Aktion Mensch-Blog

Der Traum vom inklusiven Wohnen

Blogger: Eva Keller, am 10.07.2012 um 08:37 Uhr

Familien im Raum Aschaffenburg, die für ihre erwachsenen Kinder noch eine Wohnmöglichkeit jenseits eines Wohnheims für Menschen mit Behinderung suchen, sollten sich den 17. Juli im Kalender freihalten: Dann nämlich trifft sich die "Interessengemeinschaft Inklusives Wohnen" zu ihrer Gründungsveranstaltung. Das Ziel: die Gründung einer WG für junge Erwachsene mit unterschiedlicher schwerer Behinderung, die von Pflegern und Helfern ambulant versorgt werden und im Idealfall sogar mit Menschen ohne Behinderung (zum Beispiel Studenten) zusammen leben.

Inge Rosenberger Inge Rosenberger – Foto: privat

"Die Lebensbedingungen für unsere Kinder sollen so normal wie möglich sein", erklärt Initiatorin Inge Rosenberger, selbst Mutter einer 29-jährigen Tochter. Diese Normalität basiert aus ihrer Sicht darauf, dass sich für die künftigen Bewohner Leben und Arbeiten nicht auf einem Gelände abspielt – mit der Folge, dass sie dann vom Rest der Gesellschaft weitgehend separiert sind. Zur Normalität gehört auch, dass die Bewohner der WG selbst über das Essen entscheiden und kochen und dass sich die Freizeitgestaltung nach den (möglichst gemeinsamen) Interessen der Bewohner richtet. All das sind Aspekte, die in den derzeitigen Angeboten in Unterfranken nicht berücksichtigt werden. "Die sind nicht an den Bedürfnissen und den Interessen der Bewohner orientiert", kritisiert Inge Rosenberger.
20 Eltern, deren Kinder zwischen 20 und 40 Jahre alt sind und noch zuhause leben, haben sich um Inge Rosenberger über persönliche Kontakte und einen Artikel, der im Magazin MENSCHEN der Aktion Mensch erschienen war, als Mitstreiter versammelt. Und weitere Interessierte sind herzlich eingeladen: "Je mehr Menschen unsere Ziele mittragen, umso wirksamer wird unsere Interessengemeinschaft sein." In einem ersten Schritt will die Initiative auf Politik und Verwaltung in Unterfranken zugehen und um Unterstützung bei der Finanzierung von und Suche nach Wohnraum bitten. Dass sie einen langen Weg mit vielen bürokratischen Hürden vor sich haben, ist allen Beteiligten klar. Schließlich geht es um Geld. Aber eben auch um Menschen, die keine homogene Masse darstellen – sondern um Individuen, die mehr wollen als nur ordentlich versorgt sein.

Das Wichtigste in Kürze:
Was? Gründungstreffen Interessengemeinschaft Inklusives Wohnen; mit Claus Fussek (Vereinigung für Integrationsförderung (VIF) München) und Willi Michel (Café Winkelmann, Münnerstadt) als Referenten
Wann? Dienstag, 17. Juli, 10 Uhr
Wo? Großer Sitzungssaal des Rathauses Aschaffenburg
Wer? Initiatorin ist Inge Rosenberger, erreichbar über die Email-Adresse: WG_fuer_Alle(at)gmx.de


Mehr zum Thema:
Einladung zur Gründungsveranstaltung der Interessengemeinschaft Inklusives Wohnen
Barrierefreies Wohnen in Perfektion. Ein Blogbeitrag von Eva Keller
Blind wohnen: Über Füße im Futter und verschollene Korkenzieher. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert
Inklusionskampagne der Aktion Mensch: Handlungsfeld Wohnen
Familienratgeber: Wohnen

Eva Keller

Blogger: Eva Keller
Kategorie: Inklusion

Bisher 15 Kommentare

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Inge Rosenberger

24.07.12 um 15:06 Uhr

"Mit welchem Recht geschieht das ueberhaupt?"

Bei unserer Gründungsveranstaltung habe ich aus einem Brief vorgelesen, den Prof. Klaus Dörner mir im Juni geschickt hat: „Ich bin gerne bereit, Ihre Initiative zu unterstützen, zumal ich die Ergebnisse Ihres Treffens am 22.05.2012 nur zu vernünftig finde und daher gern unterschreibe; Sie haben eigentlich auch nur formuliert, worauf alle Fachleute und Kostenträger ohnehin verpflichtet sind, sogar auch schon vor der UN-Behindertenrechtskonvention“.

Professor Dörner weist hier zu Recht darauf hin, dass sowohl im Grundgesetz als auch in der Bayerischen Verfassung die rechtlichen Grundlagen für unsere Ziele enthalten sind.
"Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden" steht im Grundgesetz. In der Bayerischen Verfassung ist zusätzlich aufgeführt: "Der Staat setzt sich für gleichwertige Lebensbedingungen von Menschen mit und ohne Behinderung ein."
Auch in den Eckpunkten zur Umsetzung dezentraler Wohnstrukturen haben die Bayerischen Bezirke beschlossen, dass „Die Schwere der Behinderung ... kein Ausschlusskriterium beim Recht auf gemeindeintegriertes und dezentrales Wohnen sein [darf]“.

Jeder - wirklich jeder - soll also am ganz normalen Leben teilhaben können.
So weit die Theorie - die Praxis sieht in den meisten Fällen leider völlig anders aus. Und deshalb sind wir Eltern gezwungen, Lebensbedingungen einzufordern, die unseren erwachsenen Töchtern und Söhne zustehen.

Maria Nero

24.07.12 um 09:09 Uhr

Darf das wirklich sein, dass da so rigoros sortiert wird?
Mit welchen Hintergedanken wird das gemacht? Ein normales Denken kann hier nicht vorliegen! Mit welchem Recht geschieht das ueberhaupt? Da kann ich mich nur noch aufregen.

rosifi

19.07.12 um 18:13 Uhr

Ja, der Claus Fussek. der immer meint, was er sagt und sagt was er denkt.
Ich hoffe, er findet weiterhin genügend Zeit, ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.
Schade nur, dass solche Projekte in unseren Medien so wenig Beachtung finden.

Inge Rosenberger

18.07.12 um 14:28 Uhr

eine Rückmeldung von Claus Fussek (per Mail):

"... bin wieder in München angekommen. War sehr beeindruckt, dass doch soviele engagierte Eltern zum Treffen gekommen sind!
Wünsche Ihnen und "Ihren" Eltern viel Ausdauer, (nicht zuviel) Geduld und weiterhin viel Selbstbewußtsein (und Mut...). Mit Ihren berechtigten Anliegen und Forderungen müssen offensiv und selbstbewußt ALLE Verantwortlichen konfrontiert werden. Es sind Grund- und Menschenrechte und keine Almosen im "Rahmen der verfügbaren Haushaltmittel") !"

[...]
Claus Fussek

WER KÄMPFT KANN VERLIEREN - WER NICHT KÄMPFT DER HAT SCHON VERLOREN !!


rosifi

16.07.12 um 10:11 Uhr

"Jetzt muss ich doch nachfragen: in Unterfranken wohnen die Behinderten, die in der Werkstatt arbeiten, in einem anderen Haus wie die Behinderten, die nicht in der Wekstatt arbeiten? Wer kommt denn auf sowas?"

Hallo Frau Nero,

das ist nicht nur in Unterfranken, sondern im gesamten Bayern der Fall. Auch die Tagesförderstätten für Menschen, die so schwerbehindert sind, dass sie keiner "wirtschaftlich verwertbaren Arbeit" nachgehen können, sind oft nicht im Hause der Behindertenwerkstätten und so können schon hier keine Kontakte zwischen den Menschen mit leichter und denen mit schweren Behinderungen geknüpft werden. Die Tagesförderstätten und die Heime liegen oft sehr abgelegen und es entsteht schon der Eindruck, dass man glaubt, dass schwer- und mehrfachbehinderte Menschen keine Teilhabe in der Gesellschaft nötig haben. Viele Eltern befürchten, dass ihre erwachsenen Kinder bei der Umsetzung der UN-Konvention einfach "vergessen" werden.

Maria Nero

16.07.12 um 09:32 Uhr

Jetzt muss ich doch nachfragen: in Unterfranken wohnen die Behinderten, die in der Werkstatt arbeiten, in einem anderen Haus wie die Behinderten, die nicht in der Wekstatt arbeiten? Wer kommt denn auf sowas?

Wolfi

14.07.12 um 21:02 Uhr


Willi Michel statt Willy Michl

Das kommt davon, wenn man Namen einfach abschreibt, ohne genügend zu reflektieren.

Es ist allerdings schon erstaunlich, was so ein deplaziertes – e - und ein falscher Buchstabe im Vornamen bewirken können. Und sofort befindet man sich südlich des Weißwurstäquators in den Isarauen.

Jedenfalls habe ich mich über den Willi Michel aus Münnerstadt etwas informiert und bin angenehm überrascht über sein Integrations – Cafe in seinem Hotelbetrieb.
Frau Rosenberger Sie haben bestimmt den richtigen „Willi Michel“ gefunden, der Sie aufgrund seiner fundierten psychologischen und praktischen Fachkenntnisse sicher besser unterstützen kann.
Viel Erfolg bei ihrem Vorhaben.

Inge Rosenberger

14.07.12 um 14:27 Uhr

ein kleiner Unterschied ....

Willi Michel statt Willi Michl

Ein kleines 'e' als kleiner Unterschied und schon ist es ein anderer Mensch.

Der Musiker Willi Michl ist ein genialer Kopf, aber der Musiker kommt nicht zu der Veranstaltung, sondern Willi Michel, der ebenso geniale Kopf des Café Winkelmann.
Ein kleiner Unterschied - ein anderer Mensch - genau so einzigartig und interessant.

Wolfi

14.07.12 um 12:26 Uhr

„Gemeinsam….

Die Initiative von Frau Rosenberger ist sehr begrüßenswert und überfällig.

Es ist völlig normal, dass Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Defiziten zusammenleben. In Kindergärten und Schulen lernen Kinder genauso miteinander wie Erwachsene zusammen arbeiten oder ihre Freizeit miteinander verbringen. Verschiedenheit ist interessant und anregend zugleich.

Es gibt keinen Grund Menschen mit Behinderung bei dem Zusammenspiel des Miteinanders auszugrenzen. Die UN – Behindertenrechtkonvention beschreibt nochmals eindrucksvoll die völlige Gleichwertigkeit aller Menschen in ihrer individuellen Verschiedenheit.
Dass dies auch für den Wohn- und Lebensbereich außerhalb von Arbeit und Ausbildung gelten muss, sollte selbstverständlich sein.
Es sollte überflüssig werden, dass man Schüler/Innen in ein Compassionspraktikum schicken muss, damit sie sehen, dass das Leben/Menschsein nicht nur aus Jugendlichkeit, Schönheit, Reichtum und gesunden, vitalen Menschen besteht.

Der Initiative von Frau Rosenberger und ihren Mithelfern/Innen wünsche ich deshalb viel Erfolg und große Unterstützung aus allen Bereichen unserer gemeinsamen Gesellschaft.

Die Unterstützung durch den Fachmann Claus Fussek und den Musiker Willi Michel ist besonders lobenswert..

Motto: ….. statt Einsam!“

Fiwolf

12.07.12 um 21:40 Uhr

Respekt, Frau Rosenberger, vor der Herkulesaufgabe, die Sie sich aufgeladen hat. Ich wünsche Ihnen viel Kraft und Zuversicht.
Menschen mit Behinderungen gehören in die Mitte der Gesellschaft und nicht separiert in Heimen. Besonders auf ihre emotionalen Qualitäten sollte keine Gesellschaft verzichten müssen.
Es ist schön, dass Sie den Willi Michel gewinnen konnten. Er ist eine toller Musiker und eine sehr interessante Persönlichkeit, die es gewöhnt ist neue Pfade zu betreten.
Es braucht eben Visionen, um neue Ziele zu erreichen. Ich hoffe Sie finden viele Mitstreiter und Anschieber, damit das inklusive Werk gelingen kann.
Man kann es nicht hoch genug einschätzen und loben, dass sich die „Aktion Mensch“ an ihrem Vorhaben beteiligt. Der Name scheint hier Programm zu sein. Toll und weiter so.

Es wäre sicher auch wichtig, dass andere Eltern mit behinderten Kindern und weitere Personenkreise mit von Behinderung bedrohten Angehörigen, die in Zukunft von ihrem Projekt profitieren könnten, Sie kräftig bei ihrer Unternehmung finanziell und ideell unterstützen.

In diesem Sinne ein gutes Gelingen und eine erfolgreiche Veranstaltung am 17. Juli.

Falls es dennoch einmal schwierig werden sollte und die Kräfte nachlassen, so lassen Sie sich und ihre Mitengagierte von dem Philosophen Immanuel Kant trösten:
“Der Himmel hat den Menschen als Gegengewicht gegen die vielen Mühseligkeiten drei Dinge gegeben: Die Hoffnung, den Schlaf und das Lachen!“

Fiwo

 

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