Aktion Mensch-Blog

Gehwalt

Blogger: Raúl Krauthausen, am 27.08.2012 um 09:26 Uhr

Es sind wohl die Sätze, die viele Kinder von ihren Eltern gehört haben: "Kind, was willst du in Berlin? Da ist es doch viel zu gefährlich!" – Obwohl die Eltern vielleicht keine Ahnung haben oder zu viel Kraftklub hören, würde ich ihnen bei ein paar Geschichten aus meiner Vergangenheit zustimmen. Denn auch vor mir hat die Gewalt nicht Halt gemacht.

Ein Mann steht im Dunkeln auf einer Straße. Der Kotti wie man ihn sieht und "liebt". Foto: Andi Weiland

Ich liebe Berlin. Nicht erst seit gestern, sondern schon immer. Also seit ich die Stadt bewusst wahrnehmen kann und mich in ihr bewegen kann. Doch so sehr ich alle Vorzüge der Hauptstadt genieße, habe ich leider auch schon Erfahrungen mit den Schattenseiten gemacht: Gewalt.

Als ich elf Jahre alt war und an einer Bushaltestelle in Lichterfelde darüber nachdachte, wie man die Zeit hier besser totschlagen könnte, wurde ich geschlagen, und zwar von einem kleinen Jungen. Es ist zwar nichts passiert, aber auf den Schreck folgte die Angst. Denn in dem Moment fühlte ich mich wehrlos. Ich habe den ganzen Tag geweint und darüber nachgedacht, wollte mein Zimmer nie wieder verlassen. Meine Gedanken ähnelten wohl denen vieler Gleichaltriger und hatten nichts damit zu tun, dass ich hilflos im Rollstuhl oder kleiner bin, sondern einfach, dass ich keine Chance hätte, mich zu wehren. Und so realisierte ich auch, dass es nichts bringt, sich von seiner Angst leiten zu lassen, und stand irgendwann wieder an der Bushaltestelle und wurde da nie wieder geschlagen.

Viel später war ich dann mal von einer Party in der Nacht vom Kottbusser Tor auf den Weg nach Schöneberg. Damals wie heute würde der "Kotti" keinen Preis in der Kategorie "angstfreie Zone" gewinnen. Freunde von mir fürchten sich auch schon tagsüber vor den herumlungernden Menschen. Ich habe mich irgendwie daran gewöhnt, weil es nicht das einzige Bild ist, das ich von der Kreuzberger U-Bahn-Station kenne. Aber an diesem Abend beschlich mich auch eine undefinierbare Angst. So machte ich die Musik auf meinem Smartphone ein bisschen lauter und wollte schnell zur Station. So richtig abgelenkt hatte es mich nicht und ich dachte darüber nach, was mich verunsicherte: War es die Dunkelheit? Waren es die Menschen, die dort in einer mir nicht verständlichen Sprache lautstark redeten? Waren es die alkoholisierten Fahrgäste, die auf die U-Bahn warteten? Es passierte nichts. Ich stieg in die Bahn, ärgerte mich über die Angst, die ich vor "dem Fremden" hatte. Es war sehr interessant, wie der Ärger über mich selbst meine Angst ersetzte.

In Schöneberg angekommen – einem Stadtteil, der in Berlin als "sicher" gilt –, war die Angst komplett verflogen. Auf meinem Nachhauseweg von der U-Bahn-Station zu meiner Wohnung begegneten mir unabhängig voneinander drei Männer, die mir in den Schritt griffen/ greifen wollten und anzügliche Bemerkungen machten. Beim Ersten wusste ich nicht, wie mir geschah ... Beim Zweiten konnte ich irgendwie ausweichen und der Situation entfliehen. Beim Dritten hab ich wild rumgeschimpft und ihn angeschrien, so dass er wegrannte. Ich kochte vor Wut. Die Angst war nicht zurückgekommen, sondern nur die Erkenntnis, dass in einer Stadt mit 3,5 Millionen Menschen einfach auch verrückte Menschen sind, die sich nicht an Stadt- und Vorurteile halten.

Als mir wenige Monate später mein Handy im Wedding (es hätte bestimmt auch jeder andere Bezirk sein können) geklaut wurde, nahm ich die Sache fast zynisch. Ich schrieb damals in meinem Blog, dass es wohl auch eine Art der Gleichberechtigung bzw. Inklusion ist, wenn auch Behinderte bestohlen werden. Das war natürlich nur ein dummer Gedanke, aber wie soll man anders damit umgehen, wenn man sich nicht zuhause oder außerhalb von Großstädten verstecken will!?

Sind euch schon ähnliche Sachen geschehen, und was kann man dagegen machen?


Mehr zum Thema:
Gewalt gegen Behinderte. Ein Artikel von Dr. Manfred Schmidt vom Berliner Forum für Gewaltprävention

Raúl Krauthausen

Blogger: Raúl Krauthausen
Kategorie: Inklusion

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