Aktion Mensch-Blog

„Die Ästhetik des Ungewöhnlichen inszenieren“

Autorin: Carmen Molitor, am 20.05.2013 um 08:51 Uhr

Hochklassiger zeitgenössischer Tanz mit einem Ensemble aus Tänzern mit und ohne Behinderung? Wie erfolgreich das sein kann, beweist seit 1995 die Kölner Tanzcompany DIN  A 13, deren Projekte die Aktion Mensch bereits mit 244.188 Euro unterstützt hat. Die Gründerin und künstlerische Leiterin Gerda König erklärt im Interview, was die Ästhetik des mixed-ables Tanzes ausmacht, warum sie starke Persönlichkeiten für ihre Inszenierungen sucht und was den tänzerischen Reiz einer spastischen Bewegung ausmacht. Die Choreografin und Tänzerin sitzt aufgrund einer Muskelatrophie im Rollstuhl.
 

Zwei Tänzer auf der Bühne, einer davon tanzt mit zwei Krücken

DIN-A-13-Tanzproduktion "Terrains DéCouverts" in Dakar

Elise Fitte-Duval

Carmen Molitor: Wie arbeitet DIN A 13?

Gerda König: Wir sind eine Tanzcompany von Tänzern mit unterschiedlichen Körperlichkeiten, machen zeitgenössischen Tanz und bearbeiten in unseren Stücken gesellschaftliche Themen. Es ging bei den Inszenierungen beispielsweise schon um Tabus, die Manipulation der Medien, Rituale, Apartheid oder gesellschaftliche Umbrüche. Seit 2005 entwickeln wir überwiegend Auslandsproduktionen in Kooperation mit dem Goethe Institut und waren unter anderem in Ghana, Südafrika, Sri Lanka und Venezuela. Die Idee ist, neue mixed-abled Companys in verschiedenen Ländern zu initiieren. Wir suchen in Auditions vor Ort neue Tänzer, Musiker, Bühnenbilder, Lichtdesigner und Kostümbildner, die mit uns zusammen arbeiten. Dann entwickeln wir eine neue Produktion, an der wir im Schnitt zwei Monate arbeiten und dabei fünf, sechs Tage die Woche jeweils acht Stunden im Studio stehen. Das ist eine ziemlich knapp bemessene Zeit. Aber trotzdem schaffen wir es immer, eine Produktion fertig zu stellen, die im Land selber gezeigt wird und hinterher in Deutschland auf Tour geht. Die nächste Produktion findet ab August in Israel statt und kommt im November nach NRW.

Inwiefern bieten Sie Ihrem Publikum als mixed-abled Tanzensemble eine andere, ungewohnte Ästhetik?

Bei der Arbeit mit unterschiedlichen Körpern entwickeln sich ein anderes Bewegungsvokabular und eine andere Bewegungsästhetik als gewohnt. Mir geht es darum, gerade diese Besonderheit von Körpern, von Bewegungsqualitäten, von Ästhetik zu nutzen, um diese choreografisch in die einzelnen Produktionen zu übersetzen. Ich möchte das Ungewöhnliche oder Fremde nicht vertuschen, sondern im Gegenteil gerade in der eigenen Ästhetik inszenieren.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Wir griffen zum Beispiel die Bewegungen eines Tänzers mit einer spastischen Behinderung in der Ensemblearbeit auf. Seine Bewegung entstand durch einen sehr hohen Tonus der Muskulatur, der aber unglaublich viel Ausdruckskraft und Stärke hat. Als ich in der Probe wollte, dass sich alle so bewegen, ging das teilweise nicht. Denn es ist für einen Tänzer, der keine solche Einschränkung hat, sehr schwer, genau das umzusetzen. Selbst, wenn er eine professionelle Ausbildung hat, sehr professionell ist. So etwas stellt jedes Mal in Frage, was Perfektion, was Tanz und was Schönheit bedeutet.

Sie haben viele Menschen mit körperlicher Behinderung erlebt, die das erste Mal auf der Bühne standen. Welche Bedeutung hatte das für diese Tänzer?

Es ist für jeden – egal, ob nun behindert oder nicht – ein großer Schritt, auf der Bühne zu stehen, und immer ein aufreibender Prozess. Ich suche deshalb nach Leuten, die Persönlichkeiten sind. Ich bin kein Pädagoge und mache kein Sozial-, sondern ein Kunstprojekt. Ich brauche Leute, die zwei Monate durchhalten und über ihre eigenen psychischen und physischen Grenzen gehen wollen. Am Ende sehe ich immer wieder eine wahnsinnige Entwicklung von allen. Auch die Profitänzer erleben einen intensiven Prozess, unter anderem in der Auseinandersetzung mit der Unterschiedlichkeit.
Gibt es Berührungsängste der Tänzer mit und ohne Behinderung?

In Deutschland gibt es ein steigendes Interesse für unsere Arbeit, grade von den professionellen Tänzern. Als ich angefangen habe, waren in meiner Audition vielleicht fünf Tänzer, die keine Behinderung hatten. Heute bekomme ich 150 dieser Bewerbungen, wenn ich in Deutschland eine Ausschreibung für eine neue Produktion mache. Die Arbeit interessiert die Bewerber, weil es eine Herausforderung ist, ihren Körper einmal anders zu erfahren und so Neues zu lernen, das sie tänzerisch nutzen können. Auch immer mehr Choreografen haben angefangen, Tänzer mit einer anderen Körperlichkeit in ihre Inszenierungen einzubauen. Diese Entwicklung ist aber noch nicht da, wo sie sein sollte. Und leider ist es speziell auf den großen Bühnen immer noch schwierig, eine solche Produktion zu verkaufen.

War in einem der Länder, in denen Sie bisher waren, die reine Tatsache als Provokation empfunden worden, dass Menschen mit Behinderung auf der Bühne standen?

Als Provokation vielleicht nicht, aber als etwas sehr Ungewöhnliches. Speziell bei unserer zweiten Produktion in Nairobi. In Kenia ist es so, dass auf den Dörfern Menschen mit Behinderung versteckt werden, denn sie gelten als ein böser Fluch für die Familie. Insofern war es ein Meilenstein, die Gruppe im Nationaltheater in Nairobi auf die Bühne zu bringen. Danach sind Theaterproduktionen entstanden, in denen auf einmal auch Menschen mit einer körperlichen Einschränkung dabei waren.

Gibt es Grenzen Ihrer künstlerischen Arbeit, die dadurch bedingt werden, dass Menschen mit Behinderung im Ensemble sind?

Grenzen? Grundsätzlich nein. Selbst wenn man eine extreme Idee hat, kann man es schaffen, sie umzusetzen. Wenn ich beispielsweise möchte, dass alle springen, wird das nicht jeder so können, wie man sich Springen üblicherweise vorstellt. Aber ein Rollstuhlfahrer wird Ideen entwickeln, um das visuell umzusetzen, damit der Zuschauer versteht, dass er jetzt springt. Das kann zu phantastischen Umsetzungen führen, die viel spannender sind als das, was ich mir vorher vorgestellt habe. Deswegen kann man sagen, es gibt keine Grenzen. Es gibt Fragen, die an Grenzen führen, für die man aber eine Lösung finden kann.


Linktipps:
Mehr Infos und alle Aufführungstermine der Kölner Tanzcompany DIN A 13
Das Crossings Dance Festival für mixed-abled Tanz
Die Förderprogramme der Aktion Mensch

  • Vor einer großen Leinwand mit einem riesigen Gesicht tanzen zwei Tänzer auf der Bühne, einer davon in einem Rollstuhl.
    Meyer Originals

    Tanzproduktion "in_FOCUS_out"

Carmen Molitor

Autorin: Carmen Molitor
Kategorie: Förderung

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Gewinnzahlen vom 19. Mai 2013 mit Jörg Pilawa

Autor: Redaktion, am 19.05.2013 um 19:37 Uhr

Jörg Pilawa präsentiert die Gewinnzahlen der Aktion Mensch-Lotterie und stellt den Werkhof St. Josef in Schramberg vor, in dem Jugendliche mit Sinnesbehinderung und Lernschwierigkeiten zum Schreiner oder Maler ausgebildet werden.
Die Aktion Mensch hat den Neubau des Werkhofs St. Josef mit 350.000 Euro bezuschusst.


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Strenge Erziehung für Kinder mit Down-Syndrom?

Autorin: Carina Kühne, am 19.05.2013 um 09:13 Uhr

Was ist Inklusion?
Ein lachendes Kind mit Down-Syndrom

Kind mit Down-Syndrom: Geduld und Konsequenz

kamokountrygurl / flickr.com

Kinder mit Down-Syndrom fallen meist auf, weil sie etwas anders aussehen. Deshalb werden sie besonders beobachtet. Man sagt ihnen nach, dass sie distanzlos seien.
Manchmal beobachte ich, wie unsere Mitmenschen auf sie reagieren: So lange die Kinder klein sind, findet man sie niedlich und lacht über sie. Manche Eltern lassen sie einfach laufen, weil sie denken, die Kleinen verstehen mich sowieso nicht und können gar nicht hören. Wenn sie ihren Kindern etwas verbieten, weil sie im Restaurant z. B. zu laut sind oder Fremde belästigen, heißt es nur: „Ach, lassen Sie doch, das macht doch nichts!“
Bei einem Kind ohne Handicap wäre das sicher anders.

Irgendwann werden auch Kleinkinder mit Down-Syndrom größer, und die Leute finden es gar nicht mehr gut, wenn sie angefasst oder durch das Verhalten der Kinder gestört werden. Sicher erfordert es viel Geduld und Konsequenz, Kindern mit einer Trisomie 21 Grenzen zu setzen, aber sie können bis zu einem gewissen Grad auch lernen, Regeln einzuhalten und Rücksicht zu nehmen. Das ist sehr hilfreich für die Akzeptanz und Inklusion in der Freizeit, dem Kindergarten, der Schule und auch der Arbeitswelt. Immer wird ein gutes Sozialverhalten erwartet.

Trotzdem ist es natürlich wichtig, dass von der Gesellschaft nicht erwartet wird, dass diese Kinder sich total anpassen. Sie sind nun mal etwas anders und brauchen Toleranz und Verständnis, um dazu zu gehören. Wie Richard von Weizsäcker schon gesagt hat: „Es ist normal, verschieden zu sein!“

Ganz bestimmt können wir alle nicht nur miteinander, sondern auch voneinander lernen. Die meisten Menschen mit Down-Syndrom sind nämlich sehr empfindsam ihren Mitmenschen gegenüber.


Linktipps:
Sind Kinder mit Down-Syndrom etwas Besonderes? Ein Blogbeitrag von Carina Kühne darüber, was es eigentlich bedeutet, "besonders" zu sein
Down-Syndrom-Babys aussortieren? Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über vorgeburtlichen Bluttest "PraenaTest"
Was bedeutet eigentlich "geistig behindert"? Carina Kühne stellt sich diese Frage im Inklusionsblog
Von Mut und Enttäuschung. Ein Blogbeitrag von Carina Kühne über positive Erfahrungsberichte von Menschen mit Behinderung und ihren Familien

Carina Kühne

Autorin: Carina Kühne
Kategorie: Inklusion

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Bilder einer Ausstellung

Autor: Henrik Flor, am 18.05.2013 um 10:00 Uhr

Cordula Mietz malt Bilder, die viele Menschen begeistern. Das Erstaunliche: Sie entstehen am Computer mithilfe einer Kopfsteuerung, da sie die Hände nur eingeschränkt benutzen kann. Der Verein kommhelp stand mit Software und jeder Menge Know-how zur Seite.

Cordula Mietz und Julia Deutsch

Es war ein großer Tag für Cordula Mietz, als die Ausstellung mit ihren Bildern im Februar eröffnet wurde. Viele Freunde und Interessierte waren gekommen, um die rund 30 Werke in den Räumen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Berlin zu sehen.

Das Besondere dabei: Cordula Mietz hat von Kindheit an motorische Probleme, ist Rollstuhlfahrerin und kann auch mit den Händen weder Pinsel führen, noch eine Computermaus bedienen. Dass sie dennoch am Rechner detaillierte Bilder zeichnet, hat auch mit dem Verein kommhelp – namentlich Julia Deutsch – zu tun.

Seit 20 Jahren engagiert sich der Verein dafür, dass Menschen mit Behinderung normale PCs in vollem Umfang nutzen können. Er stellt alternative Eingabehilfen und spezielle Software zur Verfügung, damit jeder so selbstbestimmt wie möglich kommunizieren kann. Dazu gehört auch das Nutzen von Anwendungen wie E-Mail, Skype oder Facebook.

So wurde für Cordula Mietz eine Kopfsteuerung angepasst, die es ihr ermöglicht, durch Kopfbewegungen den Mauspfeil zu bewegen und Klicks auszuführen. Dafür bedarf es lediglich einer handelsüblichen Webkamera plus der entsprechenden lizenzfreien Software.

Julia Deutsch von kommhelp ist regelmäßig bei Cordula Mietz zu Besuch, stellt sicher, dass alles funktioniert und entwickelt mit ihr die Software weiter. So wurde ein schwarzer Hintergrund am Rollstuhl befestigt und das Gesicht von einer Lampe so ausgeleuchtet, dass die Kamera besonders gut die Bewegungen des Kopfes erkennt. Neben dem Zeichenprogramm arbeitet Cordula Mietz auch mit Programmen, mit deren Hilfe sie alle möglichen Anliegen kommunizieren kann. Dies sind in der Regel lizenzfreie Programme, die vom Verein individuell angepasst und auch weiterentwickelt werden.

Freiwillige wie Julia Deutsch begleiten die Menschen, die sich an ihren Verein gewendet haben, über einen langen Zeitraum, justieren die Technik immer wieder neu, passen die Software an und erfüllen so eine Aufgabe, von der Angehörige oder Pflegende oft überfordert sind. Dabei sind Informatiker und Entwickler bei kommhelp eher selten. Einen gewissen technischen Sachverstand sollte man mitbringen, Spezialwissen wird jedoch nicht benötigt. Cordula Mietz ist übrigens auch als ehrenamtliches Mitglied des Vereins engagiert und hilft bei der Verbesserung der Programme.

Julia Deutsch und ihre Mitstreiter in Berlin freuen sich über weitere Unterstützung. Die Liste mit Menschen, die auf passende Eingabehilfen für den Computer warten ist lang.
Zum Verein Kommhelp

Henrik Flor

Autor: Henrik Flor
Kategorie: Freiwilliges Engagement
Tätigkeitsfeld: Behinderung und Teilhabe

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Studenten machen sich stark für Inklusion

Autorin: Stefanie Wulff, am 17.05.2013 um 08:53 Uhr

Was ist Inklusion?

Unter dem Motto "Menschen gestalten Zukunft – Inklusiv und selbstbestimmt" veranstalten angehende Heilerziehungspfleger des Robert-Wetzlar-Berufskollegs in Bonn einen Aktionstag, um auf Inklusion aufmerksam zu machen.

Logo zum Projekt: Bunte Scherenschnitte von Menschen mit und ohne Behinderung

"Viele Menschen wissen immer noch nicht, was Inklusion ist. Das versuchen wir zu ändern", sagt Freda Chatzigiannakou. Die 22-Jährige studiert an der Fachschule für Heilerziehungspflege des Robert-Wetzlar-Berufskollegs in Bonn. Sie und ihre Kommilitonen machen am 18. Mai mit vier Aktionen im Bonner Stadtgebiet auf das Thema Inklusion aufmerksam. "Menschen gestalten Zukunft – Inklusiv und selbstbestimmt" lautet das Motto, mit dem die angehenden Heilerziehungspfleger die Werbetrommel rühren wollen für die Idee einer Gesellschaft, die von Anfang an niemanden ausgrenzt und in der Menschen mit Behinderung die gleichen Rechte und Chancen haben wie Menschen ohne Behinderung.

"Bon(n) Appetit"

"Bon(n) Appetit – Der schmackhafte Weg zur Inklusion" ist das erste von vier Projekten. Von 13 bis 17 Uhr wird auf dem Bottlerplatz in der Bonner Innenstadt eine Tafel gedeckt. Jeder ist eingeladen, etwas zu essen und zu trinken mitzubringen und es mit anderen Gästen zu teilen. In gemütlicher Runde wollen die Studierenden Passanten das Thema Inklusion schmackhaft machen. Unterstützt werden sie dabei von Menschen mit Behinderung aus dem Therapiezentrum Bonn/Beuel, die davon berichten, wo sie persönlich im Alltag auf Barrieren und Ausgrenzung stoßen.

"Blind Kick"

Ein Freundschaftsspiel im Blindenfußball zwischen dem Blindenfußballverein PSV Köln und der ersten Mannschaft des Bonner SC wird um 11 Uhr in der Sportmeile angestoßen. Interessierte ohne Sehbehinderung können im Anschluss selbst ausprobieren, wie man eigentlich Fußball spielen kann, ohne sehen zu können.

"Gemeinsam Träumen"

Beim Projekt "Gemeinsam Träumen" von 11 bis 16 Uhr auf dem Friedensplatz geht es schließlich um Kreativität. Auf einer 15 Meter langen Leinwand sind alle Interessierten eingeladen, ihre Ideen und Gedanken zum Thema Inklusion umzusetzen – getreu der inklusiven Idee, dass Vielfalt und Individualität die Gesellschaft ausmachen (sollen).

"Geo Caching – die etwas andere Schnitzeljagd" startet schließlich um 12 Uhr auf dem Friedensplatz. Menschen mit und ohne Behinderung machen sich gemeinsam mit GPS-fähigen Geräten auf die Schatzsuche in der Innenstadt.

"Wir würden uns freuen, wenn die Stadt am 18. Mai voll ist und viele Menschen an unseren Aktionen teilnehmen", sagt Freda Chatzigiannakou. Sie und ihre Mitschüler haben sich zusammen mit zwei Lehrerinnen für das Projekt mächtig ins Zeug gelegt und sogar eine Website mit dem Programm und Hintergründen rund ums Thema Inklusion erstellt. Ihr Anliegen beschreiben sie dort so: "Bei Inklusion geht es darum, jeden Menschen in unsere Gesellschaft einzubeziehen und alle an unserem gemeinsam Leben teilhaben zu lassen. Egal, welche Religion, welche Hauptfarbe, welche Herkunft, on Mann oder Frau, jung oder alt, ob mit oder ohne Behinderung."


Linktipps:
Mehr Infos zum Projekt "Menschen gestalten Zukunft – Inklusiv und selbstbestimmt"
Ein Fest für Körper und Sinne. Ein Blogbeitrag von Carin Kühne über ein großes Inklusionsfest in Wiesbaden
Eine Kultur mehr: Gebärdensprache. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über die Kulturtage der Gehörlosen in Erfurt
Sinnesparcours zum 5. Mai in Frankfurt. Ein Blogbeitrag von Eva Keller über Selbsterfahrungen beim Aktionstag am 5. Mai

Stefanie Wulff

Autorin: Stefanie Wulff
Kategorie: Inklusion

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Signale zur schulischen Inklusion auf Grün?

Autorin: Margit Glasow, am 15.05.2013 um 08:50 Uhr

Was ist Inklusion?

Am 4. Mai fand in Rostock der 3. Inklusionskongress statt. Dazu hatte das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur und das Institut für Qualitätsentwicklung Mecklenburg-Vorpommern (IQMV) eingeladen. Bei der Fachtagung stand die konkrete Umsetzung der Inklusion an den Schulen in Mecklenburg-Vorpommern im Mittelpunkt, nachdem im Januar dieses Jahres eine Expertenkommission Empfehlungen für die Umsetzung eines inklusiven Bildungssystems in Mecklenburg-Vorpommern bis zum Jahr 2020 vorgelegt hatte.

Zuhörer in einem großen Hörsaal, im Vordergrund eine junge Frau im Rollstuhl.

Eltern, Lehrerinnen, Lehrer und allen anderen Interessierten hatten die Möglichkeit, sich in die Debatte über ein inklusives Bildungssystem einzubringen

Margit Glasow / thalmannverlag!

Nach den zum Teil sehr kontroversen Diskussionen auf den ersten beiden Inklusionskongressen im vergangenen Jahr stellte sich für mich die Frage, wie weit man tatsächlich mit der Inklusion gehen wolle. Zu deutlich war die Erinnerung an die Ausführungen von Bildungsminister Mathias Brodkorb, der sich im Mai 2012 klar für ein Inklusionsverständnis im weiten Sinne ausgesprochen und damit einer "Schule für alle" eine klare Absage erteilt hatte: "Wir sollten uns davor hüten, uns zu übernehmen. Wir müssen alle zusammen einen Kompromiss finden", hatte er damals gemahnt. An eine längst vergangene Zeit mutete an jenem Tag der Auftritt eines gewissen Prof. Dr. Egon Flaig an, der behauptete: "Geistig Behinderte können nicht gleichberechtigt am Leben der Gesellschaft teilhaben, sie leiden unter der Inklusion. Hochkulturen müssen selektieren und Eliten bilden."

Auflösung des gegliederten Schulsystems?

Auf dem 2. Inklusionskongress im November wurde dann darüber diskutiert, ob eine inklusive Schule für alle nicht konsequenterweise die Auflösung des gegliederten Schulsystems zur Folge haben müsste. Prof. Dr. Ulf Preuss-Lausitz (TU Berlin) sah in der Inklusion eine Chance, die Vision von einer Einheitsschule voranzutreiben, denn das bestehende deutsche gegliederte System bringe nur mittelmäßige Leistungen hervor und würde die größte Leistungsschere aller von PISA untersuchten Staaten aufweisen. Begabtenforscher Prof. Dr. Kurt Heller (LMU München) bestritt diese Auffassung vehement und zog das Fazit, dass eine inklusive Schule im engeren Sinne eine völlig utopische Vorstellung sei. Der ohnehin knappe Etat könnte effizienter in das bestehende Schulsystem gesteckt werden.

Expertenkommission befürwortet Inklusion in einem weiten Sinne

Eine Expertenkommission (EPK) hat nun Empfehlungen erarbeitet, auf deren Grundlage ein inklusives Bildungssystem bis zum Jahr 2020 umgesetzt werden soll. Schaut man sich den Bericht mit diesen Empfehlungen einmal genauer an, findet man dort ein ganz klares Bekenntnis zur Inklusion in einem weiten Sinne. Kinder und Jugendliche mit und ohne besondere Förderbedarfe sollen demnach gemeinsam und zieldifferent unterrichtet werden. Unterschiedliche Schulabschlüsse, die auf differente nachschulische Anforderungen vorbereiten und hinleiten (wie die derzeitigen Abschlüsse der Förderschule, der Berufsreife, der Mittleren Reife sowie der Hochschulreife) werden dabei jedoch nicht in Frage gestellt. Es wird zwar in dem Bericht darauf verwiesen, dass ein mehrgliedriges Schulsystem letztlich im Konflikt zum Grundgedanken der Inklusion stehe und auch aus pädagogischen Gründen Formen des längeren gemeinsamen Lernens wünschenswert schienen. "Aber auch ohne die 'Systemfrage' an den Anfang aller Bemühungen zu setzen", heißt es konkret im Expertenbericht, "lassen sich auch gegliederte Schulsysteme stärker in Richtung Inklusion entwickeln." Demzufolge hätten sich alle Schulformen (Grundschulen, Regionale Schulen, Gymnasien, Gesamtschulen ...) der Inklusion zu öffnen und seien dazu aufgefordert, hierfür Konzepte zu entwickeln sowie, wo vorhanden, fortzuschreiben.

Zur konkreten Situation in Mecklenburg-Vorpommern

Der Expertenbericht macht darauf aufmerksam, dass Mecklenburg-Vorpommern im Schuljahr 2010/11 mit einem Anteil von insgesamt 10,1 % zu den Bundesländern mit dem höchsten Anteil von Schülerinnen und Schülern mit festgestelltem sonderpädagogischem Förderbedarf im Gesamtsystem Schule gehörte (bundesdeutscher Durchschnitt der sog. Förderquote im Schuljahr 2010/11: 6,2 %). 71 % aller Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf lernen im nordöstlichen Bundesland an Förderschulen. Fast 75 % davon sind Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Bereichen Lernen, Sprache sowie emotionale und soziale Entwicklung.

Die Expertenkommission empfiehlt, diese Situation Schritt für Schritt zu verändern. Dazu will sie unter anderem mit Einführung der inklusiven Grundschule die Schulen für die genannten Förderschwerpunkte zugunsten einer Förderung im Gemeinsamen Unterricht auslaufen lassen. Einer kleinen Anzahl von Kindern mit schwerwiegenden Problemen im sozial-emotionalen Bereich sollen dennoch temporär angelegte Sonderbeschulungsmaßnahmen vorgehalten werden. Für Kinder aller anderen Förderschwerpunkte sollen "Schulen mit spezifischer Kompetenz" entwickelt werden. Um eine wohnortnahe Beschulung zu realisieren, sollen für den Zielzeitraum bis 2020 mindestens in jedem Alt-Kreis bzw. in jeder ehemaligen kreisfreien Stadt inklusive Beschulungsmöglichkeiten entstehen, indem Schulen entsprechend ausgestattet werden.

Und welche Farbe zeigt nun die Ampel auf dem Weg zur Inklusion?

Grün sicherlich nicht. Angesichts der geführten Diskussionen auf bisher drei Kongressen hält sich meine Hoffnung auf tatsächliche Inklusion und damit auf Chancengleichheit aller Schülerinnen und Schüler in Grenzen.


Mehr zum Thema:
Das Handlungsfeld "In der Schule" der Aktion Mensch
"Schule für alle gestalten": Das Praxisheft der Aktion Mensch für Lehrerinnen und Lehrer (PDF-Dokument)
Wie viel Kompromiss darf es denn sein, Herr Bildungsminister? Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über den ersten Inklusionskongress in Mecklenburg-Vorpommern
Inklusion contra gegliedertes Schulsystem? Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über den zweiten Inklusionskongress in Rostock, bei dem das Thema inklusive Bildung diskutiert wurde
Inklusion – ein Lehrstück. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen mit persönlichen Erfahrungen und Überlegungen zur schulischen Inklusion
"Ich bin ich". Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über vorbildliche schulische Inklusion an der privaten Mira Lobe Grundschule

Margit Glasow

Autorin: Margit Glasow
Kategorie: Inklusion

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