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„Sie sitzen ja im Rollstuhl“

Blogger: Marie Gronwald, am 22.02.2014 um 09:44 Uhr

Höhen und Tiefen bei der Jobsuche: Marie Gronwald, den Hochschulabschluss in der Tasche, berichtet von ihren Erfahrungen mit einem Berliner Jobcenter.

Ein großes weißes "A" in einem roten Kreis: das Logo der Bundesagentur für Arbeit auf einer Mauer

Jobcenter der Agentur für Arbeit: „Das geht nicht“

Foto: Bernd Schwabe / wikimedia.org

Wie die Leser dieses Blogs wissen, habe ich im Sommer letzten Jahres mein Masterstudium mit Erfolg abgeschlossen und bin jetzt arbeitssuchend. Für mich stand immer fest, dass ich nach dem Studium arbeiten möchte, sehr gerne im Bereich Journalismus oder Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Das Bezirksamt, das mich bei der Miete meiner rollstuhlfreundlichen Wohnung unterstützte, erinnerte mich daran, mich beim Jobcenter arbeitssuchend zu melden. Dieses tat ich im Juli und bekam darauf hin ein sogenanntes „Arbeitspaket“ zugeschickt und einen Termin zu einem Erstgespräch bei meinem Jobberater.

„Wir müssen prüfen, ob Sie arbeitsfähig sind“

Im September ging ich also zum Erstgespräch mit meinem ausgefüllten Arbeitspaket. Vorher hatte ich aus irgendeinem Grund und einem mulmigen Gefühl schon bei der Beratungshotline des Jobcenter angerufen und versucht, sie auf meine Körperbehinderung und meinen Rollstuhl einzustellen. Aber dort wurde mir nicht richtig zugehört. Man sagte mir, es gibt kein Kästchen auf dem Formular für die Behinderung, und deswegen ist das auch nicht so wichtig. Ich schrieb es trotzdem auf und schickte die Unterlagen in Kopie an das Jobcenter. Meine Erstberaterin tippte in ihren Computer, als wir das Zimmer betraten, dann telefonierte sie und sagte, sie wäre gleich für mich da. Als sie endlich den Blick hob, hatte mir meine Assistentin bereits die Jacke ausgezogen. Sie sah mich an, dann richtete sie ihren Blick auf meine Assistentin. „Sie sitzen ja im Rollstuhl“, sagte sie schließlich. „Das geht nicht“, fuhr sie fort. „Dann müssen wir Sie erst mal zum Arzt schicken. Er muss prüfen, ob Sie in der Lage sind, zu arbeiten“.

„Das ist Vorschrift“

Ich erklärte ihr, dass ich zwei Studiengänge absolviert habe, Philosophie, Germanistik und Literaturwissenschaft, und dass ich neben meinem Studium schon immer ein bisschen als Autorin und Journalistin gearbeitet habe. Sie sagte: „Germanistik, das ist schön. Na ja, aber wir müssen wissen, ob Sie in der Lage sind, zu arbeiten. Das ist Vorschrift.“ Meine Unterlagen und Zeugnisse wollte sie sich erst ansehen, wenn mein Untersuchungsergebnis von dem Arzt positiv bestätigt war. Sie nannte mir eine Adresse, an die ich meinen „Gesundheitsfragebogen“ schicken musste. Der Gesundheitsfragebogen ist ein zehnseitiges Dokument, in dem ich meine gesamte Krankengeschichte offen legen muss und alle Ärzte von der Schweigepflicht, also der Pflicht, keine Einzelheiten zu meinem Gesundheitszustand an Dritte weiter zu geben, entbinden musste. Wenn ich diese Formulare nicht ausfüllen würde, würde ich meiner Mitwirkungspflicht nicht nachkommen und hätte keinen Anspruch auf Unterstützung oder Beratung. Ich füllte also noch am selben Tag den Gesundheitsfragebogen aus, machte eine Kopie und sendete ihn an die Arbeitsagentur, die Adresse, die mir die Beraterin genannt hatte. Zwei Wochen später erhielt ich einen Brief vom Jobcenter, endlich meinen Gesundheitsfragebogen einzureichen. In der Zwischenzeit rief schon meine Krankenkasse an, um sich bei mir nach meinem Status zu erkundigen, denn ich war offiziell keine Studentin mehr und auch nicht beim Jobcenter und der Arbeitsagentur als arbeitssuchend gemeldet.

Direkt nach dem Studium in die Rente?

Ich ging immer wieder zum Jobcenter, und schließlich sagte man mir, ich solle mir doch mal überlegen, Rente zu beantragen in meiner Situation. Dann hätte ich keine Probleme mehr. Rente mit Anfang 30? Nach zehn Jahren Studium und einem sehr guten Studienabschluss? Das konnte ich mir unter gar keinen Umständen vorstellen! Alle meine Freunde machten irgendetwas, und die Vorstellung, in Rente zu gehen, ohne vorher richtig gearbeitet zu haben, war und ist absurd für mich. Die Arbeitsagentur teilte mir schließlich mit, sie sei für mich nicht zuständig. Ich musste wieder zurück zum Jobcenter. Mein Gesundheitsfragebogen war in der Zwischenzeit – genauso wie meine positive Einstellung und mein Enthusiasmus – verschwunden. Jetzt waren bereits Wochen vergangen, und noch immer hatte ich nichts; keinen Termin beim Arzt, keine finanzielle Unterstützung und auch keine Beratung. Schließlich ging ich hin und verlangte, einen Behindertenbeauftragten im Jobcenter zu sprechen. Man sagte mir, es gebe keinen. Aber das konnte ich mir nicht vorstellen. Jede kleine Firma hat inzwischen einen Mitarbeiter für die Belange der Menschen mit Behinderung. Endlich bekam ich einen Namen und einen Termin. De Mann war sympathisch und offen und schaute sich zum ersten Mal meine Unterlagen und das Arbeitspaket an. Er sagte, ich müsse nicht zum Arzt. Denn ich hätte durch mein Studium schon bewiesen, dass ich arbeiten könne.

Miss Marple und Bonbons

Leider folgten diesen Worten keine weiteren Taten. Die Zuständige für die Finanzen bestand weiter auf den Arztbesuch, und der Behindertenbeauftragte war ab diesem Zeitpunkt nicht mehr zu erreichen. Anfang November ging ich schließlich mehr oder weniger verzweifelt und ratlos und mit einem Kontoauszug zum Jobcenter und erklärte, dass ich nicht mehr wisse, wovon ich die nächste Miete bezahlen solle. Ich musste wieder lange warten und landete schließlich bei einer netten Frau im Großraumbüro, die mir Kekse und Bonbons anbot, während sie telefonierte, um meinen Fall zu klären. „Ich bin jetzt Miss Marple für Sie, Frau Gronwald.“ Eine halbe Stunde später hatte sie mit sechs Leuten telefoniert, festgestellt, dass ich arbeitsfähig bin und auch meine Sachbearbeiterin davon überzeugt. Eine Woche später hatte ich wieder Geld auf dem Konto und konnte meine Miete zahlen. Jetzt bewerbe ich mich fleißig mit der Zuversicht, dass ich bald etwas finden werde. Im März läuft mein Antrag auf Unterstützung beim Jobcenter aus. Hoffentlich gerate ich dann wieder an so eine coole Miss Marple.


Linktipps:
Das Handlungsfeld "Am Arbeitsplatz" der Aktion Mensch
Mehr Infos zum Thema Berufstätigkeit von Menschen mit Behinderung beim Familienratgeber
Der Fall – oder: Wenn man uns ließe! Ein Blogbeitrag von Anastasia Umrik über Hürden und Pauschalisierungen bei der Jobsuche
Bewerbung mit Handicap. Ein Blogbeitrag von Katja Hanke über Bewerbungsratgeber für Menschen mit Beeinträchtigungen
Jobsuche als blinder Akademiker: Ein Erfahrungsbericht. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über seinen beschwerlichen Weg auf den ersten Arbeitsmarkt

Sie haben Fragen zum Thema Arbeit und Behinderung? Im Expertenforum des Familienratgebers der Aktion Mensch bekommen Sie Antworten!

Marie Gronwald

Blogger: Marie Gronwald
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Arbeit

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Die Weichen des Behindertensports von Sotschi bis Rio

Blogger: Michael Wahl, am 21.02.2014 um 08:55 Uhr

Interview mit Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), über Begeisterung für die Paralympics, Bedeutung des Breitensports und Inklusion im Sport.
 

Friedhelm Julius Beucher

DBS-Präsident Beucher: Inklusion wird zum Normalfall

Foto: DBS

Michael Wahl: Herr Beucher, Sport spielt in der heutigen Gesellschaft eine wichtige Rolle. Auch der Behindertensport wird immer populärer: Sotschi und Rio sind die beiden Happenings der nächsten Jahre. Was erwarten Sie von diesen Events? Sehen Sie noch weitere Highlights?

Friedhelm Julius Beucher: Die zunehmende Bewunderung und Begeisterung für den Behindertensport hat einen Grund: Bei den Paralympics werden von unseren Athletinnen und Athleten sensationelle Leistungen geboten, die teilweise akrobatisch sind und auch ästhetische Komponenten haben. Das Fernsehen hat das wachsende Interesse erkannt und sendet auch unsere Wettbewerbe in alle Welt. Die meisten Zuschauer staunen nicht nur über die Höchstleitungen, sondern bekommen auch ein Gefühl dafür, was Menschen mit Behinderung zu leisten imstande sind. Das gilt nicht nur für die Paralympics, sondern auch für alle anderen Wettkämpfe wie Welt-, Europa- und Deutsche Meisterschaften. Bald werden wir auch davon mehr zu sehen bekommen. Und dabei lernen, dass Menschen mit und ohne Behinderung gleichwertige Talente haben.

Der Behindertensport wird auch immer wieder wegen seiner inklusiven Wirkung hervorgehoben – zuletzt von Verena Bentele, der neuen Behindertenbeauftragten des Bundes. Wie genau wirkt der Behindertensport inklusiv, und gibt es vielleicht noch verborgene inklusive Potenziale, die uns in den nächsten Jahren überraschen könnten?

Je mehr ins Bewusstsein vordringt, was ich gerade sagte, nämlich dass Behinderte und Nichtbehinderte überall im Alltag gleich behandelt werden, desto mehr wird Inklusion zum Normalfall. Das geht langsam voran und nicht rasch genug. Aber allmählich wird der Begriff Inklusion erkannt und begriffen. Dazu hat die erfreuliche Ernennung einer unserer Spitzensportlerinnen, Verena Bentele, beigetragen. An ihr werden wir erleben, dass sie alles kann, was in diesem Amt erforderlich ist. Sie ist eben eine Langläuferin. Damit will ich sagen, dass der Behindertensport die beste Voraussetzung schafft, das praktische Leben zu meistern.

Behindertensport ist Teil unserer Lebensvielfalt

Neben dem Leistungssport spielt auch der Breitensport eine entscheidende Rolle für die Inklusion. Welche Aktivitäten für die Förderung des Breitensportes vor Ort in den Kommunen existieren bereits und welche sind geplant?

Sie haben ganz Recht: Bedeutender als der Spitzensport ist unser Breitensport. Er spielt sich oft im Verborgenen ab, und darum sind wir ständig damit beschäftigt, ihn in den Blickpunkt zu rücken. In der Kommunalpolitik wird an immer mehr Orten und immer öfter erkannt, dass Behindertensport kein Nothilfeprogramm für Randgruppen ist, sondern Teil unserer Lebensvielfalt. Allerdings müssen wir dauerhaft Einfluss nehmen, Forderungen stellen und Druck machen.

Sport von Menschen mit Behinderungen ist immer wieder faszinierend und vielfältig: Menschen im Rollstuhl spielen Rugby, Blinde spielen Fußball. Welche neuen Sportarten sehen Sie für Menschen mit Behinderungen in der Zukunft, und haben Sie eine Lieblingssportart?

Weil ich selbst begeisterter Skifahrer bin, kann ich besonders gut nachempfinden, was Menschen mit Handicaps im Skisport schaffen. Aber auch andere Sportarten wie Blindenfußball oder Rollstuhlbasketball faszinieren mich. Mit dem fortschreitenden Trend zu Fun-Sportarten werden diese auch für behinderte Menschen attraktiv.

Die Demografie macht natürlich auch vor dem Sport nicht Halt, und so gibt es auch immer mehr ältere Menschen mit Behinderungen. Welche sportlichen Angebote gibt es für ältere Menschen mit Behinderungen? Und welche Rolle spielt der Reha-Sport auch bei jüngeren Menschen mit Behinderungen?

Da sprechen Sie etwas an, was bei uns mehr und mehr in den Blickpunkt rückt. Auch Menschen, die sich beispielsweise nach Unfällen oder nach Operationen wieder fit machen wollen, und Frauen und Männer, die von Behinderungen bedroht sind, finden in unseren Vereinen reichlich Angebote. Und immer mehr ältere Menschen, die sich behindert fühlen, weil sie eben nicht mehr so leistungsfähig sind wie früher, schließen sich uns an. Für die Jüngeren haben wir die Deutsche Behindertensportjugend (DBJS), die deren besondere Interessen berücksichtigt.

Sportliche Leistungen von Menschen mit Behinderungen vergleichbar machen

Inklusion sollte, wann immer es möglich ist, auch umgekehrt funktionieren – der Sport ist da eine wunderbare Möglichkeit. Können Sie unseren Lesern Behindertensportangebote nennen, bei denen Menschen ohne Einschränkungen teilhaben können?

Ich nenne beispielhaft nur zwei: Beim Basketball können Menschen mit ohne Behinderung wunderbar zusammenspielen. Und haben Sie schon einmal den gemischten Tänzern und Tänzerinnen zugeschaut? Das ist pure Lebensfreude.

Aktuell durch den Fall des Weitspringers Matthias Rehm ist die Diskussion neu entbrannt, wo die Grenzen von Sportlern mit Behinderung liegen, wenn es darum geht, an Wettkämpfen von Athleten ohne Einschränkung teilzunehmen. Es scheint so, als gäbe es allgemein eine große Verunsicherung und wenig Klarheit in dieser Frage. Wie stehen Sie zu diesem Fall und den aktuellen Auseinandersetzungen mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband?

Matthias Rehm wird der erste Mensch sein, der mit einer Prothese über acht Meter weitspringen wird. Er könnte ohne Weiteres gegen nichtbehinderte Weitspringer antreten. Aber es gibt eine Menge zu klären, bis es soweit ist. Ich sage Ihnen nur eins: Es ist kein Vorteil, wenn jemand mit einem künstlichen Bein laufen oder springen muss! Das ist und bleibt immer ein schwerer körperlicher Nachteil. Wir werden ein Regelwerk finden, wie sich sportliche Leistungen von Menschen mit unterschiedlichen Graden von Behinderungen vergleichbar machen lassen. Auch dafür gilt, was wir am Anfang besprochen haben: Wir alle müssen lernen, nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten zu sehen.

Herzlichen Dank für Ihre Antworten und alles Gute für eine sportliche Zukunft.

Das Interview führte Michael Wahl am 17.02.2014


Linktipps:
Der Deutsche Behindertensportverband
Selbstbewusstsein durch Sport. Ein Blogbeitrag von Michael Herold über seine ganz eigenen Erfahrungen mit dem Thema Sport
„Mein Weg nach Olympia“. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über Nico von Glasows Film, der Sportlerinnen und Sportler auf ihrem Weg zu den Paralympics begleitet
Klischees wett kämpfen. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen über das gesteigerte mediale Interesse an den Paralympics und Klischees in der Berichterstattung

„Sport führt Menschen zusammen und überwindet Grenzen“: Aktion Mensch ist neuer Partner des Behindertensports

Michael Wahl

Blogger: Michael Wahl
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Freizeit, Sport

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Vorfreude auf Paralympics

Blogger: Josephine Thiel, am 20.02.2014 um 15:29 Uhr

Nico Messinger ist Biathlet – und Schüler. Wie der 19-Jährige beides vereinbart, erklärt er im Interview. Außerdem erzählt der Freiburger von seinem Traum, bei den nächsten Paralympics dabei zu sein.

Bald ist es soweit: Die 11. Winter-Paralympics in Sotschi starten am 7. März. Unsere Volontärin Josephine Thiel war beim Biathlon-Weltcup in Oberried. In drei Videos zeigt sie Ihnen – zur Vorfreude auf die Paralympics –, was sie dort erlebt hat und wen sie getroffen hat.

Zwei Paralympics-Teilnehmerinnen haben wir bereits vorgestellt: Die Langläuferinnen und Biathletinnen Andrea Eskau und Anja Wicker erzählten in unseren ersten beiden Videos, was der Sport ihnen bedeutet und was ihnen daran besonders viel Spaß macht. Übrigens: Beide nehmen in Sotschi an den Paralympics teil.

Im dritten und letzten Interview aus Oberried erklärt der 19-jährige Biathlet Nico Messinger aus Freiburg, wie er Schule und Sport miteinander vereinbart, und erzählt von seinem Traum, bei den nächsten Paralympics dabei zu sein.


Linktipps:
Gold im Visier – Interview mit Paralympics-Teilnehmerin Andrea Eskau
Ziel: Sotschi! – Interview mit Paralympics-Teilnehmerin Anja Wicker
Alle deutschen Paralympics-Nominierten 2014
„Mein Weg nach Olympia“. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über Nico von Glasows Film, der Sportlerinnen und Sportler auf ihrem Weg zu den Paralympics begleitet
Klischees wett kämpfen. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen über das gesteigerte mediale Interesse an den Paralympics und Klischees in der Berichterstattung

"Sport führt Menschen zusammen und überwindet Grenzen": Aktion Mensch ist neuer Partner des Behindertensports


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„Meine Mitarbeiterinnen unterstützen mich sehr“

Blogger: Ulrike Jansen, am 19.02.2014 um 10:06 Uhr

Der Aufschwung am Arbeitsmarkt geht an Menschen mit Behinderung vorbei. Zu diesem Ergebnis kam Prof. Bert Rürup, Präsident des Handelsblatt Research Institute, am Montagabend beim Runden Tisch der Aktion Mensch zum Thema Arbeit. Der Ex-Wirtschaftsweise stellte in Düsseldorf das Inklusionsbarometer zur Situation am Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung vor rund 180 Vertretern aus Wirtschaft, Sozialverbänden und Politik vor.

Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion sitzen in Sesseln auf der Bühne

Diskussionsrunde: „Arbeit hat zentrale Bedeutung“

Fotos: matzke-foto.de

„Arbeit hat zentrale Bedeutung für Menschen mit Behinderung“, sagt Prof. Bert Rürup. Dem konnten die meisten der zehn Teilnehmer der Diskussionsrunde an diesem Abend beipflichten. Das Berufsleben für Menschen mit Behinderung ist auf allen Ebenen aber immer noch kompliziert. Schon bei der Bewerbung können sie oft nicht mithalten, weil ihnen im Lebenslauf von Arbeitgebern erwartete Voraussetzungen oft fehlen: „Ein Auslandsaufenthalt ist eben nicht so einfach zu organisieren“, sagt Prof. Mathilde Niehaus von der Universität Köln. Deren Lehrstuhl hat für die Aktion Mensch eine Studie über die Berufschancen von Akademikern mit Behinderung durchgeführt, mit dem Ergebnis, dass diese auf dem ersten Arbeitsmarkt viel weniger Berücksichtigung finden als ihre Mitbewerber ohne Behinderung. Diese Erfahrung hat Torsten Prenner vom Arbeitgeberservice für schwerbehinderte Akademiker auch gemacht: „In den vergangenen drei Jahren zeigen die Zahlen einen deutlichen Anstieg arbeitsloser Akademiker mit Behinderung.“

„Mehr Selbstbewusstsein für die eigenen Stärken.“

Eine Gegenmaßnahme ist in den Augen von Petra Strack, Personalleiterin bei der Aktion Mensch, der Abbau von Bürokratie. Doch auch der Bewerber müsse sich entsprechend positionieren. Sie fordert daher: „Mehr Selbstbewusstsein für die eigenen Stärken.“

Das Portal MyHandicap bringt im Ausland bereits diese Stärken von Bewerbern mit den Anforderungen von Unternehmen zusammen. „Wir interessieren uns nicht für die Behinderung, sondern für die Fähigkeiten der Menschen“, sagt Dr. Albert Frieder von der Universität St. Gallen, zu der diese Plattform gehört. Wer Angestellte mit Behinderung hat und ihren Kompetenzen nach einsetzt, wird keinen Leistungsunterschied zu den anderen Mitarbeitern feststellen. Aynur Boldaz, die vor zehn Jahren das Reinigungsunternehmen Forever Clean ins Leben rief und inzwischen viele Frauen mit Migrationshintergrund und geistiger Behinderung einstellt, fasst die positiven Auswirkungen eines inklusiv denkenden Firmenchefs zusammen: „Meine Mitarbeiterinnen unterstützen mich sehr.“


Mehr zum Thema:
Das Inklusionsbarometer der Aktion Mensch zum Thema Arbeit von Menschen mit Behinderung (PDF-Datei)
Das Handlungsfeld "Am Arbeitsplatz" der Aktion Mensch
Pioniere des „Budget für Arbeit“ bauen berufliche Brücken. Ein Blogbeitrag von Michael Wahl über Fördermöglichkeiten für Arbeitnehmer mit Behinderungen auf dem ersten Arbeitsmarkt
Der Fall – oder: Wenn man uns ließe! Ein Blogbeitrag von Anastasia Umrik über Hürden und Pauschalisierungen bei der Jobsuche
„Wir haben einen Instrumentenkoffer“. Ein Interview im Blog von Bianca Pohlmann mit Monika Labruier, Fachfrau im Expertenforum zum Thema Arbeit und Behinderung, über Inklusion am Arbeitsplatz

Sie haben Fragen zum Thema Arbeit und Behinderung? Im Expertenforum des Familienratgebers der Aktion Mensch bekommen Sie Antworten!
 

Runder Tisch „Erfolgreich anders“

  • Bert Rürup mit einer Gebärdensprachdolmetscherin

    Prof. Bert Rürup stellt das Inklusionsbarometer Arbeit der Aktion Mensch vor

  • Viel Publikum bei der Podiumsdiskussion

    Großes Interesse an der Podiumsdiskussion

  • Ein Besucher der Veranstaltung mit einem Mikrofon in der Hand

    Das Publikum beteiligt sich an einer regen Debatte

Ulrike Jansen

Blogger: Ulrike Jansen
Schlagworte: Arbeit

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Demokratie in der WG

Blogger: Werner Grosch, am 18.02.2014 um 08:45 Uhr

Im Hamburger Schanzenviertel leben zehn junge Erwachsene mit Behinderung zusammen. Sie organisieren ihren Alltag selbst und genießen das Leben in einer pulsierenden Großstadt.

Drei WG-Mitbewohnerinnen unterhalten sich am Küchentisch

WG-Leben in Hamburg: In vollen Zügen genießen

Fotos: Thilo Schmülgen / Aktion Mensch

Demokratie ist anstrengend. Wer mal als Student in einer 3er- oder 4er-WG gewohnt hat, weiß das. Ob es funktioniert, entscheidet sich an den kleinen Dingen: Abwasch. Angesengte Kochtöpfe. Herumliegende Klamotten. Alle müssen sich an die Regeln halten. Und das zu zehnt? Muss sehr anstrengend sein.
Aber auch schön, wenn man den ersten Schritt in ein selbstständiges Leben macht. Für Studenten ist es dasselbe wie für die zehn jungen Leute, die sich in Hamburg eine Etage eines Mietshauses in einem sehr lebendigen Stadtviertel teilen. Sie haben unterschiedliche geistige und teils körperliche Behinderungen und haben fast alle vorher noch bei ihren Eltern gelebt. Und sie organisieren, mit ein bisschen Unterstützung von Betreuern, die Demokratie selbst.

Ältester Elternverein Deutschlands

Jeder hat hier seinen eigenen Mietvertrag, seinen eigenen Schlüssel. Der gewählte WG-Rat entscheidet, wann welche Party stattfindet. Er befindet mit darüber, welcher Bewerber oder Bewerberin neu einziehen darf. Und er vermittelt auch, wenn es Konflikte zwischen den Betreuern und einzelnen Bewohnern gibt.
Daniel Klein ist 24 und genießt das WG-Leben in vollen Zügen. Er arbeitet in einem Kopierladen, bewegt sich selbstständig durch die Stadt, und seine Freundin hat er auch noch hier gefunden. Er war 22, als er bei seinen Eltern ausgezogen ist. „Irgendwann fällt einem da die Decke auf den Kopf“, sagt er. „Ich kannte die Wohnschule von LMBHH, habe von der neuen WG gehört, und da kam die Idee auf, mich hier zu bewerben.“
LMBHH steht für „Leben mit Behinderung Hamburg“. Die Initiative ist der älteste von Eltern getragene Selbsthilfeverein Deutschlands, gegründet 1956. Zu Zeiten also, als Inklusion noch kein Wort war und Menschen mit geistiger Behinderung oft in großen Heimen hinter hohen Zäunen untergebracht wurden. Untergebracht. Auch in Hamburg gab es ein solches Heim mit mehr als 2.000 Bewohnern. Es existiert bis heute, wird aber nach und nach aufgelöst.

Die Geschmäcker sind verschieden ...

Heute gibt es mehr und mehr Wohnformen wie die WG im Schanzenviertel, verteilt über die ganze Stadt. Mitten im Leben. Natürlich hat nicht jeder Bewohner denselben Grad an Selbstständigkeit. Aber alle so viel, wie möglich ist. Die Betreuer sprechen von sich als Assistenten. Deutlicher kann ihre Rolle wohl nicht in einem Wort definiert sein.
Es gibt auf der großen Etage ein 3er-, zwei 2er- und drei Einzel-Apartments. Wenn Joey do Adro de Figueiredo in seinem Zimmer mal wieder Peter Maffay hört, dann freut sich Ernesto Schettler, dass mehrere Türen dazwischen sind. Er spielt Gitarre in einer Elektropop-Band und hat mit Maffay nicht viel am Hut. Florian Timm sagt zwar, dass ihn beides nervt, aber irgendwie lächelt er dabei. Er ist einer von zwei Rollstuhlfahrern in der WG und Anfang 2012 aus einem ländlich gelegenen Ort in Schleswig-Holstein hierher gezogen. „Ich wollte mal was anderes sehen und Action haben.“ Na, die hat er jetzt.


Linktipps:
Der Selbsthilfeverein „Leben mit Behinderung Hamburg“
Die Förderbroschüre „Gemeinsam wohnen“: Das Förderprogramm Wohnen der Aktion Mensch
Das Handlungsfeld „Inklusion leben: Zuhause“ der Aktion Mensch
Aber bitte mit Fahrstuhl! Ein Blogbeitrag von Katja Hanke über gelebte Inklusion in einer Berliner Wohngemeinschaft
Manchmal fehlt eben doch die Milch. Ein Blogbeitrag von Michael Wahl über die erste inklusive Wohngemeinschaft Ludwigshafens
Freiheit. Ein Blogbeitrag von Werner Grosch über elf Menschen mit Behinderung in einer bunten WG in Ennigerloh

Wohngemeinschaft im Schanzenviertel


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„Wir haben einen Instrumentenkoffer“

Blogger: Bianca Pohlmann, am 17.02.2014 um 11:51 Uhr

Beim Expertenforum des Familienratgebers der Aktion Mensch beantworten fünf Fachleute Fragen zum Thema Arbeit und Behinderung. Eine davon: Monika Labruier – hier im Interview über Inklusion am Arbeitsplatz.

Monika Labruier

Expertin Monika Labruier: „Es gibt da eine große Not“

Heute startet der Familienratgeber der Aktion Mensch für zwei Wochen ein Expertenforum, bei dem Nutzer fünf Fachleuten Fragen rund um das Thema Arbeit und Behinderung stellen können. Monika Labruier, Geschäftsführerin des Inklusionsdienstleisters Füngeling Router GmbH, steht schon zuvor Rede und Antwort. Mit ihr sprach Bianca Pohlmann.

Sie nennen sich Inklusionsdienstleisterin. Was genau kann man sich darunter vorstellen?
Monika Labruier: Inklusionsdienstleistung heißt für uns, dass wir Instrumente zur Qualifizierung von Menschen mit Behinderungen haben. Wir verfügen quasi über einen Instrumentenkoffer, den wir in die Betriebe mitnehmen. Gemeinsam mit interessierten Wirtschaftsunternehmen werden dann Qualifizierungs- und Arbeitsformen vor Ort identifiziert und aufgebaut, um Menschen mit Behinderung einen nachhaltigen Einstieg in die Arbeitswelt zu ermöglichen. Unsere Vision ist der Aufbau tragfähiger Win-Win-Situationen: Da gibt es einerseits Unternehmen, die Hände ringend nach verlässlichen Mitarbeitern suchen. Auf der anderen Seite gibt es viele junge Menschen mit Behinderung, die einen Einstieg ins Arbeitsleben wollen. Unser Ziel ist es, die Menschen in den Unternehmen zu unterstützen, bis sie in die Rolle als autonome Mitarbeiter hineingewachsen sind. Die Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt ist dann sozusagen die Kür der Integration.

„Bestehende Instrumente der Integration individualisieren“

Aus Ihrer täglichen Erfahrung in den Unternehmen: Welche Themen drängen bei der Inklusion am Arbeitsplatz am meisten?
Wenn wir Inklusion ernst nehmen, dann sollten wir bestehende Instrumente der Integration individualisieren. Wir sind leider noch nicht so weit, dass wir mit individualisierten Angeboten einfach in die Unternehmen gehen können, in denen Bedarf besteht. Vielmehr müssen mit Hilfe eines Trainings sowohl die Menschen mit Behinderung auf die Arbeit vorbereitet werden. Gleichermaßen müssen auch die Arbeitgeber auf die neue Situation vorbereitet werden. Das fängt schon im Bewerbungsverfahren an: Viele Ausschreibungen sind zu institutionell.

Aber es gibt auch Hemmschwellen in vielen Unternehmen ...
Die Hemmschwellen sind da, wenn die Firmen keine Angebote zur Unterstützung bekommen. Ein Beispiel: Wir haben einen Autisten, der in einem Unternehmen arbeitet. Er wird von einem Trainer begleitet. Das ist für ihn und für den Betrieb wichtig. Er arbeitet ohne Unterlass an seinen Aufträgen, würde einfach immer weiter durchmachen. Er kommuniziert nicht. Das würde natürlich langfristig zu Problemen mit den Kollegen führen. Unser Trainer zeigt ihm, wie er entschleunigen kann.

Beim Expertenforum der Aktion Mensch können sich Menschen mit Behinderung mit Fragen auch an Sie wenden. Wo, glauben Sie, besteht besonderer Beratungsbedarf und wo sind Wissensdefizite?
Ich erwarte vor allem Fragen von Betroffenen, die beispielsweise nicht in einer Werkstatt, sondern in einem Betrieb arbeiten wollen. Oder die qualifiziert sind, aber in der Arbeitswelt nicht ankommen. Es gibt da eine große Not, wir haben tägliche Anfragen. Wir erleben jetzt die erste Generation, die eine inklusive Schulbildung gemacht hat und diesen Weg konsequenterweise auch im Berufsleben weiter gehen will. Wo es zudem an Wissen mangelt, sind Themen wie Persönliches Budget und Reha-Maßnahmen. Auch zu diesen Punkten werden sicher Fragen kommen.

„Unternehmen wollen nicht mehr auf ihre inklusiven Arbeitsplätze verzichten“

Gibt es einen grundsätzlichen Tipp, den Sie beim Thema Inklusion am Arbeitsplatz geben können?
Das Problem in Deutschland ist, dass es oft länderspezifische Angebote gibt. Jedes Land entscheidet für sich, wie es Inklusion umsetzt, und das ist sehr unterschiedlich. Aber: Jeder Mensch mit Behinderung hat ein Recht auf einen inklusiven Arbeitsplatz. Ich kann den Menschen daher nur Mut machen, dass sie versuchen, ihr Recht durchzusetzen. In Köln ist unsere Firma beispielsweise als integrative Arbeitsüberlassung zugelassen, in anderen Bundesländern ist das kaum möglich. Das, was wir mit unserer Inklusionsdienstleistung vor Ort machen, könnte man aber auch im ganzen Land machen. Und zwar erfolgreich: In Köln gibt es 50 Unternehmen, die nicht mehr auf ihre inklusiven Arbeitsplätze verzichten wollen. Davon sind wir in ganz Deutschland noch weit entfernt.

Was erhoffen Sie sich von dem Expertenforum?
Dass möglichst viele Menschen einen fachlichen Background bekommen. Wenn ich die Möglichkeit habe, mir Wissen zu holen, ist das wichtig für die Inklusion. Dadurch, dass Wissensstände sich verändern, öffnet man die Tür immer ein bisschen mehr. Irgendwann ist sie dann so weit offen, dann kann man sie nicht mehr schließen.


Linktipps:
Sie haben Fragen zum Thema Arbeit und Behinderung? Im Expertenforum des Familienratgebers der Aktion Mensch bekommen Sie Antworten!
Das Handlungsfeld "Am Arbeitsplatz" der Aktion Mensch
Das Inklusionsbarometer der Aktion Mensch zum Thema Arbeit von Menschen mit Behinderung (PDF-Datei)
Der Fall – oder: Wenn man uns ließe! Ein Blogbeitrag von Anastasia Umrik über Hürden und Pauschalisierungen bei der Jobsuche
KOSmos: "Ein Schritt in die richtige Richtung". Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über ein Hamburger Projekt, das Menschen mit Behinderung bei der Jobsuche unterstützt
Pioniere des „Budget für Arbeit“ bauen berufliche Brücken. Ein Blogbeitrag von Michael Wahl über Fördermöglichkeiten für Arbeitnehmer mit Behinderungen auf dem ersten Arbeitsmarkt

Bianca Pohlmann

Blogger: Bianca Pohlmann
Schlagworte: Arbeit

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