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Taubblinde Menschen in Brasilien

Blogger: Mirien Carvalho Rodrigues, am 27.06.2014 um 13:12 Uhr

Viele Meldungen ergeben ein Spiel – viele Fähigkeiten ein erfülltes Leben. Über den ersten taubblinden Hochschulabsolventen in Brasilien.

Alex Garcia mit einer Dolmetscherin, die ihm Buchstaben in die Hand malt

Alex Garcia mit Dolmetscherin: Buchstaben in die Hand malen

Fotos: Alex Garcia

Etwa sechs Stunden von der WM-Spielstätte Porto Alegre entfernt – das ist für brasilianische Verhältnisse gleich um die Ecke – verfolgt Alex Garcia begeistert die Fußballspiele. Spektakuläre Tore, Glanzparaden, umstrittene Schiedsrichterentscheidungen – alles erreicht den beinahe taubblinden Fan über den Live-Ticker im Internet. Die Frage ist nicht, ob, sondern wie er es schafft, beim Großereignis WM am Ball zu bleiben.

Mit hoher Konzentration und starkem Willen kann der 28-jährige Brasilianer mit deutschen Vorfahren stark vergrößerte Schrift am Bildschirm lesen. Hören konnte er früher einmal, sodass er sich per Lautsprache problemlos verständlich machen kann.

Informationsaufnahme trainieren

Die größte Herausforderung für taubblinde Menschen sei immer die Rezeption, also die Aufnahme von Informationen, sagt Garcia, der als erster taubblinder Mensch in Brasilien einen Hochschulabschluss erlangt und ein Fachbuch über die komplexe Behinderung Taubblindheit veröffentlicht hat. Er selbst hat zwei Formen der Informationsaufnahme von klein auf trainiert: Das Lesen von Großschrift am Bildschirm, sowie das Erkennen von Buchstaben, die andere ihm mit dem Zeigefinger in die Hand malen. Das Lormen und die taktile Gebärdensprache – die am meisten verbreiteten Kommunikationsformen taubblinder und stark hörsehbehinderter Menschen in Deutschland – erwähnt er nicht.

Von seinem hohen Bildungsgrad, seinen Reisen und seiner überaus engagierten Arbeit für die Belange taubblinder und mehrfachbehinderter Menschen im Bundesstaat Rio Grande do Sul habe ich durch meine Suche nach brasilianischen BuchautorInnen mit Behinderung erfahren. Alex Garcia war der Erste, der sich bei mir meldete. Schnell vereinbarten wir ein Interview per Mail. Sehr bald fiel mir auf, dass diese mir neue Art, ein Interview zu führen, handfeste Vorteile hat: Sie gibt mir Zeit, über die ausführlichen und tiefgründigen Antworten meines eloquenten Gesprächspartners zu reflektieren und mir in Ruhe Fragen zu überlegen, die sich daraus ergeben.

Zeit, Kontrolle, Struktur und Aufgeschlossenheit

Neben der Beherrschung dieser Kommunikationstechniken sind es vor allem vier entscheidende Schritte, die Alex Garcia ermöglichen, sein Leben selbst zu gestalten. „Als Erstes muss man sich selbst gut kennen“, erklärt er mir. „Man muss seine Bedürfnisse und Fähigkeiten kennen und sich darüber in Klaren sein, dass die Dinge viel Zeit brauchen. Als taubblinder Mensch macht man die Dinge nicht mal eben nebenbei, während die Telenovela läuft“, betont er.

Im zweiten Schritt gehe es dann darum, die Kontrolle über die eigenen Emotionen zu haben. Zahllose Menschen mit Behinderung seien durch Angst und Verzweiflung gelähmt und könnten schon deshalb keinen eigenen Lebensentwurf in Angriff nehmen.

Wenn das geschafft ist, kann man nach Garcias klar strukturiertem Konzept daran gehen, Pläne zu schmieden, die Aussicht auf Erfolg haben.

Der vierte Schritt schließlich besteht darin, seinem Umfeld zu zeigen, wie das Zusammenleben mit ihm funktionieren kann. Hierbei betont er, dass jeder Mensch ein Teil der Gesellschaft ist und niemand ohne die Unterstützung durch andere auskommt. Wer kein Interesse hat, ihm zu helfen, mit dem hält sich Alex Garcia nicht lange auf. „Der Nächste, der vorbeikommt, ist sicher freundlich und aufgeschlossen.“

Netzwerke aufbauen

Durch diese scheinbar grenzenlose Zuversicht ist es dem jungen Mann gelungen, ein Netzwerk von Unterstützern aufzubauen. Freiwillige Helfer ließen sich von seinem Elan anstecken. Der Gedanke, dass ein so schwer behinderter Mensch voller Tatendrang für eine Sache brennt, war ihnen Motivation und Inspiration genug, um mit Alex Garcia gemeinsam Feldforschung zu betreiben, ihn als Assistent oder Dolmetscher zu begleiten und dabei immer von und mit ihm zu lernen.

Bei seiner groß angelegten Feldforschung gleich nach der Jahrtausendwende fanden Garcia und seine Mitstreiter etwa 80 taubblinde Menschen. Oftmals lebten sie und ihre Familien in völliger Isolation und Vereinsamung. Nicht selten kam zu Ablehnung und Unwissenheit noch Armut hinzu. Die Gruppe engagierter Personen aus Pädagogen und interessierten Freiwilligen suchte nach individuellen Lösungsansätzen, leistete Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit an unzähligen Schulen und hatte auch teilweise Erfolg.

Zentralisierte Arbeit für mehrfachbehinderte Menschen betrachtet Garcia aufgrund der Komplexität und individuellen Verschiedenheit der Behinderungen äußerst kritisch. Gleichzeitig hebt er hervor, dass das Regierungsprogramm „Leben ohne Grenzen“ taubblinde Menschen nicht erreiche. Anerkannte Hilfsmittel seien entweder für blinde oder gehörlose, nicht aber für taubblinde Personen geeignet, und die Allerwenigsten verfügen über das Geld, sich selbst technische Hilfsmittel oder eine Taubblindenassistenz zu finanzieren.

Zu wenig passiert

Seit Helen Keller, deren Geburtsdatum taubblinde Menschen heute weltweit gedenken, ist seiner Einschätzung nach auf dem Weg zu einer Gesellschaft, in der jeder Mensch angenommen und geachtet wird, wie er ist, viel zu wenig geschehen.

Für sein eigenes Leben wünscht er sich vor allem, zusätzlich zum Fußball per Live-Ticker auch aktiv Sport treiben zu können. Deutschland möchte er gern bereisen, da seine Vorfahren hier vor langer Zeit ein Schloss besaßen.
Auch wünscht er sich den Austausch mit taubblinden Menschen und deren Mitstreitern in unserem Land und würde deshalb gern auch hier Vorträge halten, die Aktivitäten kennenlernen und Menschen motivieren, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.


Kontakt erwünscht
Wer hierzu Ideen und Anregungen hat, mit Alex in Kontakt treten oder mehr über seine Arbeit erfahren möchte, findet Informationen in englischer Sprache unter www.agapasm.com.br.

Als Dolmetscherin und Übersetzerin stehe ich selbst gern zur Verfügung. Kontakt: info@mirien-carvalho.net


Linktipps:
Fußball-Land der Widersprüche. Ein Blogbeitrag von Mirien Carvalho über die Situation von Menschen mit Behinderung in Brasilien
Es gibt Fans, die gibt es gar nicht. Zweiter Blogbeitrag zur Fußball-WM in Brasilien von Mirien Carvalho über Barrierefreiheit in Brasilien – und auch in Deutschland
Taubblinde in der Isolationshaft? Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über eine Film-Dokumentation über die Situation von taubblinden Menschen in Deutschland
 

  • Alex Garcia mit einer Assistentin, die in Großbuchstaben auf seinen Bildschirm schreibt

    Alex Garcia mit Assistentin: Stark vergrößerte Schrift am Bildschirm

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Be My Baby – Meine erste Filmerfahrung

Blogger: Carina Kühne, am 26.06.2014 um 08:58 Uhr

Carina Kühne über die aufregenden Dreharbeiten mit Regisseurin Christina Schiewe und Schauspielkolleginnen wie Christina Große und Gitta Schweighöfer.

Carina Kühne mit Regisseurin Christina Schiewe und den Schauspielerinnen Cornelia Köndgen und Christina Große

Carina Kühne (2.v.l.) mit Regisseurin Christina Schiewe (r.) und den Schauspielerinnen Cornelia Köndgen (l.) und Christina Große bei den Dreharbeiten

Foto: Peter Schäfer

Es war schon immer mein größter Wunsch, einmal eine Rolle in einem richtigen Spielfilm zu bekommen. Ich dachte aber, dass es nur ein Traum bleiben würde. Doch dann bekam ich letztes Jahr im April tatsächlich eine Mail von der Regisseurin Christina Schiewe. Sie schrieb mir, dass sie gerade an einem Drehbuch über eine junge Frau mit Down-Syndrom schreibt und die Möglichkeit hat, schon bald diesen Film zu realisieren, nachdem sie schon jahrelang dafür gekämpft hatte.

Das Casting

Obwohl sie selbst keinen direkten Bezug zu diesem Thema hatte, fand sie es spannend, eine Geschichte über eine junge Frau mit Down-Syndrom zu schreiben, die sich ein Baby wünscht. Zufällig hatte sie mein Blog im Internet entdeckt und Gefallen daran gefunden. Da sie eine talentierte Schauspielerin mit Down-Syndrom suchte, fragte sie mich, ob ich mir das zutrauen würde. Darüber freute ich mich sehr.

Ich bekam das Drehbuch zugeschickt, um mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Wir vereinbarten dann einen Casting-Termin bei uns zu Hause. Ich hatte einige Szenen aus dem Drehbuch gelernt und vorbereitet. Ich war begeistert und hatte viel Spaß dabei. Als ich dann aber erfuhr, dass – wie allgemein üblich – noch mehr Schauspielerinnen mit Trisomie 21 zum Casting eingeladen waren, dachte ich, dass ich die Rolle sicher doch nicht bekommen würde. Schließlich hatte ich im Gegensatz zu meinen Mitbewerberinnen noch keinerlei Filmerfahrungen außer dem Dokumentarfilm „Vier Leben“ von Cornelia Thau. Doch dann bekam ich schon sehr schnell eine Zusage, und nun mussten die anderen Rollen in dem Film noch besetzt werden. Deshalb fuhren wir zu vielen verschiedenen Castings nach Berlin, Köln, Frankfurt und Stuttgart. Ich lernte viele tolle Schauspieler kennen und durfte mit ihnen spielen. Das war ein tolles Erlebnis. Alle Schauspieler müssen natürlich gut zueinander passen und miteinander harmonieren.

Start der Dreharbeiten

Als die passenden Schauspieler ausgesucht waren und der Drehort gefunden war, begannen die Dreharbeiten im September in der Nähe von Stuttgart. Das waren ganz besondere Erfahrungen für mich. Ich staunte nicht schlecht, wie viele Leute doch an einem Film arbeiten müssen, und alle sind sehr wichtig. Neben der Regisseurin gab es außer den Schauspielern eine Produktionsleitung, eine Aufnahmeleitung, eine Kamerafrau, eine Tontechnikerin, die Szenenbildner, Requisiteure, Kostümbildner, Maske, Beleuchter, alle mit ihren Assistenten, Fahrer und Komparsen.

Bevor mit den Dreharbeiten begonnen werden konnte, musste alles gut vorbereitet sein. Dann gab es eine Stellprobe, und erst danach musste jede Szene mehrmals aus verschiedenen Perspektiven gedreht werden. Manche Szenen mussten auch wiederholt werden, weil es Störgeräusche gab oder weil die Sonne mal mehr oder mal weniger stark schien und die Filter deshalb gewechselt werden mussten usw. Manchmal musste auch etwas wiederholt werden, weil die Regisseurin meinte, dass wir Schauspieler die Szene noch besser oder anders spielen sollten. Obwohl den ganzen Tag gedreht wurde, schaffte man nur ein paar Minuten fertigen Film pro Tag.

Nachdem sich die Unsicherheit legte

Da die meisten Leute von der Crew bislang noch nicht mit Menschen mit Down-Syndrom zusammengearbeitet hatten, waren sie zu Anfang ein wenig unsicher, wie sie mit mir umgehen sollten. Das hat sich aber ganz schnell gelegt. Ich wurde ganz normal behandelt, wie alle anderen auch und konnte zeigen, dass auch Menschen mit Handicap etwas leisten können. Ich hatte sehr viel Spaß an den Dreharbeiten und bin schon gespannt auf den fertigen Film. Leider muss man sich auch nach den Dreharbeiten noch lange gedulden. Schließlich muss der Film noch geschnitten werden und die Filmmusik muss noch dazu kommen. Aber nun ist er fertig, und die Weltfilmpremiere wird am 29. Juni 2014 um 14.30 Uhr im Kino ARRI bei den Filmfestspielen in München sein.

Es ist eine Komödie, die von der „Zum goldenen Lamm“-Filmproduktion mit der ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ produziert und von der MFG Baden-Württemberg gefördert wurde.

Meine Rolle und die Schauspiel-Kollegen

Ich spiele die Nicole, eine 18-jährige junge Frau mit Down-Syndrom, die unbedingt ganz normal heiraten und eine Familie gründen möchte. Als Nicole schwanger ist, muss sie gegen sehr viele gesellschaftliche Widerstände ankämpfen.

In dem Film sind auch bekannte Schauspieler zu sehen: Christina Große, Gitta Schweighöfer, Holger Stockhaus, Paul Faßnacht, Cornelia Köndgen, Florian Appelius, Nico Randel, Volker Muthmann, Attila Borlan, Heidemarie Brüny, Cornelia Gröschel, Nele Winkler und Jan-Patrick Kern.

Der Film „Be My Baby“ regt auch zum Nachdenken an und greift Tabus auf. Menschen mit Down-Syndrom haben zwar ein Recht dazu, wie alle anderen auch zu heiraten und eine Familie zu gründen; aber bis unsere Mitmenschen das tolerieren, brauchen wir noch viel Aufklärung und Umdenken in unserer Gesellschaft. Ich hoffe, dass dieser Film dazu beiträgt. Es ist ein sehr emotionaler Film, der hoffentlich von vielen Menschen gesehen wird und auch gut bei den Zuschauern ankommt. Das wäre sehr schön!

Nach der Premiere soll der Film noch auf nationale und internationale Festivaltour gehen, und hoffentlich zeigt auch ein Kinoverleih Interesse, bevor er im ZDF ausgestrahlt wird.
Die Regisseurin Christina Schiewe hat mich entdeckt und glaubt an mein Talent. Mir hat die Schauspielerei sehr gut gefallen und ich hoffe, dass ich noch weitere Rollenangebote bekomme.


Linktipps:
Weltpremiere bei den Filmfestspielen in München: Mehr Infos über den Film „Be My Baby“
Mal anders betrachtet. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über den Kurzfilm 46/47, der die Perspektive wechselt: „Normal“ ist, wer 47 Chromosomen hat
Behindert und Baby? Ein Blogbeitrag von Marie Gronwald über die Vereinbarkeit von Behinderung und Kinderwunsch
Kinderwunsch – Paare mit Down-Syndrom als Eltern? Ein Blogbeitrag von Carina Kühne über den Kinderwunsch von Menschen mit Trisomie 21

Carina Kühne

Blogger: Carina Kühne
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Menschen mit Behinderung, Kultur

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Weltpolitische Nachrichten – ohne Sprachbarrieren

Blogger: Katja Hanke, am 25.06.2014 um 15:57 Uhr

Mit nachrichtenleicht.de reißt der Deutschlandfunk die Sprachbarrieren des Nachrichtengewerbes ein und versorgt Menschen mit Lernschwierigkeiten mit aktuellen Nachrichten in Einfacher Sprache.

Person, die im Schneidersitz sitzt und ein Tablet bedient

Nachrichtenleicht.de bietet Nachrichten in Leichter Sprache

Foto: ebayink / flickr.com

Die Informationssuche im Internet wird für Menschen mit Lernschwierigkeiten immer einfacher. Grund dafür ist die stetig steigende Anzahl von Webseiten in Leichter Sprache. Internetseiten mit aktuell-politischen Themen in leicht verständlicher Sprache gab es bis vor anderthalb Jahren allerdings keine. Die Redaktion des Deutschlandfunks hat das mit Nachrichtenleicht.de geändert. "Es ist ja die ureigene Aufgabe des öffentlichen Rundfunks, den Menschen Nachrichten zugänglich zu machen", sagt Projektleiterin Tanja Köhler. Und dazu gehörten eben auch die Millionen von Deutschen, an die sich Einfache Sprache wendet, so Köhler. "Menschen mit Lernschwierigkeiten, aber auch Personen, die aufgrund von Alter oder Krankheit schlecht lesen können, sowie funktionale Analphabeten."

Übersichtlich, leicht verständlich und jede Woche neu
Wer auf nachrichtenleicht.de klickt, gelangt auf eine übersichtlich gestaltete Seite mit vier Rubriken: Nachrichten, Kultur, Sport und Vermischtes. In ihnen werden aktuelle Themen behandelt, die auch in den konventionellen Nachrichten des Deutschlandfunks vorkommen. Die Leser können sich die kurzen Texte auch vorlesen lassen oder sie sogar als Audio-Datei herunterladen. Schwierige Wörter werden unter den Texten zusätzlich erklärt und in einem Wörterbuch gesammelt, das unabhängig von den Texten aufgerufen werden kann.

Nachrichtenleicht.de ist ein Wochenrückblick, der donnerstags und freitags in der Nachrichtenredaktion des Deutschlandfunks in Köln entsteht. Ab Samstag ist er online. Ein Stamm von vier Redakteuren betreut die Seite abwechselnd in Zweier-Teams. "Am Donnerstag diskutieren wir, welche Themen der letzten Tage wir für die Seite auswählen", sagt Köhler. Dabei wenden die Redakteure die gängigen Kriterien zur Nachrichtenauswahl an. "Wir wollen ja Teilhabe ermöglichen und bringen also die gleichen Themen wie in den konventionellen Nachrichten", sagt Köhler. Je drei Themen sind es in Kultur, Vermischtes und Sport, vier oder fünf in den Nachrichten.

Komplexe Themen einfach erklären
Nach der Auswahl schreiben zwei Redakteure donnerstags die Texte, freitags nehmen Sprecher sie im Studio auf. Die Texte erfüllten die gleichen journalistischen Ansprüche wie die in den konventionellen Nachrichten, so Köhler, das heißt sie sind nicht wertend und auch in vereinfachter Sprache sind alle Informationen korrekt. Das Schreiben in vereinfachter Sprache dauere allerdings oft länger als in Standardsprache. "Wenn ich ein komplexes Thema leicht und verständlich erklären möchte, muss ich es auch verstanden haben", sagt Tanja Köhler. "Ich kann mich nicht hinter komplizierten Formulierungen verstecken."

Überwältigendes Feedback auf einfache Sprache
Die Kriterien für ihre Einfache Sprache haben sich die Redakteure aus verschiedenen Regelwerken zu Leichter und Einfacher Sprache zusammengestellt, unter anderem gehören dazu: kurze Sätze, ein einfacher Satzbau und einfache Verben, die nur im Präsens oder Perfekt verwendet werden, kein Passiv, wenig Genitiv und direkte statt indirekter Rede. Hinzu kommen: Wiederholungen anstelle von Synonymen, keine Fremdwörter und vor allem kurze Wörter. Lassen sich längere Wörter nicht vermeiden, werden sie mit einem Bindestrich getrennt. Das habe vor allem bei Lesern, die vom Konzept Einfache Sprache noch nichts wussten, zu Verwirrung geführt, sagt Tanja Köhler.

Überhaupt habe die Reaktion alle Erwartungen übertroffen. "Unsere Zielgruppe waren ja Menschen mit Lernschwierigkeiten", sagt sie. "Aus den Zuschriften haben wir aber gesehen, dass der Nutzerkreis viel größer ist." Lehrer an Sonderschulen hätten sich gemeldet, Menschen mit Alzheimer, mit wenig Deutschkenntnissen sowie Deutschlerner aus Neuseeland, Brasilien, Russland oder Italien. "Wir waren völlig überwältigt."


Linktipps:
Das Nachrichtenportal "nachrichtenleicht.de"
Mehr Informationen zur Leichten Sprache vom Verein "Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland"
Das Netzwerk Leichte Sprache
Ist die Leichte Sprache auch gut? Ein Blogbeitrag von Eva Keller über die Bewertung der Regeln der Leichten Sprache
Mehr Leichte Sprache! Ein Blogbeitrag von Stefanie Wulff über die Ausbildung von Prüfern für Texte in Leichter Sprache
"Das Wunder von Bern" in Einfacher Sprache. Ein Blogbeitrag von Laura Merken über ein Buch in Einfacher Sprache über die deutsche Fußball-Weltmeister-Mannschaft von 1954

Katja Hanke

Blogger: Katja Hanke
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Bildung, Barrierefreiheit, Medien

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Mit den Menschen reden – nicht über sie!

Blogger: Eva Keller, am 23.06.2014 um 16:14 Uhr

Durch das Projekt „Inklusive Bildung“ der Stiftung Drachensee bekommen Studierende die täglichen Herausforderungen erklärt – von Dozenten mit Behinderungen.

Ein Dozent des Projekts „Inklusive Bildung“ beim Vortrag, in der Hand ein Zettel mit der Aufschrift: Bildung ist Grundrecht

„Inklusive Bildung“-Dozent: Reflektieren und einordnen

Foto: Stiftung Drachensee

Es gibt neue Dozenten an der Fachhochschule Kiel: Sechs Frauen und Männer mit körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen oder Lernschwierigkeiten, die bis zum Semesterstart noch in den Werkstätten der Stiftung Drachensee beschäftigt waren. Nun aber erklären sie den Studierenden des Fachbereichs „Soziale Arbeit und Gesundheit“ ihr Leben: die alltäglichen Herausforderungen und Hindernisse ebenso wie die Auswirkungen von Sozialgesetzen und die Bedeutung von Inklusion.

Expertenwissen einbringen

Mit den Menschen reden statt über sie zu reden. Das ist der Leitgedanke des Projekts „Inklusive Bildung“, das die Stiftung Drachensee mit Unterstützung der Aktion Mensch auf die Beine gestellt hat. Ziel ist es, das Expertenwissen von Menschen mit Behinderung in Studium und Ausbildung für die sozialen Berufe zu verankern – langfristig durch reguläre Arbeitsplätze an den Universitäten, Fachhochschulen bzw. Fachschulen, an denen die Erzieherinnen und Erzieher ausgebildet werden.
Damit die Menschen mit Behinderung ihren Dozenten-Job gut machen können, werden sie gründlich vorbereitet. „Unser Anspruch ist, dass die Teilnehmer ihre biographischen Erlebnisse reflektieren und einordnen können – das ist etwas ganz anderes als mal mit ein paar Studierenden zu quatschen“, stellt Projektmanagerin Claudia Pazen klar.

Theorien, Methoden, Praxis

Satte zwei Jahre dauert die Qualifizierung, die von einer Pädagogin geleitet wird. Sie hat auch das Curriculum erarbeitet: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer setzen sich einerseits theoretisch mit den Themen Arbeit, Bildung und Teilhabe auseinander. Andererseits lernen sie Methoden und Instrumente für die Lehre kennen, angefangen bei der Power-Point-Präsentation bis hin zu Tipps für Vortrag und Moderation.

Das Erlernte erproben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer schon während der Ausbildung – wie beim Einsatz an der FH Kiel, der sich mit zwei Stunden pro Woche über ein Semester erstreckte. Neben der FH Kiel hat die Stiftung Drachensee die Uni Kiel (Lehramt) und die Uni Flensburg (Sozialpädagogik) als Partner gewinnen können.

Rollenwechsel

Studierenden in höheren Semestern wiederum schlüpfen in die Rolle des Dozenten: Sie übernehmen kleine Lehreinheiten zu Themen wie „Gesetzliche Grundlagen für Teilhabe“ und „Geschichte vom Umgang mit Behinderung in der Gesellschaft“. Professoren unterstützen sie darin, die Lehrinhalte didaktisch und methodisch für die Vermittlung an Menschen mit Behinderungen aufzubereiten. Indem die Studierenden so in die Qualifizierung eingebunden werden, „steigern wir die Qualität unserer Ausbildung. Außerdem sorgen unterschiedliche Lehr- und Lernsituationen für Abwechslung“, sagt Claudia Pazen. Und natürlich passt der Rollenwechsel perfekt zur Projektidee: voneinander lernen!


Linktipp:
Mehr Infos zum Projekt „Inklusive Bildung“ der Stiftung Drachensee
Inklusion studieren: Übersicht der Universitäten und Fachhochschulen, die Bachelor- und Masterstudiengänge sowie Weiterbildungsmöglichkeiten zum Thema Inklusion anbieten
Master of Inklusion? Ein Blogbeitrag von Eva Keller über Aus- und Weiterbildungsangeboten zum Thema Inklusion
Emanzipation der „Disability Studies“. Ein Blogbeitrag von Wiebke Schönherr über die erste Juniorprofessorin dieser Fachrichtung in Deutschland und den wissenschaftlichen Begriff von Behinderung
"Ein Stück weit Utopie". Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über die Inklusion an deutschen Hochschulen

Eva Keller

Blogger: Eva Keller
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Bildung, Menschen mit Behinderung

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Gewinnzahlen vom 22. Juni 2014 mit Rudi Cerne

Blogger: Redaktion, am 22.06.2014 um 19:42 Uhr

Rudi Cerne präsentiert die Gewinnzahlen der Aktion Mensch-Lotterie vom 22. Juni 2014 und stellt das Rollstuhlhockeyteam von Torpedo Ladenburg bei Heidelberg vor. Die Jungs und Mädels vom Torpedo Ladenburg machen mit ihren extra fürs Hockeyspiel umgebauten Elektro-Rollstühlen ordentlich Tempo. Die 20 bis 40-jährigen Spieler mit Behinderung nehmen an Bundesligaturnieren im In- und Ausland teil. Die Aktion Mensch bezuschusst die Anschaffung der umgebauten Rollstühle für Elektro-Rollstuhl-Hockey mit rund 21.300 Euro.


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Es gibt Fans, die gibt es gar nicht

Blogger: Mirien Carvalho Rodrigues, am 20.06.2014 um 15:56 Uhr

In ihrem zweiten Bericht zur Fußball-WM in Brasilien beschäftigt sich Mirien Carvalho mit dem Thema Barrierefreiheit.

Stefan Krusche auf einem Platz mit anderen Fußballfans in deutschen Nationaltrikots

Fußballfan Stefan: Gelassenheit und Zuversicht im Gepäck

Fotos: Stefan Krusche

Sie wissen doch, wer Neymar ist? Wer diese Frage mitten im Gespräch über Fußball einer blinden Frau stellt, die seit 32 Jahren glühender Fan der brasilianischen Nationalmannschaft ist und gerade ihre Reise ins -Land plant, hat in wenigen Worten deutlich gemacht, was Barrieren im Kopf sind; wobei hier die Frage vermutlich noch eher der Frau galt als dem blinden Menschen. Doch beides – blind sein und Frau sein – scheint für viele immer noch Grund zu sein, nichts von Fußball zu verstehen. Wie kommt es da nur, dass diese blinde Frau seit Jahrzehnten davon träumt, einmal ein Spiel im Maracanã, dem Fußballstadion von Rio de Janeiro, zu erleben?

Reporter für Audiodeskription

Fußballfan Spencer hat noch Karten für das Achtelfinale in Brasília ergattert. Er ist dort zuhause und hat vor einem Monat von den ermäßigten Eintrittspreisen für Menschen mit Behinderung und der Möglichkeit zur kostenfreien Mitnahme einer Begleitperson erfahren. Er wird, wie auch blinde und sehbehinderte Fans bei den Spielen in São Paulo, Belo Horizonte und Rio de Janeiro, die Begegnung mit Kopfhörer verfolgen. Die Nichtregierungsorganisation URECE aus Rio, die seit Jahren talentierte blinde und sehbehinderte Sportlerinnen und Sportler fördert und mit ihrer Frauenmannschaft im Jahr 2010 auch ein Blindenfußball-Turnier in Marburg klar gewonnen hat, schulte im Auftrag der FIFA ehrenamtliche Reporter in Audiodeskription. Anders als ein Radioreporter sollen diese Freiwilligen beispielsweise auch besondere Einlagen von Fans für die blinden Fußballbegeisterten beschreiben, um die Stimmung im Stadion noch besser für sie einzufangen.

40 Stunden im Reisebus

Auch Stefan ist Fußballfan. Er bricht schon zum zweiten Mal mit dem „Handicap Fanclub Fußball Nationalmannschaft“ des DFB zu einer Weltmeisterschaft auf. Der abenteuerlustige Rollstuhlfahrer hat Karten für die Vorrundenspiele der deutschen Mannschaft bekommen und sämtliche Reisevorbereitungen für sich und seinen Schwager übernommen; dieser unterstützt ihn im Gegenzug vor Ort, wo es nötig ist. Um beim ersten Spiel der Deutschen live dabei zu sein, nahm er insgesamt 40 mühsame Stunden im Reisebus auf sich, bangend, dass mit den zugesagten Toilettenpausen alles klappen möge.

Fachleute am Werk

Ob taktile Leitsysteme, Rampen oder Behindertentoiletten – die bauliche Barrierefreiheit in den WM-Stadien war fest in fachmännischer Hand. Auch ausreichend Behindertenparkplätze sollen inzwischen an allen Stadien vorhanden sein. Menschen mit Behinderung werden außerhalb des gewaltigen Gedränges über separate Eingänge zu ihren Plätzen geführt.

Stefans wichtigstes Gepäck ist seine Gelassenheit und seine Zuversicht, dass er überall freundlich empfangen und die nötige Unterstützung bekommen wird. Als Reisender, dem von vornherein klar ist, dass manche Dinge nicht oder völlig anders als geplant funktionieren, wird er in Brasilien viel Freude haben und gut zurechtkommen, zumal er in den letzten Monaten vor Reiseantritt eigens einen VHS-Kurs in brasilianischem Portugiesisch besucht hat.

Ich packe meinen Koffer …

Wer als Mensch mit Behinderung auf eigene Faust zur WM reist, sollte erst recht Abenteuerlust und Gelassenheit im Gepäck haben. Denn zumindest an einigen Spielstätten sind die Stadien wahre Inseln umfassender Barrierefreiheit. Der Weg zum Stadion, die Unterkunft, öffentliche Verkehrsmittel und die Verständigung mit dem Personal – kurz, die komplette Servicekette für Touristen – ist damit jedoch nicht abgedeckt. So weist eine Organisation körperbehinderter Menschen aus Recife darauf hin, dass Angaben über verfügbare Behindertenparkplätze an den Stadien den Blick von etlichen einheimischen Fans ablenken, die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind und hier vor der WM auf nachhaltige Veränderungen gehofft hatten, die nicht eingetreten sind. Auch die geradezu euphorischen Berichte über Audiodeskription für blinde Fans täuscht schnell darüber hinweg, dass es diesen Service in acht von zwölf Stadien nicht geben wird. Neben der Begeisterung über den inklusiven Gedanken finden sich denn auch Stimmen blinder Fans in Internetforen, die fragen, weshalb an dieser Stelle ehrenamtliche Mitarbeiter eingesetzt werden. Ist die Inklusion letztendlich doch wieder so nebensächlich, überlegt man dort, dass professionelle Spielbeschreiber nicht in das Milliarden-Budget der FIFA gepasst haben? Eine solche Investition hätte zum einen Menschen aus dem Gastgeberland angemessen für eine wertvolle Arbeit entlohnt und zum anderen eine Wertschätzung für Menschen mit Behinderung gezeigt. Die Kritiker gestehen den Freiwilligen zu, ihr Bestes zu geben, doch für sie bleibt die Frage, warum sich in Zeiten so hoher Qualitätsstandards an dieser Stelle blinde Menschen einmal mehr mit einer improvisierten Notlösung zufriedengeben müssen.

Analog dazu verbreiten die deutschen Medien in diesen Tagen die freudige Nachricht, dass im Sinne der Inklusion „die wichtigsten Spiele“ für blinde und sehbehinderte Fußballfans übertragen werden sollen. Wer das spektakuläre 5:1 der Niederlande gegen Spanien gesehen hat, weiß, dass er sich nicht gern vorschreiben lassen würde, welche Spiele er mitbekommen darf und welche nicht.

Paralympics 2016 – mit Barrieren?

Sicher ist die Infrastruktur an den zwölf Spielorten sehr unterschiedlich, doch ausgerechnet für Antônio Figueira de Melo, Tourismusbeauftragter von Rio de Janeiro – also der Stadt, die in nur zwei Jahren die Paralympics ausrichten wird –, war es bislang nicht notwendig, sich auf Besucher mit Behinderungen einzustellen. Auf die Frage, welche Dienstleistungen für Menschen mit Behinderung während der WM angeboten würden, verkündete der Politiker unbekümmert in einem Radiointerview, das sei nicht die Zielgruppe dieses Großereignisses. Ausgerechnet in der Stadt, in die es die meisten Touristen zieht, rechnet man also nicht mit barrierefreiem Informationsmaterial, Verkehrsmitteln, Unterkünften, Restaurants oder gar Personal, dass für die Belange von Menschen mit Behinderung sensibilisiert ist.

Derselbe Tourismusbeauftragte hielt es nämlich auch keineswegs für notwendig, Taxifahrer im Sinne einer besseren Verständigung beim Erlernen der englischen Sprache zu unterstützen. Mit Infomaterial in Fremdsprachen ist somit auch nicht zu rechnen. Außerdem ist er offensichtlich schlecht über die Bestimmungen zu den Spielen informiert. Diese besagen nämlich, dass mindestens 1 % der Eintrittskarten Menschen mit Behinderung vorbehalten sind. Und wer reserviert schon Karten für Fans, die es gar nicht gibt.


Linktipps:
Fußball-Land der Widersprüche. Ein Blogbeitrag von Mirien Carvalho über die Situation von Menschen mit Behinderung in Brasilien
"In Luxemburg findet man Sachen, die genial sind". Ein Interview im Blog von Anina Valle Thiele mit dem Luxemburger Aktivisten Joël Delvaux über Barrierefreiheit und die Umsetzung der UN-BRK
Leben in London: Normal, eine Behinderung zu haben. Ein Gespräch im Blog von Heiko Kunert mit Christiane Link über Inklusion und Barrierefreiheit in Großbritannien
 

Mit dem Rollstuhl zur WM

  • Stefan Krusche im Stadion zwischen anderen Fußballfans

    Fußballfan Stefan beim Auftaktspiel der Deutschen gegen Portugal

  • Stefan Krusche auf einem Platz in Brasilien zwischen riesigen Indio-Puppen in bunten Kleidern

    WM-Tourist Stefan vor dem Franziskaner-Kloster São Francisco in Salvador

Mirien Carvalho Rodrigues

Blogger: Mirien Carvalho Rodrigues
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Barrierefreiheit

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