Aktion Mensch-Blog

Stumme Erschütterung, die wenig kostet

Blogger: Anina Valle Thiele, am 03.09.2012 um 15:00 Uhr

"Unschädlich wie Zuckerplätzchen" – damit hatten Grünenthal-Vertreter einst das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan beworben. Tausende Schwangere hatten das Medikament eingenommen, das starke Schädigungen an Embryonen verursachte. Mit den Folgen kämpfen viele Opfer noch heute, falls sie noch leben. Grünenthal hat nun 50 Jahre danach um Entschuldigung gebeten.

Bronze-Skulptur mit einem Stuhl, auf dem ein Mädchen ohne Arme und mit fehlgebildeten Füßen sitzt, und einem leeren Stuhl. Contergan-Denkmal im Kulturzentrum Frankental in Stolberg

In einer feierlichen Zeremonie wurde am vergangenen Freitag eine Bronze-Skulptur enthüllt, die ein auf einem Stuhl sitzendes Mädchen ohne Arme und mit fehlgebildeten Füßen zeigt. Sie zeigt die Folgen der Contergan-Einnahme, so wie sie die meisten vor Augen haben, wenn sie an das Medikament von Grünenthal denken. Anlässlich der Feierstunde formulierte Konzerngeschäftsführer Stock gegenüber den Contergan-Geschädigten die "Entschuldigung, dass wir fast 50 Jahre lang nicht den Weg zu Ihnen von Mensch zu Mensch gefunden haben. Stattdessen haben wir geschwiegen und das tut uns sehr leid."

Vor 49 Jahren wäre eine solch gewundene Entschuldigung, sich verlaufen zu haben, vielleicht eine noble Geste gewesen. Nach einem halben Jahrhundert zähem Abwehrkampf gegen Entschädigungsansprüche mutet es jedoch befremdlich an, wenn der Geschäftführer eines Unternehmens, das 2011 einen Vorsteuergewinn von 127 Mio. Euro auswies, die Opfer darum bittet, "unsere lange Sprachlosigkeit als Zeichen der stummen Erschütterung zu sehen, die Ihr Schicksal bei uns bewirkt hat." Gleichzeitig jedoch beteuert, in der Sache selbst nichts falsch gemacht zu haben.
Die Präsentation des Denkmals fand ohne den Bundesverband Contergangeschädigter statt, der an diesem "medienwirksamen Coup" Grünenthals nicht teilhaben wollte. Verständlich, hat man die Auseinandersetzungen der letzten Jahrzehnte vor Augen. Rund 10.000 der Geschädigten, die überhaupt überlebt haben, mussten und müssen weltweit in mühsamer Kleinarbeit ihre Rechte erkämpfen. Allein der Druck von Öffentlichkeit und Medien zwang Grünenthal sukzessive zu gewissen Zugeständnissen. So nahm das Unternehmen erst nach einem Artikel in der Welt am Sonntag im November 1961 das Präparat aus dem Handel. Von 1957 bis 1961 war der Wirkstoff Thalidomit als vermeintlich harmloses Schlaf- und Beruhigungsmittel in westdeutschen Apotheken frei erhältlich, noch Ende der 50er Jahre galt Contergan als das Beruhigungs- und Schlafmittel par excellence – und wurde vor allem bei Schwangerschaftsübelkeit empfohlen.

Nur der Druck von Öffentlichkeit und Medien zwang Grünenthal zu kleinen Zugeständnissen.

Erst nach Bekanntwerden der schädigenden Wirkung des Medikaments durch den Fernsehzweiteiler Contergan "Eine einzige Tablette", dessen Ausstrahlung Grünenthal verzweifelt zu verhindern versucht hatte, setzte sich das Unternehmen nach 46 Jahren mit dem Bundesverband Contergangeschädigter zähneknirschend an einen Tisch.
Nach langen Auseinandersetzungen war 1971 eine Stiftung eingerichtet und mit 200 Millionen D-Mark ausgestattet worden – auch um Individualansprüche an Grünenthal abzuwehren. Das Geld kam jeweils zur Hälfte von Grünenthal und aus dem Bundeshaushalt. Aus diesem Fonds erhalten die Geschädigten eine Rente. 2008 wurde die Rente per Bundestagsbeschluss verdoppelt, sodass sie maximal 1100,- Euro beträgt. Eine Höchstsumme, die umfassende Hilfen bei Einschränkungen und z.B. Folgeerkrankungen nicht abdecken kann. Um aus den negativen Schlagzeilen zu kommen, hatte Grünenthal 2009 nochmals einmalig 50 Millionen Euro in die Stiftung eingezahlt.

Eine Entschuldigung aus heiterem Himmel?

Und nun, gut 50 Jahre später eine Entschuldigung aus heiterem Himmel. Warum gerade jetzt? Eine kürzlich von der Universität Heidelberg veröffentlichte Studie will beweisen, dass die Einnahme von Contergan gravierendere Schäden zur Folge hatte als bisher angenommen. Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung Hubert Hüppe sieht Handlungsbedarf. Ilja Seifert von der Fraktion "Die Linke" kündigte an, im Oktober einen Antrag in den Bundestag einzubringen, der eine bessere Unterstützung der Geschädigten sicherstellt. Nicht ohne Einfluss auf Grünenthal dürften auch eingereichte bzw. angekündigte Klagen vor europäischen bzw. ausländischen Gerichten sein. Unwahrscheinlich, dass die Richter sich in anderen Ländern durch das deutsche Stiftungskonstrukt davon abbringen lassen, einer nachweislichen Beeinträchtigung eine angemessene Entschädigung folgen zu lassen. Auf dass die Hoffnung von Grünenthal, eine lauwarme Entschuldigung und ein Denkmal würden genügen, damit ihr Handeln in Vergessenheit gerät, nicht in Erfüllung gehe.

Anina Valle Thiele

Blogger: Anina Valle Thiele
Kategorie: Inklusion

Bisher 2 Kommentare

Sie müssen sich erst einloggen, um eigene Kommentare zu schreiben.

Sie müssen sich erst einloggen, um eigene Kommentare zu schreiben.

Login
Passwort vergessen?
Neu anmelden


Für die Lotterie und das Förderantragsystem benutzen Sie bitte die separaten Logins:

Login Lotterie
Login Förderantragsystem

  • Darstellungsart: 

  • Neuester Kommentar zuerst
  • Ältester Kommentar zuerst

CONTERGANichtszu

04.09.12 um 18:07 Uhr

Sehr treffend geschrieben

DANKE

Peng

03.09.12 um 22:21 Uhr

Exzellenter Beitrag! Herzlichen Dank hierfür!

Herzliche Grüsse von einem Conterganopfer!


 

Seite weiterempfehlen