elf Menschen mit und ohne Behinderung mit, darunter Schauspielprofis und Laien; der Jüngste ist 19, der Älteste 80 Jahre alt. Hinter den Kulissen unterstützen außer Regisseur von Donat auch fünf Profis bei Bühnenbild, Kostümen und Technik das Ensemble, auch ein erfahrener Schauspiel-Coach und ein Illusionist sind dabei. „Ich versuche immer, gewisse Grenzen zu überschreiten“, sagt Sascha von Donat. „Diesmal spielen – was eigentlich bei integrativem Theater ein Tabu ist – Menschen ohne Behinderung Charaktere mit Behinderung. Und Menschen mit Behinderung spielen Charaktere mit einer anderen Behinderung. Da fangen die ersten Wahrnehmungsverschiebungen an. Man weiß nicht, was echt ist und was nicht.“

Eingespielte Schauspieler-Duos

Heute ist die erste Kostümprobe der Inszenierung angesetzt, nach und nach verschwinden alle einzeln in einem Nebenraum und kehren weißgekleidet zurück. Von Donat macht von jedem Fotos für die Werbeflyer und die Presse. Wer gerade nicht geschminkt, angekleidet oder fotografiert wird, überbrückt die Wartezeit zum ersten Durchlauf bei einem Schwätzchen mit den Kollegen, manche eingespielten Duos gehen zusammen ihre Texte durch. So ein eingespieltes Team sind Heiko Schwarz, Rollifahrer und Laiendarsteller, der gleich eine Zwangsjacke anlegen muss und daran arbeitet, realistisch einen Menschen mit Sprachbehinderung darzustellen, und Profi Venus Hosseini, die vor allem den Spaß und den unkomplizierten Umgang miteinander im Ensemble mag. Ein anderes vertrautes Kollegen-Duo sind Nico Randel, ein Laiendarsteller mit Down-Syndrom, der den Toby spielt, und die Schauspielerin Sarina Abram, die dessen verstorbene, boshafte Schwester darstellt. Jetzt hat Abram noch nichts von der diabolischen Aufsässigkeit, die sie später als Vanessa auf der Bühne zeigen wird, wenn sie Toby als Geist erscheint. Sie hilft Randel freundschaftlich dabei, seine Sätze zu üben. Seine kräftige Stimme erfüllt den Raum. „Mir macht es Spaß, dass man in den Texten, die die Schauspieler in dem Stück sagen, so gut seine Gefühle ausbreiten kann“, erzählt er.

Figuren des Stücks erleben Exklusion statt Inklusion

Den anderen Neuzugang Miriam spielt die blinde Amerikanerin Leslie Mader, die zum ersten Mal im Ensemble dabei ist. Sie sitzt ein paar Meter von Nico Randel entfernt auf einem Quader und erzählt, wie glücklich sie darüber ist, dass sich seit ein paar Jahren endlich ihr langgehegter Kindertraum erfüllt, Schauspielerin zu sein. „Ich bin einfach sehr theatralisch“, lächelt sie. Den Charakter der Miriam findet sie „sehr nebulös. Man weiß nicht genau, warum sie in der Anstalt gelandet ist und ob sie wirklich Gedächtnislücken hat oder nicht.“ Ein bisschen Bammel hat sie noch vor ihrem großen A-Capella-Gesangssolo am Schluss. „Ich hoffe, ich fange tief genug an, damit ich die hohen Töne treffe“, seufzt sie.

Auch Jana Zöll, die aufgrund einer Glasknochenkrankheit im Rollstuhl sitzt und ihre Assistentin mit zur Probe gebracht hat, ist Profi. Vier Jahre hat sie eine Schauspielausbildung in Ulm gemacht. Schon seit sie eine Schülerin war, liebte sie die Bühne, erzählt sie. „Mir gibt das Gruppengefühl viel, das es beim Theater gibt, wenn ein Ensemble gut funktioniert“, sagt Zöll. „Als einzige Rollifahrerin habe ich mich in der Schule oft nicht dazu gehörig gefühlt. Bei Theatergruppen war das immer anders.“ Die Schauspielerin stellt die Insassin Martha dar. Am interessantesten an der Rolle sei der letzte Satz, den sie zum Publikum gewandt spricht: „Ist es denn wirklich so schwer, uns in unserer Individualität entgegen zu kommen?“ Jana Zöll verrät dieser Satz viel über Marthas drängendste Schwierigkeit: „Ihr Problem ist, dass sie von der Gesellschaft nicht so genommen wird, wie sie ist – sie erlebt Exklusion statt Inklusion“, sagt Zöll. Dass in dem Stück Menschen mit Behinderung Charaktere mit einer anderen Behinderung spielen, sei für sie nicht von Belang: „Menschen spielen Menschen“, sagt sie achselzuckend.
Dann unterbricht Sascha von Donat mit dem Ruf „Auf Ausgangsposition bitte!“ die Gespräche im Saal. Der Probedurchlauf kann beginnen.


Linktipps:
Alle Aufführungstermine von „Unter Irren“ in Köln, Bochum und Essen
Die Opernwerkstatt am Rhein in Köln
Die Bühne der Kulturen, der Aufführungsort von „Unter Irren“ im Rahmen des Kölner Sommerblut-Festivals in Köln
Die Förderprogramme der Aktion Mensch

Carmen Molitor

Autorin: Carmen Molitor
Kategorie: Förderung

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Gewinnzahlen vom 12. Mai 2013 mit Jörg Pilawa

Autor: Redaktion, am 12.05.2013 um 19:38 Uhr

Jörg Pilawa präsentiert die Gewinnzahlen der Aktion Mensch-Lotterie und stellt den CAP-Markt in Hillscheid vor. Wichtiges Ziel der CAP-Lebensmittelmärkte ist die Verbesserung der Arbeitsmarktsituation von Menschen mit Behinderung und die Schaffung und langfristige Sicherung von geeigneten Arbeitsplätzen außerhalb von Werkstätten.


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Was bedeutet Selbstbestimmt Leben für mich ...

Autorin: Petra Strack, am 12.05.2013 um 09:32 Uhr

... bezogen auf Artikel 30 der UN-Konvention: das Recht auf Teilnahme am kulturellen Leben, Erholung, Freizeit und Sport

Petra Strack

Petra Strack

Die UN-Behindertenrechtskonvention hat bei vielen Menschen große Hoffnungen auf eine neue Ära der gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit Behinderung geweckt. Ich selbst war bisher eher skeptisch, was diese doch eher als Absichtsbekundung anmutende Konvention angeht, denn mir schien das Level der wirklichen Umsetzungsverbindlichkeit doch eher gering.

Was wäre wenn ...

Aber dieses Wochenende beschäftigte ich mich etwas intensiver mit Artikel 30, dem Recht auf Teilhabe am kulturellen Leben sowie an Erholung, Freizeit und Sport – und fing an zu träumen: Was wäre wenn ...

  • ... ich an einem Freitagabend anhand des kompletten Kinoprogramms entscheiden könnte, ob es ein Kinoabend wird, anstatt des auf 4 von 12 stufenlos erreichbare Kinosäle beschränkten Programms?
  • ... ich bei dem Besuch eines Theaters in einer fremden Stadt nicht vorab aufwändig abklären müsste, ob es überhaupt barrierefrei ist oder mir den verwinkelten Zugang über den Hintereingang ohne Stufen erklären lassen müsste?
  • ... ich bei einem Konzert von Katy Perry nicht abgetrennt auf der Rollstuhltribüne im hinteren Bereich sitzen würde, sondern ganz weit vorne, halb zerquetscht von den anderen Fans, mitrocken könnte, ohne dass mich besorgte Sicherheitskräfte wegzerren wollen?
  • ... ich auf einer Kirmes mehr tun könnte als Zuckerwatte essen, z. B. sie nach dem Besuch der Wildwasserbahn wieder von mir geben?
  • ... die Deutsche Bahn einsehen würde, dass ein Rollstuhlplatz pro ICE vielleicht doch etwas wenig ist, und ich den Zug um 22:01 nehmen könnte, einer solch nachtschlafenden Uhrzeit, zu der kein Personal am Bonner Hauptbahnhof mehr da ist, um beim Aussteigen den Lifter zu bedienen?
  • ... Airlines wenigstens mit der Deutschen Bahn gleichziehen und einen Rollstuhlplatz pro Flugzeug hätten, in dem ich in meinem eigenen Rollstuhl sitzen bleiben kann, anstatt mir 10 Stunden Flugzeit mit Rückenschmerzen in für einen vom Standard abweichendem Körper nicht geeigneten Sitz zu bescheren?
  • ... sich Clubs gerne weiter in Kellern befinden könnten, aber einen Aufzug haben würden?
  • ... mein Freund mich in ein Restaurant einladen würde, das er aufgrund der Speisen, nicht der Anzahl der Stufen ausgewählt hat?
  • ... sich mein Geld gleichmäßig in alle Schuhgeschäfte ergießen würde, nicht nur in die ohne Stufen?


Die Liste wäre ewig weiterzuführen, aber letztlich bin ich wohl doch keine Träumerin, denn das Was-wäre-wenn-Spiel langweilte mich ziemlich schnell, und ich fing an, stattdessen zu überlegen, welche Punkte auch wirklich realistisch sind und wie man ihre Umsetzung, die ja von der Konvention in Aussicht gestellt wird, möglichst gut vorantreiben kann.
 
... irgendwelche Vorschläge? :-)


Linktipps:
Das Handlungsfeld "Inklusion leben: In der Freizeit" der Aktion Mensch
Ein unvergesslicher Abend in Hamburg. Ein Blogbeitrag von Anastasia Umrik über Barrieren des Feier-Abends
Außer Rand und Brandschutz. Ein Blogbeitrag von Raśl Krauthausen über Sicherheitsbestimmungen contra Kinobesuch
Mehr Kultur! Neue Wege zum barrierefreien Tourismus. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über barrierefreie Führungen durch Trier, Erfurt und die Documenta
Urlaub – alles inklusiv? Ein Blogbeitrag von Petra Strack über die Tücken einer Reise mit Rollstuhl

Petra Strack

Autorin: Petra Strack

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"Es tat mir gut, es aufzuschreiben"

Autorin: Katja Hanke, am 11.05.2013 um 16:37 Uhr

Was ist Inklusion?

Zum siebten Mal ist in diesem Jahr der Literaturpreis Ohrenschmaus ausgeschrieben. Menschen mit Lernbehinderung sind eingeladen, bis zum 15. September eigene Texte einzureichen. Um schon mal einen kleinen Vorgeschmack zu geben, findet am 13. Mai in Berlin eine Lesung mit den Gewinner-Texten des letzten Jahres statt. Einer davon ist der Text "Zu zweit ist weniger allein" von Markus Engfer aus Rheine, der vor Kurzem auch ein Buch veröffentlicht hat.

Markus Engfer

Preisträger Markus Engfer

(c) Ingrid Fankhauser

In seinem Text "Zu zweit ist weniger allein" beschreibt der 21jährige seine Gedanken und Erlebnisse: "Wenn ich dich so ansehe, siehst du gar nicht so behindert aus“, habe ich schon mal als Kompliment bekommen. Dieses Kompliment bekommt man nicht oft, darum sollte man vielleicht etwas glücklich oder stolz sein. Doch bei mir gab es die Traurigkeit und auch etwas von der Angst in mir. Hin und wieder bin ich traurig darüber, dass ich behindert bin."

Für das Inklusionsblog erzählt er, wie er zum Schreiben kam, was es für ihn bedeutet und wie es sich anfühlte, den Literaturpreis zu gewinnen:

Früher war ich oft traurig und weinte häufig, wenn ich allein in meinem Zimmer war. Dann schrieb ich einzelne Wörter oder Sätze auf. Die Zettel waren im ganzen Zimmer verteilt, erinnert sich meine Mutter. Einmal wurde ich so traurig und hatte über so viel nachgedacht, dass ich meine erste Seite schrieb. Ich gab die Geschichte einigen meiner Lehrer zum Lesen und hatte sie auch unserer neuen Praktikantin in der Klasse gezeigt. Ihr Lächeln, was sie mir beim Zurückgeben meiner Geschichte gab, hatte mich etwas verzaubert. Ich hatte mich nach langem wieder gefreut. Innerhalb von drei Monaten schrieb ich zwei weitere Geschichten auf und zeigte sie wieder unserer Praktikantin. Eine Geschichte war ein schwieriges Erlebnis, aber ich merkte, wie gut es mir tat, es aufzuschreiben. Mit dem Schreiben entwickelte ich mich so sehr, dass ich fast fehlerfrei schreiben konnte. Jahre zuvor hatte ich dafür noch Einzelunterricht in der Schule bekommen. Ich erinnerte mich, wie schwer es mir früher gefallen war, die Wörter richtig zu schreiben. Und den Stift richtig zu halten. Mit 17 oder 18 schaffte ich einen kleinen Durchbruch. Danach schrieb ich einfach und klar.
Es war zwar nicht immer leicht, die passenden Wörter zu finden für mein Befinden. Öfters weinte ich beim Schreiben meiner Gedanken und schlechten Erlebnisse. Aber wenn ich meine neuen Geschichten jemandem zu lesen gab, fühlte ich mich etwas besser. Meistes gab ich sie unserer Praktikantin. Denn sie zeigte mir ihr Interesse. Wenn ich etwas aufschreibe, kann ich es besser verstehen. Ich meine, das ist mein Talent. Ich kann mich dafür nicht so gut unterhalten, glaube ich. Würde ich so sprechen, wie ich schreibe, dann wäre das perfekt.

Als ich nach ungefähr zwei Jahren meiner Oma mein Manuskript gab, informierte sie meine Tante. Denn sie ist selber Autorin und hat schon drei Bücher geschrieben. Mit ihr hatte es dann noch ein Jahr gedauert, bis mein Buch fertig war. Auch, wenn ich immer vielen Menschen erzählt habe, dass ich ein Buch schreibe, hatte ich nicht an mich geglaubt. Doch viele haben sich für mein Manuskript interessiert und wollten es lesen. Häufig bekam ich positive Rückmeldung, so dass ich jedes Mal weiter schrieb. Es tat mir gut, mir alles von der Seele zu schreiben. Wenn ich schrieb, dachte ich, dass mir jemand zuhört. Dass irgendwann jemand sagt, dass ich das schön geschrieben hätte. Es war wie eine Therapie.
Ich stellte mir oft Bilder vor, wo Autoren groß gelobt wurden. Sie bekamen Blumensträuße oder wurden ins Fernsehen eingeladen. Ich wollte mit meinen traurigen Gedanken irgendwie in die Öffentlichkeit. Ich fand mein Leben traurig, aber ich dachte fast nicht mehr daran. Ich wollte nur Erfolg.

Der Ohrenschmaus-Preis war für mich eine große Ehrung. Ich verglich es mit einem Oscar, der im amerikanischen Raum verliehen wird. Schon als ich die Nachricht bekam, dass ich gewonnen hätte und nach Wien eingeladen würde, hatte ich mich gefreut. Ich spürte mich selbst nicht mehr in meinem Körper. Bei der Preisverleihung in Wien saß ich unruhig auf einem Stuhl auf der Bühne. Eine bekannte Schauspielerin las meinen Text vor. Ich sah ins Publikum und fühlte mich so stolz und glücklich. Als die Schauspielerin fertig mit dem Lesen war, stand ich auf, um meinen Preis entgegenzunehmen. Alle Leute klatschten in die Hände und ich fiel geistig auf den Boden der Tatsachen.
Jetzt fragen mich viele Leute, ob ich nicht der Junge wäre, der das Buch geschrieben hätte und der dafür den Preis gewonnen hätte. Ich sage dann: Ja, der bin ich! Ich glaube, ich bin etwas glücklicher geworden, seitdem ich mein Buch veröffentlichte und dann Wochen später auf der Bühne stand. Ein guter Start, als Autor mit einer geistigen und Lernbehinderung.

Aufgezeichnet von Katja Hanke


Veranstaltungstipp:

  • Die Lesung der Gewinner-Texte des Literaturpreises Ohrenschmaus findet statt am Montag, 13.5. um 13 Uhr im Österreichischen Kulturforum, Stauffenbergstraße 1, 10785 Berlin
Katja Hanke

Autorin: Katja Hanke
Kategorie: Inklusion

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