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Weltpolitische Nachrichten – ohne Sprachbarrieren

Blogger: Katja Hanke, am 25.06.2014 um 15:57 Uhr

Mit nachrichtenleicht.de reißt der Deutschlandfunk die Sprachbarrieren des Nachrichtengewerbes ein und versorgt Menschen mit Lernschwierigkeiten mit aktuellen Nachrichten in Einfacher Sprache.

Person, die im Schneidersitz sitzt und ein Tablet bedient

Nachrichtenleicht.de bietet Nachrichten in Leichter Sprache

Foto: ebayink / flickr.com

Die Informationssuche im Internet wird für Menschen mit Lernschwierigkeiten immer einfacher. Grund dafür ist die stetig steigende Anzahl von Webseiten in Leichter Sprache. Internetseiten mit aktuell-politischen Themen in leicht verständlicher Sprache gab es bis vor anderthalb Jahren allerdings keine. Die Redaktion des Deutschlandfunks hat das mit Nachrichtenleicht.de geändert. "Es ist ja die ureigene Aufgabe des öffentlichen Rundfunks, den Menschen Nachrichten zugänglich zu machen", sagt Projektleiterin Tanja Köhler. Und dazu gehörten eben auch die Millionen von Deutschen, an die sich Einfache Sprache wendet, so Köhler. "Menschen mit Lernschwierigkeiten, aber auch Personen, die aufgrund von Alter oder Krankheit schlecht lesen können, sowie funktionale Analphabeten."

Übersichtlich, leicht verständlich und jede Woche neu
Wer auf nachrichtenleicht.de klickt, gelangt auf eine übersichtlich gestaltete Seite mit vier Rubriken: Nachrichten, Kultur, Sport und Vermischtes. In ihnen werden aktuelle Themen behandelt, die auch in den konventionellen Nachrichten des Deutschlandfunks vorkommen. Die Leser können sich die kurzen Texte auch vorlesen lassen oder sie sogar als Audio-Datei herunterladen. Schwierige Wörter werden unter den Texten zusätzlich erklärt und in einem Wörterbuch gesammelt, das unabhängig von den Texten aufgerufen werden kann.

Nachrichtenleicht.de ist ein Wochenrückblick, der donnerstags und freitags in der Nachrichtenredaktion des Deutschlandfunks in Köln entsteht. Ab Samstag ist er online. Ein Stamm von vier Redakteuren betreut die Seite abwechselnd in Zweier-Teams. "Am Donnerstag diskutieren wir, welche Themen der letzten Tage wir für die Seite auswählen", sagt Köhler. Dabei wenden die Redakteure die gängigen Kriterien zur Nachrichtenauswahl an. "Wir wollen ja Teilhabe ermöglichen und bringen also die gleichen Themen wie in den konventionellen Nachrichten", sagt Köhler. Je drei Themen sind es in Kultur, Vermischtes und Sport, vier oder fünf in den Nachrichten.

Komplexe Themen einfach erklären
Nach der Auswahl schreiben zwei Redakteure donnerstags die Texte, freitags nehmen Sprecher sie im Studio auf. Die Texte erfüllten die gleichen journalistischen Ansprüche wie die in den konventionellen Nachrichten, so Köhler, das heißt sie sind nicht wertend und auch in vereinfachter Sprache sind alle Informationen korrekt. Das Schreiben in vereinfachter Sprache dauere allerdings oft länger als in Standardsprache. "Wenn ich ein komplexes Thema leicht und verständlich erklären möchte, muss ich es auch verstanden haben", sagt Tanja Köhler. "Ich kann mich nicht hinter komplizierten Formulierungen verstecken."

Überwältigendes Feedback auf einfache Sprache
Die Kriterien für ihre Einfache Sprache haben sich die Redakteure aus verschiedenen Regelwerken zu Leichter und Einfacher Sprache zusammengestellt, unter anderem gehören dazu: kurze Sätze, ein einfacher Satzbau und einfache Verben, die nur im Präsens oder Perfekt verwendet werden, kein Passiv, wenig Genitiv und direkte statt indirekter Rede. Hinzu kommen: Wiederholungen anstelle von Synonymen, keine Fremdwörter und vor allem kurze Wörter. Lassen sich längere Wörter nicht vermeiden, werden sie mit einem Bindestrich getrennt. Das habe vor allem bei Lesern, die vom Konzept Einfache Sprache noch nichts wussten, zu Verwirrung geführt, sagt Tanja Köhler.

Überhaupt habe die Reaktion alle Erwartungen übertroffen. "Unsere Zielgruppe waren ja Menschen mit Lernschwierigkeiten", sagt sie. "Aus den Zuschriften haben wir aber gesehen, dass der Nutzerkreis viel größer ist." Lehrer an Sonderschulen hätten sich gemeldet, Menschen mit Alzheimer, mit wenig Deutschkenntnissen sowie Deutschlerner aus Neuseeland, Brasilien, Russland oder Italien. "Wir waren völlig überwältigt."


Linktipps:
Das Nachrichtenportal "nachrichtenleicht.de"
Mehr Informationen zur Leichten Sprache vom Verein "Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland"
Das Netzwerk Leichte Sprache
Ist die Leichte Sprache auch gut? Ein Blogbeitrag von Eva Keller über die Bewertung der Regeln der Leichten Sprache
Mehr Leichte Sprache! Ein Blogbeitrag von Stefanie Wulff über die Ausbildung von Prüfern für Texte in Leichter Sprache
"Das Wunder von Bern" in Einfacher Sprache. Ein Blogbeitrag von Laura Merken über ein Buch in Einfacher Sprache über die deutsche Fußball-Weltmeister-Mannschaft von 1954

Katja Hanke

Blogger: Katja Hanke
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Bildung, Barrierefreiheit, Medien

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Mit den Menschen reden – nicht über sie!

Blogger: Eva Keller, am 23.06.2014 um 16:14 Uhr

Durch das Projekt „Inklusive Bildung“ der Stiftung Drachensee bekommen Studierende die täglichen Herausforderungen erklärt – von Dozenten mit Behinderungen.

Ein Dozent des Projekts „Inklusive Bildung“ beim Vortrag, in der Hand ein Zettel mit der Aufschrift: Bildung ist Grundrecht

„Inklusive Bildung“-Dozent: Reflektieren und einordnen

Foto: Stiftung Drachensee

Es gibt neue Dozenten an der Fachhochschule Kiel: Sechs Frauen und Männer mit körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen oder Lernschwierigkeiten, die bis zum Semesterstart noch in den Werkstätten der Stiftung Drachensee beschäftigt waren. Nun aber erklären sie den Studierenden des Fachbereichs „Soziale Arbeit und Gesundheit“ ihr Leben: die alltäglichen Herausforderungen und Hindernisse ebenso wie die Auswirkungen von Sozialgesetzen und die Bedeutung von Inklusion.

Expertenwissen einbringen

Mit den Menschen reden statt über sie zu reden. Das ist der Leitgedanke des Projekts „Inklusive Bildung“, das die Stiftung Drachensee mit Unterstützung der Aktion Mensch auf die Beine gestellt hat. Ziel ist es, das Expertenwissen von Menschen mit Behinderung in Studium und Ausbildung für die sozialen Berufe zu verankern – langfristig durch reguläre Arbeitsplätze an den Universitäten, Fachhochschulen bzw. Fachschulen, an denen die Erzieherinnen und Erzieher ausgebildet werden.
Damit die Menschen mit Behinderung ihren Dozenten-Job gut machen können, werden sie gründlich vorbereitet. „Unser Anspruch ist, dass die Teilnehmer ihre biographischen Erlebnisse reflektieren und einordnen können – das ist etwas ganz anderes als mal mit ein paar Studierenden zu quatschen“, stellt Projektmanagerin Claudia Pazen klar.

Theorien, Methoden, Praxis

Satte zwei Jahre dauert die Qualifizierung, die von einer Pädagogin geleitet wird. Sie hat auch das Curriculum erarbeitet: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer setzen sich einerseits theoretisch mit den Themen Arbeit, Bildung und Teilhabe auseinander. Andererseits lernen sie Methoden und Instrumente für die Lehre kennen, angefangen bei der Power-Point-Präsentation bis hin zu Tipps für Vortrag und Moderation.

Das Erlernte erproben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer schon während der Ausbildung – wie beim Einsatz an der FH Kiel, der sich mit zwei Stunden pro Woche über ein Semester erstreckte. Neben der FH Kiel hat die Stiftung Drachensee die Uni Kiel (Lehramt) und die Uni Flensburg (Sozialpädagogik) als Partner gewinnen können.

Rollenwechsel

Studierenden in höheren Semestern wiederum schlüpfen in die Rolle des Dozenten: Sie übernehmen kleine Lehreinheiten zu Themen wie „Gesetzliche Grundlagen für Teilhabe“ und „Geschichte vom Umgang mit Behinderung in der Gesellschaft“. Professoren unterstützen sie darin, die Lehrinhalte didaktisch und methodisch für die Vermittlung an Menschen mit Behinderungen aufzubereiten. Indem die Studierenden so in die Qualifizierung eingebunden werden, „steigern wir die Qualität unserer Ausbildung. Außerdem sorgen unterschiedliche Lehr- und Lernsituationen für Abwechslung“, sagt Claudia Pazen. Und natürlich passt der Rollenwechsel perfekt zur Projektidee: voneinander lernen!


Linktipp:
Mehr Infos zum Projekt „Inklusive Bildung“ der Stiftung Drachensee
Inklusion studieren: Übersicht der Universitäten und Fachhochschulen, die Bachelor- und Masterstudiengänge sowie Weiterbildungsmöglichkeiten zum Thema Inklusion anbieten
Master of Inklusion? Ein Blogbeitrag von Eva Keller über Aus- und Weiterbildungsangeboten zum Thema Inklusion
Emanzipation der „Disability Studies“. Ein Blogbeitrag von Wiebke Schönherr über die erste Juniorprofessorin dieser Fachrichtung in Deutschland und den wissenschaftlichen Begriff von Behinderung
"Ein Stück weit Utopie". Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über die Inklusion an deutschen Hochschulen

Eva Keller

Blogger: Eva Keller
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Bildung, Menschen mit Behinderung

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Gewinnzahlen vom 22. Juni 2014 mit Rudi Cerne

Blogger: Redaktion, am 22.06.2014 um 19:42 Uhr

Rudi Cerne präsentiert die Gewinnzahlen der Aktion Mensch-Lotterie vom 22. Juni 2014 und stellt das Rollstuhlhockeyteam von Torpedo Ladenburg bei Heidelberg vor. Die Jungs und Mädels vom Torpedo Ladenburg machen mit ihren extra fürs Hockeyspiel umgebauten Elektro-Rollstühlen ordentlich Tempo. Die 20 bis 40-jährigen Spieler mit Behinderung nehmen an Bundesligaturnieren im In- und Ausland teil. Die Aktion Mensch bezuschusst die Anschaffung der umgebauten Rollstühle für Elektro-Rollstuhl-Hockey mit rund 21.300 Euro.


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Es gibt Fans, die gibt es gar nicht

Blogger: Mirien Carvalho Rodrigues, am 20.06.2014 um 15:56 Uhr

In ihrem zweiten Bericht zur Fußball-WM in Brasilien beschäftigt sich Mirien Carvalho mit dem Thema Barrierefreiheit.

Stefan Krusche auf einem Platz mit anderen Fußballfans in deutschen Nationaltrikots

Fußballfan Stefan: Gelassenheit und Zuversicht im Gepäck

Fotos: Stefan Krusche

Sie wissen doch, wer Neymar ist? Wer diese Frage mitten im Gespräch über Fußball einer blinden Frau stellt, die seit 32 Jahren glühender Fan der brasilianischen Nationalmannschaft ist und gerade ihre Reise ins -Land plant, hat in wenigen Worten deutlich gemacht, was Barrieren im Kopf sind; wobei hier die Frage vermutlich noch eher der Frau galt als dem blinden Menschen. Doch beides – blind sein und Frau sein – scheint für viele immer noch Grund zu sein, nichts von Fußball zu verstehen. Wie kommt es da nur, dass diese blinde Frau seit Jahrzehnten davon träumt, einmal ein Spiel im Maracanã, dem Fußballstadion von Rio de Janeiro, zu erleben?

Reporter für Audiodeskription

Fußballfan Spencer hat noch Karten für das Achtelfinale in Brasília ergattert. Er ist dort zuhause und hat vor einem Monat von den ermäßigten Eintrittspreisen für Menschen mit Behinderung und der Möglichkeit zur kostenfreien Mitnahme einer Begleitperson erfahren. Er wird, wie auch blinde und sehbehinderte Fans bei den Spielen in São Paulo, Belo Horizonte und Rio de Janeiro, die Begegnung mit Kopfhörer verfolgen. Die Nichtregierungsorganisation URECE aus Rio, die seit Jahren talentierte blinde und sehbehinderte Sportlerinnen und Sportler fördert und mit ihrer Frauenmannschaft im Jahr 2010 auch ein Blindenfußball-Turnier in Marburg klar gewonnen hat, schulte im Auftrag der FIFA ehrenamtliche Reporter in Audiodeskription. Anders als ein Radioreporter sollen diese Freiwilligen beispielsweise auch besondere Einlagen von Fans für die blinden Fußballbegeisterten beschreiben, um die Stimmung im Stadion noch besser für sie einzufangen.

40 Stunden im Reisebus

Auch Stefan ist Fußballfan. Er bricht schon zum zweiten Mal mit dem „Handicap Fanclub Fußball Nationalmannschaft“ des DFB zu einer Weltmeisterschaft auf. Der abenteuerlustige Rollstuhlfahrer hat Karten für die Vorrundenspiele der deutschen Mannschaft bekommen und sämtliche Reisevorbereitungen für sich und seinen Schwager übernommen; dieser unterstützt ihn im Gegenzug vor Ort, wo es nötig ist. Um beim ersten Spiel der Deutschen live dabei zu sein, nahm er insgesamt 40 mühsame Stunden im Reisebus auf sich, bangend, dass mit den zugesagten Toilettenpausen alles klappen möge.

Fachleute am Werk

Ob taktile Leitsysteme, Rampen oder Behindertentoiletten – die bauliche Barrierefreiheit in den WM-Stadien war fest in fachmännischer Hand. Auch ausreichend Behindertenparkplätze sollen inzwischen an allen Stadien vorhanden sein. Menschen mit Behinderung werden außerhalb des gewaltigen Gedränges über separate Eingänge zu ihren Plätzen geführt.

Stefans wichtigstes Gepäck ist seine Gelassenheit und seine Zuversicht, dass er überall freundlich empfangen und die nötige Unterstützung bekommen wird. Als Reisender, dem von vornherein klar ist, dass manche Dinge nicht oder völlig anders als geplant funktionieren, wird er in Brasilien viel Freude haben und gut zurechtkommen, zumal er in den letzten Monaten vor Reiseantritt eigens einen VHS-Kurs in brasilianischem Portugiesisch besucht hat.

Ich packe meinen Koffer …

Wer als Mensch mit Behinderung auf eigene Faust zur WM reist, sollte erst recht Abenteuerlust und Gelassenheit im Gepäck haben. Denn zumindest an einigen Spielstätten sind die Stadien wahre Inseln umfassender Barrierefreiheit. Der Weg zum Stadion, die Unterkunft, öffentliche Verkehrsmittel und die Verständigung mit dem Personal – kurz, die komplette Servicekette für Touristen – ist damit jedoch nicht abgedeckt. So weist eine Organisation körperbehinderter Menschen aus Recife darauf hin, dass Angaben über verfügbare Behindertenparkplätze an den Stadien den Blick von etlichen einheimischen Fans ablenken, die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind und hier vor der WM auf nachhaltige Veränderungen gehofft hatten, die nicht eingetreten sind. Auch die geradezu euphorischen Berichte über Audiodeskription für blinde Fans täuscht schnell darüber hinweg, dass es diesen Service in acht von zwölf Stadien nicht geben wird. Neben der Begeisterung über den inklusiven Gedanken finden sich denn auch Stimmen blinder Fans in Internetforen, die fragen, weshalb an dieser Stelle ehrenamtliche Mitarbeiter eingesetzt werden. Ist die Inklusion letztendlich doch wieder so nebensächlich, überlegt man dort, dass professionelle Spielbeschreiber nicht in das Milliarden-Budget der FIFA gepasst haben? Eine solche Investition hätte zum einen Menschen aus dem Gastgeberland angemessen für eine wertvolle Arbeit entlohnt und zum anderen eine Wertschätzung für Menschen mit Behinderung gezeigt. Die Kritiker gestehen den Freiwilligen zu, ihr Bestes zu geben, doch für sie bleibt die Frage, warum sich in Zeiten so hoher Qualitätsstandards an dieser Stelle blinde Menschen einmal mehr mit einer improvisierten Notlösung zufriedengeben müssen.

Analog dazu verbreiten die deutschen Medien in diesen Tagen die freudige Nachricht, dass im Sinne der Inklusion „die wichtigsten Spiele“ für blinde und sehbehinderte Fußballfans übertragen werden sollen. Wer das spektakuläre 5:1 der Niederlande gegen Spanien gesehen hat, weiß, dass er sich nicht gern vorschreiben lassen würde, welche Spiele er mitbekommen darf und welche nicht.

Paralympics 2016 – mit Barrieren?

Sicher ist die Infrastruktur an den zwölf Spielorten sehr unterschiedlich, doch ausgerechnet für Antônio Figueira de Melo, Tourismusbeauftragter von Rio de Janeiro – also der Stadt, die in nur zwei Jahren die Paralympics ausrichten wird –, war es bislang nicht notwendig, sich auf Besucher mit Behinderungen einzustellen. Auf die Frage, welche Dienstleistungen für Menschen mit Behinderung während der WM angeboten würden, verkündete der Politiker unbekümmert in einem Radiointerview, das sei nicht die Zielgruppe dieses Großereignisses. Ausgerechnet in der Stadt, in die es die meisten Touristen zieht, rechnet man also nicht mit barrierefreiem Informationsmaterial, Verkehrsmitteln, Unterkünften, Restaurants oder gar Personal, dass für die Belange von Menschen mit Behinderung sensibilisiert ist.

Derselbe Tourismusbeauftragte hielt es nämlich auch keineswegs für notwendig, Taxifahrer im Sinne einer besseren Verständigung beim Erlernen der englischen Sprache zu unterstützen. Mit Infomaterial in Fremdsprachen ist somit auch nicht zu rechnen. Außerdem ist er offensichtlich schlecht über die Bestimmungen zu den Spielen informiert. Diese besagen nämlich, dass mindestens 1 % der Eintrittskarten Menschen mit Behinderung vorbehalten sind. Und wer reserviert schon Karten für Fans, die es gar nicht gibt.


Linktipps:
Fußball-Land der Widersprüche. Ein Blogbeitrag von Mirien Carvalho über die Situation von Menschen mit Behinderung in Brasilien
"In Luxemburg findet man Sachen, die genial sind". Ein Interview im Blog von Anina Valle Thiele mit dem Luxemburger Aktivisten Joël Delvaux über Barrierefreiheit und die Umsetzung der UN-BRK
Leben in London: Normal, eine Behinderung zu haben. Ein Gespräch im Blog von Heiko Kunert mit Christiane Link über Inklusion und Barrierefreiheit in Großbritannien
 

Mit dem Rollstuhl zur WM

  • Stefan Krusche im Stadion zwischen anderen Fußballfans

    Fußballfan Stefan beim Auftaktspiel der Deutschen gegen Portugal

  • Stefan Krusche auf einem Platz in Brasilien zwischen riesigen Indio-Puppen in bunten Kleidern

    WM-Tourist Stefan vor dem Franziskaner-Kloster São Francisco in Salvador

Mirien Carvalho Rodrigues

Blogger: Mirien Carvalho Rodrigues
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Barrierefreiheit

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Ab auf die Bühne!

Blogger: Wiebke Schönherr, am 19.06.2014 um 09:12 Uhr

In Berlin organisiert ein Künstler jeden Monat eine Show, in der jeder auftreten kann, der will. Zwanzig Minuten Ruhm für jeden, der etwas zu sagen hat. Es ist ein Inklusionsprojekt für alle, nicht nur für Menschen mit Behinderung.

Roland Walter in seinem Rollstuhl mit einem goldglitzernden Zylinderhut

Show-Organisator Walter: „Behinderung“ verliert an Bedeutung

Foto: Wiebke Schönherr

Rolands Künstlerrampe in Berlin an einem Montagabend. Es wird niemand geschont, und geschönt wird auch nichts: Auf der Bühne stehen, schlicht und schockierend, zwei nackte Menschen.

Es ist ein kleiner Raum, die Decke hängt tief, die Wände sind schwarz, rund 50 Zuschauer hocken auf der einen Seite des Raums eng beieinander auf Holzbänken, und auf der anderen Seite sind Roland Walter und Lisa Gaden. Er: Performer und Buchautor, von Geburt an spastisch gelähmt, 50 Jahre. Sie: ausgebildete Tänzerin, 25 Jahre.

Seit vergangenem Herbst findet die Künstlerrampe alle paar Wochen in der Hauptstadt statt, um unentdeckte Talente auf die Bühne zu bringen. „Aus eigenen Erfahrungen weiß ich, wie schwer es ist, als unbekannter Künstler die Chance zu bekommen aufzutreten. Und wer nicht die Möglichkeit hat, sich auf der Bühne auszuprobieren, kann seine Fähigkeiten kaum entfalten“, erklärt Walter das Projekt. Er ist der Initiator der Künstlerrampe und auch selbst Künstler, wie an diesem Abend.

„Man sieht, dass er sich wohlfühlt“

Da ist er also auf der Bühne, ein völlig nackter Mann, der gelähmt ist. Und da ist eine völlig nackte Frau, die überhaupt nicht gelähmt ist. Aber sie bewegen sich fast einheitlich. Roland Walter dreht sich, windet die Arme, streckt die Beine aus, duckt den Kopf oder streckt den Hals weit durch. Lisa Gaden, zwei Meter neben ihm, konzentriert sich voll auf ihn, ahmt ihn nach und zeichnet dabei mit einem schwarzen Stift all die Bewegungen auf ihrer Haut nach.

Die Geschichte eines Körpers ist die Geschichte seiner Bewegungen? Wollen die beiden das damit sagen? Vielleicht, aber vielleicht auch nicht. Es bleibt viel Raum für eigene Gedanken. Oder für Gedankenleere. Denn so ruhig, wie es in diesen Minuten ist, scheinen viele damit beschäftigt zu sein, überhaupt erst mal zu begreifen, was da auf der Bühne passiert.

Zuzusehen, wie sich ein Mann und eine Frau in diesem kleinen Raum in einem Hinterhof in Berlins szenigem Mitte-Bezirk ganz langsam, ungeniert und unbekleidet bewegen, das fühlt sich an, als sei man gerade nochmal fünf geworden. „Man spürt, dass das für ihn sehr gut ist, dass er sich damit wohlfühlt“, wird im Anschluss eine junge Zuschauerin über den Auftritt von Roland Walter sagen. Aber auch: „Ich bin noch ein bisschen geschockt“.

Das Interessante: Weil der ganze bloße Körper von Roland Walter zu sehen ist, sieht man in manchen Momenten seine Behinderung fast nicht. Das Tabu Nacktheit bricht das Tabu Behinderung. Es ist eindrucksvoller.

Die nächste Vorstellung beginnt. Eine junge Band kommt auf die Bühne. Lucie, die Sängerin, und ihre beiden Musikerkollegen Ricardo und Max. Sie spielen selbstkomponierte Stücke, leichter Gitarrenrock, der mal fröhlich, mal melancholisch, aber nie schwer klingt. Nach ihnen tritt ein weiterer Künstler auf. Er schiebt ein Fahrrad auf die Bühne und bringt einen Toaster mit, in dem er Brot toastet, bis es schwarz ist. Nebenbei lässt er Papierblätter fliegen, indem er sie über den Boden pustet. Schräg, absurd. Die Zuschauer lachen schallend.

Inklusion heißt: Niemand wird ausgeschlossen

Menschen mit und ohne Behinderung stehen hier nacheinander und gleichberechtigt auf der Bühne. Ein weiterer Tabu-Bruch an diesem Abend? Wo gibt es das denn – außerhalb von Bühnen, die speziell für Menschen mit Behinderung aus dem Boden gestemmt werden?
Peter Tiedeken hat darauf eine Antwort. Der Hamburger ist Musiker in der Band Station 17 und gerade dabei, seine Doktorarbeit über „Kunst und Inklusion“ fertigzustellen. Ein Thema, mit dem sich wissenschaftlich fast niemand bisher befasst hat, und er sagt: „Solche Projekte gibt es schon viele. Aber nicht unbedingt dort, wo man sie vermutet.“

In seiner Doktorarbeit untersucht er, wie und wo Inklusion im künstlerischen Bereich funktioniert. Inklusion definiert er dabei als einen Prozess, der niemanden ausschließt. „Es geht bei Inklusion und Kunst um künstlerische Projekte, wo es Platz für unterschiedliche Menschen gibt.“ Punkt. Das Wort „Behinderung“ will er in diesem Zusammenhang gar nicht hören.

Wo es solche Projekte gibt, das hat Tiedeken für seine Doktorarbeit untersucht. „Viele gibt es zum Beispiel im Gemeinwesen“, sagt er, „doch die Projekte dort arbeiten nicht mit dem Begriff Inklusion. Und es gibt sie in der experimentellen Kunstszene, wo es um Avantgarde geht. Und in der linken Szene. Dort werden Projekte geschaffen, in denen es nur um die künstlerische Identität geht.“

Und es gibt sie in Berlins Mitte. „Die Künstlerrampe ist ein Inklusionsprojekt“, sagt Roland Walter über seine Bühnenshow für unbekannte Künstler und fügt dann ganz im Sinne von Tiedekens Inklusionsbegriff an: „Da verliert das Wort ,Behinderung‘ an Bedeutung.“

Und auch wenn es schon viele solcher Projekte gibt, sieht Roland Walter noch Potenzial zur Verbesserung: „Menschen mit Behinderung sollten mehr als Motor auftreten. Das bedeutet, auf sogenannte Nichtbehinderte zugehen, sie von der Idee begeistern und somit Inklusion zum Leben erwecken.“


Linktipps:
Mehr Infos über Rolands Künstlerrampe in Berlin
Der Reiz des Andersseins. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über die inklusive Theater-, Musik- und Tanzproduktion "Verflüchtigung" beim Kölner Sommerblut Festival
„Alles für alle“ – Station 17 auf Tour. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über ein Konzert der Hamburger Band Station 17 in Oberhausen
Carmina Burana – inklusiv und open air. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über ein Tanzprojekt mit 150 Tänzerinnen und Tänzern mit und ohne Behinderung


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„Und was für ein Rollstuhl ist das?“

Blogger: Michael Herold, am 18.06.2014 um 09:05 Uhr

Michael Herold erinnert sich gern an seine Reisen. Und an Asien, wo er mit neuen Bekannten über Abenteuer im Rolli fachsimpelte.

Michael Herold mit einigen Makaken-Äffchen um und auf seinem Rollstuhl

Michael Herold in Thailand: Zutrauliche Makaken-Äffchen

Fotos: privat

Eigentlich wollte ich an dem Tag meine Wohnung gar nicht erst verlassen. Ich hatte so viel Arbeit. Alles lief rund, ich war in meinem Element. Aber wenn ich über meinen Laptop vom Balkon aus auf die dicht bewachsenen Hügel um mich herum schaute, musste ich mir eingestehen: Bald, nach ein paar arbeitsreichen Tagen, wäre es mal wieder Zeit, auf Achse zu gehen.

Vor ein paar Jahren hatte mir eine gute Freundin Bilder gezeigt von ihrer Reise durch Südostasien. Ich erinnere mich noch gut, wie ich damals dachte: Es gibt so viele Dinge, die ich tun kann, wenn ich mich nur dahinter klemme … aber so etwas, das werde ich nie können. Ich kann vielleicht hundert Meter mit Krücke laufen, meinen Koffer kann ich aber nicht selber tragen – und wenn ich im Rollstuhl reise, werden die Barrieren noch mehr. Mit einer Reisegruppe, einer organisierten Tour, ja. Oder mit einer Gruppe von Freunden. Aber so ganz alleine? Keine Chance. Absolut unmöglich.

Als ich dann letztes Jahr meinen elektrischen Rollstuhl bekam, die Tage kälter und die Nächte lang wurden, da dachte ich mir: Ach, was soll's. Und habe mir ein Flugticket nach Bangkok gekauft, um den Winter in Asien zu verbringen. Einfach der Nase nach. Einfach da hin, wohin es mich zieht. Bleiben, wo es mir gefällt. Arbeiten, wo ich gerade bin.

Einfach der Nase nach – einfach da hin, wohin es mich zieht

Also klappe ich den Laptop zu, schnappe mir die Sonnenbrille und meinen Rollstuhl, der in den letzten Wochen schon viel mitgemacht hat, und ziehe los. Wieder einfach der Nase nach. Zwei Stunden später befinde ich mich weit außerhalb der Stadt Hua Hin. Auf einem Berg, einer buddhistischen Tempelanlage, auf drei Seiten vom Meer umschlossen. Ich beobachte die Mönche beim Gebet, höre im Hintergrund die Wellen gegen den Felsen schlagen. Die Makaken-Äffchen verlieren langsam ihre Scheu und beginnen, meinen Rollstuhl auf Essbares zu untersuchen. Ich freue mich, doch aus meiner Wohnung gegangen zu sein. Freue mich über meine Entscheidung, nach Thailand gekommen zu sein, es einfach gewagt zu haben.

Da höre ich in dickem französischen Akzent: „Und was für ein Rollstuhl ist das?“ Neben mir ist ein stoppelbärtiger Tourist im Strohhut aufgetaucht, ebenfalls in einem elektrischen Rollstuhl. Ich erkläre ihm meinen für die Reise modifizierten Rollstuhl, und wir kommen ins Gespräch – über Thailand, was wir bereits gesehen hatten und was unsere weiteren Pläne sind. Ein Roadtrip in den Süden für ihn, um Weihnachten in Phuket zu verbringen. Mein Ziel: Mich irgendwie auf eine Insel an der Andamanenküste durchzuschlagen. Wie, das weiß ich noch nicht. Er greift nach einer Schachtel Zigaretten auf seinem Schoß, und erst da merkte ich, wie sehr er in seinen Bewegungen eingeschränkt ist. Er ruft etwas in Französisch über seine Schulter, und ein adrett gekleideter Thailänder löst sich aus einer kleinen Gruppe und zündet die Zigarette für ihn an. „Das ist mein persönlicher Assistent hier in Thailand“, höre ich zwischen den ersten Zügen. Der Rest der Gruppe kommt ebenfalls zu uns. „Das hier ist mein Fahrer und das meine Frau.“ So reisen die beiden mehrmals im Jahr – irgendwo hin in der Welt, stellen dort dann Menschen ein, die ihnen helfen mit dem, was er selbst nicht kann.

Wie weit sind wir schon gekommen, dass dieser Moment hier möglich ist

Wir stehen noch sehr lange zusammen an diesem Tag. Unterhalten uns über frühere Reisen und zukünftige. Darüber, was wir in unserem Leben noch alles tun werden. Den Tempel im Rücken beobachten wir, wie die Sonne langsam hinter der Stadt untergeht. Wieder und wieder holt mich ein und derselbe Gedanke ein:

Wie weit sind wir doch schon gekommen, dass dieser Moment hier möglich ist. Dass ich entgegen allem, was ich damals dachte, nun doch ganz alleine durch Thailand reise. Dass mein neuer Freund, der sich nicht einmal seine Zigarette selbst anzünden kann, sogar noch eins oben drauf setzt mit seinen Geschichten von Reisen durch Südamerika, Flügen im Paraglider und seinem kürzlich gemachten Tauchschein.

Wie viel haben wir doch schon erreicht – in der Technik, wenn ich mit meinem Rollstuhl 30 Kilometer durch die thailändische Landschaft fahren kann, entlang von Stränden, verlassenen Wegen oder auf der vierspurigen Hauptstraße durch den Stadtkern zusammen mit Tuk Tuks und Motorrollern.

Wie weit sind wir doch schon gekommen – in den Kommunikationsmöglichkeiten, wenn ich in den drei Wochen vor Abflug nach Bangkok über das Internet – über Facebook, Reiseforen, Skype und Email – mit Dutzenden von Menschen auf der ganzen Welt in Kontakt treten konnte, um mir Tipps zu holen und meine Reise zu planen.

Schon viel erreicht – und Barrieren in den Köpfen eingerissen

Wie viel haben wir doch schon erreicht – im Hinblick auf Akzeptanz und Hilfsbereitschaft, wenn mich am Flughafen gleich drei Angestellte der Fluggesellschaft dabei unterstützen, meinen Rollstuhl auseinander zu bauen und zu verpacken. Mich dann mit einem Klapp-Rolli zum Flugzeug schieben und mir einen guten Flug wünschen. Und am anderen Ende des Fluges mit genau der gleichen Selbstverständlichkeit dasselbe wieder passiert, nur in umgekehrter Reihenfolge.

Aber vor allem: Wie viele Barrieren in den Köpfen haben wir doch schon eingerissen – wenn sich ein Mensch mit einer Muskelerkrankung an einem kalten Novemberabend einfach mal überlegen kann: „Ach egal, ich fliege jetzt einfach mit dem Rollstuhl nach Bangkok und schaue mal, ob's klappt.“ Und dort dann feststellt, dass er nicht der Einzige ist, der diesen Mut hatte.

Ich glaube, am meisten hakt es noch an Letzteren: den einstellungsbedingten Hindernissen. Klar, es gibt noch viele Barrieren. Aber so wie ich vor Jahren noch traurig auf die Reisefotos meiner Freundin schaute, weil ich dachte, das könnte ich nie, so schauen heute Menschen auf andere Bilder und denken Ähnliches. Aber hier kann ich nur sagen: Wir haben schon so viel erreicht, und manchmal muss man einfach mal machen.


Linktipps:
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Reisen mit allen Sinnen. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über ein Reiseunternehmen, das gemeinsame Touren für blinde, sehbehinderte und sehende Reisegäste veranstaltet
Urlaub – alles inklusiv? Ein Blogbeitrag von Petra Strack über die Tücken einer Reise mit Rollstuhl
Abenteuerlustig sollte man schon sein. Ein Interview im Blog von Stefanie Wulff mit Kay Lieker, der über das Programm "weltwärts" ehrenamtlich in Thailand arbeitet
 

  • Ein Elefant berührt Michael Herold mit dem Rüssel am Gesicht

    Ungewöhnliche Begegnung in Thailand

Michael Herold

Blogger: Michael Herold
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Freizeit

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