Aktion Mensch-Blog

Manchmal bin ich genervt

Blogger: Raúl Krauthausen, am 10.06.2012 um 10:14 Uhr

Poetry-Slammerin Katja Hofmann Auch mal genervt: Poetry-Slammerin Katja Hofmann

Vor kurzem war ich bei meinem alten Arbeitgeber und seiner Nacht der Talente. Eine großartige Veranstaltung, bei der Musiker und Poetry-Slammer jeweils gegeneinander antreten und die Gunst des Publikums für sich gewinnen müssen. Die Poetry-Slammerin Katja Hofmann hat mir dabei besonders gut gefallen, weil sie mit ihrem kurzen, görenhaften Text "Ich hasse das ..." viele Beispiele nannte, die nerven. Mich nerven auch so manche Sachen, weshalb ich mir gedacht habe, dass ich diese hier mal zusammentrage:







  • Es nervt mich, wenn Behinderungen gegeneinander ausgespielt werden und damit die Diskussionen um Barrierefreiheit in den Hintergrund geraten. Das ist ein gefundenes Fressen für all jene, die die eigentlichen Behinderer sind. Die sagen dann: "Ihr (Betroffenen) wisst ja selber nicht, was ihr wollt, wie sollen wir dann richtig handeln?"
  • Es nervt mich, wenn sich prominente Behinderte in ihren Positionen nicht mehr für Menschen mit Behinderung einsetzen. (Hallo, Herr Schäuble!)
  • Es nervt mich auch, wenn man sich immer zu Behinderten-Themen äußern muss, nur weil man eine Behinderung hat.
  • Es nervt mich, wenn Menschen mit Behinderung die "Jeder-Kann-Es-Schaffen"-Show abziehen, und habe doch auch manchmal den Eindruck, dass ich selber als solcher gesehen werde und dieses Klischee scheinbar irgendwie bediene.
  • Es nervt mich, dass sich viele Menschen nicht trauen, mir ihre ehrliche, auch negative Meinung zu sagen. Denn wie schon Funny van Dannen singt: "Auch Lesbische, Schwarze, Behinderte können ätzend sein."
  • Es nervt mich, wenn andere Menschen mit mir verwechselt werden, nur weil sie die gleichen äußeren Eigenschaften (Behinderung, Rollstuhl, Mütze aufm Kopf) haben.
  • Es nervt mich, wenn der verantwortliche Architekt nicht nachgedacht hat, bevor er eine rollstuhlgerechte Toilette in den Keller eines Cafés gebaut hat. Ohne Aufzug.
  • Es nervt mich, wenn der Denkmal- oder der Brandschutz wichtiger sind als das Menschenrecht auf Teilhabe und Menschen mit Behinderung ausgeschlossen werden.
  • Es nervt mich, wenn Fitnessclubbesitzer uneinsichtig sind und einen Rollstuhlfahrer nicht mehr bei sich trainieren lassen.
  • Es nervt mich, wenn ich das Gefühl habe, dass Dankbarkeit von mir erwartet wird, obwohl ich Barrierefreiheit für selbstverständlich halte.
  • Es nervt mich, wenn mir ständig Leute erzählen, dass sie "auch jemanden kennen, der eine Behinderung hat", das aber nicht zwangsläufig heißt, dass das jetzt eine prima Gesprächsgrundlage ist.
  • Es nervt mich, wenn andere Leute denken, ich würde leiden und hätte es ja soooo schwer im Leben.
  • Es nervt mich, wenn ich als "der Starke" gesehen werde, der "trotz seiner Behinderung" das alles schafft, auch wenn ich manchmal heulen könnte.
  • Es nervt mich, dass ich als Krüppel aus dem "Beuteschema" falle und schnell als "der beste Freund", dem man alles erzählen kann, gelte. Selten jedoch als möglicher "Beziehungspartner" in Frage komme.
  • Ich nerve mich selbst, wenn ich andere Menschen zu sehr mit dem Thema Behinderung behellige und dabei selber oft den Wald vor lauter Bäumen nicht sehe und die Erfolge, die erreicht wurden, nicht mehr wahrnehme.
  • Es nervt mich, dass mich so viel nervt und dass dieser Beitrag nicht so gut klingt wie der von Katja Hofmann.
  • Es nervt mich, dass ich nach dem Schreiben dieses Artikels nicht mehr weiß, wie man sich richtig verhält. Aber wir Menschen sind einfach manchmal genervt.

Darum frage ich:

Was nervt dich? Lass es raus!

Raúl Krauthausen

Blogger: Raúl Krauthausen
Kategorie: Inklusion

Bisher 6 Kommentare

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Inge Rosenberger

12.06.12 um 19:29 Uhr


- es nervt mich, dass Angehörige von behinderten Menschen sich immer wieder der Unterstellung von Leistungserschleichung und Bereicherung ausgesetzt sehen

- es nervt mich, dass Menschen mit einem hohen Hilfe- und/oder Betreuungsbedarf viel zu oft als eine Art homogene Masse angesehen werden, die kaum oder keine eigenen Interessen und statt dessen einheitliche Bedürfnisse (satt, sauber, steril und still) haben.

- es nervt mich, dass Menschen ohne eine verständliche (Verbal-)Sprache sehr oft einfach fremdbestimmt werden, weil ihre - durch Mimik, Gesten oder Verhalten gezeigten - Bedürfnisse nicht wahrgenommen werden.

- es nervt mich, dass Menschen, die keine "restverwertbare Arbeitsleistung" erbringen können, sehr oft in separaten Einrichtungen untergebracht werden.

- es nervt mich, dass eine große und mächtige Gruppe unter den Entscheidungsträgern – still und heimlich – der Ansicht ist, dass Menschen mit Behinderung doch am besten „unter sich“ (und natürlich fein unterteilt nach Art und Schwere der Behinderung) aufgehoben sind.
.

Alita

10.06.12 um 17:06 Uhr

Es nervt mich, dass mein Beitrag - auf stärkste gekürzt - immernoch 2300 Zeichen lang ist, und dieses Textfeld maximal 2000 Zeichen enthalten darf.

paulinsche

10.06.12 um 16:41 Uhr

So,neuer Versuch,neues Glück-lieber Raul,du bringst es mal wieder auf den Punkt!!!

Madeleine Littwin

10.06.12 um 16:12 Uhr

Mich nervt ...

... dass manche Leute zu faul sind, ihr Gehirn an zu schalten und dann unsinnige Bemerkungen machen.

... mich nervt, dass sich die Leute, denen ich aus versehen in die Hacken gefahren bin (auf Festivals - viele Leute wenig Platz) bei mir entschuldigen, dass Sie im Weg standen und mir ins Wort fallen, wenn ich mich entschuldige.

... von Männern wie: " und wie geht das mit dem Sex bei euch? .... ähmm, wir vermehren und durch Zellteilung! " - was Anderes kann man nicht mehr darauf antworten.

... mitleidige Blicke von Menschen jeglicher Art

... dass mich Leute streicheln, einfach so und ohne Vorwarnung.

... dass mich Leute einfach so schieben und ich jedes Mal denke, ich werde ausgeraubt.

... Sätze wie: " ´Soetwas` muss doch heut zu Tage nicht mehr geboren werden"

... witzig gemeinter Hirndünnschiss á la " Vorsicht, dort von ist ne 30 er Zone"

... schade, Sie sind so hübsch, aber behindert!

DK_von_DH

10.06.12 um 16:04 Uhr

Ich mag Raúl! Um mich nervt das ich mich registrieren musste um das zu schreiben. Und mich nervt das ich Passwort mit sge und schreibe 12 Zeichen vergeben musste. Achso ich bin wieder spät dran das nervt natürlich auch. :)

Camilla

10.06.12 um 11:35 Uhr

Bei vielen der genannten Punkte habe ich geschmunzelt und zustimmend genickt - vieles kann ich unterschreiben. Hier meine Ergänzungen:

* Es nervt mich, wenn Leute mit meiner Begleitperson sprechen.

* Es nervt mich, wenn Senioren mich verständnisvoll anschauen und mit schräg gelegtem Kopf mitleidig lächeln.

* Es nervt mich, wenn ich Kindern immer wieder erklären muss, warum ich nicht laufen kann, wie der E-Rolli funktioniert usw. Natürlich nervt es mich aber auch, wenn das Kind seine Mutter fragt und nicht mich und diese dann antwortet. :-)

* Es nervt mich, wenn Menschen ohne Handicap alle Behinderten über einen Kamm scheren. ("... Behinderte sind oft anders erzogen / egozentrisch / verbittert / verzögert, was die Entwicklung angeht / besonders schlau, weil sie ja nichts Anderes haben als ihr Köpfchen, ...")

* Es nervt mich, wenn Menschen ohne Behinderung sagen, sie wissen, wie es sein muss, im Alltag eingeschränkt zu sein.

* Es nervt mich, dass ich jetzt so viel darüber nachgedacht habe und mir nun noch zig Dinge einfallen, die ich gar nicht erst aufschreiben mag. Vorher hatte ich bessere Laune. :-)


 

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