Aktion Mensch-Blog

Behinderung und Sexualität: Noch immer ein Tabu

Blogger: Heiko Kunert, am 20.06.2012 um 08:17 Uhr

Behinderung und Sexualität – das ist noch immer ein Tabu. Die Leidtragenden sind Menschen mit Behinderung. Es gibt aber auch positive Signale.

Neonbeleuchtete Hausfassade eines Bordells. Bordell im Frankfurter Bahnhofsviertel. – Foto: Rupert Ganzer / Flickr.com

Vieles selbstverständlicher geworden

Häufig sind es die Betroffenen selbst, die ihr Recht auf Sexualität einfordern. So war es 1992 eine Bewohnerin, die mit ihrem Wunsch nach Sexualbegleitung eine Diskussion in der Spastikerhilfe Berlin anstieß. Das Ergebnis war die Arbeitsgruppe "Behinderung & Sexualität", die bis heute Gesprächskreise organisiert, Single-Partys veranstaltet, Fortbildungen durchführt und Fachartikel veröffentlicht.

Die Grundposition der AG ist, dass eine selbstbestimmte und aktive Sexualität auch für Menschen mit Behinderungen eine Selbstverständlichkeit sein müsse. Auf der Homepage der Gruppe heißt es: "Durch die Arbeit der AG ist in der Spastikerhilfe inzwischen vieles selbstverständlicher geworden, was noch vor wenigen Jahren undenkbar erschien. Das Thema Sexualität ist aus der Tabuzone ins Bewusstsein gerückt. Nach unserer Definition umfasst Sexualität das ganze Spektrum sinnlichen Erlebens: vom positiven Körpergefühl und Wohlfühlen, z. B. beim Baden oder einer Massage, über die Erkundung von Möglichkeiten zur Selbstbefriedigung bis hin zu einer externen Sexualbegleitung oder der Organisation eines Bordellbesuches."

Es half nur Reden

Häufig ist der Bordellbesuch die einzige Chance für ein aktives Sexualleben. So erging es auch Matthias Vernaldi. Der Theologe, linke Aktivist und Rollstuhlfahrer stieß aber auch hier auf Berührungsängste. "Scheußlich" sei es bei ihm gewesen, so Vernaldi gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Er nennt die Blicke, die Frauen, die sagten, sie gingen nicht mit einem Behinderten mit. Eine spulte mechanisch ihr Programm ab, das Vernaldi schließlich abbrach. Vernaldi ärgerte sich darüber, dass Prostituierte es sich doppelt bezahlen ließen, mit ihm als Körperbehinderten aufs Zimmer zu gehen und ihn dann mit Streicheln abspeisen wollten, obwohl er nach normalem Geschlechtsverkehr gefragt hatte.

Wie so häufig half auch hier nur Reden. Und so lud Vernaldi Menschen mit Behinderung, Prostituierte und Sozialarbeiter der Hurenorganisation Hydra zum Gedankenaustausch ein. Und er gründete das Projekt "Sexybilities", dessen Mitarbeiter Sexualberatung für Menschen mit Behinderung anbieten.

Für Menschen mit geistiger Behinderung ebenso bedeutungsvoll wie für jeden anderen Menschen

Und Beratungsbedarf besteht. Deutschland hinkt beim Thema seinen Nachbarn hinterher. Die Sexualbegleiterin Nina de Vries nennt insbesondere die Niederlande und Dänemark als Wegbereiter. Dort ist Sexualassistenz, die sich an den Wünschen und Bedürfnissen der Betroffenen orientiert, seit langem selbstverständlich – zumindest für körperbehinderte Menschen.

Noch mehr Unsicherheit besteht im Zusammenhang mit der Sexualität von Menschen mit einer geistigen Behinderung. "Die sexuelle Entwicklung ist für Menschen mit geistiger Behinderung ebenso bedeutungsvoll wie für jeden anderen Menschen", schreibt Pro familia. Und weiter heißt es auf der Homepage der Organisation: "Alle Menschen (auch die mit geistiger Behinderung) können ihre Persönlichkeit dann am besten ausbilden, wenn die sexuellen Fähigkeiten von Geburt an unterstützt und gefördert werden. Dazu ist eine besondere Begleitung erforderlich, denn die Sexualität ist nicht angeboren und entwickelt sich nicht von selbst."

Vielleicht größte Gruppe der sexuell Unterdrückten

Es gibt noch viel zu tun, bis alle Menschen mit einer Behinderung ihre Sexualität leben dürfen, denn auch das gehört zu einer inklusiven Gesellschaft. Doch das scheint noch ein weiter Weg: Im Februar veröffentlichte die Universität Bielefeld eine Studie, nach der sechs Prozent der Frauen mit einer geistigen Behinderung in Heimen und Werkstätten sexuell missbraucht wurden – die Dunkelziffer dürfte noch höher sein.

"Vielleicht sucht und findet manch einer die Liebe und darüber auch den Sex. Nirgendwo steht schließlich geschrieben, dass für behinderte Menschen nicht genauso klappen kann, was für andere klappt", schreibt Klaus Birnstiel im Digital/Pausen-Blog. Das ist aber immer noch die große Ausnahme. Und so kommt Birnstiel zu dem ernüchternden Fazit: "Und doch stellen behinderte Menschen die vielleicht größte Gruppe der sexuell Unterdrückten. Auswege also, individuelle Basteleien, Schuld, Scham, Verdrängen. Ausprobieren, Experimentieren, Austesten. Und eben doch auch: Sex gegen Geld, Momente von Präsenz für ein paar Banknoten."

Hinweis:
Der Film "Rachels Weg. Aus dem Leben einer Sexarbeiterin" wird ab September 2012 beim bundesweiten Filmfestival "überall dabei" der Aktion Mensch in 40 Städten gezeigt. Mehr zu diesem und weiteren Filmen des Festivals finden Sie hier.


Weiterführende Links:
Sex and the wheelchair: Ein Blogbeitrag von Petra Strack
Familienratgeber: Sexualität und Behinderung
Kurzdarstellung der Arbeitsgruppe "Behinderung & Sexualität" (Spastikerhilfe Berlin)
Arbeitsgemeinschaft für selbstbestimmtes Leben schwerstbehinderter Menschen e.V. mit dem Projekt "Sexybilities"
Interview mit der Sexualassistentin Nina de Vries (YouTube)

Heiko Kunert

Blogger: Heiko Kunert
Kategorie: Inklusion

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