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„Zur Not schreibe ich eine WhatsApp“

Blogger: Eva Keller, am 01.08.2014 um 08:52 Uhr

Offenheit, Handy und ein paar Gebärden: Das reicht den gehörlosen und hörenden Jugendlichen in einem Frankfurter Ausbildungsprojekt schon, um im Küchen-Alltag miteinander klar zu kommen. Trotzdem bleibt das Ziel, dass sich alle in Gebärdensprache verständigen!

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Azubis im Gehörlosenzentrum: Eine große Chance

Foto: Evangelischer Verein für Jugendsozialarbeit in Frankfurt am Main

Die Gebärde für „Schnitzel“ hatte Batu Baykan nach wenigen Tagen drauf. Sie ist leicht zu merken: In die Hände klatschen und diese gleichzeitig hin und her bewegen – als würde man ein Stück Fleisch rundum panieren. Auch das Gebärdensprachalphabet hat er schnell gelernt, „viel schneller als ich gedacht hätte“. Seit April geht der 17-Jährige in der Gastronomie des Frankfurter Gehörlosen- und Schwerhörigenzentrums in die Lehre, als einer von zwei hörenden Azubis, gemeinsam mit zwei gehörlosen Azubis. Von den sechs Jugendlichen, die hier eine berufliche Qualifizierung machen, ist ebenfalls die Hälfte gehörlos. Und während die Küchenmeisterin hörend ist, trägt ihr wichtigster Helfer ein Cochlea-Implantate. Wer die Gebärdensprache noch nicht beherrscht, muss sie lernen – so steht es in den Arbeitsverträgen. Und deshalb kommt zwei Mal pro Woche eine Gebärdensprachlehrerin.

Für Batu Baykan war die Ausbildungsstelle ein Sprung ins kalte Wasser – aber auch eine große Chance, nachdem er trotz guten Hauptschulabschlusses lange vergeblich nach einer Lehrstelle als Koch gesucht hatte. Anfangs war er unsicher, „aber es haben mich alle nett aufgenommen“, sagt er. Wenn das kein Zeitenwandel ist: Ein junger Mann ohne Behinderung ist froh und dankbar, dass die Kolleginnen und Kollegen ihn nicht ausschließen ...

Kooperation mit Hotels und Restaurants

Eine dieser netten Kolleginnen ist Lena Schmul, 32 Jahre alt und seit Jahresbeginn im Team. Damals startete der Evangelische Verein für Jugendsozialarbeit in Frankfurt am Main e.V. das Gastro-Projekt. Lena Schmul ist vor einigen Jahren aus Russland gekommen, berufliche Erfahrungen hat sie in einer Zahnarztpraxis, als Näherin, Bäckerin und Kellnerin gesammelt – aber eine Lehrstelle ist nie daraus geworden. Jetzt absolviert sie hier eine Ausbildung zur Fachkraft im Gastgewerbe, mit dem Ziel, später im Service zu arbeiten. Damit für die (gehörlosen) Azubis die berufliche Laufbahn nicht nach der Ausbildung gleich wieder endet, sucht das Projekt die Kooperation mit Hotels und Restaurants. So bereiten sich im Hotel Spenerhaus in der Nähe des Frankfurter Doms derzeit einige Mitarbeiter in Gebärdensprachkursen auf die möglichen künftigen Kollegen vor ...

Im Gehörlosenzentrum, wo wegen der vielen Vereine im Haus die gehörlosen Gäste in der Mehrzahl sind, arbeiten hörende und gehörlose Azubis immer als Tandem, sowohl in der Küche als auch beim Service. Zur Mittagszeit bewirtet das Team täglich bis zu 40 Gäste, außerdem sorgen die Mitarbeiter bei Vereinstreffen ebenso wie bei Weihnachtsfeiern und Faschingspartys für Speisen und Getränke, und sie machen das Catering für Veranstaltungen außer Haus.

Ruhe statt Hektik, Kommunikation statt Kommandos

Die Hektik und den Lärm, der in Gastro-Küchen oft üblich ist, gibt es hier trotzdem nicht. „Weil wir keinen Kommando-Ton wollen“, stellt Teamleiterin Stefanie Horn klar. Zudem ergibt sich der etwas ruhigere und gemächliche Betrieb aus der Zusammenarbeit von Hörenden und Nicht-Hörenden: „Einfach mal eine Anweisung in den Raum rufen, geht eben nicht“, sagt Horn: „Man muss zu den Kollegen hingehen und sich Zeit nehmen, wenn man etwas erklären oder fragen möchte.“

Und wenn dann die Gebärden fehlen oder Marcel Tuchtenhagen nicht da ist – der Mann mit dem Cochlea-Implantat, der in beide Richtungen dolmetschen kann und schon mehrere Jahre Küchen-Erfahrung hat –, dann werden eben die Handys gezückt. „Zur Not tippe ich das Wort in mein Handy oder schreibe eine WhatsApp an Lena“, sagt Batu Bayhan und lacht.

In der Qualifizierung sind noch drei Plätze für gehörlose Jugendliche frei. Außerdem sucht das Team dringend noch eine Köchin oder einen Koch, der die Gebärdensprache beherrscht.


Linktipps:
Mehr Infos über das Ausbildungsprojekt in der Gastronomie des Frankfurter Gehörlosen- und Schwerhörigenzentrums
Das Handlungsfeld „Am Arbeitsplatz“ der Aktion Mensch
Jemand, der sich kümmert ... Ein Blogbeitrag von Eva Keller über eine Fachtagung zur Inklusion in Ausbildung und Arbeit
Potenziale nutzen – mit Aktionsplänen. Ein Interview im Blog von Stefanie Wulff mit Rainer Wallbruch über Aktionspläne von Unternehmen zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention

Eva Keller

Blogger: Eva Keller
Kategorie: Inklusion
Schlagworte: Arbeit, Bildung

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Den neuesten Kinofilm – schon gehört?

Blogger: Wiebke Schönherr, am 30.07.2014 um 08:56 Uhr

1989. Die Grenze ist offen. Und zwar diejenige, die sehbehinderte Menschen lange Jahre vom Kinoerlebnis ausschloss. Im Jahr des Mauerfalls wurde erstmals in einem deutschen Kino ein Film als Hörfilmfassung gezeigt. Seitdem gibt es mehr und mehr Audiodeskriptionen, wie die Filmbearbeitung für Sehbehinderte und Blinde heißt. Und seit neuestem sogar eine App, die Hörfassungen für Kinofilme liefert.

Jonas Hauer und Nanna Gorbach vor einem Monitor im Tonstudio

Jonas Hauer und Nanna Gorbach im Tonstudio

Foto: Wiebke Schönherr

Jonas Hauer sitzt in einem Büroraum der Berliner Firma Titelbild, aber eigentlich ist er gerade ganz woanders. Draußen auf der Ostsee, auf der sich im Innern einer Jacht zwei Männer gegenseitig an die Gurgel gehen und einer von ihnen schließlich über die Reling ins Wasser stürzt. Denn das sind die Bilder, die Hauer, der blind ist, gerade im Kopf hat. Er erarbeitet mit seiner sehenden Kollegin Nanna Gorbach die neueste Ausgabe der ZDF-Serie „Küstenwache“ als Audiodeskription.

Hauer und Gorbach sitzen vor zwei Bildschirmen. Auf ihnen ist eine spezielle Software geöffnet, die die Serie abspielt und gleichzeitig die verschiedenen Tonspuren offenlegt, eine für den Original-Ton, eine für die Hörfassung. Die beiden Mitarbeiter von Titelbild, einer Firma, die sich unter anderem auf Untertitelung und Audiodeskription spezialisiert hat, hören sich eine bereits erstellte Testversion an, um zu überprüfen: Ergeben die Beschreibungen Sinn? Werden genug Informationen gegeben? Oder werden vielleicht zu viele gegeben?

Bilder in Worte übersetzen

Hauer hält inne. Etwas stimmt nicht. „Der Mann ist über die Reling gestürzt?“ „Genau“, sagt Gorbach. Sie blickt auf die Szene, die einen Mann zeigt, der gerade ins Wasser fällt. „Du hast doch gesagt, die beiden kämpfen im Innern der Jacht“, hakt Hauer nach. „Wie kann dann jemand über die Reling stürzen?“ Gar nicht. Gorbach nickt, schaut sich die Szene nochmal an. Sie sieht, dass die zwei Gestalten gar nicht in der Kajüte sind, sondern unter einem Vordach, also draußen auf dem Deck. „Das müssen wir ändern“, stimmt sie zu. „Sie sind nicht im Innern, sie sind auf der Jacht.“ Jetzt ergibt es Sinn. Nächste Szene.

Sekunde für Sekunde übersetzen Filmbeschreiber Bilder in Worte. Oft haben sie dafür nur wenig Zeit, nur die Pausen zwischen Dialogszenen. Es muss dann angemessen entschieden werden: Wird die Farbe der Augen beschrieben? Oder die Bewegung der Hände? Die wogenden Wellen? Oder die finsteren Mienen der kämpfenden Männer?

„Bei der Audiodeskription konzentrieren wir uns auf das, was wichtig ist, um die Handlung und relevanten, visuellen Stilelemente des Films verständlich zu machen“, erklärt Anja Turner, zuständig für das Marketing bei Titelbild.

Denn im Mittelpunkt bei der Audiodeskription steht natürlich nicht der Ansatz, eine Fernseh- oder Kinoproduktion zu 100 Prozent identisch als Hörfilm widerzugeben, einfach deshalb, weil es gar nicht möglich ist. Sondern es soll so gemacht werden, dass Menschen, die sehbehindert sind, Freude daran haben, ihn zu hören. „Audiodeskriptionen eröffnen sehbehinderten und blinden Menschen die großartige Möglichkeit, gleichwertig am kulturellen Leben unserer Gesellschaft teilzunehmen“, sagt Anja Turner von Titelbild.

Vier Prozent beim ZDF, knapp zehn Prozent bei der ARD

Seit 1989 der erste Film, es war die Krimikomödie „Die Glücksjäger“, in einem Münchner Kino als Hörfilm gezeigt wurde, hat sich viel getan. 1993 zeigte erstmals das ZDF im Abendprogramm einen Film für Blinde und Sehbehinderte. Seitdem laufen immer mehr Filme, Dokumentationen und Serien mit Audiodeskriptionen.

Besonders Anfang 2013 ging es für den Hörfilm stark aufwärts. Seit der Neuordnung der GEZ-Gebühren sind Menschen mit Sehbehinderung nicht mehr automatisch von den Gebühren befreit. Das bedeutet: Die öffentlich-rechtlichen Sender stehen stärker unter Druck, ihre Produktionen auch mit Audiodeskriptionen zu zeigen. Im ZDF-Abendprogramm wird nun rund jede dritte Produktion mit Filmbeschreibungen angeboten, bei der ARD fast jede zweite. Aufs Gesamtprogramm verteilt sind es beim ZDF vier Prozent, bei der ARD zehn Prozent. Eine gesetzliche Regelung darüber, wie hoch die Anzahl der Audiodeskriptionen sein muss, gibt es nicht in Deutschland, wie es beispielsweise in Großbritannien der Fall ist, dennoch steigt sie auch hier stetig an.

Dank neuester Technik gibt es auch eine gute Entwicklung in den Kinos: Wer ein Smartphone besitzt, kann seit neuestem mit einer App ausgewählte Filme im Kino anhören, ohne in eine spezielle Vorführung für Sehbehinderte gehen zu müssen, wie es 1989 noch der Fall war. Im Jahr 2014 ist also eine weitere Grenze ist verschwunden.


Linktipps:
Das Handlungsfeld „Inklusion leben: In der Freizeit“ der Aktion Mensch
Hörfilme im TV: Teilhabe und Barrierefreiheit. Ein Plädoyer von Heiko Kunert für mehr Audiodeskription im deutschen Fernsehen
Audiodeskription: Inklusion im Theater. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über Möglichkeiten der Barrierefreiheit im Kulturbetrieb
Kulturelle Teilhabe: Zum aktuellen Stand der Audiodeskription. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über Audiodeskription in TV, Kino, Oper und Theater


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Beraten statt bedrängen

Blogger: Carmen Molitor, am 28.07.2014 um 09:02 Uhr

Im Servicecenter der Aktion Mensch gehen 200.000 Telefonate pro Jahr ein. Stephan Weltring hat das Callcenter mit heute 28 Mitarbeitern vor 15 Jahren neu aufgebaut. Wenn es nach ihm geht, soll jeder Anrufer stets ein bisschen mehr Service bekommen, als er erwartet.

Stephan Weltring am Schreibtisch vor dem Computer

Servicecenter-Leiter Weltring: „Man sollte Ahnung haben“

Foto: Aktion Mensch

Was ein gutes Service- und Callcenter ist? Da muss Stephan Weltring nicht lange nachdenken: „Es zeichnet sich dadurch aus, dass es die Bedürfnisse des Kunden immer etwas übererfüllt“, sagt der 53-Jährige. „Man muss während des Gespräches nicht nur genau erkennen, was der Anrufer möchte, sondern ihm darüber hinaus etwas Passendes empfehlen können, das er so nicht erwartet hat. Der Kunde muss von dem Anruf bei uns einen Mehrwert haben, sich gut beraten und nicht bedrängt fühlen.“

Als sich der erfahrene Callcentermanager 1999 bei der Aktion Mensch bewarb, wirkte ein solch umfassender Servicegedanke noch wie Zukunftsmusik. „Da saßen vier Damen in einem Raum und haben die Telefonate von mehreren Millionen Lotterieteilnehmern bearbeitet“, schildert Stephan Weltring kopfschüttelnd. Der damalige Geschäftsführer Dieter Gutschick hatte zwar schon die Idee für ein professionelles Servicecenter. Was ihm fehlte, war der richtige Leiter.

„Ich hatte den Eindruck, dass ich hier viel anstoßen kann.“

Weltring war damals an einem beruflichen Wendepunkt angelangt. Der Kölner hatte bis zum ersten Staatsexamen Jura studiert, „aber das war nicht meins“. Er stieg in das Alarm- und Sicherheitstechnikunternehmen seiner Familie ein, betreute zehn Jahre lang die bundesweite Notrufzentrale. Doch manches schien ihm festgefahren, eine neue Herausforderung musste her. Dass er bei der Aktion Mensch an der richtigen Stelle war, wurde ihm klar, als Dieter Gutschick ihm während des Vorstellungsgespräches den Plan für ein Großraumbüro zeigte und ihn danach fragte, wie viele Leute er da unterbringen könne und wie viele Anrufe die schaffen würden. „Diese praktische Art fand ich sehr inspirierend“, erzählt Weltring. „Ich hatte den Eindruck, dass ich hier viel anstoßen kann.“ Er bekam den Job und baute mit drei Gruppenleitern ein Serviceteam auf.

Bis heute macht die Pflege der Daten von 4,6 Millionen regelmäßigen Lotteriespielern den Löwenanteil der Arbeit aus, die die 28 Beschäftigten in den zwei Teams des Servicecenters leisten. Bei ihnen laufen alle Adress- und Namensänderungen ein. Davon, dass die Bestandsdaten zu jedem einzelnen Los 100 % korrekt sind, hängt ab, wie schnell die monatlich rund 200.000 Gewinner über ihren Lotteriegewinn informiert werden können und ob sie die Schecks auch erreichen. „Wir benachrichtigen über Gewinne immer schriftlich, nie per Telefon“, betont Weltring. „Für Nachfragen dazu kann man sich aber natürlich telefonisch an uns wenden.“

Ein Job, der schnelle Auffassungsgabe und Diskretion erfordert

Das tun viele: Wie kann ich gewinnen, was kann ich gewinnen, wann ist das Geld auf meinem Konto? Das treibt die Anrufer um. Oder sie bestellen Lose und wollen zur Lotterie beraten werden, was angesichts der vielen verschiedenen Losarten eine ungeahnte Herausforderung darstellt: „Allein das 5 Sterne-Los können sie theoretisch in 161 Varianten spielen. Also sollte man Ahnung haben“, sagt Weltring. Seine Mitarbeiter werden intensiv geschult. Sie haben während der Telefonate Zugriff auf spezielle Datenbanken über die elektronisch erfassten Lose, die persönlichen Kundendaten und jeden einzelnen Gewinn. Ein Job, der eine schnelle Auffassungsgabe und Diskretion erfordert.
Besonders heiß läuft das Geschäft, wenn die Aktion Mensch gerade eine ihrer Marketing-Postwurfsendungen herausgeschickt hat, die mehrmals im Jahr mehrere Millionen Haushalte erreichen. Auf jeder Sendung steht oben rechts die Telefonnummer des Servicecenters. Das bleibt nicht ohne Folgen: Vor allem um Weihnachten herum gibt es reichlich Arbeit für Weltring und seinen Kollegen.

Rund 200.000 Telefonate, 170.000 Mails und 100.000 Briefe erreichten das komplette Kundenmanagement allein im Jahr 2013. Nicht alle Kunden hat Weltrings Team aber so glücklich gemacht, wie einen Mann, der eigentlich wegen eines Kleinstgewinns angerufen hatte. „Eine Mitarbeiterin konnte ihm im Telefongespräch sagen, dass er inzwischen auch noch eine halbe Million gewonnen hatte“, erzählt Weltring und lächelt zufrieden. Ein unerwarteter Mehrwert. Ganz in seinem Sinne.


Linktipps:
Schon viel erreicht: Die Meilensteine aus 50 Jahren Aktion Mensch in unserer Chronik
Zwischen Briefkastenonkel und Kampagnenmacher. Ein Porträt von Carmen Molitor über Christian Schmitz, den früheren stellvertretenden Pressesprecher der Aktion Mensch
Glücksfee ohne Casting. Ein Porträt von Carmen Molitor über Angela Hofmeister, früher TV-Glücksfee in „Der große Preis“ und heute Hüterin des Aktion Mensch-Logos

Carmen Molitor

Blogger: Carmen Molitor
Schlagworte: 50 Jahre Aktion Mensch

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Gewinnzahlen vom 27. Juli 2014 mit Rudi Cerne

Blogger: Redaktion, am 27.07.2014 um 19:38 Uhr

Rudi Cerne präsentiert die Gewinnzahlen der Aktion Mensch-Lotterie und stellt ein Grundschulprojekt in Neustadt vor. Grundschüler aus Neustadt gestalten mit Eltern und Lehrern ihren Schulhof mit Pflanzen, Beeten und selbst gebauten Spielgeräten aus dem Wald. Spiel und Spaß haben die Erst- bis Viertklässler auf der Trampolin-Schaukel oder dem Rutschenhügel, und beim Baumstamm-Mikado lässt sich prima das Gleichgewicht trainieren. Die Aktion Mensch unterstützt das naturbezogene Gestaltungsprojekt des Fördervereins der Heinz-Sielmann-Grundschule Neustadt mit 4.000 Euro.


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Aktiv mittendrin

Blogger: Werner Grosch, am 25.07.2014 um 08:55 Uhr

Inklusion in der Ferienfreizeit: Der Kölner Kinderkultursommer macht vor, wie das geht. Andere Veranstalter können davon lernen

Kinderkultursommer-Teilnehmer Max zeigt seine bunten Graffiti-Bilder

Max beim Kinderkultursommer: Jeder kann etwas

Fotos: Werner Grosch

Max ist schon zum vierten Mal beim Kinderkultursommer dabei. Diesmal sogar zwei Wochen lang, jeden Tag, von morgens bis nachmittags. In der ersten Woche dieser Kölner Ferienfreizeit beim Parcours, einem Bewegungsprogramm. Für ihn ist das alles andere als selbstverständlich. Max hat geistige und motorische Schwierigkeiten und kann nicht einfach drauflosrennen wie viele andere. Er ist 14 Jahre alt, und er kann auch nicht so einfach sagen, dass er hier viel Spaß hat. Aber man sieht es. Er zeigt die Graffitis, die er in der zweiten Woche gemacht hat und die jetzt in einer Ausstellung auf dem Gelände am Rhein hängen. Schade, dass es schon vorbei ist? Er nickt. Und verschwindet, um seiner Mutter nochmal die Bilder zu zeigen.

Sehr gute Rahmenbedingungen

Der Kölner Kinderkultursommer ist ein Angebot der Jugendkunstschule Köln, der Kölner Spielwerkstatt und des Theaterpädagogischen Zentrums. Seit sieben Jahren sind hier Kinder und Jugendliche mit Behinderung dabei. Anfangs nur sechs – in diesem Jahr waren es schon 22 unter insgesamt 765 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Die Zahl ist immer weiter gestiegen, und sie drückt eine Entwicklung aus. Eine Entwicklung hin zur Selbstverständlichkeit der Inklusion. „Der Prozess schreitet fort“, sagt Simone Kirsch, Leiterin der Jugend- und Freizeitabteilung der Lebenshilfe Köln. Hier beim Kinderkultursommer ist gut zu sehen, was das bedeutet: „Hier sind die Rahmenbedingungen inzwischen so gut, dass auch Kinder mit hohem Unterstützungsbedarf dabei sein können.“ Für sie alle gibt es eine Eins-zu-Eins-Betreuung. 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Lebenshilfe kümmern sich um sie.

Die Lebenshilfe ist eine Organisation, die seit über 50 Jahren viele stationäre und ambulante Angebote für Menschen mit körperlicher, vor allem aber geistiger Behinderung bereit stellt. Jede und jeder soll so weit wie irgend möglich an der Gesellschaft teilhaben können – der Urgedanke der Inklusion. Und die ist – das spürt Simone Kirsch bei ihrer Arbeit sehr deutlich – ein langer Prozess. „Einer, der Jahre dauert“, sagt sie. Auch beim Kultursommer hat es seine Zeit gebraucht, bis aus den Kunstpädagogen und den Mitarbeitern der Lebenshilfe echte Teams wurden. Bis Unsicherheiten beseitigt und Vorbehalte abgebaut waren.

Träger halten an Konzepten fest

Andere Träger sind längst nicht so weit, berichtet Simone Kirsch. „Wir wollen vor allem in bestehende Freizeitangebote reingehen, aber die Bereitschaft, das Konzept anzupassen, ist oft noch gering.“ Deshalb seien auch einige Kooperationsversuche gescheitert. Dennoch will Simone Kirsch diesen Weg weitergehen. Denn der Versuch mit eigenen, von vorneherein inklusiv geplanten Angeboten hat sich auch als schwierig erwiesen: „Es hat bei diesen Programmen keine Anmeldungen für Kinder ohne Behinderung gegeben. Die Eltern sind einfach noch nicht so weit, ihre Kinder dort anzumelden.“

Insgesamt arbeitet die Lebenshilfe derzeit mit fünf Trägern zusammen, die in diesem Jahr acht inklusive Freizeiten organisiert haben. Hier gibt es aber oft nur zwei bis fünf Plätze für Kinder mit Behinderung. Der Kinderkultursommer, bei dem die Aktion Mensch den Fahrdienst und Fortbildungen unterstützt, ist mit seinen 22 Plätzen deshalb ein Vorreiterprojekt. Und das zeigt durchaus langsam Wirkung, sagt Simone Kirsch. „So langsam trauen sich immer mehr Träger, Kinder mit relativ geringem Unterstützungsbedarf selbst in ihre Angebote aufzunehmen.“
Der Kinderkultursommer zeigt gerade auch den Kindern und Jugendlichen ohne Behinderung und ihren Eltern, dass die jeweilige Einschränkung nicht das Bild beherrschen muss. Jeder kann etwas, mancher offenbart ganz besondere Fähigkeiten. Auch das ist das Ergebnis einer jahrelangen Entwicklung, sagt Simone Kirsch: „Im ersten Jahr waren die Kinder mit Behinderung erst mal nur irgendwie dabei. Jetzt sind sie, so lange und so weit wie individuell möglich, aktiv mittendrin.“


Linktipps:
Inklusion von jungen Menschen: besondere Chance und besondere Herausforderung. Ein Interview im Blog von Carmen Molitor mit Friedhelm Peiffer, Leiter des Bereichs Förderpolitik der Aktion Mensch, über Inklusion von Kindern und Jugendlichen und Projektförderung für junge Menschen
Fußball mit Perspektive. Ein Blogbeitrag von Christian Schmitz über das Streetsoccer-Projekt "Hattrick" in Oberhausen für Kinder und Jugendliche
„Es gehört sich einfach, dass Inklusion normal ist!“ Ein Blogbeitrag von Werner Grosch über den Kölner Kinderkultursommer 2013, bei dem Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam spielen, tanzen und malen
 
Mehr Infos zur Kinder- und Jugendhilfe der Aktion Mensch
Alle Förderprogrammen der Aktion Mensch im Überblick
 


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„Gute Chancen, Geld zu bekommen“

Blogger: Wiebke Schönherr, am 23.07.2014 um 09:07 Uhr

Ein Expertengespräch über die Fördermittelvergabe für inklusive Kunstprojekte und die Offenheit der Kunstszene für Menschen mit Behinderungen

Ein farbenfrohes abstraktes Gemälde von Bettina Arelt

Outsider Art: Gemälde von Bettina Arelt von den „Schlumper“

Bild: Bettina Arelt / Freunde der Schlumper e.V.

Vor wenigen Jahren gab es eine Studie, die besagte: Künstler in Deutschland sind arm, aber glücklich. Reich und glücklich wäre natürlich auch nicht schlecht. Aber gut, wenn das Geld mal gar nicht reicht, kann man sich um finanzielle Unterstützung für seine Ideen bewerben. Ruth Gilberger von der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft und Uwe Blumenreich von der Aktion Mensch sprechen über die Fördermittelvergabe für inklusive Projekte und die angenehme Offenheit der Kunstszene.

Wiebke Schönherr: Frau Gilberger, seit April dieses Jahres sind Sie Vorständin der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft. Die Stiftung unterstützt Kunst -und Kulturschaffende darin, sich für eine chancengerechte Gesellschaft einzusetzen.
Zum Einstieg unseres Gesprächs eine kleine Zeitreise zurück in die 90er Jahre: Wenn damals bei einem Fördermittelgeber ein Antrag für ein Projekt auf den Schreibtisch flatterte, das sich inklusiv nannte, gab es da eher ein Schulterzucken als Reaktion oder neugieriges Interesse?

Ruth Gilberger: Zu Beginn der 90er Jahre gab es den Begriff Inklusion zumindest in der Fördermittelvergabe für künstlerische Projekte noch nicht, sondern man nannte das damals Partizipation. Es ging erst einmal darum, Menschen mit Beeinträchtigungen überhaupt an bestimmten Kontexten zu beteiligen. Ob das wichtig für einen Antrag war, kam dann auf das Feld und die Inhalte an. Beispielsweise in Museen war die inklusive Teilhabe an der Kultur damals schon hoch im Kurs. Aber in der Praxis war Inklusion noch sehr ungewöhnlich.

„Forderung nach aktiver Teilhabe für alle Menschen ist breitenwirksam geworden“

 
Wiebke Schönherr: Heute sieht es anders aus?
Ruth Gilberger: Ja. Wenn man heute im Kunst- und Kulturbereich einen Antrag auf Fördermittel stellt und dabei die Inklusion berücksichtigt, sind die Chancen gut, Geld zu bekommen. Zumindest bei den Stellen, die Wert darauf legen, und wenn die Inhalte ansonsten stimmen. Für die soziokulturellen Fonds ist das beispielsweise wichtig, auch bei der Antragstellung bei Verbänden kultureller Bildung oder bei ausgewählten Projekten der Kulturstiftung des Bundes. Bei anderen Kulturförderungen spielt das wiederum keine Rolle. Das ist Zielgruppenantragstellungslyrik! Aber dass eine Forderung nach aktiver Teilhabe für alle Menschen so breitenwirksam geworden ist, dass hier so ein politisches Interesse besteht, dass sich das durch alle Verwaltungsinstitutionen durchgesetzt hat, das ist neu.

Wiebke Schönherr: Herr Blumenreich, Sie sind bei der Aktion Mensch der Leiter der Projekt- und Inklusionsförderung. Welche Projekte im Kulturbereich unterstützt die Aktion Mensch?

Uwe Blumenreich: Wir fördern seit ca. zehn Jahren Kunst- und Kulturprojekte von frei-gemeinnützigen Organisationen aus dem Bereich der Behindertenhilfe und in der Hauptsache deshalb von und mit Menschen mit Behinderung, zunehmend aber eben auch inklusiv ausgerichtete Konzepte. Gemessen an den insgesamt geförderten Projekten pro Monat und am Gesamtfördervolumen der Aktion Mensch bleibt die Förderung der Kunst und Kultur zwar ein „Randthema“. Aber in der Summe ist das immer noch ein nennenswerter siebenstelliger Betrag pro Jahr, der in die Förderung der inklusiven Kulturarbeit fließt. Gefördert wurde in den letzten Jahren beispielsweise ein integrativ geführtes Kino oder ein Tanzprojekt als Open-Air-Spektakel.

Wiebke Schönherr: Frau Gilberger, Fördermittel gibt es also diverse, aber würden Sie auch sagen, dass Menschen mit Beeinträchtigungen im Kunstbetrieb angekommen sind?

Ruth Gilberger: Das kann man pauschal so nicht sagen. In einigen Bereichen haben sie schon länger Anteil, beispielsweise in der Art brut oder Outsider Kunst. Menschen mit psychischen und geistigen Beeinträchtigungen wurden schon seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts als KünstlerInnen wertgeschätzt, wenn auch nur von einer kleinen Gruppe von Kunstkennern. Beim Tanz hingegen nicht und bei der Musik, soweit ich weiß, auch eher wenig. Im Theater gibt es ungefähr seit den 80er Jahren die Tradition, dass Menschen mit Beeinträchtigungen als Akteure integral beteiligt werden. Das ist also von Kunst zu Kunst ganz unterschiedlich

„Inklusion in der Kunst ist bereichernd für alle Beteiligten“

 
Wiebke Schönherr: Dabei kann der Kunstbetrieb jeden gebrauchen, der künstlerisch etwas draufhat.

Ruth Gilberger: Inklusion in der Kunst ist bereichernd für alle Beteiligten. Und Kunst ist ja in sich sehr offen. Und sie ist so individuell, da haben ganz viele unterschiedliche Menschen Platz. Man muss eigentlich nur sicherstellen, dass jeder seinen Weg gehen kann.

Wiebke Schönherr: Herr Blumenreich, wie sehen Sie das: Hat sich inklusive
Kunst in der deutschen Kulturszene etabliert?

Uwe Blumenreich: Es gibt schon viele gute Beispiele. Kunst und Kultur von Menschen mit und ohne Behinderung muss sich überhaupt nicht verstecken. Ich meine, inklusive Kunst findet in Deutschland zum Teil auf richtig hohem Niveau statt, wie beispielsweise beim Blaumeier-Atelier aus Bremen oder bei der DIN A 13 tanzcompany aus Köln. Oder nehmen Sie eine der vielen guten inklusiven Musik-Bands: zum Beispiel die Station 17 aus Hamburg. Da entstehen wirklich anspruchsvolle Dinge. Gleichwohl gilt: Inklusive Kunst ist noch immer nicht alltäglich, und wir müssen auch noch viele Barrieren abbauen, um den Zugang überhaupt erst zu ermöglichen. Erst wenn inklusives Denken und Handeln bei allen Kulturakteuren, Förderern und beim Publikum selbstverständlich geworden sind, dann hat sich inklusive Kunst etabliert.


Linktipps:
Anerkennung von Kunst von Menschen mit Behinderung wächst. Ein Interview im Blog von Werner Grosch mit Jutta Schubert vom Verein EUCREA, der Künstler mit Behinderung fördert
Kann Kunst die Gesellschaft verändern? Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über den Dokumentarfilm „Insider Art – Aus Liebe zur Kunst“
"Ich sehe was, was du nicht siehst". Ein Blogbeitrag von Ulli Steilen über eine Kölner Ausstellung von Künstlern mit und ohne Behinderung
Ein Auftrag der besonderen Art. Ein Blogbeitrag von Eva Keller über die Künstler des "Atelier Goldstein"
 
Alle Infos zu den Förderprogrammen der Aktion Mensch
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Experten im Gespräch

  • Ruth Gilberger
    Foto: Montag Stiftungen

    Ruth Gilberger

  • Uwe Blumenreich
    Foto: Aktion Mensch

    Uwe Blumenreich


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