Aktion Mensch-Blog

Behinderte Banditen

Blogger: Raúl Krauthausen, am 10.08.2012 um 08:59 Uhr

Nicht nur Männer mit Schlapphüten können geheime Treffen an mysteriösen Platzen ausmachen. Auch Raul Krauthausen hat in bester James-Bond-Manier einen Vertrauensmann getroffen und sehr interessante Informationen über die Schattenseiten von Menschen mit Behinderung bekommen ...

Ein Laptop, hinter dem sich jemand versteckt - zu sehen ist nur dessen Mütze. Versteckt sich hier hinter der geheime R. K.?

Die folgenden Informationen wurden mir von einer geheimen Quelle zugetragen. Der Einfachheit halber nennen wir die Quelle mal R. K. Vor ein paar Wochen habe ich mich mit R. K. an einer dunklen Stelle am Westhafen getroffen. Zwischen Matrosen und Piraten, in einer schwarz-weißen Gasse, erzählte mir R. K. davon, dass auch Menschen mit Behinderung kriminell sein können. Mir fiel vor Erstaunen fast meine Mütze ins Wasser, aber er erzählte weiter: "Weißt du: Ein Vorteil für Behinderte ist doch die positive Diskriminierung nach dem Motto: 'Nein, der arme Rollstuhlfahrer kann doch nichts Schlimmes machen.'" Ich dachte in dem Moment an meinen Rucksack, der eigentlich groß genug ist, einen ganzen Wocheneinkauf darin verschwinden zu lassen.
R. K. arbeitete in einer Stelle, die auch Gelder für Menschen mit Behinderung bewilligt, und in einem zehnminütigen Vortrag erläuterte er mir, dass sich auch einige Behinderte in dem Moment, wenn es um Geld geht, manchmal behinderter machen, als sie sind. Die Begründung von R. K. ist nachvollziehbar: Es gibt Behinderte, die finden, dass der Staat schon genug Geld an ihnen weggespart hat, und somit ihre Selbstbestimmung beschränken, um die benötigte Assistenz finanziert zu kriegen. "Deswegen machen sich wohl manche behinderter, um dann selbstbestimmter zu sein?", frage ich zusammenfassend. "Ja, ja", sprach R. K. unvermittelt weiter: "Das ist zwar verständlich, aber trotzdem nicht richtig. Oder? Denn wenn das auffliegt, könnten sich die Regelungen/ Prüfungen und Gängelungen vielleicht sogar noch verschärfen."

An uns fährt ein großer Tanker vorbei, und deswegen verstehe ich R. K., der selbst im Rollstuhl sitzt, nicht gut und schweife in meinen Gedanken ab. Ich muss an das barrierefreie Gefängnis in Düsseldorf denken und frage mich, ob ein Gefängnis für einen Rollstuhlfahrer nicht einfach auch von einer Treppe eingeschlossen werden kann. Ganz ohne Gitterstäbe. Ich steige in das Gespräch wieder ein, als R. K. das Wort "Krüppel" benutzt. Ich wollte ihn schon korrigieren, bis er meinte: "Ja, ja, sorry ... Spacko oder Krüppel darf man nicht sagen, aber wir sind doch hier unter uns." Ich nickte und dachte an viele Gespräche, in denen ich die Wörter schon nutzte, obwohl ich weiß, wie politisch unkorrekt sie sind. Ich versuche, das Gespräch noch auf etwas anderes zu lenken: "Kennst du das YouTube-Video, bei dem ein Rollstuhlfahrer einen Räuber aufhält?" "Nee, kenne ich nicht", antwortet R. K. "Aber eigentlich ist das auch langweilig. Weißt du, irgendwann will ich auch mal in der Zeitung lesen: 'Achtung, behinderte Banditen-Rollstuhlfahrer überfallen Geschäfte.'" Wir fangen beide an zu lachen bei der Vorstellung, wie die Panzerknacker aus einer Sparkasse rollen.

R. K. wollte noch viel erzählen, aber es war ein typischer Berliner Sommertag, und es begann zu regnen.

Raúl Krauthausen

Blogger: Raúl Krauthausen
Kategorie: Inklusion

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