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„Förderschulen dürfen nicht vorschnell geschlossen werden“

Blogger: Heiko Kunert, am 09.11.2013 um 08:54 Uhr

Interview mit Marianne Schardt, Mitglied des Bundesvorstands des Verbands Sonderpädagogik, über die Rolle der Sonderpädagogik in einem inklusiven Schulsystem

Marianne Schardt

Marianne Schardt

privat

Marianne Schardt (64) ist seit 1998 Schulleiterin einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Sie ist Mitglied des Bundesvorstands des Verbands Sonderpädagogik e. V. und dort zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Mit Heiko Kunert spricht sie über die Rolle der Sonderpädagogik in Zeiten der Inklusion.


Heiko Kunert: Sonderpädagogik und Inklusion scheinen einander zu widersprechen. Wie sehen Sie das?
Marianne Schardt: Sonderpädagogik und Inklusion bedingen einander in inklusiven Schulen. Um den Kindern mit Behinderungen eine optimale Förderung zukommen zu lassen, ist die Unterstützung durch Sonderpädagogen erforderlich. Denn nur so kann die Qualität des Unterrichts für diese Kinder erhalten bleiben.

Inklusion kein Sparmodell

Was halten Sie von schulischer Inklusion, und wie schätzen Sie die Umsetzung in Deutschland ein?
Schulische Inklusion ist voranzubringen und mit allen Mitteln zu unterstützen. Allerdings muss sorgfältig darauf geachtet werden, dass es kein Sparmodell ist. Gute inklusive Strukturen ermöglichen es allen Kindern – egal ob mit oder ohne Behinderung –, individuell und erfolgreich zu lernen. Leider rollt in Deutschland der Zug momentan häufig, ohne dass diese Strukturen im Vorfeld geschaffen wurden.

Woran mangelt es konkret?
Notwendig wären zum Beispiel eine fundierte Vorbereitung der Lehrerinnen und Lehrer in den Allgemeinen Schulen und gezielte Fortbildungen für die Arbeit in inklusiven Strukturen. Einige Stichworte hier lauten Teamteaching, Beratung, Classroom-Management und Förderplanarbeit. Der Unterricht muss sich so verändern, dass alle Kinder die Chance haben, nach ihren Möglichkeiten, Fähigkeiten und Fertigkeiten lernen zu können. Dies bedeutet, dass vermehrt offene differenzierende Unterrichtsmethoden eingesetzt werden müssen.

Viele Eltern wollen Förderschulen

Braucht es Ihrer Meinung nach Sonderschulen für Kinder mit Behinderung?
Wenn wir es ernst meinen mit dem Elternwillen, dann ist zu berücksichtigen, dass viele Eltern auch weiterhin für ihre Kinder Förderschulen einfordern. Auch in den Zeiten des Übergangs dürfen Förderschulen nicht vorschnell geschlossen werden, nur weil es finanzielle Vorteile bringt, sondern erst wenn die Allgemeine Schule in allen Belangen so aufgestellt ist, dass sie alle Aufgaben übernehmen kann, die bisher durch die Förderschulen geleistet wurden. Es wird immer Kinder geben, die aufgrund der Schwere ihrer Behinderung spezielle Angebote benötigen. Nicht zu vergessen ist, dass auch die Peergroup – das Zusammensein mit Kindern und Jugendlichen mit gleichem Handicap – oft eine wichtige Rolle spielt.

Welche Rolle sollte die Sonderpädagogik in einem inklusiven Schulsystem zukünftig spielen?
Sonderpädagogik in inklusiven Systemen sorgt für die notwendige Professionalität in der gemeinsamen Arbeit. Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen bringen ihr Wissen aus den Bereichen Diagnostik und Förderplanarbeit in die Zusammenarbeit ein, sie sind wichtige Partner, wenn es um die Beratung von Kindern und deren Eltern geht. Sie verstehen sich als zuständig für alle Kinder in der Klasse und unterrichten auch.


Linktipps:
Das Handlungsfeld "In der Schule" der Aktion Mensch
"Schule für alle gestalten": Das Praxisheft der Aktion Mensch für Lehrerinnen und Lehrer (PDF-Dokument)
Lehrer mit Hörbehinderung. Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über einen Sonderpädagogen mit Hörbehinderung
Die Sonderpädagogik in Zeiten der Inklusion. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über Chancen und Herausforderungen für Sonderpädagogen in der schulischen Inklusion
Inklusion – ein Lehrstück. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen mit persönlichen Erfahrungen und Überlegungen zur schulischen Inklusion

Heiko Kunert

Blogger: Heiko Kunert
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Bildung, Menschen mit Behinderung

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Jemand, der sich kümmert

Blogger: Eva Keller, am 07.11.2013 um 10:14 Uhr

Ausbildung und Arbeit für Menschen mit Behinderung

Diskutierende Menschen sitzen im Halbkreis auf einer Bühne

Podiumsdiskussion auf der Fachtagung „Inklusion – Perspektiven für Ausbildung und Arbeit“

Eugen Sommer / bbw Südhessen

Mit den „good practices“ ist es so eine Sache. Sie können ansteckend wirken. Sie können aber auch den Blick verstellen auf das, was ungenügend ist – so dass der Handlungsbedarf nicht (mehr) gesehen wird. Um konkret zu werden: Es ist toll zu hören, dass die Frankfurter Firma Main-IT nicht nur barrierefreie Software entwickelt, sondern auch von Menschen mit Behinderung programmieren lässt. Es stimmt optimistisch, dass die Firma Auticon die Stärken von Menschen mit Autismus erkennt und ihnen als Software-Tester reguläre Arbeit ermöglicht. Und es ist wunderbar, dass es Menschen wie den Berliner Malermeister Cemal Ates gibt, der einen engagierten, gehörlosen jungen Mann einstellt, ohne sich vorher viel Gedanken über die Verständigung im Berufsalltag zu machen – und dann für den Azubi alle Gegenstände in der Werkstatt beschriftet. „Von der Türzarge bis zum Fensterflügel – und sogar das Radio“, sagt er lachend.

Nur über die (wenigen) guten Beispiele zu reden, reicht nicht

Alle drei Firmen haben sich auf der Fachtagung „Inklusion – Perspektiven für Ausbildung und Arbeit“ des Berufsbildungswerks Südhessen vorgestellt, zu der am 30. Oktober 2013 gut 300 Teilnehmer von anderen Berufsbildungswerken, von Schulen und Beruflichen Schulen, von Werkstätten, Arbeitsagenturen und Jobcentern, Sozial- und Wirtschaftsverbänden gekommen waren. Und deren Motto war „Von den Besten lernen“.
Aber: Bei 1,5 Millionen Ausbildungsplätzen haben im Jahr 2010 nur 6.700 Jugendliche mit Schwerbehinderung eine reguläre Ausbildung im dualen System (also in Ausbildungsbetrieb und Berufsschule) absolviert. Das hält die BRK-Allianz in ihrem Bericht zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland fest. Seitdem dürften die Zahlen nicht explodiert sein. Und das heißt: Nur über die (wenigen) guten Beispiele zu reden, reicht nicht.

Es gibt noch viel zu tun

Der Nationale Aktionsplan, den die Bundesregierung 2011 verabschiedet hat, hat da die besten Absichten – und 32 Maßnahmen allein für den Bereich „Arbeit und Beschäftigung“. Die Initiative Inklusion will mit 100 Millionen Euro berufliche Orientierung und betriebliche Ausbildung erleichtern. Nur: Die allerwenigsten Unternehmen kommen auf die Idee, von sich aus auf Menschen mit Behinderung zuzugehen und eine „Maßnahme“ in Anspruch zu nehmen.
Und wenn sie es doch tun, lernen sie den Bürokratie-Dschungel fürchten – auch davon können die eingangs erwähnten Firmen Geschichten erzählen.
Kein Wunder also, dass viele Teilnehmer sich eine zentrale Anlaufstelle wünschten für Betriebe, die Menschen mit Behinderung ausbilden oder einstellen wollen. Eine Art „Kümmerer“, der in die Betriebe geht und Stellen sucht, der dort aufklärt über Rechte und Pflichten, über Barrieren und Chancen. Der am besten auch alle notwendigen Anträge ausfüllt, damit die Firmen ihren eigentlichen Geschäften nachgehen können ...

Zufälle sind nicht genug!

Damit es nicht länger von zufälligen Faktoren wie einem Vor-Ort-Modellprojekt zur Beschäftigung behinderter Menschen, von einem idealistischen Unternehmer oder einem engagierten Elternhaus abhängt, ob jemand in Ausbildung oder Job findet. Und damit die „guten Beispiele“ nicht mehr nur von Autisten oder Menschen mit Lernbehinderung handeln. Sondern auch von Leuten, die mehr Unterstützung brauchen, eine Assistenz am Arbeitsplatz zum Beispiel. Oder sehe nur ich sie nicht, solche „good practices“? Helft mir – wo sind sie?


Linktipps:
Mehr Infos zur Fachtagung „Inklusion – Perspektiven für Ausbildung und Arbeit. Von den Besten lernen“ des Berufsbildungswerks Südhessen am 30. Oktober 2013
Die Initiative Inklusion des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS)
Der Parallelbericht der BRK-Allianz zur Umsetzung der BRK-Konvention in Deutschland (Stand Januar 2013) mit Aussagen zu Arbeit und Beruflicher Bildung in Artikel 27
Das Handlungsfeld "Am Arbeitsplatz" der Aktion Mensch
Fachkräftemangel als Chance für Menschen mit Behinderung? Ein Blogbeitrag von Eva Keller über die Chancen von Menschen mit Behinderung im Handwerk
KOSmos: "Ein Schritt in die richtige Richtung". Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über ein Hamburger Projekt, das Menschen mit Behinderung bei der Jobsuche unterstützt

Eva Keller

Blogger: Eva Keller
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Arbeit

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"Ich hatte niemanden, den ich einfach fragen konnte"

Blogger: Henrik Flor, am 06.11.2013 um 11:10 Uhr

Die Initiative Arbeiterkind.de ermutigt Schüler aus Familien, in denen noch niemand studiert hat, an die Uni zu gehen und betreut Studierende auf dem Weg zum Abschluss. Jessica Matusall (22), die an der Uni Rostock Soziologie studiert, ist eine von rund 5.000 ehrenamtlichen Mentoren, die anderen Mut machen.

Gruppenbild des Teams Rostock

Das Arbeiterkind.de-Team in Rostock. In der hinteren Reihe, 2. v. l. Jessica Matusall

Was macht Ihr bei Arbeiterkind.de konkret?

Erst einmal sind wir Ansprechpartner für diejenigen Studierenden, die als erste in ihrer Familie ein Studium begonnen haben und jede Menge Fragen haben. Viele kontaktieren uns per E-Mail. Eine Studierende fragte beispielsweise gerade, welche Fördermöglichkeiten es durch Stipendien gibt. Zum Teil können wir direkt antworten, zum Teil fangen wir aber selbst an zu recherchieren und melden uns dann zurück. Oder eine Mutter meldete sich, welche Möglichkeiten ihr Sohn, der in die 9. Klasse geht, hat, noch auf ein Gymnasium zu wechseln. Manchmal vereinbaren wir auch individuelle Beratungstermine.

Was bietet Ihr darüber hinaus an?

Gerade sind wir dabei, ein so genanntes Basistraining, in Rostock bereits das zweite, zu organisieren. In dem eintägigen Workshop für Mentoren und Interessierte wird es darum gehen, was sich Arbeiterkind.de zum Ziel gesetzt hat, wie wir Arbeiterkind.de an Schulen präsentieren können, wie man vor Ort aktiv werden und sich einbringen kann. Im kommenden Jahr wollen wir verstärkt Schulen besuchen und dort Schüler motivieren, nach dem Abschluss ein Studium zu beginnen.

Wie seid Ihr organisiert?

Dreh- und Angelpunkt ist der Stammtisch, der jeden Monat in einem Raum stattfindet, den das Studentenwerk Rostock zur Verfügung stellt. Dort wird geplant, Aufgaben werden verteilt und auch neue Mitglieder begrüßt. Ich hatte mich bei meinem ersten Besuch im letzten Mai sofort wohl gefühlt – die Chemie hatte einfach gestimmt. Ansonsten gibt es noch ein Online-Netzwerk, über das man sich mit der eigenen Gruppe, aber auch mit denen aus anderen Städten deutschlandweit vernetzen kann. Jeder, auch Nichtstudierende wie Berufstätige, Dozenten, Eltern etc. können sich bei uns ehrenamtlich engagieren.

Wie sah Ihr Weg zu Arbeiterkind.de aus?

Ich bin tatsächlich die Erste in der Familie, die Abitur gemacht hat und jetzt auch studiert. Am Anfang hatte ich an der Uni ziemliche Schwierigkeiten, mich zu orientieren. Alles war neu und ich hatte niemanden, den ich einfach fragen konnte, wie es funktioniert. Im letzten Semester habe ich dann ganz zufällig von Arbeiterkind.de gehört und fand es sofort spannend. Es hat dann nicht lange gedauert, und ich bin zum Rostocker Stammtisch gegangen. Ein Schritt, den ich nie bereut habe - dazu macht das Ganze einfach zu viel Spaß.

http://netzwerk.arbeiterkind.de

Weitere Möglichkeiten zum Engagement finden Sie in der Freiwilligendatenbank.

Henrik Flor

Blogger: Henrik Flor
Kategorie: Freiwilliges Engagement
Schlagworte: Bildung

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Untertitel – ein unverzichtbares Element!

Blogger: Danny Canal, am 04.11.2013 um 09:08 Uhr

 

Ein Fernseher neben einer Badewanne, in der ein Mann liegt

Fernsehen in Deutschland: Eklatanter Mangel an Untertiteln

philflieger / flickr.com

Heutzutage, im Zeitalter der elektronischen Kommunikation, ist durch technische Mittel vieles möglich und einiges auch schon selbstverständlich: Fernsehen – manchmal auch mit Untertiteln; im Internet surfen – teilweise auch mit Hilfe von Texten in Leichter Sprache; Filme anschauen – zum Teil mit Untertiteln und hin und wieder auch Audiodeskription und vieles mehr. Für Jugendliche ist gerade auch das Internet oft schon so etwas wie eine „zweite Heimat“ – sie verbringen viele Stunden im Netz. Können Menschen mit Behinderungen das genauso erleben? Danny Canal berichtet hier aus eigener Perspektive über ein Thema, das ihm und anderen gehörlosen Menschen besonders am Herzen liegt: Untertitel.

Viele Versprechen, wenig Handlung

Gehörlose Menschen, Menschen mit Hörschädigung oder bestimmten anderen Einschränkungen brauchen Untertitel, um Filme verstehen oder Spiele nutzen zu können, da sie diese Angebote nicht akustisch, sondern mit anderen Sinnen wahrnehmen. Untertitel sind quasi ein Ersatz für den fehlenden Ton. Im deutschen Fernsehen hinkt die Untertitelung jedoch leider sehr hinterher: Nach Angaben von „Sign-Dialog“ (01/2013) liegt die Quote bei ungefähr 22,4 Prozent (öffentlich-rechtliche Sender) und schlappen 3,5 Prozent bei den Privatsendern. Seit 1. Januar 2013 müssen Menschen mit Hörschädigung auch GEZ-Gebühren zahlen. Für einen ermäßigten Beitrag von 5,99 Euro im Monat soll – im Gegenzug – die Untertitelung im Fernsehen ausgebaut werden. Theoretisch, denn bisher gibt es nur kleine positive Veränderungen bei einzelnen Sendern, aber leider längst nicht bei allen. Warum ist das so?

Auf europäischer Ebene haben sich viele Länder selbst eine Untertitelungsquote vorgenommen, die innerhalb eines bestimmten Zeitraums umgesetzt werden muss. So hat sich England verpflichtet, bis 2008 in 60 Prozent aller Sender Untertitel anzubieten. Der öffentliche Sender BBC ist komplett untertitelt. Der Vorreiter Frankreich hat es bis 2012 geschafft, sein komplettes Programm zu untertiteln. Und in Deutschland? Hierzulande heißt es seit 1. Juni 2009 im Rundfunkstaatsvertrag unter §3 Allgemeine Grundsätze: „(2) Die Anbieter nach Absatz 1 Satz 1 sollen über ihr bereits bestehendes Engagement hinaus im Rahmen ihrer technischen und finanziellen Möglichkeiten barrierefreie Angebote vermehrt aufnehmen.“
Es existieren leider noch immer keine verbindliche gesetzlichen Regelungen oder Verpflichtungen, in welchem Zeitraum welche Quoten im Bezug auf Untertitel im Fernsehen erreicht werden müssen. Was für ein Versäumnis!

Barrierefreier Zugang zu Bildung, Teilhabe und Informationen

Die Arbeitsgruppe „Sign-Dialog“ im Deutschen Gehörlosen-Bund fordert seit 2008 100 % Untertitel für alle Fernsehprogramme. Leitgedanke ist hier der barrierefreie Zugang zu Bildung, Teilhabe und die ungehinderte Versorgung mit Informationen. Die Forderung wird auch vom Deutschen Schwerhörigen Bund, der Deutschen Gesellschaft der Hörgeschädigten und vielen weiteren Verbänden unterstützt. Diese Thematik muss die Politik in der nächsten Zeit beschäftigen, da Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2009 ratifiziert und sich hierdurch verpflichtet hat, die praktische Umsetzung folgen zu lassen.

Wegen des eklatanten Mangels an Untertiteln weichen viele Filmliebhaber auf DVD oder BluRays aus: Diese Medien sind – bis auf Ausnahmen – mit Untertiteln in verschiedenen Sprachen versehen. Die Ausnahmen sind meistens deutschsprachige Filme, da die Filme aus Deutschland oft in andere Sprachen untertitelt werden, aber sehr oft fehlen bei deutschen Filmen deutsche Untertitel. Das dürfte sich bald ändern. Denn seit dem 1. Mai 2013 werden von der Filmförderungsanstalt (FFA) nur noch Filme gefördert, wenn sie Audiodeskription und Untertitel enthalten. Viele Unternehmen, wie Lovefilm von Amazon, bieten einen Video-on-Demand-Dienst (VoD) an. Das bedeutet, man kann die Filme direkt online per Stream schauen. Aber nun ratet mal, was hier wirklich fehlt?! Genau: die Untertitel. Das ist besonders ärgerlich, weil diese Untertitel auf DVD existieren.

Angebote, die die Barrierefreiheit für alle Menschen garantieren

Die meisten Menschen sind heute mobil unterwegs. Viele haben mobile Endgeräte wie Smartphones oder Tablets mit unzähligen Apps, die TV-Angebote live übertragen, Beispiele dafür sind die App Zattoo oder sogar die YouTube-App. Aber auch hier gilt: Untertitel? Fehlanzeige! Das ist aber das falsche Modell: Für eine wirklich inklusive Gesellschaft sollten Beiträge und Angebote gemacht werden, die die Barrierefreiheit für alle Menschen garantieren – und dabei niemanden vergessen.

Ein Positivbeispiel, wie das gelingen kann, kommt aus der Spiele-Industrie: Viele moderne Spiele verfügen über Untertitel beim Filmabspann oder wenn es Dialoge im Spiel gibt. Diese kann man oft sogar individuell ein- oder ausschalten. Der Einbau barrierefreier Untertitel gehört bei Spielen fast schon zur Selbstverständlichkeit. Das hat nicht nur für Menschen mit Einschränkungen Vorteile, sondern fördert auch den Absatz des Spiels, da es eine größere Zielgruppe anspricht. Warum gibt es diese Selbstverständlichkeit also nicht auch für Fernseh- und Filmangebote? Wieso hinken Stream-Dienste so hinterher?

Ich möchte die Leserinnen und Leser dieses Blogs und alle Menschen, die direkt oder indirekt betroffen sind, gerne auffordern, sich gemeinsam für Untertitel stark zu machen. Während die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ihrer Verpflichtung weitgehend nachkommen, lässt der Ausbau bei den Sparten- und Privatsendern sehr zu wünschen übrig. Es wird Zeit, dass sich die deutschen Politikerinnen und Politiker in der nächsten Legislaturperiode mit den entsprechenden Verbänden zusammensetzen, um ein Gesetz zu erarbeiten, das die hundertprozentige Untertitelung zur Pflicht macht. Gerade auch im Hinblick auf das Filmförderungsgesetz sollte festgelegt werden, dass Filme aus Deutschland nur in Kinos gezeigt oder als DVD bzw. BluRay verkauft werden dürfen, wenn sie vollständig untertitelt sind. Auch das ist gelebte Inklusion!


Für seine fachliche Unterstützung danken wir Bernd Schneider, Experte der Arbeitsgruppe Untertitel/Fernsehen bei der Deutschen Gesellschaft der Hörgeschädigten.


Linktipps:
Das Handlungsfeld "Inklusion leben: In der Freizeit" der Aktion Mensch
Hörfilme im TV: Teilhabe und Barrierefreiheit. Ein Plädoyer von Heiko Kunert für mehr Audiodeskription im deutschen Fernsehen
Kulturelle Teilhabe: Zum aktuellen Stand der Audiodeskription. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über Audiodeskription in TV, Kino, Oper und Theater

Danny Canal

Blogger: Danny Canal
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Freizeit, Barrierefreiheit

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Gewinnzahlen vom 3. November 2013 mit Jörg Pilawa

Blogger: Redaktion, am 03.11.2013 um 19:37 Uhr

Jörg Pilawa präsentiert die Gewinnzahlen der Aktion Mensch-Lotterie und stellt das Lese-Tast-Buch „Taststraße“ des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands in Berlin vor, das blinden Vorschulkindern ermöglicht, die Brailleschrift vor dem Schuleintritt kennen zu lernen.
Die Aktion Mensch bezuschusst die Neuauflage des Buches „Taststraße“ als Lehr- und Lernmaterial für blinde Vorschulkinder in Deutschland mit 82.407 Euro.


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Ehrenamtliche Helfer für taubblinde Menschen

Blogger: Henrik Flor, am 03.11.2013 um 10:14 Uhr

Für taubblinde Menschen ist die Teilhabe an der Gesellschaft besonders schwierig. Zwei Organisationen in Bayern bilden Ehrenamtliche aus, die hörsehbehinderte Menschen im Alltag begleiten. Ende November startet die nächste Ausbildungsrunde.

Plakat, das zur Demonstration in Berlin aufruft

Am 4. Oktober 2013 fand in Berlin die weltweit erste Demonstration von taubblinden Menschen statt. Ihre Forderung: ein eigenes Merkzeichen im Schwerbehindertenausweis, das ihren besonderen Bedarf an Unterstützung dokumentiert und aus dem sich konkrete Ansprüche ableiten. Klar ist, dass Menschen, die weder sehen noch hören können, umfassende Assistenzleistungen benötigen, die ihnen bisher verwehrt bleiben. Die Protestierenden zogen mit symbolischen Eisenkugeln am Bein vom Reichstag zum Potsdamer Platz, um einer breiten Öffentlichkeit klar zu machen, dass ihr Leben ohne die wichtige Unterstützung einer Isolationshaft gleichkomme.

Neben dem gesetzlich verankerten Anspruch auf Unterstützung brauchen taubblinde Menschen – etwa für Arztbesuche, Einkäufe oder den Zugang zu verschiedenen Informationsquellen – Unterstützung im Alltag. In München und Nürnberg packen zwei Organisationen die Herausforderung ganz praktisch an, indem sie Freiwillige qualifizieren. Einen guten Einstieg bietet der Kurs des Fachdienstes ITM (Integration taubblinder und hörsehbehinderter Menschen in Bayern) in München. Die dreitägige Schulung umfasst die Einordnung der unterschiedlichen Behinderungsbilder, Blindentechniken und Wegbegleitung, Kommunikationsformen, praktische Übungen und den Erfahrungsaustausch mit Assistentinnen. Der nächste Einführungskurs geht vom 29.11. bis 1.12., ist kostenlos und qualifiziert zu kleineren Unterstützungsleistungen im Alltag.

Eine intensivere Fortbildung bietet GIB-BLWG in Nürnberg an. Freiwillige können sich berufsbegleitend zum Taubblindenassistenten qualifizieren. Hier geht es dann beispielsweise um den Erwerb und die Verfeinerung spezieller Kommunikationsformen wie die taktile Gebärdensprache, Lormen oder taktiles Fingeralphabet sowie Fertigkeiten zum sicheren Führen von taubblinden Menschen.

Mehr Informationen:

http://www.fachdienst-itm.de

http://www.giby.de/angebot/ausbildung/zum-taubblindenassistenten

Weitere Engagement-Möglichkeiten finden Sie in der Freiwilligendatenbank.

Henrik Flor

Blogger: Henrik Flor
Kategorie: Freiwilliges Engagement
Schlagworte: Selbstbestimmt Leben

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