Aktion Mensch-Blog

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Von Null auf Hundert

Blogger: Henrik Flor, am 10.07.2014 um 11:00 Uhr

Selten dürfte es ein Fußballteam von der Gründung bis zur EM in nur einem halben Jahr geschafft haben. Dieses Kunststück ist der deutschen „CP-Nationalmannschaft“ gelungen. „CP“ steht für Cerebral Parese, eine Hirnschädigung, die sich auf die Motorik auswirkt. Am 20. Juli ist Anpfiff in Portugal. Das Team ist schon jetzt bis in die Haarspitzen motiviert.

Eine Gruppe junger Männer in Fußballtrikots guckt eingehakt in die Kamera Foto: Deutscher Behindertensportverband e.V.

Kevin Wermeester, Frederic Heinze und ein Dutzend Teamkollegen jagen über den Platz, dribbeln, passen, köpfen. Ungewohnt ist nur das Spielfeld. Es ist kleiner als die DFB-Norm, die Tore haben E-Jugend-Maße, und es stehen nur 14 Mann auf dem Platz. Geschuldet ist das einer verringerten Koordination und Kraftentwicklung der Spieler, die erst auf den zweiten Blick erkennbar ist.

Die Kicker haben sich erst Anfang 2014 offiziell zur CP-Nationalmannschaft formiert, aber bereits die ersten Trainingslager absolviert. Der 22-jährige Frederic Heinze erklärt: „Wir sind zwar über ganz Deutschland verstreut und haben uns noch nicht oft gesehen, aber auch in der kurzen Zeit sind wir schon zu einem Team zusammengewachsen.“ Zeit verlieren will keiner der Spieler: Schon am 20. Juli beginnt die CP-Fußball-EM in Portugal (CP-ISRA).

Einfach nur dabei gewesen zu sein, wäre den Kickern zu wenig. Sie wollen zumindest einen der vorderen Plätze holen. Für Kevin Wermeester, den 28-jährigen Kapitän der Mannschaft, ist klar: „Wir machen die Reise nicht nur zum Zugucken. Auf jeden Fall soll die Qualifikation zur WM dabei rauskommen.“ Sein Ehrgeiz hat den Technischen Zeichner 2010 schon als Skifahrer zu den Paralympics nach Vancouver geführt. Fußball spielt er, solange er denken kann. Er trainiert auch die E-Jugend in seinem Heimatverein, den DJK Arminia Eilendorf.

Der 15-köpfige Kader wurde vom Deutschen Behindertensportverband (DBS) zusammengetrommelt. Thomas Pfannkuch ist der Cheftrainer des neuen Teams und gehört zum Betreuerteam, das die Mannschaft zur EM begleitet. Der frühere Fußballprofi, der heute als Sportmanager und Dozent arbeitet, erzählt: „Endlich haben wir genügend Spieler zusammen, um im Training zwei komplette CP-Mannschaften gegeneinander antreten zu lassen. Andere Länder haben ein paar Jahre Vorsprung, aber bei der EM zeigen wir schon einmal: Uns gibt es jetzt auch!“

Frederic Heinze hofft, dass die CP-Nationalmannschaft auch den ganz normalen Vereinssport dafür sensibilisiert, dass Menschen mit CP Leistung bringen können: „Mir ist es wichtig, weiter als Stammspieler bei Fortuna Emsdetten aufzulaufen, so wie ich es immer getan habe. Ich hatte nie einen Sonderstatus und wollte auch keinen. Das war das beste Training überhaupt.“ So geht es auch Kevin Wermeester, der immer schon ganz selbstverständlich bei DJK Arminia Eilendorf trainierte: „Was die anderen an Technik voraus haben, muss ich eben mit Leidenschaft und Ausdauer ausgleichen.“

Thomas Pfannkuch hofft, dass die Gründung der Nationalmannschaft der Startschuss dafür sein wird, dass das Potenzial von Fußballspielern, die eine Cerebral Parese haben, endlich gehoben wird: „Viele unserer Spieler trainieren ganz normal im Vereinssport mit. Daran soll sich auch nichts ändern. Aber sie wollen auch die Möglichkeit haben, ihre Leistung unter Beweis zu stellen und sich zu messen. Das ist in den Vereins-Kadern oft nicht möglich. Die Gründung der Nationalmannschaft ist deshalb ein ganz wichtiger Schritt.“

Der Trainer hat zusätzlich vor ein paar Jahren die ehrenamtlichen „Sportfreunde Braunschweig“ mit ins Leben gerufen. Einmal die Woche trainiert dort die Fußball-AG, in der Kinder und Jugendliche mit ganz unterschiedlichen Behinderungen spielen. Im Gegensatz zur CP-Mannschaft geht es hier ganz klar vor allem um Spaß, nicht um Leistung.

Weitere Infos gibt es auf http://www.dbs-npc.de.

Henrik Flor

Blogger: Henrik Flor
Kategorie: Freiwilliges Engagement
Schlagworte: Sport

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Jubel, Trommeln und Feuerwerk

Blogger: Mirien Carvalho Rodrigues, am 09.07.2014 um 10:46 Uhr

Das Fußball-Museum in São Paulo ist ein Besuchermagnet auch für Fans mit Behinderung

Große bunter Poster mit Fußballszenen, daneben spielen zwei Museumsbesucher am Kickertisch

Fußball-Museum in São Paulo: Verspielt und kreativ

Fotos: Isabela Pacini

Im Jahr 2008 eröffnete das Fußball-Museum unter den Tribünen des Estádio do Pacaembu, des alten WM-Stadions in São Paulo von 1950. Die Barrierefreiheit für Besucher mit Behinderung wurde von Anfang an mit eingeplant und wird kontinuierlich mit staatlichen und privaten Geldern weiterentwickelt. Jedes Jahr fand bisher eine mehrmonatige intensive Zusammenarbeit mit einer ausgewählten Zielgruppe statt.

Man begann mit blinden und sehbehinderten Personen, es folgten Autisten, gehörlose und schwerhörige Personen, sowie Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung. Sie alle wurden als Experten in eigener Sache zu den vorhandenen Angeboten gehört, lobten und machten Verbesserungsvorschläge – und sorgten dafür, dass die Mitarbeiter die Vielfalt an Interessen und Bedürfnissen noch besser kennenlernen konnten. Und sie sind alle höchst engagiert. Derzeit besuchen z. B. drei Museumspädagogen einen Kurs in brasilianischer Gebärdensprache.

Anmeldung nicht nötig

Ich war gespannt. In Sachen Barrierefreiheit eilt dem Museum ein ausgezeichneter Ruf voraus, und in Sachen Fußball würde es sicher auch aufregend werden. Der erste große Pluspunkt stellte sich gleich am Anfang heraus: Ich konnte als blinde Besucherin wie alle anderen unangemeldet auftauchen und hatte sogar noch die Wahl zwischen einem eigens für blinde Gäste entwickelten ausführlichen Audioguide, der neben Erklärungen zu den Räumen und Objekten auch eine Wegbeschreibung entlang des taktilen Leitsystems am Boden bietet, und einer Einzelführung durch eine Museumspädagogin. Ich entschied mich dafür, den Audioguide exemplarisch zu testen und dann das freundliche Angebot einer Führung gerne anzunehmen. Und beides war wirklich hervorragend.

Da gab es ein Modell des Stadions, in dem wir uns befanden. Durch die Verwendung unterschiedlichster Materialien – Stoff für Rasen und Bäume, sowie unterschiedliche Kunststoffe und Holz für Gebäude und Tribünen, wurde dem Modell Leben eingehaucht, und meine Finger wollten gar nicht mehr von dieser so wirklichen Welt in Miniatur lassen. Farbkontraste und Braillebeschriftung waren selbstverständlich mit von der Partie.

Mehrere Sinne ansprechen

Nun konnte sie losgehen, die Tour durch 16 zumeist kleine Ausstellungsräume. Was immer ich erwartet hatte, es wurde weit übertroffen. Gleich zu Anfang erfuhr ich über ein Braille-Schild, das meine Begleiterin Leiliane mir zeigte, von den sechs Bildschirmen, auf denen Kinderfüße zu sehen sind, die einen Ball von einem Feld zum anderen spielen, mal auf Rasen, mal auf Asphalt, mal im Sand: „Fuß an den Ball – der Fußball beginnt in der Kindheit.“

In beinahe allen Räumen wurden mehrere Sinne angesprochen, tauchte ich in diese Kultur ein, in der der Fußball so eine entscheidende Rolle spielt. Hier konnte ich meiner eigenen brasilianischen Fußballseele freien Lauf lassen. Wie etlichen Einheimischen kamen mir die Tränen, als ich die entscheidenden Momente der Finalniederlage von 1950 verfolgte – dramatisch mit einem raumfüllenden Herzschlag untermalt; eine Gänsehaut überlief mich auch, als ich ausgewählten prominenten Persönlichkeiten Brasiliens lauschte, wie sie von einem für sie besonders prägenden Spiel erzählten, einer emotionaler als der andere.

Beeindruckende Erlebnisse

Im Raum der Fankultur gab es kein Halten mehr – ich tanzte mit bei unzähligen Einblendungen verschiedenster Jubel und Fangesänge, Trommeln und Feuerwerk, das aus allen Richtungen und von Anhängern aller großen brasilianischen Mannschaften kam.

Reliefs aus Harz stellen Spieler in Aktion dar, in für sie typischen Haltungen kurz vor dem Schuss aufs Tor oder in der Luft beim Versuch, den Ball zu halten. Hier hat mich vor allem die dreidimensionale Momentaufnahme des Torhüters beeindruckt, denn ich konnte die Spannung der Szene in mir spüren durch das Bild, das meine Hände ertasteten: Der Ball klebt in der linken Ecke unter der Latte, der Torhüter schwebt in der Luft, die Hand nach oben ausgestreckt – wird er den Ball noch erreichen, oder wird gleich unaufhaltsam das Tor fallen?

Da waren die Reliefdarstellungen der Gesichter von Pelé und Garrincha, der eine in Ehrfurcht „König des Fußballs“, der andere liebevoll „Freude des Volkes“ betitelt.
Es gab Bälle und Fußballschuhe vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute, 15 ausgewählte Radioreportagen berühmter Kommentatoren, ja selbst die Gürteltasche eines Mannschaftsmasseurs hat Platz in einer Vitrine.

Mehr als nur Fußball

Das Museum will jedoch ausdrücklich mehr erzählen als nur die Geschichte des Ballsports, ohne den Brasilien undenkbar wäre. In Form von Totems werden in einem Raum die wichtigsten nationalen und weltweiten Ereignisse eines jeden WM-Jahres dargestellt. Auch hierzu gab mir Leiliane eine Nachbildung in die Hand, damit ich die Anordnung der Bildschirme und Infotafeln nachvollziehen konnte. Ich bat sie, mir alles über 1982 vorzulesen, das Jahr der WM in Spanien, in dem mich meine Leidenschaft für Brasilien und seinen Fußball überwältigte.

Historische Abbildungen von Rio und São Paulo, Fotos berühmter Persönlichkeiten aus Musik, Kunst und Literatur, sowie Einspielungen aus unterschiedlichen politischen Regimen setzen darüber hinaus die Geschichte des Fußballs in einen Gesamtzusammenhang.

Am Ende ging es noch einmal verspielt und kreativ zu: Begeistert tastete ich mich an einer Wand mit Erklärungen und bildlichen Darstellungen diverser Ausdrücke und Sprüche entlang, die im Laufe der Zeit im brasilianischen Fußball einen festen Platz gefunden haben.
Jetzt konnte eigentlich nichts mehr kommen. Es schien, als könnte ich auch nicht noch mehr Bewegendes verkraften. Lieber noch ein bisschen am Kicker spielen und dann allmählich zum Ende kommen. Doch nein – Leiliane hatte noch ein Ass im Ärmel. Sie zeigte mir einen Sitzplatz und drückte mir dann wahrhaftig eine Nachbildung des Coupe Jules-Rimet in die Hand, des Weltmeisterpokals, den Brasilien nach dem dritten WM-Titel 1970 für immer behalten durfte.


Linktipps:
Mehr Infos und Bilder zum Fußball-Museum in São Paulo im Brazil Travel Blog (englisch)
Fußball-Land der Widersprüche. Ein Blogbeitrag zur Fußball-WM in Brasilien von Mirien Carvalho über die Situation von Menschen mit Behinderung in Brasilien
Es gibt Fans, die gibt es gar nicht. Zweiter Blogbeitrag zur Fußball-WM in Brasilien von Mirien Carvalho über Barrierefreiheit in Brasilien – und auch in Deutschland
Taubblinde Menschen in Brasilien. Dritter Blogbeitrag zur Fußball-WM in Brasilien von Mirien Carvalho über den ersten taubblinden Hochschulabsolventen in Brasilien
 

Impressionen aus dem Fußball-Museum

  • Modell eines Torwarts, der nach einem Ball springt

    Tastmodell eines Torwarts

  • Modell des Estádio do Pacaembu

    Modell des Estádio do Pacaembu

  • Viele gerahmte Fußballposter und Wimpel an einer Wand

    Historische Fußballposter und -wimpel

  • Reliefs von Fußballspielern

    Reliefs von Fußballspielern

  • Museumsbesucher vor Großbildschirmen mit Fußballvideos

    Historische Fußballspiele

  • Wände voller historischer Fußballfotos in goldenen Rahmen

    Geschichte in Bildern

  • Säulen mit vielen Bildschirmen, auf denen Fußballvideos gespielt werden

    Bilderflut im Museum

  • Reliefs von Pelé und Garrincha

    Reliefs von Pelé und Garrincha

Mirien Carvalho Rodrigues

Blogger: Mirien Carvalho Rodrigues
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Barrierefreiheit, Kultur, Sport

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„Einbeiner und Zweibeiner“

Blogger: Redaktion, am 08.07.2014 um 18:06 Uhr

So inklusiv kann Fußball sein! Live-Reporterin Julia von Cube besucht den beinamputierten Fußballer Lars Wurst aus dem Aktion Mensch-Spot beim Training

Miteinander kicken, an die eigenen Grenzen gehen: Fußball bringt Menschen mit und ohne Behinderung zusammen, nicht nur in Zeiten der Weltmeisterschaft. So trainiert laut einer Umfrage der Aktion Mensch bereits jeder dritte Vereinssportler ohne Behinderung gemeinsam mit Menschen mit Behinderung – mit Sportlern wie dem beinamputierten Fußballer Lars Wurst. Live-Reporterin Julia von Cube hat den Kicker beim inklusiven Training in Melsungen besucht.

Vor acht Jahren verlor der Hesse bei einem Motorradunfall sein Bein und entdeckte in der Reha den Amputierten-Fußball für sich. Aktuell trainiert er in der ersten Amputierten-Fußballmannschaft in Deutschland für die diesjährige Weltmeisterschaft in Mexiko (vom 30. November bis 8. Dezember). Und spielt als „Einbeiner“ – wie er es nennt – regelmäßig und ganz selbstverständlich mit den „Zweibeinern“ vom Melsunger Fußballverein. Außerdem ist Lars Wurst in der Jubiläumskampagne der Aktion Mensch zu sehen.


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Mit Leichter Sprache über den Dächern von Berlin

Blogger: Katja Hanke, am 07.07.2014 um 08:53 Uhr

Spanisch, Chinesisch, Englisch, Russisch – wer das gläserne Kuppeldach des Reichstagsgebäudes in Berlin besichtigt, kann dazu einen Audio-Guide in verschiedenen Sprachen leihen. Seit kurzem gibt es ihn auch in Leichter Sprache.

Ein Audio-Guide mit Kopfhörer vor der gläsernen Reichstags-Kuppel

Audio-Guide in Leichter-Sprache: Größtmögliche Zielgruppe

Das Reichstagsgebäude in Berlin ist eine der populärsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Hauptattraktion ist das 23 Meter hohe Kuppeldach aus Glas. Von einer 230 Meter langen Rampe aus, die sich spiralförmig bis in die Spitze der Kuppel windet, können die Besucher einen weiten Blick über die Stadt genießen. Informationen über den Reichstag und die umliegenden Sehenswürdigkeiten erhalten sie über einen Audio-Guide. Der ist kostenlos und steht in elf verschiedenen Sprachen zur Verfügung, dazu auch als Video-Guide für Gehörlose in Deutscher Gebärdensprache und als Audio-Guide für blinde Kuppelbesucher mit dazugehörigen 3D-Tafeln, auf denen die Gebäude ertastet werden können. Seit kurzem gibt es nun auch eine Audio-Erklärung in Leichter Sprache.

Viele Sehenswürdigkeiten und ihre Geschichte

Wer die Kuppel mit einem solchen Audio-Guide besichtigen möchte, bekommt auf dem Dach an einem Tresen ein kleines Gerät mit Kopfhörer ausgehändigt. Die Erklärungen beginnen von selbst, wenn man beginnt, die Rampe hochzulaufen. Eine sympathische Männerstimme spricht sehr langsam und deutlich. Wem das dennoch zu schnell ist, kann jederzeit die Pausentaste drücken. Neben einigen Informationen zum Gebäude erfährt man viel über die Sehenswürdigkeiten der Umgebung, wie den Tiergarten, den Potsdamer Platz, den Fernsehturm oder die Museumsinsel und damit viel Geschichtliches über Deutschland und Berlin.

Leichte Sprache für Kuppelbesucher

Den Text hat das „Büro für Leichte Sprache“ der Lebenshilfe Bremen e.V.) erstellt: Die Wörter haben in der Regel nicht mehr als sechs Buchstaben, und die Sätze nicht mehr als sechs Wörter. In jedem Satz kommt nur eine Aussage vor. Außerdem hat man auf schwere Wörter und Fach- oder Fremdwörter verzichtet. „Schwierige Wörter musste ich mit mehreren Sätzen erklären“, sagt Anne Wrede, die den Text übersetzt hat. „Und ich habe keine Informationen aus der standarddeutschen Version weggelassen.“ Daher sei die Version in Leichter Sprache länger als die Standardversion. Weiterhin habe sie keinerlei Vorwissen vorausgesetzt, sagt sie.
Wrede ist sich sicher, dass der Audio-Guide viele Menschen mit Lernschwierigkeiten erreichen wird. „Leichte Sprache hat die größtmögliche Zielgruppe“, sagt sie, „vor allem, wenn sie gesprochen wird.“ Denn das Lesen könne noch eine zusätzliche Barriere sein.

Auch mit Anweisungen

Über den Audio-Guide bekommen die Besucher nicht nur Informationen, sondern auch Anweisungen, wann sie stehen bleiben oder weitergehen sollen. Während der Erklärungen sollte man stehen bleiben, bis die Stimme zu Ende gesprochen hat. Geht man weiter, springt der Audio-Guide zur nächsten Erklärung. Stellenweise ist es nicht einfach, den Anweisungen zu folgen und das richtige Dach oder den richtigen Turm im Dächermeer von Berlin zu entdecken. Oben angekommen werden Konstruktion, Maße und Gewicht des Daches ausführlich erklärt. Und auch beim Runtergehen gibt es weitere Informationen, dann vor allem über das Reichstagsgebäude und seine neue Architektur.

Schwierige Anmeldung

Selbstständig und ohne Unterstützung werden allerdings nur die wenigsten Menschen mit Lernschwierigkeiten den Audio-Guide nutzen können. Denn vorher müssen sie sich für eine Besichtigung im Internet anmelden, die Bestätigungsmail ausdrucken, vor Ort einen Sicherheitscheck wie am Flughafen durchlaufen und ohne nähere Informationen an diversen Türen warten, bis sie mit einer großen Gruppe anderer Menschen zum Fahrstuhl geführt werden. Und für all das gibt es leider keine Informationen in Leichter Sprache.


Linktipps:
Ist die Leichte Sprache auch gut? Ein Blogbeitrag von Eva Keller über die Bewertung der Regeln der Leichten Sprache
Mehr Leichte Sprache! Ein Blogbeitrag von Stefanie Wulff über die Ausbildung von Prüfern für Texte in Leichter Sprache
Weltpolitische Nachrichten – ohne Sprachbarrieren. Ein Blogbeitrag von Katja Hanke über das Portal nachrichtenleicht.de mit aktuellen Nachrichten in Einfacher Sprache
„Das Wunder von Bern“ in Einfacher Sprache. Ein Blogbeitrag von Laura Merken über ein Buch in Einfacher Sprache über die deutsche Fußball-Weltmeister-Mannschaft von 1954

Katja Hanke

Blogger: Katja Hanke
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Barrierefreiheit

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Gewinnzahlen vom 6. Juli 2014 mit Rudi Cerne

Blogger: Redaktion, am 06.07.2014 um 19:39 Uhr

Rudi Cerne präsentiert die Gewinnzahlen der Aktion Mensch-Lotterie und stellt das Integrationshotel INNdependence vor, das er in Mainz besucht hat. Das Hotel bietet 13 Beschäftigten mit Behinderung einen Arbeitsplatz und schafft so die Grundlage für mehr Teilhabe und Selbstständigkeit. Die Aktion Mensch fördert das inklusive Hotel der Mainzer Gesellschaft für psychosoziale Einrichtungen mit 250.000 Euro.


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„Nachhilfe im Leben des Anderen“

Blogger: Ulrich Steilen, am 05.07.2014 um 09:13 Uhr

Erstes und inklusives Kampagnen-Bootcamp in Deutschland

Die lachenden Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Bootcamp beim Gruppenfoto Foto: CampaignBootcampDeutschland / flickr.com

Kampagnen gibt es wie Sand am Meer: Wahlkampagnen, Pressekampagnen, Kampagnen für den Umweltschutz und gegen Tierversuche und, und, und. Aber was macht eine gute Kampagne aus? Welche Verantwortung tragen Kampagnen-Macher? Und was haben Kampagnen mit Inklusion am Hut?

In Paretz bei Berlin lernten 33 junge Aktivistinnen und Aktivisten fünf Tage lang – vom 14. bis zum 19. Juni 2014 – von professionellen Kampagnen-Trainern, wie einschlägige zivilgesellschaftliche Kampagnen entwickelt und durchgeführt werden. Auswahlkriterien für die Teilnahme waren neben bereits gemachten Erfahrungen in der Kampagnenarbeit vor allem die eigene Begeisterung, etwas verändern zu wollen.
Und das wollen alle Teilnehmer. „Warum gehen wir als Gesellschaft stur ausgetretene Wege weiter, obwohl es schon längst funktionierende Alternativen auf vielen Gebieten gibt“, fragt Teilnehmerin Astrid Österreicher in ihrer Vorstellung. Astrid möchte ihren Mitmenschen vermitteln, „dass eine bessere Welt möglich ist und dass es sich auszahlt, dafür zu kämpfen“. Zu dieser engagierten Haltung passte dann auch der Name, den die Organisatoren für die einwöchige Ausbildung der zukünftigen Kampagnen-Macher gewählt hatten: „Campaign Bootcamp Deutschland“.

Als Bootcamp wird eigentlich eine Armee-Ausbildung bezeichnet, die die Teilnehmer an ihre physischen und psychischen Grenzen bringen soll. Doch hier, beim ersten Kampagnen-Bootcamp im deutschsprachigen Raum, ging es weniger um militärische Schlagkraft, als um die professionelle Ausbildung in Strategie, Medienarbeit und Online-Kommunikation. Und die wird gebraucht, wenn eine Kampagne – beispielsweise zum Thema Klimaschutz oder Menschenrechte – erfolgreich sein soll.

Für inklusives Campaigning sensibilisieren

Neben Programmpunkten wie „Online-Fundraising“, „Das 1 X 1 der Medienarbeit“ oder „Facebook, Instagram und SMS“ war Inklusion eines der Top-Themen beim Kampagnen-Bootcamp. Inklusiv setzte sich nicht nur die Teilnehmergruppe aus jungen Frauen und Männern mit unterschiedlichen Migrationsgeschichten sowie mit und ohne Behinderung zusammen. Auch inhaltlich führte für die Organisatoren kein Weg an der Inklusion vorbei: „Ziel des Bootcamps war es, den zivilgesellschaftlichen Kampagnensektor zu professionalisieren, Aktivisten in ihrem Profil und ihren Kompetenzen zu schärfen, zu vernetzen sowie für inklusives Campaigning zu sensibilisieren“, sagt Anne Isakowitsch, eine der Initiatorinnen des Campaign Bootcamps.

Und für die Teilnehmer und zukünftigen Kampagnen-Planer besteht kein Zweifel, dass dies auch gelungen ist. „Ich habe das Thema Inklusion auf dem Bootcamp als sehr präsent wahrgenommen. Inklusion war hier derart selbstverständlich, dass ich meine eigene Behinderung sehr oft einfach vergessen habe. Das habe ich bisher so noch nie erlebt“, sagt Journalismus-Studentin Cinderella Glücklich, die im Rollstuhl sitzt. Und Bootcamp-Teilnehmer Jan Korte antwortet auf die Frage, was sich ändern muss, damit Kampagnen zukünftig inklusiver werden: „Da muss sich vieles ändern. Das fängt damit an, welche Bildsprachen ich verwende. Das geht damit weiter, dass ich Videos untertitele und für Blinde durch Audiodeskription zugänglich mache. Bis hin zur Überlegung, wen ich mit meiner Kampagne erreiche. Spreche ich auch Menschen mit Behinderung an, welche sozialen Milieus, Menschen mit welchen kulturellen Eigenheiten, körperlichen Fähigkeiten und welcher sexuellen Identität. Es muss viel passieren, nicht zuletzt da wir auch einen gesellschaftlichen Auftrag haben und nicht Zustimmungsabholungsmaschinen sind, die einfach auf Klicks bei Petitionen aus sind und ihre Säckel füllen wollen.“

„Inklusion ist Begegnung“

Dass erfolgreiche Kampagnenarbeit und Inklusion sich hervorragend ergänzen, ist ein Ergebnis, das alle Teilnehmer für ihre zukünftigen Kampagnen-Aktivitäten mitnehmen. „Das inklusive Campaign Bootcamp Deutschland hat vorgemacht, wie es geht. Eine prägende Zeit für mich und die anderen und ein Meilenstein für einen bunteren Kampagnensektor. Dank des Bootcamps habe ich verstanden, dass Inklusion Begegnung ist, die aktiv gestaltet werden muss. Inklusion bedeutet Nachhilfe im Leben des Anderen“, resümiert Franca Fabis und trifft damit das Gefühl aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer.


Zur Info:
Das erste Kampagnen-Bootcamp Europas fand 2013 in Großbritannien statt. Das Campaign Bootcamp Deutschland wurde von der Kampagnenfabrik, einem gemeinnützigen Verein in Gründung ausgerichtet. Die Aktion Mensch ist einer von vielen NGO-Partnern, die den 33 TeilnehmerInnen ermöglicht haben, während der fünf Ausbildungstage in Paretz 25 hochkarätige Workshops barrierefrei zu absolvieren und ein gemeinsames Kampagnen-Planspiel durchzuführen.



Linktipps:
Mehr Infos zum ersten Campaign Bootcamp Deutschland
Bilder vom Campaign Bootcamp Deutschland

Ulrich Steilen

Blogger: Ulrich Steilen
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Medien

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