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Wahrnehmungswelten blinder Menschen

Blogger: Heiko Kunert, am 21.01.2014 um 08:57 Uhr

Interview mit Andreas Brüning, dem Initiator des Projekts „Biografie-Paten“

Andreas Brüning

„Biografie-Paten“-Initiator Brüning: Brücken bauen

Foto: Jutta Heinze

Andreas Brüning ist sehbehindert. Dass damit im Alltag Hürden verbunden sind, ist jedem klar; wie diese jedoch aussehen und wie genau ein Leben mit anderen Sinnesorganen als den Augen wahrgenommen wird, davon haben viele nur eine diffuse Vorstellung. Das möchte Brüning ändern und hat in diesem Zusammenhang das Mikroprojekt „Biografie-Paten“ ins Leben gerufen. Mit dem Schibri-Verlag möchte er zusammen mit erfahrenen Autorinnen und Autoren die Tür zur Wahrnehmungswelt sehbehinderter und blinder Menschen öffnen. Mit Heiko Kunert sprach er über sein Projekt.


Heiko Kunert: Im Projekt Biografie-Paten bringst Du blinde, sehbehinderte und sehende Menschen zusammen. Was genau sind die Biografie-Paten?

Andreas Brüning: Die Biografie-Paten sind blinde oder sehbehinderte Menschen, die sich dazu bereit erklären, Aspekte ihrer Lebensgeschichte mit uns zu teilen. Sie führen mit den in der Regel sehenden Autorinnen und Autoren biographische Interviews, die diese dann in Literatur verwandeln und die Figur des realen Biografie-Paten als Ausgangspunkt nehmen. Wir haben uns dazu entschieden, die Biografie-Gebenden als „Biografie-Paten“ zu bezeichnen, um sie in den Mittelpunkt zu stellen. Denn sie helfen uns, Brücken zu bauen zwischen zwei verschiedenen Wahrnehmungswelten.

Was ist die Motivation der blinden und sehbehinderten Paten und der sehenden Autoren?

Was tut ein blinder Mensch, wenn er einen Raum betritt? Wie orientiert er sich? Wie nimmt er Kontakt auf?
Viele können sich von der Situation und der Wahrnehmungswelt blinder und sehbehinderter Menschen kein Bild machen. Dabei haben gerade diese Menschen oftmals eine spannende Geschichte zu erzählen. Durch unser Projekt sollen blinde und sehbehinderte Menschen ihre eigene Lebenssituation reflektieren, sich selbst besser erkennen und Vergangenes aufarbeiten. Durch die biografischen und literarischen Texte lassen sie nicht nur die sehende Öffentlichkeit an ihrer Welt teilhaben, sondern erlernen auch neue Kompetenzen, die ihnen Anerkennung und Selbstbewusstsein bringen. So wird ein oft wenig wahrgenommener Teil unserer Gesellschaft in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt und Vorurteile, Ausgrenzungstendenzen und Berührungsängste werden nachhaltig abgebaut. Die Autorinnen und Autoren können neue Perspektiven auf die Welt entdecken, für die meisten ist es eine Herausforderung sich beim Schreiben von ihrer visuellen Wahrnehmungswelt zu verabschieden und neue Wege zu finden, sich im fiktiven Raum zu orientieren. Im Pilotprojekt empfanden viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer das als eine bereichernde Erfahrung.

Literatur für neue Perspektiven

Was geschrieben wird, soll auch immer jemand lesen. An wen richten sich die Texte, die Ihr veröffentlicht, und wo kann man sie überhaupt lesen?

Das Projekt soll eine breite literarisch interessierte Öffentlichkeit erreichen, aber auch die blinden und sehbehinderten Menschen selbst, die aktiv an dem Projekt teilnehmen können, sowie Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die neue Perspektiven kennen lernen möchten. Alle Informationen sind auch auf dem Blog „Biografie-Paten“ zu finden. Die neun entstandenen Kurzgeschichten und Erzählungen werden auf großen und kleinen Lesebühnen in Berlin weiter vorgetragen. Darüber hinaus wird das Buch „Literatur aus dem Dunkeln“ zum Projekt im Februar 2014 erscheinen.

Im Herbst habt Ihr auch Lesungen veranstaltet. Wo fanden diese statt und wie war die Resonanz?

Auf die Lesungen „Literatur aus dem Dunkeln“ haben wir derart positive Resonanz bekommen, dass wir beschlossen haben, das Projekt auf eine höhere Ebene zu heben und berlinweit bzw. bundesweit durchzuführen. Zur Premiere lasen Larissa Boehning, Elisabetta Abbondanza und Daniela Preiß für ca. 50 Gäste im Kulturcafé des Nachbarschaftsheims Schöneberg. Davor fand ein philosophisches Café statt, in dem Lutz von Werder mit den anwesenden Biografie-Paten und Autorinnen und Autoren über die Philosophie der Biographie reflektierte. Die zweite Lesung fand mit ca. 70 Gästen in der ufa-Fabrik statt, dieses Mal mit Jutta Heinze, Michaela Gericke und Birgit Schönberger. Im Anschluss fand eine moderierte Fragerunde statt, in der sich die Autorinnen, Autoren und Biografie-Paten vorstellten sowie die Entstehung der Kurzgeschichten und Erzählungen kommentierten. Die nächste Lesung findet am 14. Februar 2014 in der Buchhandlung Thaer in Berlin statt.

Hinter dem Projekt steht der Schibri-Verlag. Magst Du uns ein bisschen über diesen Verlag erzählen?

Eine zentrale Säule des Schibri-Verlags ist das kreative Schreiben. In diesen Bereich passt auch das Biografie-Paten-Projekt hinein. Der Schibri-Verlag ist ein Fachverlag für Theaterpädagogik, Kreatives Schreiben und praktische Philosophie. Er verlegt Bücher in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg Vorpommern. Die Weiterentwicklung von Literatur, Kultur und Wissenschaft im Nordosten der Bundesrepublik Deutschland bildet einen Schwerpunkt in den Verlagspublikationen.

Bundesweite Ausweitung des Biografie-Paten-Projekts geplant

Du bist durch eine Weiterbildung zum PR-Juniorberater zum Schibri-Verlag gekommen. Was ist das für eine Ausbildung?

Die Frankfurter Stiftung für blinde und Sehbehinderte bildet seit 1995 blinde und sehbehinderte PR-Schaffende aus. Das Ausbildungskonzept hat sich bewährt. Es öffnete bereits etwa 50 blinden und sehbehinderten Medienschaffenden die Tür zu einer neuen beruflichen Perspektive. PR-Juniorberater und -beraterinnen schreiben Pressetexte, Reportagen oder bearbeiten Interviews. Ihre Beiträge werden dann weiter in die sozialen Netzwerke, Presseagenturen und die Redaktionen von Rundfunk und Printmedien gereicht. Der Schibri-Verlag hat mir in Berlin einen Volontariatsplatz zur Verfügung gestellt, um das Biografie-Paten-Projekt ins Leben zu rufen.

Deine Ausbildung geht ihrem Ende entgegen. Wie geht es danach mit den Biografie-Paten und Dir weiter?

Natürlich werde ich das Biografie-Paten-Projekt weiter entwickeln. Es ist mein inklusives Literaturprojekt-Baby. In den Bereichen biografisches und kreatives Schreiben sowie der Zeitzeugenarbeit sehe ich ein weiteres Feld der Betätigung für mich. In den nächsten Monaten geht es um die Netzwerkbildung. Gemeinsam mit dem Institut für kreatives Schreiben e.V. in Berlin sowie Behinderten-, Blinden- und Sehbehinderten-Organisationen möchte ich ein berlinweites bzw. bundesweites Biografie-Paten-Projekt initiieren.


Über Andreas Brüning:

Brüning ist Ideengeber des inklusiven Literaturprojektes Biografie-Paten. Seit seiner Geburt ist er sehbehindert. Sein Erst-Studium schloss er im Bereich der Sozialpädagogik/Sozialarbeit ab. Des Weiteren hält er einen Master in Wissenschaftsmarketing in Händen. Ab Februar 2014 wird er zudem PR-Juniorberater sein. Er hat Berufserfahrung im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an einer Hochschule sammeln können. Seit 1993 ist er als Anleiter für biografische und kreative Schreibgruppen tätig sowie freiberuflich als Erwachsenenbildner im Bereich Autogenes Training sowie achtsamkeitsbasiertes Coaching und Training.


Linktipps:
Das Literaturprojekt „Biografie-Paten“
Die andere Weltsicht – Blinde in der Literatur. Ein Feature im Deutschlandradio Kultur
Welten entdecken – warum blinde Menschen gerne lesen. Ein Blogbeitrag von Domingos de Oliveira über Bücher für Blinde
Blindheit in den Medien: Die blinde Liebe. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über die Darstellung von Blindheit in Literatur und Film

Heiko Kunert

Blogger: Heiko Kunert
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Menschen mit Behinderung, Kultur

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Inklusion und Mode: Mehr Mut bitte

Blogger: Anastasia Umrik, am 20.01.2014 um 17:30 Uhr

Die Berliner Fashion Week 2014 habe ich täglich verfolgt, stündlich, im Minutentakt: So viel Inspiration, so viel Neues! Ich wäre gern dort gewesen. Als Bloggerin – oder als Designerin.

Models mit und ohne Rollstuhl auf dem Laufsteg

Projekt "anderStark": Zeichen in der Modewelt

Fotos: Fatih Doganer

Mindestens einmal im Monat kaufe ich eine dieser langweiligen Frauenzeitschriften, in denen seit Jahren das Gleiche steht. Nur die angesagten Farben der Saison, die Namen der Designermusen und die Skandale der Stars variieren, aber auch das irgendwie nicht auffällig genug. Und ja, ich lese täglich Fashion-Blogs und durchstöbere viele Onlineshops. Immer bin ich auf der Suche nach etwas ... Etwas, das mich begeistert und meinen Geschmack (über-)trifft. Etwas, das mich von dem trüben Wetter ablenkt. Schon sehr früh entwickelte ich meine Leidenschaft für Mode, für Farben, für außergewöhnliches Design. Ich genieße es, wenn man zu mir sagt: „Wow, schön! Ist das Kleid neu?“ Ja, ist es. Und ich bin pleite. Aber ich liebe diesen neuen Fummel!

Models mit Behinderung – leider Fehlanzeige

Manchmal, wenn ich arbeite, läuft nebenbei auf „arte“ eine Modenschau. Davon lasse ich mich inspirieren, schöpfe meine Kraft. Doch seitdem ich mich intensiv mit dem Thema Inklusion beschäftige, sehe ich die Dinge anders, intensiver und ... nun ja, aus der Perspektive einer Rollstuhlfahrerin. Apropos: Haben Sie auf der Fashion Week jemals ein Model mit einer Behinderung gesehen? Ich suche verzweifelt nach den Berichten, nach Fotos, nach der Begeisterung – leider Fehlanzeige. Es fehlt an Mut, es fehlt an Wissen. Letztes Jahr aber ein kleiner Lichtblick: Modedesigner Patrick Mohr zeigte „etwas Anderes“ und wollte damit provozieren. Seine Models mit Behinderung waren kunstvoll gekleidet, geschminkt, fielen definitiv auf. Doch leider erinnerte mich seine Show an eine Freakshow, denn er nahm die Schönheiten aus jeder Randgruppe – es hatte nichts Inklusives an sich. Die Zuschauer fühlten sich in der Tat provoziert zu sagen, dass er, Patrick Mohr, durch sein Konzept schockieren konnte und seine Mode „der Wahnsinn“ sei. Geht so, wenn ich ehrlich sein darf. Und wenn das Model Mario Galla sein Bein nicht zeigt (oder nicht zeigen darf), vergisst man schnell, dass Behinderungen auch attraktiv und durchaus verkaufsfördernd sein können.

Traum vom Model-Leben

Als kleines Mädchen (schon damals an Mode interessiert) träumte ich, als Model berühmt zu werden. Ich hörte die Kameras knipsen, sah mich im Rampenlicht stehen und die Journalisten viel über mein Leben erfahren wollen (aber ich schwieg natürlich ...). In meiner Fantasie sah ich mich von A nach B rennen, und meine blonden langen Haare wehten im Wind. Witzig an diesem Traum ist, dass ich noch nie blond, schon immer viel zu klein und zu „pummelig“ für das Modebusiness und nicht außergewöhnlich hübsch war. Den Traum, ein Model zu sein, gab ich schnell auf. Mit dem Erwachsenwerden kam auch der realistische Blick auf den eigenen Körper und das Leben, das nie dermaßen interessant sein wird, dass die Journalisten erfahren wollen, wer nun mein neuer Freund ist oder ob ich magersüchtig sei.

Eine Show, wie ich sie mir wünsche

Dennoch blieb eins: die Mode. Ganz egal, ob Mode machen oder Mode zeigen – ich wollte es täglich spüren, erleben, darüber lesen, darüber schreiben – es leben! Noch bin ich weit entfernt von meinem Ziel, aber ich sehe es näher kommen! Den Anfang habe ich im Sommer 2013 gemacht: Im Rahmen der großen und ersten Vernissage des Fotoprojekts „anderStark – Stärke braucht keine Muskeln“ habe ich eine Modenshow der besonderen Art organisiert. Eine Show, wie ich sie mir öfter wünschen würde. Eine Show, die auf große Laufstege gehört. Bei dieser Show haben insgesamt acht Designer, fünfzehn Visagisten, dreißig Models und eine Menge anderer Helfer mitgewirkt. Einige der Models hatten eine Behinderung, und doch sind sie kaum aufgefallen, denn an diesem Abend ging es um Mode, es ging um Design und es ging um die Weiblichkeit. Damit haben wir ein Zeichen in der Modewelt gesetzt und gezeigt, wie echte Inklusion aussieht.

Darauf sind wir stolz und wollen mehr davon!

Bald.


Linktipps:
Das Fotoprojekt "anderStark – Stärke braucht keine Muskeln"
"Behindert, Transgender, Model": Spiegel Online über den Designer Patrick Mohr auf der Fashion Week
"Alle sind stolz darauf". Ein Blogbeitrag von Katja Hanke über Menschen mit Behinderung als Fotomodelle
Rollstuhlgerechte Mode – eine Entdeckungsreise. Ein Blogbeitrag von Marie Gronwald über zeitgemäße und vor allem erschwingliche Mode für Menschen im Rollstuhl

Sie sind auch modeinteressiert und könnten noch ein paar Euros extra zum Shoppen gebrauchen? Dann machen Sie doch bei unserer Frühjahrs-Sonderverlosung mit!

Fashion Show des Projekts "anderStark"

Anastasia Umrik

Blogger: Anastasia Umrik
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Mode

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Gewinnzahlen vom 19. Januar 2014 mit Rudi Cerne

Blogger: Redaktion, am 20.01.2014 um 12:16 Uhr

Rudi Cerne präsentiert die Gewinnzahlen der Aktion Mensch-Lotterie und das Berufsorientierungsprojekt ChancenWORK in Nordrhein-Westfalen. Das Pilotpojekt des Vereins Chancenwerk e.V. bietet Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, vor ihrer Berufswahl Einblicke in die Berufswelt zu bekommen. Die Aktion Mensch unterstützt das Projekt „ChancenWORK“ mit 240.262 Euro.


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Inklusion in Reinkultur

Blogger: Christian Schmitz, am 18.01.2014 um 09:33 Uhr

Die Evangelische Stadtmission Kiel sorgt dafür, dass Menschen mit und ohne Behinderung ganz selbstverständlich miteinander Sport treiben können.

Ein Fußball liegt im Tornetz

Inklusion im Breitensport: Bewegung und Geselligkeit

Jürgen Oberguggenberger / pixelio.de

Manchmal genügt ein kleiner Anstoß, um einen großen Stein ins Rollen zu bringen. So wie derzeit in Kiel. Dort macht es die gemeinnützige Evangelische Stadtmission Kiel GmbH ab dem 1. Februar möglich, den etwa 42.000 Einwohnern mit Behinderung der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt die rund 200 Sportvereine vor Ort zu öffnen. Ziel ist, dass Menschen mit und ohne Behinderung ganz selbstverständlich miteinander Sport treiben können. Das ist Inklusion in Reinkultur. Denn schließlich haben Sport und Bewegung für Menschen mit und ohne Behinderung einen hohen Stellenwert. Das gilt nicht nur für den Spitzen-, sondern vor allem für den Breitensport, wo zur gemeinsamen Bewegung auch die Elemente Kontakte und Geselligkeit kommen.

Ängste und Unsicherheiten abbauen

„Wir stehen natürlich schon länger mit den Vereinen und den zuständigen Stellen der Stadt in Verbindung“, erklärt eine der beiden Projektkoordinatorinnen, Katrin Kretschmer. Doch ab Februar wird es ernst. „Gemeinsam werden wir einen Fahrplan erarbeiten, wie die Sportvereine sich wirklich öffnen können.“ Die Hindernisse begännen manchmal schlicht im baulichen Bereich – „Stichwort Behindertentoiletten“ –, endeten aber bei aller prinzipiellen Offenheit für das Thema in der Regel bislang fast immer in Ängsten und Unsicherheiten: Was kommt da auf uns zu, wenn wir Menschen mit Behinderungen aufnehmen? Wir würden ja gern, wissen aber einfach schlicht nicht, wie! Sind unsere Übungsleiter dafür überhaupt qualifiziert? Wer trägt die entstehenden Kosten? Mit den Vereinen werde nun zunächst erörtert, wie ein Netzwerk mit den örtlichen Trägern der Behindertenhilfe und weiteren Einrichtungen gebildet werden kann, um inklusive Sport- und Begegnungsangebote zu entwickeln. Geplant sei auch, Fachtrainer für Menschen mit Behinderungen auszubilden.

Kleine Anstöße bringen große Dinge ins Rollen

„Wir nehmen Ängste und finden gemeinsam Wege“, erklärt Kretschmer das Vorgehen.
Die Aktion Mensch bezuschusst die Planung des Projektes mit dem Titel „Bewegung und Begegnung für Menschen mit und ohne Handicap in Kiel“ mit über 5.000 Euro. Das ist keine große Summe, möchte man meinen. Aber manchmal sind es eben wirklich die kleinen Anstöße, die große Dinge ins Rollen bringen. Dazu Katrin Kretschmer: „Unseren Partnern in den Vereinen fällt regelmäßig ein Riesenstein vom Herzen, dass da endlich mal jemand kommt und dieses Thema angeht.“ Und das wäre in den meisten anderen Städten und Gemeinden Deutschlands bestimmt ähnlich!

Weitere Informationen zum Projekt „Bewegung und Begegnung für Menschen mit und ohne Handicap in Kiel“ gibt es bei Ernst Lemke, Evangelische Stadtmission Kiel, Tel: 0431-26044700, Mail ernst.lemke@stadtmission-kiel.de


Linktipp:
Die Förderprogramme der Aktion Mensch


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Inklusion im Passivhaus

Blogger: Carmen Molitor, am 17.01.2014 um 09:11 Uhr

Im trendigen Freiburger Öko-Stadtteil Rieselfeld bietet die Lebenshilfe inklusive Wohngemeinschaften für Menschen mit und ohne Behinderung an. In die WGs ziehen junge Erwachsene ein, die sich per Vertrag dazu verpflichten, ihren Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern mit Behinderung regelmäßig einige Stunden im Monat zu assistieren und dafür einen Teil der Miete sparen. Josefine Zaltenbach, die aufgrund von Spina Bifida im Rollstuhl sitzt, hält das unterstützte Wohnen in ihrer inklusiven WG in einem Passivhaus im Rieselfeld für das Beste, was ihr passieren konnte.

Eine herbstliche Baumallee, gesäumt von modernen Häusern

Freiburger Öko-Stadtteil Rieselfeld: „Das Beste überhaupt“

Till Westermayer / flickr.com

Das Haus nicht barrierefrei, gleich vor der Tür ein unüberwindbar steiler Berg, ein öffentlicher Bus, in den sie mit ihrem Rollstuhl nicht hineinkam: Vor vier Jahren war die Welt von Josefine Zaltenbach sehr beschränkt. Nach zehn Jahren in einem Internat war die 24-Jährige wieder bei ihrer Mutter in einem Dorf im Hochschwarzwald eingezogen. Es bot ihr, als Frau, die aufgrund von Spina bifida – einer Fehlbildung der Wirbelsäule – im Rollstuhl sitzt, kaum Möglichkeiten. „Deswegen saß ich sehr viel zuhause herum“, erzählt sie.

Anderthalb Jahre lang lebte sie so, bis im Mai 2011 die Wende kam. Zaltenbach zog in eine inklusive Wohngemeinschaft (WG) der Lebenshilfe nach Freiburg um. Ein architektonisches Vorzeigeobjekt aus Holz, damals noch eine halbe Baustelle, ist seitdem ihr Zuhause im Trend-Stadtteil Rieselfeld. Nicht nur das energiesparende Passivhaus in der öko-ambitionierten Siedlung, auch die Wohnform, in der die junge Frau hier lebt, ist modern: eine gemeinsame Dreier-WG von jungen Menschen mit und ohne Behinderung. Zurzeit teilt sich Josefine Zaltenbach die Wohnung mit einer Studentin und einem jungen Mann, die ihr beide über eine fest vereinbarte Stundenzahl hinweg assistieren. Vieles schafft sie alleine, eine Pflegestufe hat sie nicht. Aber es gibt im Alltag doch immer wieder Situationen, in denen sie eine helfende Hand gut brauchen kann. Allein schon, wenn sie etwas verschüttet hat oder an Gegenstände nicht heranreichen kann, erzählt sie. Hauptsächlich geht es bei den Assistenz-Stunden aber um gemeinsame Unternehmungen – vom Kochen bis hin zum Ausgehen.

Endlich kochen gelernt

„Hier ist einfach alles viel besser“, sagt Josefine Zaltenbach, als sie in der großzügigen WG-Küche Bilanz zieht. Sie genießt die Privatsphäre, die sie jetzt hat, und vor allem die Freiheit, sich nach Belieben in Freiburg umzusehen. „Ich kann in die Stadt, wann ich will, bin viel selbständiger geworden.“ Sie fährt zur Küchenzeile mit unterrollbarer Spüle, Arbeitsfläche und Herd und drückt einen Knopf: Summend senkt die gesamte Platte sich auf die von ihr benötigte Höhe. Auch so ein Pluspunkt der neuen Umgebung. Nie konnte sie kochen lernen, weil sie mit dem Rolli nicht gut an die Kochplatten kam. In ihrer WG geht das endlich. Die Aktion Mensch hatte die entsprechende Küchentechnik in zwei Wohnungen im Haus mit 10.606 Euro gefördert.

Ihre beiden Mitbewohner sind grade ausgeflogen, beide sind stark in ihre Ausbildung eingebunden. Nur selten sind alle Drei mal gleichzeitig zu Hause. Josefine Zaltenbach bedauert, dass sie die anderen tagsüber so selten sieht: Die ausgebildete Bürokraft ist zurzeit arbeitssuchend und muss viel Zeit totschlagen, bis die anderen eintrudeln, von ihrem Tag erzählen und man sich manchmal zusammen etwas kocht oder noch ausgeht.

Bei WG-Zoff hilft die Beraterin

In der jetzigen Bewohnerkonstellation fühlt sie sich wohl: Die beiden seien ihre Freunde, sagt die junge Frau. Die vereinbarten Putzdienste für Bad und Küche halten alle ein, jeder kauft bei Gelegenheit nötige Dinge für die Allgemeinheit ein, die Kosten dafür teilen sie sich am Ende des Monats fair auf. „Das läuft mittlerweile alles wie geschmiert“, findet Josefine Zaltenbach. In der ersten Konstellation der WG mit zwei Studentinnen klappte das Zusammenwohnen nicht, und man trennte sich nach einiger Zeit.

Bei ernsthaftem Zoff in der WG oder wenn Josefine Zaltenbach Beratung bei wichtiger Post von Behörden und Ämtern braucht, ist Juliane Kallmeyer gefragt. Kallmeyer arbeitet als pädagogische Fachkraft der Lebenshilfe Breisgau im unterstützten Wohnen und ist spezielle Beraterin der WG. Die Lebenshilfe hat seit 2007 viele inklusive WGs mit zwei, drei oder vier Bewohnern begründet. Der Träger vermietet die einzelnen Zimmer an Untermieter und bildet so unterstützende WGs rund um einen Menschen mit Behinderung. Mit den Mitbewohnern ohne Behinderung schließt er einen Assistenzvertrag ab, der festlegt, wie viele Stunden Eingliederungshilfe sie leisten werden. Diese Hilfe kann gemeinsames Einkaufen genauso beinhalten wie Freizeitaktivitäten. Durch die Vergütung der Assistenz wird die Mietbelastung gemindert, erklärt Juliane Kallmeyer. „Es ist manchmal problematisch für die Studenten, die Grenze zwischen normalem Mitbewohner und der Rolle als Assistent zu ziehen“, sagt die Rehabilitationspädagogin. „Nicht jede Freizeitgestaltung kann man sich gleich als Eingliederungshilfe aufschreiben.“

Kein Wohnmodell für immer

Für 12 Stunden im Monat hat sich Josefine Zaltenbachs Mitbewohnerin zur Assistenz verpflichtet, ihr Mitbewohner für etwas weniger. „Das läuft hier meistens nicht als Unterstützung, sondern als Unternehmung unter Freunden auf einer sehr selbstverständlichen Basis“, erklärt die 24-Jährige. Die WG sei für sie zurzeit „das Beste überhaupt“. Aber sie spüre auch, dass diese Wohnform nicht für ewig passen wird. „Spätestens, wenn das Studium fertig ist, treibt es die studentischen Mitbewohner raus, dann ist die WG nicht mehr das Richtige“, sagt sie. „Irgendwann bin ich also vielleicht 30 und habe junge Studentinnen um mich. Da hat man sich wohl nicht mehr so viel zu sagen.“ Josefine Zaltenbach weiß noch nicht, was sie dann machen wird. Nur in einem ist sie sich sicher: Allein wohnen möchte sie nicht mehr.


Linktipps:
Das Handlungsfeld „Inklusion leben: Zuhause“ der Aktion Mensch
Die Förderbroschüre „Gemeinsam wohnen“: Das Förderprogramm Wohnen der Aktion Mensch
Aber bitte mit Fahrstuhl! Ein Blogbeitrag von Katja Hanke über gelebte Inklusion in einer Berliner Wohngemeinschaft
Auf dem Sprungbrett zur eigenen Wohnung. Ein Blogbeitrag von Carmen Molitor über eine teilstationäre WG für Menschen mit geistiger Behinderung und psychischer Erkrankung
"Unterstützung wird keine Einbahnstraße sein". Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über das Hamburger Wohnprojekt BliSS für gemeinsames Wohnen von blinden, sehbehinderten und sehenden Menschen
Manchmal fehlt eben doch die Milch. Ein Blogbeitrag von Michael Wahl über die erste inklusive Wohngemeinschaft Ludwigshafens

Carmen Molitor

Blogger: Carmen Molitor
Kategorie: Projekte & Förderung
Schlagworte: Wohnen

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Mit Riesenball zur Inklusion

Blogger: Nico Feißt, am 16.01.2014 um 09:09 Uhr

„Heiße Reifen Dortmund“ – so heißt die Mannschaft der Reha- und Behindertensport-Gemeinschaft Dortmund 51  e.V., die zum Riesenball-Turnier in die Sporthalle der Martin-Luther-King-Gesamtschule in Dortmund eingeladen hatte. Nico Feißt war dabei und schildert seine Eindrücke.

Torhüter Maxi im gelben Trikot und Mitspieler beim Riesenball-Spiel

Torhüter Maxi (l.) und Mitspieler: Ideal als inklusiver Schulsport

Fotos: RBG Dortmund

„Sören, jetzt mach mal langsam, lass den anderen eine Chance“, ruft seine Trainerin. Doch Sören hört nicht. Blitzschnell schießt er über das Feld und erzielt den nächsten Punkt für das RBG-Team. Kaum einer ist so flink mit dem Rollstuhl wie er. „Eigentlich wollte ich schon aufhören mit Riesenball und mich nur auf Rollstuhlbasketball konzentrieren, aber meine Mutter hat gesagt, ich soll dabei bleiben, und da hat sie ja auch Recht“, erzählt der Zehnjährige.
Beim Riesenball sind die Regeln einfach: Zwei Teams mit je fünf Spielern plus Torwart spielen im Rollstuhl gegeneinander. Ziel ist es, den großen Gymnastikball, auch Pezziball genannt, an die Wand des gegnerischen Teams zu befördern. Dabei darf der Ball immer nur mit einer Hand geführt werden, nicht mit beiden – und auch nicht mit den Füßen.
Sören spielt gegen seine Trainerin, seine Eltern oder seine Geschwister – alle dürfen mitspielen. Die Eltern der Kinder haben als „Lucky Loser“ ein Team gebildet. Gegen sie muss das RBG-Team lange zittern. Am Ende gewinnen die Kinder aber 5:4. „Da sieht man, dass die Kleinen auch mal besser sein können als die Großen“, sagt Sören und grinst.

Gefahrenfreie Torhüterzone

„Ich hab ihn“, schreit der ebenfalls zehnjährige Maxi und ballt seine Faust. Die linke Hand liegt auf dem türkisfarbenen Gymnastikball. Sein Trikot verrät es: Maxi ist der Torhüter. Wenn er den Ball berührt, darf ihn keiner angreifen. „Im Tor muss man richtig schnell fahren, um den Ball zu bekommen", sagt er und fährt in seinem knallbunten Rollstuhl davon.
Die Zone vor der Wand ist die Torhüterzone, dort darf sich nur Maxi aufhalten. Das ist wichtig für ihn, denn dadurch besteht keine Gefahr, dass ein anderer Spieler mit ihm zusammenstößt. Auf dem Feld krachen die Spieler in vollem Tempo oft zusammen. Für Maxi aber wäre das zu gefährlich – er hat sogenannte „Glasknochen“. Im Tor hingegen kann er mitspielen, und man sieht ihm an, dass er sich mit seiner Verantwortung als Torhüter wohlfühlt.

Riesenball im Schulsport?

„Riesenball ermöglicht Kindern mit einer stärkeren Beeinträchtigung, eine Sportart zu finden, in der sie mit ihren Fähigkeiten auch als Mannschaftssportler aktiv sein können“, sagt Petra Opitz, Organisatorin des Turniers und Geschäftsführerin der Reha- und Behindertensport-Gemeinschaft Dortmund. In NRW ist Inklusion ab dem kommenden Schuljahr Gesetz. Im Schulsport allerdings lässt die Inklusion noch auf sich warten. „Da sitzen die Kinder mit Behinderung dann am Rand, obwohl sie integrativ beschult werden, weil die Lehrer nicht wissen, was sie machen sollen“, sagt Petra Opitz. Als Konsequenz befreien die Eltern ihre Kinder vom Sportunterricht. Opitz ärgert sich dann: „So signalisiert man immer: Mein Kind kann halt nicht. Jeder kennt die Paralympics, aber nur wenige denken so weit, dass es Sportangebote für Menschen mit Behinderung auch in Dortmund geben könnte.“

Inklusion pur

Gesenkte Köpfe sah man nur am Anfang des Turniers kurz. Schuld daran war Sörens Team. 13:0 gewannen sie gegen die „Schiller-Gang“. Bis auf Thilo, der auch im RBG-Team spielt, saßen von der „Schiller-Gang“ alle zum ersten Mal im Rollstuhl. „Eins unserer Kinder hat seine Klassenkameraden gefragt, ob sie nicht eine Mannschaft bilden wollen. Ich finde das total genial, das ist Inklusion pur“, freut sich Organisatorin Petra Opitz.
Im nächsten Jahr soll es wieder ein Riesenballturnier geben. Petra Opitz will die Sportart weiter bekannt machen: „Noch ist Riesenball nicht paralympisch, aber wer weiß, vielleicht schaffen wir das ja auch noch.“


Linktipps:
Inklusion beim Riesenball-Turnier: Videobeitrag des Dortmunder Unifernsehens Do1.tv
Das Handlungsfeld "Inklusion leben: In der Freizeit" der Aktion Mensch
Selbstbewusstsein durch Sport. Ein Blogbeitrag von Michael Herold über seine ganz eigenen Erfahrungen mit dem Thema Sport
Klischees wett kämpfen. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen über das gesteigerte mediale Interesse an den Paralympics und Klischees in der Berichterstattung

Riesenball-Turnier in Dortmund

  • Riesenball-Spieler Sören und Mitspieler

    Riesenball-Spieler Sören (2.v.r.): „Kleine sind auch mal besser als die Großen“

Nico Feißt

Blogger: Nico Feißt
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Freizeit, Sport

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