Aktion Mensch-Blog

Artikel in der Kategorie

"Ich hatte niemanden, den ich einfach fragen konnte"

Blogger: Henrik Flor, am 06.11.2013 um 11:10 Uhr

Die Initiative Arbeiterkind.de ermutigt Schüler aus Familien, in denen noch niemand studiert hat, an die Uni zu gehen und betreut Studierende auf dem Weg zum Abschluss. Jessica Matusall (22), die an der Uni Rostock Soziologie studiert, ist eine von rund 5.000 ehrenamtlichen Mentoren, die anderen Mut machen.

Gruppenbild des Teams Rostock

Das Arbeiterkind.de-Team in Rostock. In der hinteren Reihe, 2. v. l. Jessica Matusall

Was macht Ihr bei Arbeiterkind.de konkret?

Erst einmal sind wir Ansprechpartner für diejenigen Studierenden, die als erste in ihrer Familie ein Studium begonnen haben und jede Menge Fragen haben. Viele kontaktieren uns per E-Mail. Eine Studierende fragte beispielsweise gerade, welche Fördermöglichkeiten es durch Stipendien gibt. Zum Teil können wir direkt antworten, zum Teil fangen wir aber selbst an zu recherchieren und melden uns dann zurück. Oder eine Mutter meldete sich, welche Möglichkeiten ihr Sohn, der in die 9. Klasse geht, hat, noch auf ein Gymnasium zu wechseln. Manchmal vereinbaren wir auch individuelle Beratungstermine.

Was bietet Ihr darüber hinaus an?

Gerade sind wir dabei, ein so genanntes Basistraining, in Rostock bereits das zweite, zu organisieren. In dem eintägigen Workshop für Mentoren und Interessierte wird es darum gehen, was sich Arbeiterkind.de zum Ziel gesetzt hat, wie wir Arbeiterkind.de an Schulen präsentieren können, wie man vor Ort aktiv werden und sich einbringen kann. Im kommenden Jahr wollen wir verstärkt Schulen besuchen und dort Schüler motivieren, nach dem Abschluss ein Studium zu beginnen.

Wie seid Ihr organisiert?

Dreh- und Angelpunkt ist der Stammtisch, der jeden Monat in einem Raum stattfindet, den das Studentenwerk Rostock zur Verfügung stellt. Dort wird geplant, Aufgaben werden verteilt und auch neue Mitglieder begrüßt. Ich hatte mich bei meinem ersten Besuch im letzten Mai sofort wohl gefühlt – die Chemie hatte einfach gestimmt. Ansonsten gibt es noch ein Online-Netzwerk, über das man sich mit der eigenen Gruppe, aber auch mit denen aus anderen Städten deutschlandweit vernetzen kann. Jeder, auch Nichtstudierende wie Berufstätige, Dozenten, Eltern etc. können sich bei uns ehrenamtlich engagieren.

Wie sah Ihr Weg zu Arbeiterkind.de aus?

Ich bin tatsächlich die Erste in der Familie, die Abitur gemacht hat und jetzt auch studiert. Am Anfang hatte ich an der Uni ziemliche Schwierigkeiten, mich zu orientieren. Alles war neu und ich hatte niemanden, den ich einfach fragen konnte, wie es funktioniert. Im letzten Semester habe ich dann ganz zufällig von Arbeiterkind.de gehört und fand es sofort spannend. Es hat dann nicht lange gedauert, und ich bin zum Rostocker Stammtisch gegangen. Ein Schritt, den ich nie bereut habe - dazu macht das Ganze einfach zu viel Spaß.

http://netzwerk.arbeiterkind.de

Weitere Möglichkeiten zum Engagement finden Sie in der Freiwilligendatenbank.

Henrik Flor

Blogger: Henrik Flor
Kategorie: Freiwilliges Engagement
Schlagworte: Bildung

Kommentar schreiben

Untertitel – ein unverzichtbares Element!

Blogger: Danny Canal, am 04.11.2013 um 09:08 Uhr

 

Ein Fernseher neben einer Badewanne, in der ein Mann liegt

Fernsehen in Deutschland: Eklatanter Mangel an Untertiteln

philflieger / flickr.com

Heutzutage, im Zeitalter der elektronischen Kommunikation, ist durch technische Mittel vieles möglich und einiges auch schon selbstverständlich: Fernsehen – manchmal auch mit Untertiteln; im Internet surfen – teilweise auch mit Hilfe von Texten in Leichter Sprache; Filme anschauen – zum Teil mit Untertiteln und hin und wieder auch Audiodeskription und vieles mehr. Für Jugendliche ist gerade auch das Internet oft schon so etwas wie eine „zweite Heimat“ – sie verbringen viele Stunden im Netz. Können Menschen mit Behinderungen das genauso erleben? Danny Canal berichtet hier aus eigener Perspektive über ein Thema, das ihm und anderen gehörlosen Menschen besonders am Herzen liegt: Untertitel.

Viele Versprechen, wenig Handlung

Gehörlose Menschen, Menschen mit Hörschädigung oder bestimmten anderen Einschränkungen brauchen Untertitel, um Filme verstehen oder Spiele nutzen zu können, da sie diese Angebote nicht akustisch, sondern mit anderen Sinnen wahrnehmen. Untertitel sind quasi ein Ersatz für den fehlenden Ton. Im deutschen Fernsehen hinkt die Untertitelung jedoch leider sehr hinterher: Nach Angaben von „Sign-Dialog“ (01/2013) liegt die Quote bei ungefähr 22,4 Prozent (öffentlich-rechtliche Sender) und schlappen 3,5 Prozent bei den Privatsendern. Seit 1. Januar 2013 müssen Menschen mit Hörschädigung auch GEZ-Gebühren zahlen. Für einen ermäßigten Beitrag von 5,99 Euro im Monat soll – im Gegenzug – die Untertitelung im Fernsehen ausgebaut werden. Theoretisch, denn bisher gibt es nur kleine positive Veränderungen bei einzelnen Sendern, aber leider längst nicht bei allen. Warum ist das so?

Auf europäischer Ebene haben sich viele Länder selbst eine Untertitelungsquote vorgenommen, die innerhalb eines bestimmten Zeitraums umgesetzt werden muss. So hat sich England verpflichtet, bis 2008 in 60 Prozent aller Sender Untertitel anzubieten. Der öffentliche Sender BBC ist komplett untertitelt. Der Vorreiter Frankreich hat es bis 2012 geschafft, sein komplettes Programm zu untertiteln. Und in Deutschland? Hierzulande heißt es seit 1. Juni 2009 im Rundfunkstaatsvertrag unter §3 Allgemeine Grundsätze: „(2) Die Anbieter nach Absatz 1 Satz 1 sollen über ihr bereits bestehendes Engagement hinaus im Rahmen ihrer technischen und finanziellen Möglichkeiten barrierefreie Angebote vermehrt aufnehmen.“
Es existieren leider noch immer keine verbindliche gesetzlichen Regelungen oder Verpflichtungen, in welchem Zeitraum welche Quoten im Bezug auf Untertitel im Fernsehen erreicht werden müssen. Was für ein Versäumnis!

Barrierefreier Zugang zu Bildung, Teilhabe und Informationen

Die Arbeitsgruppe „Sign-Dialog“ im Deutschen Gehörlosen-Bund fordert seit 2008 100 % Untertitel für alle Fernsehprogramme. Leitgedanke ist hier der barrierefreie Zugang zu Bildung, Teilhabe und die ungehinderte Versorgung mit Informationen. Die Forderung wird auch vom Deutschen Schwerhörigen Bund, der Deutschen Gesellschaft der Hörgeschädigten und vielen weiteren Verbänden unterstützt. Diese Thematik muss die Politik in der nächsten Zeit beschäftigen, da Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2009 ratifiziert und sich hierdurch verpflichtet hat, die praktische Umsetzung folgen zu lassen.

Wegen des eklatanten Mangels an Untertiteln weichen viele Filmliebhaber auf DVD oder BluRays aus: Diese Medien sind – bis auf Ausnahmen – mit Untertiteln in verschiedenen Sprachen versehen. Die Ausnahmen sind meistens deutschsprachige Filme, da die Filme aus Deutschland oft in andere Sprachen untertitelt werden, aber sehr oft fehlen bei deutschen Filmen deutsche Untertitel. Das dürfte sich bald ändern. Denn seit dem 1. Mai 2013 werden von der Filmförderungsanstalt (FFA) nur noch Filme gefördert, wenn sie Audiodeskription und Untertitel enthalten. Viele Unternehmen, wie Lovefilm von Amazon, bieten einen Video-on-Demand-Dienst (VoD) an. Das bedeutet, man kann die Filme direkt online per Stream schauen. Aber nun ratet mal, was hier wirklich fehlt?! Genau: die Untertitel. Das ist besonders ärgerlich, weil diese Untertitel auf DVD existieren.

Angebote, die die Barrierefreiheit für alle Menschen garantieren

Die meisten Menschen sind heute mobil unterwegs. Viele haben mobile Endgeräte wie Smartphones oder Tablets mit unzähligen Apps, die TV-Angebote live übertragen, Beispiele dafür sind die App Zattoo oder sogar die YouTube-App. Aber auch hier gilt: Untertitel? Fehlanzeige! Das ist aber das falsche Modell: Für eine wirklich inklusive Gesellschaft sollten Beiträge und Angebote gemacht werden, die die Barrierefreiheit für alle Menschen garantieren – und dabei niemanden vergessen.

Ein Positivbeispiel, wie das gelingen kann, kommt aus der Spiele-Industrie: Viele moderne Spiele verfügen über Untertitel beim Filmabspann oder wenn es Dialoge im Spiel gibt. Diese kann man oft sogar individuell ein- oder ausschalten. Der Einbau barrierefreier Untertitel gehört bei Spielen fast schon zur Selbstverständlichkeit. Das hat nicht nur für Menschen mit Einschränkungen Vorteile, sondern fördert auch den Absatz des Spiels, da es eine größere Zielgruppe anspricht. Warum gibt es diese Selbstverständlichkeit also nicht auch für Fernseh- und Filmangebote? Wieso hinken Stream-Dienste so hinterher?

Ich möchte die Leserinnen und Leser dieses Blogs und alle Menschen, die direkt oder indirekt betroffen sind, gerne auffordern, sich gemeinsam für Untertitel stark zu machen. Während die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ihrer Verpflichtung weitgehend nachkommen, lässt der Ausbau bei den Sparten- und Privatsendern sehr zu wünschen übrig. Es wird Zeit, dass sich die deutschen Politikerinnen und Politiker in der nächsten Legislaturperiode mit den entsprechenden Verbänden zusammensetzen, um ein Gesetz zu erarbeiten, das die hundertprozentige Untertitelung zur Pflicht macht. Gerade auch im Hinblick auf das Filmförderungsgesetz sollte festgelegt werden, dass Filme aus Deutschland nur in Kinos gezeigt oder als DVD bzw. BluRay verkauft werden dürfen, wenn sie vollständig untertitelt sind. Auch das ist gelebte Inklusion!


Für seine fachliche Unterstützung danken wir Bernd Schneider, Experte der Arbeitsgruppe Untertitel/Fernsehen bei der Deutschen Gesellschaft der Hörgeschädigten.


Linktipps:
Das Handlungsfeld "Inklusion leben: In der Freizeit" der Aktion Mensch
Hörfilme im TV: Teilhabe und Barrierefreiheit. Ein Plädoyer von Heiko Kunert für mehr Audiodeskription im deutschen Fernsehen
Kulturelle Teilhabe: Zum aktuellen Stand der Audiodeskription. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über Audiodeskription in TV, Kino, Oper und Theater

Danny Canal

Blogger: Danny Canal
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Freizeit, Barrierefreiheit

Kommentar schreiben

Gewinnzahlen vom 3. November 2013 mit Jörg Pilawa

Blogger: Redaktion, am 03.11.2013 um 19:37 Uhr

Jörg Pilawa präsentiert die Gewinnzahlen der Aktion Mensch-Lotterie und stellt das Lese-Tast-Buch „Taststraße“ des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands in Berlin vor, das blinden Vorschulkindern ermöglicht, die Brailleschrift vor dem Schuleintritt kennen zu lernen.
Die Aktion Mensch bezuschusst die Neuauflage des Buches „Taststraße“ als Lehr- und Lernmaterial für blinde Vorschulkinder in Deutschland mit 82.407 Euro.


Kommentar schreiben

Ehrenamtliche Helfer für taubblinde Menschen

Blogger: Henrik Flor, am 03.11.2013 um 10:14 Uhr

Für taubblinde Menschen ist die Teilhabe an der Gesellschaft besonders schwierig. Zwei Organisationen in Bayern bilden Ehrenamtliche aus, die hörsehbehinderte Menschen im Alltag begleiten. Ende November startet die nächste Ausbildungsrunde.

Plakat, das zur Demonstration in Berlin aufruft

Am 4. Oktober 2013 fand in Berlin die weltweit erste Demonstration von taubblinden Menschen statt. Ihre Forderung: ein eigenes Merkzeichen im Schwerbehindertenausweis, das ihren besonderen Bedarf an Unterstützung dokumentiert und aus dem sich konkrete Ansprüche ableiten. Klar ist, dass Menschen, die weder sehen noch hören können, umfassende Assistenzleistungen benötigen, die ihnen bisher verwehrt bleiben. Die Protestierenden zogen mit symbolischen Eisenkugeln am Bein vom Reichstag zum Potsdamer Platz, um einer breiten Öffentlichkeit klar zu machen, dass ihr Leben ohne die wichtige Unterstützung einer Isolationshaft gleichkomme.

Neben dem gesetzlich verankerten Anspruch auf Unterstützung brauchen taubblinde Menschen – etwa für Arztbesuche, Einkäufe oder den Zugang zu verschiedenen Informationsquellen – Unterstützung im Alltag. In München und Nürnberg packen zwei Organisationen die Herausforderung ganz praktisch an, indem sie Freiwillige qualifizieren. Einen guten Einstieg bietet der Kurs des Fachdienstes ITM (Integration taubblinder und hörsehbehinderter Menschen in Bayern) in München. Die dreitägige Schulung umfasst die Einordnung der unterschiedlichen Behinderungsbilder, Blindentechniken und Wegbegleitung, Kommunikationsformen, praktische Übungen und den Erfahrungsaustausch mit Assistentinnen. Der nächste Einführungskurs geht vom 29.11. bis 1.12., ist kostenlos und qualifiziert zu kleineren Unterstützungsleistungen im Alltag.

Eine intensivere Fortbildung bietet GIB-BLWG in Nürnberg an. Freiwillige können sich berufsbegleitend zum Taubblindenassistenten qualifizieren. Hier geht es dann beispielsweise um den Erwerb und die Verfeinerung spezieller Kommunikationsformen wie die taktile Gebärdensprache, Lormen oder taktiles Fingeralphabet sowie Fertigkeiten zum sicheren Führen von taubblinden Menschen.

Mehr Informationen:

http://www.fachdienst-itm.de

http://www.giby.de/angebot/ausbildung/zum-taubblindenassistenten

Weitere Engagement-Möglichkeiten finden Sie in der Freiwilligendatenbank.

Henrik Flor

Blogger: Henrik Flor
Kategorie: Freiwilliges Engagement
Schlagworte: Selbstbestimmt Leben

Kommentar schreiben

„Aber bitte kein Behindertenhaus!“

Blogger: Ulrich Steilen, am 02.11.2013 um 09:03 Uhr

Interview mit der Architektin Ursula Fuss

Ursula Fuss

Architektin Ursula Fuss: Wohnsituationen schaffen, in denen alle gerne wohnen

Das Thema Barrierefreiheit gewinnt in vielen Lebensbereichen an Bedeutung. Auch in der Architektur. Barrierefreie Gebäude und Wohnungen? Viele Menschen denken da zunächst an Rollstuhl-Rampen, breite Türen, Badewannengriffe und Treppenlifte. Aber lässt sich Barrierefreiheit auch mit modernem Design verbinden? Und wie sollen Gebäude und Wohnungen aussehen, in denen Menschen mit und ohne Behinderung zusammenleben können? Ich habe mit der Architektin Ursula Fuss gesprochen, die barrierefreie Bauten plant und als Beraterin tätig ist.


Frau Fuss, welche Bedeutung hat die Barrierefreiheit gegenwärtig in der Architektur?
Ursula Fuss: Ich höre von Kollegen immer wieder Aussagen wie: „Wir wollen aber kein Behindertenhaus!“ oder: „Aber jetzt bitte nicht alles altersgerecht bauen!“. Das zeigt, dass es immer noch eine große Unsicherheit und Angst gegenüber diesem Thema gibt. Man verbindet es automatisch mit unattraktiven Räumen und vergisst dabei, dass wir Architekten selbst daran schuld sind, dass sie unattraktiv sind.

Also liegt der „Schwarze Peter“ bei den Architekten?
Ich habe bei der Beratung von Planern festgestellt, dass einerseits das notwendige Wissen fehlt und andererseits die nötige Sensibilität. Wir haben es in Architektur und Barrierefreiheit mit Menschen zu tun. In meinen Vorträgen bringe ich gerne den Vergleich mit Schraubverschlüssen von Sprudelflaschen. Diese kann man normieren. Menschen nicht. Deshalb muss man in der Barrierefreiheit sehr genau hinschauen und herausfinden, welche Unterstützung eine gewisse Person braucht. Zunächst sollte man allerdings aus Respekt vor der Person betrachten, was sie kann und wie man sie darin unterstützen kann.

Reichen die vorhandenen DIN-Vorschriften für barrierefreies Bauen denn nicht aus?
Die DIN-Vorschrift ist einfach nur ein Maß, in das fast niemand reinpasst. Oft wird gesagt und auch gefordert: „Barrierefrei ist nur, was der DIN entspricht.“ Das ist Unsinn! Die DIN wird uns als Dogma eingetrichtert. Stattdessen sollte man lieber die Bereitschaft aufbringen, Neues auszuprobieren.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Die Architektur ist ein weites Feld. Bei meinen Studenten bringe ich gerne das Beispiel vom Sitzen: Zum Sitzen haben wir die unterschiedlichsten Dinge entwickelt, vom gewöhnlichen Stuhl, über den Hocker und den Chefsessel bis hin zum Rollstuhl. Tausende Varianten von Stühlen haben außerdem noch einmal Millionen von individuellen Designangeboten. Das kommt daher, dass wir wissen, was Sitzen bedeutet. In der Barrierefreiheit fehlt dieses Wissen. Es geht darum, eine Architektur zu entwickeln, die in der Lage ist, echte Barrierefreiheit herzustellen.

Wie kann das erreicht werden?
Es muss eine öffentliche Diskussion darüber stattfinden, wo die tatsächlichen Bedürfnisse liegen. Außerdem müsste das Thema an den Hochschulen, dort wo die jungen Architekten ausgebildet werden, viel stärker in den Vordergrund rücken. Das passiert aber nicht. Vielmehr wird oft gesagt: „Das mit der Barrierefreiheit können wir hinterher regeln.“

Wie sieht es mit den Kosten aus? Ist barrierefreies Bauen teurer als konventionelles Bauen?
Nein. Wenn Barrierefreiheit von vornherein mitgedacht wird und die Funktionen und Funktionsflächen sinnvoll angeordnet werden, dann ist das barrierefreie Bauen kostenneutral. Ich brauche dann nämlich keine Mehrflächen. Ein Badezimmer, das so groß wie ein Tanzsaal, aber trotzdem unpraktisch ist, nützt niemandem.

Beim Thema „Wohnen und Inklusion“ geht der Trend hin zu kleineren Wohneinheiten, in denen Menschen mit und ohne Behinderung zusammenleben. Welchen Beitrag kann hier die Architektur leisten?
Ich habe ein kleines Problem damit, wenn man sagt „Wir planen jetzt eine inklusive Wohngemeinschaft.“ Ich finde es sehr gut, wenn Menschen mit und ohne Behinderung zusammenleben wollen. Aber das Wichtige dabei ist, jedem Bewohner so viel Freiraum zu lassen, dass er oder sie sich nicht eingeengt fühlt. Wenn man als Planer die räumlichen Voraussetzungen zur Begegnung schafft, muss man auch die Weite anbieten, sich zurückziehen zu können. Wir sollten versuchen, Wohnsituationen zu schaffen, in denen alle gerne wohnen, ganz egal, ob mit geistiger, körperlicher oder ohne Behinderung. Und dazu gehört insbesondere auch die Möglichkeit, selbstbestimmt zu entscheiden, ob man sich jetzt gerade unter Leute mischen oder lieber alleine sein möchte. Wenn dies gelingt, braucht man das Etikett „Inklusion“ nicht unbedingt. Inklusion ergibt sich nämlich dann ganz automatisch und selbstverständlich.

Richten wir abschließend den Blick nach vorne. Haben Sie eine Vision für Architektur und Barrierefreiheit in der Zukunft?
Unser Ziel sollte es sein, immer mehr positive Beispiele für barrierefreies Bauen zu schaffen. Das Thema muss in den Vordergrund rücken, so dass die Vielfalt der Barrierefreiheit aufscheinen kann. Durch den Blick auf diese positiven Beispiele wird sich dann immer mehr verändern. Meine Hoffnung dabei ist, dass die Planer von Gebäuden die Angst vor der Beratung verlieren und nicht länger denken: „Ja, ja, Barrierefreiheit und DIN, das sind ja die kleinsten Probleme, das lösen wir am Ende.“


Ursula Fuss, 54, ist freie Architektin und unterhält in Frankfurt am Main ein Architekturbüro. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehört die Planung und Entwicklung barrierefreier Gebäude. Außerdem unterrichtet sie an der Technischen Universität Darmstadt Studenten zu diesem Thema. Seit einem Unfall 1993 ist sie querschnittsgelähmt. Mehr Informationen auf ihrer Internetseite www.con-fuss.de.


Linktipps:
Einführung in die barrierefreie Architektur von Raul Krauthausen und dem Architekten André Burkhardt auf wheelmap.org
Infos zum barrierefreien Bauen bei nullbarriere.de
Mehr zum Thema barrierefreies Wohnen beim Familienratgeber
Barrierefreies Wohnen in Perfektion. Ein Blogbeitrag von Eva Keller über neue Technik für barrierefreies Wohnen
Spielend barrierefrei bauen. Ein Blogbeitrag von Christian Schmitz über VAALIDATE, ein Simulationsprogramm zum Testen von Barrierefreiheit in der Architektur

Ulrich Steilen

Blogger: Ulrich Steilen
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Wohnen, Barrierefreiheit

Kommentar schreiben

Bekannt wie ein bunter Hocker

Blogger: Werner Grosch, am 31.10.2013 um 09:07 Uhr

In der Hamburger Jarrestadt entsteht Kunst von Menschen mit erworbenen Hirnschäden. Das Atelier ist zu einem für alle offenen Treffpunkt im Viertel geworden.

Matthias Wolters und Karen Marquardt im Atelier

Matthias Wolters und Karen Marquardt vom Treffpunkt Jarrestadt: „Jetzt kennt uns hier jeder“

Fotos: Werner Grosch

Nach „Behindertenwerkstatt“ sieht es hier nicht aus. Und genau das soll es auch nicht. Das große Türschild verweist auf die Kunst, die hier gemacht wird, in den Fenstern sind einige Werke zu sehen, die Tür steht weit offen. Der Treffpunkt Jarrestadt, in Nachbarstadt zur bekannten Kulturfabrik Kampnagel im Hamburger Stadtteil Winterhude, lädt jede und jeden ein. Auch wenn sich das Angebot gezielt an Menschen mit erworbenen Hirnschäden richtet.

Im Viertel bekannt und akzeptiert

Das Atelier bietet seit drei Jahren Workshops an, bei denen Hocker kunstvoll bezogen, Bilder gemalt und gedruckt oder Batiken hergestellt werden. Menschen, die durch eine Hirnschädigung aus ihrem früheren Leben gerissen wurden, sollen hier eine Möglichkeit finden, über kreatives Arbeiten wieder aktiv zu werden und Kontakte zu knüpfen. Und dafür ist es wichtig, im Viertel bekannt zu sein.

„Wir haben im Juni ein Straßenfest veranstaltet, das hat es hier in der Jarrestraße noch nie gegeben. Die Vereine in der Nähe haben uns gesagt, das klappt nie, ihr übernehmt euch. Es hat geklappt, um die 7.500 Leute waren da, und jetzt kennt uns hier jeder“, erzählt Kunsttherapeut Matthias Wolters. Das führt auch dazu, dass die Klienten der Werkstatt in der Umgebung akzeptiert sind. Ist jemand orientierungslos, wird jetzt der Treffpunkt angerufen, nicht mehr die Polizei. Eine ältere Frau aus der Nachbarschaft kommt regelmäßig vorbei, um mit einem der Klienten spazieren zu gehen. „Sie trinken dann zusammen einen Kaffee, und beide freuen sich über den Kontakt“, erzählt Wolters.

„Wir wollen als Bereicherung wahrgenommen werden!“

Der Standort an der lebendigen Jarrestraße ist bewusst gewählt. Viele Einrichtungen der evangelischen Assistenz Alsterdorf, die auch den Treffpunkt trägt, wurden in den vergangenen Jahren in der Stadt verteilt. „Auf dem Zentralgelände lebten früher tausende Menschen, total abgeschottet, von einem Zaun umgeben. Das war eine richtige Anstalt“, erzählt die Grafikerin und Heilerzieherin Karen Marquardt, die zusammen mit Wolters den Treffpunkt leitet. Heute, sagt sie, leben nur noch etwa 250 Menschen dort, und das Gelände ist offen – nach beiden Seiten.

Das Ziel dieser Dezentralisierung ist klar: „In den Stadtteilen soll die Basis für Inklusion geschaffen werden“, erklärt Wolters. Er will aber noch mehr als Akzeptanz: „Wir wollen als Bereicherung wahrgenommen werden!“ Dieser Idee dienen auch die Kunstwerke und Designobjekte, die hier entstehen. Zum Beispiel die eigenwilligen Hocker, die in Zukunft auch mit einem Katalog und im Internet vermarktet werden sollen. Außerdem bietet der Treffpunkt Jarrestadt Hausmeisterdienste und Computerservice an. Alles, um das Image von Menschen mit Behinderung zu verschieben. Weg von der Einschränkung, hin zu den Fähigkeiten.


Linktipps:
Anerkennung von Kunst von Menschen mit Behinderung wächst. Ein Interview im Blog von Werner Grosch mit Jutta Schubert vom Verein EUCREA, der Künstler mit Behinderung fördert
Kann Kunst die Gesellschaft verändern? Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über den Dokumentarfilm „Insider Art – Aus Liebe zur Kunst“
„Ich sehe was, was du nicht siehst“. Ein Blogbeitrag von Ulli Steilen über eine Kölner Ausstellung von Künstlern mit und ohne Behinderung
Ein Auftrag der besonderen Art. Ein Blogbeitrag von Eva Keller über die Künstler des „Atelier Goldstein“
Die Förderprogramme der Aktion Mensch

Kreative Jarrestadt

  • Ein Hocker, mit Samtstoff bezogen und einer kleinen Engelsfigur geschmückt

    Gemälde und kunstvoll bezogene Hocker

  • Ein Hocker, mit Kunstrasen bezogen, in dem ein halber Fußballschuh steckt

    Tolles Design

  • Matthias Wolters und Karen Marquardt im Atelier

    Matthias Wolters und Karen Marquardt im Atelier der Jarrestadt


Kommentar schreiben