Aktion Mensch-Blog

Was bedeutet eigentlich Barrierefreiheit im Internet?

Blogger: Domingos de Oliveira, am 02.05.2012 um 08:48 Uhr

Vor zehn Jahren war es vorteilhaft, ins Internet zu kommen. Mittlerweile ist es ein echter Nachteil, nicht im Internet zu sein. Viele Produkte oder Dienstleistungen werden im Web kostenlos oder günstiger angeboten. Viele Informationen sind nur noch über das Netz verfügbar. Mit den sozialen Plattformen wird nicht nur der Austausch mit Freunden erleichtert, oft läuft die Suche nach Jobs komplett über Social Media

Nicht zuletzt ist das Internet für viele Arbeitsplätze unverzichtbares Hilfsmittel. Wer also nicht ins Internet kommt, muss oft mit echten Nachteilen kämpfen. Gleichzeitig ist das Internet für viele Menschen mit Behinderung nur schlecht oder kaum zugänglich, weil Webseiten und Inhalte nicht barrierefrei sind. Aber was heißt Barrierefreiheit in diesem Zusammenhang eigentlich?

Barrierefreiheit - die Definition

Das Behindertengleichstellungsgesetz definiert in Paragraf 4 Barrierefreiheit folgendermaßen:
"Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind."

Die Definition klingt etwas sperrig, nennt aber die wesentlichen Punkte. Doch was bedeutet das im Bezug auf das Internet?

Die Formulierung "In der allgemein üblichen Weise" bedeutet, dass zum Beispiel keine spezielle Version der Webseite für Menschen mit Behinderung angeboten wird, etwa eine Textversion einer Webseite für Blinde. "Ohne besondere Erschwernis" heißt: Es dürfen keine zusätzlichen Anforderungen für Menschen mit Behinderung gestellt werden, damit die Webseite benutzbar ist. Das könnte zum Beispiel die Installation einer zusätzlichen Software sein. Eine Webseite muss darüber hinaus so gestaltet sein, dass sie "grundsätzlich ohne fremde Hilfe bedienbar" ist. Dass in Einzelfällen Hilfe benötigt wird, ist in der Praxis unvermeidlich, aber die Programmierer dürfen diese fremde Hilfe nicht einkalkulieren. Ein gutes Beispiel dafür sind die grafischen Codes (CAPTCHAs), die oft gelöst werden müssen, wenn man sich für einen Dienst registrieren möchte. Sie sind für Blinde und Sehbehinderte oft ohne Fremde Hilfe nicht lösbar, deswegen sollen alternative Lösungswege angeboten werden.

Die wesentlichen Regeln zur Barrierefreiheit im Internet stehen in den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) des World Wide Web Consortium (W3C). Das W3C entwickelt Richtlinien und Empfehlungen für das Internet und beschäftigt eine spezielle Arbeitsgruppe, die sich mit der Barrierefreiheit von Webinhalten befasst.
Die letzte Version - die WCAG 2.0 - wurde 2008 veröffentlicht und im Auftrag der Aktion Mensch ins Deutsche übersetzt.

Prinzipien der Barrierefreiheit

Obwohl für Barrierefreiheit in verschiedenen Bereichen wie Bauen, Mobilität oder Informationstechnik jeweils eigene Anforderungen formuliert sind, lassen sich alle Anforderungen auf drei Grundsätze zurückführen:

  1. Das Mehrkanal-Prinzip

Die wichtigste Grundlage der Barrierefreiheit ist das Mehrkanalprinzip oder 2-Sinne-Prinzip. Damit ist gemeint, dass eine Aktion auf mindestens zwei Weisen erledigt werden kann oder eine Information über mindestens zwei Wege zugänglich ist. Das heißt zum Beispiel, dass eine Webseite sowohl per Maus als auch per Tastatur bedienbar sein muss oder dass ein Bild einen alternativen Text für Blinde hat und ein Video mit Untertitel für Gehörlose ausgestattet ist.

  1. Selbständigkeit

Menschen mit Behinderung müssen grundsätzlich in der Lage sein, eine Aufgabe selbständig ohne fremde Hilfe erledigen zu können, damit man von Barrierefreiheit sprechen kann. Wie oben erwähnt ist das in der Praxis nicht immer möglich. Der Webseitenbetreiber kann sich aber nicht darauf zurückziehen, dass der Betroffene sich Hilfe organisieren kann, wenn er nicht zurechtkommt.

  1. Universelles Design

Optimal ist es, wenn eine Lösung für alle Menschen entwickelt wird. Vor einigen Jahren gab es noch spezielle Textversionen von Webseiten für Blinde. Eine Bank nannte ihre Webseite zum Online-Banking für Blinde barrierefrei. Das Problem war, dass diese Webseite im Gegensatz zur regulären Banking-Seite oft nicht funktionierte und einen Bruchteil der Funktionen der regulären Banking-Seite enthielt.

Die Anforderungen von Menschen mit Behinderung

Grundsätzlich lassen sich vier Formen von Behinderung unterscheiden:

  • Gehörlosigkeit und Schwerhörigkeit
  • Blindheit und Sehbehinderung
  • motorische Behinderung
  • Lernbehinderung

Einzelne Behinderungsformen stellen teilweise unterschiedliche Anforderungen an die Barrierefreiheit. Sogar innerhalb der einzelnen Gruppen können die Anforderungen sehr unterschiedlich sein.
Sehbehinderte sind vor allem auf starke Kontraste und Textvergrößerung angewiesen. Blinden hingegen sind die Kontraste relativ egal, sie benötigen hauptsächlich Textalternativen und Strukturelemente für Überschriften oder Listen. Schwerhörige Menschen haben vor allem Probleme, wenn es um Audio- oder Videoinhalte geht. Gehörlose sind auf Untertitel oder Inhalte in Gebärdensprache angewiesen. Menschen mit motorischer Behinderung arbeiten je nachdem, wie stark ihre Bewegungsfähigkeit eingeschränkt ist, mit der Tastatur oder mit speziellen Eingabesystemen wie der Augensteuerung. Für sie ist also vor allem die Tastaturbedienbarkeit wichtig und sie brauchen große Klickflächen, da sie Schwierigkeiten haben, den Cursor exakt zu steuern. Menschen mit Lernbehinderung benötigen Inhalte in Leichter Sprache und eine relativ einfache Seitenstruktur.

Wie sieht die Zukunft aus?

In den letzten Jahren hat sich das Web sehr schnell weiter entwickelt. Web 2.0-Anwendungen wie Facebook, Twitter oder Google+ stellen neue Herausforderungen an die Entwickler barrierefreier Webseiten und Hilfstechnik. Gleichzeitig hat sich durch Smartphones und Tablet-PCs auch für Menschen mit Behinderung der Zugang zum Internet verändert. Kleine Anwendungen - sogenannte Apps - , erleichtern den Zugang und die Nutzung des Internets. Tablets und Smartphones haben oft Hilfstechnik eingebaut, so dass sie für Menschen mit Behinderung den Zugang zum Internet erleichtern.

Gerade weil sich vieles verbessert hat und die Menschen immer stärker im Internet unterwegs sind, werden Menschen mit Behinderung auch aktiver ein barrierefreies Internet einfordern.

Info: Aktion Mensch auf der Republica 2012
Die Aktion Mensch veranstaltet heute auf der Republica ein Panel zur Barrierefreiheit im Internet. Weitere Informationen finden Sie auf den Webseiten der Republica.

Weiterführende Links:
Einfach für Alle - das Portal der Aktion Mensch für barrierefreies Webdesign
Webseite der Web Accessibility Initiative – der Arbeitsgruppe für ein barrierefreies Web des W3C
Wie gut kennen Sie sich aus? Testen Sie Ihr Wissen in unserem Barrieren-Quiz!


Bisher 2 Kommentare

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JensGB

26.07.13 um 05:31 Uhr

Barrierefreiheit bedeutet, das alles was Behinderte im Internet schreiben sofort gelöscht wird, weil das ja angeblich sowieso alles Schwachsinn ist. Bei Behinderten ist ihr Internetanschluss bekannt, die werden voll überwacht. Behinderte dürfen nur Spiele im Internet machen, aber schreiben ist ihnen praktisch verboten, die könnten ja alles durcheinander bringen.

marlem

24.07.13 um 23:45 Uhr

Guter Artikel. Ich würde mir wünschen dass die mehr Kontrolliert ob staatliche Einrichtungen das barrierefreie Webdesign umsetzen. Hier im Schwabenland ist da noch großer Nachholbedarf!

Herzliche Grüße

Markus Lemcke
http://www.marlem-software.de/marlemblog/


 

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