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Fußball mit Perspektive

Blogger: Christian Schmitz, am 25.01.2014 um 09:08 Uhr

Beim Streetsoccer-Projekt „Hattrick“ in Oberhausen lernen Kinder und Jugendliche kulturelle Vielfalt schätzen

Ein Fußballrasen, im Hintergrund verschwommen erkennbar einige Fußballspieler

Streetsoccer in Oberhausen: Total fußballbegeistert

Tobi Grimm / pixelio.de

Der klassische Bolzplatz hat ausgedient, selbst im Ruhrgebiet. Dort, wo sich der Legende nach einst das Spitzenpersonal der großen Revierclubs erste Meriten mit dem runden Leder verdiente, werden heute Wohnhäuser oder Einkaufszentren gebaut. So auch in Oberhausen. „Das führt zu Streit mit der Nachbarschaft wegen des Lärms“, weiß Michaela Leyendecker, Sozialarbeiterin und Gemeindepädagogin der Christuskirchengemeinde in Oberhausen-Mitte.

Spaß am Spiel

„Und wenn dort Kinder und Jugendliche spielen, es das oft genug kein Miteinander.“ Je nach Herkunft und sozialer Hierarchie blieben die Mädchen und Jungen unter sich. Da die Fußballbegeisterung zwischen Ruhr und Emscher aber nach wie vor riesengroß ist, ging Michaela Leyendecker neue Wege. Mit ihrem Streetsoccer-Projekt „Hattrick“ holen Leyendecker und zwei Mitstreiter die Kinder und Jugendlichen wortwörtlich auf den verbliebenen Plätzen und Freiflächen im Oberhausener Zentrum ab und lotsen sie auf die Wiese hinter der Markuskirche, wo zwei Tore zur bewegungs- und aktionsreichen Freizeitgestaltung einladen.

Seit letztem Sommer lädt Leyendeckers Mitstreiter Denis Kun dort mittwochs und freitags zum offenen Kicken ein. „Ich würde das wohl kaum machen, wenn ich nicht selbst total fußballbegeistert wäre“, erzählt der Student. Anfangs sei er tatsächlich über die Plätze und Schulhöfe gezogen und habe die Jungs dort einfach angesprochen. Dann „setzte die Mund-zu-Mund-Propaganda ein“. Jetzt kommen regelmäßig bis zu 15 Jungs zwischen neun und 14 Jahren. „Das sind jetzt alles keine Asse, von denen spielt keiner im Verein. Wir haben einfach alle Spaß am Spiel.“ Soviel Spaß, dass auch jetzt im Winter, wo nach dem Vorbild der Profis eigentlich Pause sein sollte, durchgespielt wird.

Kindern und Jugendlichen neue Perspektiven eröffnen

Und ganz nebenbei lernen sich ganz unterschiedliche Kinder und Jugendliche gegenseitig kennen, lernen kulturelle Vielfalt schätzen und geben im besten Fall offene oder latente Vorbehalte auf. Und wiederum ganz nebenbei „führen wir unsere Fußballer auch an andere Angebote der Kinder- und Jugendarbeit auch nichtkirchlicher Träger in Oberhausen heran“, erklärt Michaela Leyendecker. Selbst wenn auf der Wiese hinter der Markuskirche keine neuen Legenden des Fußballs im Ruhrgebiet geboren werden, ist das Streetsoccer-Projekt „Hattrick“ schon jetzt ein Erfolg und ein Freizeitangebot, das neben Spiel und Spaß den teilnehmenden Kindern und Jugendlichen neue Perspektiven eröffnet.

Das Streetsoccer-Projekt „Hattrick“ wird von der Aktion Mensch mit 4.000 Euro unterstützt. Weitere Infos gibt es bei der Gemeindepädagogin der Christuskirchengemeinde in Oberhausen, Michaela Leyendecker, unter Tel: 0208-860578 oder per Mail unter Markuskirche@gmx.de.


Linktipps:
Inklusion in Reinkultur. Ein Blogbeitrag von Christian Schmitz über ein inklusives Sportprojekt in Kiel
Rudernd übers Land. Ein Blogbeitrag von Cornelia Heller über „Street Rowing“, ein mobiles Sportprojekt für Kinder und Jugendliche

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Man wünscht sich eine Schublade

Blogger: Werner Grosch, am 24.01.2014 um 08:52 Uhr

In einem Saarbrücker Haus leben Studierende und Menschen mit Behinderung zusammen. Eine WG wie tausend andere – und doch wie keine.

Lachende Mitbewohner in der Küche der Wohngemeinschaft

Inklusive WG in Saarbrücken: Laut, chaotisch, bunt

Aktion Mensch / Thilo Schmülgen

„Was wir hier machen, fällt aus jeder Schublade“, sagt Ilse Blug. Man schaut sich um, hört den Trubel, sieht die lachenden Gesichter und denkt: Ja, leider.
In Saarbrücken gibt es eine von ganz wenigen integrativen WGs für Studierende und Menschen mit Behinderung. Gegründet hat sie der Verein Miteinander Leben Lernen (MLL), der seit 30 Jahren existiert und ein Zusammenschluss von Eltern und Pädagogen ist. Hier leben fünf Studentinnen und Studenten zusammen mit fünf Menschen im gleichen Alter, die eine geistige und teils auch körperliche Behinderung haben. Die Studierenden zahlen nur die Nebenkosten für ihr Zimmer und übernehmen dafür Dienste wie Kochen oder Freizeitbegleitung.

Betreuung – in beide Richtungen

Wie das funktioniert? Wie in jeder WG mit zehn Leuten Anfang zwanzig. Laut, chaotisch, bunt. Für die fachliche Betreuung und Pflege der Bewohner mit Behinderung sorgt ein professionelles Team. Die WG bewohnt ein ganzes Haus mitten in Saarbrücken. „Mehr Zentrum, mehr Studentenviertel geht nicht“, sagt Myriam Helminger, die seit April 2013 hier wohnt. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass das Leben in der WG anstrengend sein kann. Aber dass sie selbst viel öfter aufgefangen, getröstet wird als umgekehrt. Unterstützung, Betreuung? Ja, in beide Richtungen.

Es gibt noch zwei, drei vergleichbare Einrichtungen in Deutschland. Aufgebaut von Initiativen, die das Problem mit der Schublade nicht scheuen. Denn das bedeutet: Es ist schwer, die Finanzierung zu stemmen, die Regularien einzuhalten, weil die deutschen Gesetze und Verordnungen immer noch zu sehr auf Heimbetreuung ausgerichtet sind. An ein Modell wie dieses, das Inklusion zur Normalität macht, hat dabei niemand gedacht. Mit Hilfe der Aktion Mensch konnte MLL den notwendigen Aufzug und den Umbau der Küche finanzieren.

Eigene Probleme relativieren

Wer in die große Küche kommt, erlebt nichts anderes. Normalität. Der eine muss lernen, der andere drängt: Lass uns doch lieber ins Kino gehen. Studentenleben, nur angereichert um eine lebenswichtige Erfahrung, die Student Max Friedrich beschreibt: „Ich frage mich manchmal, wo ich mehr lerne: im Studium oder hier.“ Lernen, die eigenen Probleme richtig einzuordnen, relativieren zu können.

Der Verein MLL wünscht sich sehr, dass sein Modell nachgeahmt wird. Das aber setzt einiges voraus, sagt Ilse Blug: „Man muss immer wieder die Balance suchen zwischen Selbstbestimmung und Sicherheit. Und die Eltern müssen bereit sein, viel Verantwortung abzugeben.“ Dazu kommen halt noch die Probleme mit den Regularien, die vielleicht bald ein bundesweites Teilhabegesetz lösen wird. Dann könnte jeder Mensch mit Behinderung so weit wie möglich seine Lebensform selbst bestimmen und hätte dafür ein eigenes Budget. Das wäre dann endlich die passende Schublade.


Linktipps:
Mehr Infos beim Verein Miteinander Leben Lernen in Saabrücken
Das Handlungsfeld „Inklusion leben: Zuhause“ der Aktion Mensch
Die Förderbroschüre „Gemeinsam wohnen“: Das Förderprogramm Wohnen der Aktion Mensch
Aber bitte mit Fahrstuhl! Ein Blogbeitrag von Katja Hanke über gelebte Inklusion in einer Berliner Wohngemeinschaft
Manchmal fehlt eben doch die Milch. Ein Blogbeitrag von Michael Wahl über die erste inklusive Wohngemeinschaft Ludwigshafens
Inklusion im Passivhaus. Ein Blogbeitrag von Carmen Molitor über drei junge Menschen mit und ohne Behinderung in einer inklusiven WG in Freiburg


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Rudernd übers Land

Blogger: Cornelia Heller, am 23.01.2014 um 09:14 Uhr

"Street Rowing – Bewegung statt Gewalt" ist ein mobiles Sportprojekt für Kinder und Jugendliche mit großem Spaß- und Bewegungsfaktor.

Jugendliche rudern auf Ergometern

Landesjugendleiter Schindler mit Jugendlichen beim Training

Aktion Mensch / Matthias Piekacz

Tosender Applaus braust in der großen Halle auf, als der Wettkampf vorüber ist. Tabea Kuhnert hat den Ausscheid in ihrer Altersklasse gewonnen. Schwer atmend stützt sie die Hände auf ihre Knie. Aber sie lächelt. Sie ist die erste Siegerin der 1. Landesmeisterschaften Sachsen-Anhalt im Ergometerrudern, die am 18. Januar 2014 im Magdeburger Olympiastützpunkt stattfand. Die Wittenbergerin ist vierzehn Jahre alt und rudert schon ihr halbes Leben auf der Elbe. Aber Rudern an Land? Nicht ungewöhnlich: "Das Ruderergometer ist unser Trainingsgerät für die Wintersaison oder wenn draußen schlechtes Wetter ist." Acht solcher Ergometer sind in der Mitte der Sporthalle aufgebaut worden. Sie gehören zu einem mobilen Projekt, das die Sportart Rudern ans Land und die Kids von der Straße holt – und allen zugänglich ist, ob gesund oder mit körperlichen Einschränkungen: "Street Rowing", zu Deutsch: Straßenrudern.

Neue Möglichkeiten, Sport und Jugend zueinander zu bringen

Kräftiger und schneller als bei den Mädchen setzten die Ruderzüge bei den acht 14-jährigen Jungen des nächsten Ausscheids ein. Insgesamt haben sich rund 100 Teilnehmer der Ruderjugend Sachsen-Anhalt für den Start angemeldet. Eltern, Geschwister, Freunde begleiten sie und feuern sie an. Im Ruderergometer sitzt der Sportler wie im Boot auf einem Rollsitz. Statt den Griffen der Ruderblätter hält er einen Querholm in den Händen, der über eine Kette mit einem am Fußende vertikal montierten Schwungrad verbunden ist. Ähnlich wie bei einer Salatschleuder treibt der Ruderer mit jedem Zug das Rad an, das den Wasserwiderstand simuliert. Der erste Teil des Zugs erfolgt aus den Beinen heraus, indem sich der Ruderer mit den Füßen von einem Stemmbrett abdrückt, bis die Beine gestreckt sind. Im zweiten Teil kommt der Zug aus Armen und Oberkörper. Beim Vorrollen für den nächsten Zug läuft die Kette im Leerlauf zurück. Und so geht es vor und zurück. Immer wieder. Schlag auf Schlag. Wie bei einem Fahrradergometer zeigt dabei ein kleiner Computerbildschirm an, wie schnell man rudert und welche Distanz man schon zurückgelegt hat.

"Die letzten Meter", hallt es aus den Lautsprechern. Auf einer Leinwand kann das Publikum den Stand des Rennens mitverfolgen. Elektromusik unterlegt die Szenerie. Das kleine weiße Boot mit der Nummer vier liegt mit gutem Vorsprung vorn, Platz zwei und drei sind eng umkämpft. Die Stimmung peitscht hoch – bis nach 1.000 gemessenen Metern tatsächlich Boot vier als erstes die imaginäre Ziellinie erreicht. Heimsieg für den Ruderjungen vom SC Magdeburg.

"Alles begann vor zehn, vielleicht schon zwölf Jahren", erinnert sich Klaus Schindler von der Ruderjugend Sachsen-Anhalt, ein großer, ruhiger Mann mit Präsenz in der Halle. Er war früher selbst Leistungssportler, später Trainer. Heute ist er ehrenamtlich Landesjugendleiter und beruflich Erzieher in einem Kinderheim. "Ich war immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, Sport und Jugend zueinander zu bringen. So entstand 'Street Rowing'." Es ist ein mobiles Projekt mit großem Spaß- und Bewegungsfaktor.

Überschüssige Energie oder Aggressionen beim Sport abbauen

Unter dem Motto "Bewegung statt Gewalt" fährt seither ein Team von gegenwärtig vier Ehrenamtlichen mit den Ruderergometern übers Land. Man will Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 27 Jahren dort erreichen, wo es kaum Klubs oder Ähnliches gibt. "Es ist prinzipiell besser, wenn sie überschüssige Energie oder Aggressionen beim Sport abbauen als unkontrolliert auf der Straße", sagt Schindler. Dass der Rudersport dadurch eine größere Bekanntheit erfährt, ist ein positiver Nebeneffekt.

Ein weiterer Wettkampf ist gerade vorbei. Zwei Mädchen umarmen die Teilnehmerin, die als Letzte ins Ziel kam. Sie stützen sie, lachen und trösten. Hier ist Mitmachen alles. So auch bei Fritz Filipski, einem kleineren Jungen mit fröhlichen Augen. Auch er hat in seiner Altersklasse 14 nur den letzten Platz belegt. Traurig? "Ich hatte mir zumindest den 4. Platz gewünscht. Aber man darf nicht aufgeben." Dem Schüler geht es beim Sport um mehr als allein Leistung: "Wenn ich einen schlechten Tag in der Schule hatte, powere ich mich beim Rudern aus. Und dann kann ich neu in den nächsten Tag starten."

Für Klaus Schindler ist es eine "Ehre und Herausforderung", dass der Ruderverband Sachsen-Anhalt auf die Ruderjugend und das Projekt "Street Rowing" zugekommen ist, um die Landesmeisterschaften technisch abzusichern. Es spräche für die unkomplizierte und mobile Facette des Projekts. Zunehmend fände es Beachtung. Bis zu 30 Schulen, Jugendklubs und Vereine erreicht man gegenwärtig pro Jahr im ganzen Land an. Nächste Station wird eine Schule in Weißenfels sein. Danach werden die Straßenruderer in Bitterfeld und in Barleben bei Magdeburg erwartet.

Das Projekt "Street Rowing – Bewegung statt Gewalt" der Ruderjugend Sachsen-Anhalt wurde im Rahmen der Aktion Mensch-Förderaktion "Miteinander gestalten" mit 4.000 Euro finanziert.


Linktipps:
Mehr Informationen zum Projekt "Street Rowing – Bewegung statt Gewalt" der Ruderjugend Sachsen-Anhalt
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Street Rowing

  • Klaus Schindler
    Aktion Mensch / Matthias Piekacz

    Landesjugendleiter Klaus Schindler

  • Jugendlicher beim Rudern am Ergometer
    Aktion Mensch / Matthias Piekacz
  • Klaus Schindler mit Jugendlichen beim Rudern am Ergometer
    Aktion Mensch / Matthias Piekacz

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Wahrnehmungswelten blinder Menschen

Blogger: Heiko Kunert, am 21.01.2014 um 08:57 Uhr

Interview mit Andreas Brüning, dem Initiator des Projekts „Biografie-Paten“

Andreas Brüning

„Biografie-Paten“-Initiator Brüning: Brücken bauen

Foto: Jutta Heinze

Andreas Brüning ist sehbehindert. Dass damit im Alltag Hürden verbunden sind, ist jedem klar; wie diese jedoch aussehen und wie genau ein Leben mit anderen Sinnesorganen als den Augen wahrgenommen wird, davon haben viele nur eine diffuse Vorstellung. Das möchte Brüning ändern und hat in diesem Zusammenhang das Mikroprojekt „Biografie-Paten“ ins Leben gerufen. Mit dem Schibri-Verlag möchte er zusammen mit erfahrenen Autorinnen und Autoren die Tür zur Wahrnehmungswelt sehbehinderter und blinder Menschen öffnen. Mit Heiko Kunert sprach er über sein Projekt.


Heiko Kunert: Im Projekt Biografie-Paten bringst Du blinde, sehbehinderte und sehende Menschen zusammen. Was genau sind die Biografie-Paten?

Andreas Brüning: Die Biografie-Paten sind blinde oder sehbehinderte Menschen, die sich dazu bereit erklären, Aspekte ihrer Lebensgeschichte mit uns zu teilen. Sie führen mit den in der Regel sehenden Autorinnen und Autoren biographische Interviews, die diese dann in Literatur verwandeln und die Figur des realen Biografie-Paten als Ausgangspunkt nehmen. Wir haben uns dazu entschieden, die Biografie-Gebenden als „Biografie-Paten“ zu bezeichnen, um sie in den Mittelpunkt zu stellen. Denn sie helfen uns, Brücken zu bauen zwischen zwei verschiedenen Wahrnehmungswelten.

Was ist die Motivation der blinden und sehbehinderten Paten und der sehenden Autoren?

Was tut ein blinder Mensch, wenn er einen Raum betritt? Wie orientiert er sich? Wie nimmt er Kontakt auf?
Viele können sich von der Situation und der Wahrnehmungswelt blinder und sehbehinderter Menschen kein Bild machen. Dabei haben gerade diese Menschen oftmals eine spannende Geschichte zu erzählen. Durch unser Projekt sollen blinde und sehbehinderte Menschen ihre eigene Lebenssituation reflektieren, sich selbst besser erkennen und Vergangenes aufarbeiten. Durch die biografischen und literarischen Texte lassen sie nicht nur die sehende Öffentlichkeit an ihrer Welt teilhaben, sondern erlernen auch neue Kompetenzen, die ihnen Anerkennung und Selbstbewusstsein bringen. So wird ein oft wenig wahrgenommener Teil unserer Gesellschaft in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt und Vorurteile, Ausgrenzungstendenzen und Berührungsängste werden nachhaltig abgebaut. Die Autorinnen und Autoren können neue Perspektiven auf die Welt entdecken, für die meisten ist es eine Herausforderung sich beim Schreiben von ihrer visuellen Wahrnehmungswelt zu verabschieden und neue Wege zu finden, sich im fiktiven Raum zu orientieren. Im Pilotprojekt empfanden viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer das als eine bereichernde Erfahrung.

Literatur für neue Perspektiven

Was geschrieben wird, soll auch immer jemand lesen. An wen richten sich die Texte, die Ihr veröffentlicht, und wo kann man sie überhaupt lesen?

Das Projekt soll eine breite literarisch interessierte Öffentlichkeit erreichen, aber auch die blinden und sehbehinderten Menschen selbst, die aktiv an dem Projekt teilnehmen können, sowie Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die neue Perspektiven kennen lernen möchten. Alle Informationen sind auch auf dem Blog „Biografie-Paten“ zu finden. Die neun entstandenen Kurzgeschichten und Erzählungen werden auf großen und kleinen Lesebühnen in Berlin weiter vorgetragen. Darüber hinaus wird das Buch „Literatur aus dem Dunkeln“ zum Projekt im Februar 2014 erscheinen.

Im Herbst habt Ihr auch Lesungen veranstaltet. Wo fanden diese statt und wie war die Resonanz?

Auf die Lesungen „Literatur aus dem Dunkeln“ haben wir derart positive Resonanz bekommen, dass wir beschlossen haben, das Projekt auf eine höhere Ebene zu heben und berlinweit bzw. bundesweit durchzuführen. Zur Premiere lasen Larissa Boehning, Elisabetta Abbondanza und Daniela Preiß für ca. 50 Gäste im Kulturcafé des Nachbarschaftsheims Schöneberg. Davor fand ein philosophisches Café statt, in dem Lutz von Werder mit den anwesenden Biografie-Paten und Autorinnen und Autoren über die Philosophie der Biographie reflektierte. Die zweite Lesung fand mit ca. 70 Gästen in der ufa-Fabrik statt, dieses Mal mit Jutta Heinze, Michaela Gericke und Birgit Schönberger. Im Anschluss fand eine moderierte Fragerunde statt, in der sich die Autorinnen, Autoren und Biografie-Paten vorstellten sowie die Entstehung der Kurzgeschichten und Erzählungen kommentierten. Die nächste Lesung findet am 14. Februar 2014 in der Buchhandlung Thaer in Berlin statt.

Hinter dem Projekt steht der Schibri-Verlag. Magst Du uns ein bisschen über diesen Verlag erzählen?

Eine zentrale Säule des Schibri-Verlags ist das kreative Schreiben. In diesen Bereich passt auch das Biografie-Paten-Projekt hinein. Der Schibri-Verlag ist ein Fachverlag für Theaterpädagogik, Kreatives Schreiben und praktische Philosophie. Er verlegt Bücher in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg Vorpommern. Die Weiterentwicklung von Literatur, Kultur und Wissenschaft im Nordosten der Bundesrepublik Deutschland bildet einen Schwerpunkt in den Verlagspublikationen.

Bundesweite Ausweitung des Biografie-Paten-Projekts geplant

Du bist durch eine Weiterbildung zum PR-Juniorberater zum Schibri-Verlag gekommen. Was ist das für eine Ausbildung?

Die Frankfurter Stiftung für blinde und Sehbehinderte bildet seit 1995 blinde und sehbehinderte PR-Schaffende aus. Das Ausbildungskonzept hat sich bewährt. Es öffnete bereits etwa 50 blinden und sehbehinderten Medienschaffenden die Tür zu einer neuen beruflichen Perspektive. PR-Juniorberater und -beraterinnen schreiben Pressetexte, Reportagen oder bearbeiten Interviews. Ihre Beiträge werden dann weiter in die sozialen Netzwerke, Presseagenturen und die Redaktionen von Rundfunk und Printmedien gereicht. Der Schibri-Verlag hat mir in Berlin einen Volontariatsplatz zur Verfügung gestellt, um das Biografie-Paten-Projekt ins Leben zu rufen.

Deine Ausbildung geht ihrem Ende entgegen. Wie geht es danach mit den Biografie-Paten und Dir weiter?

Natürlich werde ich das Biografie-Paten-Projekt weiter entwickeln. Es ist mein inklusives Literaturprojekt-Baby. In den Bereichen biografisches und kreatives Schreiben sowie der Zeitzeugenarbeit sehe ich ein weiteres Feld der Betätigung für mich. In den nächsten Monaten geht es um die Netzwerkbildung. Gemeinsam mit dem Institut für kreatives Schreiben e.V. in Berlin sowie Behinderten-, Blinden- und Sehbehinderten-Organisationen möchte ich ein berlinweites bzw. bundesweites Biografie-Paten-Projekt initiieren.


Über Andreas Brüning:

Brüning ist Ideengeber des inklusiven Literaturprojektes Biografie-Paten. Seit seiner Geburt ist er sehbehindert. Sein Erst-Studium schloss er im Bereich der Sozialpädagogik/Sozialarbeit ab. Des Weiteren hält er einen Master in Wissenschaftsmarketing in Händen. Ab Februar 2014 wird er zudem PR-Juniorberater sein. Er hat Berufserfahrung im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an einer Hochschule sammeln können. Seit 1993 ist er als Anleiter für biografische und kreative Schreibgruppen tätig sowie freiberuflich als Erwachsenenbildner im Bereich Autogenes Training sowie achtsamkeitsbasiertes Coaching und Training.


Linktipps:
Das Literaturprojekt „Biografie-Paten“
Die andere Weltsicht – Blinde in der Literatur. Ein Feature im Deutschlandradio Kultur
Welten entdecken – warum blinde Menschen gerne lesen. Ein Blogbeitrag von Domingos de Oliveira über Bücher für Blinde
Blindheit in den Medien: Die blinde Liebe. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über die Darstellung von Blindheit in Literatur und Film

Heiko Kunert

Blogger: Heiko Kunert
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Menschen mit Behinderung, Kultur

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Inklusion und Mode: Mehr Mut bitte

Blogger: Anastasia Umrik, am 20.01.2014 um 17:30 Uhr

Die Berliner Fashion Week 2014 habe ich täglich verfolgt, stündlich, im Minutentakt: So viel Inspiration, so viel Neues! Ich wäre gern dort gewesen. Als Bloggerin – oder als Designerin.

Models mit und ohne Rollstuhl auf dem Laufsteg

Projekt "anderStark": Zeichen in der Modewelt

Fotos: Fatih Doganer

Mindestens einmal im Monat kaufe ich eine dieser langweiligen Frauenzeitschriften, in denen seit Jahren das Gleiche steht. Nur die angesagten Farben der Saison, die Namen der Designermusen und die Skandale der Stars variieren, aber auch das irgendwie nicht auffällig genug. Und ja, ich lese täglich Fashion-Blogs und durchstöbere viele Onlineshops. Immer bin ich auf der Suche nach etwas ... Etwas, das mich begeistert und meinen Geschmack (über-)trifft. Etwas, das mich von dem trüben Wetter ablenkt. Schon sehr früh entwickelte ich meine Leidenschaft für Mode, für Farben, für außergewöhnliches Design. Ich genieße es, wenn man zu mir sagt: „Wow, schön! Ist das Kleid neu?“ Ja, ist es. Und ich bin pleite. Aber ich liebe diesen neuen Fummel!

Models mit Behinderung – leider Fehlanzeige

Manchmal, wenn ich arbeite, läuft nebenbei auf „arte“ eine Modenschau. Davon lasse ich mich inspirieren, schöpfe meine Kraft. Doch seitdem ich mich intensiv mit dem Thema Inklusion beschäftige, sehe ich die Dinge anders, intensiver und ... nun ja, aus der Perspektive einer Rollstuhlfahrerin. Apropos: Haben Sie auf der Fashion Week jemals ein Model mit einer Behinderung gesehen? Ich suche verzweifelt nach den Berichten, nach Fotos, nach der Begeisterung – leider Fehlanzeige. Es fehlt an Mut, es fehlt an Wissen. Letztes Jahr aber ein kleiner Lichtblick: Modedesigner Patrick Mohr zeigte „etwas Anderes“ und wollte damit provozieren. Seine Models mit Behinderung waren kunstvoll gekleidet, geschminkt, fielen definitiv auf. Doch leider erinnerte mich seine Show an eine Freakshow, denn er nahm die Schönheiten aus jeder Randgruppe – es hatte nichts Inklusives an sich. Die Zuschauer fühlten sich in der Tat provoziert zu sagen, dass er, Patrick Mohr, durch sein Konzept schockieren konnte und seine Mode „der Wahnsinn“ sei. Geht so, wenn ich ehrlich sein darf. Und wenn das Model Mario Galla sein Bein nicht zeigt (oder nicht zeigen darf), vergisst man schnell, dass Behinderungen auch attraktiv und durchaus verkaufsfördernd sein können.

Traum vom Model-Leben

Als kleines Mädchen (schon damals an Mode interessiert) träumte ich, als Model berühmt zu werden. Ich hörte die Kameras knipsen, sah mich im Rampenlicht stehen und die Journalisten viel über mein Leben erfahren wollen (aber ich schwieg natürlich ...). In meiner Fantasie sah ich mich von A nach B rennen, und meine blonden langen Haare wehten im Wind. Witzig an diesem Traum ist, dass ich noch nie blond, schon immer viel zu klein und zu „pummelig“ für das Modebusiness und nicht außergewöhnlich hübsch war. Den Traum, ein Model zu sein, gab ich schnell auf. Mit dem Erwachsenwerden kam auch der realistische Blick auf den eigenen Körper und das Leben, das nie dermaßen interessant sein wird, dass die Journalisten erfahren wollen, wer nun mein neuer Freund ist oder ob ich magersüchtig sei.

Eine Show, wie ich sie mir wünsche

Dennoch blieb eins: die Mode. Ganz egal, ob Mode machen oder Mode zeigen – ich wollte es täglich spüren, erleben, darüber lesen, darüber schreiben – es leben! Noch bin ich weit entfernt von meinem Ziel, aber ich sehe es näher kommen! Den Anfang habe ich im Sommer 2013 gemacht: Im Rahmen der großen und ersten Vernissage des Fotoprojekts „anderStark – Stärke braucht keine Muskeln“ habe ich eine Modenshow der besonderen Art organisiert. Eine Show, wie ich sie mir öfter wünschen würde. Eine Show, die auf große Laufstege gehört. Bei dieser Show haben insgesamt acht Designer, fünfzehn Visagisten, dreißig Models und eine Menge anderer Helfer mitgewirkt. Einige der Models hatten eine Behinderung, und doch sind sie kaum aufgefallen, denn an diesem Abend ging es um Mode, es ging um Design und es ging um die Weiblichkeit. Damit haben wir ein Zeichen in der Modewelt gesetzt und gezeigt, wie echte Inklusion aussieht.

Darauf sind wir stolz und wollen mehr davon!

Bald.


Linktipps:
Das Fotoprojekt "anderStark – Stärke braucht keine Muskeln"
"Behindert, Transgender, Model": Spiegel Online über den Designer Patrick Mohr auf der Fashion Week
"Alle sind stolz darauf". Ein Blogbeitrag von Katja Hanke über Menschen mit Behinderung als Fotomodelle
Rollstuhlgerechte Mode – eine Entdeckungsreise. Ein Blogbeitrag von Marie Gronwald über zeitgemäße und vor allem erschwingliche Mode für Menschen im Rollstuhl

Sie sind auch modeinteressiert und könnten noch ein paar Euros extra zum Shoppen gebrauchen? Dann machen Sie doch bei unserer Frühjahrs-Sonderverlosung mit!

Fashion Show des Projekts "anderStark"

Anastasia Umrik

Blogger: Anastasia Umrik
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Mode

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Gewinnzahlen vom 19. Januar 2014 mit Rudi Cerne

Blogger: Redaktion, am 20.01.2014 um 12:16 Uhr

Rudi Cerne präsentiert die Gewinnzahlen der Aktion Mensch-Lotterie und das Berufsorientierungsprojekt ChancenWORK in Nordrhein-Westfalen. Das Pilotpojekt des Vereins Chancenwerk e.V. bietet Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, vor ihrer Berufswahl Einblicke in die Berufswelt zu bekommen. Die Aktion Mensch unterstützt das Projekt „ChancenWORK“ mit 240.262 Euro.


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