Aktion Mensch-Blog

Inklusion: Wer muss sich denn nun anpassen?

Blogger: Petra Strack, am 24.05.2012 um 09:54 Uhr

Der Inklusionsbegriff ist sperrig und weit davon entfernt, sich selbst zu erklären. Im ARD-Film "Inklusion - Gemeinsam anders" gibt der plötzlich an einer inklusiven Schule unterrichtende Lehrer folgende Definition: "Integration heißt Behinderte in die bestehende Gesellschaft einzugliedern. Inklusion will die Veränderung der Gesellschaft, und zwar so, dass man nicht mehr unterscheidet zwischen behindert sein und nicht behindert sein." Hmmmm. Bedeutet das, dass "nur" die Gesellschaft sich ändern muss? Wir Behinderten machen nix dabei? Lassen uns einfach inkludieren, mit den Händen im Schoß?

Das ist mir dann doch ein wenig zu einfach. Wenn ein Ausländer migriert, erwarten wir, dass er sich ein Stück weit an das neue Land anpasst: Die Sprache lernt, mit Menschen des jeweiligen Landes in Kontakt tritt, wenn er wirtschaftlich Fuß fassen will, sich an die Geschäftsgebaren anpasst, und so weiter.

Ist das, übertragen auf die Inklusion von Menschen mit Behinderung, nicht auch zu erwarten?

Bevor es sofort Kritik hagelt: Ganz klar, ein Stück weit muss sich die Gesellschaft ändern, sich öffnen, Barrieren beseitigen – in beiden Fällen! Aber was mir bei der ganzen Diskussion über Inklusion zu kurz kommt, ist der Beitrag der "anderen Seite": Wie können sich auch Menschen mit Behinderung ein Stück weit ändern, um die Inklusion zu erreichen?
Im Film zickt die behinderte Schülerin anfangs mal so richtig rum, fährt eine Mitschülerin mit dem Rollstuhl an oder lässt absichtlich Dinge fallen. In meinen Augen ein sehr überzeichneter Charakter mit einem in dieser Ausprägung eher unwahrscheinlichem Verhalten, das eindeutig kontraproduktiv für den Inklusionsprozess ist. Aber wo ist die Grenze zu einer passiven Inklusionsverweigerung?

Ein Beispiel

Ein simples Beispiel ist das im Berufsleben erwartete Auftreten, wozu auch die Kleidung gehört. Zu jedem Vorstellungsgespräch oder wichtigem Meeting bin ich in meinem Berufsleben selbstverständlich im Anzug oder Kostüm erschienen, wie alle meine Kollegen auch. Wäre eine spezielle Rollstuhlfahrerhose aus weichem Grobcord bequemer gewesen? Klar. Am besten mit wärmender Decke über den Knien. Und für meine Kollegen wäre die ausgebeulte Jogginghose bequemer gewesen. Keiner von uns ist diesem Bequemlichkeitsbedürfnis nachgegangen, stattdessen haben sich alle an den Business Dresscode gehalten.
Sie finden das oberflächlich? Vielleicht ist es das. Sie glauben, es macht keinen Unterschied, in welchem Outfit der Bewerber für die Marketingposition im Rollstuhl zum Vorstellungsgespräch kommt? Und ob! Wir alle senden Signale mit unserem Verhalten und unserem Äußeren. Ein Punk hat einen Irokesenschnitt und Piercings weil er ganz bewusst eine Botschaft senden will: "Ich bin anders und will das auch sein!" Sein gutes Recht. Ist es förderlich, um in einen bestimmten bürgerlichen Kreis aufgenommen zu werden? Eher nicht. Übrigens genauso wenig wie der Mann im Nadelstreifenanzug von den Rockern auf der Harley herzlich willkommen geheißen werden wird.

Wäre es schön, wenn alle Menschen in der Welt über diese Äußerlichkeiten hinwegsehen und den Mensch als Mensch wahrnehmen würden? Ja, sicher. Und für wie wahrscheinlich halten Sie das? Wann haben Sie selbst zuletzt völlig vorurteilsfrei das über und über tätowierte Mädchen, den Jungen mit den Springerstiefeln und der Glatze oder die aufgemotzte Blondine im Minirock betrachten können?

Inklusion bezieht alle ein!

Zurück zum Thema und um nicht missverstanden zu werden: Das Äußere macht nur einen kleinen Teil aus, es dient mir lediglich als plastisches Beispiel. Mein Grundanliegen bleibt aber bestehen: Inklusion bezieht per Definition eine Menge an Leuten ein, die sich aufeinander zu bewegen, miteinander kooperieren. Lassen Sie uns nicht den Fehler begehen, den Anteil, den Menschen mit Behinderung dabei leisten müssen, von vorneherein auszuschließen. Das wäre gelebte Exklusion ;-).

Links:
Der Film "Inklusion - Gemeinsam anders" in der ARD-Mediathek
Im Interview: Regisseur Marc-Andreas Bochert und Autor Christopher Kloeble über ihren Film "Inklusion - gemeinsam anders"

Petra Strack

Blogger: Petra Strack
Kategorie: Inklusion

Bisher 2 Kommentare

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miel

25.05.12 um 01:16 Uhr

Dieses Beispiel mit der Kleidung finde ich einen sehr schlechten Vergleich, zumal mir zu "Anzugmenschen" immer jene männliche Spezies einfallen, die Boni kassieren. Das Beispiel nähert sich eher dem Beispiel der Gleichmachung: alle sind gleich im Sinn von alle haben z.B. die gleiche Meinung. Ich sehe eher die Individualität - welche Besonderheiten können wir der Gesellschaft zur Verfügung stellen und uns dadurch besser in die Gesellschaft einbringen. In Anlehnung von JFK könnte man mit : "Ask what you can do for your society!"
Ein Beispiel: ich kenn einen Körperbehindertenverein, der sich von der Umwelt abgekapselt, immer in Hotels trifft und Probleme ihres Körperbehindertenseins bespricht: so wird das aber nix. Behinderter Mann oder Frau muss rausgehen und informieren - so wird Mann oder Frau akzeptiert. Ich mach das z.B. wenn ich fortgeh: ich sprech mit Menschen, die eine verquere Ansicht über meine Behinderung haben. Ich erklär es Ihnen dann. Es geht aber auch darum sich nicht alles gefallen zu lassen: als Behinderter wird man oft wie ein Kind behandelt, bevormundet. Da muss man schon etwas dagegen sagen oder manchmal gegen erwachsene Männer etwas körperlicher agieren (U-Bahn). Und trotz Überzeichnung der beschriebenen Figur im Film ist etwas Wahres dran: wer hat als behinderter Jugendlicher nicht versucht, seine Behinderung zum Vorteil auszunutzen ("ma is jo so arm") - z.B. Vergünstigungen mancher Art , die andere nicht erhalten.

Godan

24.05.12 um 21:42 Uhr

Von Anpassung will ich nichts mehr hören, durch die Anpassung mit Gewalt endet man, wie ich, im Asozialen Elend. Ich bin ein Querkopf, wenn ich das nicht wäre, wäre ich schon sehr lange tot. Dann wäre ich 1983 in der Klinik in Bad Driburg gestorben, wo mich die Ärzte fast umgebracht haben, mein Leben hing in Psychiatrie am seidenen Faden durch den Chefarzt. In der Psychiatrie wird man fast Tode gequält, wenn man nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht und nicht ein Mensch ohne Rückrad ist, also wenn man keine Null ist, die den Vorgesetzten immer nach dem Munde reden.


 

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