Aktion Mensch-Blog

Selbstbestimmt reisen auch im Alter?

Blogger: Margit Glasow, am 07.09.2012 um 09:11 Uhr

Dass Rostock zu den ausgesuchten Modellstädten gehört, um das Projekt ACCESS zu testen, freut mich sehr. Immerhin gibt es hier noch einiges in Sachen Barrierefreiheit zu tun. So war der ACCESS-Informationstag im Bürgerschaftssaal des Rostocker Rathauses im Juni eine gute Gelegenheit, um mich über dieses Projekt zu informieren und in einen ersten Austausch mit den zukünftigen Anwendern, interessierten Verbänden und den wirtschaftlichen und politischen Vertretern der Hansestadt und des Landkreises Rostock zu treten. Denn skeptisch war ich schon, soll dieses Projekt doch in erster Linie Senioren ansprechen, die sich mit Hilfe einer App über barrierefreie touristische Möglichkeiten in verschiedenen Städten informieren sollen. Senioren und Informationsabfrage per Handy? Passt das zusammen?

Ein alter Mensch mit Rollstuhl auf Kopfsteinpflaster. Foto: Albrecht E. Arnold / pixelio.de

Worum geht es genau bei diesem Projekt? Ziel des Projektes ACCESS ist es, ein Navigationssystem zur barrierefreien Routenplanung durch Städte und Gebäude großflächig zu entwickeln und bereitzustellen – zunächst in mehreren Modellstädten und -regionen. Die Zielgruppe sind ältere Menschen (Senioren) – mit und ohne altersbedingte Handicaps. Ihnen will man helfen, ihre schwindende Mobilität auf Reisen zu kompensieren, indem man ihnen eine für sie individuell geeignete Wegeführung im öffentlichen Raum und in Gebäuden aufzeigt. Nach Ende der dreijährigen Laufzeit soll der Prototyp einer App vorliegen, der die Basis für die rasche Verbreitung in weiteren Regionen und Städten werden soll.

Mobile Navigationshilfen leicht bedienbar

Rostock wurde dafür als eine Modellstadt ausgewählt, die als "Best Practice"-Beispiel dienen soll. Projektleiter ist René Tober, Mitarbeiter der Caritas Mecklenburg, Kreisverband Rostock. Der junge Mann, der mit dem Rett-Syndrom lebt, geht hoch motiviert an die Umsetzung des Projektes. Momentan arbeitet er vor allem an der Etablierung bestimmter Dienstleistungssysteme, um zum Beispiel eine Ausleihstation für Fahrräder, Tandems, Handbikes oder für Strandrollstühle einzurichten. Unterstützung erhält er von seinem derzeitigen Praktikanten, der sich unter anderem um den Facebook-Auftritt kümmert.

In allen Modellstädten werden im Laufe des Projektes die Daten nach einem einheitlichen Raster aufgenommen, dokumentiert und bewertet. Die Ergebnisse werden systematisch und vergleichbar dargestellt. Die Perspektive besteht darin, dass es zukünftig bei unterschiedlichen Anlaufstellen (z. B. Tourismusanbietern, Tourist-Informationen und Verbänden) in ganz Deutschland eine mobile Navigationshilfe zum Leihen bzw. im Internet die notwendige Software zum Download auf eigene mobile Endgeräte gibt. Eine große Bedeutung kommt dabei den Endgeräten und deren Menüführung zu, die selbst einfach zu bedienen sein müssen. So können ältere Menschen mit Mobilitätseinschränkungen auch fremde Städte, öffentliche Gebäude und ganze Urlaubsregionen problemlos besuchen und für sich entdecken.

Zukünftige Nutzer eng mit einbeziehen

Als Nutzen des Projektes wird unter anderem angegeben, dass Senioren damit eine größere Selbständigkeit und Unabhängigkeit erlangen sollen und dass – kurzfristig – eine Barrierefreiheit ohne aufwendige bauliche Maßnahmen (= Investitionen) erlangt werden soll, allein durch die Bereitstellung von Informationen zum Status quo und Aufzeigen möglicher Alternativwege. Davon sollen sowohl reisende Senioren und Touristen als auch die Bewohner der Modellregionen und -städte gleichermaßen profitieren. Die Nutzer sollen während der gesamten Entwicklung sowohl direkt als auch über Interessenverbände und -vertreter einbezogen werden, um sicherzustellen, dass keine technischen Lösungen angedacht werden, die von den Senioren letztendlich nicht angenommen werden. Das ist meines Erachtens ein ganz wichtiger Aspekt, mit dem sichergestellt wird, dass die Senioren diese Technik dann auch wirklich nutzen.

Skepsis bleibt

Trotzdem bleibt eine gewisse Skepsis bei mir zurück, auch wenn ich die Idee sehr gut finde, dass man sich in Zukunft mithilfe einer App über barrierefreie touristische Angebote in verschiedenen Städten und Regionen wird informieren können. Skepsis zum einen deswegen, weil hier ausdrücklich Senioren in den Fokus des Projektes gerückt werden. (Warum diese Einschränkung? Geht es uns nicht um einen Tourismus für alle? Es ist zu hoffen, dass diese Kategorisierung nicht deshalb vorgenommen wurde, um bestimmte Förderkriterien zu erfüllen.) Zum anderen frage ich mich, ob hier schon wieder das Rad neu erfunden werden soll? Denn für meinen Geschmack gibt es schon genügend – wenn auch regional sehr zersplitterte – Initiativen, die eine Bestandsaufnahme über barrierefreie touristische Angebote vorgenommen haben bzw. daran arbeiten. Da wäre es doch sinnvoll, das Vorhandene zu nutzen, die Bewertungskriterien zu vereinheitlichen und das Ganze dann für den Nutzer technisch aufzubereiten. Oder nicht?


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Margit Glasow

Blogger: Margit Glasow
Kategorie: Inklusion

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