Aktion Mensch-Blog

An der Berichterstattung leidend

Blogger: Raúl Krauthausen, am 16.11.2011 um 10:00 Uhr

Mit der Weihnachtszeit beginnt nicht nur die Zeit der Liebe, der Süßigkeiten und des Glühweins, sondern auch die Zeit der Stereotype. Organisationen buhlen um das Spendengeld mit Bildern von traurigen Kindern oder hungrigen Tieren und auch Journalisten buhlen mit herzzerreißenden Geschichten um die Aufmerksamkeit. Letzteres ist eigentlich Jahreszeitenunabhängig, aber tritt in der kühleren Zeit häufiger auf - vielleicht um Herzen zu erwärmen. Um schöne Geschichten zu erzeugen sind auch Menschen mit Behinderung ein gutes Motiv: die armen Menschen, die "an den Rollstuhl gefesselt" sind oder "an ihrer Behinderung leiden" schaffen "Außergewöhnliches". Solche Geschichten lesen sich gut und helfen auch den Menschen mit Behinderungen - glauben zumindest die Verfasser.

In der Realität ist oft das Gegenteil der Fall: Ich selbst betrachte mich nicht als jemanden, um den man sich "Sorgen" machen sollte. Genauso wenig bin ich an den "Rollstuhl gefesselt", sondern ich schnalle mich freiwillig an. Die wirkliche Fesselung wäre erst dann da, wenn ich keinen Rollstuhl hätte. Denn ein Rollstuhl bedeutet für mich Freiheit und nicht Einschränkung. Auch ist die Annahme, dass ich an "Glasknochen leide" eine typische Sicht der Nichtbehinderten. Für viele Menschen mit Behinderung ist die Tatsache behindert zu sein einfach Fakt. Genauso wie eine Haarfarbe oder die Schuhgröße: mal schränkt sie einen ein, mal nicht.

Journalisten neigen dazu, die Extreme einer Person bzw. einer Geschichte hervorzuheben und zu überhöhen. Dann ist oft vom "Sorgenkind", dem hilflosen Menschen mit Behinderung die Rede, dessen "Schicksal" alles überstrahlt, was den Menschen auch noch auszeichnen könnte. Oder, im umgekehrten Falle vom "Superkrüppel", jenem Menschen, der seine Behinderung offenbar "überwunden" hat, den Mount Everest mit seinem Rollstuhl erklimmt, und als Held gefeiert wird.
Wenn "ein kleiner Mann ganz groß ist" oder eine Frau ihre Füße benutzt um ihr Kind zu wickeln, weil sie keine Arme hat, dann sind das einleuchtende Geschichten für den Leser/Zuschauer. Dabei bestehen die meisten Behinderungen für Menschen mit Behinderungen durch gesellschaftliche Umstände: Stufen vor Cafés, Internetseiten die Sehbeeinträchtigte nicht lesen können, Ampeln ohne akustische Signalanlagen oder unnötige Amtswege - das sind nur ein paar Beispiele, die Menschen im Alltag wirklich behindern, aber die medial kaum beschrieben werden.

Am Beispiel der Wheelmap lässt sich das ein bisschen verdeutlichen: die Wheelmap haben wir bei den SOZIALHELDEN erfunden, weil wir nicht wussten, welche Cafés und Bars Stufen haben und dafür von Rollstuhlfahrern nicht genutzt werden können. Nach einem Jahr haben wir über 170.000 markierte Orte und das auch dank der Berichterstattung. In einigen Artikeln wurde aber nicht das Problem der Stufen thematisiert, sondern dass es ein Mann mit einer Behinderung geschafft hat so ein großes Projekt zu erschaffen. Ich frage mich: Wie hätte die Berichterstattung ausgesehen, wenn die Karte von zwei Nichtbehinderten erfunden geworden wäre? Hätte man sich dann eher dem Inhalt (barrierefreier Zugang) zugewandt oder einfach nicht darüber berichtet?
Ein anderes Beispiel ist die TV-Moderatorin Carrie Burnell. Ihr Debüt als Moderatorin bei der Kindersendung "CBeebies" in der BBC wurde von Eltern kritisiert. Das Fehlen ihres rechten Unterarms könne schließlich Kinder erschrecken. Burnell und die BBC verteidigten sich und meinten, dass die Eltern eher ihre eigenen Ängste auf die Kinder projizieren würden. Interessant an letzterem Beispiel ist, dass Burnell in England inzwischen ein Star ist. Und das mit und nicht "trotz" ihrer Behinderung. Sie moderiert eine klassische Kindersendung (Video). Ohne das Thema Behinderung in den Mittelpunkt zu stellen. Sie hat sie einfach. So wie ihr Kollege zwei Arme hat.

Wann ist es in Deutschland soweit, dass Menschen mit Behinderung für Produkte werben bzw. Sendungen moderieren (dürfen), die das Thema Behinderung mal nicht als Hauptthema verwenden?
Die Antwort ist einfach: Bei der Wheelmap und Burnell zeigt sich, dass die eigenen Vorurteile und Ängste gegenüber Menschen mit Behinderungen direkt (der Journalist selbst) oder indirekt (der Leser/Zuschauer) eine Berichterstattung prägen und somit Stereotype bedienen. Auf meinen Weihnachtswunschzettel steht daher jedes Jahr: Lieber Weihnachtsmann, lass bitte mehr Artikel und Medien erscheinen, die emotional weniger aufgeladen sind und richtige Bilder die Aufmerksamkeit bekommen. Hoffentlich war ich artig genug.

Raúl Krauthausen

Blogger: Raúl Krauthausen
Kategorie: Inklusion

Bisher 5 Kommentare

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Godan

21.11.11 um 07:23 Uhr

@Uli Mandel: Ich habe in den letzten Jahren festgestellt, dass, das Internet eine größere Wirkung hat, als die lokale Presse, wenn es mit sozialen Netzwerken, wie Facebook oder Twitter verbunden ist. Es kommt allerdings darauf an, was man für Leute in seinen Netzwerken hat.

Uli Mandel

20.11.11 um 19:48 Uhr

@Godan: Deshalb sind Artikel wie der von Raúl Krauthausen auch so wichtig. Schade nur, dass er hier nur von einer Zielgruppe gelesen wird, die ohnehin nicht mehr überzeugt werden muss. Schön wäre es, wenn der Text in der lokalen Tagespresse als Leserbrief plaziert werden könnte. (ich würde dabei helfen...)

Ulrich Mandel
Administrator des Frühchen-Netzes

Godan

20.11.11 um 17:38 Uhr

Außer, dass man bis in die Kleinstädte die Bürgersteige abgesenkt hat, hat sich nichts geändert, die Behinderten werden bis heute nicht akzeptiert. Die Leute interessiert nur, was kann ich an einem Behinderten noch verdienen. Den Behinderten als Person interessiert keinen, man macht sich nur über ihn lustig und zieht ihn auf.

Uli Mandel

16.11.11 um 18:37 Uhr

Ein super Beitrag, der es verdient, verbreitet zu werden.

Ulrich Mandel
Administrator des Frühchen-Netzes

andijah

16.11.11 um 14:04 Uhr

Ganz toller Beitrag, danke dafür!
Und ich sag dem Weihnachtsmann mal Bescheid ;-)


 

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