Aktion Mensch-Blog
Bücherei für Leichte Sprache
Autorin: Eva Keller, am 11.01.2013 um 08:43 Uhr
Die Bücherei bietet viel Lesestoff in Leichter Sprache.
Ich liebe das Lesen, vor allem an den dunklen Winterabenden. Die Ruhe um mich herum und in mir drin, wenn ich in eine Geschichte eintauche, die mich in andere Welten entführt, die mich zum Lachen, zum Staunen oder zum Gruseln bringt. Je dicker das Buch, desto besser, denn der Abschied von den Figuren fällt mir jedes Mal schwer.
Aber: Was lesen Menschen, die zwar die gleiche Lust aufs Lesen haben, aber mit "meinen" Büchern nicht klar kommen, weil ihnen die Handlung zu komplex ist, die Sprache zu schwierig, die Schrift zu klein und die Seiten zu dicht gefüllt mit Wörtern? Annette Flegel hat die Antwort: "Manche können einen Krimi oder eine Geschichte in einfacher Sprache lesen. Aber wenn auch die noch zu schwierig sind, bleibt mir nur, die bebilderten Kochbücher zu empfehlen."
Es fehlt an Geschichten
Annette Flegel ist eine Art Bibliothekarin für Leichte Sprache. Das gibt es zwar offiziell nicht, und eigentlich ist Flegel auch ausgebildete Sozialarbeiterin und Online-Redakteurin. Doch seit im Januar 2011 die Lebenshilfe Main-Taunus-Kreis in ihrem "Treffpunkt Leichte Sprache" eine Bücherei eröffnet hat, baut Flegel das dortige Angebot ständig aus. Keine leichte Aufgabe, das machen die wenigen Regalmeter Bücherei schon deutlich: "Es fehlt vor allem an Geschichten in Leichter Sprache", sagt Flegel, die auch das Netzwerk Leichte Sprache mitbegründet hat. Broschüren über Politik gibt es reichlich in dem Bücherei-Regal, auch viele Informationen über Arbeiten und Wohnen, über Liebe und Sexualität hat Annette Flegel aufgetan. Aber so richtiger Lesestoff – Fehlanzeige.
Suchen, sammeln, improvisieren
Für die deutschen Verlage ist Literatur in Leichter Sprache kein Thema. Der einzige Verlag hierzulande, der Bücher in einfacher Sprache herausgibt, ist "Spaß am Lesen" – und das ist der Ableger eines holländischen Verlags. Was kein Zufall ist, denn in den Niederlanden wird das Bewusstsein für einfache Sprache durch eine Lesestiftung gefördert – ebenso in Schweden, wo es aktuelle Bestseller, übertragen in Leichte Sprache, in jeder Buchhandlung zu kaufen gibt!
Annette Flegel dagegen sucht, sammelt, improvisiert und probiert aus. Die leicht lesbaren Texte aus der iChance-Reihe des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung kommen gut an, auch das Rätselbuch, das für den Förderunterricht gedacht ist. Doch das Buch aus einem "Deutsch für Ausländer"-Programm hat sich als zu schwierig erwiesen – und Kinderbücher werden bewusst nicht in den Bestand aufgenommen, da mögen sie noch so verständlich geschrieben sein. Schließlich sind die Bücherei-Besucher in der Mehrzahl junge Erwachsene mit Lernbehinderung, und die interessieren sich weit mehr für Liebesgeschichten als für Prinzessinnen und Piraten.
Begleitung und Anleitung
Obwohl die Nachfrage nach Büchern in Leichter Sprache also groß ist, reicht es nicht, die Bücher einfach hinzustellen. Viele der neuen Leser brauchen sowohl Begleitung als auch Anleitung beim Lesen, hat Flegel festgestellt. "Sie finden den Weg zu uns am ehesten mit ihrer Gruppe aus dem Wohnheim oder ihrer Schulklasse." In der Bücherei geht es darum, den Lesewunsch herauszufinden und ein Buch auszuwählen. Im Idealfall lesen die Nutzer dieses Buch dann gemeinsam mit den Betreuern im Wohnheim oder zuhause mit den Eltern. Oder direkt in der Bücherei – zum Beispiel an den Freitagen, wenn sich hier eine Lesegruppe trifft.
Und Annette Flegel hat noch mehr Ideen, wie die Bücherei noch attraktiver für Lesefreunde mit Lernbehinderung werden könnte: Mit einigen der Besucher, die auch Prüfer für Leichte Sprache sind, würde sie gerne ein Buch übersetzen, das die Zielgruppe interessiert. "Vielleicht würden wir sogar selbst eines schreiben!", sagt Annette Flegel. Und das wäre ja fast noch besser als Lesen!
Mehr zum Thema:
Bücherei des "Treffpunkts Leichte Sprache" der Lebenshilfe Main-Taunus-Kreis
LEA-Leseklubs für Leichte Sprache des KUBUS e.V.
Bücherliste des Netzwerks Leichte Sprache (PDF-Dokument)
Bibliothek in Leichter Sprache des Instituts für Menschenrechte
Leichte Sprache: Für mehr Verständnis. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über die Entstehung von Texten in Leichter Sprache
Leichte Sprache: Nur für Menschen mit Handicap? Ein Blogbeitrag von Carina Kühne darüber, warum Leichte Sprache gut für alle ist
Freude am Lesen vermitteln. Ein Blogbeitrag von Eva Keller über Lesekreise und -klubs für Leichte Sprache
Autorin: Eva Keller
Kategorie: Inklusion
Wie in einer großen Familie
Autorin: Margit Glasow, am 08.01.2013 um 08:46 Uhr
In Hamburg-Altona könnte europaweit das erste barrierefreie Stadtviertel entstehen. Das "Forum – Mitte für Alle" entwickelte mit Unterstützung von Q8 einen Planungskatalog zur inklusiven Stadtentwicklung. Im August 2012 stimmte die Altonaer Bezirksversammlung einstimmig dafür, dass die Behörde für Stadtentwicklung die dort genannten inklusiven Ziele berücksichtigen möge. Doch wie ist der aktuelle Stand der Dinge? Und was ist eigentlich Q8? Eine erste Bilanz.
Hamburg aus der Luft
Foto: Architekturbüro André Poitiers und arbos FreiraumplanerUnsere Gesellschaft befindet sich im Wandel: Einerseits werden die Menschen immer älter und haben einen steigenden Assistenzbedarf. Andererseits wächst das Interesse an Selbstbestimmung und Mitgestaltung. In Hamburg-Altona, dem westlichsten Bezirk der Hansestadt, stehen seit der Stilllegung des Güterbahnhofs im Zentrum dieses Stadtteils große zusammenhängende Flächen frei, die ein enormes Potenzial für nachhaltiges innerstädtisches Wachstum bieten. Hinzu kommt, dass gegenwärtig eine Verlagerung des Fernbahnhofs vom heutigen Kopfbahnhof Altona an den weiter nördlich gelegenen S-Bahnhof Diebsteich geprüft wird. Dadurch würde zusätzlicher Raum für eine städtebauliche Entwicklung zur Verfügung stehen. Dieses gesamte Gebiet soll genutzt werden, um hier ein Stadtviertel – die Mitte Altona – entstehen zu lassen, in dem inklusive Gesichtspunkte der Sozialraumentwicklung Berücksichtigung finden.
Schaffung inklusiver Sozialräume – was heißt das?
Bei der inklusiven Sozialraumentwicklung geht es darum, dass alle Menschen gleichberechtigt – ohne Diskriminierung und Ausgrenzung – miteinander leben und an der Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten mitwirken können. Um das zu erreichen, bedarf es Planungskonzepte, die das Gemeinwesen insgesamt in den Blick nehmen und die Zugänglichkeit von Lebensräumen für alle garantieren.
Doch wie könnte konkret ein solches Umfeld aussehen, das alle gemeinsam mitgestalten? In dem man in der eigenen Wohnung bleiben kann bis ins hohe Alter? Was ist nötig, damit man sich in diesem Viertel wohl fühlt? Gibt es Kulturorte wie Volkshochschule, Galerien oder Theater, die für alle zugänglich sind? Lernorte für alle? Wohnortnahe Lebensmittelgeschäfte, Handwerk und haushaltsnahe Dienstleistungen sowie barrierefreie Cafés und Gaststätten? Orte, an denen jeder seiner Religion nachgehen kann – Kirchen, Synagogen, Moscheen oder buddhistische Zentren? An denen man miteinander ins Gespräch kommt und gemeinsam handelt?
Welche Aufgabe hat dabei das Projekt Q8?
Das Projekt Q8 möchte die Entwicklung ausgewählter Quartiere in Hamburg und Schleswig-Holstein so unterstützen, dass die Menschen dort selbstbestimmt leben können. Bis ins hohe Alter. Mit oder ohne Behinderung. Doch dieses inklusive Zusammenleben – wie in einer großen Familie – funktioniert erst dann, wenn sich möglichst viele Bürgerinnen und Bürger, Kaufleute, Politiker, Institutionen, Vereine und Initiativen an einen Tisch setzen und partnerschaftlich zusammenarbeiten. Die Q8-Projektleitungen arbeiten als Mittler, um die Entwicklungspotenziale des Quartiers sichtbar zu machen und neue Netzwerke aufzubauen. Dazu bringt Q8 Bewohnerinnen und Bewohner, Unternehmen und Institutionen zusammen und unterstützt sie bei der Vernetzung. Ziel ist ein neuer Mix aus Selbsthilfe, bürgerschaftlichem Engagement und Nachbarschaft, Technik und professioneller Unterstützung. In Altona ist auf diese Weise das Forum "Eine Mitte für Alle" entstanden, das Empfehlungen für einen inklusiven Masterplan für die Mitte Altona entwickelte. Das Forum wird von Q8 moderiert und unterstützt.
Wie ist der Stand der Dinge?
Im August 2012 befürwortete die Altonaer Bezirksversammlung einstimmig den fraktionsübergreifenden Antrag, die Forderungen des Forums "Eine Mitte für Alle" im weiteren Planungsprozess zu berücksichtigen. Im September verabschiedete die Hamburger Bürgerschaft den Masterplan zum Bau der Mitte Altona, allerdings ohne sich dem Votum der Altonaer Bezirksversammlung für die Umsetzung der Empfehlungen des Forums nach Inklusion und Barrierefreiheit anzuschließen. Die Parteien formulierten aber dennoch das Interesse an barrierefreier und inklusiver Stadtplanung.
Es bleibt also spannend, wie Hamburg die Chance einer inklusiven Stadtentwicklung für Mitte Altona nutzen wird. Baubeginn ist in diesem Jahr geplant. Wenn dann die genannten Gesichtspunkte der Sozialraumentwicklung tatsächlich Berücksichtigung finden, könnte Hamburg eine Vorreiterrolle übernehmen.
Mehr zum Thema:
Infos zum barrierefreien Bauen bei nullbarriere.de
Internetauftritt des Dachverbands für Integratives Planen und Bauen e.V. (DIPB)
Mehr Infos über barrierefreie Stadtplanung bei der Aktion Mensch
Mehr zum Thema barrierefreies Wohnen beim Familienratgeber
Aktion Mensch-Umfrage zu Barrierefreiheit: 1. Platz für München. Ein Blogbeitrag über die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage zum Thema "Wie barrierefrei ist meine Stadt?"
Autorin: Margit Glasow
Kategorie: Inklusion
Gewinnzahlen vom 6. Januar 2013 mit Jörg Pilawa
Autor: Redaktion, am 06.01.2013 um 19:38 Uhr
Jörg Pilawa präsentiert die Gewinnzahlen der Aktion Mensch-Lotterie und stellt die Familienpaten in Alsdorf vor.
Die Frauen vom Sozialdienst katholischer Frauen e.V. in Alsdorf bieten mit ihrem Patenprojekt Entlastung für Eltern im Alltag an. Zielgruppe sind Familien mit Migrationshintergrund, kinderreiche Familien, Alleinerziehende oder Familien, die Angehörige mit einer Behinderung haben.
Die Aktion Mensch fördert das Familienpatenprojekt in Alsdorf mit rund 103.000 Euro.
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"In Gesetz und Gesellschaft verankern"
Autorin: Katja Hanke, am 05.01.2013 um 09:31 Uhr
Das Projekt "Anwaltschaft für Menschenrechte und Vielfalt" am Institut für Menschenrechte in Berlin soll Anwälte für Themen wie Vielfalt sowie Diskriminierung sensibilisieren und sie dazu ermuntern, die Menschenrechtsabkommen in Gerichtsverfahren einzusetzen. Das "Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen" – auch: Behindertenrechtskonvention (BRK) – ist eines davon. Der Rechtsanwalt Dr. Martin Theben, Fachanwalt für Arbeitsrecht, beschäftigt sich mit behindertenpolitischen Themen und hat an einem Fachgespräch des Projektes teilgenommen.
Dr. Martin Theben
Herr Dr. Theben, was ist ein typischer Fall, in dem die Behindertenrechtskonvention (BRK) angewandt werden könnte?
Ein Klassiker ist der Artikel 19. Er besagt, dass niemand, der eine Behinderung hat, in Wohnformen gezwungen werden darf. Menschen, die behindert sind und einen hohen Unterstützungsbedarf haben, stehen oft vor der Frage, ob sie in ihrer eigenen Wohnung leben und Assistenten oder ambulanten Pflegedienst finanzieren können. Das Sozialamt findet so etwas meist zu teuer und schickt denjenigen in ein Heim. Das ist billiger. Durch den Artikel 19 der BRK kann das den Ämtern schwerer gemacht werden. Allerdings besagt die BRK nicht, wer das dann bezahlen soll. Das ist ein Problem. Engagierte Anwälte wie ich werden aber immer argumentieren, dass die BRK eine Einweisung in ein Heim gegen den Willen des Betroffenen allein aus Kostengründen verbietet.
Taucht die Behindertenrechtskonvention schon oft in deutschen Gerichtsverfahren auf?
Mittlerweile passiert es immer öfter. Auf dem letzten Fachgespräch wurde uns gesagt, dass sie bereits in 150 Gerichtsentscheidungen in allen Instanzen auftaucht. Außerdem gibt es auch schon einige höchstrichterliche Entscheidungen, die sich ausführlicher damit befassen.
Welche Vorschläge wurden auf dem Fachgespräch gemacht, um die BRK öfter in Gerichtsverfahren einzusetzen?
Erst einmal müssen Anwälte informiert werden, dass es die BRK überhaupt gibt, und welche Bedeutung sie im deutschen Gesetz hat. Anwälte müssen ein Gespür dafür entwickeln, in welchen Fällen es Sinn macht, sie anzuwenden. Das finde ich am wichtigsten. Wir dürfen nicht vergessen: Die BRK ist in Deutschland erst seit 2009 in Kraft, das ist nicht lange, um etwas im Gesetz und in der Gesellschaft zu verankern. Aber damit sie sich wirklich durchsetzt, müssen Anwälte auch geschult werden. Das Thema sollte Teil der obligatorischen Schulung für Fachanwälte werden. Dazu müsste man auch die Institute, die solche Fortbildungen anbieten, stärker mit der BRK in Berührung bringen und bewirken, dass sie die BRK in ihr Schulungsmaterial einbauen. Das Deutsche Anwaltsinstitut hat zum Beispiel schon eine Fortbildung dazu angeboten.
Wie sieht es mit den Gerichten selbst aus?
Der nächste Schritt sollte sein, die Richter zu sensibilisieren und auch zu dem Thema zu schulen. Die Anwälte können noch so gut argumentieren, wenn da ein Richter sitzt, der nicht sonderlich motiviert ist. Einige Urteile lesen sich auch, als ob das alles den Richter nicht interessiert hat. Wenn man die Richter aber von der BRK begeistert, dann erreicht man mehr. Das ist Lobbyarbeit, die man da betreiben muss. Beim Institut für Menschenrechte soll es zum Beispiel bald eine eigene Veranstaltung für Gerichte geben.
Wo sehen sie die Probleme in Deutschland bei der Umsetzung?
Die Bundesregierung hat die BRK zwar unterzeichnet, in einem Ergänzungspapier aber erklärt, dass sie eigentlich schon alles umgesetzt hat. Das sehen die Betroffenenverbände natürlich anders. Denn auch bei uns gibt es noch Probleme: Ein großes Thema ist gerade die gemeinsame schulische Erziehung von Kindern mit und ohne Behinderung. Das wird immer noch stark getrennt. Artikel 24 der BRK sieht aber die vorbehaltlose Inklusion vor. Die meisten Gerichtsentscheidungen befassen sich übrigens gerade mit diesem Artikel. Auch das deutsche Strafrecht hinkt noch hinterher: Ein sexueller Übergriff auf ein Opfer, das sich wehrt, wird bei uns stärker bestraft als auf ein Opfer, das sich nicht wehrt – weil es sich zum Beispiel nicht bewegen kann. Das trifft ja häufig auf Behinderte zu. Das ist natürlich Wahnsinn.
Mehr zum Thema:
Das Projekt "Anwaltschaft für Menschenrechte und Vielfalt" am Institut für Menschenrechte
Theorie trifft Praxis – eine juristische Bestandsaufnahme der UN-Behindertenrechtskonvention
Die UN-Behindertenrechtskonvention in Leichter Sprache erklärt
Wahlrecht inklusive. Ein Blogbeitrag von Iris Cornelssen über die Forderung nach einer Änderung der Wahlgesetze im Sinne der BRK zugunsten von Menschen mit Behinderungen
UPR – ja, muss das denn jetzt auch noch sein!? Ein Blogbeitrag von Dr. Sigrid Arnade über das UPR-Verfahren zur Umsetzung der Behindertenrechtskonvention
Autorin: Katja Hanke
Kategorie: Inklusion
Für 10 % unverzichtbar, für 40 % notwendig und für den Rest komfortabel
Autor: Christian Judith, am 04.01.2013 um 10:27 Uhr
Barrierefreie Veranstaltung – wie geht das?
Zeichnung: Livia Gleiß Ich bin Rollstuhlfahrer, besser: Dreiradfahrer, bin körperbehindert und eher nicht so groß. Wenn ich auf ein Konzert rolle, sehe ich in der Regel nichts von den Künstlerinnen und Künstlern auf der Bühne. Entweder muss ich in die erste Reihe, wo ich Angst habe, zerdrückt zu werden, oder ich muss mich mit Hören zufrieden geben. Falls die Veranstalter an ein Podest gedacht haben, auf dem ich stehen kann, und ich dann auch noch auf die Toilette komme, wird es so gut wie immer ein schöner Abend.
Mehr und mehr Menschen mit Behinderung wollen raus aus der Wohnung und hinein ins Leben dieser Gesellschaft. Das klingt logisch und wird von der Politik – zumindest in den Parteiprogrammen – so gewollt. Doch das heißt auch, sie wollen nicht nur am Park oder an der Fußgängerzone teilhaben. Wir wollen teilhaben am kulturellen Leben, egal, ob es ein Konzert, eine Ausstellung, eine Fachtagung oder ein Kaffeekränzchen ist. Voraussetzung dafür ist die Barrierefreiheit.
Barrierefreiheit nicht nur für Rollstuhlfahrer
Es gibt die vielfältigsten Behinderungen und chronischen Erkrankungen. Sie stellen unterschiedliche Anforderungen an die Barrierefreiheit. Ein gehörloser Mensch braucht Gebärdensprache, ein schwerhöriger Mensch Schriftmittlung und eine Höranlage, und ein blinder Mensch braucht seine Informationen nicht in Schwarz auf Weiß, sondern hörbar oder als Blindenschrift oder in Großdruck bei anderen Sehbehinderungen.
Das Bundeskompetenzzentrum für Barrierefreiheit e.V. (BKB) in Berlin und unsere Firma K Produktion haben eine Checkliste für barrierefreie Veranstaltungen erstellt.
Diese Handreichung wurde abschließend auf einem Fachtag mit den Mitgliedsverbänden des BKB abgestimmt.
Die Broschüre informiert umfassend über Barrierefreiheit. Dennoch ist Barrierefreiheit kein statischer Begriff. Barrierefreiheit ist ein Prozess: Wahrnehmung von und Erkenntnisse über Barrieren und deren Beseitigung müssen weiter entwickelt werden.
Barrierefreiheit früh einplanen
Je früher die Barrierefreiheit bei Veranstaltungen bedacht wird, desto kostengünstiger wird sie werden.
Wähle ich einen Ort, der ohne Stufen zu erreichen ist, brauche ich keinen Aufzug oder eine Treppenraupe. Wenn sich die Teilnehmer der Veranstaltung anmelden, kann ich mit der Anmeldung den persönlichen Bedarf abfragen.
Die Menschen sollen sich eingeladen fühlen. Frage ich: „Was brauchen Sie?“, so ist diese Frage nicht so einladend wie die Frage: „Wie können wir Barrierefreiheit für Sie sicherstellen?“ und „Können wir noch an etwas denken?“ Wenn sich dann kein Mensch mit dem Bedarf Gebärdensprache anmeldet, muss ich auch keine entsprechenden Dolmetscher bereithalten.
Wichtig ist der Grundsatz: Anfangen und sich auf den Weg machen. Dabei passieren Fehler, aber das ist nicht schlimm. Schlimm ist, wenn erst gar nicht angefangen wird.
Willkommenskultur gestalten
Mit dem wachsenden Selbstbewusstsein behinderter Menschen wächst bei uns auch eine andere Erkenntnis: Es ist wichtig, eine Willkommenskultur zu gestalten. Einfach für die Begleithunde einen Napf mit Wasser zu haben und zu wissen, wo der Hund in der Nähe ausgeführt werden kann. Eine Veranstaltung, bei der es nicht nur Stehtische gibt, sondern auch Tische, die für Rollstuhlfahrerinnen und mich als kleinwüchsiger Mensch zu nutzen sind.
Wie oft war ich bei Empfängen und könnte gut darüber berichten, was ich alles in den Nasen meines Gegenübers sah. Einfach, weil eine Begegnung auf Augenhöhe gar nicht möglich war. Bei einem Stehempfang muss ich mein Gegenüber nun mal von unten nach oben betrachten.
Wenn wir eine inklusive Gesellschaft wollen, dann muss sich diese Gesellschaft samt ihrer Bau- und Gedankensubstanz verändern und weiterentwickeln. Für eine Veranstaltung bedeutet Teilhabe dann: teilnehmen, verstehen und kommunizieren können.
Weitere Informationen:
"Handreichung und Checkliste für barrierefreie Veranstaltungen" vom Bundeskompetenzzentrum Barrierefreiheit und K Produktion (PDF-Dokument)
Barrierefrei auf der lit.COLOGNE 2013
Die Aktion Mensch engagiert sich auf der lit.COLOGNE 2013, einem der größten Literaturfestivals Europas. Um möglichst vielen Menschen – ob mit oder ohne Behinderung – die Teilnahme an diesem Kulturereignis zu ermöglichen, sorgt die deutsche Förderorganisation für eine umfassende barrierefreie Gestaltung von vier Veranstaltungsorten. Insgesamt 21 von 206 Veranstaltungen sind vom 6. bis 16. März 2013 für Rollstuhlfahrer uneingeschränkt zugänglich. Sie werden zudem mit Akustik- und Induktionsschleifen ausgestattet und von Gebärdensprach- und Schriftdolmetschern begleitet.
Alle barrierefreien Veranstaltungsorte und Veranstaltungen der lit.COLOGNE 2013 im Einzelnen:
Expo XXI:
07.03.2013, 19:30 Uhr // Christian Brückner und David Vann lesen einen unerhört radikalen Familienroman
08.03.2013, 19:30 Uhr // Besserwissen I - Nassim Nicholas Taleb feiert den Zufall
09.03.2013, 19:30 Uhr // Joachim Meyerhoff ist in der Psychiatrie zu Hause
11.03.2013, 19:30 Uhr // Wer nichts weiß, muss alles glauben! Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln – mit den Science Busters
12.03.2013, 19:30 Uhr // Die Provinz verschweigt immer – Ein Eifel-Abend: mit Jacques Berndorf, Achim Konejung, Ralf Kramp, Norbert Scheuer und Martin Stankowski
13.03.2013, 19:30 Uhr // Marc Brandenburg & David Rees über die Kunst, einen Bleistift zu spitzen
14.03.2013, 19:30 Uhr // Etgar Keret, Shalom Auslander und Gerd Köster: bitterböse, komisch, furios!
14.03.2013, 19:30 Uhr // Danielle de Picciotto und Alexander Hacke Are Gypsies Now
Oper am Dom:
10.03.2013, 20:00 Uhr // Philippe Pozzo di Borgo, Abdel Sellou und Walter Sittler sind ziemlich beste Freunde
14.03.2013, 18:00 Uhr // Elizabeth George und Stefan Wilkening treffen Inspektor Thomas Lynley – "Zwei wie Spreng und Stoff"
14.03.2013, 21:00 Uhr // Dieter Nuhr und das Geheimnis des perfekten Tages
Festhalle Gürzenich:
13.03.2013, 19:30 Uhr // Michail Gorbatschow – Alles zu seiner Zeit
lit.kid.COLOGNE in der Kirche St. Georg:
08.03.2013, 10 Uhr // Klasse-Buch: Barbara Laban – Im Zeichen des Mondfests
08.03.2013, 12 Uhr // Klasse-Buch: Barbara Laban – Im Zeichen des Mondfests
12.03.2013, 10 Uhr // Klasse-Buch: Brigitte Blobel – Blind Date
12.03.2013, 12 Uhr // Klasse-Buch: Monika Feth – Der Sommerfänger
13.03.2013, 10 Uhr // Klasse-Buch: Boris Koch – Vier Beutel Asche
13.03.2013, 12 Uhr // Klasse-Buch: Martin Grzimek – Tristan
14.03.2013, 17 Uhr // Eine musikalische Lesung aus Markus Zusaks Bücherdiebin
15.03.2013, 12 Uhr // Klasse-Buch: Meg Rosoff – Oh. Mein. Gott
Autor: Christian Judith
Kategorie: Veranstaltungen
Tätigkeitsfeld: Behinderung und Teilhabe
Eine Brücke zwischen uns und der 'restlichen' Welt
Autorin: Olga Hertle, am 03.01.2013 um 09:33 Uhr
Olga Hertle hat mit Vadim Eichwald Mitte November den Deaf Slam der Aktion Mensch in Heidelberg gewonnen. Der nächste Poetry Slam für Gehörlose und Hörende findet am 12. und 13. Januar 2013 in Berlin statt. Er ist Teil des inklusiven FIlmfestivals "überall dabei". Doch bevor es soweit ist, blickt Olga Hertle zurück: auf zwei Tage Anspannung, Aufregung und am Ende ein Glücksgefühl. Ein Vorgschmack für die Berliner.
Übt die poetischen Gebärden während des Workshops: Olga Hertle, die spätere Gewinnerin des Deaf Slams in Heidelberg.
Aktion Mensch / Martin KleinmichelEs war ein aufregendes Wochenende voller Adrenalin im Blut. Seit Freitag konnte ich nichts anderes tun, als an diesen Wettbewerb zu denken. Seitdem war ich nervös. Die Teilnahme am Workshop mit Benedikt Feldmann hat mir definitiv geholfen, selbstbewusster aufzutreten. Auch Dank seiner wertvollen Tipps. Als ich während des Workshops mein Werk vorzeigen musste, da habe ich mehrmals unterbrechen müssen und gesagt: "Hey, ich schaffe es nicht." Aber ich wollte unbedingt meinen Text "Taubsein ist Luxus", den ich vor einem Jahr geschrieben habe, dem Publikum zeigen vor allem den Hörenden. Mit meiner Gebärdensprache und mithilfe des Dolmetschers.
Als ich dann auf der Bühne stand, war meine Aufregung sofort ausgeschaltet und ich dachte kurz: "Oh Gott. Jetzt schauen mich alle an. Aber ich muss da jetzt durch und zwar ohne Unterbrechungen". Und dann habe ich einfach angefangen.
Visuelle Poesie
Bei diesem Wettbewerb hatte ich nicht das Ziel, unbedingt zu gewinnen, ich wollte einfach, dass das Publikum meinen Text erfährt. Und das ist mir mehr als gelungen. Das habe ich wirklich nicht erwartet. Aus unserer Gruppe waren "Löwe", "MS-Reptil" und "Melicious" (Künstlernamen der Teilnehmer, Anm. der Redaktion) meine Favoriten. Sie konnten sehr toll ihre Poesie darstellen und gebärden. Mir war klar, dass Vadim Eichwald ("Löwe") eventuell gewinnen würde, denn sein „visuelles“ Gedicht war für mich sehr ausdrucksstark und poetisch. Ich kenne ihn privat und bin froh, ihn überzeugt zu haben, am Deaf Slam teilzunehmen. Umso bemerkenswerter war es, dass er vom ersten auf den zweiten Workshoptag über Nacht sein Werk so schnell entwickelt hat. Talent hat er, das hat sich ja auch bei dem Wettbewerb gezeigt.
Aber dass auch ich gewinnen könnte und würde, war mir gar nicht bewusst. Eine Zuschauerin gratulierte mir danach und sagte: „Du hast vollkommen Recht mit Deinem Gedicht Taubsein ist wirklich Luxus. Gerade jetzt ist die Musik viel zu laut, mein Trommelfell platzt gleich!" Da musste ich einfach grinsen.
Zwei Welten
Sehr froh war ich darüber, dass die Zuschauer bunt gemischt waren: Hörende, Menschen im Rollstuhl und Gehörlose. Dass "andere" Menschen uns zuhören "durften". Das habe ich in Deutschland bisher noch zu selten erlebt. Entweder bin ich in unserer „Tauben-Welt“ unterwegs, wo ich mich mit anderen Gebärdensprachlern voll und ganz verständigen kann. In dieser Welt gibt es Theater, Gebärdensprachpoesien, die Kulturtage der Gehörlosen und diverse Vorträge in Gebärdensprache – ebenso wie Sportvereine und Kultur für Gehörlose. Um in unsere Welt eintauchen zu können, braucht man eine gute Gebärdensprach-Kompetenz. Die aber hat kaum ein Hörender. So erfahren geschätzt 95 Prozent der Gesellschaft von uns fast nichts.
Oder ich versuche mit meinem hochgradigen Hörverlust in die „Hörende Welt“ einzutauchen und an Festen, Sportwettbewerben, Theater oder Tanzkursen teilzunehmen. Dort, wo es nur wenig sprachlicher Kommunikation bedarf, klappt es einigermaßen gut. Dennoch: Wo viel gesprochen, diskutiert, gelacht, geplaudert wird, da kann ich nur am Rande teilhaben – mit Hilfe meiner Familie. Sehr oft mussten sie die gesprochenen Inhalte nochmal für mich wiederholen – häufig in verkürzter Version. Dabei erlebe ich fast immer eine gespannte anstatt entspannte Atmosphäre – und konnte nie vollständig dabei sein, mich nie wirklich austauschen.
Berührungsängste und Hemmungen von anderen konnte ich immer spüren. Mit der Zeit habe ich den Versuch aufgegeben, in diese hörende Welt einzutauchen. An einer solchen Welt hatte ich keine Chance, teilzunehmen und teilzuhaben. Ich werde von dieser Welt für immer ausgeschieden und vergessen - jedenfalls dachte ich das.
Denn bisher war es so, dass überhaupt keine Brücken zwischen uns und der „restlichen“ Welt gebaut wurden. Bisher fand quasi kein oder nur wenig Kennenlernen zwischen uns und den Hörenden statt – von Aufklärung über uns in Schulen ganz zu schweigen.
Deaf Jam als Inspiration
Daher bin ich sehr froh, dass zurzeit eine Bewegung in Richtung Inklusion stattfindet. Besonders, dass die Aktion Mensch einen Deaf Slam organisiert hat und dass ich daran teilnehmen konnte – ohne Bedenken. Als ich den Film 'DEAF JAM' aus Amerika mehrmals angeschaut habe, dachte ich nur: In Amerika wird immer viel für Gehörlose gemacht. Wann wird es auch so in Deutschland sein? Vielleicht 50 Jahre später? Wann dürfen wir zeigen, wie wir sind, wie wir denken - mit Gebärdensprache, inklusiv - dass es uns eben auch gut geht? Dass es nicht 50 Jahre gedauert hat, sondern wirklich jetzt passiert weniger als ein Jahr nachdem ich den Film gesehen habe, das hat mich wirklich überrascht. Als ob jemand unsere Gedanken gelesen hätte. Darüber bin ich sehr glücklich.
Nur muss es sich noch viel mehr in diese Richtung entwickeln, damit wir in unserem alltäglichen Leben das Gefühl bekommen, dass wir teilhaben „dürfen“. Dass auch wir jederzeit ernst genommen werden und nicht von anderen als Last, als Unbekannte empfunden werden.
Die Teilnahme an den Deaf Slams ist kostenfrei. Weitere Infos und Anmeldung zum Workshop und Wettbewerb per E-Mail unter: deafslam@eyzmedia.de.
überall dabei - das inklusive Filmfestival
Autorin: Olga Hertle
Kategorie: Filmfestival




